Belvedere: Gerhart Frankl – Rastlos

November 12, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Künstler fand in Wien keinen Platz, sein Werk wohl

Gerhart Frankl, Studie für „Wiedersehen mit Wien“, 1948 Bild: © The Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London

Gerhart Frankl, Studie für „Wiedersehen mit Wien“, 1948
Bild: © The Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London

In der dreizehnten „Meisterwerke im Fokus“-Ausstellung widmet sich das Belvedere ab 18. November dem Wiener Künstler Gerhart Frankl, der wie sein Vorbild Paul Cézanne etwas bleibendes, etwas von Bedeutung schaffen wollte. So schrieb Frankl 1925 an seine spätere Ehefrau: „Ich will kein ‚berühmter‘ Mann sein … Wohl aber will ich ein wahrhaft großer Mensch sein. Ganz und gar verantwortlich. Das ist das Wesentliche … Ich will kein Feuerwerk sein, wohl aber jeden Augenblick mit meinem Gewissen ‚à jour‘ sein.“

Obwohl Autodidakt und nur kurz  Schüler Anton Koligs in Nötsch, schuf er ein abwechslungsreiches und spannendes OEuvre, durchsetzt mit stilistischen und thematischen Sprüngen. Die Darstellung der Alpen in den späten Schaffensjahren zählt zu seinen künstlerischen Höhepunkten. Die Schau „Gerhart Frankl – Rastlos“ konzentriert sich auf Frankls Entwicklung in seiner Landschaftsdarstellung hin zu den formauflösenden Bergfantasien. Seine enge Beziehung zum Belvedere – das Ehepaar Frankl wohnte nach der Rückkehr aus dem Londoner Exil ab 1947 im Unteren Belvedere, und Gerhart Frankl war in der Restaurierwerkstatt des Hauses tätig – ist ebenfalls Thema. Frankls Auseinandersetzung mit dem barocken Areal rund um die beiden Schlösser sowie dem Blick über Wien fand in einer Werkserie, die in den Jahren 1947 bis 1949 entstand, ihren künstlerischen Niederschlag.

Neben Cézanne zählten die Alten Meister wie Tizian oder Rubens zu Frankls großen Vorbildern. Aber auch expressionistische und kubistische Elemente sowie abstrakte und naturgetreue Studien prägten das Schaffen des Künstlers. Ungefähr zwei Drittel seines OEuvres bestehen aus Arbeiten auf Papier, ein Medium, das Frankl besonders schätzte und das ihm eine Plattform für einen freien künstlerischen Ausdruck bot. Frankl gelang es mit seiner selbstentwickelten Mischtechnik aus Pastell, Gouache und teilweise Kohle, persönliche Erlebnisse in den Bergen künstlerisch einzufangen. Landschaftliche Motive und Ansichten der Alpen tauchen bereits in Frankls frühem Schaffen auf und durchziehen sein gesamtes OEuvre. Die Ferne des Alltags, die Loslösung von Raum und Zeit sowie das damit verbundene Freiheitsgefühl machten die Berge für Frankl zu einem magischen Sehnsuchtsort. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer und Bergsteiger durchquerte er mit seiner späteren Ehefrau Christine Büringer, der Nichte des Malers und Mitglieds des Nötscher Kreises Sebastian Isepp, die Dolomiten mit seiner BMW-Maschine und nach 1949 von London aus mit einer Triumph Contessa.

Wegen Frankls jüdischer Wurzeln floh das Ehepaar im Juli 1938 nach London. Nach neun entbehrungsreichen und unsicheren Jahren kehrten die beiden 1947 nach Wien zurück. Die Rückkehr war für sie keineswegs leicht, da der Verlust seiner Eltern, die im Konzentrationslager ermordet worden waren, den Künstler sehr quälte. In den nächsten Wochen und Monaten folgten eine Odyssee unzähliger Behördenwege mitsamt allerlei Schikanen sowie zahlreiche Besichtigungen von Wohnungen, deren Anmietung meist aus finanziellen Gründen scheiterte. Durch die Intervention des Kunsthistorikers Fritz Novotny und Karl Garzarolli-Thurnlackh, damals Direktor der Österreichischen Galerie, konnten die Frankls für ein Jahr in Räumlichkeiten im Unteren Belvedere wohnen. Damit wurde das Wiener Belvedere wichtigster Bezugspunkt des Künstlers, sowohl in seiner neuen Aufgabe als Restaurator an der Österreichischen Galerie als auch als  Inspirationsquelle seines künstlerischen Schaffens.

Frankl war entschlossen, in Wien wieder Fuß zu fassen, und versuchte sein soziales Netzwerk auf beruflicher wie privater Ebene wieder zu beleben und zu erweitern. Er hielt Vorträge und Vorlesungen, bewarb sich um eine Professorenstelle an der Akademie der Bildenden Künste, wurde Mitglied der Beratungs- beziehungsweise Tauschkommission an der Österreichischen Galerie und fungierte als künstlerischer Leiter der Vierten Internationalen Hochschulwochen 1948 in Alpbach. Trotz dieser zahlreichen Beschäftigungen und bürokratischen Hürden war Frankl in den insgesamt 16 Monaten seines Wienaufenthalts künstlerisch höchst produktiv. Besonders die in jenen Monaten entstandene Belvedere-Serie besticht durch ihren formalen und stilistischen Variantenreichtum. Die barocke Umgebung des Belvedere bot Frankl ein
optimales Spannungsfeld an Inspiration und führte zu einem intensiven und kreativen Schaffensprozess. Die Serie umfasst sechs Leinwände und über vierzig Studien, Zeichnungen und Aquarelle. Motivisch überwiegen der Blick über Wien sowie skulpturale Motive. Frankl beschäftigte sich in dieser Werkserie auch intensiv mit kubistisch-konstruktivistischen Elementen, dies erreichte einen Höhepunkt im Gemälde Wien III.

Eine dauerhafte Anstellung fand er in Wien jedoch nicht, sodass das Ehepaar Frankl im Jänner 1949 abermals nach England übersiedelte, diesmal als „gewöhnliche“ Auswanderer ohne den Status politischer Flüchtlinge. 1950 erhielt Gerhart Frankl die englische Staatsbürgerschaft, legte aber die österreichische nicht zurück. Doch konnte Frankl auch in England nur schwer wieder Fuß fassen und trug sich weiterhin mit dem Gedanken einer endgültigen Rückkehr nach Wien. 1961 wurde ihm anlässlich seines 60. Geburtstages der Berufstitel „Professor“ verliehen, im Jahr darauf veranstaltete Novotny in der Österreichischen Galerie eine große Personalausstellung seines Freundes. Im Juni 1965 schließlich wurde Gerhart Frankl zu Verhandlungen über eine Professur an der Akademie der bildenden Künste nach Wien eingeladen und in einem Gästezimmer im Kunsthistorischen Museum einquartiert, wo ihn völlig unerwartet der Tod ereilte.

Im Oktober 2015 wurde der bis zu diesem Zeitpunkt von Julian Sofaer geleitete Frankl Memorial Trust gemäß dem Wunsch und dem Testament von Christine Frankl aufgelöst und sämtliche Gemälde an das Belvedere übergeben. Das Belvedere besitzt nun, zusammen mit dem umfangreichen Konvolut von Werken Gerhart Frankls, das durch das Legat des Sammlers Peter Parzer dem Haus 2012 übergeben wurde, die größte museale Sammlung von Leinwänden des Künstlers. Gerhart Frankl, dem es zu Lebzeiten nicht vergönnt war, nach dem Krieg seinen Lebensmittelpunkt wieder in seine Wiener Heimat zu verlegen, kehrt nun durch sein OEuvre in seine Geburtsstadt zurück.

www.belvedere.at

Wien, 12. 11. 2015