Theater in der Josefstadt: Ritter, Dene, Voss

November 18, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Brandteigkrapfen gibt’s für Ludwig aber nur zwei

Sandra Cervik als ältere Schwester = Dene, Johannes Krisch als Ludwig = Voss, Maria Köstlinger als jüngere Schwester = Ritter. Bild: © Moritz Schell

Jede Ähnlichkeit ist nicht …, sondern wird hier aufs vortrefflichste ironisiert. Denn da hängt sie an den Wänden, die überlebensgroße Ahnengalerie Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss. Überwältigende Porträts. In Öl konservierte Vergangenheit, die Ludwig später wiederholt ab- und umhängen wird: Die Mutter/Dene, den Vater/Voss, dieser ästhetische Querverweis ist sozusagen Programm, die Frage der Wiederaufführbarkeit eines derart auf das ursprüngliche Trio

zugeschnittenen Textes an jeder Stelle mitreflektiert. Warum über dem Ritter-Bild ein Notausgangsschild leuchtet, nein, das hat nichts mit einem gewissen Notlichtskandal zu tun. Erstmals also seit der Salzburger Uraufführung 1986 ist in Wien, am Theater in der Josefstadt, eine Neuinszenierung von Thomas Bernhards meisterhaft komponierter, grotesker Komödie „Ritter, Dene, Voss“ zu sehen. Regisseur Peter Wittenberg inszeniert diese siebente Bernhard-Premiere der Direktion Herbert Föttinger. Mit Johannes Krisch als Ludwig/Voss, Sandra Cervik als älterer Schwester/Dene und Bernhard-Debütantin Maria Köstlinger als jüngerer Schwester/Ritter. Das dem der Uraufführung ähnliche Esszimmer-Bühnenbild hat Florian Parbs entworfen, gemeinsam mit der auch mit der Entwicklung der großartigen Porträts befassten Simina Nicolaescu.

Und nach knapp drei Stunden Spielzeit kann man sagen: mission accomplished. Wittenberg lässt, wie kürzlich sein junger Kollege Matthias Rippert bei „Am Ziel“ im Kasino des Burgtheaters, den erstarrten Blick auf den – je nach Sichtweise – Nestbeschmutzer/Rachegott Bernhard beiseite, und zeigt den Autor in all seiner gfeanzten, zwideren Humorigkeit, wie man ihn aus den Interviews mit Krista Fleischmann kennt und liebt – Zitat: „Die Leut‘ sagen, ich bin ein negativer Schriftsteller, ich bin aber gleichzeitig ein positiver Mensch. Also kann mir ja nix passieren.“ Und dann sein berühmtes „Nicht?“, mit dem er jedem Weiterfragen den Garaus machte. Das Genre real wie irreal: Gutbürgerliches Lachtheater.

Bernhard verflicht seine Freundschaft mit dem verhaltensoriginellen Paul Wittgenstein, die beiden lernten einander im Park am Steinhof kennen, der eine dort wegen seines chronischen Lungenleidens, der andere in der Psychiatrie, und dessen Onkel-Philosoph Ludwig Wittgenstein zur Figur Ludwig. Im Stück nun begegnet man den letzten Nachfahren der mehr als wohlhabenden Industriellenfamilie Worringer, die beiden Schwestern „Cottagegeschöpfe“, mäßig begabte Schauspielerinnen, aber weil der Gönner-Onkel ein Auge auf seine Nichten hatte, mit 51 Prozent an der Josefstadt beteiligt, sodass der derzeitige Direktor nach deren Pfeife tanzen muss.

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Will die jüngere eine Shakespare-Hauptrolle, kommt der britische Barde auf den Spielplan, will die ältere nur einen Zwei-Satz-Auftritt als Blinde, ein schöner Sidestep zur Saramago-Uraufführung mit der Cervik (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47781), wird auch das möglich gemacht. Derlei Josefstadt-Andocker gibt es etliche, und das kundige Publikum umarmt sie amüsiert. Am Abend der Handlung hat die ältere Schwester trotz Widerspruchs der jüngeren Geistesmensch wie Kindskopf Ludwig aus der Anstalt nach Hause geholt – was der gar nicht will, genießt er im Irrenhaus doch Narrenfreiheit. Noch bevor der wie ein Messias herbeiersehnte Ludwig die Bühne entert, kommt es zum schwesterlich-sarkastischen Schlagabtausch.

Cervik ist grandios als (kranke?? Kranken-)Schwester mit inzestuösen Anwandlungen, die den Bruder so gern nackt in die Badewanne steigen sieht, und ihm die bevorzugten langen Baumwollunterhosen besorgt hat, die sie ihm per beherztem Griff in den Schritt der Untergatte vorführt. Cervik ist auch per Kostüm von Alexandra Pitz ganz notgeile Quasi-Nonne, deren Unterwürfigkeitsübungen, heißt: den Tisch so zu decken, wie dereinst Maman, beinah körperlich schmerzen. Köstlingers jüngere Schwester hat sich als Selbstbetrug die Selbstrettung auf den Stoff ihres sexyroten Cocktailkleids geheftet, doch tatsächlich ist diese nur ein an die Hand getackertes Sektglas – und je mehr illuminiert, desto brillant bösartiger, vulgärer Köstlingers Lachen. In psychologischer Feinarbeit sezieren die beiden Darstellerinnen ihre Charaktere.

Ludwig teilt seine Schwestern in die betuliche und die dumme, denen er den oft zu entschlüsseln versuchten „Katafalkismus“ vorwirft, laut Ilse Ritter aus einem Standard-Interview von Margarete Affenzeller aus dem Jahr 2019: „der ,Kunstkrater‘, aus dem es nur herausstinkt, ,sonst nichts, sonst nichts‘!“ – und die er eine gegen die andere ausspielt. Krisch, der die typisch mäandernden Bernhard-Halbsätze zwischen gefletschten Zähnen zerkaut, „Meine Schwestern sind meine Zerstörerinnen!“, mit einem Ennui, der nur durch die Sehnsucht nach der Todeskrankheit unterbrochen wird. Und jedes Mal, wenn Ludwig von dieser Lust spricht, greift Cervik flugs zur Sauciere, um noch mehr von Ludwigs Gedanken und Gefühlen in der Soße zu ertränken.

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Je mehr Krisch am Rad dreht, und er liefert eine nachtmahrische klinische Studie voll bubenhaften Charmes, der sich wie die Wunde auf seiner Hand bis zur Deflagration verbrennt, umso mehr ist Köstlinger sadistisch belustigt und Cervik vor Besorgnis neben der Spur, die exaltierten Intelligenzgeschwister, die höllische ménage à trois, denen Thomas Bernhards Worte wie Bonmots, wie Aphorismen von den Lippen perlen.

Was des Weiteren passiert, ist bekannt. Wutanfälle und Beschimpfungen bei der Erwähnung des Namens Dr. Frege, der, da er zwei scheußliche Porträts der Schwestern initiiert hat, wie der Teufel an die Wand gemalt wird. Großmutters gutes böhmische Porzellan, das in tausend Scherben zerspringt, weil Ludwig, die Anrichte um einen halben Meter bewegen will – Krisch in Ludwigs Notizheft notierend: „Merke: Anrichte erst ausräumen, dann schieben“ -, schließlich die Elternpörträts, die er verkehrt herum aufhängt, die Rückseite nun schwarze Gemälde wie die des italienischen Künstlers Enrico Della Torre.

Die „Brrrrrrandteigkrrrrapfen“ hat Peter Wittenberg Johannes Krisch kluger-, weil somit nicht vergleichsweise erspart, er muss nur zwei in sich hineinstopfen und von sich geben. Zum Schluss das große Verstehen: Wittenberg lässt die Ahnengalerie von Autor, dessen Haushofmeister-Regisseur und seinen Original-AkteurInnen, ach: die Nostalgie! oh: die 1980er-Jahre-Manierismen!, dort wo sie hingehören: Im Museum. „Achtung: Bitte begeben Sie sich zum Ausgang, wir schließen in ein paar Minuten“, tönt es aus dem Lautsprecher, bevor Inspizient Claudio Hiller, hier eingesetzt als Museumswärter, sich unter der Notausgangsleuchte postiert und den Saal per roter Kordel absperrt. Mögen die „Ritter, Dene, Voss“ von vor 30 Jahren dahinter noch ihren schwarzen Kaffee trinken, anno 2022 hat die Bernhard-Rezeption nunmehr neue Räume betreten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0bGKsjg5ds4           www.josefstadt.org

  1. 11. 2022

Burgtheater: Nebenan

November 4, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Irgendwie ist das alles ein Missverständnis

Norman Hacker und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Einerseits. Die Kritik mancher Kolleginnen und Kollegen am unverändert gebliebenen Setting Prenzlauer Berg, weil man doch die Berliner Zustände – Stichwort: Gentrifizierung – nicht auf Wien übertragen könne, zielt ins Leere. Dies nicht nur, weil das Burgtheater dann auch keine Stücke aus dem antiken Griechenland oder dem viktorianischen England zeigen dürfte. Sondern auch. Wer annimmt, eine Kiezkneipe wie die Schankstube „Zur Brust“

gebe es an der schönen blauen Donau nicht, hat noch nie vom Floridsdorfer Tschocherl oder dem Kagraner Kistl gehört – und von den an deren Gestade angeschwemmten Stammgästen, die an dieser Lethe das Vergessen im Alkohol suchen. Und hinter jeder dieser Gestalten ein Mensch, ein Charakter, ein Schicksal. Darauf hat Martin Kušej bei seiner Inszenierung von „Nebenan“ vergessen.

Er macht vor allem aus den Nebenfiguren Karikaturen, Knallchargen, haucht ihnen kein Leben ein, er verweigert ihnen eine eigene, fürs Publikum unterschwellig wahrnehmbare Geschichte. Ein Kardinalfehler, weil man gerade in dieser Art von Endstation Sehnsucht jene antrifft, die man in Wien gern Originale nennt.

Kušej bezeichnet diese Arbeit im Programmheft-Interview als „komplettes Neuland“, seinen Versuch, „eine Situation auf der Bühne sehr realistisch umzusetzen“. Aber auch wenn Jessica Rockstroh im 30 Meter langen Spielraum eine 1:1 Kiezkneipe samt Dartscheibe und funktionierendem Zapfhahn, mit waberndem Schlagersound im Hintergrund und anzunehmend vom Zahn der Zeit angenagten Toiletten aufbaut, macht eine Kulisse noch keine großartige Aufführung. Irgendwie ist das alles hier ein Missverständnis, das Elend der sozial schlechter Gestellten als herbeizitierte Ausstattung.

Zum Anfang. Martin Kušej brachte am Burgtheater Daniel Kehlmanns „Nebenan“ zur Uraufführung. Der Text basiert auf dem gleichnamigen Film von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann, entstanden aus einer Brühl’schen Idee, der den Freund fragte, ob er ihn und seine Schauspielkunst und seinen zunehmenden Starstatus in satirische Worte fassen könne. Als Kammerspiel für die Leinwand funktioniert das dermaßen gut, dass Debütant als Filmregisseur und Hauptdarsteller Brühl um den Goldenen Bären konkurrierte.

Norman Hacker, Katharina Pichler als Walküren-Wirtin, Florian Teichtmeister und Stefan Wieland. Bild: © Matthias Horn

Lieber klar trinken als klar sehen: Florian Teichtmeister, Katharina Pichler und Norman Hacker. Bild: © Matthias Horn

Katharina Pichler und Stefan Wieland als regungsloser Wutbürger Micha. Bild: © Matthias Horn

Norman Hacker, Elisa Plüss als hipper Florian-Fan, Katharina Pichler und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Nun am Burgtheater. Sind der zuagraste Wiener Mime mit dem Fuß in der Hollywood-Tür Florian Teichtmeister und sein Widersacher Ossie Bruno – Norman Hacker, und ohne Frage ist die aberwitzige Tragikomödie ein Fest für zwei Spitzenklasse-Darsteller. Bruno, eigentlich kein Wendeverlierer, sondern mit gutem Kreditkartenfirmenjob, beginnt seinen Rachefeldzug also gegen einen Ösi statt gegen einen Wessi. Der gstopfte Fremdling hat sich das Mietzins-Hinterhaus mit einem gläsernen Aufsatz und nur ihm zugänglichen Lift verschönert, Bruno im Vorderhaus sieht dessen Treiben, hört dessen Lachen mit Frau und Kindern tagtäglich.

Darob hat er beschlossen den Eindringling ins Proletarier-Biotop zu zerstören. Munition liefert ihm das beiderseitige Fremdgehen der Eheleute, Bruno hat Informationen wer weiß woher – und stets lässt er in der Schwebe, ob er bei der Stasi oder deren Häftling in Hohenschönhausen war. So weit, so dünn der Handlungsfaden: Alteingesessene gegen neoliberale Modernisierung. Die „Känguru-Chroniken“ können das besser, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

Fußnote nur um nochmal eine Verbindung aufzubauen, natürlich ist die Gentrifizierung in Wien nicht so forsch wie in Berlin, doch auch hier werden Unorte von einer einschlägigen Klientel zur Kultgegend mit dem Namen Szeneviertel auserkoren …

Die Zeit ist eingefroren, sichtbar an der großen Wanduhr über dem Tresen, die längst aufgegeben hat, anzuzeigen, wie spät es ist. Wer sich als erster hier bewegt, hat verloren. Teichtmeisters Florian, den es vor einem Flug nach London, zum Casting für ein Superhelden-Movie in die Kneipe spült, und der ihn erwartende Bruno Hacker im Infight, inmitten der eskalierenden Tatsachen sind freilich famos anzuschauen, der präzise und gnadenlose Bruno, Florian, der seine Lügen mit Charme und Schmäh zu tarnen versucht.

Stefan Wieland, Norman Hacker, Katharine Pichler und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Stefan Wieland zuckt immer noch mit keinem Muskel, und Arthur Klemt als Obdachloser Guido. Bild: © Matthias Horn

K. o., aber nicht in der letzten Runde: Norman Hackers Bruno geht nach einem Faustschlag zu Boden. Bild: © Matthias Horn

Florian Teichtmeister und als angetraute, fremdgehende  Ärztin Clara – Elisa Plüss. Bild: © Matthias Horn

Bis Florians Fassade bröckelt heißt das Match schnöselige Süffisanz vs. staubtrockenen Sarkasmus, dann explodiert Teichtmeister fachmännisch aus dem vorbildlich-verständnisvollen Rahmen eines Bobo-Bildes. Mit etwas mehr Verve hätte daraus eine Faust’sche Mephisto-Story entstehen können – die allgemeine Ungewissheit, die schemenhaft im Schatten lauert.

Immerhin hat man Spaß mit Katharina Pichler, als Wirtin eine volltätowierte Walküre mit prallem, in schwarzes Kunstleder verpacktem Popo, die ihre gefallenen Krieger an der Flasche hält. Grandios ihre Mimik, mit der das Schankmädchen in ortsansässigen Walhalla die unerwarteten Vorkommnisse kommentiert. Wie sie dem angeekelten Florian ihr Sülzchen, passend zum Begriff sülzen, serviert, das der unter Todesverachtung verspeist, nachdem er schon – Achtung: Piefkewitz! – ihren „Kaffe“ ertragen musste – das ist vom Feinsten.

Im Umfeld Stereotype mit den ihnen anhaftenden Klischees: Stefan Wieland als Wütbürger Micha, dessen ehrlich gemeint tolle Leistung es ist, zwei Stunden lang auf einem Barhocker sitzend mit keinem Muskel zu zucken, und wie er in sein abgestandenens Bier starrend und von der Wirtin regelmäßig gemaßregelt krude Widerstands- parolen kräht; Arthur Klemt als türkischer Taxifahrer, als Obdachloser Guido mit seinem Hab und Gut in zwei Ikea-Tragtaschen und als Sauerstoffflaschen abhängiger Hartz-IV-Empfänger Fatsuit-Dirk. Elisa Plüss erscheint kurz als exaltierter Florian-Fan und gewinnt als Ärztin-Ehefrau Clara mit Oscar-Regisseur-Pantscherl kein Profil, weil die Regie ihr nichts zu spielen gibt. Brunos Motive enträtseln sich nie. Anders als im Film fehlt der Theaterfassung die bitterböse Schlusspointe.

Was an diesem künstlichen Duell Teichtmeister-Hacker am meisten nervt, ist Kušejs Annahme, aus Kehlmanns gefälligem Geplänkel eine Gesellschaftlich-Abgehängten-Saga zu gerieren, als könne die groteske Überzeichnung des Ganzen aufs Authentizitätskarussell des Bühnenbilds aufspringen. Abschließend der Refrain von Brunos verwichener Band „Die Bruchbuden“ (Kai Lüftner und Moritz Friedrich): Und ich warte, und warte, und warte, und warte … So ist das. Man wartet und wartet, dass endlich etwas passiert. Aber es kommt nichts. Ende.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=toyMjC2UPKg          www.burgtheater.at

  1. 11. 2022

Karikaturmuseum Krems: Donald Made In Austria!

Juli 10, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Disney-Welt von Charakterdesigner Florian Satzinger

Florian Satzinger: Donald Duck Parody, August 2017. © Florian Satzinger

Am 16. Juli eröffnet das Karikaturmuseum Krems die Ausstellung „Donald Made In Austria!“ über die Arbeiten Florian Satzingers. Als Character-Designer und Concept-Artist entwickelt Satzinger neue und überarbeitet bestehende Trickfilmfiguren für Kino und Fernsehen. So hat er etwa die berühmte Ente Donald Duck mit den Stilmitteln der Karikatur für das digitale

Zeitalter gerüstet und neu interpretiert. Mit seinem Designstil gab er Micky Maus, Bugs Bunny sowie Sylvester neue Charakterzüge. Ebenso designte er Aussehen und Charakter des quakenden Leinwandstars John Starduck. Entscheidend für ein gelungenes Design ist, dass der Charakter in seiner fantastischen Form glaubwürdig und nachvollziehbar bleibt. Dafür entwirft Satzinger sogenannte Baupläne für Figuren, um sie auf wenige Grundformen herunterzubrechen und eine Vielzahl von Posen und Gesichtsausdrücken auszuarbeiten.

Der gebürtige Grazer arbeitete bereits für eine Reihe von Filmstudios und Medienhäusern wie Warner Bros. und Disney. Die Schau des Karikaturmuseum Krems gibt einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise des international renommierten Künstlers. Von der Erstskizze bis zur kolorierten Figur beleuchtet sie außerdem die fantastische Welt des Character-Designs.

Florian Satzinger: Silly, Februar 2021. © Florian Satzinger

Florian Satzinger: Zeichenprozess von „Boat Hat“, 2021. © Florian Satzinger

Florian Satzinger: Mesolithic Mouse, März 2021. © Florian Satzinger

„Donald Made In Austria!“ zeigt die bekannten Donald Duck-Anfertigungen, den dunkelgefiederten Alvertos Duck und weitere Artverwandte, die etwa an Komiker John Cleese und Künstler Maurizio Cattelan erinnern. Altmeisterlich wirken die Werke aus „Duckland“. Im zotteligen Fell präsentiert sich Satzingers designte Micky Maus. Begleitet wird die Schau von einem Exkurs der Diversitätsexpertin Maryam Laura Moazedi über aktuelle Fragestellungen zur Vermeidung von Stereotypen im Character-Design. Nach Krems wird die Schau weltweit an weiteren Ausstellungsorten gezeigt.

Zu sehen bis 19. Februar 2023.

Meet & Greet mit Livezeichnen. © Florian Satzinger

Meet & Greet mit Livezeichnen. © Florian Satzinger

Meet & Greet mit Livezeichnen

Am Eröffnungstag 16. Juli haben Besucherinnen und Besucher von 14 bis 16 Uhr die Möglichkeit, Florian Satzinger persönlich kennenzulernen. Dabei gewährt der Künstler einen Blick auf seine Arbeitsweise, wenn er live und direkt in der neuen Ausstellung zeichnet. Kostenlos mit gültigem Eintrittsticket.

Workshop im August – Kunst trifft … PENG: I can draw birds

Cartoonist Günter Mayer alias PENG. Bild: © Johann Wimmer (Detail)

Jede und jeder kann zeichnen! Das beweist Illustrator und Cartoonist Günter Mayer alias PENG in diesem Workshop für Erwachsene. Anknüpfend an die Ausstellung „Donald Made In Austria!“ lautet das Motto für PENG am 13. August: „I can draw birds“. Der Künstler macht beim Workshop mit Techniken vertraut, wie man Vögel, anderes Federvieh und Fantasiewesen einfach aufs Papier bringen können.

Günter Mayer wurde in Wels geboren und lebt heute in Pennewang. Er durfte die „Erste Österreichische Zeichenhauptschule“ gründen. In seiner Schule hat der Künstler vieles probiert, neue Methoden erfunden und alte hinterfragt. Der unter dem Pseudonym PENG arbeitende Illustrator leitet neben seinen Engagements als Cartoonist  seit dem Jahr 2000 das Medien Kultur Haus Wels und verfasst seit 2015 Bestseller.

Termin: 13. August, 17 bis 20 Uhr. Treffpunkt: Karikaturmuseum Krems. Kosten: 10 € pro Person inkl. Führung. Anmeldung erforderlich via lets-meet.org/reg/fc552d096687e195b8. Last-Minute-Tickets an der Museumskassa erhältlich, sofern verfügbar.

www.karikaturmuseum.at

10. 7. 2022

Corsage: Vicky Krieps als verbitterte Kaiserin Elisabeth. Ein Film von Marie Kreutzer

Juli 9, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im Korsett aus Rollenbildern und Ritualen

Die Kaiserin raucht Kette: Vicky Krieps zeichnet das Bild einer um ihre Backfisch-Prinzessinnen-Träume gebrachte Elisabeth von 40 Jahren. Bild: © Alamode Film

In ihrer Badewanne, den Kopf unter Wasser, hält sie die Luft an, bis den beiden Kammerzofen angst und bang wird. Abtauchen, das kann sie gut, das hat Wien sie gelehrt. Ebenso wie auf Knopfdruck in Ohnmacht zu fallen: Nach hinten wegkippen, bisschen seufzen, die Augen verdrehen, so macht sie’s später beim Flirt mit ihrem Cousin Ludwig II. vor. Heute noch wird sie diese Strategie des zivilen Ungehorsams anwenden. Es ist das Jahr 1877, Heiliger Abend in der Hofburg,

und ergo für die Hofgesellschaft ein höchst willkommener Anlass, Elisabeth bei einem Festbankett anlässlich ihres 40. Geburtstags hochleben zu lassen. Allein, die Kaiserin von Österreich-Ungarn ist so gar nicht in Feierlaune. Mit 40 ist sie im späten 19. Jahrhundert eine alte Frau, und jedes der unzähligen Porträtgemälde im Palast erinnert sie an die Zahl der Jahre, die hinter ihr liegen.

Ihre natürliche Schönheit, die elfenhafte Figur und die ikonischen Flechtfrisuren, für die sie von Volk und Vaterland so verehrt wird, sind mittlerweile zum täglichen Überlebenskampf geworden. Die Angst vorm Älterwerden, vorm Bedeutungsverlust, vorm Schwinden ihrer Jugendlichkeit bekriegt Elisabeth mit Kälbersaft-Diätwahn und Sportsucht. Jedes ihrer beim dreistündigen Kämmen ausgegangenen Haare (bodenlang und geschätzt mehr als zwei Kilogramm schwer, „Ich bin die Sklavin meiner Haare“, ist ein bekanntes Elisabeth-Zitat) wird gesammelt und in einer Hutschachtel aufbewahrt.

Die Kettenraucherin und Hungerkünstlerin hat für ihre Ankleiderinnen nur einen morgendlichen Befehl: „Fester, fester!“ – und meint damit die Schnürung ihres Mieders. Das Schönheitsideal ist zugleich ein Panzer. Taillenumfang 45 Zentimeter, jedes Gramm mehr als 49,7 Kilo auf der Waage eine tiefe Kränkung, eine Mahnung an ihre Disziplinlosigkeit punkto Selbstkasteiung. Franz Joseph hat es seiner Frau beim Dinner für zwei deutlich mitgeteilt: „Halte dich raus aus der Politik, meine Aufgabe ist es, die Geschicke des Reichs zu lenken, deine Aufgabe ist es, mich zu repräsentieren. Dafür habe ich dich ausgebildet, dafür bist du da.“ Die Gesichtsschleier aus schwarzer Spitze, munkelte man weiland, trage die Anorektikerin, um ihre Hungerödeme zu verbergen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer, bekannt unter anderem für „Was hat uns bloß so ruiniert“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23103), verwendet sie für eine eigene Lösung. „Corsage“ heißt ihr Film über Ihre Kaiserliche Hoheit Grenzgängerin, und kein Biopic ist, was da am 7. Juli in den Kinos anläuft, sondern ein Spiel mit Stilbrüchen, vom sphärischen Soundtrack der französischen Sängerin Camille, „She Was“ gleichsam das Leitmotiv: https://www.youtube.com/watch?v=Z-YaTKXBNVY, bis zu schwarzweißen Filmaufnahmen, gedreht von Gyula Graf Andrássy, auf denen Elisabeth übermütig über eine Wiese tollt, beinah zwei Jahrzehnte vor den Brüdern Lumière.

Elisabeth-Darstellerin Vicky Krieps gewann für die Hauptrolle im Mai in Cannes/Sektion Un Certain Regard den Preis für die Beste Performance, der ganze Cast liest sich wie das Who‘s Who deutschsprachiger Film- und Theatergrößen: Florian Teichtmeister als Kaiser Franz Joseph, Katharina Lorenz als Hofdame und engste Vertraute Marie Festetics, Jeanne Werner als Hofdame Ida Ferenczy, Alma Hasun als Friseurin Fanny Feifalik – diese drei Elisabeths innerer Kreis,

Manuel Rubey als Bayernkönig Ludwig II., Aaron Friesz als Sympathieträger Kronprinz Rudolf, Alexander Pschill als Hofmaler Georg Raab, Raphael von Bargen als Erster Obersthofmeister Hohenlohe-Schillingsfürst, Regina Fritsch als Gräfin Fürstenberg, Oliver Rosskopf als Kammerdiener Eugen, Marlene Hauser als Kammerzofe Fini, Stefan Puntigam als Majordomus Otto, David Oberkogler als Rudolfs Erzieher Latour von Thurmburg, Norman Hacker als Chefarzt Leidesdorf, Eva Spreizhofer als Marie Hohenlohe, Raphael Nicholas als Earl of Spencer sowie Kajetan Dick als Wiener Bürgermeister Cajetan Felder.

Gewichtskontrolle mit Jeanne Werner als Hofdame Ida Ferenczy. Bild: © Alamode Film

Tägliche Routine – mehrere Stunden Sport: Vicky Krieps als Elisabeth. Bild: ©Alamode Film

Mit den Haaren fallen geschätzt zwei Kilos: Vicky Krieps als Elisabeth. Bild: © Alamode Film

Engste Vertraute: Katharina Lorenz als Hofdame Marie Festetics (li.) mit Vicky Krieps. Bild: © Alamode Film

Doch zurück zur Stillen Nacht, die Strophe „Schön soll sie bleiben“ wird grad gesungen, da wendet Sisi ihren Synkope-Schmäh an, wegkippen, seufzen, Augenverdrehen, so viel Macht bleibt der Machtlosen, sich einem ihr unlieben Umfeld zu entziehen. Es sind vielleicht folgende zwei Szenen, die Marie Kreutzers Film skizzieren. Die eine: Teichtmeisters Franz Joseph, der an der Türe klingeln muss, um in Elisabeths Gemächer vorgelassen zu werden, wo er erst einmal den berühmten Backenbart abnimmt, als säße er, nun da das Happy-Birthday-„Theater“ vorbei ist, in der Garderobe, in der Maske –

die beiden einander Aug‘ in Augenring gegenüber, ausgelaugt, abgehetzt, und ja, da ist noch was, „mon cœur“ nennt er sie, aber sie können’s nicht mehr (be-)greifen. Teichtmeister ist grandios als in Uniform erstarrter, doch innen drin spürbar sensibler Habsburger, „der erste Diener des Staates“, der Soldat, der über seine Völker wacht – und wer jemals des Kaisers karge Gemächer in Bad Ischl besichtigt hat, weiß, was das bedeutet. Heute würde man sagen: Ein Workaholik.

Die andere Szene: Beim Besuch in einer Heilanstalt für nervenkranke Frauen, etwas, das die empathische Elisabeth wie jenen in Feldlazaretten als ihre vornehmste Pflicht ansah, wird sie von Chefarzt Leidesdorf herumgeführt: tobende Kranke in Gitterbetten, fixierte Frauen, frierende in Eiswasserbädern, heulende, halbverbrühte in der gegenteiligen „Therapie“ … und in der Kaiserin Gesicht die Erkenntnis, wärst du nicht von Rang, du lägest auch hier. Doch auch ein goldener Käfig ist vergittert … Der Kontrast zu den mitgebrachten, üppig verzierten und nun hastig verteilten Törtchen könnte größer kaum sein.

In diesem Spannungsfeld von bewusster Provokation, für die Vicky Krieps der Etikette und den hofzeremoniellen Tableaux Vivants gern auch mal den Mittelfinger oder dem Leibarzt die Zunge zeigt, wenn er die durchschnittliche Lebenserwartung von „Frauen des Volkes“ bei ihr als erfüllt ansieht, zwischen draufgängerischer Exzentrik und depressiver Einsamkeit hält Kreutzer den von ihr angelegten Sisi-Charakter in der Schwebe. Die Possenhofener Posse ist passé. Nun ist sie ausrangiert, hat ausgedient als Vorzeige-Majestät. Franz Joseph flaniert derweil ungeniert mit seiner kindfraulichen Geliebten Anna Nahowski durch den Schönbrunner Schlosspark, alldieweil Elisabeth von allen Seiten für ihr Tun, ihr (Da-)Sein getadelt wird.

Von Rudolf, ihrer Schwester Marie, Königin beider Sizilien, ja sogar von ihrem letzten und jüngsten Kind Valerie: „Maman, ich geniere mich für dich.“ Sie sei für Vater ein Grund zur Sorge bescheidet sie die Tochter … „Hauptsache, wir hinterlassen ein hübsches Bild“, sagt Sisi zu einem Porträt ihrer dreijährig verstorbenen Tochter Sophie. Die Manipulation der Menschen, der Massen durch Bilder, ist hier eines der Hauptthemen …

Einbestellt zum Festbankett: Aaron Friesz als Kronprinz Rudolf, Vicky Krieps und Katharina Lorenz. Bild: © Alamode Film

Bereitmachen für den kaiserlichen Auftritt: Florian Teichtmeister als Franz Joseph mit Vicky Krieps. Bild: © Alamode Film

Vater-Sohn-Konflikt nicht zuletzt wegen Non-Kommunikation: Aaron Friesz und Florian Teichtmeister. Bild: © Alamode Film

Seelenverwandt: Manuel Rubey als Bayernkönig Ludwig II mit Vicky Krieps. Bild: © Alamode Film

Vor den Augen aller verschwindet die brüchig gewordene Elisabeth, diese Idealvorstellung einer Niemandin. Längst schon bereitet sie Marie Festetics als Double vor, eine Aufgabe, die in der Realität wegen größerer körperlicher Ähnlichkeit Fanny Feifalik übernahm, hier nun Lorenz‘ Festetics, die sich nach dem ersten Auftritt mit Gesichtsschleier ob der ihr viel zu engen Korsettschnürung in die Waschschüssel übergibt. „Sie werden sagen, dass ich zugenommen habe, und es wird ihnen gefallen haben“, kommentiert Elisabeth. Katharina Lorenz, das heißt: Marie Festetics spielt ihre Rolle mit dem abgehärmten Stoizismus einer Märtyrerin.

Es ist ein sprödes und schmerzliches Bild, das Kreutzer von der Kaiserin und ihrer Entourage zeichnet. Zwischen all deren violett-schwarzen Roben (Kostüme: Monika Buttinger) beleben die betörende Camille und Judith Kaufmanns düster-symbolhafte Kamerabilder sowie ein skurril-subtiler Humor (siehe Backenbart-Abnahme), der sich wie ein seidener Faden durch das Drehbuch zieht, den Film. Aber es ist die vom leibärztlich verschriebenen „Heilmittel“ Heroin berauschte Elisabeth, die einerseits ungeniert ausscherende und zugleich extrem kontrollierte Darbietung der Krieps, die alles zusammenhält.

Ihr Auftritt ist so kühn wie Kreutzers Film, der sich historischen Zwängen wie ins kollektive Gedächtnis eingeschriebenen Klischees in jeder Einstellung klug und mit Nachdruck zu entziehen weiß. Geschichtliche Unstimmigkeiten verteidigt Kreutzer mit Vehemenz. Für eingefleischte Elisabeth-AuskennerInnen hat die wie stets akribisch recherchierende Kreutzer aber weder auf die Anker-Schulter-Tätowierung noch auf die kandierten Veilchen vom Demel vergessen. Dabei istCorsage“ ein vieldeutiger Titel, der Körper, Geist und Seele miteinschließt. Eingeschnürt-Sein in der Epoche, der Gesellschaftsschicht, dem Geschlecht – der Corsage und wegen all dem dieser stete Mangel an Luft zum Atmen. „Fester, fester!“

In ihrer Sommerresidenz 1878 wird sich Sisi des symbolischen Drucks ihrer Frisuren entledigen, indem sie zur Schere greift – was bei Alma Hasuns Fanny Feifalik einen Nervenzusammenbruch auslöst. „Mein Lebenswerk ist zerstört“, heult sie, was Jeanne Werner als Ida Ferenczy lapidar mit „Blöde Gans!“ kommentiert. Sisi wird lose „Reformkleider“ à la Emilie Flöge und ihr nunmehr kinnkurzes Haar vom Wind zerzaust tragen. „As Tears Go By“ erklingt dazu ein Cover des Rolling-Stones-Songs: „It is the evening of the day …“ Marie Festetics hat längst den Anker in die Haut geritzt bekommen und Elisabeths Unterschrift geübt. Für Franzls Geliebte hat Sisi nur einen Rat: „Der Kaiser hat keine Zeit und ist ungeduldig. Empfangen Sie ihn bereits im Bett und ohne Mieder.“

Einen Luigi Lucheni braucht Marie Kreutzer nicht, an Elisabeths Ende steht Selbstermächtigung. Kreutzers Arbeit ist eine avantgardistisch-feministische Perspektive auf ein Frauenleben, ein scharfer Blick auf toxisch-männliche Strukturen, eine konsequent ins Zeitgemäße weitergedachte Erzählung der gereiften Elisabeth. Sich mit dieser modernen Sisi, etwas, das die tatsächliche Elisabeth zweifellos war, zu identifizieren, fällt leichter, als eine Verbindung zur Technicolor-Sissi zu finden, die in der filmischen Nachkriegs-Heile-Welt als nostalgischer Verdrängungsmechanismus perfekt funktionierte.

Den letzten Absatz für Marie Kreutzer: „Wäre es das alles Elisabeths exklusives Problem gewesen, hätte es mich nicht interessiert. Aber an Frauen werden auch heute noch viele der Erwartungen gestellt, mit denen sie zu kämpfen hatte. Es gilt nach wie vor als die wichtigste und wertvollste Eigenschaft einer Frau, schön zu sein. Daran hat die Geschichte, ja auch die Frauenbewegung und Emanzipation, nichts ändern können. Immer noch gelten Frauen als weniger wertvoll, wenn sie übergewichtig sind oder älter werden. Im Jahr 2022 müssen Frauen zwar noch viel mehr können und erfüllen, aber dabei bitte schön schlank und jung bleiben. Ab einem gewissen Alter kann frau es auch nicht mehr richtig machen – denn lässt sie ,etwas machen‘ wirft man ihr Eitelkeit vor, tut sie es nicht, werden ihre Falten kommentiert.“

mk2films.com/en/film/corsage           www.alamodefilm.de/kino/detail/corsage.html

7. 7. 2022

Burgtheater: Der Selbstmörder

Oktober 30, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Sterben geht es stets um die Wurst

Mit Pistole in Bestform: Florian Teichtmeister hat den Finger am Abzug: Bild: © Matthias Horn

Die Sache mit der Leberwurst, nach der es Semjon Semjonowitsch mitten in der Nacht so dringend gelüstet, hat was mit ностальгия/nostal’giya, mit Not- und des darunter leidenden -stands zu tun. 1936 gab’s fürs unterernährte Proletariat die erste sowjetische Brühwurst, so sättigend, da kalorienreich, dass die ansonsten die Städter versorgende Landbevölkerung per „Wurstpendelzug“ nach Moskau kam, um ein

Zipfelchen zu ergattern. „Für Wurst“ in den Westen zu fliehen, wurde bald zum Synonym für Freiheit. Und auch post-sowjet gibt es in Russland eine Sehnsucht nach den Sowjet-Würsten, eine symbolische, versteht sich … In diesen Kontext eingebettet, gilt es Nikolai Erdmans Komödie „Der Selbstmörder“ zu lesen. Ein Glück, das Burgtheater hat das alsbald zensurierte Meisterwerk für sich entdeckt; nach einer fulminanten Inszenierung des Theaters zum Fürchten 2012, das diesem eine Nestroy-Nominierung bescherte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=717) und dem Theater Brett, das die Farce in russischer Sprache aufführte. Die Inszenierung des bewährten Regieduos Peter Jordan – berühmtes „Tatort“-Gesicht und gewesener Domplatz-Teufel – und Leonhard Koppelmann führt nun in eine groteske Kommunalka:

Schwarzes Theater, ein Grand Guignol voller Gothic-Spukgestalten, der/die kleine Mann/Frau als Figuren jener Schießbuden, wie Alexander Petrowitsch Kalabuschkin eine betreibt. Die Tattoo-übermalten Steam-Punks von Ausstatter Michael Sieberock-Serafimowitsch gleichsam die des langzeitarbeitslosen Kleinbürgers Podsekalnikov sich wie ein Konfidentenkörper bewegende Spitzelnachbarschaft. Im mitunter blutroten Hintergrund Hammer, Sichel, Signallampen, Rauch – der Zug, er ist wohl immer schon irgendwohin abgefahren. Erdman, dies noch erwähnt, saß für seine Texte drei Jahre in Sibirien ab, danach verurteilte sich der Satiriker selbst zum Schweigen.

„Ganz egal, Hauptsache leben. Wenn man einer Henne den Kopf abhackt, läuft sie ohne Kopf auf dem Hof herum. Und wenn ich wie die Henne leben muss, mit abgehacktem Kopf, aber ich will leben“, sagt Semjon Podsekalnikov an einer Stelle – und man möge Message Control und Strukturelle Korruption und 99,4-Prozent-Parteitagsabstimmungquote an dieser Stelle als Hintergrundgeräusch stehen lassen. Oder wie es Semjons Schwiegermutter Serafima Iljinischna mal durchrechnet: es gebe nicht zu wenig Arbeitsplätze, sondern zu wenig „Beziehungen“ über die diese vermittelt werden könnten, Katharina Pichler bravourös, wenn sie dem Publikum erklärt: „Ich bin nicht lustig, eher abstrakt.“

Derart entwerfen Jordan und Koppelmann ein überzeichnetes, überagierendes, überbordendes Purgatorio, eine im Wortsinn Unterwelt, in der sich via Situationskomik der sowjetische Albtraum zum besseren Leben enttarnt. Heute, für all jene, die an einer Patina kratzen zu müssen glauben, ein Stück über bereits gehabte oder heraufdämmernde Diktatur, Einschränkungen in Meinungs-, Presse-, Freiheit der Kunst und der Gedanken, wenn auch nicht immer so benannt, so doch nur ein paar Abzweigungen von Ist-Zustand entfernt. Einem Sittenbild, das laut Prätorianern einer Rückkehr in die Politik absolut nicht entgegensteht. Ehre, wem Ehre gebührt.

Teichtmeister, Henkel, Werths, Pichler, König, Häßle,  Böhlefeld und Hering. Bild: © Matthias Horn

Und die Tuba bläst der … Semjon: Florian Teichtmeister und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Henkel, Teichtmeister, Hering, Werths, König, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

In diesem Falle Semjon Semjonowitsch, der ob seines düsteren Brotaufstrichdebakels mit dem Suizid droht, ein Bonmot, das ihm prompt im Munde umgedreht wird, wollen sich doch unterschiedlichste Gruppierungen das Fanal fatal der Entleibung als Opferdienst an ihrer Sache einverleiben. Gib’ dem Ableben einen Sinn! Was im Weiteren die Produktion aus den Stereotypen Kasper, Seppl, Gretl, Gendarm und Krokodil generiert, ist bemerkenswert. Allen voran Florian Teichtmeister als märtyrerischer Semjon, der sich am Burgtheater freidrippelt, der in der Zusammenarbeit mit neuen Regisseuren zu ungeahnter Höchstform aufläuft.

Freilich kannte man ihn als feinen Komödianten, doch spätestens seit Handke/Castorfs „Zdeněk Adamec“ hat er eine Schallmauer durchbrochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47821). Rund um ihn gruppiert sich im Danse Macabre das Ensemble zum Ringelreihen skurriler Selbstdarsteller, eitler Exzentriker und absurder Revolutionäre, sie alle in mehreren Rollen – und dürfte man Interpretationen des Bühnenbilds überstrapazieren, man könnte formulieren, sie alle seien Hunte des Systems, die in die Grube fahren. Die Intellektuellen, die orthodoxe Kirche, die Fleisch verarbeitende Industrie, die Künstlergilde am Katzentisch des Staates, die Beamten-Apparatschiks, die russische Nationalität, der Antisemitismus, der Mensch als Masse, sogar die Liebe selbst, verlangt’s nach der Instrumentalisierung der schönen Leich‘.

„Sie sind ein Vorbild, Podsekalnikov, ein Titan!“, säuseln die Lobbyisten. Nur hat der sich mittlerweile besonnen. Doch, um im Bild zu bleiben: Wo eine Zeche, da heißt es zahlen … für die Verzweiflung, die Gier, den Eigennutz. Und großartig sind Lilith Häßle als einzig aufrichtige Ehefrau Mascha sowie Katharina Pichler als Schwiegermutter und mit Schnauzbart volksdümmelnder Dichter Viktor Viktorowitsch. Markus Hering schlägt als Schießbudenpächter Kalabuschkin eine Volte nach der nächsten, dabei prächtig abgewatscht von Tim Werths als vollbärtig-homoerotischer Geliebter Margarita Iwanowna und Pope Elpidius, eine Verwandlung, für die es nur eines Schürzens des Rocks bedarf.

Dietmar König toppt das alles als Intelligenzija-Abgesandter Grand-Skubik mit Bindestrich – und Bardo Böhlefeld wie Alexandra Henkel geben als rotbeflaggter Student Jegor Timorejewitsch, bolschewikischer Fleischer Pugatschow und Schneiderin Madame Sophie sowie Kleopatra Maximowna, die nach romantisch verbrämter Liebe verlangt, und Raissa Filippowna, ihre Rivalin, die nach unverbrämter Liebe verlangt, sowieso alles. Ganz klar, der Cast contragendert sich bei derlei Charaktergestaltung in lichte Höhen. Bei absolut stimmigem Tempo und Timing macht sich Teichtmeister mit lakonischem Jammer und „Ich habe gelitten“-Mantra zum Stein des Anstoßes auf der Straße der Geschichte.

Henkel, Böhlefeld, Pichler, Hering, Häßle, Teichtmeister und Werths. Bild: @ Matthias Horn

Teichtmeister, König, Werths – große Klasse als Margarita Iwanowna, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

Dietmar König, Markus Hering, Florian Teichtmeister, Katharina Pichler und Bardo Böhlefeld. Bild: @ Matthias Horn

Tim Werths, Alexandra Henkel, Katharina Pichler, Lilith Häßle, Florian Teichtmeister und Dietmar König. Bild: @ Matthias Horn

Zur Story passend und mit morbidem Sinn für makabren Humor spielt er sich die Seele aus dem Leib, Semjons Tragödie touchiert vom Eifersuchtsdrama zwischen Neo-Witwer Alexander Kalabuschkin alias Markus Hering und dem wunderprächtigen Tim Werths als ellenlanger Margarita Iwanowna. Welch ein Buffo-Paar! Zwischen Ideologie und Idiotie wird die Beerdigung des höchst lebendigen Leichnams zum Begräbniskabinettstück. Die angekündigte Tat muss stattfinden, ein Testament zugunsten der begünstigten Partei attestiert werden, so oft tauschen Pistole und Schreibstift den Besitzer. Die Kalenderspruch-Fabrik produziert als einzige auf Hochtouren.

Doppeldeutig schwenkt dazu Böhlefelds Jegor eine rote Fahne mit kreisrundem Loch in der Mitte, aus der Literatur weiß man, wie flugs hierzulande das schwarze Hakenkreuz auf weißen Grund entfernt wurde. Das Ensemble singt passend „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, Leonid Radins im Taganka-Gefängnis verfasstes Arbeiterlied, erstmals gesungen 1898 von politischen Gefangenen auf dem Marsch in die sibirische Verbannung und bald so populär, dass es umgedichtet in „Brüder in Zechen und Gruben“ zum liebsten Propagandalied der NSDAP, als „Brüder formiert in Kolonnen“ zum Kampfruf der SS wurde. Derart ziehen und schließen Jordan und Koppelmann ihre Kreise, man muss nur oft genug links abbiegen, um erneut rechts zu landen.

Was Semjon Semjonowitsch will, ist von zeitloser, rassen- und klassenloser Allgemeingültigkeit: ein einfaches Leben in Frieden, gefordert von Politik, Popen und Proletariat, ein Wunsch den die Systeme per se nicht erfüllen können. Doch der Scheintote, er kann endlich sagen, was er denkt … Bleibt die Notiz, die GRK-Vorsitzender Gandurin dem Genossen Stalin über die „zweideutigen Situationen“ vorlegte:

„Die Hauptfigur in Erdmans Stück ,Der Selbstmörder‘ ist Fedja Petunin. Man spricht über ihn im Verlauf des Stückes, er erscheint aber nie auf der Bühne. Petunin ist die einzige positive Figur des Stücks, ein Schriftsteller, der Selbstmord begeht und einen Zettel hinterlässt:  ,Semjon Podsekalnikov hat Recht, [unter diesen miserablen Umständen, nur um den Herren auf der Tuba den Tusch zu spielen] lohnt es sich nicht zu leben.‘“ Viel zu kurzer Applaus für eine Gegenwartsparodie, die etliche offenbar erst auf dem Heimweg verstanden. Mann. Macht. Ernst. Teaser: www.youtube.com/watch?v=BB0pdylTPz8           Kostprobe: www.youtube.com/watch?v=IIQ5-4zEQwI            www.burgtheater.at

BUCHTIPPS: Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34549. Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341.

  1. 10. 2021