Theater zum Fürchten: Loveplay

September 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frauen haben ihn in der Hand

Die etwas andere Aufklärung: Eszter Hollósi als Wissenschaftlerin und Philipp Stix als ihr Studienobjekt. Bild: Bettina Frenzel

Beim Schlussapplaus herrscht Staunen: Sechs Schauspieler sind es tatsächlich nur, die davor nicht ganz zwei Stunden lang die mehr als 30 Rollen stemmen, zehn Liebesgeschichten aus 2000 Jahren Menschheitsgeschichte spielen, und dies mit verblüffender Wandlungsfähigkeit mal berührend, mal burlesk, mal brutal. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Moira Buffinis „Loveplay“.

Regisseurin Helena Scheuba hat TzF-Prinzipal Bruno Max die Satire zur Inszenierung vorgeschlagen, und der war vom Stück so begeistert, dass er es sich sofort unter den Nagel riss, selbst die Übersetzung anfertigte und die deutschsprachige Erstaufführung übernahm (Scheuba wird stattdessen Harold Pinters „Betrogen“ auf die Bühne heben).

Es nimmt einen Wunder, dass die in ihrer Heimat England höchst erfolgreiche Dramatikerin und Drehbuchautorin Buffini, dieses etwa für die „Jane Eyre“-Verfilmung mit Judi Dench und Michael Fassbender, hierzulande so gut wie unbekannt ist, sind ihre mit leichter Feder verfassten Arbeiten doch so ironisch wie intelligent, feinster Boulevard, bei dem sich prächtig zu amüsieren ist.

In „Loveplay“ geht es – no na – ums Spiel mit der Liebe. In zehn Szenen von der Antike bis herauf in die Gegenwart erzählt Buffini, was es damit auf sich hat. Der Schauplatz ist stets London, das sich in der Scala-Aufführung via Animationsfilm vom Römerlager Londinium zur Hauptstadt des britischen Weltreichs zur Brexit-Kapitale ausdehnt.

Punkto Vielfalt an Figuren wird den Darstellern dabei einiges abverlangt, wenn es gilt, sich die Freier und Vergewaltiger, die Verschüchterten und Verklemmten, die Widerlinge und die Widersacher zu eigen zu machen, ihre durch im Wortsinn Leiden/schaften über Jahrhunderte geschundenen Seelen, deren Irrungen und Wirrungen, die Anbahnung von wie die Abrechnung mit Beziehungen. „Love Is Just A Four-Letter Word“ könnte Joan Baez da singen, doch Bruno Max hat sich für die „Love, love, love“-Beatles entschieden, sind doch Herzensregungen, und nicht die anderer Körperteile, der Höhepunkt der Episoden. Buffinis Text behandelt Sex nicht als Selbstzweck, sondern beschäftigt sich mit den „50 Shades“ auf dem Weg dorthin.

„Romantik“ zwischen der Gouvernante und ihrem Dienstherrn: Johanna Rehm und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Shakespeare, schau oba: Johanna Rehm, Leopold Selinger und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Und so erlebt man mit, wie die britannische Prostituierte Dorcas (Johanna Rehm) das flavische Währungssystem anzweifelt, indem sie des Legionärs Marcus (Philipp Stix) Münze nicht annimmt, bekommt sie doch sonst in Ausübung des ältesten Gewerbes der Welt ein lebendes Huhn als Lohn. Hat Freude an einer shakespeare’schen Persiflage um den sexuellen Versager, Dichter Llevelyn (Matthias Tuzar, der noch dazu als Kabinettstück im eigenen Drama den Bösewicht gibt), den selbstverliebten Komödianten Trevelyn (Leopold Selinger) und des ersten Ehe-, des zweiten Bühnenpartnerin Helen (Johanna Rehm), die sich um Dramaturgie, Figurenpsychologie und einen vom Autor zwar vorgesehenen, bei der Probe aber ausufernden Kuss zwischen den Protagonisten streiten. Oder beobachtet Gouvernante Miss Tilly (Johanna Rehm), wie sie, statt der Romantik zu huldigen, zum wilden Ritt auf Dienstherr Mr. Quilly (Matthias Tuzar) diesem ihren jüngsten SM-Schauerroman vorträgt.

Von Epoche zu Epoche großartig gelungen sind die Kostüme von Alexandra Fitzinger und die Maske von Gerda Fischer, Zoe Marvie und Pia Urbanek. Und fabelhaft ist, dass letztlich stets diese hochgebildeten, auch berechnenden, mitunter sogar boshaften Frauen siegreich sind, sie sozusagen „ihn“ in der Hand haben – bis auf einen zart-poetischen Auftritt von Leopold Selinger und Philipp Stix, die sich als Geistlicher Buttermere und Malerfürst und sanfter Verführer De Vere endlich ihrer homoerotischen Zuneigung stellen. Schön, wie Selingers Vikar beim Ablegen des Kollars und damit der Ketten der Konvention gesteht, soeben seinen „ersten freien Gedanken“ gehabt zu haben. Die lesbische Seite des Liebesspektrums, gleichgeschlechliche Liebe hat bei Buffini ihren selbstverständlichen Platz, verkörpern als Ordensschwestern Johanna Rehm, Samantha Steppan und die ziemlich notgeile Klosterfrau von Eszter Hollósi.

Bevor’s zur Free Love der Roaring Sixties geht, wo Johanna Rehm als verklemmt-verschüchtertes Hippiegirl einem – von den wie von Wolfi Bauer erfundenen „revolutionären Sex-Aktivisten“ Eszter Hollósi, Leopold Selinger und Matthias Tuzar organisierten – Love-in nichts abgewinnen kann, oder zu einer neuzeitlichen Mit-Gefühl-mach‘s-Geschäft-Partneragentur, auf deren Bäumchen-wechsle-dich-Party Leopold Selinger grandios einen protzigen Urologen und Samantha Steppan die durch ihn ins Emo-Chaos gestürzte Lebensgefährtin der Agenturchefin mimt – hier die persönliche Lieblingsszene mit Eszter Hollósi und Philipp Stix.

Anno 1898 – der Künstler liebt den Geistlichen: Philipp Stix und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Schüchtern in den Roaring Sixties: Johanna Rehm mit Eszter Hollósi und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Sie eine großbürgerliche Privatgelehrte, er ein einfacher Handwerker, er ihr Studienobjekt, will die mehr als wissenschaftlich interessierte Roxanne doch endlich wissen, was es mit der Aufklärung auf sich hat. Wie sie seinen nackten Körper erforscht, und bei dieser „empirischen Untersuchung der Natur des Mannes“ für sich zum ersten Mal das Geheimnis um „das Abbild Gottes“ lüftet, wie sie sagt „Ich will Ihn anfassen!“, worauf er lapidar „Ist recht!“ antwortet, wie er glaubt, es sei nun von ihm mehr gewünscht, und er den akademischen Akt zum leibhaftigen machen will, worauf er mit Schimpf und Schande aus dem Herrenhaus gejagt wird – das sagt eine Menge über der modernen Menschen Verhältnis zu Verstand und Gefühl, zum Verhältnis Bildung zu Body.

Die TzF-Produktion „Loveplay“ in der Scala ist ein supersympathischer Abend mit formidablem Ensemble, das die Emotionsskala, von Spaß an der Sache bis Todesangst davor, von tiefsinnig bis untief, nur so rauf und runter spielt. Bruno Max‘ Fazit: Liebe, Lust und Leidenschaft bleiben auch nach zwei Jahrtausenden ein Mysterium. Aber schauen Sie sich das selber an …

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 9. 2019

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Februar 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Besuch des alten Herrn

Angesichts der Aufgabe nur keine Angst zeigen. Auch wenn die Kritikerrunde um Raoul Schrott, der den Roman im SRF-Literaturclub euphorisch vorstellte, von nicht zum Derlesen sprach. Der erste Satz geht über sechs Seiten, ohne Absatz, ohne Punkt, zwar mit Komma, ein Vorspiel zum Wahnsinn. Eine „Warnung“, so die Überschrift unter der ein blasierter Impresario seine Herren Musici gleichsam abkanzelt und zu höchster Detailgenauigkeit auffordert. Nichts dürfe ihm verschwiegen, alles müsse ihm erzählt werden. Schon wird klar, hier maßregelt der Autor seine erst zu erschaffenden Geschöpfe, nimmt an die Kandare, was er über die kommenden fast 500 Seiten ohnedies frei galoppieren lassen wird.

Um die Spannung abzukürzen: Raoul Schrott hat recht mit seiner Begeisterung. „Baron Wenckheims Rückkehr“ vom ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai entwickelt einen Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, die schöne, elaborierte Prosa zieht einen in ihren Bann, die Sprache, seltsam altertümlich, obwohl die Geschichte zweifellos in der Jetztzeit angesiedelt ist, mäandert durch die Geschehnisse. Die Rede ist eine indirekte, Beiseitegesprochenes und Vor-sich-hin-Gedachtes.

Krasznahorkai wechselt ohne alle Rücksicht mitten in den Sätzen und mehrmals Perspektive und Erzählposition. Nur da jeder Charakter seine eigene Ausdrucksweise hat, entschlüsselt sich allmählich wer spricht, und wenn auf Seite 95 erstmalig das Wort „naturgemäß“ fällt, weiß man, in wessen Verwandtschaft man sich befindet. Apropos, Verwandtschaft: Diese, eine Wienerische, hat es mit dem Protagonisten des Buchs nicht leicht. Sie musste Baron Béla Wenckheim, einem steinalten, österreichisch-ungarischen Kleinadeligen, Namensvetter des Ministerpräsidenten von 1875, was die „Rückkehr“ irgendwie doppeldeutig macht, bei der Flucht aus seiner Wahlheimat Argentinien helfen. Casino-Schulden, diesen Skandal, auf den bereits Gefängnis drohte, wollte der Familienkreis nicht hinnehmen – und so wird der Baron eingeflogen, ein spindeldürrer, kauziger, verschüchterter, wohlerzogener Mann, bettelarm, ergo vom markigen Clanchef mit bester Garderobe und etwas Geld ausstaffiert, und in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt. Wo es von Vorvätern noch ein Schloss geben soll.

Bild: pixabay.com

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„… es tue ihm unendlich leid, so viele Ungelegenheiten bereitet zu haben, obwohl er gerade das, Ungelegenheiten bereiten, gerade ihnen, keinesfalls wolle, sagte er mit gesenktem Kopf, er bitte nur um eines, man möge ihn keinesfalls berühren, wenn man ihm Maß nehme, er wisse, dass er ihnen damit die Sache erschwere, aber er ertrage es leider nicht, habe es nie ertragen, weder in der Kindheit noch jetzt, da er, in Ordnung, sagte der Sekretär lächelnd, er würde mit Mr. O’Donoghue reden und mit ihm besprechen, wie er Maß nehmen solle, völlig unmöglich, rief der Schneider erzürnt aus, als sie dann anfingen und er beim ersten Maßnehmen aus Versehen den Nacken des Barons berührte …“, so liest sich beispielsweise die vergleichsweise noch überschaubare Stelle über die Kleideranprobe. Ein Beispiel, das belegt, dass „Kapellmeister“ Krasznahorkai nicht nur über eine hohe Sprachmusikalität verfügt, sondern auch ein Händchen für scharfsinnige Satire hat. Zum ersten Mal, möchte man sagen, ist der Meister witzig.

Dieser Witz findet einen Gipfelpunkt in der grandios grotesken Szene der Ankunft des Barons in seinem Geburtsstädtchen. Den Medien nämlich ist die Reise Wenckheims nicht unentdeckt geblieben, in diversen Schundblättern wird der Mensch zum Mythos und, weil man’s glauben will, glaubt alles die Story vom schwerreichen Südamerikaner, der seiner Heimat eine Schenkung machen will. Der Besuch des alten Herrn, sozusagen, doch ohne die Öl-Milliarden. Am festlich beflaggten Bahnhof steht aufgereiht ein Ort, vom Bürgermeister abwärts, Polizeihauptmann in Habtachtstellung, Gymnasiumsdirektor, ein Frauenchor aus überforderten Bäuerinnen, der gegen den Lärm der Menge vergeblich „Wein nicht um mich, Argentinien“ brüllt.

Die Gemeinde braucht Geld wie ein Erstickender Sauerstoff, deswegen hat deren Oberhaupt schon vorab die Waisenkinder und die Obdachlosen vertrieben und möglichen kritischen Stimmen den Mund verboten, „denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine ,Demokratie‘ mehr, … das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach so vielen Jahrzehnten … endlich wiedergekommen ist.“ Krasznahorkai zeichnet die Kleinstädter als hinterfotzige Hinterwäldler, eine brutale, durch und durch korrupte Bande, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Doch weil die glanzvolle Zukunft lang und länger auf sich warten lässt, wird aus dem warmen Empfang eine eiskalte Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, Vernaderung, des latent und am Ende des akut Bedrohlichen.

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Gleich den Stimmen einer Partitur lässt Krasznahorkai einzelne Figuren erst für sich stehen, bevor er deren Klang zu einem Ganzen fügt. Rund um Wenckheim gibt es eine Vielzahl eigentümlicher Episoden, von denen etliche im Nichts verebben, ebenso wie Krasznahorkai Charaktere, so plötzlich wie er sie eingeführt hat, auch wieder fallen lässt. In seinem Panoptikum an zynischen, weltverlorenen, gescheiterten, in ihrem Schicksal unentrinnbar verstrickten Gestalten sind wenige sympathisch. Ans Herz wächst einem maximal Wenckheims Jugendliebe Marika, die er schlichtweg nicht wiedererkennt, sondern der er, mit der Bitte um Hilfe bei der Suche, ihr eigenes Jugendfoto zeigt. Womit er die einsame, resignierte Frau, der er vorher aus der Ferne glühende Liebesbriefe geschickt hatte, aufs Tiefste demütigt. Was sich so tragi- wie -komisch liest.

Zum Personal des Romans gehören außerdem ein zivilisationsflüchtiger Professor, der in einem Outlaw-Viertel, genannt „der Dornbusch“, vor sich hin vegetiert, eine faschistoide Motorradgang, Schlägertypen in Lederkluft, die sich als „Ortswache“ ausgeben, ein sich selbst zu diesem ernennender Sekretär Wenckheims, das geschwätzige Schlitzohr Dante, getauft nach dem brasilianischen Fußballgott, nicht nach dem Dichter der Divina Commedia, sowie unsichtbare Insassen eines Konvois dunkelscheibiger Limousinen. Mit ihrem Erscheinen wird die Farce über den schweigsamen Baron zunehmend schwärzer. Der Dornbusch muss natürlich ein brennender werden, sich darin eine zerschossene Leiche finden, und auch mit Wenckheim endet’s im Fiasko. Mag sein, dass der Schöpfer des „Satanstango“, so heißt Krasznahorkais bekanntestes und auch verfilmtes Buch, am Ende den Teufel persönlich schickt.

So kann man sie deuten, diese sich jeder Deutung entziehende Zeitgeschichtsparabel, die ohne Frage vom heutigen Ungarn handelt (wieder über sechs Seiten geht ein „anonym verfasster Artikel“, eine Beschimpfung, die ihresgleichen sucht, in der sogar verlangt wird, das DNS-Molekül, welches die Ungarn ausbilde, solle sich zurücknehmen), von einem jener geisterhaft toten Winkel Europas, in dem die Gespenster der Geschichte als Wiedergänger aus den Gräbern steigen. Dazu gilt es, aufmerksam die Kapitelüberschriften zu lesen, sie lauten aneinandergereiht: TRRR / RAM / PAM / PAM / PAM / HMMM / RARIRA / RI / ROM … Das klingt nach Trauermarsch. Nach Tanzmusik auf dem Vulkan. Nach allgegenwärtiger Kakophonie von Chaos und Gewalt. Zuletzt folgen Notensammlung, Tanzkarte und ein sich für Auskenner aufs Gesamtwerk beziehendes Da capo al fine. Fabelhaft, was László Krasznahorkai da wieder komponiert hat.

Über den Autor: László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula in Ungarn geboren. 1993 erhielt er für „Melancholie des Widerstands“ den Preis der SWR-Bestenliste. 1996 war er Gast des Wissenschaftskollegs Berlin. Béla Tarr verfilmte unter anderem „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“ unter dem Titel „Werckmeisters Harmonien“. Zuletzt erschienen „Krieg und Krieg“ und „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“. „Seiobo auf Erden“ wurde 2010 mit dem Brücke-Berlin-Preis sowie dem Spycher Literaturpreis Leuk ausgezeichnet. 2014 wurde Krasznahorkai der Vilenica International Literary Prize und der America Award zuerkannt, 2013 und 2014 der Best Translated Book Award. 2015 erhielt er den Man Booker International Prize.

S. Fischer, László Krasznahorkai: „Baron Wenckheims Rückkehr“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

www.fischerverlage.de           www.krasznahorkai.hu

  1. 2. 2019

Astrid

Dezember 4, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lindgrens Leidensweg als ledige Mutter

Noch ist die Jugend unbeschwert: Newcomerin Alba August ist eine hinreißend ausgelassene Astrid Lindgren. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss hin wird es wirklich herzzerreißend. Da versucht eine gerade erst 23-Jährige, ihr Kind mit Liebe und Hingabe an sich zu binden, doch der Kleine weint und bockt, ist sichtlich traumatisiert, kennt er die fremde Frau doch nicht. Es ist das Jahr 1930, und Lasse schon vier, als ihn seine Mutter endlich zu sich holen kann. Von Kopenhagen nach Stockholm.

Was sie sich davor, weil ledig schwanger geworden und folglich der „Schande“ wegen verwehrt hatte. Die Mutter wird später die große Kinderbuchautorin Astrid Lindgren werden. Von deren schwierigem Start ins Erwachsenenleben wissen nicht viele ihrer Fans. Regisseurin und Drehbuchautorin Pernille Fischer Christensen erzählt nun darüber in ihrem Biopic „Astrid“, das am Freitag in die Kinos kommt. Welche Weltliteratin, Schöpferin von Pippi Langstrumpf, den Bullerbü-Kindern, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, sich hinter dem schlichten Filmtitel verbirgt, macht Fischer Christensen in einer ersten Szene klar. Da sitzt eine betagte, hagere Dame am Schreibtisch und öffnet Kinderbriefe, das Pult übersät mit ihren selbstgebastelten Umschlägen und bunt bemalten Postkarten voller Geburtstagsglückwünsche.

„Liebe Astrid, wie kommt es, dass du so gut über Kinder schreiben kannst, wo es doch so lange her ist, dass du eines warst?“, hört man einen Knaben fragen. Und an der unverkennbar kantigen Silhouette, dem weißgewordenen Bubikopf, ist sofort die Lindgren zu erkennen. Dieser Art Rahmen wird sich durch den ganzen Film fortsetzen, immer wieder sind zwischendurch Kinderstimmen zu hören, die ihre Post an die Schriftstellerin vorlesen, immer dann, wenn Astrids Lebenssituationen an ihr Werk anknüpfen. Ihren Geschwistern erzählt sie etwa, da ist sie schon Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning, vom Artikel über einen Jungen, der an einer Fahnenstange hochgezogen wurde.

Als sich beim Tanzkränzchen kein Partner findet, wirbelt Astrid allein übers Parkett: Alba August. Bild: © Erik Molberg Hansen

Henrik Rafaelsen als unglücklich verheirateter Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg. Bild: © Filmladen Filmverleih

So macht „Astrid“ die Unmittelbarkeit, die Unverfälschtheit, auch die Quellen von Lindgrens Arbeit deutlich, und als Zuschauer darf man durchaus sentimental werden, wenn man sich an das Gefühl von Zuhause, von Wärme und Vertrautheit erinnert, das man beim Lesen ihrer Bücher empfand. Fischer Christensen und Kameramann Erik Molberg Hansen haben aus Lindgrens Heimat, Vimmerby im Småland, ein tristes Lönneberga gemacht, heißt: Molberg Hansens Bilder sind farbgedämpft, wie sepiagrundiert.

In ruhigen Schwenks lässt er die Kamera über die Landschaft gleiten. Der Menschenschlag, der darin lebt, ist arm, arbeitsam, gläubig, kinderreich – und, ja, glücklich, Astrids Eltern Pachtbauern auf einem Grundstück der Pfarre. Nicht von ungefähr ähnelt das Setting dem Katthult-Hof, und Samuel und Hanna Ericsson Michels Vater und Mutter.

Und mitten drin ein unbändiges Mädchen, das am Esstisch beständig plappern muss, sich in der Kirche langweilt, ihre kindliche Begeisterung auch einmal in die Nacht hinaus schreit, und, als es beim Tanzkränzchen zu keinerlei Aufforderung kommt, allein aufs Parkett stürmt und, zur Bestürzung, teils Belustigung der anwesenden Gemeinde, eine ausgelassene Performance hinlegt.

Newcomerin Alba August besticht mit ihrem sympathischen, quecksilbrigen Spiel als eine, die anders ist, als ihr Umfeld bisweilen verstehen kann, als eine, die mehr vom Dasein erwartet, als tagaus, tagein ein Feld zu beackern. Maria Bonnevie und Magnus Krepper sind als Astrids liebevoll-strenge Eltern zu sehen. Ihre überbordende Fantasie bringt Astrid schließlich eine Stelle bei Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg – Henrik Rafaelsen gestaltet ihn mit melancholischer Zurückhaltung – ein. Der um etliches ältere Mann lebt gerade in einer schwierigen Ehe, und verfällt dem Temperament seiner jungen Mitarbeiterin.

Er tröstet sich, sie willigt ein, und Fischer Christensen zeigt die verbotene Liebe in jeder Sequenz als vollkommen einvernehmlich. Es folgt Schwangerschaft, befürchteter Skandal und Astrids Verbringung an eine Sekretärinnenschule nach Stockholm, schließlich nach Kopenhagen, weil dort bei der Geburt eines Kindes, dessen Vater nicht angegeben werden muss. Lasse, wie Astrid ihren Sohn nennt, wird Pflegemutter Marie – Dänemarks Schauspielstar Trine Dyrholm sehr anrührend in ihrer Rolle – übergeben.

Erst als Astrid mit ihrem Sohn Lasse zusammen sein kann, wird das Gras grün: Alba August und Marius Damslev. Bild: © Erik Molberg Hansen

Es ist erschütternd, die Filmoptik nun noch ein wenig düsterer, was das Mädchen Astrid alles alleine zu bewältigen hat. Man kann nicht umhin sich zu erstaunen, wie aus diesem Schicksal die Schreiberin stets hoffnungsvoller Romane werden konnte. Alba August verleiht ihrer Figur jetzt erst recht Kontur, macht sie vom vor naiver Lebenslust sprühenden Charakter zur hart um ihre Existenz kämpfenden Frau.

Die sich mit den sich die Länge ziehenden Versprechungen des Kindsvaters, der Ablehnung vor allem ihrer Mutter, wie generell mit einer Gesellschaft, die für ledige Mütter keinen Platz bietet, auseinandersetzen muss. Den Verlust der Kindlichkeit setzt August mit jeder Faser ihres Körpers um. Die Tochter von Bille und Pernilla August trägt ihren ersten Kinospielfilm bravourös. Und wieder wird Astrid alleine tanzen, betrunken, auf der Weihnachtsfeier des Königlichen Automobil-Clubs, wo sie mittlerweile arbeitet, und es wird als Lichtblick, zuerst hält sie ihn für einen Schnösel, dann doch für charmant, dessen Bürovorsteher Sture Lindgren, gespielt von Björn Gustafsson, erscheinen.

Dass der sich als Alkoholiker entpuppen wird, der letztlich an seiner Sucht stirbt, so weit geht „Astrid“ nicht. Denn, und Fischer Christensen schildert das, wenn auch etwas behäbig, so doch mit perfektem Feingefühl und ohne je ins kitschig Melodramatische zu kippen, wie immer bei der Lindgren ist am Ende alles gut. Für Lasse wird Astrid zur Geschichtenerzählerin. Wird sie den Mut finden, entgegen aller Anfeindungen ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Was schließlich sogar die Gemüter der Großeltern erweicht. Und endlich ist das Gras grün, und sind die Häuserwände rot …

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  1. 12. 2018