Volkstheater: Verteidigung der Demokratie

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalunterricht zu Zeitfragen

Nils Hohenhövel, Christoph Rothenbuchner, Thomas Frank, Birgit Stöger und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Theater findet nicht statt, nicht in dem Sinne, dass es Stück und Rollen gibt. Drama wird aber genug gemacht, und zwar mit einer deklamatorischen Aufgeregtheit, die dem thesenpapierenen Diskurs wohl etwas Leben einhauchen soll. Die Übung gelingt, zeigt der eine oder andere schwergewordene Kopf im Publikum, nicht gänzlich, „Verteidigung der Demokratie“ am Volkstheater ist wie Frontalunterricht zu Zeitfragen, erfordert fast zwei Stunden Höchstkonzentration, und das wird durch das Fehlen jeglichen Dialogs, jeglicher Spannungssituation nicht einfacher.

Dabei hat Regisseurin Christine Eder wie immer viel zu sagen, sie tut es in ihrer aktuellen Textcollage ausschließlich über Zitate, aus Reden, Aufsätzen, Artikeln, die sich mit Verfassung und Freiheit, Besitz, Markt und Politik befassen, und in denen das Demokratieverständnis auf dem Prüfstand steht. Der Titel von Eders von ihr so genannter „Politshow“ ist einer Schrift von Hans Kelsen entliehen, der Rechtswissenschaftler war Architekt der 1920 in Kraft getretenen österreichischen Verfassung, und dessen Biografie folgt der Abend umrisshaft.

Von seiner Vertreibung aus Österreich bereits 1929 über das Verunmöglichen seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz durch nationalsozialistische Studenten bis zum Exil in den USA, wo Kelsen, nunmehr Professor in Berkeley, vor dem McCarthy-Ausschuss aussagen muss. Hierzulande wiederum kam es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen über Kelsen, der umstrittene Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz sagte, „Er hieß ja eigentlich Kohn“, was zu Demonstrationen und zum Tod Ernst Kirchwegers führte, erst im Vorjahr wiederholt der FPÖ-Politiker Johannes Hübner den Ausspruch, gab danach – nach „Totschlag-Kampagne“ und „beinharter Zerstörungsstrategie“ gegen ihn – den Rücktritt bekannt, sehr bedauert von Herbert Kickl.

Fünf Schauspieler, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger, und vier Musiker, „Gustav“ Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki und Elise Mory, gestalten das Geschehen, und Rothenbuchner beginnt, kaum auf der Bühne erschienen, als Kelsen schon zu dozieren. Über Grundrechte, Kompromissfindung zwischen Mehr- und Minderheiten, über seine Reine Rechtslehre und seinen Glauben an den Staatssozialismus. Rothenbuchner macht diesen Kelsen bescheidwisserisch prophetisch zum Vehikel seiner Lebensthemen, alle längst vorformuliert und nun für die unwissende Zuschauerschaft wiedergekäut.

Kartonquader vor dem Zusammensturz: Symbol- wie Bühnenbild von Monika Rovan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Didi Kern, Elise Mory, Frank, Hohenhövel, Eva Jantschitsch und Imre Lichtenberger Bozoki. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rund um ihn reden andere Denker und Taktiker. John Locke, Friedrich von Hayek und Kelsens Schulfreund Ludwig von Mises, abgehandelt werden die Mont Pelerin Society, Maggie und ihr Thatcherismus, Michael Friedman und die Chicago Boys. Dass Kelsen 1973 gestorben ist, tut da nichts zur Sache, übrigens und apropos Chicago Boys im selben Jahr wie Salvador Allende, der chilenische Staatspräsident hier leuchtendes Vorbild für seinen Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren, schließlich von den USA und dem von ihr unterstützten Pinochet’schen Militärputsch in den Suizid getrieben.

Die Stoßrichtung ist also klar. Gegen latenten Faschismus und hegemonialen Neoliberalismus. Gegen den Laissez-Faire-Kapitalismus. Gegen Europa als Elitenprojekt. Gegen den „toxisch-patriotischen Hassatem“. Gegen die Verbotsgesellschaft. Die linke Faust kämpferisch in die Höh‘ gestreckt, wird gezeigt, auf welch tönernen Füßen Demokratie steht, wenn man nicht auf sie aufpasst, wie auf das Untergraben der Rechtsstaatlichkeit die Rechts-Staaten folgen, wie „präventive Sicherheitsgesetze“ die Grundrechte des einzelnen aushöhlen und so mit der Verfassung brechen.

Dazu gibt es als Symbol- das Bühnenbild von Monika Rovan, lose aufgestapelte Kartonquader, die schleichend entfernt werden, bis sie in sich zusammenkrachen. Oder von Thomas Frank umgerannt werden. Parallelen vom Historischen zum Heute – siehe etwa die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 – schafft Eder durch die slapstickartigen Anrufe ihrer Schauspieler bei der „Terrorhotline“ des „Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie“. Hier wird „besorgten Bürgern“ von „Experten“ erklärt, dass der „Gefährder“ stets dunkelhäutig ist und arabisch spricht, hier kann man wegen des „Flüchtlingsterrors“ den Ausstieg Österreichs aus der Menschenrechtskonvention fordern. Hier erfährt man, warum die Beschneidung ebendieser unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Freiheit ist. Hier sagt Katharina Klar den unheimlichen Überwachungsstaatsatz „Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?“ Dies just an dem Tag, an dem sich der Protest wieder formiert.

Wo „Verteidigung der Demokratie“ doch so etwas wie Emotion aufkommen lässt, ist in der Musik von „Gustav“ Eva Jantschitsch, die ihren Synthesizersound mit Referenzen an Delia Derbyshire oder Wendy Carlos speist. Wenn sie über den „Narzissmus der Gekränkten/vermengt mit Größenwahn“ singt, kann einem schon die Gänsehaut kommen. Wie schön wär’s erst gewesen, hätte sich Christine Eder, statt sich in die Materialschlacht zu begeben, darauf besonnen, dass Theater von Darstellen kommt. Mehr Performance statt Proseminar, das wäre Mehrwert statt Lehrwert. So aber brummt einem vom Gesagten und Widergesagten und Wiedergesagten in erster Konsequenz der Schädel.

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  1. 10. 2018

Burgtheater: Der Besuch der alten Dame

Mai 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Güldener Humor in Güllen

Geld, nicht Gefühl, regiert die Welt: Burghart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frank Hoffmann inszenierte Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Burgtheater, und was man dazu sagen kann, ist: Keine besonderen Vorkommnisse. Der Luxemburger Regisseur und Intendant der Ruhrfestspiele – die Aufführung ist eine Koproduktion – ließ seiner Riege Burgstars Raum und Zeit, ihr ganzes Können zu entfalten, setzte dabei zumindest anfangs ganz aufs Komödiantisch-Groteske.

Und fiel weder angenehm noch unangenehm durch überbordende Regieeinfälle oder zwanghaftes Aktualisieren auf. Güldener Humor in Güllen, sozusagen. Alles schön solide. Handwerklich perfekt, aber mit wenig Kontur. Dass Dürrenmatt in Anmerkungen davon abriet, sein Stück als Allegorie zu sehen, und damit wohl vor verfremdendem Pathos warnen wollte, nimmt Hoffmann allzu genau. Er lässt das Geschehen weitgehend wie vom Blatt abrollen, und findet dabei weder Distanz noch Nähe dazu. Was die Tragikomödie hergibt, wenn hier „Im Namen von Europa“ die „abendländischen Prinzipien“ beschworen werden, muss man sich schließlich selber zusammenreimen. Hoffmann überlässt sich über weite Strecken einem kommentarlosen, einem so ort- wie zeitlosen Ablauf der Handlung.

Im düsteren Bühnenbild von Ben Willikens entfaltet sich, was ein Albtraumspiel hätte werden können; wie in einer unaufgeräumten Lagerhalle auf einem verlassenen Industriegelände liegen und stehen die Reste menschlicher Existenzen herum. Darin die Güllener, bis auf Petra Morzé als Mathilde Ill, ein sangesfreudiger Männerchor, Dietmar König als freigeistiger Lehrer, Daniel Jesch als athletischer Polizist, Marcus Kiepe als hinterfotziger Arzt, Michael Abendroth als doppelzüngiger Pfarrer, aufgescheuchte Honoratioren, Opportunisten und Pragmatiker, die das Geld schon verplanen, bevor Korruption überhaupt geschehen ist. Seltsam drübergespielt wirkt das alles.

Nur Roland Koch gibt den geschwätzigen Bürgermeister als Kabinettstückchen, immer wieder wird er von lauter Musik, von krachenden, scheppernden Industriegeräuschen in die Schranken gewiesen. Der berühmte Panther rührt sich lauthals aus dem Off – Raubtierkapitalismus, eh klar. Petra Morzé gelingt als Mathilde ein eigenes Kunststück. Wie sie mit ihrem Alfred einen Ausflug im Auto genießt, von dem sie weiß, dass es sein letzter sein wird, drückt sie in einem Jammerschrei aus, der angstvoll klingen soll, aber schon ein Leben ohne ihn anstimmt.

Die Güllener spekulieren aufs große Ganze: Burghart Klaußner, Michael Abendroth, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Petra Morzé, Dietmar König und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und mitten drin die Happel mit konkavem Hütchen und kess ausgestelltem Rocksaum. Maria Happel glänzt als Milliardärin Claire Zachanassian, ist als solche hier weder Monster noch Kunstmenschin, sondern eine aus Fleisch und Blut, keine Dämonin, sondern eine geschäftstüchtige Multikonzernmanagerin, der auch einmal die Gefühle aufsteigen. Wiewohl die schnell wieder weggedrückt werden.

Wie Happel von skurriler Fröhlichkeit zu eiskaltem Furor wechselt, ist sehenswert, am eindrücklichsten die Szenen mit dem großartigen Burghart Klaußner als Alfred Ill, da wird ein Übers-Haar-Streichen gleichsam zum Todesurteil. Wobei Klaußner den Ill nicht als vordergründig rattig-ängstlichen Kleinbürger, sondern als Mann mit stolzer Würde anlegt. Gegen Ende nimmt der Abend Fahrt auf, wenn die finale Bürgerversammlung Ill aburteilt und die abgewrackte Stahlhütte bis fast an die Rampe heranrückt. Da geht das Saal-Licht an und mit den Bürgern, die unter Ausreden, mit Ausflüchten und zugunsten der Konjunktur über den Tod befinden, sind natürlich die Zuschauer gemeint. Das ist zwar keine nagelneue Inszenierungsidee, aber immer noch eine wirkmächtige. Wie aus dem langen, zufriedenen Applaus zu schließen.

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  1. 5. 2018

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

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  1. 4. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

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  1. 3. 2018

Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

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  1. 11. 2017