Life Guidance

Januar 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Optimierung bis zum Anschlag

Fritz Karl gerät als Alexander ins Visier der Agentur. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Zu Beginn gleitet die Kamera über das „Schöner Wohnen“ einer wohlhabenden Kleinfamilie. Teure Möbel, exquisite Kleidung, alles ein wenig unpersönlich in dieser sterilen Welt. Da klingelt es an der Tür. Ein Fremder gibt sich als Mitarbeiter einer Agentur aus, die dem Familienvater helfen soll, sich selbst zu optimieren.

Er steht plötzlich mitten im Wohnzimmer und erklärt, der Sohn des Hauses habe angezeigt, der Herr Papa sei vom System nicht so hundertprozentig überzeugt. In weiterer Folge wird der Fremde überall sein, wird die privatesten Rückzugszonen durchforsten und eine Angst erzeugen, deren Ursache gar nicht zu benennen ist. Und der Vater wird sich aufmachen, die Instanz zu suchen, die totalitäre Macht, die hinter diesem Kontrollorgan steht, das sich „Life Guidance“ nennt. So auch der Titel von Ruth Maders aktuellem Film, der am 12. Jänner in den heimischen Kinos anläuft, die beklemmende Zukunftsvision einer bis ins Intimste „gleichgeschalteten“ Gesellschaft – und dabei so nahe am Heute, dass es einen beim Zuschauen fröstelt.

„Life Guidance“ ist ein sperriger, spröder Film, in kühlen Farben gehalten und durchkomponiert bis ins Detail. Selbst die Sprache ist anderes, futuristisch, erinnert ans Orwell’sche Neusprech. Vieles bleibt rätselhaft in dieser Hochglanz-Dystopie, die nicht mehr als die Gegenwart für ein mögliches Morgen hochgerechnet hat. „Das Ende der menschlichen Freiheit“, sagt Ruth Mader“, tritt im Rahmen all dessen ein, was uns vertraut ist: der liberalen Demokratie, des Finanzkapitalismus, der technokratischen Elite von heute.“ Es gruselt einen, wenn ein über den Teppich rollendes Spielzeugkaninchen gerade den einen Satz kann: „Ich sehe deine Leistungen.“

Alexander und Anna haben Gäste. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Schöne sterile Welt: Das Büro von Life Guidance. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ja, jeder hat sein Potenzial auszuschöpfen, da fallen einem Sprüche ein, wie die vom selben Boot, in dem alle sitzen, die sich gleichen. Nur sind manche gleicher. Andere völlig ungleich. „Life Guidance“ ist ein hochbrisanter und politischer Film, radikal wie alle Arbeiten von Ruth Mader. In ihm brilliert Fritz Karl als Familienvater Alexander; Florian Teichtmeister spielt den Mitarbeiter von „Life Guidance“, Katharina Lorenz Alexanders Ehefrau Anna, von der man nie weiß, ob sie ihn bespitzelt oder beschützt. In weiteren Rollen sind unter anderem Petra Morzé und Martin Zauner zu sehen.

Und während Fritz Karl als nunmehr stigmatisierter Außenseiter stoisch-sprachlos bleibt, ist Teichtmeister ein beinah schelmisch-charmanter Geist, der immer wieder wie aus heiterem Himmel in die Familie einfällt. Alexander wird in zwei Gegenwelten vordringen. Die eine ist die unautorisierte Zone der von der Gesellschaft als Minderleister und Unterschichtler ausgestoßenen, deren „schlimmste Fälle“ in Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Hier findet Alexander kurz ein Gegenmodell zum Turbokapitalismus, kann aber nicht daran festhalten.

Florian Teichtmeister als Agent. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Katharina Lorenz als Ehefrau Anna. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Die andere ist eine Jagdgesellschaft alter Herren (mit Udo Samel, Johann Adam Oest und Alfons Mensdorff-Pouilly), die ihm die schlimmste Wahrheit über sein Leben eröffnen. Nämlich, dass das alles selbst gewollt ist. Für geheime Wünsche gilt es eben eine Rechnung zu begleichen – und auf der steht: Es ist nicht leicht, dem System zu entkommen, auch wenn man es durchschaut …

Fritz Karl im Gespräch: http://www.mottingers-meinung.at/?p=27811

www.lifeguidance.at

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Life Guidance: Fritz Karl im Gespräch

Januar 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Selbstoptimierung ist ein wunder Punkt“

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ab 12. Jänner ist Fritz Karl in dem dystopischen Überwachungsthriller „Life Guidance“ in den heimischen Kinos zu sehen. Der Film von Ruth Mader spielt in der nahen Zukunft, in einer Welt des perfektionierten Kapitalismus.

Die Gesellschaft wird von einer Schicht an Leistungsträgern getragen, von fröhlich-motivierten Menschen einer lichten, freundlichen, transparenten, perfekt funktionierenden Mittelschichtwelt; die sogenannten Minimumbezieher werden in „Schlafburgen“ ruhig gestellt. Die überwältigende Mehrheit der Leistungsträger fühlt sich glücklich und selbstverwirklicht. Für den Rest von ihnen hat man eine outgesourcte Agentur installiert: Life Guidance soll auch sie zu optimalen Menschen machen.

Alexander (Fritz Karl) hat wie die anderen das System verinnerlicht. Ein falscher Satz zu seinem Kind reicht aber aus, und Life Guidance wird eingeschaltet. Ein Agent leitet ihn nun an, „optimal“ zu werden, und dringt immer weiter in sein Leben ein. Alexander beginnt sich aufzulehnen, und in aller Helligkeit und Freundlichkeit tritt ihm das Grauen des Systems entgegen …  Es spielen außerdem Katharina Lorenz und Florian Teichtmeister. Fritz Karl im Gespräch:

MM: „Life Guidance“ gibt vor Science Fiction zu sein, eine Dystopie zu sein, und ist mit seinem Thema der Selbstoptimierung bei gleichzeitigem das Leben aus der eigenen Hand geben doch ganz nahe am Heute. War diese Nähe für Sie ein Anreiz, sich am Projekt zu beteiligen?

Fritz Karl: Es war sicher auch ein Grund. Das Tolle an dieser Geschichte ist ja, dass man immer mehr hineinwächst, und feststellt, das ist gar nicht die mehr oder weniger nahe Zukunft, sondern, dass man sich die Frage stellen muss, wie sehr wir in so einer Situation schon drinstecken. Das Buch hat mir gefallen, auch die Zusammenarbeit mit Regisseurin Ruth Mader. Ich sah mich beim Casting sofort einer Person gegenüber, die genau wusste, was sie wollte. Und mit einer Bedingungslosigkeit, die ich in der Form noch selten von einer jungen Regisseurin erlebt habe, hat sie ihre Ideen umgesetzt. Das fand ich faszinierend, und der Alexander ist natürlich eine tolle Rolle. So etwas zu spielen, in dieser Reduktion und innerlichen Versammlung, das machte schon Spaß.

MM: Wie geht es Ihnen mit dem Thema Selbstoptimierung? Als Schauspieler ist man doch wohl auch ständig damit befasst?

Fritz Karl: Das ist ein wunder Punkt, denn ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und hasse wahnsinnig Schlamperei in unserem Beruf. Ich habe kein Verständnis mit Kollegen, die am Set erscheinen und den Text nicht gelernt haben, oder nicht vorbereitet sind. Während man sich beim Theater eine Figur während der Proben erarbeitet, muss man beim Film und beim Fernsehen am ersten Drehtag voll und ganz da sein, muss man seine Figur kennen. Daher nutze ich die Vorbereitungszeit, um meinen Charakter so präzise wie möglich zu gestalten, die Rolle so optimal wie möglich zu machen. Da bin ich schon sehr optimiert, wenn Sie so wollen. Ich wünsche mir manchmal, dass ich ein bisschen lockerer sein könnte, aber ich bin besessener Perfektionist. Denn nur der Perfektionismus und das Wissen, dass ich optimal vorbereitet bin, verschaffen mir dann die Freiheiten mich in der Figur zu bewegen.

MM: Apropos, Freiheit: Auch sie ist Thema im Film. Wir sehen eine Upper Class, die ihre Freiheiten für den Komfort ausgibt, die materiell sehr gut lebt – und andererseits in Angst vor dem sozialen Abstieg in die sogenannten Schlafburgen. Wie haben Sie das empfunden?

Fritz Karl: Der Film geht davon aus, dass in diesem Staat die Menschen alle ihre Daten freiwillig hergegeben haben. Wir leben in einer Zeit, die mit diesem „gläsernen Menschen“ schon sehr viel zu tun hat, wenn man schaut, wie viele Daten wir freiwillig oder unfreiwillig herausgeben, welche Gewohnheiten wir über das Internet preisgeben, vom Einkaufen bis zu privatesten Dingen. Da bewegen wir uns schon sehr in diese Richtung wie im Film. Die wirkliche Unruhe, die die Figur Alexander erfasst, ist aber eine andere. Die kommt aus einer Sensibilität und einem Humanismus, die ihm sein revolutionärer Vater mitgegeben hat. Er weiß sehr wohl, dass sein Wohlstand auf Kosten anderer stattfindet. Er weiß aber über die Life Guidance Agentur sehr wenig, darüber weiß seine Frau Anna viel mehr, die mit Menschen zu tun hat, die vom Abstieg betroffen sind. Er fühlt sich lange Zeit relativ sicher, nimmt gar nicht ernst, dass man ihm mit Konsequenzen droht; er ist nicht von Anfang an von Angst getrieben, die entdeckt er erst während des Films. Anfangs lächelt er vieles weg.

MM: Ist dieser Alexander in seiner Verweigerung des Systems ein Verwandter von Winston Smith aus Orwells „1984“?

Fritz Karl: Könnte man so sagen. Nur fühlt sich hier lange jeder glücklich, jeder ist brainwashed vom System. Die Angst, von der Sie sprechen, ist lange nur die Atmosphäre des Films, bevor sie auf die Figuren übergreift. Es braucht für Alexander einen Schritt hinaus, um zu sehen, was man nicht sehen kann, wenn man im System steckt. Das ist ein wichtiges Moment an dieser Figur, als er anfängt zu reflektieren über das, was passiert, über seine Arbeit und über sein Leben. Er erkennt, dass er in seinen Verpflichtungen unglaublich gefangen ist, auch das ein heutiges Motiv: wir haben sehr viel Luxus, wir sind abgesichert, wir werden „beschützt“. Wir leben, obwohl wir das nicht so registrieren, von Angst durchsetzt. Wir müssen mit Helm Radfahren, die Kinder haben ein Handy, damit sie jederzeit erreichbar sind, wir machen Fitness, damit wir gesünder und leistungsfähiger sind – und wehe, wenn nicht, dann kriegst du Herzkranzgefäßerkrankungen! Wo ist da noch der Genuss? Ich will einen schönen Schweinsbraten essen, danach einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen.

MM: Wir sind noch nicht soweit, dass der Gegenbegriff zu Volksgesundheit „Volksschädling“ lautet.

Fritz Karl: Im Film ist es schon so! Das ist das Interessante in Bezug auf unsere Gesellschaft: Auch uns wird permanent versucht, Angst vor Konsequenzen zu machen, es heißt: das und das ist für eure Sicherheit, dafür müsst ihr aber die und die Freiheit aufgeben, nur weil wir mitten drinstecken, sehen wir das nicht so.

MM: Eine starke Szene ist, als sich herausstellt, dass Alexanders Sohn ihn an die Agentur verraten hat.

Fritz Karl: Ja, man sieht am Anfang des Films, dass im Kindergarten schon alle auf einer Linie sind. Das kennt man aus totalitären Regimen, den Nazis, der DDR, dass die zweite Generation das System schon völlig verinnerlicht hat, dass sie die Eltern an den Pranger stellt. Im Dritten Reich hat man daheim oft nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, damit der HJ-Sprössling nicht erzählt, der Papa hat einen Witz über den „Führer“ gerissen.

MM: „Life Guidance“ ist ein durchgestylter Film …

Fritz Karl: Es ist ein unglaublich durchdachter, bis zum Schluss durchgehaltener, durchgestylter Film. Ich habe so etwas noch nie erlebt, und ich habe wirklich viele Filme gemacht, aber ich war noch nie bei einem Projekt dabei, bei dem jemand so akribisch arbeitet.

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

MM: … ich vermute, da haben Sie auch an der Darstellungsweise sehr gefeilt. Mir ist aufgefallen, dass die Figuren agieren, als wäre ihnen die Energie abgesogen worden. Das heißt aber nicht schauspielerische Agonie, sondern große Kunst.

Fritz Karl: Es war in erster Linie Ruth Mader, die in den Vorgesprächen schon darauf hingewiesen hat. Wir haben jede Szene probiert, denn so zu spielen, ist wahnsinnig anstrengend, weil man sich unglaublich konzentrieren und versammeln muss. Natürlich würde man immer wieder ganz gern auf etwas zurückgreifen, das man so unglaublich gut in petto hat und das immer gut funktioniert, aber sie hat das sofort weggewischt. Das fand ich eine ganz große Herausforderung an mich als Schauspieler. Ich habe manchmal geflucht und mich geärgert, war sehr emotional, aber sich an dieser starken Regisseurin abzuarbeiten, die bedingungslos auf ihrer Sicht beharrt, und diese Form durchzuhalten, das fand ich eine tolle Aufgabe, das war echt spannend.

MM: Alexander taucht in eine Gegenwelt ab, die unverkennbar als Wiener Arbeiterbezirk zu identifizieren ist. Trifft er dort die „echten“ Menschen?

Fritz Karl: Er trifft die working poor, eine arbeitende Schicht, die gerade so über die Runden kommt. Das haben wir heute auch: Leute, die sehr schnell zu sehr viel Geld kommen, und Leute, die sehr viel arbeiten, aber es gerade mal so schaffen, weil sie nicht adäquat dafür entlohnt werden. Dann gibt es noch die Totalverlierer im Film, die in sogenannten Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, weil sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden und unbrauchbar geworden sind.

MM: Und dann gibt es die Jagdgesellschaft, die Gesellschaft alter Männer, die die bestimmende Klasse ist.

Fritz Karl: Die haben das System eingerichtet. Es ist die Schlüsselszene, als diese Herren Alexander erklären, dass alles selbstgewusst und selbstgewollt und selbstgemacht ist. Das ist schon richtig, und für die, die auf der Butterseite sind, völlig okay. Aber die vielen, die das nicht sind, werden unzufrieden werden. Wir sind weltweit sichtlich an einem Punkt angelangt, an dem es große Verschiebungen geben wird, Wanderungen, so dass man sich überlegen muss, wie lange und mit welchen Mitteln wir unser System noch aufrechterhalten werden können. Oder brauchen wir dann militärische oder totalitäre Mittel, um all diese Menschen, die auf unsere Kosten nichts mehr zu fressen haben, hintanzuhalten?

MM: Die Mauern gegen diese Menschen werden schon errichtet.

Fritz Karl: Stimmt. Seit Jahren schon. Ich war im spanischen Ceuta, da gibt es Riesenzäune, damit die Afrikaner nicht rüberkommen. Das gibt es schon sehr lange, das ist aber überhaupt nicht in unseren Köpfen. Ich war für den Wagenhofer-Film „Black Brown White“ dort und habe die riesigen Glashäuser gesehen, in denen günstigst „unser“ Gemüse gezogen wird. Die Menschen, die dort arbeiten, leben in Pappkartons und gehen illegal ihrer Arbeit nach. Das wird aber gedeckt, sonst könnte die Ware nicht so billig sein. Das ist atemberaubend.

MM: Diese vielen Scheren, die auch der Film aufzeigt, die Schere im Kopf, in der Brieftasche, zwischen den Geschlechtern …, wie kann man denen begegnen?

Fritz Karl: Mit Humanismus. Man kann wegschauen oder nur sehen, was in unmittelbarer Nähe ist, oder man kann ein bissl rechts und links schauen und sich fragen, ob es einem mit dem Zustand der Welt gut geht und wenn nein, was man dagegen tun könnte. Ich zum Beispiel koche und esse gern, und ich versuche, das sage ich auch meinen Kindern, bewusst einzukaufen. Zu einem normalen Fleischhauer gehe ich schon lange nicht mehr, ich kaufe lieber „teurer“, aber qualitativ besser und herkunftstechnisch sicher bio. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Phase sind, in der es eine sehr junge Bewegung in der Gesellschaft gibt, die vieles wieder umdrehen will. Es gibt aber auch einen großen Teil, der sagt, für uns rennt’s, alles andere ist egal.

MM: Zu diesem „Hinter uns die Sintflut“ die Frage, wie wichtig ist in „Life Guidance“ der Glaube? Ich weiß, dass ihn Ruth Mader in ihren Arbeiten immer wieder thematisiert …

Fritz Karl: Der Glaube ist ein wichtiges Moment in Alexanders Nächstenliebe. Er zeigt, dass es noch eine andere Geisteshaltung als den Kapitalismus gibt, dass es andere Werte als das Optimieren gibt. Dafür steht für Alexander der Mann mit dem Rosenkranz, der Priester, die ihm wie allegorische Figuren über den Weg laufen.

MM: Wenn wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen, nämlich, dass sich „Life Guidance“ als Science Fiction tarnt, sind Sie ein Fan dieses Genres?

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Fritz Karl: Ja, das mag ich. Von „Alien“ bis zu „Fahrenheit 451“, Philip K. Dick vor allem: „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ – welch ein Titel für eine Geschichte! Der daraus entstandene Film „Blade Runner“ ist einer meiner liebsten. Nur den zweiten Teil habe ich noch nicht gesehen. Ein Freund hat das Original mit seiner Tochter gesehen, und die meinte: Komisch, die haben gar keine Handys …

Philip K. Dick hat für „The Minority Report“ ja auch das Gedankenverbrechen erfunden, also, dass man für eine Tat bestraft wird, die man noch gar nicht begangen hat, auch das ist Thema in unserem Film.

MM: Was kommt von Ihnen als nächstes?

Fritz Karl: Ich drehe gerade „Franz Burda“, und ab März arbeite ich in Bad Aussee an einer Kriegsgeschichte über die Bergarbeiter, die von den Nazis gestohlene Bilder gerettet haben.

www.lifeguidance.at

5. 1. 2018

Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017