Theater Nestroyhof Hamakom: Ich bin der Wind

Oktober 14, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Anne Bennent in Jon Fosses Mystikdrama

Anne Bennent und Jakob Schneider. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom startet mit der Eigenproduktion „Ich bin der Wind“ in die Saison 2020/21 und bringt das Stück des norwegischen Ausnahmeautors Jon Fosse, einer der großen Mystiker der europäischen Gegenwarts- literatur, ab 14. Oktober zur österreichischen Erstaufführung. In der Regie von Ingrid Lang spielen Anne Bennent und Jakob Schneider. „Ich bin der Wind“ ist ein Stück Überleben. Eine zärtliche Auseinandersetzung mit Leben

und Tod, Depression und Alkoholismus, mit den tiefsten Ängsten und der größten Lust. Ein mutiger liebender Blick ins eigene Gesicht, gespiegelt in einer unruhigen Wasseroberfläche. Eine Meditation über das Menschsein, über Beziehungen und Nähe, über die Angst vor dem Alleinsein, die Lust des Verschwindens und die Unaussprechlichkeit dessen, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Das Ganze spielt auf einem von zwei namenlosen Gestalten imaginierten Segelboot. Der Eine ist lange schon fort, er ist leicht wie der Wind und schwer wie ein Stein, allein kann er nicht sein, aber auch nicht unter den anderen, eine Betonwand ist er, die krachend zerfällt und so ist das passiert, wovor er Angst hatte, es zu tun … Der Andere versucht zu verstehen, versucht ihn in der Gegenwart zu halten. Aber das sind nur Worte, nur was man so sagt. Und so schweigen sie und segeln. Nebel hängt über dem Wasser, grau schimmern die Inseln und Schären. Schön und hässlich. In einer Bucht genehmigen sie sich einen Ankerschnaps. Sie essen, sie reden, einer trinkt. Er steuert auch das Boot, fährt weiter und weiter aufs offene Meer hinaus, wo er dem Anderen das Ruder übergibt und in die Wellen stürzt …

Vorstellungen bis 4. November.

www.hamakom.at           Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/338670324028835

14 10. 2020

Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Viva la libertà

April 7, 2014 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Philosophische Verrückte sind die besseren Politiker

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph Bild: Arsenal

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph
Bild: Arsenal

Als er in Paolo Sorrentinos „Il Divo“ als Andreotti eine dunklere Version der italienischen Politposse spielte, wünschte man sich zärtlich die Verbalschlachten zwischen dem Parteichef der Democrazia Cristiana und seinem fanatischen Lieblingsverfolger Dario Fo zurück www.youtube.com/watch?v=WkO5caIurbA . Nun ist Toni Servillo wieder als Politiker zu sehen. In Roberto Andòs‘ Satire „Viva la Libertà“ (der hier seinen eigenen Roman „Il truono vuoto“ – „Der leere Thron“ verfilmt hat) spielt er den Leiter der italienischen Opposition, der – pardon! – von seinem Job die Schnauze voll hat. Und über Nacht verschwindet. Nach Frankreich. Motto: Lieber ein gut gedeckter Tisch als ewig aussichtlichslos am Verhandlungstisch. Nicht nur die Presse, auch die eigenen Reihen haben sich auf ihn schon eingeschossen, also, ins Auto und Arrivederci! Der Spin Doctor rotiert – bis die Medien den Verschwundenen doch wieder auftun. Allerdings: Es ist sein Zwillingsbruder. Philosoph und irgendwie auch gerade aus der Pychiatrie entlassen … Aber das Gesicht, die Ähnlichkeit … nur nicht in den gesellschaftlichen Anschauungen …

Gut, der Plot ist nicht neu. Es gab „Dave“ mit Kevin Kline oder „Der Diktator“ mit Sacha Baron Cohen. Aber angesichts der Tatsache, dass in Italien gerade der vierte Regierungschef innerhalb von drei Jahren sein Amt antrat, besser gesagt: Matteo Renzi kürzlich Enrico Letta aufgelöst hat (Italien ist das Paradebeispiel dafür, dass ein Land auch ohne Politiker funktioniert. Sie wechseln schneller als mancher Mann die Unterhosen. – Dario Fo), hat  Andòs‘ Film jede Berechtigung. Und er ist ausgezeichnet noch dazu. Nicht zuletzt dank Toni Servillo. Der wechselt die Rollen, als wäre er eine gespaltene Persönlichkeit. Zwillingsgaga Giovanni gehört zur gutmütigen Weltverbessererart. Er rüttelt die Bürger mit Brandreden wach und bringt die Massen auf der Piazza – wo sich der gebürtige Italiener zum Glück für die Demokratie ja gern einfindet – mit einem Brecht-Gedicht zum Jubeln, er steht kurz davor, die Parlamentswahlen zu gewinnen. Er ist durch den Schein der Macht nicht zu verführen. Er ist ganz Sein. Enrico wiederum entdeckt in Paris seine Jugendliebe Danielle (Valeria Bruni-Tedeschi, die bei den Wiener Festwochen 2011 in der wunderbaren „Traum im Herbst“-Inszenierung – ein Stück von Jon Fosse mit im Museumsquartier nachgebautem Louvre – von Regiemeister Patrice Chéreau zu sehen war).

Natürlich arbeitet der Film mit den üblichen Klischees. Enricos Ehefrau erkennt die Wahrheit, Enricos persönlicher Assistent auch. Und so kommt die Realität, wie sie kommen muss. Man sollte, um sich das Träumen zu bewahren, vorher das Kino verlassen. Den Roberto Andòs und sein Hauptdoppeldarsteller Toni Servillo laden zum Träumen ein. Warum soll nicht einmal ein Feuerkopf die Welt wärmen, wenn kalte Herzen sie doch nur erfrieren lassen? Ein schöner Film.

www.viva-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fbfVHWdyqd4

Wien, 7. 4. 2014