Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

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  1. 4. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

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  1. 3. 2018

Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

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  1. 11. 2017

Robert Frank in der Albertina und im Kino

Oktober 22, 2017 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„The Americans“ und „Don’t blink“

Robert Frank: Wellfleet, Massachusetts, 1962. Bild: © Robert Frank, Sammlung Fotostiftung Schweiz, Schenkung des Künstlers

Ab 25. Oktober zeigt die Albertina eine Fotoschau mit Werken von Robert Frank. Franks zwischen 1955 und 195 aufgenommene Werkgruppe „The Americans“ schrieb Fotogeschichte: Während eines Road Trips durch die USA aufgenommen, beleuchtet Frank in grimmigen schwarz-weiß Bildern den „American way of life“ der Nachkriegszeit, den er als von Rassismus, Gewalt und Konsumkultur geprägt zeigt.

Seine Fotos entsprechen damit nicht dem Selbstbild der USA, das gleichnamige Buch kann zunächst nur in Europa veröffentlicht werden. Mit „The Americans“ gelingt Robert Frank eine der einflussreichsten Foto-Arbeiten der Nachkriegszeit, die die Street-Photography nachhaltig erneuerte. Die Albertina zeigt ausgewählte Fotogruppen, die Robert Franks künstlerischen Werdegang nachzeichnen: Von seinen frühen, auf Reisen in Europa entstandenen Fotografien über „The Americans“ bis hin zu seinen späten introspektiven Oeuvre werden zentrale Aspekte seines Werks beleuchtet.

Robert Frank: Rodeo – New York City, 1955. Bild: © Robert Frank, Fotostiftung Schweiz, Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur (BAK), Bern

Robert Frank: Kantine – San Francisco, 1956 Bild: © Robert Frank, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft

Der Dokumentarfilm „Don’t blink – Robert Frank“ von Laura Israel eröffnet die Robert Frank-Retrospektive im Filmmuseum. „I love mistakes“, sagte Robert Frank einmal, „sometimes they work out.“ Es ist wie ein Motto für seine (Film-)Kunst wie auch für die paradoxal anmutende Biografie des epochalen Fotografen und Filmemachers. Erst recht gilt es für den einnehmenden Film seiner langjährigen Weggefährtin und Cutterin Laura Israel. Mit pulsierender Punk-Energie quert sie Leben und Werk des 92-jährigen Fotokünstlers, der wie kein anderer die moderne Fotografie geprägt hat. Bis heute führt Frank, der Kompagnon von Beat-Legenden wie Jack Kerouac, ein Leben „on the edge more than on the main road“: voller Schicksalsschläge, Niederlagen und mit einer hart erkämpften Kompromisslosigkeit. Franks humorvolle Präsenz bildet den Kern dieses in Beatnik-Manier zusammengesetzten filmischen Mosaiks.

Zur Person:
Robert Frank wurde in Zürich als Kind einer Schweizerin und eines deutsch-jüdischen Vaters geboren. 1947 emigrierte er in die USA und veröffentlichte bald seine ersten Fotobände. Für „The Americans“ (1959), das heute als fotografisches Jahrhundertbuch gilt, schrieb Jack Kerouac das Vorwort. Frank drehte Filme wie „Pull my Daisy“ mit den Beat Poets Allen Ginsberg und Gregory Corso. Mit den Rolling Stones kooperierte er für den Tourfilm „Cocksucker Blues“ und das Cover-Artwork des Albums „Exile On Main Street“. Auch Walker Evans und Patti Smith, William S. Burroughs und Edward Lachman suchten die Zusammenarbeit mit dem stilbildenden Künstler.

www.albertina.at

www.dontblinkrobertfrank.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=vEV60iQNs-A&feature=youtu.be

22. 10. 2017

Robert Frank: Straßenbahn – New Orleans, 1956. Bild: © Robert Frank, Sammlung Fotostiftung Schweiz, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern

Robert Frank: 14th Street White Tower – New York City, 1948. Bild: © Robert Frank, Sammlung Fotostiftung Schweiz, Schenkung des Künstlers

Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

Oktober 6, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus „Kitty“ wird ein Graphic Diary

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Marc Chagall schon illustrierte eine limitierte Ausgabe ihres Tagebuchs. Zeitnäher, nämlich 1995, brachte das japanische Madhouse Animation-Studio einen Zeichentrickfilm heraus; von Ernie Colón und Sid Jacobson erschien 2010 eine Comic-Fassung. Es ist nicht so, dass es zu Anne Franks weltberühmten Aufzeichnungen, in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, keine Bilder gibt.

Nun also versuchen sich Ari Folman und David Polonsky am Stoff. Eindrucksvoll haben die beiden 2008 bewiesen, wie man eine schwierige Materie in Zeichnungen umsetzen, erklären und an ein großes Publikum bringen kann. „Waltz with Bashir“ heißt ihr Oscar-nominierter animierter Dokumentarfilm (www.waltz-with-bashir.de), dem ein Buch folgte, und in dem Folmans traumatischer Einsatz als israelischer Soldat im Ersten Libanonkrieg 1982 thematisiert wird.

Dem „Tagebuch der Anne Frank“ nähern sich der Texter und der Illustrator sozusagen auf Zehenspitzen. Behutsam haben sie sich in die Vorstellungswelt der 13-Jährigen vorgetastet; in einem Nachwort erklärt Folman, wie die Umsetzung der Einträge als Graphic Diary überhaupt möglich war. „Ich hatte große Bedenken“ schreibt er über sein Unterfangen, aus Annes Texten für sein Ansinnen passende auszuwählen und diese auch noch zu verdichten, damit ein lesbarer Buchumfang entstehen konnte. Bei gleichzeitigem selbstauferlegtem Arbeitsauftrag, dem Werk so treu wie möglich zu bleiben. Die Übung ist, lässt sich sagen, gelungen.

Folman und Polonsky lassen keinen Punkt aus, der Anne berührt hat. Und das sind neben der Angst und dem Hunger durchaus die üblichen Teenagersorgen: der Konkurrenzkampf mit Schwester Margot, der Liebeskummer wegen Peter van Daan, ihre Zimmerschlacht mit Zahnarzt Albert Dussel, der Ärger des Trotzkopfs über Zurechtweisung ob ihres als aufsässig empfundenen Benehmens. Menschen in einer extremen Ausnahmesituation werden den Ansprüchen eines Backfischs natürlich nicht gerecht …

Anne erlaubt Anne keine lästerliche Bemerkung über ihre Liebe zu Peter. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

In einem Tagalbtraum sieht sie ihre Schwester Margot im Viehwaggon. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Anne philosophiert über das intime Aussehen von Männern und Frauen, und über Frauenrechte. Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung sind in Fantasieszenen festgehalten. Eine der eindrücklichsten zeigt Anne als Munchs „Der Schrei“ und als Klimts „Goldene Adele“ – als Beispiel, wie sie sich fühlt und wie sie viel lieber sein möchte. An anderer Stelle marschieren schwarz-graue Nazi-Kohorten, färben sich schaurige Seiten-Tableaus blutrot – oder sieht Anne ihre Schwester in einem Tagalbtraum unterwegs im Viehwaggon.

Den kühnsten Kniff wagt Folman, wenn er Tagebucheintragungen zu fiktionalen Dialogen dramatisiert. „Lass mich doch einfach in Ruhe – ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Fall“, schreit Anne ihre Mutter an. Die erwidert: „Nicht in diesem Ton, Fräulein!“ Und als die van Daans einen Ehestreit haben, bemerkt Vater Frank trocken: „Hol mal schnell einer den Verbandskasten!“

So mancher dergestalt entstandene verbale Schlagabtausch bringt Heiterkeit ins Buch, während besonders prägnante Einträge ungekürzt übernommen sind. „Ach“, schreibt Anne, „ich werde ja so vernünftig! Alles muss hier mit Vernunft geschehen, lernen, zuhören, Mund halten, helfen, lieb sein, nachgeben, und was weiß ich noch alles! Ich habe Angst, dass ich meinen Vorrat an Vernunft, der ohnedies nicht besonders groß ist, viel zu schnell verbrauche und für die Nachkriegszeit nichts mehr übrig behalte.“ Und später: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.“

Nicht nur mit Worten, auch über die Bilder arbeiten Folman und Polonsky Anne Franks scharfsinnige Analyse ihres Ist-Zustands, ihr hohes Maß an Selbstreflexion und Mitgefühl, ihren Galgenhumor und ihren manchmal neunmalklugen Sarkasmus heraus.

„Ich fand es unfassbar“, schreibt Folman im Nachwort, „dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen …“ David Polonskys Zeichnungen sind klar, manchmal kleinteilig, manchmal erstrecken sie sich über eine ganze Doppelseite. Es ist eine in Sepiatönen gehaltene Umgebung, die er erschaffen hat, Farben,  selbst Schattierungen verwendet er nur sparsam. Graphische Erzählstrategien verfolgt er gar nicht, Polonsky ist im besten Sinne ein Illustrator des Textes.

„Kitty“ nennt Anne Frank ihr Tagebuch. Sie bekommt es am 12. Juni 1942 zum Geburtstag geschenkt. Da ist die Familie schon aus Frankfurt nach Amsterdam geflohen. Das in rotweißen Stoff gebundene Notizheftlein mit dem kleinen Schloss an der Vorderseite wird Ersatz für die Freundin, die sie nicht finden, wird zu „jemand“, dem sie sich rückhaltlos anvertrauen kann. Noch am Geburtstag beginnt sie in niederländischer Sprache ihre Eintragungen. Das Graphic Diary endet mit Annes letztem am 1. August 1944, drei Tage vor ihrer Verhaftung. „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird“, schreibt sie. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird …“

Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus, ihr Todesdatum muss zwischen Ende Februar und Anfang März liegen. Am 12. April wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Von den acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank den Holocaust.

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Über die Autoren:
Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.

S. Fischer Verlage, Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“, Graphic Diary, 160 Seiten. Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler und aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

www.fischerverlage.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wpcM0b7WDTk&feature=youtu.be

  1. 10. 2017