Academy Awards Streaming: The Trial of the Chicago 7

März 30, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Aaron Sorkins Gerichtsthriller warten sechs Oscars

Die Angeklagten und ihre Bürgerrechtsanwälte: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Shenkman, Mark Rylance, Eddie Redmayne und Alex Sharp. Bild: © Netflix 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 48 Preise und 183 Nominierungen, die Aaron Sorkins starbesetzter Film über den Skandal-Prozess gegen Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten im Jahr 1968 schon erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion „The Trial of the Chicago 7“ ist in den Oscar-Kategorien Bester Film, Sacha Baron Cohen als Bester Nebendarsteller, Aaron Sorkin für das Beste

Originaldrehbuch, Phedon Papamichael Jr. für die Beste Kamera, Daniel Pemberton und Celeste Waite für den Besten Filmsong „Hear My Voice“ und Alan Baumgarten für den Besten Schnitt nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Oktober:

Ein Schauprozess mit Analogien zum Heute

Dieses Moment von Show stellt sich nicht nur ein, weil Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman parallel zur Handlung in einem Club den Stand-up-Comedian gibt. Von Anfang an spüren die Angeklagten, dass sie als Staatsfeinde vor Gericht stehen, und dass das Ganze eine Farce ist, ein Schauprozess. „Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur. Welch eine Ehre, nominiert zu sein!“, sagt Abbie Hoffman sarkastisch, Sacha Baron Cohen, der tatsächlich für den des Besten Nebendarstellers nominiert ist.

Das Jahr ist 1969, das Verfahren „The Trial of the Chicago 7“, Filmemacher Aaron Sorkins auf Netflix zu streamender Rekonstruktionsthriller einer True Story, der in doppeltem Sinne die Verfassung der Vereinigten Staaten aufs Korn nimmt, wenn hier zwei Ideale der USA aufeinanderprallen. „The whole World is watching!“, skandieren die Sympathisanten vor dem Gerichtsgebäude – und wirklich, es fühlt sich an, als sei seit diesen Iden des März kein einziger Tag vergangen. Insbesondere mit Blick auf die Spezialbehandlung des Afroamerikaners Bobby Seale, der wegen „anhaltender Renitenz“ gefesselt, geknebelt und gedemütigt im Gerichtssaal sitzen muss. [Ein an George Floyd gemahnendes Bild weißer Gewalt, das unerträglich ist …]

Die Law-and-Order-Fraktion, die eben erst Präsident Nixon im Weißen Haus installierte und nun politischen Rückenwind spürt, will also den Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen den Garaus machen. Deshalb soll dies Exempel statuiert werden, an acht Leitfiguren einer immer stärker werdenden Gegenkultur; vom Friedensbewegten bis zum Militanten, die Staatsanwälte fordern lange Freiheitsstrafen – zur Abschreckung einer ungekannt aufmüpfigen Jugend. Mit den unterschiedlichsten Beweggründen, aber einem gemeinsamen Ziel, begaben sich Ende August 1968 acht Männer nach Chicago, dies die in Kreuzverhör-Rückblenden erzählte Vorgeschichte, um an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg teilzunehmen:

Tom Hayden und Rennie Davis als Mitglieder der „Students for a Democratic Society“; die Pazifisten Dave Dellinger und Lee Weiner vom Nationalen Mobilisierungskomitee zur Beendigung des Krieges in Vietnam; die Hippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin als Gründer der Youth International Party aka Yippies; Antikriegsaktivist John Froines, er wie Weiner des Richters Manövriermasse im Prozess und die beiden als einzige freigesprochen. Und schließlich Black-Panther-Boss Bobby Seale, angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels durchaus zu Gewalt bereit, und vom Filmtitel nicht unter die sieben gezählt, weil er von Beginn an eine eigene Anhörung anstrebte.

Sacha Baron Cohen, Oscar-nominiert als Abbie Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Michael Keaton als Ex-Justizminister Ramsey Clark. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne als moderater Tom Hayden. Bild: © Netflix 2020

Diese amerikanische Linke rief nun zum „Festival of Life“ im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park auf, es sollte musiziert und gemeinsam protestiert, Plakate gemalt, Einberufungsbefehle und BHs verbrannt werden, „ein Rockkonzert mit Unzucht“, wie Abbie verkündet, doch die Polizei reagierte mit militärischer Aufrüstung und einer Ausgangssperre. Es gab Straßenschlachten, fünf Tage und fünf Nächte lang einen Krawall, bei dem hunderte Menschen durch Tränengas und von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcken zum Teil schwer verletzt wurden, welch Szenen, in denen Nationalgardisten entsichern und durchladen – und jetzt soll der willkürlich zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Ein Prozess in den USA ist immer ein Schau-, eine Performance für die Jury, die Geschworenen, die meinungsmachenden Medien und weitere Öffentlichkeit, deshalb funktioniert’s auch als Film wunderbar. Sorkin konnte sich weitgehend auf die Prozessprotokolle stützen, sie bieten Komik, Zynismus, Absurdität und sogar ausreichend waschechte Schurkerei für ein Script, die Straßenschlachtszenen sind mit original Dokumaterial von der die Einberufung bestimmenden Geburtstagslotterie, Soldaten, Napalm, Särgen, Martin Luther King, dem Attentat auf Robert Kennedy und Ähnlichem überschnitten.

In Aaron Sorkins zweiter Regiearbeit nach „Molly’s Game“ – aus seiner Feder stammen unter anderem „Eine Frage der Ehre“, „Charlie Wilson’s War“ oder „The Social Network“ – brilliert ein handverlesener Cast. Allen voran Sacha Baron Cohen als Yippie Abbie Hoffman, dieser berühmt und berüchtigt geworden mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben, hier ein dauerbekiffter Exzentriker.

Ein Spaßvogel mit flotten Sprüchen und hochphilosophischem Nonsens, der Clown im Politzirkus, der sein Auftreten vor Gericht als Party-Gig nutzt und jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Doch kaum sitzt der Anarcho im Zeugenstand erweist er sich als belesener, besonnener Intellektueller, der in der Sache Abe Lincoln und Jesus Christus zitiert – und mit seinem staubtrockenen Humor den sleeken Teflonmann und Staatsanwalt Richard Schultz aus der Reserve lockt.

Sacha Baron Cohen, Danny Flaherty , Eddie Redmayne, Jeremy Strong und Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Mark Rylance, Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Jeremy Strong. Bild: © Netflix 2020

Die „Black Panther“ Yahya Abdul-Mateen II und Kelvin Harrison Jr. mit Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch, Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Kulturrevolutionär Cohen zur Seite steht Jeremy Strong als Anti-Vietnam-Apologet und Molotowcocktail-Spezialist Jerry Ruben, Cohen in diesem Spiel der Leinwandstars ein Primus inter Pares, ihm gegenüber der von Eddie Redmayne verkörperte Tom Hayden, Typ properer Schwiegermutterschwarm, Hayden, der auf dem Protestmarsch den Weg durch die behördlichen Instanzen zu gehen versucht hat, doch dem die Dinge – siehe den vom Polizeiprügel hart am Kopf getroffenen, blutüberströmten Mitstreiter Rennie Davis aka Darsteller Alex Sharp – aufs Brutalste entgleiten.

Wie sich Tom und Abbie, der Realo und der Fundi, im Laufe der Prozesstage buchstäblich zusammenraufen müssen, wie sie erkennen, dass die Strategien des anderen zu einer progressiven Protestpolitik doch nicht so verpeilt sind, wie sie einander schätzen lernen – das scheint der Appell Sorkins an die heute so zersplitterte Linke zu sein. In den USA und andernorts. John Carroll Lynch gestaltet David Dellinger als biederen Vater einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der älteste der Runde, Lynch nennt die Rolle „Pfadfinder-Rover“, ist Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg und predigt Gewaltlosigkeit, bis ihm auf der Anklagebank als erstem der Geduldsfaden reißt.

Noah Robbins und Daniel Flaherty sind als die wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommenen Lee Weiner und John Froines zu sehen, zwei profillose Mitakteure, die sich im Prozess der Großen bald den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aneignen. Großartig agiert auch Yahya Abdul-Mateen II als Black-Panther-Anführer Bobby Seale, der sich im Kampf um seine Rechte trotz aller Strafmaßnahmen nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Der Chef der Chicagoer Black-Panther-Partei Fred Hampton, gespielt von Kelvin Harrison Jr., wird mitten im Prozess bei einem vorgeblichen Festnahmeversuch einer Polizei-Eliteeinheit in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Michael Keaton hat einen großartigen Gastauftritt als demokratischer Ex-Justizminister und Star-Zeuge im Gerichtsscharmützel, Ramsey Clark, der im Kreuzverhör die Schuld für die Vorkommnisse ganz klar bei der Polizei sieht – doch da der Richter die Geschworenen des Saales verwiesen hat, bleibt seine Aussage ungehört.

Joseph Gordon-Levitt als Staatsanwalt Richard Schultz. Bild: © Netflix 2020

Die Original-7. Bild: © Netflix 2020

Frank Langella als Hardliner-Richter Julius Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Als dieser, als bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessener Richter Julius Hoffman, beeindruckt Grandseigneur Frank Langella. Sein Richter ein verwirrter, verbohrter, voreingenommener Grumpy Old Man, der Namen vergisst und Tathergänge verwechselt, der seine Verachtung für die Angeklagten und seine Abscheu vor dem schwarzen unter ihnen gar nicht verbergen will, jede Gesichtsregung Langellas verweist darauf, der ganze Kreuzverhöre aus dem Protokoll streichen – das hat schon Witz, wenn der ganze Saal noch vor Seiner Ehren im Chor „Abgelehnt!“ skandiert – und Jury-Mitgliedern via Staatsanwaltschaft gefälschte Drohbriefe zukommen lässt.

Die sind im „Bad Cop/Good Cop“-Wechsel J. C. MacKenzie als Tom Foran und Joseph Gordon-Levitt als Richard Schultz, und sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt wohl in der Figur dieses jungen Staatsanwalts, der die Aufrührer von Amts wegen zwar verfolgen muss, doch heimlich mit ihnen sympathisiert.

Der Charakter Schultz‘ symbolisiert, dass kein Justizsystem der Welt final korrupt ist, sondern dass selbst schlimmste Fehlentscheidungen irgendwann korrigiert werden. Sorkin glaubt an die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, das hat er auch in seiner TV-Serie „The West Wing“ bewiesen, und die US-Filmkritik liebt ihn dafür – und der echte Schultz, der dank des Films zu etlichen Interview-Ehren kam, erweist sich in den Gesprächen als ebenso aufrecht und integer wie sein Bildschirm-Alter-Ego.

Auf der Seite der Guten stehen außerdem Sir Mark Rylance und Ben Shenkman als die von ihnen so fulminant wie furios gespielten Bürgerrechtsanwälte William Kunstler und Leonard Weinglass. Rylance agiert als kämpferisch-verkniffener Kunstler, der seine Verwunderung über das halbsenile, nichtsdestotrotz stur paternalistische Verhalten des Richters nicht verhehlen kann, besonders prägnant. Unter den etlichen Detectives, Gesetzeshütern in Zivil, die die Gruppe infiltrierten, zählt als -hüterin auch Caitlin FitzGerald als Agent Daphne O’Connor, die Jerry Ruben in sich verliebt macht und ihm das Herz bricht.

Auf dem Weg zur …: Jeremy Strong, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

… Polizeiblockade: Alex Sharp, Jeremy Strong, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Die Ausschreitungen im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park enden für die Demonstranten blutig. Bild: © Netflix 2020

„The whole World is watching!“: Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen gehen ins Gerichtsgebäude. Bild: © Netflix 2020

Und apropos, Herz: Es ist jenes der gegenwärtigen Finsternis, auf das „The Trial of the Chicago 7“ zielt und trifft. Sorkin, ein Veteran auf dem Gebiet des linksliberalen Politik-Entertainments, lässt bitterböse Satire auf engagierten Antikriegsfilm treffen; dessen Aussage ist gleich einem Paradebeispiel für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam und dafür, wie wichtig es wäre, von beidem mehr zu haben.

Sorkin erzählt anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt in der Luft liegt. Das alles setzt er zum Mosaik einer Gesellschaft zusammen, die auch im Spiegel der historischen Ereignisse nicht zwangsläufig nur die amerikanische sein muss. Sorkin zeigt einen Staat, in dem die Staatsgewalt nicht länger vom Volke ausgeht, zeigt die Fragilität des Rechtswesens und der Justiz, zeigt, wie verwundbar Demokratie ist, wenn die Politik den Rechtsstaat unterwandert.

Sei’s, dass eine Regierung Razzien bei Behörden einschränkt, heißt: per Änderung der Strafprozessordnung die Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Justiz nur noch im Ausnahmefall ermöglichen will. Sei’s, dass Politiker mit Hetzreden bei Demonstrationen scharf machen, die längst von der rechten Szene unterwandert sind, während die Polizei die linke-autonome einkesselt. Fünfzig Jahre Fortschritt und kein Unterschied …

„The Trial of the Chicago 7“ ist unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit, mit einem prominenten Cast, der sich des ungeniert parteiischen Drehbuchs des Regisseurs mit Verve und aus Überzeugung annimmt. Am Ende verliest Eddie Redmayne als Tom Hayden die von Rennie Davies täglich aufgelisteten Namen der während der Prozessdauer gefallenen US-Soldaten. 4752 sind es. Ein Teil der Menschen im Gerichtssaal steht auf zu einer letzten Ehrenbezeugung, auch Richard Schultz, andere verlassen empört den Raum. Der Rest ist Geschichte …

www.netflix.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=02ecSUe8VMA

30. 3. 2021

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Mai 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarisches Requiem für F. Scott Fitzgerald

978-3-498-05045-0Ein Vanitas-Motiv. In Los Angeles hat es wieder einmal ein Erdbeben gegeben. Auch die Hollywood-Studios sind betroffen, und am nächsten Tag diskutieren Kulissenschieber über die Wiederverwertbarkeit ihres Arbeitsstoffes. Das Segeltuch in der Schlammpfütze, ein Jade-Buddha, dessen gerissene Haut ihn nunmehr als Schaumstoffgeschöpf ausweist, wird davon etwas zu retten sein? Oder ist das Schicksal der Religionsgründerattrappe besiegelt? Techniker denken praktisch. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod.

F. Scott Fitzgerald am Kamin, die Faust verkrampft über der gekrampften Brust, die letzte Herzattacke – und ein letzter Gedanke: „Ich bin noch nicht fertig.“ Es ist das Jahr 1940 und ein angefangener Roman liegt in der Schublade und Nazi-Deutschland ist auf dem Vormarsch. Während der einstmals gefeierte US-Schriftsteller versucht aus seiner Vergangenheit etwas Neues zu generieren, erhebt sich in Europa eine schreckliche Zukunft, der Zweite Weltkrieg dämmert herauf und bald wird es erste Gräuelmeldungen geben …

Stewart O’Nan hat mit seinem Roman „Westlich des Sunset“ ein Requiem für F. Scott Fitzgerald geschrieben, dessen Tonfall eine einzige Erinnerung, eine Sentimentalität, eine Sehnsucht. Denn als das Buch beginnt, hat der Autor des „Großen Gatsby“ definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Seine Traurigkeit über gülden gewesene Tage hängt über den Seiten, Tage, in denen seine extravaganten Eskapaden Bilder für Glamourzeitschriften lieferten, nun entpuppt sich der Glamour als Tand, der schicke Roadster ist nur noch ein gebrauchter Ford. Fitzgerald ist bankrott, seine Frau Zelda, von ihrer psychiatrischen Familiengeschichte eingeholt, in ein Nervensanatorium eingewiesen, das Schulgeld für Tochter Scottie nicht mehr zu bezahlen. Fitzgerald versucht es an einem Ort, an dem er zuvor schon zwei Mal gescheitert ist: in Hollywood. Ein Gnadenbrot als Drehbuchautor. Er wird wieder scheitern. Diesmal existentiell scheitern. „Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte“, soll Regisseur Billy Wilder gesagt haben.

„Westlich des Sunset“ ist O’Nans bisher schönst geschriebenes Buch. Eines, das sich so angenehm liest, als ließe man kühles Wasser über die Handgelenke laufen. Eine traurige Ballade darüber, wie das Leben sein kann, wenn man nicht sorgfältig darauf aufpasst, mit einem Refrain, der, weil dies Teil seiner selbst ist, sich wiederholt und wiederholt. Fitzgerald arbeitet an einem Treatment, der Auftrag wird ihm entzogen, er trinkt, Zelda dreht am Rad, er trinkt mehr, er muss deswegen bei seiner Geliebten zu Kreuze kriechen … Die gibt es auch. Sheilah Graham, eine Societyreporterin. Und mit ihr noch mehr Schuldgefühle. Das Gewissen beißt ins kranke Herz. Das alles vor einer aufwendigen Traumfabriksdekoration, Filmpremieren in Grauman’s Chinese Theatre, teure Partys im Cocoanut Grove, Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Zynikern und Chauvinisten, dazu passendes Namedropping von Humphrey Bogart bis Ernst Hemingway. Man ist verwundert, dass in diesem einzigen Riesenbesäufnis je ein Film zustande kam. „Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot“, lässt O’Nan seinen Protagonisten sagen. Ein Satz, gut erdacht für einen, der sein ganzes Sein in eine Fiktion von Glück und Reichtum verwandeln wollte. Mitunter fließt staubtrockener Humor durch die hochprozentige Erzählung. Die Hoffnung, dass morgen alles besser ist, trügt.

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Fitzgerald hat sich vergeudet. An eine Welt, die ihn einst und er sie mit ausladenden Gesten umarmte. Es war seine größte Schwäche, dass er sich selber nicht widerstehen konnte. Hemingway dient der Erdung. Mit seinen Schilderungen aus Spanien, später Frankreich. Im Zusammenspiel der beiden „Kontinente“ entwickelt O’Nans Geschichte erst ihre emotionale Sprengkraft. Und im Aufeinanderprall mit dem dritten. Die wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen. Eindrücklich zeigt O’Nan in ihnen, wie eine fürs Leben geglaubte Liebe durch immer neue Erschütterungen porös wird – die Erdbeben und das Herz, Thema auch hier – bis sich die Liebe in etwas anderes verwandelt. In Mitleid und Mißbehagen.

Mit kühnen Strichen entwirft der Autor seine Figur. „Ein Gestrauchelter muss eine unzumutbare Last an Erwartungen tragen“, schreibt Fitzgerald an Zelda, und er meint sich, nicht sie. In diesen Teilen ist O’Nan ein Verzweiflungsbuch von besonderer Qualität gelungen. Zensur und Selbstzensur werden beschrieben, aus der Erzählung „Untreue“ wird für die Doch-nicht-Verfilmung mit Joan Crawford das Script „Treue“.

Reinecke heißt Hitlers Mann in Hollywood. Er achtet darauf, dass das Dritte Reich im US-Kino nicht zu schlecht wegkommt. Wer glaubt, in Hollywood sei der Kampf gegen den Faschismus eine Selbstverständlichkeit gewesen, täuscht sich aber wie. Lesern verlangt O’Nan dabei auch einiges an Vorwissen ab. Am Ende aber wird sein Roman viel mehr gewesen sein, als eine Biografie der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds. Er ist auf einer Metaebene die Schilderung eines Künstlerschicksals, deren Antiheld die Reise in die Zukunft nicht anreisen kann. Fitzgerald muss sterben, weil er sich überlebt hat. Sein Stil, seine Art Stoffe anzugehen, sind nicht mehr gefragt. Er und die verwehte Elegance, die der verlebte Dandy nach wie vor auszustrahlen wagt, gelten als nicht mehr zeitgemäß, die Hyänen haben von den Löwen die Herrschaft übernommen. Metro-Goldwyn-Mayer bringt 1940 die Komödie „Comrade X“ mit Clark Gable und Hedy Lamarr heraus. Als Gable scherzt, nun seien Nazi-Panzer zumindest auf der Kinoleinwand in Russland einmarschiert, weiß er noch nicht, wie nah er der Wahrheit ist. Doch da ist F. Scott Fitzgerald schon gegangen. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod. Schriftsteller leben einfach nicht praktisch.

Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Westlich des Sunset“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016