TAG: Ödipus. Eine Kriminalkomödie

Oktober 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Telefon-Orakel von Delphi weissagt ab 250 Euro

Nach Theben, was erleben: Stefan Lasko, Florian Carove, Julia Edtmeier, Lisa Schrammel, Jens Claßen, Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Fusion des TAG-Ensembles mit den Kreativgeistern des Bronski & Grünberg, das ist Jazzrock pur, die verspielte Raffinesse des einen mit der rhythmischen Intensität des anderen, oder anders gesagt: Die Godfathers of Surreal Comedy – Monty Python wären wohl very amused über diese Collaboration.

Dies als Kompliment an Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die Text, Regie und Ausstattung der Kriminalkomödie „Ödipus“ verantworten, und an die Spielerinnen und Spieler Florian Carove, Jens Claßen, Julia Edtmeier, Michaela Kaspar, Stefan Lasko, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert, die in der expressiv-exaltierten Art beider Häuser den Sophokles-Stoff zur komischsten Tragödie ever machen. Beides – sowohl als die Antike imitierender Chor, denn auch als krisengebeutelte Protagonistinnen und Protagonisten.

Zu The Who’s, weil wer ist hier schließlich wer?, „Young Man Blues“ gibt’s XXX-Trash vor biederer Seventies-Fototapeten-Behausung. In Zimmer, Küche, Kabinett plus einer unsichtbaren Wand als Metapher, wird eine Houseparty vorbereitet. Käseigel, Mango-Bowle, Toast Hawaii, Karaoke und Rätselspiele der Zwillinge Sphinkt, eine Schicksalsfete, die das Königspaar Laios und Iokaste, Georg Schubert und Michaela Kaspar, vorbereiten, um das Thron- und Ehejubiläum nebst des losgewordenen, götterlästerlichen Unglückssprosses zu feiern.

Merope Mayer und Iokaste. Bild: © Anna Stöcher

Karaoke-Königin: Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Raphael Nicholas als Kreon. Bild: © Anna Stöcher

Stefan Lasko und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

ṓimoi! So einfach ist’s in Wien nicht. Derweil nämlich Laios den Korruptionsstaatsanwalt Theiresias MEYer, er weiß zuviel, er muss weg, einladen wollte, entsendete Iokaste das Schreiben ans Ehepaar MAYer, Jens Claßen und Lisa Schrammel als Polybos und Merope, die ob der Ehre zwar unsicher, aber angesichts von Schinkenrollen und Mayonnaise-Eiern gewiss, samt Ziehsohn Ödipus – !!! Theaterdonner – erscheinen.

Muss mehr gesagt werden, außer dass ein Slapstick mit Pistole im Anschlag und Koks Lines ausbricht, der seinesgleichen sucht; im Tyrannenstaat sind alle extrem schreckhaft, Stichwort: Türklingel; jene, die eben noch unterwegs waren nach Theben, was erleben, sind nun in Geiselhaft eines bizarren Agatha Christie’s Whodunnit, ein Eindruck, den Florian Carove als Hercule-Poirot-Lookalike aka des blinden Sehers Theiresias MEYer noch bestätigen wird. Und großartig zeitpolitisch ist, wie Claßen und Schubert auf die orakelsüchtige Generation hindreschen, jeder (Wahl-)Spruch wie vom Stammtisch der Alles(besser)wisser, die Untergangspropheten auf dem Vormarsch. Das ist Nonsens auf höchstem Niveau, Nonsens mit Spür- und Hintersinn.

Ödipus also, Stefan Lasko, ist die Art findiges Findelkind, über dessen Neurosen die Neuronen heiß laufen, Geräusche dazu: Nadel kratzt über Schallplatte, Vinyl, wer will, und bei der Delphi-Telefonhotline gibt’s dazu wenig Anleitung zum offenbar Unvermeidbaren. Wunderbar reimt das Duo Dymnicki-Pschill Gyros auf Virus, denn klar kommt der COV19-Seuchen-Fluch vor. Julia Edtmeiers als gelangweilter Teenag-Nerd nennt das neue Staatsoperhaupt, den Stadtstaatneurotiker Öd-Ipus auf dessen Spottwort Anti-Gone; die aufsässige Tochter-Schwester-Enkelin eine Fridays-for-Future-Göre vom Feinsten; die ganze Familiensoap wie „Dynasty – Der Kreon-Clan“ für spaßbereite Altphilologen; Karrierist und zweimalig thronberaubter Kreon, als der Raphael Nicholas zwischen den Psychoticks seiner Schizosippe die Spatoi-Drachenzähne zusammenbeißt.

Polybos Mayer und Laios. Bild: © Anna Stöcher

Der blinde Theiresisas Meyer. Bild: © Anna Stöcher

Ein Anruf bei der Delphi-Hotline …: Bild: © Anna Stöcher

… und hereinbricht der Theaterdonner. Bild: © Anna Stöcher

Stellt sich Lasko mit „Ödipus“ vor, antwortet Kaspars Iokaste „Komplex, Ihr Name …“ Gibt es Stromausfall, schreit der Vatermörder-Mutterschänder: „Ich bin blind.“ Jeder Satz ein Lacher, Tschingderassabum! Selten hat man sich in zwei Stunden derart köstlich und geistreich amüsiert. Und keine Sorge, so schlimm wie beim Athener Dichter kommt’s nicht. Das Publikum hat nämlich Stimmrecht als jene Sorte Blitzdemokratie, wie’s die Populisten gerne hätten.

Soll er oder soll er nicht? Sein oder Nichtsein? Ist der Lauf der Dinge vorherbestimmt und launenhafte Gottheiten wählen Menschen für ihre grausamen Spiele willkürlich aus? Oder – welch ein moderner Gedanke – gibt es Ursache und Wirkung, eine stringente Ereigniskette aus dem Kleinsten ins Größte, aus dem Banalen ins Entsetzliche? Egal, wie man entscheidet, sagt Ödipus, es passiert, wie es denen da oben gefällt …

18 Jahre und vier gezeugter/adoptierter Kinder später trifft man erneut aufeinander. Geil, gefräßiger, süchtiger denn je. Same place, other husband, but still: Verwechslungsfarce. Let’s party! Doch der von seinen Visionen virtuos geschüttelte Carove-Theiresias liefert zu „A Whiter Shade Of Pale“ ein Kabinettstück ab, wenn er die Tötungsszene nachspielt. Bei einem letzten Abendmahl wird die rasche Tat bei einer Flasche Rot abgeurteilt. Ein Alternative-Fakten-Ende, ein posthomerisches Gelächter auf die präpotenten Olympier. Ein Bravissimo fürs Timing im Tempo. Und sollte vor dieser Politik jemand Panik haben … Attacke!

Trailer: vimeo.com/618879246           www.dastag.at            www.bronski-gruenberg.at

5.10.2021

Burgtheater: Zdeněk Adamec

September 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frank Castorfs grausiges Grand Guignol

Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne: Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold und Hanna Hilsdorf. Bild: © Matthias Horn

Nach dem „Faust“ an der Staatsoper und Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47456) schloss Frank Castorf gestern Abend am Burgtheater seinen Wien-Hattrick mit der Inszenierung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ ab. Dass der Autor ein Meister der leisen Zwischentöne ist, der seinen Text demgemäß auch „eine Skizze“ nennt, kränkelte Polter-Geist Castorf nicht eine der 255 Minuten Spieldauer an.

Auf des einen feinnervige Reserviertheit antwortet der andere mit nervösem Rambazamba. Ein wilder Widerspruch der beiden das Schützenswerte im Menschen hochhaltenden Wut-Verwandten, der störrisch-spröde Literaturnobelpreisträger und der sture Bühnenexpressionist, was sich mit Blitz und Theaterdonner höchst erfrischend entlädt. Was sich auf der Bühne ereignet, ist extrem, exzentrisch, exaltiert. „Bitte macht mich nicht zum Narren“, schrieb Zdeněk Adamec als letzten Satz in seinem Abschiedsbrief. Dafür hält Castorf jetzt ein grausiges Grand Guignol ab, dies, weiß der frankophile Frank, nicht nur das gallisch-gallige Pendant zum Kasperl, sondern auch Gattungsbezeichnung für grotesk-triviales Gruseltheater.

Handkes titelgebende Figur ist ein real existiert habender Mensch. Am Abend des 5. März 2003 fuhr der 18-jährige Schüler Adamec mit einem Überlandbus von seiner Heimatgemeinde Humpolec nach Prag, um sich dort auf den Stufen des tschechischen Nationalmuseums auf dem Wenzelsplatz mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Zdeněk ist ein Selbstmörder, der um den historischen Bezug seiner Tat weiß: 1968 verbrannte sich ebendort der Student Jan Palach als „Fackel No.1“ aus Protest gegen die Okkupation durch sowjetische Truppen.

Adamec hingegen adressiert als „Fackel 2003“ die „lieben Bewohner der ganzen Welt“, plädiert für die „totale Demokratie“, ruft auf mit Kriegen, Kapitalismus und Korruption, heißt: sozialen Ungerechtigkeiten, der Umweltzerstörung, der Macht des Geldes Schluss zu machen … Bald ist der Fall vergessen. Bis ihn Peter Handke 2017 in seinem Roman „Die Obstdiebin“ erstmals aufgreift. Adamec ist ihm kein „verstörter Jugendlicher“, wie Vaclav Klaus versuchte, die Selbsttötung kleinzureden, kein von existentiellem Ekel befallener Unzurechnungsfähiger – doch wer dann?

Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Liebling, hältst du mal die Axt? Mavie Hörbiger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

In seiner bei Suhrkamp erschienenen 71-Seiten-Albtraumballade sucht Handke dies nur bedingt zu ergründen, und Castorf gesteht ihm im Interview – befragt nach Handkes proserbischem Engagement, in Stück schreibt er: „Zeige niemandem deine Heimat!“ – zu, dass ein Dichter andere Tatsächlichkeiten, Ansichten und Ansätze haben dürfe als Otto Normalo. Sieben Spielerinnen und Spieler, Mehmet Ateşçi̇, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister, schickt er los auf die Pirsch nach einer Geschichte, sie sind Beobachtende, Erzählende, Gestrandete im Mentalitätskaff Humpolec, Sich-ihren-Teil-von-der-Story-Nehmende – und letztlich per Rollennamen auch sie selbst.

„Eine Inszenierung von Frank ist nie kurz“, bescheidet Franz dem Florian. Gelächter. „Wo bleibt denn die Requisite?“, fragt Marcel besorgt, als der volltrunkenen Marie-Luise der Sprit – eine Plastikkalaschnikow voll Schnaps – ausgeht. „Jetzt müssen wir einmal den roten Faden wieder finden“, fordert Mavie die anderen auf. Denn Kernthema ist, besungen von Georg Danzer: „Die Freiheit“, auch die, sich das Leben zu nehmen, der Kernsatz zu Adamec‘ medialem Verschwinden: „Es scheint, als würde es nur um Aktualität gehen und hinter der Aktualität keine Welt.“ Ihrer auf Spekulationen und Mutmaßungen basierenden Aufführung des Ewig-Unbegreifbaren misstrauen sie selbst: „Woher weißt du das?“ fragen sie einander immer wieder skeptisch.

Auf die Drehbühne hat Castorfs Longtime Companion Aleksandar Denić, die mal königlichen, mal klobigen Kostüme sind von Adriana Braga Peretzki, Handkes „Feierabendleuten“ diverse Spielorte gestellt. Unorte an der städtischen Peripherie, eine Autobushaltestelle, eine grün gestrichene Baracke mit Hinterhof-Ausschank und Außendusche, eine Deponie voller Benzinfässer. Darüber große Werbetafeln für bosnische und serbische Zigaretten, wo viel Rauch, da auch viel Feuer, und Handke erinnert in seinem Text an die großen Leuchtreklamen internationaler Konzerne am Wenzelsplatz, die den jungen Mann im letzten Augenblick darin bestärkten, das ihm richtig erscheinende zu tun.

Florian Teichtmeister, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet mit den Scherenhänden: Florian Teichtmeister und Mehmet Ateşçi. Bild: © Matthias Horn

Im Chaos gleich einem klassischen Calderón-Helden: Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Bude zerlegt: Hilsdorf, Hörbiger, Stockinger, Heuperman, Teichtmeister, Ateşçi und Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Castorf setzt darüber als ohnmächtige Verhöhnung des unantastbaren Systems ein riesiges Billboard: „Let’s Start Burning“, womit die in Flammen stehende Sportlerin allerdings die Fettverbrennung beim Workout meint. Trostlosigkeit also in Humpolec, auf der Leinwand das „berühmte“ Autocrossrennen des Ortes samt ohrenbetäubendem Heavy Metal, jede verständliche Bemerkung die eine oder einer macht, kommentieren, relativieren die anderen als „… oder auch nicht!“-Chor. Ein derartiges Textkaleidoskop über die Rampe zu bringen, gelingt nur mit einem großartigen Ensemble wie diesem.

Hanna Hilsdorf etwa, die Castorf von der Volksbühne mitgebracht hat, worüber sie auch ein reminiszentes Tränlein vergießen darf, Castorf, der Feminist anorektischer Frauenfiguren, der den Damen hier inhaltlich mehr zu spielen gibt, als den Herren. Nach der Pause gesellt sich zum lakonisch vorgetragenen Nonsens-Hintersinn eine häppchenweise Adamec-Abhandlung, Mavie gebiert unter Schmerzen das Baby Zdeněk, das als Spielzeugpuppe gespenstisch auf und davon krabbelt, Franz macht sich zum Alter Ego punkto der Angelegenheit „sich selbst abzuschaffen“, schön und gut, dass Castorf Handkes Hang zum Pathos plattgemacht hat, doch er tut’s an dieser Stelle auch mit dem Performer.

Ziehen doch die rätselhaften Bilder einer Postapokalypse aus Jan Schmidts tschechischem 1967er-Schwarzweiß-Spielfilm „Ende August im Hotel Ozon“ die Aufmerksamkeit auf sich. Ansonsten ist Castorf um Ideen nie verlegen. Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne. Im Inneren des grünen Häuschens, Wohnküche und Stockbetten-Schlafzimmer, und für seine Begriffe setzt Castorf Andreas Deinerts Live-Kameras diesmal relativ spät ein, kocht Florian ein Karottensüppchen, das ihm Mehmet mit den Scheren- händen später, da ersterer auf der Toilette sitzt, über den Unterleib kippt. Auch dies wohl eine Art Metapher fürs Brennen, wie Castorf überhaupt einmal mehr klar macht, woraus der Mensch besteht: Blut und Scheiße.

Marie-Luise Stockinger und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Hilsdorf und Hörbiger, auf der Leinwand: Pätzold und Heuperman. Bild: © M. Horn

Ebenfalls ungewöhnlich für den Godfather des deutschsprachigen Diskurstheaters ist der sparsame Einsatz von Fremdtexten. Castorf unterfüttert Handke mit Handke, ein wenig Céline kommt vor, Schillers ästhetische Briefe, das Darker Manifest, Adam Smiths „mitten im Schoße der Gefühligkeit hat der Egoismus sein Sein begründet“. Ivo Robic singt „Morgen“, Hans Albers „La Paloma“ und Karel Gott „… oder auch nicht“ die Modřanská Polka „Škoda lásky“ aka „Rosamunde“. Am Ende erklingt das ursprünglich russische Arbeiterlied, später NSDAP-Propagandalied, früher und später der Hit der sozialistischen Bewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, verfasst 1895 von Leonid Petrowitsch Radin im Moskauer Taganka-Gefängnis. Dies für alle, die sich nach der Beschaffenheit des Castorf’schen Humors fragen.

Und apropos, Ende: Es gibt jede Menge schöner Schlussbilder. Pätzold spielt das nunmehrige Chaos allüberall wie einen Klassiker. „Das Leben ein Traum“, hänselt ihn darob Heuperman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41295). Auf ein Leintuch schreibt die Hörbiger wie einen Demoslogan auf Tschechisch „Bitte mach‘ mich nicht verrückt“ – und wird anschließend mit dem Rest des Ensembles im Regen stehen gelassen. Ein Video zeigt das reale Humpolec von heute als nettes Provinz-Städtchen, doch Mehmet Ateşçi̇ reagiert hysterisch schreiend: „Neiiiin!! Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!“ Ein Lacher angesichts von Castorfs Endlos-Arbeiten, aber auch ein Appell ans Niemals-Vergessen. Dazu skandiert das Ensemble gemeinsam den Zungenbrecher „strc prst skrz krk“/Steck deinen Finger in den Hals.

Fazit: Grandseigneur Frank Castorf, früher standfest in Buh-Orkanen, nun im elegant-dunklen Anzug von Bravorufen begleiteten Applaus entgegennehmend, entfesselt ein Ensemble wie kein zweiter. Wie sie alle x-e Male die Masken wechseln, ihre Haltungen und Tics, das ist großes Kino. Am Burgtheater scheint sich dafür bereits eine Stammcrew herauszukristallisieren, samt Florian Teichtmeister, den man selten so brillant expressiv gesehen hat wie hier. Und weil eingangs vom Gruseltheater die Rede war: Für seine Darstellerinnen und Darsteller wandelte sich der Frank im Jubel gar zum Kuss-Monster. Und was das enthusiasmierte Publikum betrifft: Der Gemeinschaft der Unzufriedenen und nach Veränderung Strebenden gab die Aufführung ganz castorfesk in jedem Augenblick die Wahrnehmung dazuzugehören. Merci beaucoup et plus encore.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=zAb-FXICTGw          Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=7w76t1xcjM8

  1. 9. 2021

Hochwald: Evi Romens queerer Anti-Heimatfilm

September 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Parabel vom zernarbten Herzen

Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Eines Tages stellte sich ein junger Mann in die Mitte des Ortes und verkündete, er habe das schönste Herz im ganzen Tal. Da trat ein alter Mann aus der Menge und sagte: „Dein Herz ist lange nicht so schön wie meines!“ Die Menschen und der junge Mann blickten auf das Herz des Alten. Es schlug stark, doch es war voller Narben. Stücke waren herausgebrochen und andere eingesetzt, tatsächlich waren da tiefe Löcher, wo ganze Teile fehlten.

„Du machst wohl Witze“, lachte der Junge. „Vergleich dein Herz mit meinem: Meines ist vollkommen und deines ist längst kaputt!“ „Ja“, erwiderte der alte Mann, „dein Herz sieht vollkommen aus, aber ich würde doch niemals mit dir tauschen. Weißt du, jede Narbe in meinem, jede Lücke steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe.“ Diese Parabel erzählt der Imam Mario, als dieser in einer muslimischen Wohngemeinschaft in Bozen eine letzte Zufluchtsstätte findet. Da hat der gestrauchelte Traumtänzer die Talfahrt vom „Hochwald“ schon hinter sich, dies der Titel von Evi Romens wuchtigem Regiedebüt, das bei der diesjährigen Diagonale mit dem Großen Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde und am Freitag in den heimischen Kinos anläuft.

„Hochwald“ ist ein queerer Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend, kontrast- und mit seinen Irrungen, Wirrungen, Wendungen auch risikoreich, doch Regisseurin und Drehbuchautorin Romens Rechnung geht voll auf, ihr Kalkül Schwul-sein im südtirolerischen Katholizismus, das Gefühl des Deplatziert-Seins, islamistischen Terror und eine rettende Begegnung mit dem Islam auf einen Nenner zu bringen. Durch die Kamera von Martin Gschlacht und Jerzy Palacz präsentiert sich die Amour-Fou-Produktion stylisch, hipp, innovativ.

„Hochwald“ ist atmosphärisch dicht, mit psychologischer Präzision inszeniert und exzellent bildgewaltig fotografiert, und es ist der charismatische Hauptdarsteller Thomas Prenn als Mario, der 107 Minuten lang sein Innerstes nach außen kehrt, und diesem Film seinen schauspielerischen Stempel aufdrückt – wofür der 27-Jährige beim Österreichischen Filmpreis zum besten Hauptdarsteller gekürt wurde. Und so beginnt der Film: Selbstvergessen tanzt Mario im Mehrzwecksaal der Volksschule im fiktiven Südtiroler Dorf „Hochwald“, er trägt Latein-Tanzschuhe, also solche mit Absatz, und hat in seiner Sporttasche allerlei fancy Kostüme dabei.

Eine Karriere als Tänzer schwebt ihm vor, ein Ausbrechen aus der Enge, die ihn erdrückt wie seine Gelegenheitsjobs als Frühstückskoch im Nobelhotel oder in der Fleischhauerei des Stiefvaters Hermann, Würste abdrehen und Mutters Neuen wichsen. Da trifft er in der Dorfdisco Jugendfreund Lenz, Noah Saavedra, dieser nunmehr Schauspielschüler in Wien und auf dem Weg zu einem Casting in Rom, und wohl früher Marios Love Interest. „In Wien sind alle schwul!“ – „Aber bei uns hier nicht“, unterhalten sich Mario und Lenz kichernd und kiffend im eingeschneiten Auto vor der Kirche und unterwegs zur Christmette.

Thomas Prenn im Haufen von Marios fancy Kostümen. Bild: © Amour Fou

Thomas Prenn und Noah Saavedra. Bild: © Amour Fou

Mario fühlt sich nur in der Dorfdisco frei: Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou

Doch gesagt, getan: der sensible, diverse Drogen drückende Mario wird den exaltierten Lenz nach Rom begleiten, der in sich gekehrte, nur im Tanz freie Schulwartssohn und der adelige, weltläufige Winzerspross, auch mit diesen Gegensätzen hantiert Evi Romen, wo sie am ersten Abend in einem Gay Club – gecastet: dessen echte Community – landen. Da passiert’s. „Allahu Akbar“ brüllende, vermummte Männer stürmen das Lokal, schießen wild um sich, Lenz ist tot … Für Marios Coming-Of-Age-Story bedeutet das ein Zurück in die gebirgige Düsternis, eine Konfrontation mit jener gnadenlosen Kleingeistigkeit, vor der seine sexuelle Orientierung nun offen ausgebreitet ist, hin zu Lenz‘ über dessen Homosexualität ahnungslose Eltern. Was Wunder, dass Mario seine Trauerarbeit im Volksschulsaal vor erschrockenen Taferlklasslern performt …

Zwischen den Anschuldigungen von dessen Mutter, Mario hätte Lenz Richtung Pfad der körperlichen Untugend verführt, und seines leiblichen Vaters: „Scheiß-Moslems, die g’hören alle darschossen“, in einer Abwärtsspirale ohne Ausweg, konfrontiert Evi Romen das Publikum nicht nur mit dessen eigenen Ressentiments, sie macht auch etwaige Erwartungshaltungen zunichte, wenn sie die Andersartigkeiten einander nicht abstoßen, sondern sich gegenseitig anziehen lässt. In Bozen nämlich, wo Mario sich in einem Nageldesignstudio unterm Ladentisch mit aufklebbaren Tips versorgt, trifft er nach einem „Schuss“ auf der Bahnhofstoilette Nadim, den er von seiner abgebrochenen Konditorenlehre kennt, und der sich dort fürs Gebet wäscht.

Josef Mohamed, in Wien bekannt als ausdrucksstarker Theaterschauspieler (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=32241, www.mottingers-meinung.at/?p=36095), schlüpft in die Figur des Gratis-Koran verteilenden Nadim wie in eine zweite Haut. Überhaupt ist Hochwald bis in die Nebencharaktere brillant besetzt. Mit Claudia Kottal als Volksschullehrerin und Mutter von Lenz‘ Ausrutscher-Sohn, mit „Hochwürden“ Johannes Silberschneider und Marco Di Sapia als Lenz‘ Künstleragent, mit Ursula Scribano-Ofner als Marios Mutter, Helmuth Häusler als Vater und Hannes Perkmann als Stiefvater. Katja Lechthaler und Walter Sachers sind als Lenz‘ Eltern zu sehen.

Mit Ursula Scribano-Ofner. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Josef Mohamed. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Kida Kodhr Ramadan. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Josef Mohamed (li.). Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Sowie der libanesisch-deutsche Schauspieler und Szenestar Kida Kodhr Ramadan als Imam Mami, in dessen WG Nadim Mario mitnimmt, als der im Drogenrausch auf der Straße zusammenbricht. Es wird die dortige Friedlichkeit und Freundlichkeit sein, das Anerkennen seines Ichs, wie es ist – siehe: die Parabel vom zernarbten Herzen, in dem Mario Halt und Unterstützung findet. „Die Attentäter, des waren kane Muslime, der Islam isch a friedliche Religion“, sagt Nadim, und Marios Vater, als er auf den Armen des Sohns keine neuen Einstiche findet: „War des da Allah?“ Bis sich der nächste Dorfskandal entzündet: „Man hat dich gesehen! Mit den Muselmanen! Des isch pervers! Totalschaden, odr?“

Wie sie einen doch ins Visier nimmt, die Wegschau-, die Menschen-Wegwerf-Gesellschaft, Visier wortwörtlich, als Lenz‘ Vater vom Hochstand aus mit seinem Jagdgewehr auf Mario anlegt … Mit seinen Doppelbödigkeiten, den Doppeldeutigkeiten des Dorfdialekts, die Tabus, um die jeder weiß es, doch keiner beredet, mit seinem spröde erzählten Gefecht Einzelkämpfer gegen Kollektiv, mit dessen Zerrissenheit und dem Zwiespalt, der Gräben durchs Umfeld zieht, ist „Hochwald“ ein gelungenes Stück modernen Neorealismo.

Evi Romen kann Symbolik, die archaische Grundstruktur des Orts als Setting, ausgerechnet Religion als Befreiung von belastenden Glaubensmustern, als Talisman eine weißgelockte Perücke, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, der Hochwald als Stätte der Transformation, und niemals bedient sie ein touristisches Südtirol. Dazu die stimmige Original-Musik von Florian Horwath, die’s hoffentlich bald auf CD gibt, und ein paar 1960er-Klassiker wie „Inch’Allah“ von Adamo.

„Hochwald“ lässt einen atemlos zurück, und mit viel Stoff, um darüber nachzudenken. Die Haken, die die Handlung durch die Unberechenbarkeit ihres Protagonisten Mario schlägt, lenken einen stets in eine neue Richtung, weg vom spezifischen Südtirol, hin ins Universelle. Im exzellenten Ensemble sticht einem Thomas Prenn als introvertierter Extrovertierter ins Auge, und ein solches sollte man auf den Südtiroler Schauspieler auch haben. Sein nächster Streich, „Große Freiheit“ von Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich, wurde dieses Jahr in Cannes in die Sektion Un Certain Regard eingeladen und mit dem Jurypreis ausgezeichnet.

www.facebook.com/hochwaldfilm          Trailer: www.youtube.com/watch?v=VlxjiJe-r1w&t=1s

  1. 9. 2021

Kammerspiele: Die Dreigroschenoper

September 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bill, der Pate und der Batman-Bad Man

Der Pate von Soho: Herbert Föttinger als Jonathan Jeremiah Peachum. Bild: © Moritz Schell

Über Laufstege eilt sie, die Gesellschaft, die „ehrenwerte“; 2004, als Herbert Föttinger der Mackie Messer war, hielt Hans Gratzer dem Josefstadt- publikum noch den weiland sehr en voguen Riesen- zerrspiegel vor, nun setzt Torsten Fischer auf Frack und Zylinder. Man versteht sein Die-sind-Wir, die Verhältnisse, sie sind schon so. „Geschäfts- leute“ stellen sich schließlich nach wie vor bei „Bettlers Freund“ zum Postenschacher um die besten Plätze an.

Bert Brechts zynische Kapitalismus-Satire trifft auch nach beinah 100 Jahren noch ins Schwarze … In den Kammerspielen der Josefstadt war nach der ORF III-Ausstrahlung im Frühjahr nun endlich die Bühnenpremiere seiner „Dreigroschenoper“, und man sollt’s nicht glauben, dass etwas das bereits via Bildschirm perfekt war, noch perfekter gearbeitet werden konnte. Endlich hautnah am Ensemble dran, agiert dieses, dass es einem unter die Haut fährt, bis sich die Haare aufstellen. Wer sich zurzeit für eine Theaterkarte entscheiden muss, sollte es unbedingt eine für diese Aufführung sein lassen.

Auftritt aus dem Nebel ein finsterer Föttinger, Jonathan Jeremiah Peachum, angetan als der Pate von Soho, in Nadelstreif samt roter Nelke, ausgestattet mit der Verschmitztheit des ewigen Siegers und einer süffisanten Überheblichkeit, doch lässt er erst der Dame den Vortritt. Der Brecht’schen Grande Dame Maria Bill, die „Die Moritat von Mackie Messer“ anstimmt, mit dunklem Timbre und eindrücklicher Performance, einem bestechenden Balanceakt zwischen Gassenhauer und dissonanten Tönen. Bis sich der Song zum Chorstück steigert, des Hauses hochmusikalisches Ensemble packt einen in der Minute am Schlafittchen, und klar wird, wie sich die folgenden fast drei Stunden gestalten werden: schaustellerisch, kakophonisch, expressiv, mit einem Wort: angemessen schiach.

Punkto Besetzung weiß der Bühnenhit zu brillieren. Nicht nur Herrn Direktors Big Boss Peachum möchte man eine Paraderolle nennen; die Bill hat als Celia so viel Feuer wie deren glutrote Perücke, Bill verleiht Frau Peachum eine schlampig-anlassige Eleganz, wenn sie vom neuen Schwiegersohn schwärmt oder die Bettlerkolonne an die Kandare nimmt. Der Anstatt-dass-Song ist das erste von etlichen Highlights. Bill und Föttinger sind ein Traum-Gauner-Paar, er kann zu ihrer Tonlage wunderbar terzeln, sie hat unter der giftgrünen Kunstpelzstola mutmaßlich jene gleichfarbige Peitschennatter versteckt, deren Zähne sie ausfährt, falls die „Gentlemen“ des Gatten oder die Turnbridge-Huren nicht spuren. Die Bill zeigt sich als die großartige Komödiantin, die sie ist. Darauf hat Torsten Fischer nicht vergessen, dass der alte Zigarrenraucher auch Humor hatte.

Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann als „Joker“ Macheath. Bild: © Moritz Schell

Familie Peachum: Maria Bill, Föttinger und Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Mit exakter Personenführung und seiner Feinziselierung aller Figuren unterfüttert Fischer die Original-Urtypen, bis in die kleinsten Rollen, die es, man sieht’s an diesem Beispiel, bekanntlich nicht gibt. An der Josefstadt mag man sich diesen Luxus leisten, Ljubiša Lupo Grujčić als Hakenfingerjakob, Markus Kofler als Sägerobert, und von Hollywood zurück im achten Hieb, wo auf ihn hoffentlich bald größere Aufgaben warten: Publikumsliebling Marcello De Nardo hinreißend als affektiert schwuler, Lachs futternder Hochwürden Kimball, De Nardo, dessen Part über den Sommer deutlich aufgewertet wurde. Mit dabei, und das freut besonders, auch wieder Tamim Fattal, der 2015 von Syrien nach Österreich geflüchtete junge Schauspieler, als Jimmy.

Der Spielmacher, tatsächlich der „Joker“, ist Claudius von Stolzmann als Macheath, dem zu kreideweißer Fratze, totem Auge und blutrotem Mund nur der violette Schwalbenschwanz fehlt. Spazierstock trägt er, Peachums Erzkonkurrent um die entrischen Gründe – und von Stolzmann spielt ihn gefährlich lauernd, leise seine Kreise ziehend und blitzschnell zuschnappend als den eingangs besungenen Killer und Kinderschänder. Sein – nicht nur per Bruderkuss auf eine homoerotische Leibeigenschaft verweisender – Dreamteam-Partner ist Dominic Oley als Polizeichef Tiger Brown. Dieser wahrlich kein Raubtier in der Höhle des Löwen, sondern ganz Orden-behangene Noblesse oblige, die Männerfreundschaft verpflichtet sowieso, und derweil die Kameraden Mackie und Jackie den Kanonensong singen, kriegt man Otto Dix nicht aus dem Kopf.

Für die fünfzehn auf der Kammerspiel-Fläche agierenden Künstlerinnen und Künstler haben die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos eine gewitzte Raumlösung gefunden: die schon erwähnten schrägen Stege, die eine Vielzahl von Auftritts-, Abgangs-, Möglichkeiten zum „Untertauchen“ und Gelegenheiten für die durchchoreografierten Massenszenen bieten. Darunter, dazwischen, im Souterrain, aus dem mitunter die Unterwelt ans Zwielicht quillt, spielt unter der musikalischen Leitung von Christian Frank die Kapelle auf – die Jazzelite Herb Berger, Alois Eberl, Rens Newland, Martin Fuss, Andy Mayerl, Christina-Stürmer-Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado, Florian Reithner am Harmonium und last, but not least Trompeter Simon Plötzeneder.

Die Brecht’sche Grande Dame in Frack und Zylinder: Maria Bill als Moritatensängerin. Bild: © Moritz Schell

Marcello De Nardo (li.) endlich wieder in Wien, Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: @ Moritz Schell

Ménage à Tr-ohlala: Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker als Lucy, Bild: @ Moritz Schell

Dominic Oley als Tiger Brown, Queen Bill in Blassrosa und „Aerialist“ von Stolzmanns Füße. Bild: © Moritz Schell

Warum die frischangetraute Mrs. Macheath, Peachum-Tochter Polly, noch nicht erwähnt wurde? Jetzt kommt’s: Weil einem Swintha Gersthofer wahnsinnig auf die Nerven geht. Mit diesem mädchenhaften „Achtung: Klosterschülerin!“-Appeal, mit diesem Sauberfrau-Style im Hochkeitskleid, die höchsten Töne spitz-kierend, als wolle sie hier mit Operette Staat machen – alldieweil Hochwürden De Nardo die Comedian-Harmonists-Ganoven hold lächelnd anhimmelt.

Doch der Schein trügt. Swintha Gersthofer vermag es, die ihr anvertraute Polly zu verwandeln, wie’s keine andere Figur aus dem Brecht-Personal tut. Sie wird vom Gänschen zur gestrengen, geschäftstüchtigen „gnädigen Frau“ im Hosenanzug, und Gersthofer agiert dabei in einer Art, dass man sich fragt, ob die ganze Mackie-Verhaftung und Firmenübernahme nicht von vornherein ihr Eheplan war. Das Strippenziehen jedenfalls hat sie von Mama gelernt. Und gleich der Polly geht’s immer raffinierter voran, grotesker, grausamer, ein grausiges Grand Guignol. Die gutbürgerliche Fassade bröckelt, zu fadenscheinig war die bourgeoise Verkleidung, die Häfn-Tattoos und die Messerstecher-Narben werden bei nacktem Oberkörper buchstäblich entblößt.

Eben noch die Macheath-Gang nähern sich die Herren als nächstes als die weitherzigen Trans-Damen der Nacht, fulminant-fies Bill mit der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“. Es schlägt die Stunde der Susa Meyer im „Bordell, das unser Haushalt war“. Hier ein schummrig-schäbiger Nightclub à la Kit-Kat, Spelunkenjenny Susa Meyer ein sündiges Prachtweib, eine Venus im Straps. Wie sie mit von Stolzmann die Zuhälterballade interpretiert, macht deutlich, dass Macheath weder Polly noch Lucy, sondern immer nur sie wollte, doch dass es in die Binsen gehen sollte.

Damencatchen: Swintha Gersthofer und Paula Nocker. Bild: @ Moritz Schell

Eine Venus im Straps: Susa Meyer als Spelunkenjenny. Bild: @ Moritz Schell

Salomonsong: Herbert Föttinger und Susa Meyer. Bild: @ Moritz Schell

Die „Seeräuber-Jenny“ gerät Susa Meyer zur nachtmahrischen Gesangsnummer, wie die Klabauterfrau singt sie: „Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich Hoppla!“ Den Salomonsong hat sie sich mittlerweile ebenfalls zu eigen gemacht, bedeckt mit Peachums pelzverbrämtem Mantel wird sie von der Hure zur Heiligen, die Kurt Weills Song als von allen verhöhnte Schmerzensfrau und als Schauerlied darbringt. Die Geächteten, die Entrechteten von London, hier wird die Burlesque zum Seelen-Strip-Tease, der Lack ist ab, wie zuvor schon bei Peachums Bettlerbande. Nur der feine Herr Bandenführer im feinen Zwirn glaubt sich wieder mal fein raus …

Torsten Fischer hat die „Dreigroschenoper“ als starkes Frauenstück in Szene gesetzt. Während von Stolzmanns Macheath allen Stolz verloren hat, und – mit den Füßen zuoberst an den Galgen gebracht – die Vorbeidefilierenden um Hilfe anwinselt, Stolzmann dabei artistisch wie ein Aerialist, während Tiger Brown zum Witwenschleier (!) greift, erscheint eine letzte Kontrahentin um Gunst und Liebeskunst des teuflischen Verführers: Paula Nocker, Tochter von Maria Happel und Dirk Nocker bei ihrem Josefstadt-Debüt, als Lucy Brown, Tigers scheinbar hochschwangerer Sprössling – und wie sie mit Swintha Gersthofers Polly in den Infight geht, spöttelnd, irrwitzig, Mackie in der Mitte in Panik um sein „bestes Stück“, Paula Nockers Lucy hochdramatisch wie die di Lammermoor, das ist große Oper. Hinter den dicken Vorzugsschülerin-Brillengläsern ist diese Lucy zum Fürchten verrückt, und sagt Macheath: „Dir möchte ich mein Leben verdanken“, bangt man durchaus um ihn.

Der Schluss ist kurz, aber nicht scherzlos. Mit sinnbildlicher Schlinge um die Beine rezitiert von Stolzmann den Banken-Monolog, nur dass die, die heutzutag‘ eine Bank gründen, auch tief in deren Kasse greifen. Der reitende Bote bleibt einem optisch erspart, die Bill kommt als Queen in Blassrosa. „Und so kommt zum guten Ende /Alles unter einen Hut /Ist das nötige Geld vorhanden, /Ist das Ende meistens gut …“ Einige spitzzüngige Randbemerkungen über den Geld-/Wert von Kultur und deren diesbezüglichen Nöte treffen den Geschmack des enthusiasmierten Publikums, das den grandiosen Abend mit Standing Ovations bedankt. In diesem Sinne: Schaut euch das an! Könnt‘ ihr was lernen …

Erstveröffentlichung zur TV-Ausstrahlung: www.mottingers-meinung.at/?p=46602

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IsbuVtCFo2U           www.josefstadt.org

6. 9. 2021

Theater an der Wien via fidelio: Saul

Mai 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht macht Migräne

Das Volk macht für den neuen Herrscher die Welle: Jake Arditti als David, David Webb als High Priest und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Umsetzung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb Corona-bedingt nun allerdings nur die gestrige Bildschirm-Premiere via www.myfidelio.at, wo der Bühnenfilm von Tiziano Mancini ab sofort in der Klassithek abzurufen ist. Und hat die Pandemie für die darstellende Kunst irgend gewirkt, sodass sich immer freihändiger und leichtfüßiger

dem Medium mit der Kamera angenähert wird, kurz: Mancinis Arbeit, er hielt unter anderem den extravaganten Valencia-Ring von La Fura dels Baus für die Ewigkeit fest, Mancinis Arbeit also macht aus der Guth’schen ein eigenständiges Kunstwerk, dessen Vorzüge man sich auch als selbstverständlich Live-Bevorzuger nicht entgehen lassen sollte. ‘S beginnt bereits bei der Ouvertüre, der Blick in den Orchestergraben, wo ein verschmitzt dirigierender Christopher Moulds das Freiburger Barockorchester zum sinnenfroh neckischen Spiel bittet, und welch Charakterköpfe da an den biblischen Pauken und Posaunen sitzen.

Derart viel Mühe und Geldmittel – unter anderem heutige 130.000 Euro für eine eigens angefertigte Orgel – verwendete Händel darauf, exotisch-antik gedachte Instrumente aufzutreiben, dass sein Librettist Charles Jennens über dessen “Head more full of Maggots than ever” klagte. Es erklingt das Carillon, eine Art Glockenspiel mit Tastatur, dessen Töne als kleine, böse Chaos-Männchen durch Sauls Kopf tippeln. Eindrucksvoll ist das alles, der Auftritt von Florian Boesch als feindesblutüberströmter Kriegerkönig, dem sein Volk aka der Arnold Schoenberg Chor huldigt. Close-ups vom gestrengen, auch selbstzufriedenen Gesicht, der stolz hochgezogenen Augenbraue, den nackten, wunden Füßen, Sauls gleichsame Longinuslanze/Speer des Schicksals, der gottgewählte Selbst-/Gerechte, der the Writing on the Wall eigens besorgt, dem dessen Symbolik aber entkommt.

Solches geht nur mit solchen Sänger-Schauspieler-Charismatikern. Boesch leistet körperliche Schwerstarbeit, und kippt er im Wortsinn vom Stuhl, fragt man sich, wie in der Position singen überhaupt noch geht. Boesch brilliert mit Bühnenpräsenz, einer Lear’schen Urgewalt und vokaler Strahlkraft, der bärbeißige Bassbariton leidet mit Donnerhall Rotz und Wasser und unter offenbar heftigen Kopfschmerzen – To him ten thousend, and to me but thousands!

Dieser „Saul“ ist und bleibt eine Sternstunde, die Geschichte eines Großen, der vom jüngeren, besseren, beliebteren, schließlich populistischeren rechts überholt wird. Drei Sätze bis zum Selbstmord. Dazu passen die Prosekturkacheln in Ausstatter Christian Schmidts Seelenlandschaften, die sich auf der Drehbühne mit einer archaischen Felsenwüste und einem dunkelroten Salon abwechseln, dessen Bodenbelag … einmal, als die Kamera in die Totale geht, hat man dies Bild vor Augen, alle sind wir des Schöpfers Schachfiguren.

Brillante Performance als bärbeißiger Bassbariton: Florian Boesch als Saul. Bild: © Monika Rittershaus

Die 4er-Orgie: Anna Prohaska, Jake Arditti, Rupert Charlesworth und Giulia Semenzato. Bild: © Monika Rittershaus

Dienstmädchen from Hell: Rafał Tomkiewicz mit Florian Boesch. Bild: © Monika Rittershaus

Und welche Bilder gefunden werden. Da liegt ein Männerkörper, Augen zu, Kopf schlafend, nein, es ist der abgeschlagene des Goliath, und es erhebt sich handsome Countertenor Jake Arditti, wär‘ dies die Zauberflöte, man müsste „ein holder Jüngling, sanft und schön“ sagen. Arditti, in der Corona-Pause nicht nur was den Bizepsumfang betrifft, sondern auch stimmlich gewachsen, ist als David kein Schlachtenheld. Unsicher stakst er, wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht – und schon kniet alles vor ihm, Triumphgesang der Israeliten, der immer spielfreudige Arnold Schoenberg Chor choreografiert von Ramses Sigl.

Dieser David mit seinem bubenhaften Charme ist Typ „Frauen lieben ihn, Männer wollen so sein wie er“, Guth und Schmidt haben für seine immer hoheitsvoller werdenden Kostüme ein reines Weiß gewählt, Schwarz für Saul Boesch, und es gehört zu dieser zeichenhaften Inszenierung, dass der Chor in weißem Hemd und schwarzem Anzug nach und nach die Farbe wechselt. Während sich also Arditti zur Air, O king, your favours with delight I take, but must refuse your praise, mirakulös in lichteste Höhen schwingt, wird vorgeahnt, der verschwitzte, verschmutzte Paradeschwiegersohn ist kein Gottesgeschenk.

Man gibt sich hochherrschaftlich bei Sekt und Shrimpscocktail, und wie wütend Boesch ihn runterwürgt, da hat ihnen David den Schädel schon auf den Tisch geknallt. Ganz schüchterner Bauerntölpel, den Merab mit bebendem Busen sexy findet, aber justament ablehnt, weil sie als das ungeliebte Kind Attitüde haben muss. Diese kleinen, vielsagenden Gesten sind gemacht für die Kamera, und mit dieser ideenreichen, detailverliebten Aufführung erweist sich Claus Guth einmal mehr als Experte für seelische Feinziselierung, für jene psychologische Durchdringung, mit der er jahrhundertealte Werke ans Heute holt. Am Ende, wenn Saul mithilfe der Witch of Ender den Propheten Samuel beschwört, und Florian Boesch als dieser wie jener mit sich ins teuflische Zwiegespräch tritt, ist das ein freudianischer Einfall.

Noch aber ist man eitel bei der Sache. Anna Prohaska grandios als Merab, der sie mit nachgedunkeltem Timbre Wesensart verleiht, als überspannte High-Society-Tochter spitzzüngig und arrogant in ihrer Zornesarie „Capricious man“, lupenreine Koloraturen, zu denen die Prohaska sogar Zigarette rauchen kann. Giulia Semenzato ist mit warmem Sopran als Michal hingegen die hingebungsvolle Maid, die beiden tief verstrickt in ihren Schwesternzwist, und David der Michal schon über die Suppenschüssel hinweg zugetan.

Goliaths Kopf ist ab, und David wundert sich: Jake Arditti und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Ein filmreifer Zweikampf in Zeitlupe: Florian Boesch als Saul und Jake Arditti als David. Bild: © Monika Rittershaus

Gesangskunst in extremo? Kann er!: Florian Boesch vom Wahnsinn umzingelt. Bild: © Monika Rittershaus

The Writing’s on the Wall: Florian Boesch als untoter Saul und Jake Arditti. Bild: © Monika Rittershaus

Mit dem Jonathan von Rupert Charlesworth ergibt sich eine von Beginn an homoerotische Blutsbruderschaft, was alles in einer 4er-Orgie gipfelt. Charlesworth der gute Sohn und supersympathisch und so very british als wäre sein Jonathan nicht Händel, sondern „Wiedersehen in Howards End“ entsprungen [was an rotem Haar und Smoking liegen mag, die Schwestern übrigens in Merab-Rot und Michal-Grün. Und auch das gehört erwähnt, Jonathans Wunde auf der Wange, die vom zweiten zum dritten Akt zu verheilen beginnt.]

Und weil’s hier grad ums Filmische geht: Nicht nur, dass David Webbs High Priest bei Saul den sinistren Exorzisten macht, der absolute Favourite der Produktion ist Countertenor Rafał Tomkiewicz, als Bedienstete in Sauls Haushalt more spooky als weiland Bette Davis in „The Nanny“. Er wird sich – dies ein schöner Plot twist – als eh-schon-wissen enttarnen. Alldieweil turnt Boeschs Saul zwischen Staunen, Starrsinn und Hass, sein Körper in ständiger Spannung, in krampfhaft epileptischen Zuckungen, überall sieht er Feind, Verrat und den Moral-von-der-Geschicht‘-Chor: Envy! Eldestborn of Hell! Wie Boesch sich vom Wahnsinn umzingelt lässt, ist große Kunst, der Mordversuch an David ein in Zeitlupe ausgetragener Zweikampf.

In diesen Momenten gibt Guth der Tragik einen Irrwitz, am bestechendsten in Webbs opportunistischem Kirchenmann, dessen bigotten Segen vor allem Jonathan beschmunzelt, der dann in Sauls Auftrag David-Gattin Michal bedroht, Do you mock the King? This disappointment will enrage him more: then tremle for th’event, und schließlich in Päpstlicher-als-der-Papst-Weiß hinter dem neuen Tyrannen steht. Der, im no na weißen Königsmantel, ist erst vorm Speer zurückgeschreckt, doch will das Volk, das ihm wie eine weiße Welle entgegenschwappt, er soll das Zepter führen. Merab und Michal passen auch farblich nicht mehr ins Bild und werden verstoßen, wofür ihn Anna Prohaska auch mit der Schulter anrempelt, denn David wählt zur Frau eine wahre Tochter des Landes.

Und noch einmal sei’s gesagt, bis bald die Theater wieder öffnen, ist der Film „Saul“ von Tiziano Mancini eine sensationelle Abendbeschäftigung. Diese Parabel eines Machtwechsels als Familienaufstellung, in der die Solistinnen und Solisten mit ausgetüftelten Kleinstaktionen einen ganzen Kosmos an Beziehungskisten gestalten. Und da steht er, Jahwes Wunderknabe, beklagt den Verlust von Jonathan, more than woman’s love thy wond’rous love to me!, schreibt sein „David“ an die Prosekturwand, von der die „Nanny“ eben das blutige „Saul“ gewischt hat. Die Israeliten feiern, Gird on thy sword, thou man of might, pursue thy wonted fame: go on, be prosperous in fight, retrieve, pursue, the Hebrew name! Und plötzlich ist er da, der Stich hinter der Stirn, jaja, Macht macht Migräne.

Trailer mit teilweise anderer Besetzung: www.youtube.com/watch?v=hOfmiN9NZBU           www.myfidelio.at/haendel-saul-theater-an-der-wien          www.theater-wien.at

  1. 5. 2021