Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017

Theater zum Fürchten: Von Mäusen und Menschen

November 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ausflug ins Land der verlorenen Seelen

Paul Basonga als Lennie, Melanie Flicker als Curleys Frau Bild: Bettina Frenzel

Paul Basonga als Lennie, Melanie Flicker als Curleys Frau
Bild: Bettina Frenzel

Der schlechte Scherz vom Staubtüchl, das man dafür wohl einstecken müsse, war zugegeben der erste Gedanke anlässlich Bruno Max‘ Ankündigung John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ auf die Bühne bringen zu wollen. Tagelöhner im kalifornischen Hinterpfuiteufel anno Tobak. Na, das interessiert einen dringend. Tut es. Der Regisseur wischt vorgefasste Meinungen aus dem Handgelenk beiseite, es ist ihm ja Programm, jede Präjudikation aus den Köpfen zu fegen.

Das Theater zum Fürchten zeigt Bruno Max‘ Bühnenfassung der 1937er-Novelle nun in der Wiener Scala. Und es ist nicht so, dass man nicht jeden Moment erwartet hätte, den Kojoten heulen zu hören. Das zusammen mit Marcus Ganser entwickelte Bühnenbild und die Kostüme von Alexandra Fitzinger sind, sagen wir, naturalistisch. Das ist schön anzuschauen, dieser Bretterverschlag vor wechselnd Sonnenauf- und -untergang überm weiten Weizenfeld, der sich flugs in ein enges Mannschaftsquartier verwandeln lässt, die erdigen Männer in Jeanslatzhosen und mit verfledderten Strohhüten, die Frau im sexygirlie Neckholderkleidchen, der Sound eine weinende Slide Gitarre, und es schreit laut: Salinas here we come. Alles einsteigen für die Zeitreise.

Aber dann ist da 2015. Und Bruno Max erzählt eine Geschichte von Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehören dürfen. Erzählt davon, wie prekäre Arbeitsverhältnisse Menschen verwildern lassen. Erzählt von einem Kampf um Selbstbestimmung in einem System moderner Sklaverei und hält gleichzeitig ein Plädoyer für Chancengleichheit. Und nicht erst, wenn Candy sagt, dass jeder einen Platz brauche, wo er leben und von niemandem mehr vertrieben werden kann, ist man angekommen. Über dem Abend liegt als Grundstimmung Grauschleier, es ist klar, dass hier nichts Gutes passieren wird, und Bruno Max dreht sachte, aber ständig an der Gewaltschraube. Das Spiel nimmt mehr und mehr Fahrt auf, bis zur befürchteten Eskalation. Im ersten Satz dieses Kammerspiels ist sein Ende festgeschrieben. Und nie zuvor kam es einem so vor, dass hier drei Mal Kain und Abel abgehandelt werden: George und Lennie, Slim und Curley, Carlson und Candy – ungleiche Brüder, die nicht mit und nicht ohne einander können. Die auf perverse Weise füreinander eben jener Platz sind, wo man hingehört. Vor allem Lennie, mit dem’s kein Leben ist, aber ohne den der Lebenswille fehlt.

Irgendwie hat man das anders in Erinnerung, vom Lesen und von Lon Chaney junior, der außer Lennie bevorzugt ein „Vom Menschen geschaffenes Monster“ (1941) und den Wolfsmensch spielte, kaltherziger, hartleibiger. In der Scala leben Arbeiter jenseits der Armutsgrenze ihren persönlichen amerikanischen Albtraum, Sehnsüchtler sind sie, die ihren Hoffnungen hinterherhinken, die sich in ihrer Einsamkeit wie zum Selbstschutz einigeln, denn wer keine Gefühle zeigt, wer Pessimist aus Passion ist, kann nicht mehr enttäuscht werden. Ein Ausflug ins Land der verlorenen Seelen.

Und dann ist da Paul Basonga. Man darf wohl jemanden, der erst dieses Jahr die Bühnenreifeprüfung ablegte, noch ein großes Talent nennen. Dieser österreichischafrikanische Bühnensturm www.paul-basonga.com ist ein überzeugender Lennie. Er geht die Figur anrührend ehrlich an; es ist immerhin kein leichtes, einen geistig Stehengebliebenen unpeinlich über die Rampe zu bringen, aber Basonga gelingt das. Die Statur stimmt, Riesenbaby mit Gigantenkraft, doch es stimmen auch Ausdruck und Sprache. Da ist einer, der keinen Ärger will, aber ständig welchen macht, und deshalb welchen kriegt. Sein Andersgeratensein flößt Lennie mindestens so viel Angst ein wie den anderen, und dennoch lässt Basonga in jeder Minute seines Spiels erkennen, dass in diesem freundlichen Kind eine Urgewalt schlummert, die es nicht beherrschen kann. Als hätte der Christengott bei seiner Geburt kurz weggeschaut. Stark die Schlussszene, in der Stephen Kings Blaze durchschimmert. In seinem einzigen lichten Moment spricht Lennie als die tote Tante Clara. Wie er in diesem Zwiegespräch das Mondgesicht zur Fratze verzerrt, da verwandelt sich „dumm“ doch noch in „verrückt“.

Philipp Stix ist dazu ein fabelhafter George, gesprächig, aber grummelig, ein besorgter Ersatzvater, und es wird auch in seiner Darstellung Basongas Qualität deutlich, weil man sich, selber schon ärgerlich, fragt, woher dieser George die Engelsgeduld mit diesem Idioten nimmt. Stix stellt glaubhaft den guten Menschen dar, dem keiner glaubt, dass er so gut sein kann. Er quält seinen George dem unvermeidlichen Stückende entgegen, und weil unlängst ein Schauspieler meinte, man solle ruhig sagen, wenn man Tränen in den Augen gehabt habe, weil Schauspieler das brauchen, weil sie von Zuschaueremotionen leben, also bitte, ja … Den Rest gibt einem dann Franz Robert Ceeh als erbarmungswürdiger Candy, die verlorenste aller Seelen, der zerbrochenste aller Träume, der mit echtem (!) Hund auftritt, wo man doch weiß, wie das ausgehen wird. Der Hund ist übrigens kein großes Talent, er wedelt erwartungsvoll dem Carlson entgegen, den Michael Werner nicht als Widerling, sondern als desillusionierten Realisten gestaltet. Roman Binder ist ein verständnisvoller Vorarbeiter Slim. Sebastian Blechinger gibt Juniorchef und Boxchampion Curley wie frisch von der Ponderosa, ein eifersüchtiger Hampelmann, und gerade deshalb so gefährlich; Blechinger könnte das „Weil vom Vater zum Sandsack degeneriert, drischt er auf die ihm Untergebenen ein“ dieses Leichtgewichts stärker auslegen. Melanie Flicker ist als Curleys Frau mehr als die namenlose nuttige Nemesis. Zwar ist klar, warum ihr blond onduliertes Pelzköpfchen zum Streicheln verführt, doch scheint sie weniger Verführerin, als wie alle anderen auf der Suche nach menschlicher Nähe und Wärme. Eine insgesamt gelungene Ensembleleistung in einer sehenswerten Inszenierung.

Bleibt die Feststellung, dass John Steinbeck, Chronist des Arbeiterelends und Gegner der Rassentrennung, zeitgemäßer gar nicht sein könnte, weil die vom Autor geschilderte Situation sich in den Zeiten wieder- und wiederholt. Bleibt ein Theatermacher wie Bruno Max, der nicht aufhört, mit dem Finger auf die eingeschränkte Lern- und Merkfähigkeit der Gesellschaft zu zeigen. Bleibt ein Theaterabend, der darauf hinweist, dass wir mitmenschliche Entwicklungen wie Sympathie für die Schwächeren und (sozial)partnerschaftliche Errungenschaften nicht plötzlich über Bord des Profitgierbootes werfen sollten. Denn die Welt hat sich seit 1937 schon gedreht, vorwärts, vorwärts, nicht zurück.

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Wien, 4. 11. 2015

Theater zum Fürchten/Scala: Die Rächer

Dezember 1, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Blood = Rock’n’Roll

Ensemble, in der Mitte: Florian Graf und Roman Binder

Ensemble, in der Mitte: Florian Graf und Roman Binder; Bild: Bettina Frenzel

Ein Mann stürmt auf die Bühne, verflucht seine Feinde und erklärt, sich entsetzlich an ihnen rächen zu wollen. Es gibt denn auch ungefähr ein Dutzend Tote. Im Arm hält er den Schädel seiner vergifteten Geliebten Gloriana. Der Nekrophile will sie zum Werkzeug seiner Tat machen – eine wunderbare Szene mit Skelett, dessen entfleischte Lippen vergiftet sind, wird also folgen. Mehr Exposititon brauchten Cyril Tourneur und Thomas Middleton 1607 nicht, um ihr Stück „Die Rächer“ einzuführen. In einer großartigen Inszenierung von Bruno Max brachte das Theater zum Fürchten in der Scala die gruselige Raubersg’schicht‘ in der Übersetzung von H. C. Artmann nun zur Aufführung.

Welch ein Spaß! Den Max und Marcus Ganser in einem Gewölbe, einer Art Familiengruft ansiedelten. Die Kostüme von Alexandra Fitzinger natürlich streng historisch. Den Inhalt zusammenzufassen ist schier unmöglich. Lorenzaccio meets Pulp Fiction. Angesiedelt in einem düsteren Fantasie-Italien bösartiger Renaissancefürsten voller Leidenschaften, Abartigkeiten und schnell zustoßender Dolche gibt dieser „Gothic Thriller“ dem Zuschauer Hardcore-Action. Eine Gratwanderung, bei der alle fiesen Register der Schauspielkunst gezogen werden. In den Figuren und ihren maßlosen Ungeheuerlichkeiten finden sich dabei die Archetypen der großen Shakespearefiguren wieder, von Hamlet bis Richard III., doch in ursprünglicher, noch roher Form. Wie es der Autor so treffend formuliert: „Das Trauerspiel ist gut, wenn der Verruchte blutet!“ Es geht um Schande und Schändungen, Masken der Verschleierung und Männer mit aller Macht, Willkür und eisernen Willen. Geifernd wird Gift und Galle gespuckt in diesem Intrigenspiel, begleitet stets von Donner und Blitz. Sex & Blood = Rock’n’Roll.

Sechzehn Schauspieler bevölkern die Bühne. Da ist der wunderbare Florian Graf als Rächer (wobei man sagen muss, Rächer gibt’s in dem Stück wie Sand am Meer), ein Herzblutkomödiant, der den Wahn-Witz seiner Figur Vindice voll auskostet. Er lässt sich in Verkleidung als Kuppler wie auch als melancholischer Denker bei Hof einführen, wo sein besonnenerer Bruder Hippolito (Roman Binder) eine Stellung hat. Das Herzogsehepaar Franz Robert Ceeh und Selina Ströbele hat einen Erben, Florian Lebek, der vor sexueller und anderabartig gieriger Perversionen nur so strotzt, zwei degenerierte Stiefsöhne und einen hoch ambitionierten Bastard (sehr gelungen dargestellt von Christian Kainradl), der der „Mutter“ behilflich ist, „die Angelegenheiten ihrer Lenden zu lindern“. Beherzt geht’s zum Lügen und Würgen. Jeder will die Fürstenwürde. Dazu gibt’s ein paar unheilige Allianzen heimtückischer Höflinge und von Rache-Geheimbündlern. Motto: „Wenn ein Kopf fällt, so steigt ein anderer.“

Das Ganze steigert sich zu „Dynasty“ in XXL. Dazu Hartmanns schöne Verse. Dazu Max‘ Ideenreichtum. Ein Abend, über den man noch Tage später schmunzeln kann. Kurz: Die Geisterbraut wird dem lüsternen Herzoggreis ins Bett gelegt. Er stirbt am Kuss. Michael Reiter köstlich!!! als verwirrter Kerkermeister lässt den falschen Sohn enthaupten. Der Rest entherzogt sich gegenseitig schneller als man Eure Hoheit sagen kann. Bis zum Schluss soll das Ende nicht verraten werden – selber anschauen! Der Thron wird jedenfalls neu besetzt.

Es ist Bruno Max zu danken, dass er dieses Kleinod des Grauens aus seinem Theatersarg geholt und auf die Bühne gestellt hat. Und ein Bravo gebührt allen Schauspielern, die sich in dieser temporeichen Produktion gewitzt die Seele aus dem Leib spielen. Eine Empfehlung! Wer „Die Rächer“ nicht gesehen hat, hat diesen Theaterherbst was verpasst.

Ach ja, eines doch noch: Es wird keinen Frieden geben im Reich. Denn ein Donner und ein Blitz(licht) entlarven schon den nächsten Meuchler. Zum Totlachen.

www.theaterzumfuerchten.at/scala/produktionen/14-15/raecher.html

Wien, 1. 12. 2014

Theater Scala: Raoul bleibt zum Essen

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und die Bratpfanne

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Zugegeben. Die Komödie ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Der HI-Virus war noch kein Thema, dafür wurde in den Sixties geswingt, was das Ding hergab. „Schlüsselpartys“ nannte man den Hauptspaß – jede Frau zog aus einem Gefäß den Autoaufsperrer eines (fremden) Mannes und mit dem zog sie dann ab. In diesem Geiste schrieb Paul Bartel seinen Kultfilm „Eating Raoul“, das wohl berühmteste Machwerk, des Andy-Warhol-Woody-Allen-Ed-Wood-B-Horrormovieisten. Ja, es war eine Ära, in der Deep Throat noch nicht der Informant von Bob Woodward und Carl Bernstein, sondern eine Technik von Linda Lovelace war. Und sich alle Welt fragte, ob Long Dong Silver (die Legende spricht von 45 Zentimetern, aber auch von Latex) in bewussten Situationen nicht wegen Blutleere im Gehirn in Ohnmacht fiel. Children of the Sexrevolution.

Bruno Max und sein Theater zum Fürchten (derzeit wieder in der Scala) haben die rabenschwarze Groteske als „Raoul bleibt zum Essen“ nun für sich entdeckt. Und nichts könnte abgefahrener sein für diese abgefahrene Truppe. Allein das Programmheft ist lesenswert: Von „The Lonely Hearts Killers“ bis zu „The Love Slave Killers“ werden US-Pärchen aufgezählt, die ihre Liebesobjekte auf die eine oder andere unschöne Weise um die Ecke brachten. Und teilweise immer noch in amerikanischen Todestrakten sitzen. Na, wenn das keine Gute-Nacht-Lektüre ist.

Da sitzen also Paul und Mary Bland – kleinbürgerlich, hausbacken, bieder – in ihrem Apartment in Los Angeles und in den Wohnungen rundherum geht, dem Lärm (einer kommt als John Travolta: Saturday Night Fever) nach zu urteilen, die Post ab. Paul und Mary haben einen Traum: ein Landgasthaus, für das ihnen das Geld fehlt. Der Bankberater wird schon ungeduldig. Und dann passiert der Albtraum. Ein Sexmaniac irrt sich in der Türnummer, irrt sich in Mary und rumms zieht ihm Paul eine mit der Bratpfanne über. Und dem Toten 600 Dollar aus der Tasche. Eine Einnahmequelle ist gefunden. Bernie Feit und Selina Ströbele sind als die Blands die Idealbesetzung. Nicht nur, weil die hochgewachsene, dunkelhaarige Schönheit Mary Woronov, bekannt für ihren provokanten Sadomaso-„Peitschentanz“, auch im Original gut eineinhalb Köpfe größer als der halbglatzige Paul Bartel war. Nein, ihre Wandlung ist fantastisch. Da war man ein Leben lang gutmütig bis gutgläubig und „diese Schweine führen ein sorgloses Leben, während anständige Leute wie wir nie auf einen grünen Zweig kommen.“

Man beschließt also die Sexspielchen mitzuspielen. Holt sich Rat bei einer Domina (großartig: Claudia Marold als strenge Herrin am Telefon, in der Wohnung zwischen Bügeleisen und Gehschule), dreht ein Filmchen für den Sexkanal: Ruf-mich-an. Fabelhaft, wie Ströbele wie 180-Grad-Drehung vollzieht, im Wortsinn schlagfertiger wird, mehr Biss kriegt, sich emanzipiert, und Spaß an Krankenschwestern-Feuerwehrfrauen-Nazis-Babys-Minnie-Mouse-Verwandlungen, wie sie in die Rollen wächst. Dass Bernie Feit ein begnadeter Exkomödiant ist, ist bekannt. Wie ein begossener Pudel steht er daneben, zaghafter, zögernder, wunderbar deplaziert im Sexshop, aber knapp vorm Ende immer pfannenfertig. Man will ja das Eheweib schützen. Und der Dollar rollt. Und dann kommt Raoul. Eigentlich vom Schlüsseldienst, eigentlich Einbrecher. Nur entdeckt er statt Wertsachen Leichensäcke. Für den Latin-Macho-Lover kein Problem. Er beteiligt sich am Geschäft. Hundefutter. Sehr schön gibt Philipp Stix den pomadig-schmierigen Selbstverliebten mit mexikanischem Akzent. Als Raoul aber Mary zu nahe tritt, heißt’s Mann gegen Mann. Raoul bleibt zum Essen. Der Bankberater kommt, das Geschäft wird abgeschlossen. Es gibt Hausmannskost.

In diversen Swingerrollen scheuen Robert Notsch, Sybille Kos, Christoph Prückner und Michael Reiter vor keinen noch so peinlichen Dessous zurück. Besondere Anerkennung gilt Marcus Ganser für die genial raschen Bühnenumbauten und Alexandra Fitzinger und Margit Sanders für die Sixities-Kostüme, inklusive der hässlichsten Perücken von überhaupt, vor allem die Vokuhilas.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 2. 4. 2014