Alles wird gut: Street Art im MuseumsQuartier

April 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein positives Zeichen in die Stadt setzen

Street Art im MuseumsQuartier Wien / Maria Legat. Bild: @Artis.love

Gemeinsam mit dem Künstler und Kurator Sebastian Schager / @Artis.Love präsentiert das MuseumsQuartier ab sofort sieben ausgewählte Arbeiten, die unter dem Motto „Alles wird gut“ stehen. Die Beiträge stammen von Boicut, Denise Rudolf Frank, Maria Legat, Rudolf Fitz sowie Sebastian Schager. Die Werke sind vor dem MQ Haupteingang und auf dem Projektionsturm zu sehen.

www.mqw.at

23. 4. 2020

Street Art / Rudolf Fitz. Bild: @Artis.love

Street Art / Sebastian Schager. Bild: @Artis.love

Street Art / Denise Rudolf Frank. Bild: @Artis.love

Street Art / Boicut. Bild: @Artis.love

 

Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Architekturzentrum Wien: Angelika Fitz wird Direktorin

Februar 17, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Vorarlberger Kulturmanagerin folgt Dietmar Steiner

Angelika Fitz Bild: © Pez Hejduk

Angelika Fitz
Bild: © Pez Hejduk

Das Architekturzentrum Wien bekommt nach einer Übergabezeit am 1. Juli 2017 mit Angelika Fitz eine neue Direktorin. Das gab der derzeitige Direktor Dietmar Steiner Mittwochvormittag bei einer Pressekonferenz mit Kulturminister Josef Ostermayer und AzW-Vorstandspräsident Hannes Swoboda bekannt.

Die Bestellung ist Resultat einer internationalen Ausschreibung, die im Juli 2015 erfolgte. Die österreichische Kulturmanagerin und Kulturtheoretikerin Angelika Fitz setzte sich gegen 32 weitere Bewerberinnen und Bewerber aus dem In- und Ausland durch und tritt damit Steiners Nachfolge an, der das Architekturzentrum Wien 1993 gründete und bis heute leitet.

Die Vorarlbergerin, Jahrgang 1967, will das Haus, dessen besondere Aufmerksamkeit der Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts gilt, programmatisch weiterentwickeln und positionieren. Dabei möchte sie, sagt sie, „auf der besonderen DNA des Architekturzentrum Wien aufbauen“. Unter Steiner sei das AzW „zu einem internationalen Wegbereiter für eine Architekturvermittlung, die nach der gesellschaftlichen Rolle von Architektur fragt“ geworden, so Fitz. Sie möchte die Internationalisierung weiter vorantreiben und die dringlichen Themen der Zeit aus Sicht der Baukultur befragen. Dazu gehörten aktuell das Thema des Zusammenlebens in einer vielfältigen Gesellschaft, aber auch neue Ideen für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen oder das Überprüfen von Möglichkeiten zur Schaffung demokratischer Räume in der Stadt. Fitz, sie ist auch Mitglied des Beirats der Seestadt Aspern, will in Wien nicht nur „aktiv mitgestalten“, sondern in ihrem künftigen Haus auch Platz für die Sichtweisen der AzW-Besucher schaffen. Dadurch hoffe sie, der Institution AzW neue Impulse zu geben.

www.angelikafitz.at

www.azw.at

Wien, 17. 2. 2016

Armes Theater Wien: Liebe und Zufall

August 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine entzückende Beschäftigung mit Marivaux

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz Bild: © Vondru

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz
Bild: © Vondru

Es ist ein Wagnis, sich heute mit Marivaux zu beschäftigen. Eines, bei dem ein Teil des Publikums rufen könnte: Der Zopf muss ab! Pierre Carlet de Marivaux, auch Pierre de Chamblain de Marivaux, einer der bedeutendsten Autoren der französischen Rokokowelt hat seinen guten Ruf sozusagen überlebt. Schon Zeitgenossen hielten seine Stücke für reaktionär, wertkonservativ. „Marivaudage“ wurde zum Synonym für Schwulst. Lieblingsmotiv seiner Stücke: Schuster bleib‘ in deiner Gesellschaftsschicht. Wobei Marivaux‘ Bühnenpersonal Adelige, aber keine Höflinge waren, sondern Flüchtlinge in die gemütlichen Eremitagen ihrer Landgüter. Seine Komödien schrieb er der Truppe der Comédiens italiens und ihren Stars quasi auf den Leib. (Auch die private Geschichte des Bürgerssohn Marivaux ist interessant: 1717 erheiratete er ein Vermögen, erbte 1719 ein zweites, nur um sein Geld 1720 beim Zusammenbruch der Banque royale zu verlieren. Was ihn in die Arme des Theaters und des Journalismus trieb. Er gründete Le Spectateur français; die Pompadour setzte ihm eine Leibrente aus.)

Das Arme Theater Wien nahm sich nun das Spiel von „Liebe und Zufall“ her, um daraus eine entzückende Sommerkomödie zu machen. Der Inhalt ist so simpel wie verzwickt: Silvia sieht ihrer arrangierten Hochzeit sorgenvoll entgegen. Um beobachten zu können, wer Dorante wirklich ist, bittet Silvia ihren Vater, Monsieur Orgon, beim ersten Treffen mit ihrem Zukünftigen die Rolle mit ihrer Zofe Lisette tauschen zu dürfen. Monsieur Orgon verschweigt seiner Tochter, dass Dorante genau den gleichen Plan verfolgt und mit seinem Diener Arlequin wechseln will. Amüsiert über diesen Zufall, lässt Monsieur Orgon das Verwirrspiel zu und weiht einzig seinen Sohn Mario ein, um mit ihm gemeinsam das unterhaltsame Schauspiel verfolgen zu können. Entsetzt blicken Dorante und Silvia aus der Dienstbotenperspektive auf ihre Heiratskandidaten, als sich Lisette und Arlequin in ihren Rollen einander vorstellen. Niemals könnte Dorante die hochfahrende Dame lieben, die er da sieht. Und der Herr, der sich als Dorante präsentiert, missfällt Silvia ebenfalls ab dem ersten Moment. Lisette und Arlequin allerdings finden sich und einander unwiderstehlich und verlieben sich prompt. Für Dorante und Silvia aber scheinen die Gefühle, die sie füreinander entwickeln, ein Problem zu sein, glauben doch beide, sich in einen einfachen Dienstboten zu verlieben. Und das geht ja wohl gar nicht. Das seltsame Spiel  nimmt seinen Lauf. Als Silvia herausfindet, wer Dorante wirklich ist, will sie es wissen: Ist seine Liebe so groß, dass er sie auch als Zofe heiraten würde? Und auch Arlequin muss sich irgendwann erklären …

Ja, die Luxussorgen einer Luxusclique. Marivaux‘ Rollentauschkomödie lässt die Standesdünkel sind aneinander reiben, bis die Funken fliegen. Gleich und gleich erkennt sich. Selbst in Verkleidung. Regisseur Erhard Pauer lotet die Untiefen gesellschaftlicher Grenzen aus. Ist Liebe biologischer Instinkt oder verkopftes Gefühl? Das hervorragende Ensemble gestaltet mit spitzzüngigen Sticheleien und einer gehörigen Portion Sarkasmus ein Sprachverwirrspiel. Motto: Auf die Betonung der Sätze kommt es an! Pauer treibt den Stoff auf der Scoville-Skala weit noch oben, inszeniert frisch und flott.

Krista Pauer macht aus dem Ganzen beinah ein Emanzipationsstück, ist ständig im Zwiegespräch mit dem Publikum, wo einige Männer die Schelte für ihr Geschlecht einstecken müssen. Ein als „Herr mit Brille“ entblößter Zuschauer nimmt diese sogar ab, um sich zu tarnen. Krista Pauer, einfach brillant. Doch steht ihr Roswitha Meyer als Lisette in nichts nach. In der Robe und mit Schmuck der Herrin stöckelt sie durch den Raum, als ob es kein Morgen gäbe. Très vürnehm. Aber, immer loyal, lässt sie ihren Dienstherrn Orgon wissen, dass sie bis jetzt nur getändelt habe, würde sie ihre Reize voll ausspielen, wäre der blaublütige Galan wohl hin und weg. Ein Kabinettstück, zu dem Manfred Jaksch als Orgon beruhigt seinen Segen gibt. Er kennt ja die Wahrheit. Die Offenbarungen und Eide häufen sich. Florian S. Fitz ist großartig als Arlequin, erst ein Aufsässiger, den im Anzug seines Herrn die Großmannssucht befällt; doch mit dem Geständnis nur ein „Vorzimmersoldat“ zu sein, fällt die Vornehmheit und er zurück in den Dialekt. In diesen wunderbaren Szenen ist Fitz fast nestroyesk. Steven Klopp als Dorante ist ganz Elegiebürscherl. Interessant, wie die Dienerschaft das Problem der doppelten Lüge viel praktischer aus dem Weg schafft, als Hochwohlgeboren und die höhere Tochter. Wer küsst, kann eben nichts zerreden. Marcel-Philip Kraml ist ein spaßiger Mario.

Beim Schlussapplaus meinte der Sitznachbar, es sei erstaunlich, dass auf „Orgon“ Jaksch, den Doppelspion der Liebe, der das Spiel aus Lust an der Freud‘ noch befeuert, niemand böse sei. Na, weil er so charmant ist. Das wird man doch sehen wollen.

www.armestheaterwien.at

Wien, 14. 8. 2014

Da geht noch was

August 13, 2013 in Film

Henry Hübchen nervt Florian David Fitz

Conrad (Florian David Fitz) gibt seinem Vater Carl (Henry Hübchen) Nachhilfe im Wäsche waschen  Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Conrad (Florian David Fitz) gibt seinem Vater Carl (Henry Hübchen) Nachhilfe im Wäsche waschen
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Nach dem preisgekrönten und erfolgreichen Kinofilm „Vincent will meer“ startet am Mitte September mit „Da geht noch was“ die neue Komödie von Olga Film. Die Produzenten Viola Jäger und Harry Kügler beweisen mit dem Kinodebüt von Holger Haase einmal mehr ihr sicheres Gespür für talentierten Nachwuchs und tragisch komische Geschichten. „Da geht noch was“  ist ein liebevolles Plädoyer an Alle, die sich insgeheim wünschen, die liebe Verwandtschaft manchmal auf den Mond schießen zu können. Florian David Fitz (der auch das Drehbuch mitbearbeitete) und Henry Hübchen brillieren als kauziges Vater-Sohn-Gespann. In weiteren Rollen überzeugen Marius Haas als pubertierender Enkel, Leslie Malton als Helene und Thekla Reuten in der Rolle der Tamara.

Inhalt: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen und deshalb beschränkt Conrad (Florian David Fitz) die Besuche bei seinen Eltern auf ein absolutes Minimum. Conrad ist der Prototyp des erfolgreichen Businessmannes. Für seinen Kindheitstraum vom perfekten Familienglück gibt er 150 Prozent: Das Eigenheim für Frau und Sohn vor Postkartenidylle ist bereits zum Greifen nah, als er plötzlich ahnt, das Wesentliche – seine Familie – längst aus den Augen verloren zu habenSein Vater Carl (Henry Hübchen) ist ein mürrischer alter Knochen, der kein gutes Haar an seinem Sohn oder dessen Frau Tamara (Thekla Reuten) lässt, während Enkel Jonas (Marius Haas) die Besuche ganz pragmatisch sieht: Seine gute Laune lässt er sich von Papa bezahlen. Carl hat die Mentalität eines Silberrücken-Gorillas. Er hält selten mit seiner Meinung hinter dem Berg. Der Gewerkschaftsboss a.D. setzt für gewöhnlich seinen Willen durch, er hat sein Leben der Gewerkschaft gewidmet und darauf ist er stolz. Für die Bedürfnisse seiner Familie hat er wenig Verständnis. Doch der Dickschädel hat einen weichen Kern unter der harten Schale. Seine Frau Helene liebt er sehr – auch wenn er das natürlich niemals zeigen würde. Beim diesjährigen Geburtstagstreffen überrascht Mutter Helene (Leslie Malton) allerdings mit Neuigkeiten. Sie hat Carl nach 40 Jahren Ehe verlassen und bittet Conrad um einen Gefallen: einen Botengang ins Elternhaus – mit ungeahnten Folgen. Denn dort versinkt Carl nicht nur in leeren Bierdosen, sondern auch in jeder Menge Selbstmitleid. Als Carl dann noch in den leeren Pool stürzt und sich dabei verletzt, müssen Conrad und Jonas notgedrungen in Conrads altem Jugendzimmer campieren. Drei Generationen unter einem Dach: Alptraum oder die Chance für einen Neuanfang?

Interview mit Florian David Fitz (Conrad)

 Was hat Sie an der Story  interessiert?

Familie ist für uns alle ein Thema. Jeder hat sich schon einmal eine andere Familie gewünscht oder eine andere Familie „erträumt“. Aber man hat die Eltern oder die Kinder, die man eben hat! Damit muss man umgehen. Deshalb finde ich das Thema Familie so spannend.

Beschreiben Sie Ihre Figur Conrad.

Conrad trifft das Herz meiner Generation auf eine sehr charakteristische Weise. Wenn man kritisch sein möchte, dann ist er ein sehr äußerlicher Typ. Conrad hat sich immer in eine Werbewelt weggeträumt, in eine perfekte Welt. Um gegen die Leere in sich anzukämpfen, weil er gespürt hat, dass es nicht so läuft wie es eben laufen sollte. Er dachte, seine Sehnsucht wird in Äußerlichkeiten befriedigt und diesen jagt er besessen nach. Er möchte es sich und den Anderen beweisen. Im Verlauf des Filmes bemerkt er, dass er den falschen Dingen hinterher läuft.

 Probleme, die mit Vater und Sohn unter einem Dach zu Tage gefördert werden…

Conrad hat Probleme, von denen er gar nicht wusste, dass er sie hat. Dieses Haus ist ein Kessel, in dem drei Menschen eingesperrt werden, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Und natürlich fängt das an zu gären und dann wird es spannend. Conrad beginnt sich mit Themen zu beschäftigen, die vorher kein Problem für ihn darstellten. Zum Beispiel seine Ehe: Als der Plan, gemeinsam einen wunderbaren Urlaub zu verbringen ins Wasser fällt und seine Frau alleine in Goa sitzt, muss er sie jeden Tag am Telefon erneut vertrösten bis sie schließlich ausflippt und zurückkommt. In der Zwischenzeit hat Conrad aber neue Erfahrungen gemacht und stellt plötzlich alles in Frage. Alles was er sich aufgebaut hat, zerfällt auf einmal.

Welche Art von Beziehung haben Conrad und Tamara geführt?

Die funktionierte so gut, weil beide Karrieristen sind und auf ein großes Ziel hinarbeiteten. Geld ist kein Problem mehr, aber die Beziehung hat sich totgelaufen, sie sind in ihrem eigenen Aspik erstarrt. Conrad ist sehr stark geprägt von seinem Nicht-Verhältnis zu seinem Vater, der einen Gewerkschaftshintergrund hat und ein überzeugter Antikapitalist ist. Deswegen möchte sich Conrad alles selbst erarbeiten. Tamara hat ähnliche Motive. Die beiden arbeiten sich hoch, kaufen schöne Dinge, das Kind kommt auf die beste Schule und erhält die beste Betreuung. Das Haus, das sie bauen, ist meines Erachtens das Symbol für ihre Beziehung. Es ist das Ziel, auf das Conrad immer hingearbeitet hat: Das perfekte Haus, in einer perfekten Landschaft, vom perfekten Architekten. Wenn das fertig ist, wollen sie das Kind aus dem privaten Internat holen und endlich eine Familie sein. Das ist natürlich eine vollkommene Illusion. Conrad bemerkt im Laufe des Filmes, dass das Kind jetzt schon seit sechs Jahren auf dem Internat ist und dieses Provisorium schon ewig dauert. Er bemerkt, dass sein Leben ein Provisorium ist und dass man aufhören muss, diese Pläne zu machen.

Was passiert mit den  drei Generationen unter einem Dach?

Es fängt damit an, dass da drei Menschen sind, die nicht zusammen sein wollen und durch einen Unfall aneinander gebunden werden. Wir treffen den Vater Carl, der immer eine Autoritätsfigur war und allen alles diktiert hat, zu einem Zeitpunk, als er von seiner Frau verlassen wurde. Der Grund ist ihm ein Rätsel und er ignoriert es. Als er einen Unfall hat, wird Conrad gezwungen, bei ihm zu bleiben und sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen. Anfangs haben die Beiden sich überhaupt nichts zu sagen, Conrad versucht, ihn mit Essen zu versorgen und dann schnellstmöglich wieder zu verschwinden. Er beginnt, das Leben seines Vaters neu zu organisieren – was dieser natürlich gar nicht möchte. Je mehr sich die Beiden auseinandersetzen, desto mehr Spaß finden sie daran sich zu kabbeln und zu streiten.

Und dann gibt es noch das Problem mit der jüngsten Generation…

Darauf hatte ich mich total gefreut, weil ich zum ersten Mal im Film einen Sohn habe. Das ist schön, weil alle Beziehungen sich gegenseitig spiegeln. Der Alte zum Mittleren und wiederum zum Jüngsten. Und als der Großvater plötzlich mit dem Enkel kann, fragt sich der Sohn, warum er diesen Zuspruch nie von seinem Vater bekommen hat. Diese drei Generationen-Situation eröffnet spannende Perspektiven.

Was erzählt der Film über das Erwachsen werden?

Meine Definition von erwachsen sein ist, anzufangen, ein bisschen ruhiger zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Einen Schritt weiter zu sehen und auch für Andere mitzudenken. In der Phase zwischen zwanzig und dreißig möchte man sein Leben organisieren und ist ganz stark auf seine eigenen Prioritäten fixiert. Es wird keine Glocke läuten und dir sagen, dass du jetzt erwachsen bist. Es ist ein fließender Prozess. Ich bin fast vierzig, das heißt also, ich kann mich nicht mehr darauf zurückziehen, dass ich noch nicht erwachsen bin…

Interview mit Henry Hübchen (Carl)

Was sagt der Titel des Films aus?

 Da geht noch was – selbst bei dem älteren Paar, Carl und Helene. Sie haben zwar nicht mehr so viel Zeit ein erfülltes Leben gemeinsam zu organisieren, aber selbst bei den Beiden geht noch was. Die gleiche Frage stellt sich übrigens bei dem Yuppi-Paar, die Probleme mit sich selbst, der Welt und den eigenen Wertebezügen, die man nicht teilen muss, haben. Mit etwa 35 Jahren haben Conrad und Tamara noch viel mehr Zeit. Und dann gibt es den 13-Jährigen Jonas, der noch alles vor sich hat und von Anfang an alles richtig machen könnte. Was er natürlich nicht machen wird, aber die Chance besteht. Der Film erzählt davon, dass, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und es auch zulässt, miteinander produktiv auszukommen, eine Erfüllung erfährt.

Steckt Carl in einer Krise?

Carl ist nicht in einer Krise, nee, der ist gar nicht in einer Krise! Wenn man so lange liiert ist wie Carl und Helene, einen erwachsenen Jungen mit eigener Familie hat und um die 60 Jahre ist – wenn dann die Frau auf die Idee kommt sich zu trennen, weil es so nicht weitergehen kann… Und das dann auch tut. Meistens sind es ja die Frauen, die die Initiative übernehmen und das dann auch durchführen. Carl wundert sich nur, dass Helene das wirklich macht, was sie wahrscheinlich oftmals angedroht hat. Der kommt gar nicht auf die Idee, dass das wirklich eine endgültige Trennung ist. Nach dem Motto „die soll sich mal selbst verwirklichen, mal sehen wie lange das dauert. Und wenn sie fertig ist, dann kommt sie wieder an.“

Was ist das Problem von Carl und Conrad?

Der Sohn Conrad ist ein seltsamer Typ, der immer alles organisieren muss. Alles muss sich nach ihm richten. Er denkt, er muss das Haus seiner Eltern wieder in Ordnung bringen und vor allen Dingen den Vater ins Lot bringen. Dabei mischt er sich in Dinge ein, die ihn eigentlich nichts angehen, Sohn hin oder her. Carl ist ein typischer Gewerkschafter. Er interessiert sich für Weltpolitik, sieht Fußball und ist traurig, dass er so eine Pfeife als Sohn hat.

Wie finden die zerstrittenen Parteien wieder zueinander?

Über Jonas, den Enkel, der auf einmal Leben in die Bude bringt. Dem Carl etwas beibringen kann, der auf einmal auch zuhört. Über die neue Beziehung zu seinem Enkel bekommt Carl auch wieder einen Draht zu seinem Sohn. Denn Conrad erkennt, dass er seinem eigenen Sohn gegenüber – ähnlich wie er damals seinen Vater erlebt hat – ein Rabenvater ist. Jonas wurde abgeschoben in ein Internat, weil die Eltern viel arbeiten müssen um sich große Häuser und dicke Autos leisten zu können. Deshalb kommt das Kind zu kurz – ein Vorwurf, den Conrad immer seinem Vater gemacht hat und der nun gar nicht mitbekommt, dass er sich auf eine andere Weise genau so seinem Sohn gegenüber verhält.

 Welche Botschaft vermittelt der Film?

Dass man nicht erst mit sechzig darüber nachdenken sollte, wie man eigentlich miteinander lebt. Der Titel  sagt es aus: es geht immer noch etwas, es ist immer Zeit, kurz inne zu halten und über das Leben und den Umgang miteinander zu reflektieren. Selbst wenn man das fünfzig Jahre lang versäumt hat und das in den letzten zwei Jahren noch hinbekommt, dann geht da noch was!

www.constantin-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Hbg69unPhrA

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 8. 2013