Volksoper: Der Bettelstudent

Mai 1, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein skurrilbuntes Pop-Up-Bilderbuch

Boris Eder (Enterich, Kerkermeister), Roman Martin, Gernot Kranner (Offiziere im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Eder als Kerkermeister Enterich mit Roman Martin und Gernot Kranner. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Herr Kapellmeister, dürfen wir um etwas Musik bitten, aber mit Tempo!“, rief eine strubbelige Figur in den Orchestergraben. Dem Wunsche konnte entsprochen werden. Wolfram-Maria Märtig, neuer Kapelllmeister am Haus, dirigierte seine erste Volksopern-Premiere kräftig und schwungvoll, doch nicht nur dank ihm überzeugte „Der Bettelstudent“ vom ersten Moment an. Als nämlich als erster Boris Eder als Kerkermeister Enterich in Jack-Sparrow-Adjustierung auf die Bühne torkelte und sich mit „I bin der Johnny von Ottakring“ vorstellte, war klar: Regisseur Anatol Preissler wird hier einen knallbunten, von skurrilen Geschöpfen bewohnten Bilderbogen entfalten.

So geht’s denn auch zweieinhalb Stunden zu wie in einem Pop-Up-Buch, Schlag auf Schlag, Szene auf Szene, mit musikalischen Zitaten vom „Fluch der Karibik“-Soundtrack bis zum Streicherstakkato aus Hitchcocks „Psycho“. Muss jemand ungeduldig warten, tickt laut eine Uhr, und gibt’s einen Keulenschlag auf den Kopf zwitschern die ACME-Vögelein. Da haben zwei, Märtig und Preissler, die sich, wie Gesprächen vorab zu entnehmen war, gut verstehen, ihrem Humor freien Lauf gelassen.

Dazu das mit augenzwinkernden Gimmicks versehene Bühnenbild von Karel Spanhak und die im doppelten Wortsinn barocken Kostüme von Marrit van der Burgt, mit besonders schönen Raffrolloröcken, einem Modemuss, um heiratsfähige Herren anzulocken – einem Possenschreiber wie Carl Millöcker würde diese Inszenierung seines Werks wohl gefallen haben.

Nicht zuletzt auch deshalb, apropos Posse, weil Preissler das Couplet des Ollendorf, „Schwamm Drüber“, mit nestroyesken Zeitstrophen zur Bundespräsidentenwahl ausstattete. Mit seiner Arbeit stellt Preissler aus, dass Comic immer auch ein Mittel zur Politsatire ist. Und was dieser Abend über die alltägliche Prostitution der besseren Leut‘ um des lieben Geldes willen, darob moralbefreites Handeln, Betrug, Bestechung und Beutelschneiden aussagt, ist mehr, als eine brave Bearbeitung des Stücks vielleicht vermocht hätte. Man kann gar nicht anders, als die Schurken auszulachen.

Thomas Zisterer (Offizier im sächsischen Heer), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Roman Martin (Offizier im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Thomas Zisterer, Elisabeth Flechl, Lucian Krasznec, Martin Winkler und Roman Martin. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Fischerauer (Onuphrie, Palmaticas Diener), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Mara Mastalir (Bronislawa). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kabinett-Stückchen: Martin Fischerauer, Elisabeth Flechl und Mara Mastalir. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Deren obersten, den Oberst Ollendorf, spielt der famose Martin Winkler, wie immer sängerisch und schauspielerisch auf der Höhe, als explodierten Rotschopf. Ein Möchtegern, der sich düpiert sieht, denn er hat sie ja nur, Schulter und so weiter, und dabei verleiht Winkler dem Operettenbösewicht zutiefst menschliche Züge. Er gestaltet einen, der doch nur geliebt werden will, vom Volk, von der einen Frau, aber laut Libretto darf das natürlich nicht sein. Fast hat man Mitleid mit ihm, wie er schofel um sein für die Intrige verschleudertes Geld raunzt, und seine Mannen erst! Die sind bei weitem keine schneidige Soldateska, sondern ein kriegsmüder Krüppelhaufen. Als hätte August der Starke das letzte Aufgebot nach Krakau bestellt. „Noch ist Polen nicht verloren“, ist übrigens auch einer der eingewobenen Sätze.

Anja-Nina Bahrmann (Laura), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anja-Nina Bahrmann, Lucian Krasznec, Martin Winkler und der Chor der Volksoper. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Liebesquartett bilden Anja-Nina Bahrmann und Mara Mastalir als Schwestern Laura und Bronislawa sowie Alexander Pinderak als Jan Janicki und Lucian Krasznec als „Bettelstudent“ Symon Rymanowicz. Krasznec gibt in der Rolle sein Volksoperndebüt, ein bemerkenswerter junger Mann, dessen Charme sich dem des großen Adolf Dallapozza annähert, und der sich mit seiner strahlenden, glanzvollen und mühelosen Stimme bei Höchste Lust und Tiefstes Leid“ und „Ich Hab‘ Kein Geld“ zweimal tosenden Szenenapplaus abholt.

Mara Mastalir ist entzückend und im Zusammenspiel mit Pinderak, der auch mit seinen Original-Polnisch-Kenntnissen brillieren darf, ein einnehmendes Paar. Sie mit Quirrligkeit und ihrem klaren, sauber geführten Sopran, bei Preissler ist die Bronislawa übrigens überzeugte Tierschützerin und Veganerin, er ein ernsthafter, sich den Buffo beinah verbietender Held, der den „Bettelstudent“  durch seine Würde fast zur „Freiheitsoperette“ adelt.

Anja-Nina Bahrmann ist keine gewohnt zickige Laura, sondern ein Mädl mit Herz, sie weiß nicht nur ihre Stimme schön einzusetzen, sondern auch, wie man, weil komödiantisch so gewünscht, auf Teufel komm‘ raus schmiert. Mit der Gräfin Nowalska gibt sich die Tochter vornehm verarmt, als Vorwegnahme der „Anatevka“-Wiederaufnahme in vierzehn Tagen klingt schon „Wenn ich einmal reich wär“ an. Und Elisabeth Flechl zeigt mit viel Ironie und raumfüllenden Reifröcken eine Fürstin jenseits ihrer güldenen Jahre. Eine mit Talerzeichen in den Augen und Besitzgier im Blut. Stets an ihrer Seite Diener Onuphrie, den Martin Fischerauer stumm und im Schlurfgang als Hommage an Freddie Frinton gestaltet. Nur, dass es zum Dinner nur noch für Erdäpfel reicht. Vor allem die Ankleidesequenz im Boudoir machen die beiden zum Kabinettstückchen. Am Ende ist alles gut, die letzte Volksopern-Premiere dieser Saison ein Triumph für alle Mitwirkenden. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und der einfallsreichen Regie sogar mit Standing Ovations.

www.volksoper.at

www.luciankrasznec.de

Wien, 1. 5. 2016

Sommerarena Baden: „Die schöne Helena“

Juni 21, 2013 in Tipps

Heiteres von Jacques Offenbach

Elisabeth Flechl (Helena), Sebastian Reinthaller (Paris) Bild: Christian Husar

Elisabeth Flechl (Helena), Sebastian Reinthaller (Paris)
Bild: Christian Husar

Die Bühne Baden eröffnet die schöne Jahreszeit am 21. Juni in der Sommerarena mit Jaques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“. Darin schilderter auf komische Weise die Entführung der antiken Helena  durch Paris. Als hoher Beamter verfügte der Textautor Halévy über intime Kenntnisse der Pariser Politik und ließ einige Gesellschaftskritik einfließen. La Belle Hélene kann als Abbild der Kaiserin Eugenie  gesehen werden, die Figur des Menelaos porträtiert Napoleon III. Die Figur des korrupten Priesters Calchas war Anlass für die kaiserliche Zenur, ein Verbot des Stückes zu erwägen.

Inhalt: Helena, die Gattin des Königs Menelaos, gilt als die schönste Frau der Welt, und sie glaubt das auch von sich selbst. Weil ihr etwas trotteliger Ehemann schon sehr betagt ist, kann er seine Frau nicht mehr befriedigen. Helena bittet deshalb Venus, die Göttin der Liebe, ihr endlich mal wieder einen richtigen Liebhaber zu senden. Dabei denkt sie an jenen Schäfer, dem Venus einst auf dem Berge Ida die schönste Frau der Welt versprochen hat. Auch Menelaos hat von dieser Geschichte gehört und sorgt sich seither sehr um die Treue seiner schönen Frau. In Sparta findet gerade ein geistiger Wettkampf statt. Einer der Teilnehmer ist Prinz Paris aus Troja, der sich – getarnt als Schäfer – unter die Teilnehmer gemischt hat. Weil er auf jede Frage die richtige Antwort weiß, hat er bald Helenas Interesse geweckt. Paris erkennt rasch, dass der Großaugur Kalchas vor allem auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, und besticht ihn, damit er bei seinem Werben um Helena für günstige Umstände sorge. Kalchas verkündet dem Volk, die Götter hätten befohlen, dass sich Menelaos nach Kreta begeben müsse. Schweren Herzens tritt er die Reise an. Kalchas hat Helena für die kommende Nacht einen wunderschönen Traum versprochen. Als die schöne Frau in ihrem Gemach Paris erblickt, glaubt sie, dass jetzt der Traum wahr werde. Beide verbringen eine ausgelassene Liebesnacht und stillen ihr Verlangen. Doch womit sie nicht gerechnet haben: Menelaos kehrt früher als erwartet von seiner Reise zurück. Er ertappt sein Weib beim Seitensprung und will den Rivalen verhaften lassen. Doch bevor es seinen Häschern gelingt, ihn zu ergreifen, gelingt ihm die Flucht. Alles, was in Griechenland Rang und Namen hat, erholt sich in Nauplia. Zurzeit beehrt auch König Menelaos mit seiner Gattin dieses Seebad. In seiner Verzweiflung hatte Menelaos postalisch ein Bittgesuch beim Großauguren der Göttin Venus eingereicht, damit die Schuldfrage endlich geklärt werde. Seine Gattin beharre nämlich eisern, völlig unverschuldet in die „Notlage“ geraten zu sein. Zur Antwort erhielt er, er möge sich nebst Gattin in Nauplia einfinden, dann würden ihm die Augen geöffnet. Es dauert auch nicht lange, da naht doch tatsächlich mit einem Schiff der weißhaarige und ehrfurchtsvolle Großaugur. Als er Helena auffordert, mit ihm nach Cythere zu kommen, um dort im Tempel hundert weiße Schafe zu opfern, ist es Menelaos, der seine Gattin auffordert, gleich das Schiff zu besteigen und dem Befehl Folge zu leisten. Es dauert aber nicht lange, bis er merkt, dass er hereingelegt worden ist. Denn kaum ist das Schiff ein paar Meter vom Strand entfernt, enttarnt sich der Großaugur als Prinz Paris, der die schöne Helena entführt. Und diese Entführung – das weiß man inzwischen – war die Ursache für den Beginn des Trojanischen Krieges!

Offenbach hat eine Fülle hübscher Melodien über sein Werk ausgestreut. Die Musik sprudelt geradezu lebensschäumend daher. Spritzig, brillant-komisch, ein Spektakel mit Cancan-Einlagen.

Mitwirkende Elisabeth Flechl, Sebastian Reinthaller,
Kerstin Grotrian, Kateryna Pacher, Christina Sidak, Andreas Jankowitsch, Thomas Markus, Daniel Ohlenschläger, René Rumpold u. a.
Künstlerische Leitung & Inszenierung Robert Herzl
Musikalische Leitung Franz Josef Breznik

www.buehnebaden.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 6. 2012