Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018

Christina Dalcher: Vox

September 2, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast feministischer Science-Fiction-Thriller

Wenn es ein Wesenszug der Science Fiction ist, Zeiterscheinungen aufzunehmen und als mögliche Zukunftsvision zuzuspitzen, dann ist der amerikanischen Autorin Christina Dalcher mit ihrem Debütroman „Vox“ eine düster-bedrohliche Dystopie gelungen. Höchst aktuell berichtet Dalcher davon, wie schnell rechter Fundamentalismus zu gesellschaftlicher Repression führt, wie fragil Demokratie ist, und wie dünn der Firnis der Zivilisation. Dies alles nicht in einem zwielichtigen Land, sondern in den USA. Unweigerlich an die #MeToo-Enthüllungen muss man denken, an die frauenverachtenden Äußerungen von Donald Trump, an den hierzulande gerade eingeführten 12-Stunden-Arbeitstag, liest man Dalchers Buch.

Sie lässt eine Ich-Erzählerin, Jean, von den jüngsten Entwicklungen berichten. Die sehen so aus, dass Frauen nur noch das Aussprechen von 100 Wörtern pro Tag erlaubt ist. Ein Wortzähler am Handgelenk übernimmt die Überwachung, ab Wort 101 sendet das „Armband“ Stromschläge aus, die von Mal zu Mal heftiger werden – einer Nachbarin wird so der halbe Unterarm weggekokelt. Bücher sind für den alleinigen Gebrauch von Männern weggesperrt. Für Frauen gibt es weder E-Mail-Konto noch Handy.

Unterrichtsgegenstände für Töchter sind Hauswirtschaftslehre und Haushaltsbuchführung. Der heterosexuelle Weiße hat das Sagen, alles Weibliche ist aus dem öffentlichen Leben verbannt. „All meine Wörter wirbeln in meinem Kopf herum, kommen als schwerer, sinnloser Seufzer aus meiner Kehle heraus. Und ich kann nur an Jackies (Jeans Freundin und Frauenrechtskämpferin, Anm.) letzte Worte denken. Denk darüber nach, was du tun musst, um frei zu bleiben“, so Jean. Ausgegangen ist dieser Wahnsinn vom „Bible Belt“ in den Südstaaten, der Führer der gar nicht mehr freien Welt ist allerdings kein Polterer wie der derzeitige, sondern verfolgt seine Pläne mit kaltem Kalkül – instruiert und manipuliert von einem verschlagenen Fernsehprediger. „Make America Moral Again“ ist das Motto der sich selbst „die Reinen“ Nennenden, und die Frau selbstverständlich Schuld an ihrer Vergewaltigung, Fettleibigket, Schulschießereien, Erektionsstörungen …

Mitten in der Ausweglosigkeit widerfährt Vierfach-Mutter Jean Sonderbares. Der Bruder des Präsidenten, so wird ihr gesagt, leidet nach einem Unfall am Wernicke-Syndrom, heißt: einem Ausfall des Sprachzentrums im Gehirn, und die ehemalige Neurowissenschaftlerin soll’s richten. Während ihr ältester Sohn sich den Reinen anschließt und zum Denunzianten wird, während der Waschlappen-Ehemann nichts ist außer hilflos überfordert, macht Jean nicht nur brisante Entdeckungen, sondern auch die Bekanntschaft mit einer Widerstandsbewegung, deren Anführer der Postbote Del und seine schwarze Frau Sharon sind. Und auch in den Kellergeschossen des Geheimgebäudes, in denen Jean an einem Serum forscht, kommt Rettung von unerwarteter Seite.

„Vox“, diese Parabel auf totalitäre Regime, ist ein durchaus spannender Pageturner. Allerdings hat Dalchers Erstling auch einige Schwächen. Als da wären die Figur von Jeans Liebhaber Lorenzo, einem italienischen so wissenschaftlich versiertem wie virilem Helden, mit dessen Kind sie schwanger geht – und dessen mannhafte Hilfe die in seiner Gegenwart gar nicht mehr emanzipatorisch eingestellte Protagonistin in jeder Lebenslage braucht. Oder – Achtung: Spoiler! – die in einem James-Bond-Film besser aufgehobene Schurkerei, nach der das Weiße Haus nicht weniger plant, als das Serum, in sein Gegenteil verwandelt, als Biowaffe gegen Europa einzusetzen, und dessen Bevölkerung zu stammelnden Zombies zu machen. So lässt einen, was als Protestschrei gegen das Patriachat beginnt, am Ende manchmal auch leise aufseufzen.

Über die Autorin: Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, unter anderem wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. „Vox“ ist ihr Debütroman.

S. Fischer Verlage, Christina Dalcher: „Vox“, Roman, 400 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2018

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

September 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Menschen auf dem Möbiusband

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag legt eine der Titaninnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur ihr neues Buch vor: In „Der Mann ohne Schatten“ beschreibt Joyce Carol Oates die Geschichte eines Gedächtnisverlustes. 37 Jahre ist der aus altem Philadelphia-Geldadel stammende Wirtschaftsprofi Eli Hoopes, als er sich bei einem Campingausflug eine durch eine Virusinfektion hervorgerufene Enzephalitis zuzieht. Sein Kurzzeitgedächtnis wird dadurch zerstört, Eli kann sich an Menschen und Geschehnisse nicht mehr länger als maximal 70 Sekunden erinnern.

Im Jahr 1965 passiert das, und bis 1996 wird Eli an der Universität von Darven Park, Pennsylvania, ein begehrter „Untersuchungsgegenstand“ sein. Vor allem Margot Sharpe begeistert sich für den Probanden, sie stößt als Doktorandin der Neurowissenschaften zum „Projekt E. H.“, wird es schließlich leiten und dank ihm zu höchsten akademischen Ehren kommen. Nach der ersten Begegnung mit dem Ex-Ökonomen notiert sie beklommen: „Er ist in ewiger Gegenwart gefangen. Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten.“

Im Laufe der Jahrzehnte wird aus Faszination Liebe. Margot gaukelt dem Ex-Ökonomen schließlich sogar vor, seine Ehefrau zu sein. Sie kauft für beide Eheringe, es kommt auch zum Vollzug der Liebe. Doch damit tut sich für beide ein Strudel der Gefühle auf … Oates hat für ihr Buch zahlreiche Fallstudien studiert, unter anderem die von Henry Gustav Molaison, dem berühmtesten Amnesiekranken der Welt. Wie der Romanheld unterzog sich der Amerikaner zahlreichen Testreihen, deren Ergebnisse als bahnbrechend in der Gedächtnisforschung gelten.

Als literarisches Vorbild für Margot Sharpe, die Eli Hoopes lebenslang als Gelehrte und Geliebte begleitet, diente Brenda Milner, die als Professorin für Neurologie und Neurochirurgie lehrte und unzählige Arbeiten über Molaison veröffentlichte. Inspiriert wurde Oates mutmaßlich auch ihrem zweiten Ehemann Charlie Gross, der bis zu seiner Emeritierung an der Princeton University als Neurowissenschaftler arbeitete. Oates schreibt mal aus Margots, mal aus Elis Sicht – dies ein gewagter Kunstgriff, den sie mit Könnerschaft meistert, mit sprachlicher Wucht porträtiert sie zwei Einsame, jeder auf seine Art Verlorengegangene, zwei Menschen auf dem Möbiusband.

Über Eli heißt es, er hätte sich eine „überzeugende und sympathische Fassade“ errichtet, mit der er „den Gedächtnisverlust kaschiert“. Margot wird als Arbeitssüchtige in ständigem Konkurrenzkampf mit den Kollegen gezeigt. Und wie das Leben der Testperson E. H. ist auch der Text gekennzeichnet durch Leitmotive, durch Wiederholungen von Sätzen und ganzen Passagen. „Es gibt keine Reise, und es gibt keinen Weg. Es gibt keine Weisheit, es gibt Leere“, sagt Eli immer wieder, was bei seinen Betreuern für Rätselraten sorgt.

In all das hat Oates sorgsam eine Kriminalgeschichte verwoben: Als sie gerade mal Teenager waren, ist Elis Cousine Gretchen auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen. Eli wird auch in seiner Erkrankung von diesem Vorfall wie von einem Fluch verfolgt. Immer wieder zeichnet er wie in Trance ein lebloses, in einem Bachbett liegendes Mädchen. War Eli Wegschauer, Mitwisser – oder gar Mörder? Oates hält diesbezüglich die Spannung bis zum Gänsehaut-Ende aufrecht.

Gleichzeitig geht es ihr um das Thema medizinische Ethik, Margot muss sich in einem vorweggenommenen, posthum geführten Vortrag – dieser kommt in Einschüben immer wieder – wegen des Ausnutzens Elis rechtfertigen. Ein nicht näher benanntes Gegenüber wirft ihr vor, die Experimente nur für ihr wissenschaftliches, den Publikationen über E. H. geschuldetes Renommee so lange weiter betrieben zu haben … Joyce Carol Oates‘ „Der Mann ohne Schatten“ ist ein traurig schönes Buch über imaginierte menschliche Nähe. Es changiert zwischen Psychogramm und Psychothriller, und ist so anrührend wie abgründig.

Über die Autorin: Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. Joyce Carol Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

S. Fischer Verlage, Joyce Carol Oates: „Der Mann ohne Schatten“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.

www.fischerverlage.de

1. 9. 2018

Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018