Theater an der Wien streamt: Thaïs

April 21, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Konwitschnys Neudeutung ohne Keuschheitskitsch

Bühne frei für den Star der Show: Roberto Saccà als Nicias, Nicole Chevalier als Thaïs und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Zeitgemäße Bilder für zeitlose Opernstoffe zu entwickeln, das ist bekanntermaßen die Domäne von Peter Konwitschny. Immer wieder gelingt es ihm, am Theater an der Wien zuletzt 2017 für Werner Egks „Peer Gynt“, dramatische Überhöhungen zu erden, und für des Menschen Liebe, Leid und Lust aktuelle Analogien zu finden. Das ist mitunter provokant, immer aber werktreu. Auch bei seiner jüngsten Regiearbeit am Theater an der Wien, Jules Massenets selten gespielter

Comédie lyrique „Thaïs“, wieder mit Leo Hussain am Pult, glückt Konwitschny die Übersetzung ins Heute. Kein einfaches Unterfangen beim Inhalt: asketischer Mönch will teuerste Kurtisane von Alexandria bekehren, ist erst angeekelt, dann erfüllt vom Errettungsgedanken, schleift sie Richtung Nonnenkloster kreuz und quer durch die Wüste, sie stirbt, er erkennt seine Liebe, aber wie gesagt: sie stirbt.

Sonntag war die Corona-bedingte Premiere auf ORF III, nun ist die Inszenierung via TVthek.ORF.at und myfidelio.at abzurufen, und Konwitschny kann’s bildgewaltig bei gleichzeitiger Abspeckung vom Schwulst. Und siehe, die Story von der Hetäre, die zur Heiligen wird, passt beinah 130 Jahre nach ihrer Entstehung wie die Faust aufs Aug‘ zur Radikalität jetziger Tage. Fast scheint’s als ließe Konwitschny auf der Opernbühne einen Glaubenskampf austragen, die religiösen Fanatiker gegen die Konsumextremisten.

Wie sie die Hände in die Höh‘ reißen, die Zönobiten in der Ödnis, wenn sie von der Dämonin singen, ein spaßbefreiter, lustloser Orden. Zumindest bis dahin, da den erhabenen Herren der Schöpfung die Kutte zu eng wird, ob eines Erotikalbtraums, in dem Teufelsweib Thaïs direkt der Unterwelt entsteigt, um die Männer mittels Kopfschusses hinzurichten. Heiß sind sie nun alle auf den Heiligen Krieg gegen die Sünderin und ihre Spießgesellen – und es ist genau dieser Mix aus Angst und Affekt, der seit der Entthronung der Muttergöttinnen zu Unterdrückung, Ungleichbehandlung, Hexenjagden führt.

Flirrend leicht ist das alles musiziert, das Werk bei Leo Hussain und dem Radio-Symphonieorchester Wien bestens aufgehoben. Die großen Striche, Konwitschny lässt für „Thaïs“ knapp zwei Stunden gelten, die Straffung verleiht der Partitur Charakter, und Hussain bemüht sich um fein gestaltete Dynamik. Er dirigiert einen SängerInnen-freundlichen Massenet, der trotz des Thaïs-üblichen Sentiments durchaus Ecken und Kanten hat. Das RSO, im Verein mit dem stets fabelhaften Arnold Schoenberg Chor, hat seinen Blick zur Gegenwart des Werks gewandt, und vermeidet den verklärten in die Aufführungstraditionen der Vergangenheit.

Nicole Chevalier als Thaïs. Bild: © Werner Kmetitsch

Samuel Wegleitner als Amor. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier und Josef Wagner als Athanaël. Bild: © Werner Kmetitsch

Als Motto mag gelten: Glamour ja, Klimbim nein. Konwitschny hat, „um den vermeintlichen Kitsch zu attackieren“, wie er im Programmheft sagt, wo unbedingt sein Text „Thaïs für Fortgeschrittene“ nachzulesen ist, alle Darstellerinnen und Darsteller mit Flügeln versehen lassen (Ausstatter: Johannes Leiacker). Deren Farbe und Größe macht die gesellschaftliche Stellung klar. Die schwarzen in XL kennzeichnen Athanaël auf seinem Kreuzzug ins ungelobte Land, den Josef Wagner mit sonorer Stimme, sehr apart an seinem Auftrag leidend und mit selbstgerechter Strenge gibt.

Allein der Satz „Ich hasse dich für dein Wissen und deine Schönheit“, nicht Thaïs, sondern Alexandria, siehe: Bibliothek von …, sagt alles aus über Engstirnigkeit. Ist es überzogen, wenn man an die 100.000 verbrannten Bücher von Mosul, Nimrud, Hatra oder Palmyra denkt? Wie in den eines heidnischen Gottes tritt Athanaël in den „Konsumtempel“ seines Jugendfreunds Nicias, der tadellose Tenor Roberto Saccà, ein Nachtclub offenbar, muss sich dort auslachen, verspotten und von dessen neckisch Bordsteinschwalben, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale, necken lassen.

Wie hübsch er sei, singen sie, während sie ihm unter den Kittel wollen. Eindeutig greift Konwitschny hier auf den 1890 erschienenen Skandalroman von Anatole France und dessen antiklerikale, satirische Elemente zurück, und wie für Victoria’s Secret Engel öffnet sich ein Laufsteg für ein paar Leichtgeschürzte, deren letzte, die Raubkatze auf dem Catwalk, Thaïs ist. Mit glutroten Federboa-Flügeln: Sopranistin Nicole Chevalier, elegant, kultiviert und dennoch vor Leidenschaft lodernd. Schnell zieht sie eine Line, bevor sie und Nicias medienwirksam ihre Trennung bekannt geben.

Ein Kamerateam umschwirrt die Thaïs, das Mikrophon über ihrem Kopf gleich einem Damoklesschwert, dies der Preis für jegliche Sensationspresse-Berühmtheit. Der traurige Wahn, den sie Athanaël vorwirft, von dem ist sie punkto Jugendwahn selbst umzingelt. Die boshafte Jeunesse dorée begibt sich auf Selfie-Hatz nach dem Sonderling, der aber ist, als ob’s keine Todsünde wär‘, ein jähzorniger Gotteskrieger. Thaïs beklagt – Spiegelarie! – im stillen Kämmerlein ihr Dasein in der Welt des schönen Scheins und ihre Panik vorm Älterwerden, da packt sie der Mönch mit dem Spruch vom ewigen Leben, da beißt sie an.

Josef Wagner, Günes Gürle als Palémon und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Josef Wagner, Roberto Saccà, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier, Josef Wagner und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Am Ende ihres Weges angelangt: Nicole Chevalier und Josef Wagner. Bild: © Werner Kmetitsch

Athanaël landet in der Sinne Streit zwischen ihren Schenkeln, aber ihr Antlitz soll sie verbergen, das hat der Feminist und versierte Beziehungsanalytiker Konwitschny mit Finesse inszeniert. Athanaël wird buchstäblich zum Todesengel, als er Thaïs‘ kleinen Amor zerstört, hier Sängerknabe Samuel Wegleitner mit rotem Hahnenkamm – und welchen Effekt das macht, wenn statt Nippes zerbrochen, ein Kind „erschossen“ wird.

Das sind Szenen, die bleiben. Leiackers leere Bühne gibt den spiel- und sangesstarken Protagonisten Raum für die überbordenden Emotionen ihrer Figuren. Sie sieht in Amor die reine Liebe, er allein hat die lasterhaften Gedanken, droht schon wieder: Ich schließe dich in eine enge Zelle ein, er nimmt sie mit vorgehaltener Waffe als Geisel seines Gottes. Es kommt der Moment, da Thaïs, Athanaël und Nicias zu dritt auf dem Sofa sitzen, und sie schließlich, von den Männern und deren Hahnenkampf bedrängt, beide wegstößt, abschüttelt, lacht oder weint sie im Irrwitz der Situation? Dabei hätt‘ Thaïs bleiben sollen, aber nein: … Méditation!

„Man kann den Figuren ab da beim Menschwerden zuschauen“, sagte die Chevalier bei den Proben. Die Flügel sind nun ab, die Sache mit dem Kult hie wie da gegessen. Beinah noch gibt es ein Pogrom gegen den frommen Pilger, der an dieser Stelle – pardon! – als der Bösewicht gelesen wird. Aber eben: Pistole – und ab geht’s ins schwarze, von wegen Metapher mit Geldscheinen zugemüllte Nichts. Die durch die Hölle gehen, bis in den güldenen High Heels die Füße bluten.

Dass Thaïs am Ende in ebender Versenkung verschwindet, aus der sie zu Beginn emporgestiegen ist, mag man als Konwitschnys Absage an alle Ismen deuten, seien sie religiöser, politischer oder kapitalistischer Unnatur. Die „Thaïs“ aus dem Theater an der Wien jedenfalls ist eine intensive Produktion, der eine Wiederauferstehung auf der Bühne zu wünschen ist. Bis dahin … via Bildschirm!

Die Inszenierung ist bis 24. April via TVthek.ORF.at und ab sofort auch auf der Klassik-Streaming-Plattform myfidelio.at als Video on demand abzurufen.

www.theater-wien.at          tvthek.orf.at           www.myfidelio.at/massenet-thais-theater-an-der-wien            Trailer: www.facebook.com/TheateranderWien/videos/243681014114713

  1. 4. 2021

Art Carnuntum: Thyestes

Juni 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe

Überbackene Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe: Thyestes (Robert Waltl) wird gewahr, was Atreus (Marko Mandić) ihm angetan hat. Bild: © Barbara Pálffy

Eine Art archaisch anmutender Obertongesang, noch ist es Stammvater und erster Sünder Tantalus, der ihn singt, geht in den wummernden Ton einer E-Gitarre über. Eine furchterregend sinistre Soundkulisse entsteht, bis später ein Knabe einfach vor sie tritt und leise Geige spielt. Eine Anspielung auf den Lyra spielenden Kaiser? Derlei Hinweise findet mehrere, wer mag …

Art Carnuntum startet das Welt-Theater-Festival 2017 mit Lucius Annaeus Senecas „Thyestes“. Seneca, genannt der Jüngere, Stoiker und Erzieher von Nero als Thronfolger, von Zeitgenossen – vor allem Tacitus – bereits angefeindet, über Wasser zu philosophieren, aber an der Herrschertafel den besten Wein zu trinken, schließlich von Nero zum Selbstmord veranlasst, war auch Verfasser der einzigen erhaltenen Tragödien der römischen Antike.

Er schrieb sie wohl auch zu Erziehungszwecken, um dem künstlerisch fanatisch begabten Nero ein paar Lehren zu erteilen. Schrieb bereits psychologische, weitestgehend „gottlose“ Dramen, in denen es um Laster, Wahn und die Hybris von Herrschern geht. Schrieb über Zorn als seelische Veranlagung und Aggressivität, die in der menschlichen Natur liegt. Legte also quasi auf der Bühne dar, wie’s zuging im Julisch-Claudischem Hause – und das war ja bekanntlich nicht so weit von den griechischen Horrormythen entfernt.

Nun also „Thyestes“. Eine der grausamsten, wenn nicht die grauslichste aller Familienstorys, die Hellas zu bieten hat. Regisseur Ivica Buljan, vergangenes Jahr mit dem New Yorker La MaMa Theatre und „Pylade“ in Carnuntum zu Gast (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21209), hat sie als Koproduktion des Mini theater Ljubljana, Novo kazalište Zagreb, Zadar snova und Silba Environment Art inszeniert. Und auf den Kern der Sache reduziert. Von den fünf verfluchten Frevlergenerationen zeigt er gerade eineinhalb in gerade mal eineinhalb Stunden. Und er hat wieder seinen Star ins Amphitheater mitgebracht: Marko Mandić. Der gibt allerdings nicht den Titelantihelden, sondern den Schurken des Stücks – dessen Bruder Atreus.

Atreus bespricht den Mordplan mit seinem Berater: Marko Mandić und Benjamin Krnetić. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus belauscht seine Ahnen Pelops und Tantalus: Milena Zupančič in Karton-Kothurnen und Gregor Prah. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus, König von Mykene, wird von seiner Ehefrau mit Thyestes betrogen. Der so Gehörnte schwört bitterste Rache und tötet Thyestes’ Söhne – wiederum einen Tantalus, Plisthenes und einen namenlos bleibenden Knaben -, um sie ihm als Hauptgang beim Festmahl vorzusetzen. Der ruft danach die Götter an, aber Oh weh! Die in der Mythologie nun folgende Aigisthos-Episode lohnt es sich jedenfalls nachzulesen …

Buljan lässt die ganze antike Anlage des Amphitheaters bespielen. Die Schauspieler turnen nicht nur über die Bühne (diese und die Zuschauerreihen sind bei Art Carnuntum überdacht), sondern auch über die römische Befestigungsmauer (auch die sehr gute deutsche Übersetzung wurde auf die Steinmauer projiziert) und rollen sich atemberaubend gefährlich über den dazugehörigen Erdwall. Wie immer, wo Mandić draufsteht, geht es um völlige Verausgabung, um einen theatralen Trancezustand, um Wahnsinn, der die Könige mehr und mehr regiert. Und seine Darstellerkollegen tun es ihm gleich, als gäb’s in Slowenien keine Versicherung für Schauspieler.

Die Aufführung ist wild und ekstatisch, sehr körperlich, nackt und bloß, gewaltig und gewalttätig. Niemand schont sich – und schon bald ist ein Ellenbogen, der von Gregor Prah, aufgeschürft. Mandić selbst ist eine Urgewalt, ein Schauspielgott unter den Sterblichen, denn in seiner Darstellung stets larger than live. Wie er seine Wut ins Amphitheater schreit, dieser zornige Intrigant, wie er um die Gunst des Publikums buhlt, mit ihm verschwörerisch augenrollende Blicke tauscht, wie er vorgibt, mit dem Bruder den Thron teilen zu wollen, und ihn erst einmal mit Früchten abfüttert und mit Wein trunken macht, dann selbst die Rache auskostet – Mandić ist ein Paradebösewicht.

Robert Waltl, ganz golden geschminkt, gibt dazu den Thyestes als leichtgläubigen, gutmütigen Familien- und Sinnenmenschen, höflich gesagt, man könnte auch sagen: den Völlerer, der frisst und säuft und rülpst, während hinter ihm seine Kinder zur Opferung in den Tempel verschleppt werden. Es folgt ein ausführlicher Metzelbericht vom „Boten“ Benjamin Krnetić, dem unter anderem diese Rolle zukommt. Eine Detailbeschreibung der Gliederabtrennungen und deren Zubereitungsarten, da muss man schon hartgesotten sein, um dieses Menschengrillfest auszuhalten.

Na, dann Prost! Noch gibt es Wein und Früchte: Robert Waltl und Marko Mandić. Bild: © Barbara Pálffy

Schon ganz der Vater: France und Voranc Mandić üben sich als zwei der Söhne des Thyestes im Schaukampf. Bild: © Barbara Pálffy

Mandićs Söhne France und Voranc sind als die jüngeren beiden Thyestes-Söhne zu sehen, und eindeutig fließt in den Adern der beiden Vaters Theaterblut. Sie zeigen gleich beim ersten Auftritt mit einem Schaukampf, was sie können, doch lässt ihr kindlicher Übermut sie nie aus der Rolle fallen. Gregor Prah schließlich spielt Tantalus mal zwei, den den Eingangsmonolog führenden Urgroßvater und den ältesten Sohn des Thyestes, in beiden Rollen ein zorniger junger Mann, der vor Ärger mit den Füßen stampft, dem Frieden sowieso nicht traut – und so durch die Generationen, Milena Zupančič wacht als Pelops auf Kartonschachtel-Kothurnen am Rande der Bühne über das Familienunglück, Anklage zu erheben.

Buljans Interpretation des „Thyestes“ ist ein hypnotisches Theaterereignis, die kluge Bearbeitung eines immerwährenden Stoffes, und hervorragend schonungslos gespielt. Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin hat einmal mehr eine Bühnensensation zu seinem Festival geholt. Man freut sich schon auf die kommenden Wochen.

Das gesamte Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

Wien, 25. 6. 2017