Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

God’s Own Country

Oktober 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und also kam der gute Hirte

Emotionale Begegnung zweier junger Männer in der kargen Landschaft von Yorkshire: Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe. Bild: Agatha A. Nitecka

Das Morgengrauen hat für Johnny eine einschlägige Bedeutung. Als ihn die Kamera das erste Mal einfängt, übergibt er sich in die Klomuschel, die Schultern zucken, der Rücken bebt, fast sieht es aus, als würde er beim Kotzen Weinen. Was er niemals tun würde, was aber kein Wunder wäre, denn das Leben des 24-jährigen Farmersohnes ist karg, einsam, trostlos. Er bewirtschaftet den abgewirtschafteten elterlichen Bauernhof.

Und lässt die Tiere genauso verkommen wie sich selbst, die Rückseite der Kühe so verschissen wie seine Existenz. Die Mutter ergriff vor Langem die Flucht, der Vater schuftete sich in den Schlaganfall, die Großmutter nimmt mit Gleichmut hin, was das Schicksal ihr aufbürdet. Konversationen im Haus sind kurz und grob, und abends gibt sich Johnny im Pub dem Suff und ab und zu einem harten Toilettenfick unter Männern hin. Da engagiert der Vater zu Johnnys Unwillen den Saisonarbeiter Gheorghe. Der Junge aus Rumänien soll beim Lammen helfen …

„God’s Own Country“, ab heute in den heimischen Kinos, ist einer der schönsten Filme des bisherigen Kinojahres. Das Filmdrama überzeugt mit dem eindringlichen Spiel seiner Darsteller, allen voran Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe, aber auch Gemma Jones und Ian Hart als Großmutter und Vater sind gewohnt großartig. God’s own country nennen die Briten die archaische Weite der Grafschaft Yorkshire. Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee ist in der Gegend aufgewachsen, konsequent nur, dass er sein Langfilmdebüt in einem Landstrich und über einen Menschenschlag dreht, die er wie sich selber kennt.

Nimmt ihr Schicksal klaglos an: Gemma Jones als Großmutter. Bild: Agatha A. Nitecka

Ian Hart spielt den von einem Schlaganfall gezeichneten Vater. Bild: Agatha A. Nitecka

Diese Authentizität merkt man seinem Film an, der die von englischen Filmemachern perfektionierte Kurvengängigkeit von Sozialdramen mit einem Hauch Fabelhaftigkeit schafft. Lee erzählt seine Story in realistischen, unsentimentalen Bildern von harscher Schönheit, die Erweckung eines emotional Verkrüppelten in einer großen, gewaltigen, anfangs auch gewaltsamen Liebe, und in ihrem Wahrhaftigsein ist sie ein Märchen, das ans Herz rührt. Denn mit Gheorghe kommt gleichsam der gute Hirte in die seelische Wüstenei. Er ist wohlerzogen, sensibel, im Gegensatz zu Johnny immer gewaschen.

Er tut mit Liebe, was Johnny mit verbitterter Pflichterfüllung erledigt. Er repariert, erhält am Leben, macht aus jeder Tragödie neue Hoffnung: Als ein Lamm tot geboren wird, nimmt er dessen Fell, um einem verwaisten anderen die Aufnahme in die Herde zu ermöglichen. Und als es schwanzwedelnd das erste Mal von einem Mutterschaf trinkt, hat er Tränen in den Augen … Auch dies ein Moment von Echtheit. Denn das Lammen – wer jemals die BBC-Serie „All Creatures Great and Small“ gesehen hat, erinnert sich, was es bedeutet, wenn hunderte Schafe im eiskalten Yorkshire-Frühjahr gleichzeitig gebären – ist kein Computertrick. Schauspieler Alec Secareanu, erzählt Regisseur Lee im Interview, „ging bei der Arbeit mit dem Vieh richtig auf, vor allem was das Zurweltbringen der kleinen Lämmer betrifft.“

In einer verfallenden Hütte kommen die beiden einander beim Schafe hüten näher. Bild: Agatha A. Nitecka

Gheorghe knackt Johnnys harte Schale: Josh O’Connor und Alec Secareanu. Bild: Agatha A. Nitecka

Kein Computertrick, die Schafe lammen in echt, die Schauspieler helfen tatsächlich. Bild: Agatha A. Nitecka

Es kommt, wie’s kommen muss. Die beiden Gleichaltrigen gehen in den Infight, Johnny und Gheorghe verfallen erst einander langsam,  zu groß sind die Unterschiede zwischen ihnen. Aus Konkurrenz- wird Faustkampf, aus diesem schließlich eine Umarmung. Ein Umklammern wie unter Ertrinkenden. Plötzlich kann Johnnys versteinerte Miene lächeln und lachen. Gheorghe bringt ihm nicht nur Zärtlichkeit bei, sondern auch – in jeder Bedeutung des Wortes – Verlust der Scham. Die Großmutter beäugt und ahnt. Was soll schon von einem kommen, der osteuropäischen Schafskäse macht? Zum ersten Mal auf ihrer Farm!

Und dann überspannt Johnny den Bogen, im Pub herrscht Ausländerfeindlichkeit, Gheorghe geht weg und Johnny ihn suchen. Und er weint … Josh O’Connor brilliert in diesen Szenen, in denen er die unterschiedlichen Gefühlslagen von Johnnys Erschütterung spielt. Großartig sein Gesicht, in dem jede Regung seine Wut, seine Verzweiflung, sein Geschundensein, seine Verletzlichkeit widerspiegelt. Die Kamera von Joshua James Richards gleitet darüber, wie über die schroffe Landschaft. Gheorghes „Schuld“ ist, ihn geknackt zu haben, und das lässt er ihn immer wieder spüren.

Für Innigkeit und Zuneigung muss er erst durch deren Verlust bereit werden. Alec Secareanu ist ein wunderbarer Gegenpart, in seinem Gesicht eine Sanftmut, manchmal auch Unmut, die tatsächlich neutestamentarisch ist. Sein Gheorghe bringt die aus welcher Kraftquelle auch immer geschöpfte Energie auf, die Geduld und die Empathie, um Johnny bei seiner Reise zu einem neuen, besseren Ich anzuleiten.

„God’s Own Country“ hat Preise bei der Berlinale, inklusive des Teddy Award, beim Filmfestival Sundance, in Edinburgh, San Francisco und Toronto gewonnen, nun sollte er zum Liebling an den Kinokassen werden. Gesagt sei noch, dass es Francis Lee mit seinem zartbitteren Film in keiner Minute darum geht, eine ohnedies unnötige Legitimation fürs Schwulsein gedreht zu haben. Er zeigt einfach, wie Liebe … ist.

www.godsowncountry.film

  1. 10. 2017

Volkstheater: Supergute Tage

Juni 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wunderbarer Verstand

Matthias Mamedof Bild: © Christoph Sebastian

Matthias Mamedof
Bild: © Christoph Sebastian

Am Anfang des zweiten Teils fällt der Satz. „Das ist ein Buch und kein Theaterstück“, protestiert Christopher. Ja, das hatte man sich vor der Pause schon eineinhalb lange Stunden lang gedacht. Doch gerade an der Stelle, wo der Satz gesagt wird, ist er eigentlich unfair, weil Matthias Kaschigs Inszenierung nach der Pause endlich in Fahrt kommt.

Stardramatiker Simon Stephens versuchte sich daran, den (im englischen Sprachraum) Bestsellerroman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon zum Stück zu machen. Das heißt nun „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ und hatte am Volkstheater Österreichische Erstaufführung. Stephens, früher Sozialarbeiter in einer Einrichtung für Jugendliche mit Problemen, hat das Buch entschmalzt und – wie’s seine Art ist – zum Sozialdrama umgearbeitet. Das ist gut. Die Story hat mit Genie und Wahnsinn zu tun. Mit  Überwindung. Von sich selbst und den Lügen, die einem die Umwelt auftischt. Der 15-jährige Christopher Boone (Matthias Mamedof) hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Der Hund der Nachbarin wird mit einer Heugabel ermordet. Christopher schwört, diesen Mord aufzuklären und pilgert von Haustür zu Haustür, um Beweise zu sammeln. Die Lösung des Falls ist dann schrecklicher als angenommen. Und enthüllt weitere Furchtbarkeiten: Christopher, der bei seinem Vater (Patrick O. Beck) lebt, glaubte seine Mutter (Martina Stilp) tot, dabei ist sie mit einem anderen, dem Nachbarn mit dem nunmehr toten Hund, durchgebrannt. All das strömt auf den Buben ein, während er sich – als einziger an seiner Förderschule jemals – auf einen Mathematiktest vorbereitet. Ein Platz auf dem College wartet auf ihn … also quasi A Beautiful Mind ohne Russell Crowe.

Christopher schreibt über all dies ein Buch, das „Lehrerin“ Annette Isabella Holzmann vorliest. Die Figuren folgen der von ihr vorgetragenen Handlung. Marschieren dazu – warum auch immer – wie „Irre“, einmal als Zombies, über die Bühne. Stilp „redet“ die Briefe, die sie ihrem Sohn jahrelang schrieb und die der Vater in seinem Kleiderkasten, wo Christopher sie findet, versteckte selber. Es wird also viel erzählt in diesem ersten Teil. Mehr als ein Theaterstück aushält. Dazu kommt die Pilgerschaft des Protagonisten, von netter Nachbarin (Claudia Sabitzer glänzt in unzähligen Rollen von labil bis senil) zu verständnisvollem Polizisten (Thomas Bauer, ebenfalls mehrere Figuren verkörpernd, wieder einmal so vielseitig, wie er kann. Und sehr schön kann er spooky! Und noch schöner den Golden Retriever, den Christopher am Ende geschenkt bekommt ;-)) und retour. Das dauert. Und nichts tut sich. Keiner hat was gesehen, keiner weiß was. Gähn!

Das einzige, das sich bewegt, ist das Bühnenbild (Michael Böhler). Einerseits steril, wie die Wände einer Nervenheilanstalt (bitte nicht schon wieder nach den „Letzten Tagen …“), ist es andererseits ein Tetrisspiel, dessen Elemente raus- oder reingeschoben als Schubladen, Hocker, abnehmbare Behältnisse dienen. Darauf werden auch (Video: Francis Eggert und Vera Knab) poetische Bilder projiziert. Der Sternenhimmel, ein schwarzes Loch, das alle Erwachsenen verschlingt, Smiley Icons, die London Underground – Christoper begibt sich auf die Suche nach seiner Mutter – und und und … Eigentlich ist das Bühnenbild der Hauptdarsteller des Abends. Nein. Das stimmt nicht. Der ist und bleibt Matthias Mamedof, der eine großartige Fallstudie hinlegt. Er ist ebenso entzückend wie beängstigend. Niemals pathetisch, weinerlich, weil ja nicht „krank“, er folgt nur seiner eigenen Logik. Und die ist oft logischer als die konventionelle. Eine fulminante Leistung. Der Patrick O. Beck als seinen Sohn überbehütender, gegen alle Widerstände fördernder, dennoch manchmal überforderter Vater in nichts nachsteht. Auch Martina Stilp überzeugt als Mutter, die vom ersten in den zweiten Teil ihren Weg aus der Belastung, einen Teenager zu haben, der sich bei Schwierigkeiten auf den Boden wirft, schreit, um sich schlägt, nicht beruhigen, nicht berühren lässt, finden muss.

Alles in allem wären die Tage supergut, wenn man aus der ersten Hälfte ein wenig Luft abließe, heißt: den Teil um etwa 20 Minuten straffte. Aber es war ja gerade erst Premiere. Und damit ist noch nicht aller Tage Abend.

www.volkstheater.at

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014