Kunstforum Wien: KAIROS. Der richtige Moment.

September 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolfgang Beltracchi & Mauro Fiorese zeigen ihre Werke

Wolfgang Beltracchi bei der KAIROS-Ausstellung in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

Zeitgeschichtliche Ereignisse und kulturhistorisch bedeutsame Momente, die von den Meistern ihrer Epoche nie gemalt wurden, erhalten in „KAIROS. Der richtige Moment“ ihre zweite Chance. Der Maler und ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der Fotograf Mauro Fiorese und der Kunstförderer Christian Zott machen sich auf die Suche nach den Leerstellen der Kunst. Kairos ist der griechische Gott für den richtigen Moment einer Entscheidung.

Die europäische Kunstgeschichte besteht aus unzähligen Entscheidungen, die zusammen bestimmen, welche Kunstwerke wir sehen – und welche nicht. Die Ausstellung „KAIROS. Der richtige Moment“, ab 4. September im Kunstforum Wien zu sehen, wirft einen Blick auf das Ungesehene in der Kunst, vergessene Werke und solche, die nie entstanden sind. Dazu vereint die Ausstellung Arbeiten des italienischen Fotografen Mauro Fiorese und des deutschen Malers Wolfgang Beltracchi.

KAIROS in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

KAIROS in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

Mauro Fiorese besuchte für seine Serie „Treasure Rooms“ die Depots bedeutender europäischer Museen. Die dort verborgenen Schätze nehmen keinen exponierten Platz in der Kunstgeschichte ein. Ihr Moment, um gezeigt, besprochen und verehrt zu werden, scheint verstrichen. In Fioreses Fotografien kehren sie nun in die Ausstellung zurück. – Für „KAIROS. Der richtige Moment“ malte Wolfgang Beltracchi bedeutende historische Ereignisse, die uns aus heutiger Sicht in der Kunstgeschichte fehlen. Ihr Moment, um von einem großen Maler der vergangenen 2.000 Jahre festgehalten zu werden, ist verstrichen. In Beltracchis Gemälden sind diese Motive nun in den Handschriften der Meister ihrer Zeit entstanden.

Wolfgang Beltracchi: Eden, 2017. Handschrift: Max Beckmann, 1947/48

Mit dieser Ausstellung ermöglicht Christian Zott, die europäische Kunstgeschichte mit anderen Augen zu sehen. Das Kunstprojekt verbindet auf spielerische Weise Vergangenheit und Gegenwart: Aus zeitgenössischer Perspektive ergründet es nicht nur, was war, sondern auch, was hätte sein können. In Zusammenarbeit mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern präsentiert „KAIROS. Der richtige Moment“ die Hintergründe der Kunstgeschichte am Beispiel ungesehener Werke.

Über die Künstler: Wolfgang Beltracchi kam 1951 als Sohn eines Kirchenmalers unter dem Namen Wolfgang Fischer zur Welt. Bereits in jungen Jahren ging er seinem Vater zur Hand, vertiefte sich in dessen Arbeit ebenso wie in Kunstbände. Spielerisch schaffte er damit die Grundlage für sein profundes künstlerisches Verständnis und außerordentliches handwerkliches Geschick, mit dem er die Kunstwelt verblüffen und auch täuschen sollte. www.wolfgang-beltracchi.com

Der Fotograf Mauro Mauro Fiorese (1970 bis 2016) hat mit seinem Werk internationales Ansehen erlangt. Seine Arbeiten wurden unter anderem in der Bibliothèque Nationale de France in Paris, dem Museum of Fine Art in Houston und dem Museo die Fotografia Contemporanea in Mailand ausgestellt. Anfang 2016 wurde er im Rahmen des World Economic Forum in Davos als einer der gesellschaftlich bedeutendsten Künstler weltweit ausgezeichnet. www.maurofiorese.com

 

www.kunstforumwien.at            www.kairos-exhibition.art

1. 9. 2019

Kunstforum Wien: Eyes Wide Open

Mai 9, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Stanley Kubrick als Fotograf

Stanley Kubrick: Showgirl – Kubrick photographing Rosemary Williams, 1949 Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.  Bild: © SK Film Archives, LLC

Stanley Kubrick: Showgirl – Kubrick photographing Rosemary Williams, 1949
Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.
Bild: © SK Film Archives, LLC

Das Bank Austria Kunstforum zeigt die Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“. Stanley Kubrick (1928–1999) gilt als einer der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Seine perfekt inszenierten filmischen Meisterwerke, darunter „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“, „The Shining“ oder „Eyes Wide Shut“, wirken zeitlos und haben unser (Film-)Sehen maßgeblich geprägt. Die Frühjahrs-Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“ im Bank Austria Kunstforum Wien schlägt ein bis dato zu wenig bekanntes, frühes Kapitel von Kubricks bildgestalterischer Karriere auf: Ab Mitte der 1940er-Jahre entstehen im Auftrag der Zeitschrift Look über 300 Fotoessays, die es Kubrick ermöglichen, sich detailliert mit Komposition, Atmosphäre und Timing zu beschäftigen und so eine ganz eigene visuelle Erzähltechnik und Bildsprache auszubilden.

Alles beginnt damit, dass Kubrick als 16-jähriger Hobbyfotograf im April 1945 ein Foto macht, das einen alten Zeitungsverkäufer in seinem Kiosk zeigt. Deprimiert blickt dieser auf die feilgebotenen Zeitungen, die mit den Schlagzeilen „Roosevelt Dead!“ und „F.D.R. DEAD!“ den Tod des US-amerikanischen Präsidenten verkünden. Kubrick stellt sich mit der Aufnahme, die das nationale Gefühl von Trauer und Zukunftsangst auf den Punkt bringt, und dabei angeblich alles andere als ein Schnappschuss, sondern das Ergebnis intensiver „Regiearbeit“ mit dem Zeitungsverkäufer ist, bei mehreren New Yorker Zeitungen vor. Das Look-Magazine kauft Kubrick das Bild meistbietend ab und veröffentlicht es etliche Wochen später. Als Kubrick 1946 die Highschool verlässt, heuert er als staff photographer bei Look an und wird von der Zeitschrift ab diesem Zeitpunkt mit zahlreichen, höchst unterschiedlichen assignments beauftragt. Im Mittelpunkt von Kubricks Fotoessays steht zumeist, wie auch später in seinen Filmen, ein außergewöhnliches, oft einsames, menschliches Schicksal. Kubrick beobachtet einen kleinen Schuhputz-Jungen auf den Straßen New Yorks, verbringt einen Wettkampf-Tag an der Seite des Boxers Rocky Graziano, besucht Betsy von Fürstenberg, eine aufstrebende Jung-Schauspielerin, oder fotografiert einen riesigen Zirkus hinter den Kulissen. Kubricks Fotos sind auch ein Abbild der US-amerikanischen Metropole: New York wird in den späten 1940er-Jahren, in denen Europa in Schutt und Asche liegt, endgültig zur „neuen Hauptstadt der Welt“. Das urbane Spektakel wird im Kleinen wie im Großen festgehalten, individuelle Geschichten verbinden sich zu einer groß(städtisch)en Erzählung.

Zeitschriften wie Look oder LIFE lösen bereits ab Ende der 1930er-Jahre in der US-amerikanischen Gesellschaft einen regelrechten Hunger nach neuen Bildern und Geschichten aus. Während sich LIFE dem American Century verschreibt, nimmt Look sich der Hintergrundgeschichten, oft auch mit New York-Bezug, an. Kubrick macht in viereinhalb Jahren für Look kolportierte 27.000 Fotografien von denen an die 1.000 Aufnahmen auch publiziert werden. Die Lehrjahre bei Look erlauben es Kubrick, seine Leidenschaft, visuelle Geschichten zu inszenieren nach und nach zu perfektionieren. In der Redaktion lernt er, wie kreative Prozesse im Team funktionieren, eine nicht unwesentliche Erfahrung für seine spätere Arbeit als Filmemacher. Die Entscheidung, nicht bei der Fotografie zu bleiben, sondern 1951 seinen ersten Dokumentarfilm zu drehen – „Day of the Fight“, der um den Boxer Walter Cartier konzipiert ist, den er auch für Look fotografiert hat – wirkt rückblickend als logische Konsequenz.

Die Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“ im Bank Austria Kunstforum Wien versammelt zwanzig ausgewählte Fotoessays, jeder einzelne Fotoessay bildet dabei einen eigenen erzählerischen Kosmos. Dem Publikum wird damit die Entdeckung von Kubricks fotografischem Frühwerk, das zahlreiche Rückschlüsse auf sein späteres filmisches Werk erlaubt und gewissermaßen die Keimzelle seiner bildgewaltigen und durchkomponierten Filmästhetik bildet, ermöglicht. Neben den Fotografien, die sich im Besitz des Museum of the City of New York befinden, mit dem das Bank Austria Kunstforum Wien für die Ausstellung kooperiert hat, werden auch Original-Ausgaben des Look-Magazines, in denen Kubricks Fotoessays erschienen sind, gezeigt, die verdeutlichen, dass Kubricks Fotos ursprünglich für ein Zusammenspiel von Bild und Text angelegt waren.

www.kunstforumwien.at

Video: https://www.youtube.com/watch?v=B6BjgA37qyI

Wien, 9. 5. 2014