Wiener Festwochen: Die Passagierin

Mai 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein großes Werk ganz großartig dargeboten

Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) und das Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Sara Jakubiak als Marta (re.) mit Anna Ryberg, Jenny Carlstedt und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Erst die Oper hätte ihre Geschichte in ihrer ganzen Emotionalität ausdrücken können, sagte Zofia Posmysz in einem Interview. Und es ist schon so, dass inmitten all der dargestellten Gräuel, des Hasses und der ständigen Todesangst, die Seele die Szenen am wenigsten aushält, in denen die Menschen zueinander Mensch sind.

Die Partisanin Katia schwärmt von der Weite ihrer Heimat Russland, Krysztina träumt vom wiederaufgenommenen Studium, die kleine Yvette gibt der alten Bronka Französischunterricht, weil beide ja bald frei und dann in Paris sein werden. Je vis – ich lebe, tu vis – du lebst, elle vit – sie lebt. So steht es auch in großen Lettern an der Bühnenrückwand, die festgeschriebene Hoffnung, und die Häftlinge umarmen einander. Nur Marta wünscht sich zu Versen von Sandor Petöfi, dass sie endlich in Frieden und im Sonnenschein sterben dürfe. „Das Herz erzittert, weil Erinnerung es durchzog“, auch das ein Zitat des ungarischen Dichters.

Bei den Wiener Festwochen hatte Anselm Webers exemplarische Inszenierung von Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ Österreich-Premiere, ein Gastspiel der Oper Frankfurt im Theater an der Wien. Weinberg, erst von Hitler, dann von Stalin verfolgter jüdischer Komponist, und sein Librettist Alexander Medwedew hatten sich Zofia Posmysz‘ Novelle „Pasażerka“ zur Vorlage genommen, in der die Auschwitz-Überlebende entlang ihrer Biografie vom Wiedererkennen zweier Frauen erzählt. Posmysz, polnische Journalistin, heute 92 und eine unermüdliche Zeitzeugin, wurde beim Verteilen von Flugblättern in Krakau verhaftet und ins KZ verbracht; die US-Armee befreite sie 1945. In „Die Passagierin“ treffen nun ihr Alter Ego Marta und die ehemalige Aufseherin Lisa in den späten 1950er-Jahren auf einem Luxusliner aufeinander. Lisa glaubte Marta tot, ihr Mann Walter, ein BRD-Diplomat mit Mission in Brasilien, weiß nichts vom verhängnisvollen Vorleben seiner Frau …

Weinbergs Musik changiert zwischen bitter-lyrisch und beinah karikaturhaft, ihre Farben reichen von Jazz bis Folkore, dann wieder übertrumpft das Atonale jede Tonalität. Weinberg zitiert, parodiert, macht die Chansons von Edith Piaf zu Tanzmusik, verwandelt Beethovens Schicksalsmotiv aus der Fünften in Appellfanfaren, demonstriert Widerstand mit Bachs berühmter Chaconne aus der d-moll-Partita. Und obwohl es lärmend losgeht, mit einem Aufbrausen der Schlagzeugbatterie, überwiegen an diesem Abend die Stille und Sparsamkeit eines Kammerspiels. Christoph Gedschold dirigiert das Frankfurter Opernorchester mit großem Sinn für diese musikalische Dramaturgie. Er zeichnet weiche Linien, und lässt es doch an scharfen Kanten nicht fehlen. Eine Leistung von schmerzhafter Genauigkeit. Sarkastisch der Tonfall, mit dem Libretto und Musik festhalten, wie sich Lisa um Kopf und Kragen redet und nicht begreifen will, warum sie schuldig sein soll. Unerträglich schön die an die Unendlichkeit klingenden Ensembleszenen im Lager, in denen sich die Frauen hinausträumen in ein neuentstehendes Leben. Dann wieder, plötzlich, da atmet das Ehepaar erleichtert auf, der Stewart nennt die Passagierin eine Britin!, und das Orchester bricht in begeisterte Dur-Akkorde aus und zitiert den Anfang von „Rule Britannia“. Gesungen wird vielsprachig, russisch, polnisch, jiddisch, deutsch, französisch, englisch.

Tanja Ariane Baumgartner und Sara Jakubiak. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Tanja Ariane Baumgartner, Sara Jakubiak und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan (Tadeusz) und Michael McCown (Kommandant). Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan  als Tadeusz. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Man ist berührt, zu Tränen gerührt, von den Erinnerungen Posmysz‘ und von Weinbergs fantastischer Musik, die auf so vieles anspielt und, wie es Worte gar nicht könnten, Figuren charakterisiert, Stimmungen malt, Gedanken abbildet und in Klang verwandelt. Die Aufführung entwickelt einen suggestiven Sog, dem sich nicht zu entziehen ist. Regisseur Weber und seine Bühnenbildnerin Katja Haß haben maßgeblichsten Anteil an diesem Erfolg. Im Wissen, dass man Auschwitz nicht ästhetisieren kann, haben sie sich für eine Optik entschieden, die gerade im abstrahierenden Abstandhalten Nähe schafft.

Auf der Drehbühne wechselt eine weiße Luxusdampferwelt mit dem Dreck einer Baracke, zweitere, der ganze Schrecken der Vergangenheit, quasi im Schiffsbauch der ersteren, wie nahtlos gehen die beiden Orte ineinander über, die schöne neue Realität und der Albtraum der Erinnerung, nur durch eine kleine Wendung, oftmals von den Figuren unbemerkt. So geht Walter irgendwann die Treppe hinunter und durchs KZ, der Steward erscheint Lisa als dessen ehemaliger Kommandant in Uniform. Hinter den Türen zerlumpte Gestalten: die Gefangenen haben Glatzen, die gestreiften Kittel schlottern an ihren Körpern. Weber hat seine Solisten und das Ensemble so behutsam wie präzise angeleitet, niemand hat hier Gelegenheit in die oft so typischen Opernsingposen zu fallen. Und an die Bretterwände geschrieben Botschaften. Von Liebe, und davon, dass Kiew schon gefallen ist. Durchhalten! Dazu die Nameslisten der Opfer. Zur Pause wagte das Publikum ob dieses Gefühlsansturms nicht einmal zu applaudieren, erst am Ende tosten Jubel und Bravorufe los.

Die galten in Wien vor allem den beiden Protagonistinnen. Sara Jakubiak brilliert als Marta, eine kräftige, empörte, selbstbewusste Partie, und Jakubiak singt sie so klar und durchdringend, als sei sie ihr auf den Leib geschrieben. Die Celesta, das Engelsinstrument, ist das ihre, es begleitet sie durch die KZ-Szenen ebenso wie durch die, in denen sie sich wie ein Phantom unter die bessere Schiffsgesellschaft mischt; schließlich wird die Bühne ihr gehören, für einen letzten Aufschrei: Ich werde euch nie vergessen! Tanja Ariane Baumgartner singt die Lisa mit dunklem Timbre. Ihre Herzensaufwallungen gibt das Xylophon wieder, als wär’s der Pulsschlag, der pochend fragt, ob das alles wahr sein kann. Im Lager ist sie schmeichelnde Verführerin, die die beängstigend klaustrophobische Atmosphäre für ihre Zwecke nutzen will. Peter Marsh überzeugt als Walter mit seinem schön geführten Tenor, heftigst akklamiert ist freilich Brian Mulligan als Widerstandskämpfer Tadeusz, Martas Verlobter, ein Violinist, der sich weigert dem Kommandanten dessen Lieblingswalzer vorzugeigen. Den lässt zum Schluss Marta von der Kapelle auf dem Schiffsball spielen …

„Erst, wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen wir zugrunde“, diesen Spruch des Résistance-Kämpfers Paul Éluard haben Weinberg und Medwedew ihrer Oper vorangestellt. Und Zofia Posmysz, sie möge 120 werden, ist am 21. Mai im Festwochen-Zentrum im Künstlerhaus bei einem Salongespräch dabei. „Die Nacht dauert nicht ewig“, singt Tadeusz in der Oper. Gut achtgeben. Damit auch morgen die Sonne scheint.

Video, Interview Zofia Posmysz: www.youtube.com/watch?v=MfzK8a1z6co

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 21. 5. 2016

Berliner Theatertreffen: Thalheimers „Medea“

Mai 6, 2013 in Bühne

Das stille Schreien der Constanze Becker

Constanze Becker Bild: © Birgit Hupfeld

Constanze Becker
Bild: © Birgit Hupfeld

Mit frenetischem Jubel wurde am 3. Mai das 50. Berliner Theatertreffen eröffnet. Kein Wunder. Es gab die beklemmend großartige „Medea“-Inszenierung von Michael Thalheimer vom Schauspiel Frankfurt zu sehen. Der Antiken-Experte hat Euripides nicht durch den zeitgenössischen Fleischwolf gedreht, sondern klug (wie immer) die Essenz des grausamen Dramas herausgearbeitet – wobei gesagt sein soll: Euripides selbst hat den zweifachen Kindermord erfunden, in der Sage scheint er nicht auf.

Das Theaterglück an diesem Abend beginnt schon mit dem Auftritt der Josefin Platt als Amme. Eine alte, hinkende, schwarze Krähe bringt sie den Chor der korinthischen Frauen (allesamt: Bettina Hoppe) wegen des Medea geschehenen Unrechts auf. Jason, für den sie die Familie bestahl (Goldenes Vlies) und ermordete (den Bruder) hat sich der Königstochter Kreusa vermählt. Die wilde Hexe, die barbarische Zauberin, mit der er zwei Söhne zeugte, will er nicht mehr. Und König Kreon will die unberechenbare Kreatur erst recht loswerden. Und da ist sie schon: Medea. Constanze Becker. Ein Ereignis. Bühnenbildner Olaf Altmann hat auf einer schwarzen Ebene einen felsigen Vorsprung für sie geschaffen. Da steht, da kauert, da liegt sie, sucht mit den Händen an der glatten, kalten Wand Halt. Mit von Tränen verschmiertem Gesicht, mit verkratztem, blutigem Körper sieht sie ihren kommenden Untaten entgegen. Eine Schreckens- und Schmerzensfrau. Und dabei die vernünftigste Furie überhaupt. Denn sie weiß, dass die Söhne im fremden Regime fallen werden. Und wenn das schon geschehen muss, dann durch ihre eigene Hand.

Es gibt keine Worte, Constanze Beckers Stimme zu beschreiben. Oft findet ihre Medea selbst keine. Streckt in einem stummen Brüllen die Zunge aus dem Hals, als wolle sie sich diese herausreißen, hinausschreien. Ihr stiller Schrei schneidet sich durchs Zuschauerherz. Sie zürnt, sie fleht, will „Kreon“ Martin Rentzsch weichstimmen, vergiftet als das fehlschlägt bekanntlich mit dem Hochzeitskleid seine Tochter und ihn. Dann die Wahnsinnstat an den Söhnen. Den doppelten Kindermord illustiert eine Projektion riesiger Icons, die das Familienleben durchdeklinieren. Vom pochenden Ultraschall-Herzen bis zum geborenen Kind, von Windeln wechseln bis zur Ausfahrt mit dem Kinderwagen (Video: Alexander du Prel). Währenddessen Tinnitusverdächtige E-Gitarren-Riffs. Ein schräger, bösartiger Comic-Kommentar auf das Zweisamkeitsglücksversprechen.

Nun rückt der Vorsprung vor, wird zum Podium. Medea erscheint gewaschen, gekämmt, im Abendkleid. Und Jason, zu ihren Füßen kauernd, ist der Jammerlappen. Marc Oliver Schulze, der eben noch ganz Macho Medea die „Situation“, Verbannung und so, um die Ohren schleuderte, wird von Moment zu Moment kleiner, kleinlauter, schmutziger. Während sie wächst. Tonlos, wie sie, ist er in seinem Schmerz. Wie die ganze Truppe spielt sich auch Schulze die Seele aus dem Leib. Der Held hat alles Heroische verloren. Ihn erwartet die Einsamkeit. Die Halbgöttin ist auferstanden. Hat ihr vermenschlichtes Herz hart gemacht und wird das Urteil des Olymp erwarten. Und die Hoppe macht derweil Euripides Botschaft klar: Glücklich, wer dort lebt, wo es Gesetz und Gerechtigkeit gibt.

Eine Aufführung von unglaublicher Schärfe, von unverfälschter Brillanz. Das Publikum verweilte kurz im Schockzustand, bevor die Schönheit dieses Abends es aus den Sitzen riß.

www.berlinerfestspiele.de

www.schauspielfrankfurt.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6PrTJ0ZCphc

Von Michaela Mottinger

Berlin, 4. 5. 2013