Franzobel: Die Eroberung Amerikas

März 19, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine gewitzte Groteske auf Goldgier und Kolonialismus

Dass das Buchcover Frederic Remingtons Historiengemälde „Coronados Weg nach Norden“ zeigt, ist die letzte Treppe zum Aberwitz der Geschichte, war dieser doch im Wettrennen der Konquistadoren Hernando de Sotos schärfster Konkurrent. Dem erfolglosesten aller spanischen Eroberer der Neuen Welt widmet Franzobel sein jüngst bei Zsolnay erschienenes Buch „Die Eroberung Amerikas“, vom Autor Ferdinand Desoto genannt, der 1538 von Kuba aus mit 800 Mann, darunter 24 Priester, neun Schiffen, 220 Pferden, einer Meute Kanarischer, auf Menschen scharf gemachter Doggen, einer Schweineherde und – für die Errichtung der ersten Kirche ebendort – der riesigen Glocke Griselda aufbrach, um zum Adelantado Floridas zu werden.

Eine Expedition, von der 1542 noch genau 211 Teilnehmer, kein Pferd, kein Hund, kein Schwein, kein Desoto, der im Mai des Jahres an der Fieberkrankheit verstorben war, mit Müh‘ und Not Mexiko erreichten. Desoto, der mit Dávila nach Panama ging, mit De Córdoba Honduras und Nicaragua kolonialisierte, Pizarro nach Peru begleitete, ein Freund Atahualpas wurde. Dessen Schwesterfrau Tocto Chimpu, Prinzessin von Curicuillor,

schwängerte, sich mit Pizarro wegen Atahualpas Hinrichtung überwarf, zurück in Sevilla Dávilas Tochter Isabella heiratete, und nun – kein El Dorado, kein Gold, ein Fiasko, ein Desaster, Gemetzel entmenschter Glücksritter, Massenmörder, die mit Heerpauke, Schlaginstrument wie Hose, und federgeschmücktem Morion ganze Völker ausrotten. Welch ein Weltbild, das Franzobel da bloßlegt, in seinem Schlachtengemälde, von dem er frech den Firnis des Renacimiento kratzt: Karl der Fünfte ein gichtkranker, spaßbefreiter Fanatiker mit einem so veritablen Unterkieferproblem, dass nicht einmal Tizian ihn schönen konnte, und verglichen mit dessen Willkür die Inquisition wie „ein altruistischer Anglerverein”.

Fabulierkünstler Franzobel lädt ein zu einer Tour de Farce, für die man einen guten Magen braucht. „Die Eroberung Amerikas” ist ein saftiges Stück Literatur, ein Roman, in dem Gewalt und Groteske Ringelreihen tanzen, ein politisches Buch voller Popkultur-Bezüge, wie es in die Gegenwart nicht besser passen könnte. Mit Verve und dem Prädikat Volksmärchendichter verknüpft Franzobel das Faktische mit einem Surrealismus, der seinesgleichen sucht, je weiter fortgeschritten, je skuriller, je irrer wird diese Gesellschaftssatire. Franzobel – immer ein Eulenspiegel, und man möchte sagen: Er hat den „Baudolino” studiert.

Sein herrenrassiges, reinweißes Pandämonium umkesselt Franzobel mit einer Rahmenhandlung. Der Manhattaner Anwalt Trutz Finkelstein verklagt als Rechtsvertreter von mehr als 60 Stämmen die USA auf Rückgabe der Vereinigten Staaten an deren indigene Völker. In ihrem Namen verlangt er radikale Wiedergutmachung für historische Verbrechen: „Sie bezichtigten die USA der illegitimen Landnahmen, wollten eine Rückgabe des gesamten Bundesgebietes – und zwar einschließlich Alaska und Hawaii sowie aller beweglichen und unbeweglichen Güter“, wie ein verblüffter Richter aus „dieser Idiotie“ vorliest. Für den beruflichen wie privaten Blindgänger Finkelstein wird’s einen „Happylog” geben, eine Utopie am Ende, die die Native Americans mit einem „Hugh” bedanken.

Franzobels 544-Seiten-Text erstürmt derweil „eine Ansammlung Mensch gewordener Todsünden”, die Recken des disziplinierten, durchaus eitlen Karrieristen Desoto: der wollüstige Verseschmied Nero mit seinem Rauhaardackel „Ägypterkönig Ramses”, Trunkenbold Moskito, der so kaltherzige wie kaltschnäuzige Añasco, der bildschöne Frauenfeind Nuño, der kleinwüchsige, maliziöse Rodrigo. Rundum gruppieren sich Desotos Ehefrau Isabella, eine frigide, durchgestylte Blondine, die Augenweide im Bett trocken wie ein entrindeter Baumstamm; ihr stolzer, von seiner Überlegenheit überzeugter Indianer-Sklave Julius Cäsar; Freibeuter, deren Dauerversagen den Asterix-Piraten Reverenz erweist. Unter ihnen die gerade noch vom Galgen gehechteten Ganoven Bastardo und Cinquecento, die beiden bald der Clou der Desoto-Expedition, also quasi Robert Redford und Paul Newman, die in Griselda ihr gestohlenes Gut gebunkert haben.

Der schiffbrüchige Elias Plim, der als Liebesdiener in Algier einer Hexe den Esel machen musste; Notar Turtle Julius, der auf den Spuren des Universalerben, des gräflichen Bastards Bastardo im Wortsinn in seine Einzelteile zerfällt. Der real existiert habende Juan Ortiz, der mit der Narváez-Expedition nach Florida gekommen, von den Uzica gefangengenommen worden und alsbald Vater vieler Kinder war; die ebenfalls historisch belegte Prinzessin von Curicuillor samt Desoto-Tochter Leonor, die auf Kuba Isabella das Leben schwer macht; Desotos brachialgläubiger Priester-Cousin Juan, „ihre Invasion war mit Gier nach Edelmetallen und der Errettung von Seelen begründet“, schreibt Franzobel; der einbeinige Schiffsjunge Jonas; der schwäbische Kaufmann Gunkel; Flintenweib Francesca, die ihren mickrigen Ehegatten nicht allein in die Fremde ziehen lässt, und bald zu Leib und Seele des Desoto-Trupps wird …

Bild: pixabay.com

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Ohne Angst vor Anachronismen, mit viel Hintersinn für Komödiantik und frei nach dem Motto „Noch so ein Satz, und du zahlst fünf Pesos in das Phrasenschwein!“ switcht Franzobel zwischen Jahrhunderten, Kontinenten, Protagonisten, sein Roman übervoll von, überfüllt mit Figuren und Schauplätzen und Situationen. Nein, schreibt Franzobel, bei Plim ist, weil bewusstlos, noch nichts los, also springen wir nach Valladolid und gehen mit Desoto zur kaiserlichen Audienz – oder vom Kreiß- in den Gerichtssaal: „Es war ein Junge, der zu Ehren Desotos den Namen Ferdinand erhielt. Lassen wir den Leuten Zeit, sich an diesem Säugling zu erfreuen, und schauen wir, wie es um die Restitution der USA an die Indianer steht.“ 

„Die Eroberung Amerikas“ ist Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen zugleich, preisverdächtig großes Kino – nur von den Emsländer „Moorsoldaten“ hätte er die Finger lassen sollen. Was Franzobel darlegt und die Machtstrukturen, an denen er rüttelt, sind die Geburtsstunden des Kolonialismus, die Herrschaft des weißen Mannes und ihre bis ins Heute reichenden Folgen, selbsternannte Übermenschen, die für Profit und Gewinn- maximierung, die seelenlosen, tiergleichen Wilden unterjochen, Götter, die ein Theater der Grausamkeit aufführen. Des großen Schlächters Cortés Feldzüge ins Niemandsland sollen dort 20 Millionen Opfer gefordert haben.

Nach Präludien in den spanischen, maltesischen und kubanischen Teilen jenes Reichs, in dem die Sonne nie untergeht – auf Kuba wird Isabella zur Gouverneurin ernannt -, erreicht man zur Hälfte des Buches endlich Florida, gut Expedition will Weile haben, und plötzlich erscheinen wie aus dem Nichts: „Indianer! Sie waren von Kopf bis Fuß mit roter Farbe beschmiert, außerdem trugen sie Federschmuck am kahlrasierten Kopf, den nur ein einziges Haarbüschel zierte. Barbaren! Lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet, Speere und bedrohlich gespannte Bögen.“ Diese erste Begegnung mit den Uzica ist um nichts weniger ein Kabinettstück, als Juans Versuch, die Alligatoren mit einem Kirchenbann zu belegen und einen Heiligen Krieg gegen die Viecher auszurufen, die die Entdecker „mit einem All-you-can-eat-Buffet verwechselten“ und am anderen Ufer gleich Gästen in einem Luxus-Spa auf den Dinner-Gong warten.

Bald steht’s Christen gegen Schamanen, Missionare vs. Medizinmänner, alldieweil Mädchen ob der virilen Übermacht schon einmal die Missionarsstellung proben. Wie Häuptling Mokosso „so muss sich der Betreiber einer kleinen Kneipe fühlen, wenn plötzlich fünfzig Reisebusse mit Touristen einfallen“, doch bald fasst sich der Kazike „wie ein Hotelier, der das Geschäft seines Lebens wittert“, was in seinem Fall die Unterwerfung aller Nachbarstämme mit spanischer Hilfe sowie den Bau einer Mauer (!) um sein Dorf bedeutet. Und schon ist Desoto mitten drin in den indianischen Intrigen, die ihn bis zum Untergang nicht mehr freigeben werden.

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Ach ja, und nebenbei und rein zufällig erfindet Koch Castro das Popcorn, später Burger und Pommes. In Ruhepausen spielt das Team American Football mit lebendem Huhn, beim Marschieren „Ich packe meinen Koffer“. So geht’s von Stamm zu Stamm, von kriegerisch bis bekifft, bis hinauf zum Mississippi, bis zur Grenze des heutigen South Carolina – die Casqui, die sich selber als Herrenrasse sehen, überzeugte Patrioten mit einem Herzen voller Heimatliebe; die Apalachee, Meister im Bogenschießen, die die Schwachstelle der Arkebusiers bald erkannt haben, „was für ein xenophober Kerl“, entsetzt sich Desoto über den großen Führer Kaspasi.

Die freundlichen, von einer Königin regierten Cofitachequi, ein Reich, in dem „die Frauen an der Macht waren und in einer Sprache redeten, in der alles weiblich war“; die Creek, die auf den Angriff vergessen, so fasziniert sind sie vom absonderlichen Treiben der Spanier; mitten im „Herz der Finsternis“ die Choctaw unter ihrem Kaziken Tuscaloosa, angetan nur mit Schambinde, Lagerfeld-Lookalike und Schneider „John Schnur sagte, sie haben die Kontrolle über ihr Leben verloren“, doch wird das rasch auf Desotos Leute zutreffen.

Das Feindesland ist auch feindliches Land, wen nicht die Indianer töten, den rafft diverses Getier dahin, das Wetter, die Sümpfe, der Wendigo, der Wundenmann, der Dämon ohne Gesicht, der die Spanier verfolgt. Es ist Advokat Turtle Julius, der mittlerweile „wie ein Bild aus einem Anatomielehrbuch“ aussieht. Auf Fressen und Gefressen-Werden folgen Folter, Kreuzigung und Scheiterhaufen folgen Pfeilhagel, Skalpieren und Vierteilen, drastisch dargestellte Szenen im thrilling sound, die Franzobel mit dem ihm eigenen Humor und flapsigen Sprüchen ausstattet. „Wir siegen uns zu Tode“, diagnostiziert der niederländische Arzt Cord Fenk, der mit einer seltsamen Krankheit kämpft, die „nur eine Grippe“ ist.

„Der Kaiser schenkt mir Florida“, das ist nicht nur der Titel von Hans-Otto Meissners 1969-Buch aus seiner Reihe „Die Abenteuer der Weltentdeckung“, das schreibt auch Franzobels Desoto seiner Isabella vom spanischen Hof – Florida, ein Danaergeschenk. Und „Cord dachte, dass nicht diese wütenden Indianer die Bösen waren, sondern sie, die Eroberer, und dass Menschen, die an eine beseelte Welt glaubten, ihr Weltbild verteidigten, eine Wirklichkeit, in der alles ein Wesen hatte, und nicht wie in Europa eine Funktion.“

Über den Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis 1995, den Arthur-Schnitzler-Preis 2002 und den Nicolas-Born-Preis 2017. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“, „Groschens Grab“ und „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. 2020 dramatisierte Franzobel für das Burgtheater den Roman „Der Leichenverbrenner“ von Ladislav Fuks, eine Bühnenfassung, die Regisseur Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen und großem Erfolg inszenierte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41903).

Zsolnay Verlag, Franzobel: „Die Eroberung Amerikas“, Roman, 544 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay

19. 3. 2021

Akademietheater: Der Leichenverbrenner

Oktober 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die rassische Überlegenheit des germanischen Knödels

Der Tod kommt zwei Mal: Die beiden Hauptdarsteller „Willi Reinke“, Nikolaus Habjan mit der Puppe, und Michael Maertens als „Karel Kopfrkingl“. Bild: Matthias Horn

Der Kloß möcht‘ einem im Hals steckenbleiben, wenn Willi Reinke seine Rassenkunde aufs Kulinarische ausweitet. Der deutsche Knödel, gellt er mit sich überschlagender Stimme, der germanische Knödel sei ja waffenscheinpflichtig, der tschechische knedlíky hingegen weich und labberig: „Ein Herrenmenschenknödel hat nicht flauschig zu sein, damit gewinnt man Kriege“, schreit er. – „Dafür liegt er einem aber schwer im Magen“, wagt Karel Kopfrkingl da noch ein Widerwort.

Später wird er um diese verlegen sein, „Der Leichenverbrenner“, der von der nationalsozialistischen Propaganda zerpflückt wird, bis sich der Kleinbürger zum Blutrichter verwahnsinnt. Nikolaus Habjan und sein Puppen-SchauspielerInnen-Ensemble haben den Roman von Ladislav Fuks gestern am Akademietheater zur Uraufführung gebracht. Franzobel hat die Prosa dramatisiert, und sich als perfekte Wahl für dieses Werk erwiesen, mit seinem Sinn fürs Skurrile, seinem Händchen fürs Deftige, und punkto Sprachwitz mit Franzobels speziellem, gefeanzten Humor. Die Kombination all dessen macht die Aufführung zum Abend des Michael Maertens.

Maertens gibt den Karel Kopfrkingl, den Leichenverbrenner, der im Prager Krematorium mit dem Einäschern toter Körper beschäftigt ist. Welch ein Bild. Fuks schrieb „Spalovač mrtvol“ 1967 im Zwiespalt, einerseits die „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ mit dem jüdischen Schicksal zu verbinden, das Ausgeliefertsein des Opfers ans menschenvernichtende Regime, andererseits eine Anklageschrift zur tschechischen Kollaboration mit den Nazis zu verfassen.

Er ist nicht der einzige Autor seiner Generation, den diese Amphibolie beschäftigt, und als Künstler fraglos Existenzialist und ein Meister des psychologischen Horrors. Weshalb das Buch Jung-Habjan mit seinem Faible für Gruselgrotesken in die Hände fiel und ihn bis heute nicht mehr losließ. Mit süßlicher Falschheit tropfen die Worte von Maertens Lippen, und gewollt oder ungewollt komisch, sind des Hamburgers Verhaker in der böhmischen Mehlspeiskunst. Powdiltatschkerln sind halt etwas Pyramidonales, da sitzt er mit dem Strauss in der Konditorei, ist der Jude?, Kopfrkingl weiß das gar nicht, und bietet dem armen, arbeitslosen Witwer einen Job als Kremier-Propagandist an.

Strauss ist eine der von Habjan und Marianne Meinl gebauten „Monsterpuppen“ (© Franzobel) und diesmal, dies als Kompliment gemeint, sind sie ihm besonders scheußlich geraten. Als hätte sie das Räderwerk des Todes bereits überrollt, Kopfrkingls Assistent und Kettenraucher Dvorák eine wandelnde Leiche, die spooky Putzfrau mit dem Kopf nach hinten, es gibt Gliedmaßen ausrenkenden Sex mit Puppen-Prostituierten, Klappmaul-Saufgelage – und die großartigen Dorothee Hartinger, Sabine Haupt und Alexandra Henkel begleiten sie nebst dem totenköpfigen Habjan von Szene zu Szene.

Die Kunst des Kremierens: Michael Maertens und Sabine Haupt mit der Puppe „Dvorák“. Bild: Matthias Horn

Die gar nicht „dumme Frau“ und ihr Ehemann aka Alexandra Henkel und Sabine Haupt. Foto: Matthias Horn

Michael Maertens, „Willi Reinke“/Nikolaus Habjan und Sabine Haupt als Kopfrkingl-Sohn „Mili“. Bild: Matthias Horn

Zugleich sind die Darstellerinnen die Kopfrkingl’sche Familie, Sabine Haupt der „weibische, verweichlichte“ Sohn Mili, Alexandra Henkel die trotzig-aufmüpfige Tochter Zina, Dorothee Hartinger Ehefrau Marie, die er nach der Brahmanentochter aus der Delibes-Oper „Lakmé“ nennt. Sein „sehr schönes Buch über Tibet“ und der dortige Buddhismus samt Wiedergeburtsgedanke sind nämlich Herrn Kopfrkingls einzige Interessen außer den Feuerbestattungen und der Familie. „Die Liebe hat sich über uns gestülpt wie ein Kartoffelsack“, säuselt Maertens, und dass er „Familist“ sei. Dies befragt nach seinem Denken über Politik und Patriotismus.

„Roman“ will er genannt werden, für „Romantiker“, ach dieser Schöngeist, dieser Gemütsmensch, tüchtig, treu und treusorgend, Maertens singsangt sich durch die Kopfrkingl-Suada. Wie er mit den Ofen-Metaphern jongliert, über die rechte Temperatur für sein Tun philosophiert, Kopfrkingl, der bei schönen Damenleichen zur Nekrophilie neigt, und zum Ende die Gattin im Takt der „Glöckchenarie“-Koloraturen mit der Krawatte erdrosseln wird. Maertens entwickelt das mit der langsamen Gefährlichkeit eines Komodowarans.

Längst ist nicht mehr klar, was vom Geschehen sind in Kopfrkingls Kopf abspielt, ob die expressiv hässlichen Puppenmenschen tatsächlich sein Zerrbild der Wirklichkeit oder ein zur Kenntlichkeit entstelltes „Wir“ sind. Im sentimentalen Pathos des Leichenverbrenners mehren sich Signale einer latenten Krankhaftigkeit, unters monotone Raisonnement mischen sich irritierende Verhaltensweisen. Maertens balanciert sichtlich genüsslich auf dem schmalen Grat zwischen höflich-sanft Gesagtem und morbid Gedachtem, und das löst beim Publikum – siehe Kloß im Hals – unwillkürlich Gelächter und wohliges Unbehagen aus. Es ist stimmig, dass heute George Taboris „Mein Kampf“ als Burgtheater-Premiere ansteht. Fuks und Tabori sind Brüder im Geiste.

Nicht nur Kopfrkingl scheint Visionen zu haben. Auftreten, nein, hereingeführt werden, und zwar immer an den Wendepunkten der Handlung, wen Fuks „Hloupá zena/die dumme Frau“ und „Manzel hloupé zeny/den Ehemann der dummen Frau“ nannte, doch die Seherin mit der klassisch-jelinek’schen Haartolle hat Visionen, die weit ins Heute führen. Bomben und zerstörte Städte, Deportation in den Tod und hungernde Flüchtlinge, die sich um einen Teller dünne Suppe anstellen, ein Boxring wird ihr zum Folterkeller – „hier wird aus Leuten etwas rausgeprügelt“, sagt sie, und als sie das Novemberpogrom erblickt, meint Kopfrkingl am tschechischen Mittagstisch: Das geht uns nichts an, das ist weit weg, davon lassen wir uns den Appetit nicht verderben.

Der Kriegskamerad beeinflusst Kopfrkingl: Michael Maertens und „Willi Reinke“/Nikolaus Habjan. Bild: Matthias Horn

Dorothee Hartinger als „Lakmé Kopfrkingl“, Michael Maertens und „Willi Reinke“/Nikolaus Habjan. Bild: Matthias Horn

Der weibische, verweichlichte Sohn muss weg: Sabine Haupt und Michael Maertens. Bild: Matthias Horn

Wer andere in den Tod befördert wird schließlich selbst befördert: „Kopfrkingl“ Michael Maertens. Bild: Matthias Horn

Ein besorgniserregender Zustand der Realitätsverweigerung, der manche auch dieser Tage befällt. Ins surreale Szenario schleicht sich ein Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg, der von Nikolaus Habjan bewegte Willi Reinke, ein strammer NS-Recke mit offenbar lahmem rechten (!) Arm, der die fragil-versponnene Ideenwelt des Leichenverbrenners annektiert und ihn zum Faschismus verführt. Und was er so von sich gibt – Habjan mit fitzelhoher Stimme – über die gerechte Neuordnung Europas und dessen „Reinhaltung“, „Parasiten“ und das Recht, „das auf unserer Seite ist, das Recht, das wir uns nehmen“, da kommt man vor Grauen ins Grübeln.

Steter Propaganda-Tropfen höhlt den Kopfrkingl. Nicht lange braucht’s, und er wird Mitläufer, Mittäter, Mörder. Die Juden, die er kennt, der Strauss ist ja doch einer!, sind schnell denunziert, die Sargträger in seinem „Todestempel“ als Widerstandskämpfer enttarnt, der Direktor des Krematoriums wegen Hitler-feindlicher Rede entfernt, die plötzlich halbjüdische Lakmé entsorgt, die missratene, weil nicht durch und durch arische Brut desgleichen. Der satt-zufriedene, selbstbewusste Kopfrkingl manövriert sich ins Monströse, Maertens vollzieht diesen Wandel fulminant, der Mann, der eben noch den Karpfen für den Weihnachtsschmaus nicht erschlagen wollte und nun bei seinen Kindern zur Brechstange greift.

Habjan beleuchtet den Horror in Schwefelgelb, seine Arbeit mit der von Franzobel ex aequo plakativ, die Figuren neben den beiden Hauptdarstellern Kopfrkingl und Reinke holzschnittartig. Doch das Trio Hartinger, Haupt und Henkel hat mit dem Puppen-Panoptikum genug zu spielen – und auch in Maske, etwa als Sargträger. Ein beredter Moment auf der Bühne, als Habjan diese mit einer raschen Gesten von den Köpfen reißt, zu Boden wirft – und aus, zwei Leben vorbei. Im Bühnenbild von Jakob Brossmann liegt das Wohnzimmer wie ein kleiner Guckkasten gleich hinterm Krematorium, und was ein schrecklicher Satz, wenn Kopfrkingel zu Dvorák sagt, manche Menschen stoßen sich am süßlichen – siehe oben: seine Falschheit – Geruch verbrannten Fleisches. Welch eine Preziose, dieser Schreckenstext, dazu die hypnotisch-roten Glitzeraugen der Puppen – und wie die Schauspieler mit diesen Geschöpfen interagieren …

Wer in den Tod befördert, wird befördert. Bald ist Karel Kopfrkingl der neue Krematoriumsboss und oberster Chef des Sicherheitsdienstes der neuen Machthaber. „Ich soll Gasverbrennungsöfen testen“, sagt er stolz. Und apropos, annektieren: Als die Nationalsozialisten die Tschechoslowakei als „Protektorat Böhmen und Mähren“ an sich reißen, fragt Frau Kopfrkingl, was das denn bedeute. „Annektieren, das kommt von ‚anus‘, wir sind im Arsch“, erklärt Alexandra Henkel als Tochter Zina. Es wird ihr letzter Sarkasmus sein.

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=K5-st_8Y8xw

  1. 10. 2020

Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Franzobel: Rechtswalzer

März 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Groschen-Roman rund um den Regierungskrimi

Es wird Seite 356, bevor endlich in der Staatsoper getanzt wird, eng an eng, eins, zwei – drei, Hetz und Hetze im Menschengewühl, wer’s mag. Der Leser jedenfalls ist schon vorher atemlos, nach einer wilden Jagd durch skurril-sadistische Mordszenen und politische Minenfelder, und wenn der Fernsehkommentator schließlich sagt, „an diesem Abend wird die Erde in Österreich wieder für flach erklärt“ (nämlich zum Tanzparkett), dann zielt Franzobel mit diesem Bonmot letztlich auf jenen reaktionären, restriktiven Zeit-Ungeist, dem er mit seinem neuen Krimi den Kampf ansagt.

„Rechtswalzer“ ist Franzobels dritten Groschen-Roman, heißt: dass er auch diesmal Gruppeninspektor Falt Groschen als Ermittler einsetzt. Das Jahr ist 2024, eine Zukunft ganz nahe, zu nahe am Heute, sind die Straftaten doch nur der Rahmen für das dystopische Gesellschaftsbild, das der Autor entwirft. Als hätten bei ihm angesichts der aktuellen nationalen Stimmung im Land sämtliche Gefahrensensoren angeschlagen, ist dieses Atmosphärische von Vaterland und Muttersprache auch das Beste am Buch.

Das fruchtbar Scheußliche an diesem durchaus popliterarisch durchzuschmökerndem Text ist, dass einem nichts mehr an den Haaren herbeigezogen, aus der Luft gegriffen, in Österreich unmöglich erscheint. „Rechtswalzer“ ist eine beißende Satire, erzählt mit sarkastischem Wortwitz, die die herrschenden Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Das Setting: Türkis-Blau ist gescheitert, die LIMES-Bewegung hat die Wahl gewonnen und damit begonnen, den Staat nach ihren Vorstellungen umzugestalten: „neue Verfassung, ein nationales Glaubensbekenntnis, alle Medien hatten sich gegenüber einer Regierungsbehörde zu verantworten, Sozialhilfeempfänger mussten gemeinnützige Arbeit verrichten …“ Die Partei für den „wahren Sozialismus“ ist – vor allem antiislamisch – angetreten, um die „westlichen Werte“ und das „christliche Abendland“ zu verteidigen. Weshalb der zuständige Minister das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in „Amt des Glaubens“ umbenennt.

Und alldieweil das Volk dem sich Meister nennenden Regierungschef huldigt, sein Vize ist das Meisterlein, die Wegseher nichts bemerkt haben wollen von Staatsgewalt und Willkür, verschwinden nach und nach Intellektuelle, Künstler, kritische Journalisten in Umerziehungslagern, wird der rechtsradikale Rand der Szene entdämonisiert, werden Muslime in Geschäften nicht mehr bedient, am Ende ausgewiesen, nachdem sie ihr Vermögen zurücklassen mussten. In dieses Vierte Reich pflanzt Franzobel drei Krimihandlungsstränge. Zum einen ist da Malte Dinger, stolzer Besitzer einer Bar für erlesenen Gin, Ehemann und Vater, optisch ein Oskar-Werner-Typ, inhaltlich typisch Bobo mit Sinn fürs Savoir Vivre, für den eine Fahrscheinkontrolle zur Katastrophe wird. Malte wird beim Schwarzfahren erwischt, weil er renitent ist, rufen die Schwarzkappler die Polizei, es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Malte versehentlich einem Beamten einen Zahn ausschlägt – und schon geht’s ab ins Gefängnis, erst ins Landl, dann nach Stein, aus Untersuchungshaft werden 25 Jahre, denn der LIMES hat die Gesetze empfindlich verschärft.

Während sich für Malte eine kafkaeske Abwärtsspirale dreht, wird der dauergrantelnde Groschen zu einer Leiche gerufen, der Ermordete wurde mit einem brennheißen Klistier ums Leben gebracht. In der Wohnung finden sich die Fingerabdrücke eines Gemeindesekretärs aus Untergrutzenbach, Edwin Kalterer, und der erscheint auch gleich, um Groschen eine abenteuerliche Geschichte über Amtsmissbrauch und Korruption in seinem Provinzkaff aufzutischen, bevor er spurlos verschwindet. Also, und dies der dritte Twist, macht sich der Kommissar auf ins Weinviertler Antiidyll, wo er einen emsigen LIMES-Bürgermeister und die Baumeistersfamilie und LIMES-Großspender Hauenstein kennenlernt, die gar kein großes Geheimnis aus ihren gemeinsamen krummen Geschäften machen.

Was Franzobel in der Tat großartig beherrscht, ist die Beschreibung von Lokalkolorit und Personen, er erweist sich als genauer Beobachter diverser heimischer Gesellschaftsschichten, vom ennuyierten Geldadel bis zum Häfn-Milieu, von gewieften Politberatern bis zu glatzköpfigen Neonazis. Dabei bedient er sich gern der Genresprache, wenn er diese „Mensch gewordene Pitbulls“ nennt, oder über Groschens Sekretärin schreibt, „die dralle Blondine mit dem Sexappeal einer jungen Marilyn Monroe schien aus allen Nähten zu platzen“, und andere Wisecracks, die einen an Carter Brown denken lassen.

Das im Wortsinn Kapital-Verbrechen der Hauensteins unterfüttert Franzobel mit dem bestialisch erschlagenen Witwentröster der Patriarchin, einem ung’schmackig per Klobesen zu Tode gefolterten Hausmädchen und einem – Maltes Zellengenosse – an der Türklinke erhängten Ex-Lobbyisten. Und derweil er die drei Handlungsverläufe sich miteinander verknüpfen lässt, wird aus Morden der Balkanmafia ein Wirtschaftskrimi um Österreichs wertvollsten Rohstoff. Alles kulminiert auf dem Opernball, wo Franzobel im Gegensatz zu Josef Haslinger eine einzige Terroristenzelle nicht ausreicht, sondern mehrere Attentäter ins Spiel kommen. Das furiose Finale dieses rasanten Pageturners, der sich als Posse ausgibt und dennoch keine ist, und auf dessen Red Carpet sich von Volks-Rock’n‘Roller-Verlobter über Ex-Operettendiva mit blondierter Pudelfrisur bis zu den beiden wichtigsten „Ballmüttern“ Wiens einiges an High Society wiedererkennen kann. Schönster Satz des Ganzen: „In Österreich ist noch nie jemand an Oberflächlichkeit zugrunde gegangen.“

Über den Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Arthur-Schnitzler-Preis und den Nicolas-Born-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ 2014 und „Groschens Grab“ 2015 sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Sein neuestes Buch ist der Krimi „Rechtswalzer“.

Zsolnay, Franzobel: „Rechtswalzer“, Kriminalroman, 416 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

20. 3. 2019