Garage X: Unendlicher Spaß

Januar 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Bedenken Sie, Sie befinden sich in Ihrer Freizeit.“

Julia Jelinek, Karim Chérif; hinten: Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger, Tim Breyvogel Bild: Yasmina Haddad

Julia Jelinek, Karim Chérif; hinten: Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger, Tim Breyvogel
Bild: Yasmina Haddad

In Interviews sagte er gern, er schreibe gegen den Leser. Das mißvergnügte Verlage und Pressedamen, die die Verkaufszahlen in den Keller sinken sahen. David Foster Wallace scherte das alles nicht. Der US-Autor hinterließ als Vermächtnis 1,5 Kilo Literatur, genannt „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“), bevor er aus dem Leben schied. Depressionen. Seil. Garage. In der Garage X hob nun Regisseurin Christine Eder die 1545 Seiten Buch auf die Bühne. Inhalt? Ja, etwas in der Art gibt es. In Form eines in Nordamerika angesiedelten Science-Fiction-Romans. Die USA, Kanada und Mexiko haben sich zu einem Staat zusammengeschlossen, wobei der Ostküste die undankbare Funktion einer radioaktiven Giftmülldeponie zukommt. Hier regiert ein ehemaligen Schlagersänger namens Johnny Gentle, der den Kalender an Sponsoren verkauft hat, weshalb man im „Jahr des Whoppers“ oder im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ lebt. Natürlich gibt es Terroristen. Die grotesk-gefährlichsten unter ihnen ist die québécois-kanadische Separatistengruppe „Assassins des Fauteuils Rollents“, die „Rollstuhlattentäter“. Im Mittelpunkt steht aber die Enfield Tennis Academy (E.T.A.), die die Tennisstars von morgen drillt. Allen voran das Supertalent Hal Incandenza, Musterschüler und Drogenjunkie. Irgendwie muss man mit dem Leistungsdruck ja fertig werden. Deshalb haben die Nachwuchsasse auch einen Zeitvertreib erfunden, der einen Nuklearkrieg mit Tennisbällen nachstellt und mit realen Verletzten endet. Während die Terroristen die Zerschlagung dieser Spaßgesellschaft planen. Wallace beschreibt das mit der ihm eigenen blut-, schweiß- und tränentriefenden Ironie. Immer knapp am Rande des Wahnsinns. Ist der Leser. Witz und Schrecken schrauben sich gegenseitig hoch. Wallace entwirft ein Kaleidoskop von Gesundheitsfanatikern, Ruhmsüchtigen, Alkoholikern und perversen Tiertötern. Dazu gibt’s Anmerkungen, Fußnoten, die bis zu zwölf Seiten lang sind. Und kein tatsächliches, zufrieden stellendes Ende.

In der Garage X wird all das auf fünf Schauspieler und ein paar Tennisbälle, die den Schriftzug „Welcome“ bilden, eingedampft. Mehr braucht es auch nicht. Denn Tim Breyvogel, Karim Chérif, Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger und Julia Jelinek entwickelt eine Spielfreude, dass es eine Freude ist. „Unendlicher Spaß“ ist garantiert – drei Stunden 15 Minuten lang. Da applaudiert man am Ende nicht nur den Darstellern, sondern auch irgendwie sich selbst. Auch, wer das Buch nicht kennt, kennt sich aus. Die Fassung von Anna Laner und Meike Sasse lässt nichts Wichtiges von der komplexen Wallace-Welt aus. Eder setzt auf Tempo, schmückt mit Schatten- und Puppenspielen, mit Grimassen und Travestien, mit rasantem Kostüm- und Requisitenwechsel aus. Ein Glück, dass das Ensemble dafür konditionell auf der Höhe ist. Eder gelingt es fabelhaft, Wallace ironische Schreibdistanz aufs Theater zu übertragen. Nach zweieinhalb Stunden wird der Spaß-Gesellschaft ein Schild vorgehalten: „Bedenken Sie, Sie befinden sich in Ihrer Freizeit.“ Ja, danke und danke der Nachfrage. Man amüsiert sich. Bei diesem Zugetextetwerdens auf hohem Niveau. Allen voran überzeugt Karim Chérif als Hal Incandenza und beinloser québecischer Separatist. Bernhard Dechant hat ein Kunstsprechkabinettstück als deutscher Tennistrainer. Am Ende erklingt „Eye of the Tiger“. Das ist zwar ein Boxsong, aber das muss man sportlich nehmen. Die Garage X liefert jedenfalls einmal mehr ein Statement ab – als Bühne am Puls der Zeit. Spiel, Satz & Sieg!

Tipp: Wallace-Einsteigern sei sein Debütroman „Der Besen im System“ empfohlen: Lenore Beadsman arbeitet in der Telefonzentrale eines erfolglosen Verlages in Ohio, der ihrem Freund Rick Vigorous gehört. Rick liebt sie über alles, hat aber Probleme mit dem Sex und erzählt ihr als Ersatz Geschichten, in denen Lenore nicht selten die Hauptrolle spielt. Um seine Probleme zu lösen, besucht er regelmäßig einen Psychiater, den auch Lenore konsultiert. Das Verhältnis Lenores zu ihrer Familie ist getrübt, lediglich ihrer Großmutter und Namensgeberin Lenore sen. fühlt sie sich verbunden. Lenore sen. ist jedoch aus dem Altersheim zusammen mit 25 Mitbewohnern und einem Teil der Angestellten verschwunden – und mit ihr ein wertvolles Notizbuch, das die Aufzeichnungen einer Wittgenstein-Vorlesung enthält, dessen Schülerin Lenore sen. war … Eine herrliche Dystopie, in der die Menschen im immer währenden Schatten des Hauptgebäudes des Telekommunikationsriesen leben, ihr Stadtviertel ein Schattenriss der Tochter des Medien-Moguls.

www.garage-x.at

Wien, 28. 1. 2014

Maria Bill ist einfach „Glorious!“

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volkstheater-Chef Michael Schottenberg

inszeniert mehr Klamauk als Tragikomödie

Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Fernsehformate wie NYDS (New York sucht den Superstar) hat’s anno 1920 noch nicht gegeben. Und sie wären auch unnötig gewesen. Der „Big Apple“ hatte sich seine Königin der falschen Töne längst erkoren: Florence Foster Jenkins. Millionenerbin und ob ihres Reichtums bemüßigt ihr „Talent“, das Singen, unters auserlesene Volk zu bringen. Vom Ritz-Carlton-Hotel bis zur Carnegie Hall rührte sie ihre Fans zu Tränen. Es dürften solche des Lachens dabei gewesen sein. Denn FFJ – mit einer unerschütterlichen Begeisterung und einem enormem Glücksgefühl – traf auf der Bühne kaum einen Ton. Egomanisch taumelte sie zwischen Dur und moll. Unbremsbar in ihrer Selbstverwirklichung. Den Gesang nicht in der Kehle, aber im Herzen.

Autor Peter Quilters macht 2005 das Stück „Glorious!“ aus dem Stoff. Eine Tragikomödie über eine Frau, zu naiv um Boshaftigkeit zu bemerken. Oder so intelligent, so gut erzogen, um sie elegant ignorieren zu können. Am Volkstheater ist Maria Bill die Idealbesetzung. Von Erika Navas einmal in Strass und Engels- Straußenfedern, einmal in ein altspanisches rot-schwarzens Donnakostüm mit Rüschen und Spitzen gehüllt, gibt der Gesangsstar eine wundervoll krähende Carmen, jault Mozart, Verdi, Richard Strauss, besser, als es ihre von Inge Maux spazierengetragenen Schoßhündchen jemals könnten. Die Bill spielt dieses Leben voller Illusionen in verkitschtem Ambiente, in überladenen Ballsälen. IHR gilt der Applaus.Till Firit gibt dazu einen stoischen Cosmé McMoon, FFJs Pianisten, der la Diva durch alle Misstöne ihrer Kunst begleitet – und, wie man es von ihm schon aus „Mein Freund Harvey“ kennt: sich der Schmiere verweigert; Ronald Kuste ist ein schön schürzenjägerischer, stets leicht alkoholisierter Ehemann St. Clair Bayfield.

Bleibt Regisseur Michael Schottenberg. Der „Glorious!“ offenbar für allzu leichte Kost hielt. Auf Schenkelklopfen setzt, wo auch einmal Entsetzen über das Schicksal dieser Frau angebracht gewesen wäre. Von Spott und Häme der Kritiker ihrer Zeit ohnedies schon überzogen, macht er FFJ noch zur Opernschreckschraube. Mehr Subtilität wäre angebracht gewesen. Grell ist nämlich bekanntlich auch schmerzhaft.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/maria-bill-im-gespraech

Wien, 30. 9. 2013

Maria Bill im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Glorious!“ am Wiener Volkstheater

Till Firit, Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 29. September hat am Wiener Volkstheater „Glorious!“ Premiere – eine Bühnenbiografie von Florence Foster Jenkins. Schon zu Lebzeiten eilte ihr der Ruf voraus, die schlechteste Sängerin der Welt zu sein, dieser schillernden Persönlichkeit des New Yorker Gesellschafts- und Künstlerlebens der 1920er- bis 40er-Jahre. Die reiche Erbin erfüllte sich in reiferem Alter ihren Lebenstraum von einer Gesangskarriere. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein trat sie bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Konzerten vor ihr Publikum, Kritik und Zweifel fochten diese exzentrische und willensstarke Frau nicht an. Dabei war ihre Gesangsdarbietung – gelinde gesagt – abenteuerlich. Mit Intonation und Rhythmus nahm sie es nicht besonders genau, mit traumwandlerischer Sicherheit schrammte sie an vielen Noten des klassischen Liedguts vorbei. Zu hören ist dies heute noch durch eine Handvoll Tonaufnahmen. Bei der berühmten Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte oder bei der „Glöckchenarie“ aus Delibes’ Lakmé ist auch die stoische Ruhe ihres Begleitpianisten Cosme McMoon zu bewundern, der ihr durch alle Unwägbarkeiten geduldig folgt. Florences Auftritte wurden zu einer Art Geheimtipp, hatten Kultstatus in Philadelphia und später in New York, wo sie einmal pro Jahr im Ritz-Carlton-Hotel vor ausgewähltem Publikum in extravaganter Aufmachung erschien. 1944 kam es zu ihrem legendären Konzert in der Carnegie Hall, das in kürzester Zeit bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Das Publikum liebte sie aus einer Mischung von Rührung und Belustigung. Florence sang mit einer unerschütterlichen Begeisterung und ihr Glücksgefühl übertrug sich auf ihre Zuhörer. Das Stück des  englischen Dramatikers Peter Quilter ist eine Hommage an diese unglaubliche Frau und wurde bei seiner Uraufführung 2005 am Londoner Westend zu einem großen Erfolg. Ein kluger und umwerfend komischer Abend, der zeigt, wie man seinen Traum gegen alle Widerstände lebt. „People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.“ („Die Leute könnten behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“) Dieser Satz von Florence Foster Jenkins ist auch auf ihrem Grabstein zu lesen.

Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Maria Bill:

MM: Die wichtigste Frage zu Beginn: Wie kann jemand, der so eine großartige Stimme hat wie Sie, so singen wie Florence Foster Jenkins? Sie hat es ja geschafft jeden Ton NICHT zu treffen. Ich habe die Rachearie aus Mozarts „Zauberflöte“ von ihr gehört. Das ist abenteuerlich, als ob einer „der Katze auf den Schwanz steigt“.

Maria Bill: Das ist nicht einfach, das stimmt. Aber ich habe so unglaublich viel Liebe für diese Figur, für diese schwer zu fassende Persönlichkeit entwickelt, dass es gelingt. Sie war eine Künstlerin, über die die Leute einerseits gelacht, andererseits von Herzen applaudiert haben. iese Frau hat ihren Traum gelebt hat. Das trauen sich viele nicht. Und falls man Gehör hat, wird man auch das „Richtige“ im „Falschen“ hören. Ein Kritiker schrieb allerdings, er würde seinen Feinden wünschen, eine Stunde Florence Foster Jenkins hören zu müssen… Dabei war sie als Mensch offenbar sehr liebenswert, von großer Naivität, – sie glaubte,  zur Diva geboren zu sein.

MM: Florence Foster Jenkins starb mit 76 Jahren, nach einem Konzert, bei dem Sie sich völlig verausgabt hatte. Wie beurteilen Sie das Tragikomische der Figur?

Bill: Das war ein Konzert in der Carnegie Hall, bei dem 3000 Tickets zu Höchstpreisen weggingen. 2000 Leute mussten weggeschickt werden. Es hat eben immer auch Unterhaltungswert „über jemanden zu lachen“ – das ist tragisch. Sie aber war glücklich dabei. Wer kann das von sich behaupten? Dieses Glück weiterzuschenken sah sie als ihre Bestimmung an. Dabei hatte sie Verehrer von Caruso bis Cole Porter. Ersterer sagte: „Dieser Saal wird nie wieder etwas Ähnliches zu hören bekommen.“ Das kann man wunderbar zweideutig auffassen, – sie hat das als Kompliment verstanden. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit ihr klar war, wie sie falsch singt. Nach Studioaufnahmen beispielsweise fand sie „ein Tönchen gegen Ende – möglicherweise“ nicht astrein – der Tontechniker meinte: „Um einen Ton würde ich mir keine Sorgen machen.“ Sie hörte das Positive und konnte dem Leben ebensolches abgewinnen. Ihr Vater, ein Banker, war absolut dagegen, dass sie als Sängerin öffentlich auftritt, offenbar war er musikalischer als sie. Als er starb, hatte er ihr so viel Geld hinterlassen, dass sie auftreten konnte, wo immer sie wollte. Um ihren „Feinden“ zu „trotzen“, musste sich übrigens jeder, der eines ihrer Konzerte besuchen wollte, persönlich bei ihr vorstellen.

MM: Hätten Sie das auch gerne?

Bill: Um Gottes Willen! Nein. Ganz im Gegenteil. Bleibt das Publikum anonym für mich, bildet es eine Einheit. Ich bin im Kopf richtig „besetzt, abgelenkt, wenn ich weiß, dass zum Beispiel meine Eltern drinsitzen.

MM: Menschen wie Florence Foster Jenkins, die sich um ihr Geld alles kaufen können, werfen natürlich auch die Frage nach modernem Mäzenatentum, nach Sponsoren auf …

Bill: Wenn Kunst durch Mäzene zensuriert wird, fehlt ihr die Freiheit… Florence Foster Jenkins hat so etwas allerdings nie gebraucht. Sie hat sich mit ihrem Vermögen ihre Auftritte selbst gesponsert oder Konzerthallen gemietet.

MM: „Modern“ an der Geschichte scheint auch, dass sich da jemand selbst zum Star machte. So etwas kennt man heute am besten aus dem Fernsehen. Florence Foster Jenkins als Urmutter der It-Girls?

Bill: Ja, es gibt Menschen, die sich selbst inszenieren, und es gibt Plattformen, die das kaufen. Der Unterhaltungswert ist der, dass sich diese Leute lächerlich machen. Das sind meist gescheiterte, bedauernswerte Existenzen, die sich dem aussetzen. Florence Foster Jenkins hingegen hat sich rar gemacht. Sie gab ganz wenige Konzerte im Jahr. Schlechte Kritiken haben ihr sicher zugesetzt… Unter einem ihrer Programme stand: „Oh Sänger, wenn du nicht träumen kannst, lass dieses Lied ungesungen.“ Niemand wird jemals behaupten, dass Florence Foster Jenkins nicht träumen konnte. Sie schöpfte Freude und Kraft aus der Musik, und war überzeugt, diese Freude weiterschenken zu müssen.

MM: Sie haben Ihr Publikum 2012 mit einer „Farewell Tour“ Ihrer Lieblingslieder aufgeschreckt. Das war aber offenbar nicht so ernst gemeint. Es gibt demnächst eine neue CD.

Bill: Also: „aufschrecken“ wollte ich niemanden. Vor zwei Jahren entschloss sich die Plattenfirma, die ersten CDs, die längst vergriffen waren, mit Liedern wie „I mecht landen“ oder „Der Kaktus“ als Doppel-CD neu herauszubringen. Daraus wurde die „Farewell Tour“, ein Programm mit den Liedern von damals, – einmal noch! Abschied zu nehmen vom Singen, – damit würde ich mir selbst eine Lebensader abschneiden. Eben habe ich neue Piaf-Lieder mit meinen Musikern einstudiert. Diese Lieder werden im Piaf-Theaterabend eingebaut und in Konzerte. Die Geschichte dieser starken, emanzipierten Frau zu erzählen, die verschwenderisch lebte und liebte, das macht für mich Sinn. Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als nach einem Konzert ein älteres Ehepaar auf mich zukam und sagte: „Wir haben heute Abend beschlossen, wieder mehr Feste zu feiern.“ Ist das nicht großartig? Das ist auch mein Motto: Den Tag zu nehmen, wie er ist, und ihn zu leben.

MM: Die neue CD erscheint am 10. Oktober. Wie muss ein Lied – oder auch eine Rolle – sein, dass Sie sich interessieren?

Bill: Das passiert nach Lust, Emotionen, Empfinden. Das entsteht durch Tipps, Anhören, Verlieben. Eines der neuen Lieder brachte ein Musiker mit ins Studio: Norbert Glanzberg, der für Piaf das berühmte „Padam, padam“ oder „Mon manège à moi“ geschrieben hat, komponierte auch das eher unbekannte „Le ballet des coeurs“. Das nehmen wir jetzt auf.

MM: Florence Foster Jenkins hatte auf der Bühne einen Pianisten, im Volkstheater spielt ihn Till Firit, der sie über alle Unwegsamkeiten begleitet hat. Wie wichtig sind Bühnenpartner für Sie?

Bill: (Sie lacht.) Ja, der arme Mann musste alle ihren falschen Töne und Rhythmen nachhoppeln.  Florende Foster Jenkins hatte es auch mit Texten nicht so genau genommen , hat bei nicht-englischsprachigen Arien einfach das gesungen, was sie verstanden hat. Mit Bühnenpartner ist es wie mit Lebenspartnern: Wenn die Chemie stimmt, geht alles wie von selbst, dann fühlt man sich gut aufgehoben. Und zu Till Firit darf ich sagen, dass er diesbezüglich einer meiner liebsten Kollegen ist.

MM: Wenn Sie sich, wie Florence Foster Jenkins, alles kaufen könnten, was wäre das?

Bill: Uff. Da muss ich nachdenken. – Pause – Ich würde mir eine Wohnung kaufen, damit ich keine Angst haben muss, einmal auf der Straße zu stehen. Ich würde mein Kind finanziell absichern und schöne Reisen machen wollen. Und den Rest würde ich umverteilen – dorthin, wo’s gebraucht wird.

MM: Michael Schottenberg ist der Regisseur von „Glorious!“. Wie geht er an das Thema heran?

Bill: So, dass Komödie und Tragödie sichtbar werden. Es darf nicht das Bild einer Lachnummer gezeigt werden, sondern  glaubhaft gemacht werden, dass sie sich als Diva erlebte, bezaubernd unfähig, einen Ton zu treffen und dabei Glück zu empfinden. Und die Beweggründe ihrer Fans, die sie über alles geliebt haben, sollen verständlich gemacht werden. Weil sie ein Herz hatte, weil sie Chuzpe hatte. Dem muss man etwas Positives abgewinnen können, um diese faszinierende „Künstlerin“ zu begreifen. Das wird eine Gratwanderung, die wir schön austarieren müssen.

www.volkstheater.at

www.mariabill.at

Zum Reinhören – Florence Foster Jenkins‘ „Rachearie“: www.youtube.com/watch?v=6h4f77T-LoM

Wien, 24. 9. 2013

Elysium

August 12, 2013 in Film

Die Reichen leben auf einer Insel der Seligen

Matt Damon ("Max") in ELYSIUM.   © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Matt Damon („Max“) in ELYSIUM.
© 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Sein Erstling, der südafrikanische Film „District 9“, wurde von Presse und Publikum gefeiert. Nun legt Regisseur Neill Blomkamp mit „Elysium“, griechisch für „Insel der Seligen“, seine zweite Science-Fiction-Action vor. Den Kampf zwischen Arm und Superreich tragen die Oscar-Preisträger Matt Damon und Jodie Foster aus. Kinostart ist am 15. August.

Inhalt: Im Jahr 2154 gibt es zwei Sorten von Menschen: die Superreichen, die auf einer makellosen, von Menschen gebauten Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der überbevölkerten, heruntergewirtschafteten Erde haust. Die Menschen auf der Erde setzen alles daran, der hohen Kriminalitätsrate und der großen Armut, die auf dem Planeten herrscht, zu entkommen. Und sie benötigen dringend den hohen Standard medizinischer Versorgung, den es nur auf Elysium gibt. Doch einige Leute auf Elysium schrecken vor nichts zurück, um rigide Anti-Einwanderungsgesetze durchzusetzen und den luxuriösen Lebensstil ihrer Elite zu bewahren. Der einzige Mensch, der die Chance hat, so etwas wie Gleichberechtigung in diese beiden Welten zu bringen, ist Max (Matt Damon), ein ganz normaler Mann, der verzweifelt versucht, nach Elysium zu gelangen. Während sein Leben an einem seidenen Faden hängt, übernimmt er widerwillig eine gefährliche Mission. Eine Mission, bei der er gegen Elysiums Ministerin Delacourt (Jodie Foster) und ihre Hardliner-Truppen antreten muss. Doch falls er gewinnt, kann er nicht nur sein eigenes Leben retten, sondern auch das von Millionen Menschen auf der Erde.

„Ich hoffe unser Film vermittelt eine hoffnungsvolle Message“, sagt Hauptdarsteller Matt Damon. „Auch in einer Zukunft, wo jeder für sich selbst kämpfen muss, kann sich der Mensch Menschlichkeit bewahren. Ein Zufall, dass die Dreharbeiten gerade begannen, als an der Wall Street die „99 Prozent“-Occupy-Bewegung aktiv war? Damon jedenfalls kannte Blomkamps Parabel „District 9“ und traf den Filmemacher, als der gerade mit den Graphic Novels von „Elysium“ beschäftigt war. Damon über dieses Kennenlernen: „Nach 20 Minuten war mir bewusst, dass ich dem nächsten James Cameron gegenüber saß. Ich wäre bereit gewesen, alle anderen Termine sausen zu lassen, um bei diesem Projekt dabei zu sein.“ Dieser Allegorie über schon jetzt bestehende Unterschiede bei der Gesundheitsvorsorge und Verelendung etlicher Staatsbürger, die Verschärfungsschreier, was Asylpolitik betrifft. Alles auch in Österreich Thema.

Als Max zeigt sich Matt Damon in völlig neuem Look: glatzköpfig, tätowiert, muskelbepackt. Um seine Mission erfüllen zu können, muss er sich zu einer Art Maschinen-Mensch im androiden Kampfanzug umoperieren lassen. Damon: „Neill gab mir eine Zeichnung und sagte: Schau‘ so aus!, also ging ich zu meinem Fitnesstrainer und bat ihn: Mach‘ das aus mir.“ Ein Glück, dass wenigstens der Anzug nur knapp 13 Kilo wog.  Damons Dämon, Jodie Foster, spielt die Verteidigungsministerin von Eylsium. 108 Jahre alt, kann sie sich noch erinnern, wie die Erde immer mehr zu Sodom und Gomorra wurde. Ein zweites Mal muss diese Entwicklung verhindert werden. Foster: „Ihre Maxime lautet: Wenn du Elysium jedem gibt’s, gibt’s du es am Ende niemandem.“ Der Schauspielstar weiter: „Ich liebe das Thema dieses Films, im Sinne von, dass es mir sehr wichtig ist. Die Reicher werden reicher, die Armen werden ärmer. Das bestimmt alles. Von der Tatsache, wer einer vergifteten Umbegebung entfliehen kann, bis zum Umstand, wer – allein schon deswegen – Kinder bekommen wird. Die Kluft ist tief geworden. Die Menschen leben buchstäblich in zwei Welten.“

Gedreht wurde in Mexico City, als die Erde, und in Vancouver, als Elysium. Was eigentlich schon alles sagt. Für besondere Special Effects holte man sich „Blade Runner“- und „Alien“-Legende Syd Mead. Muss eine Ehre gewesen sein, mit ihm zu arbeiten.

www.elysium-film.de

www.itsbetterupthere.com/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=NqhyCKjSYkI

Trailer: www.youtube.com/watch?v=vSAS79fBVxs

Von Michaela Mottinger

Wien, 12. 8. 2013

David Markson: Wittgensteins Mätresse

Mai 29, 2013 in Buch

Wahn oder Realität?

9783827008176Eine Frau monologisiert: Der Bogen spannt sich von Achilles und den Kampf um Troja bis zum niederländischen Maler Willem de Kooning (gest. 1997) – über 336 Seiten. Und das großartig: „Allerdings“ oder „Nebenbei gesagt“, wie sie gerne ihre Sätze beendet.

Die Künstlerin Kate nimmt den Leser mit auf eine Reise, quer durch alle Kontinente – eine Reise hin zu den Kunstwerken, Büchern, Museen und sonstigen Denkmälern der menschlichen Kultur und erzählt Anekdoten, Historisches und Fiktives. Alles fließt ineinander, die Epochen verschmelzen.
Kate selbst war eine bedeutende Malerin und scheint die einzige Überlebende einer Katastrophe zu sein, die die Menschheit ausgelöscht hat. Auch ihr Mann und ihr Sohn sind tot, gestorben in Mexiko. Wo ist der Rest der Menschheit? Und so hält sie sich für den letzten Menschen auf Erden. Doch gab es sie wirklich — jene Apokalypse, die nur sie allein verschont hat? Oder ist Kate wahnsinnig geworden? Aus der Zeit gefallen? „Bedeutet aus der Zeit gefallen wahnsinnig, oder bedeutet aus der Zeit gefallen einfach vergessen?“, fragt sich Kate, die nicht mehr weiß, wie alt sie ist (vermutlich um die 50). Keine Lebewesen existieren mehr – aber vielleicht ist die Katze, die sie im Kolloseum gesehen hat, doch real?

Nun sitzt sie in einem Strandhaus, das erste hat sie abgefackelt, und schreibt auf einer Schreibmaschine einen irrwitzigen Monolog – durchforstet ihre Erinnerungen an Personen, Kunstwerke, Bücher und Artefakte einer untergegangenen Zivilisation. Eigentlich ist die Protagonistin des Romans im wahrsten Sinne des Wortes Museumsdirektorin der gesamten Welt, Verwalterin allen menschlichen Wissens. Denn da ist niemand, mit dem sie sprechen kann, niemand, der sie hört, niemand, der Regeln aufstellt.

Und während Kate rastlos über den Globus gereist, in den größten Museen der Welt übernachtet und an den verlassenen Monumenten unserer Kultur umhergewandert ist, entspinnt sich wie eine irrwitzige Geschichte der westlichen Welt: Von Homer, der womöglich eine Frau war, über Aristoteles’ Lispeln, Rembrandts rostbrauner Katze, von Guy de Maupassants Abneigung gegenüber dem Eiffelturm bis zu Van Gogh’s Versuch seine Farben zu essen. Auch Heidegger, Kierkegaard, Wittgenstein (von dem sie nur den Satz kennt: „Man braucht nicht viel Geld, um ein hübsches Geschenk zu kaufen, aber man braucht viel Zeit“), Samuel Butler, Bellini, Tizian und viele andere kommen zu Wort bzw. werden interpretiert – auf ihre eigenwillige Art und Weise. Doch tief verborgen zwischen den Zeilen, scheint eine Trauer auf, die vermuten lässt, dass Kates Geschichte womöglich eine ganz andere ist.  Doch was ist wahr? Was ist Einbildung?

Ein großartiger Roman, schwierig, aber auf den man sich einlassen sollte.

David Markson wurde 1927 in Albany, New York, geboren und studierte an der Columbia University Literatur. Protegiert von Malcolm Lowry („Unter dem Vulkan“) gehörte er seit den frühen 1950ern zur New Yorker Schriftstellerszene, bekannt für seinen höchst experimentellen Schreibstil. Sein 1988 erschienenes Hauptwerk Wittgensteins Mätresse „engl.: Wittgenstein’s Mistress“ gilt heute als Meilenstein der amerikanischen Postmoderne. Er starb 2010 in New York City.

Berlin Verlag, David Markson: “Wittgensteins Mätresse“, 336 Seiten, Aus dem Englischen von Sissi Tax.
Mit Texten zum Roman von Elfriede Jelinek „Eine ist keine“ und dem leider viel zu früh verstorbenen David Foster Wallace „Das leere Plenum“.

www.berlinverlag.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 29. 5. 2013