Karikaturmuseum Krems: 100 Jahre Paul Flora. Von bitterbös bis augenzwinkernd

Februar 19, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetisch-ironische Erzählungen vom „Rabenvater“

Ein beliebtes Motiv, die schwarzen Vögel: Paul Flora, Das Gespräch der Raben, 2009 © Galerie Seywald, Nachlassvertretung für Paul Flora

Anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Flora widmen das Karikaturmuseum Krems und die Paul Flora Nachlassvertretung dem Zeichner, Karikaturisten und Illustrator ab 20. Februar eine umfassende Retrospektive. Mit Tusche und Feder erschuf Paul Flora in seinen Zeichnungen ein eigenes Universum, bevölkert von Geistern und Harlekins, Poeten und Sphinxen, Geheimagenten, Marionetten, verwurzelten Tirolern und venezianischen Pestdoktoren. Der gebürtige Südtiroler konstruierte

wundersame Landschaften mit eigenwilligen Architekturen, Kugeln, Penthäusern, Lokomotiven und Fluggeräten. Floras Zeichnungen sind Erzählungen voller Poesie und Ironie, wobei Vergangenheit und Gegenwart in ein spezifisches Verhältnis zueinander treten. Immer wieder brachte er die Lagunenstadt Venedig aufs Papier. Bekannt sind auch seine Raben-Darstellungen. Am Papier versinnbildlichen die Vögel mit ihren spitzen Schnäbeln menschliches Verhalten. Ein Rundgang durch die Ausstellung führt von Schülerzeichnungen und satirischen Geschichten aus den frühen Schaffensjahren bis zu seinen bekannten und beliebten Motiven. Eine Auswahl von gesellschaftspolitischen Zeichnungen für DIE ZEIT und Fotos seiner „Karikaturen-Verbrennungen“ loten die besondere Beziehung von Flora zur Karikatur aus. Erich Kästner sah in Flora einen „Bilderschriftsteller“. Zweifelsohne zählt Paul Flora zu den herausragenden Zeichnerinnen und Zeichnern des 20. Jahrhunderts.

Schon in jungen Jahren war die zeichnerische Begabung von Paul Flora sichtbar. Als 13Jähriger brachte er das täglich in der Mittelschule, heute: Akademisches Gymnasium Innsbruck, Beobachtete auf Papier. Zeichnerisch schilderte er den Schulalltag mit maßregelndem Direktor, dem leidenschaftlich Klavier spielenden Gesangslehrer und dem wütend auf den Tisch schlagenden Deutschprofessor. Kontrastreich zu seinen Schülerzeichnungen wirkt die ebenso im Alter von 13 Jahren angefertigte düstere Darstellung des Andreas Hofer. Auf ockerfarbenem Hintergrund thematisiert Flora mit kräftigem, schwarzem Strich die Hinrichtung des Tiroler Freiheitskämpfers. Einzig das Haar und die vom toten Körper herabtaumelnden Schuhe sind markant in Rot gesetzt.

Paul Flora, Der Galgen (verso: Andreas Hofer), um 1935 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Foto: Othmar Kopp © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Der Stab wird gebrochen, 1938 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Als 15Jähriger sah der Tiroler erstmals Zeichnungen des Malers Alfred Kubin. Für eine gewisse Zeit beschäftigte sich Flora intensiv mit Kubin, um schließlich zu sich selbst zu finden. Ihr Hang zum Skurrilen, Literarischen und Grafischen einte die Männer. Die später entstandene Künstlerfreundschaft sollte bis zu Kubins Tod 1959 bestehen. Intellektuelle Reflexion, technische Meisterschaft und die Vorliebe für das originelle, etwas abseitige Sujet zeichnen Floras Gesamtwerk aus. Skurrile Menschendarstellungen und detaillierte Architekturen bis hin zu riesigen Kugeln durchziehen seine Arbeiten. Ein Dinosaurier mit erschreckend menschlichen Zügen vor Gebirgskulisse und ein alpiner Skipionier deuten auf die Tiroler Wurzeln hin. Populär sind Floras Raben mit ihren spitzen Schnäbeln. Er zeichnete sie oft und in unverwechselbarer Manier. Den Impuls, die Vögel abzubilden, gab ein ausgestopfter Rabe, den der Künstler geschenkt bekam und der fortan auf seinem Schreibtisch stand.

Auf ähnlich großes Interesse stießen die VenedigMotive. Anstatt die Lagunenstadt als Sehnsuchtsort zu zeigen, hüllt der Künstler sie in einen düsteren Schleier. Allgemein sind Floras Werke von einem melancholischen Grundtenor durchzogen. Begriffe wie Verzweiflung und Traurigkeit würden die subtile Stimmung seiner gezeichneten Züge allerdings fälschlicherweise vereinfachen. Schon im nächsten Moment lugen die Gespenster der Nacht um die Ecke. Es sind Vampire, Wiedergänger und Marionetten, die von ihren Fesseln befreit heraneilen, um nächtlichen Karneval zu feiern. Denn auch der feine Humor hat in Floras Werken seinen Platz. Zeitlebens stand er „augenzwinkernd und ein wenig amüsiert außerhalb“, beschrieb etwa Marion Gräfin Dönhoff den Künstler.

Paul Flora, Das Gespräch des Raben mit dem Hahn II, 1987 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Venezianische Maskerade II, 2000 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Die vom Nasenclub, 2002 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Mord, 1965 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

1957 gewann Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin und Mitherausgeberin der ZEIT, Paul Flora als Karikaturisten für das Hamburger Blatt. Innerhalb von 14 Jahren gestaltete Flora mehr als 3.000 eigenständige Blätter für die deutsche Wochenzeitung. Etliche von ihnen übernahmen internationale Blätter wie The Times oder The Observer. Inspiration für seine Inhalte erhielt Flora bei der Morgenlektüre von Zeitungen. So thematisierte er in einer Karikatur von 1964 die XI. Olympischen Winterspiele in Innsbruck. Zu seinen politischen Lieblingszielen zählten Josef Strauß, Gamat Abdel Nasser, Ludwig Erhard und Charles de Gaulle.

Flora selbst verstand sich als Zeichner, nicht als Karikaturist. Um diese eigene Wahrnehmung breitenwirksam zu stärken, soll Flora bei einer spektakulären Aktion 1980 sogar die Verbrennung seiner Karikaturen inszeniert haben. Es ist ungeklärt, ob sich in der Kiste politische Karikaturen befanden. Tatsache ist, dass man heute lediglich den Aufbewahrungsort von 800 der ursprünglich 3.000 Karikaturen kennt. Paul Flora war eine außergewöhnliche Persönlichkeit von großer Popularität. Er war ein Querdenker und ein Unbequemer, der Stellung bezog, mitredete und mitgestaltete. Er verstarb in der Nacht auf den 15. Mai 2009.

Die Retrospektive ist bis 29. Jänner 2023 zu sehen.

www.karikaturmuseum.at

19. 2. 2022