Burgtheater: Das Leben ein Traum

September 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Schutthalde der Geschichte

Franz Pätzold als Sigismund. Bild: Andreas Pohlmann

Kurz vor Schluss, da hat das Publikum bereits spöttisch über Clotalds „Geh‘ ins Kloster“-Rat an seine Tochter gelacht, mehr noch als die Herren-Menschen die Damen untereinander aufteilen – Astolf: Wenn Rosaura wirklich Clotalds Tochter ist, na gut, dann nehm‘ ich sie halt, Sigismund: Fein, dann kann sich die Estrella auch nicht beklagen, weil ich sie mit dem Besseren vermähle, nämlich mit mir -, kurz vor knapp also kommt Martin Kušej erst auf den Punkt.

Da nämlich verflicht er die barocken Verse mit Pasolinis Stück „Calderón“, genauer mit dessen dritten Teil, Rosaura träumt sich als Insassin eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers, zwar mit einer Revolutionsutopie, doch wie Schauspielerin Julia Riedler als geschändete, ungerächte, ins Ehebett ihres Übeltäters verkaufte Rosaura daliegt, da kollidiert der Lager-Monolog heftig mit dem pathetischen Gehabe davor. Und vor einem liegt die Institutionalisierung der Unmenschlichkeit. Das Erbe der Jetztzeit.

Ruhigen Gewissens hätte sich Kušej auf die Kraft des querdenkerischen Filmemachers und Publizisten verlassen können, der den Niedergang sozialer und politischer Strukturen in seinem Werk sezierte, einen darob entstehenden neuen Faschismus analysierte – und für sein Weltbild mit dem Leben büßte. Doch der Direktor setzt als erste Premiere der #Corona-Saison Pedro Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ an, mehr als drei lange Stunden von ihm selbst inszeniert, heißt: in der Kušej-typischen Ästhetik von Zappenduster bis Schwarzseherisch. Aber mit einem selten gebrauchten Händchen für feinklingigen Sarkasmus.

Das Bühnenbild von Annette Murschetz ist beeindruckend monumental, die Kostüme von Heide Kastler historisierend, die Musik von Bert Wrede irgendwo zwischen dem Kreischen von Vögeln, Industriemaschinen und Gefolterten. Da stehen sie nun, Calderóns Protagonisten, der polnische Hof, auf der Schutthalde der Geschichte, turnen den Koks-Berg im Kohlenkeller auf und ab, während von der Rampe oben immer mehr Briketts herabrieseln – das hat Schauwert, diese mitunter atemberaubende Akrobatik, auch wenn man sich fragt, warum sie das tun, und sich die Pausengespräche ums Was-will-uns-Kušej-eigentlich-sagen? drehen.

Norman Hacker und Franz Pätzold. Bild: Andreas Pohlmann

Franz Pätzold und Wolfram Rupperti. Bild: Andreas Pohlmann

Franz Pätzold und Julia Riedler. Bild: Andreas Pohlmann

Und es macht Mühe, aus diesem seltsam antiquierten Drama mit seinen verquasten Handlungssträngen das zu schälen, woran die Zuschauerin/der Zuschauer dieser Tage andocken kann. Der Ruf nach Freiheit, die Beschwörung des freien Willens, ja natürlich, doch dies ausgerechnet von dem, der sich, erst an der Macht, an deren Missbrauch delektieren wird – Fußnote: Man glaubt Franz Pätzolds Sigismund zum Glück die vom Himmel gefallene Katharsis samt Heilsbringerschaft in keinem Augenblick.

Was demnach? Basilius, König von Polen, hält seinen Sohn Sigismund seit dessen Geburt ob ungünstiger astrologischer Weissagungen zu ebendieser in einem Turm in der Wildnis gefangen. Bis er sich besinnt, und den Wildling an seine „rechtmäßige“ Position absoluter Macht katapultiert. Der Königssohn, entledigt der Ketten, kennt keine Schranken, wird Mörder, Wüstling, wieder eingekerkert, von Aufständischen befreit – und ist trara ein Guter. Nebenhandlung I: Astolf, Herzog von Moskau, spitzt auf Basilius-Nichte Estrella und den Thron; Nebenhandlung II: Rosaura, von Astolf ihrer Ehre beraubt, hat vor diesen zu töten, wird aber von Sigismunds Kerkermeister Clotald, der sich als ihr Vater enttarnt, ausgebremst. Dazwischen viel Narkotika und ein Sigismund, dem die Gesellschaft erzählt, mal diese, mal jene Realität wäre ein Traum.

Da liegt er, Sigismund, im Prosektur-weißen Verlies auf entsprechend blanker Liege, Franz Pätzold nackt, und philosophiert sich mit dem Schicksal hadernd in neonröhr-lichte Höhen. Ein malträtierter Geist in einem geschundenen Körper, Kušej wird dieses Ecce Homo später um eine gewittrige Christus-am-Kohlehaufen-Geste erweitern, damit ist was anzufangen, Pätzold wie immer brillant als menschliches Experiment, als vielleicht, man weiß es nicht, reine Seele, die durch Vaters Versuchsanordnung erst schmutzig wurde.

Roland Koch und Tim Werths. Bild: Andreas Pohlmann

Andrea Wenzl und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann

Julia Riedler und Andrea Wenzl. Bild: Andreas Pohlmann

In Zeiten, da die Objektifizierung von Menschen vielerorts wieder als politisches Propagandamittel eingesetzt wird, die Entmenschlichung anderer zum eigenen Machterhalt, und dies dem Stimmvolk vielerorts erfolgreich unter dem Signum einer „neuen Normalität“ angedreht wird, scheint Kušej mit Calderón deutlich machen zu wollen, wie man erschafft, was später zu fürchten ist. Kušej inszeniert das knallhart, die Szenen wie stets durch Blackouts zerstückelt, die eiskalte Politik, in der Pätzold vom Beherrschten zum Beherrscher, vom „Tier“ zum unterkühlt kalkulierenden Machthaber wird.

Im Programmheft bemüht das Burgtheater Thomas Hobbes‘ Theorien über den Souverän aus seinem „Leviathan“, die Abgabe des Selbstbestimmungsrechts ans Staatsoberhaupt, den Verzicht auf kontroverse öffentliche Debatten, auf Meinungsbildungsprozesse, auf die demokratische Abstimmung über die vielbemühten „Werte“. Das spröde dargebotene Schauspiel, Kušejs nüchterne Hinterfragung alternativer Wirklichkeiten ist ein Widerhall vom Wind, der draußen weht, ein jung-dynamischer und konsequent den Staat umbauender Landesführer, diesmal nicht hässliche, sondern „schreckliche Bilder“, ein „menschenunwürdiges System“.

Das Kalkül kommt daher mit Langsamkeit, zwar sind Mantel und Degen zur Hand, und für Roland Koch als mutmaßlich unfreiwillig kauziger Clotald eine (?) Augenklappe. Es wird gefochten und geblutet, Andrea Wenzl und Johannes Zirner als Estrella und Astolf tragen im Zweikampf etliche Blessuren davon, zwei Spiegelfechter sind sie, die weder Emotionen noch Motive für ihr Handeln erahnen lassen. Enervierend langsam lässt Kušej sein Ensemble die Sätze zerkauen, jedes Wort will hier im Intrigen-durchtränkten Politsumpf überlegt sein, und großartig ist, wie Johannes Zirner zwischen Estrella und Rosaura wegen des Medaillons in Bedrängnis gerät – ein teflonbeschichteter Lügner, gefangen im eigenen Gespinst.

Norman Hacker, Franz Pätzold, Andrea Wenzl, Roland Koch und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann

Es wurde an dieser Stelle schon bemängelt, dass Kušej mit Frauenfiguren wenig anzufangen weiß, dagegen erweist er sich diesmal beinah als Feminist. Die Wenzl und mehr noch Julia Riedler agieren kraftvoll als Estrella und Rosaura, zwei Frauen als Spielbälle im Männermatch, sie demaskieren die Definitionsgewalt der Männer darüber, was „normal“, was Fakt, was „wirklich“ ist. Allein mit Attitüde macht erstere klar, dass sie auf diese Gewalt mit Gegengewalt reagieren wird, bis die First Lady die Erste im Staate ist. Rosaura, und so steht’s nicht bei Calderón, entzieht sich der Opferrolle durch den Freitod …

Als Erfreulichkeit des Abends glänzt Tim Werths als Diener Clarin. Ein witzig katzbuckelnder Wendehals im Bemühen diesen aus der Schlinge zu befreien. Ein grandios doppelzüngiger „gracioso“, wiewohl der einzige unter allen, der sein Herz auf dieser trägt – was ihm die Lacher garantiert. Bleibt Norman Hacker als undurchsichtiger Basilius, teils verschrobener „Wissenschaftler“, wie er eingangs in Unterhose und Strümpfen auf die Bühne taumelt und sich nur unter Schwierigkeiten fertig bekleiden kann, teils zynischer Despot. Die erste Begegnung mit Sigismund fällt im Wortsinn von oben herab aus, wird aber – „Das Leben ein Traum“ – sofort mit einem weinerlichen, reuigen, Sigismunds Knie umklammernden Basilius wiederholt.

„Hilfe bringt vielleicht die Wahrheit“, sagt Norman Hacker. Dem ist bei diesem Deutungsversuch einer Arbeit über Deutungshoheit nichts hinzuzufügen. Am Ende tötet Basilius – auch das steht nicht bei Calderón – den Soldaten, Wolfram Rupperti, der Sigismund befreit hat, per Gurgelschnitt. Die kohlenschwarze Mördergrube und der Weiße-Westen-Palast überlappen zum anthrazitfarbenen, neuen Absolutismus des Sigismund. Man hat es kommen sehen, an der Macht sind die, die „recht tun“. Auf der Schutthalde ihrer eigenen Geschichte.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=cYWMDoF4ASM           www.burgtheater.at

  1. 9. 2020

Bühne Baden: Hurra, wir spielen!

Juni 10, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Die blaue Mazur“ mit Oliver Baier als Conférencier

Bild: Lukas Beck

„Hurra, wir spielen!“, heißt es vonseiten der Bühne Baden, wo man dank der #Corona-Lockerungen ab dem 31. Juli wieder Operette live präsentieren will. Hausherr und Regisseur Michael Lakner hat die für diesen Sommer geplante Hommage an Franz Lehár – „Die blaue Mazur“ – neu bearbeitet. Daraus entstanden ist eine komplett andere Fassung:

Eindreiviertel Stunden ohne Pause, ohne Chor und Ballett – aber dafür mit enormen Schwung und Wortwitz. Mit dabei ist Publikumsliebling und  TV-Star Oliver Baier als Conférencier und Comedian, der mit seinem unvergleichlichen Humor durch das Stück führen wird.

„Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, diese Würdigung Lehárs doch noch diesen Sommer zu spielen. Wir feiern doch heuer gleich zwei wichtige Geburtstage: Zum einen den 150. Geburtstag dieses großen Komponisten,

der rast- und ruhelos immer wieder neue exotische musikalische Welten entdeckt hat, die er dann in sein Werk einfließen ließ. In unserem Fall holte sich Lehár seine Inspirationen aus dem Sehnsuchtsort Polen und all seinen betörenden polnischen Rhythmen und Tänzen“, so Lakner. „Zum anderen feiert ,Die blaue Mazur‘ just auch in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.“

Genug Anlass für Lakner also, dies Bijou von seiner Patina zu befreien. Lakner: „Die exklusiv für Baden geschriebene Fassung ist ein spritziges, kammermusikalisches Lustspiel im modernen Kleid einer „well made comedy“ – also ein lustvolles Tür auf/Tür zu-Verwechslungsspiel mit schwungvoller Musik.“ Gemäß des diesjährigen Spielzeitmottos „Religion und Glaube“ ist die Handlung im Wiener jüdischen Milieu Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt – und erzählt eine On/Off-Liebesbeziehung zwischen einem polnischen Grafen jüdischer Herkunft, gespielt von Clemens Kerschbaumer und einem Wiener Mädel, dargestellt von Sieglinde Feldhofer.

Um das richtige Maß an Authentizität für die jüdische Kultur und den berühmten jüdischen Witz zu erlangen, hat sich Lakner Ezzes von Ruth Brauer-Kvam geholt. Die humoristische Würze erhält das Stück durch die Doppelrolle des Buffotenors: Der brave, angepasste Studiosus, der in einem bizarren Männerhaushalt lebt, verwandelt sich nächstens in einen leidenschaftlichen Draufgänger. „Eine wunderbare Rolle für Ricardo Frenzel Baudisch, um sein komödiantisches Können unter Beweis zu stellen,“ ist sich Lakner sicher. Zusätzliche Komödiantik ergebe sich dadurch, „dass wir in dieser neuen Fassung nicht alle handelnden Personen mit Darstellern besetzen können“.

„Deshalb wird Oliver Baier als Conférencier immer wieder in verschiedene Rollen – von Freyhoff, Alois Putz, Galina Vodkarova, aber auch in die eines Chaffeurs – schlüpfen, um auszuhelfen“, erklärt Lakner. Das, in Verbindung mit den schwungvollen, mitreißenden Lehármelodien, verspricht ein amüsanter Abend zu werden.

www.buehnebaden.at

10. 6. 2020

DARUM online – Ausgang: Offen

Mai 21, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod ist definitiv eine Wienerin

Victoria Halper und Brigitte Zolles. Bild: DARUM

Das junge Wiener Performancekollektiv DARUM, bereits mit seiner ersten Produktion „Ungebetene Gäste“ für den Nestroy-Spezialpreis 2019 nominiert (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=32445), hat sich für seine aktuelle Arbeit „Ausgang: Offen“ #Corona-bedingt auf das Medium Film verlegt. Ursprünglich als begehbare Installation in verlassenen Büroräumlich- keiten geplant, führt einen die

Kamera nun via www.nachtkritik.de durch den Gebäudekomplex am Kempelenpark. Hinter zehn Türen lauert das Lieblingsthema des DARUM-Leading-Teams Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche – der Tod, und als Vorstufe dazu: das Sterben. Derart totentanzt der Betrachter durch dustere Kabinette, die Koproduktion mit WUK performing arts, heißt es eingangs, sei auch am besten in einem ebensolchen abgedunkelten anzusehen. Ein – und sei er noch so virtueller – Spaziergang ist das nicht für eine, die vor einer Woche fast maukas gegangen wär‘. Hoffnung, Verlust, Ohnmacht steht auf den Schildern zu den Pforten der Wahrnehmung, die sich öffnen werden.

Dahinter ein Universum der Vergänglichkeiten, aus dem statt dem eigenen das Kameraauge die (Selbst-) darstellerinnen und -darsteller zu kaum auszuhaltender Intimität zoomt. Von wegen scheene Leich, Fruchtbarkeitssymbol Feldhase aus Untersuchungsraum eins wird schon in Besprechungszimmer zwei seine Löffel abgegeben haben, inmitten eines Vanitas-Stillleben auf einst reich gedeckter, jetzt verwüsteter Tafel, zwischen medizinischen Befunden tonlose Zeichen der Verwesung, Essenreste, verdorrte Rosen, das einzig Lebendige – Maden bis zum Magenheben.

Der Tod ist definitiv eine Wienerin. Nicht nur, weil einen Victoria Halper als eine Art Sensenfrau am Einlass abholt, die meisten der Begegnungen sind weiblich. Zwischen Monitoren und MR-Bildern erzählt Dr. Sophie Zwölfer vom ambivalenten Verhältnis einer Ärztin zum Tod, ist doch der Kampf gegen diesen Feind ihr Dienstgeber – „du brauchst ihn, weil ohne ihn wärst du schließlich überflüssig“. Die meisten Patienten, sagt sie, hätten keine Angst vor dem ex und hopp Tod, sondern vor langem Siechtum und qualvollem Sterben, und sie unterscheidet Selbstmordpatienten, bei denen der Körper sein Leben nicht aufgeben will, von denen, deren Geist sich mit aller Kraft gegens Abtreten wehrt. Ein Arbeits-“alltag“, der genau das nie sein kann.

Sophie Zwölfer. Bild: DARUM

Jasmin Kreuzer. Bild: DARUM

Caroline S. Bild: DARUM

Emma Wiederhold. Bild: DARUM

Wie der von Jasmin Kreuzer, der Bestatterin und Sterbebegleiterin, die ihre Besucher im Sarg empfängt. „Die schauen nicht mehr, die Toten. Da ist nichts mehr hinter ihren Augen. Alles leer“, beantwortet sie die mutmaßlich auch live gestellte Frage, wie sie es mental und emotional verkraftet, die vielen Gesichter des Todes zu sehen. Das wahre Antlitz der Hinterbliebenen werde ihr offenbar, meint sie, und als sie Schminktipps für Verstorbene gibt, bekommt „Ausgang: Offen“ jene Skurrilität, die man an DARUM schon kennt und schätzt.

„Ausgang: Offen“ ist ein großartiger Tabubruch in einer Stadt, die wie keine zweite Euphemismen fürn Gwigwi hat, in der sich das Goldene Wienerherz einen Kasperl holt, in der, wer a Bankl reißt si d’Schleifn gibt, bevor er an Foahschein firn Anasiebzga löst. Der Zentralfriedhof, Jedermanns liebstes Freizeitparadies, von Wolfgang Ambros mit einer Hymne besungen, und unvergessen die deutsche TV-Doku, in der Roland Neuwirth „Ein echtes Wienerlied“ extremschrammelte, und der Untertitelung zum „… jetzt tuat eam ka Bah mehr weh …“ ein endlich von seinen Schmerzen erlöster Baum einfiel.

Aber, apropos: So viel musikalisches „Haaallo!“ um den Gevatter auch gemacht wird, so sehr wird seine Realität an die Ränder von jedes einzelnen Wirklichkeit gedrängt, Hospitium kommt heutzutage von Hospiz, und in dieses Sicht- und Spürbarmachen des Unausweichlichen stößt DARUM mit seinem experimentellen Hybrid zwischen Film und intensiver 1:1-Performance vor. Auf Grundlage zahlreicher Gespräche mit reanimierten Personen, unheilbar Kranken, Sterbenden, Angehörigen und solchen, die beruflich mit Sterbenden und Toten zu tun haben, – und die zum Großteil als sie selbst auftreten -, holen Halper, Andreß und Krösche das tief in den Seelen Vergrabene hervor ins Bewusstsein.

Franz Hammerbacher. Bild: DARUM

Ihre Produktion im Assoziationsspielraum zwischen Thomas Bo Nilsson und Romeo Castellucci versteht das Performance-Trio als „ein Angebot, dem Unbegreiflichen mit einer Ahnung zu begegnen und dem Tod aus unmittelbarer Entfernung und sicherer Nähe ins Auge zu blicken“. Ein solches „Signa“-l ist auch der Raum „Verlust“, aus dem man schreckliches Weinen hört, doch einem der tröstende Eintritt verboten wird. Im Krankenzimmer „Die Ohnmacht“ liegt Robert N. als im Wortsinn Maschinenmensch.

„Die Rückkehr“ bezieht sich auf Autor Franz Hammerbachers Nahtoderfahrung nach einem Autounfall auf dem Prager Autobahnring. Ein beunruhigender Ausblick in eine vielfarbige Finsternis, die den Betroffenen mit dem Gefühl des Kontrollverlusts zurückgelassen hat. „Aufprall, Stille, Schmerz, Sirenen, Stille“, so schildert er’s – und den „Lass‘ los“-Sog, der ihn seither zum Kopfschütteln seiner Freunde nicht mehr loslässt. Denn am Ende des Tunnels für Hammerbacher kein Licht …

Die 84-jährige Caroline S. ist per Laptop und unter Bildstörungen aus „dem Heim“ zugeschaltet, und berichtet, wie einen der Sudden Death in Geldnöte bringen kann, die elfjährige Emma Wiederhold, und das ist von allen Erlebnissen am schwersten zu ertragen, erzählt vom Ultraschalltermin, bei dem der Tod ihres noch ungeborenen Bruders festgestellt wurde, von seiner dennoch „Geburt“ und einem ersten/letzten In-den-Armen-Halten, „als würde er schlafen“, der längst bei Schlafes Bruder weilt.

„Ich gestehe es, ich wollte tot sein. Aber nach einiger Zeit habe ich auf einmal einen Finger bewegt. Und ich habe mir gedacht: Wenn ich das kann, kann ich alles andere auch“, sagt Brigitte Zolles, die an der schweren Lungenkrankheit COPD leidet und die sich dennoch und im Wissen um ihre baldige Endlichkeit vorgenommen hat, das Leben zu genießen. „Der Weg“, eine Spritztour mit Victoria Halper am Steuer, ist eine kurze Liebeserklärung an das Leben. „Jede Minute genießen, einfach glücklich sein und atmen“, gibt einem Frau Zolles als Rat mit auf ebendiesen. Dann dreht sich die Kamera – und Schock. So viel makabrer Haunted-House-Horror-Humor muss sein! Was bleibt sind blühende Kirschbäume und ein Polaroid.

www.darum.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=bDI7TY92O20&feature=youtu.be

Weitere Streamingtermine: 27. und 30. Mai, ab 20.30 Uhr auf www.wuk.at

21. 5. 2020

Volkstheater online: König Ottokars Glück und Ende

April 27, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zweisprachiger Stream mit anschließendem Live-Chat

Zusammenstoß zweier Machtmenschen: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ab 29. April, 18 Uhr, bietet www.nachtkritik.de für 24 Stunden die Volkstheater-Produktion „König Ottokars Glück und Ende“ zum kostenlosen Stream an – und zwar in deutscher und tschechischer Sprache. Die Zuschauerinnen und Zuschauer streamen gemeinsam, denn gezeigt wird eine Aufzeichung der Inszenierung von Dušan David Pařízek beim Prager Theaterfestival. Diese ist auf Deutsch nun erstmals im Netz zu sehen; im Anschluss ab 20 Uhr gibt es einen englisch-

sprachigen Live-Chat mit nachtkritik-Redakteur Christian Rakow als Host, dem Schauspielerpaar Anja Herden und Lukas Holzhausen, sie in der Rolle der Kunigunde von Massowien zu erleben, er als Rudolf I., Dramaturg Roland Koberg und Regisseur Pařízek. Beiträge in tschechischer und deutscher Sprache sind möglich.

Pařízek war in der Volkstheater-Saison 2018/2019 der erste tschechische Regisseur, der das österreichische Nationaldrama in Szene setzte. Zum ersten Mal wurde das vermeintlich böhmenfeindliche Stück dafür ins Tschechische übersetzt, die Vorstellungen wurden übertitelt. So konnte die Inszenierung ihre explosive Kraft an beiden Hauptschauplätzen an Moldau und Donau entfalten. Das Wiener Publikum sah sich als Opportunisten, als „leichtbeweglich Volk“ gespiegelt und ihren ersten Führer – schon er ein Meister der inszenierten Bescheidenheit – als „Ausländer“ enttarnt. Die Prager Zuschauer feierten beim Gastspiel im Ständetheater ihren fallenden Helden Primislaus Ottokar, dargestellt von einem tatsächlichen Hero des tschechischen Theaters – Karel Dobrý.

Kritik: Grillparzer als grausame Groteske

Ein Glück, gibt’s die Übertitel. Im Dickicht der Akzente und Dialekte ist nämlich nicht einmal die Hälfte dessen verständlich, was auf der Bühne gesprochen wird. Mag sein, dass Dušan David Pařízek dem Publikum so seine Message mitgeben will: Was Politiker herumtönen, versteht ohnedies kein normaler Mensch … Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ am Volkstheater. Im Bühne-Interview betonte der interviewscheue, tschechische Regisseur, er werde in seiner Lesart des obrigkeitshörig-xenophoben Stücks, von dem es bis dato keine Übersetzung ins Tschechische gab, „den Schwarzen Peter wieder den Österreichern zurückgeben“. Nun, zumindest hat er ihnen den Narrenhut aufgesetzt, denn so neu ist die Interpretation des Böhmen-Königs als tragischem Helden und des Habsburgers als gewieftem Schlitzohr nun auch wieder nicht.

Definitiv anders ist, dass Pařízek auf krause Wortgefechte setzt, auf Szenen von absurder Komik, manchmal hart am Slapstick, und nicht zuletzt wegen der lächerlichen Papierkrönchen denkt man mehr an Paradeinsze- nierungen von „König Ubu“, als an ein Werk des ehrenwerten k.k. Finanzbeamten. Getreu dem Motto „Fürchtet die Posse, nicht das Pathos!“, hat Pařízek zweiteres zugunsten ersterer verblasen, Grillparzers Trauerspiel wird bei ihm zur zunehmend grausamen Groteske; es wird mehr gelacht als bei den Pradlern, das muss man mögen, und an dieser Stelle wird es das. Grillparzer-Puristen packt indes mutmaßlich das nackte Grauen.

Karel Dobrý hoch zu Ross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke als Margarethe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden als Kunigunde. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Pařízek hat das Personal auf sieben Darsteller gestrichen, und verwendet als Bühnenbildner wieder sein Lieblingsmaterial rohes, unbehandeltes Holz. Böhmen, eine Bretterbude, die am Ende in sich zusammenkracht. Die Kostüme von Kamila Polívková bewegen sich zwischen Proll-Buxe und Gangsta-Hoodie, jeweils versehen mit passendem Logo für die Hood. Heißt: Roter Löwe hie, weißer da, und Seyfried Merenberg muss natürlich einen Steirerwappensweater tragen. Dies gleichsam macht den größten Teil von Pařízeks Konzept aus – eine herkunftsgetreue Besetzung. Der tschechische Theater- und Filmstar Karel Dobrý spielt den Ottokar, der Schweizer Lukas Holzhausen Rudolf von Habsburg, Thomas Frank, immerhin lange Mitglied am Grazer Schauspielhaus, den steirischen Ritter Merenberg.

Rainer Galke darf als Margarethe von Österreich, Wiener Bürgermeister und Nürnberger Burggraf in fremden Sprachgefilden wildern, und Anja Herden erprobt sich als Kunigunde, Enkelin des Ungarn-Königs, am „Ungoorrisch“. So weit, so ja eh, ein Versuch, Přemysls und später Habsburgs Vielvölkerverlies zu versinnbildlichen. Tatsächlich macht deren Gleichheit im Machtrausch, Gegensätzlichkeit im Streben danach, den Abend aus. Dobrýs Ottokar kommt zu Pferd auf die Bühne, ein Souverän, der die Gesellschaft seines Schimmels der der Gattin – Rainer Galke ganz Diva, mit kleiner Krone und riesigem Hermelin, schwankend zwischen Resignation und Ressentiments – vorzieht. Mit einem tschechischen „Ahoj!“ grüßt Ottokar gönnerhaft die Anwesenden, was Holzhausens Habsburg mit einem Schwyzerdütschen „Hoi!“ beantwortet – und schon geht das Geplänkel über den korrekten Wortgebrauch los. Dass sich Ottokars „Ad Honorem Jesu“ am Ende in ein deutsches „Heil!“ verwandeln wird, bringt Pařízeks Intention bei dieser Arbeit auf den Punkt.

Dobrý ist zweifellos ein Charismatiker, der seine polternde Performance über die Rampe direkt ins Publikum trägt, als wolle sich sein Ottokar dort des Gehorsams seiner Untertanen versichern. Dieser Ottokar ist so jähzornig wie stolz, so leidenschaftlich wie geradlinig, eine Majestät, ein Alphatier, schließlich starr vor Demütigung. Diese wird ihm Rudolf zufügen, den Holzhausen, szenisch sicher wie stets, als ehrgeizigen Realpolitiker anlegt. Im Unterschied zum aufbrausenden Ottokar ist er mit den Verbündeten verbindlich, gibt mitunter hinterlistig fast den Tölpel vor, wenn er dem Hof seine Sprechweise aufzwingt, sich mittels Souffleur am Bühnendeutsch übt, und alle nötigt, ihn kumpelhaft „Ruedi“ zu nennen. Ein gefährlicher Mann, von Anfang an. Der sich zum Schluss die Schlachterschürze umbindet, bevor er Ottokar ein Blutbad anrichtet.

Thomas Frank ist per Sweater und Stimmübung  als steirischer Ritter Merenberg gekennzeichnet. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rudolf in der Schlachterschürze: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch bis dahin muss sich Ottokar noch vom schwäbelnden Burggrafen Zollern ankeppeln lassen, während Rudolf vom Wiener Bürgermeister Paltram Vatzo mit allen Ehren empfangen wird. Rainer Galke spielt beide mit höchster Hingabe, singt nicht nur Operette und Heurigenlieder, sondern auch Falco, und geht sogar schwimmen, wonach er sein an die Badehose genähtes Riesengemächt auswringt. Als Vasallen gefallen Thomas Frank als naiver Berserker Merenberg – und Wasser speiender Springbrunnen.

Und Peter Fasching, als Zawisch von Rosenberg Oberintrigant und E-Zitherspieler. Gábor Biedermann bleibt als stets einlenkender Kanzler Braun von Olmütz diesmal unter seinen Möglichkeiten, dafür spielt Anja Herden als Kunigunde alle ihr zur Verfügung stehenden aus, wenn sie heimwehkrank und in temperamentvoller Verzweiflung ihre Sätze mit „Bei uns in Ungarn …“ beginnt. Einfach alles auf der „ähresten“ Silbe betonen, erklärt sie Kunigundes Idiom.

So ist Pařízeks Zweieinviertel-Stunden-Aufführung zumindest kurzweilig zu nennen, mit Kalkül ist vom weltpolitisch Bedeutsamen der

Begründung einer Dynastie, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa herrschte, nicht viel übriggeblieben, womit Pařízek seinen Standpunkt der Lächerlichmachung der – Zitat – „Suche nach einem Führer, der uns alle wach küsst“ klarmacht. Wie vieles wurde auch der alte Horneck gestrichen, die Österreich-Rede tragen Frank und Fasching als Rockpoem vor. Sie wissen: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=31195

www.volkstheater.at           www.theater.cz/de           www.nachtkritik.de

27. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020