László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Februar 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Besuch des alten Herrn

Angesichts der Aufgabe nur keine Angst zeigen. Auch wenn die Kritikerrunde um Raoul Schrott, der den Roman im SRF-Literaturclub euphorisch vorstellte, von nicht zum Derlesen sprach. Der erste Satz geht über sechs Seiten, ohne Absatz, ohne Punkt, zwar mit Komma, ein Vorspiel zum Wahnsinn. Eine „Warnung“, so die Überschrift unter der ein blasierter Impresario seine Herren Musici gleichsam abkanzelt und zu höchster Detailgenauigkeit auffordert. Nichts dürfe ihm verschwiegen, alles müsse ihm erzählt werden. Schon wird klar, hier maßregelt der Autor seine erst zu erschaffenden Geschöpfe, nimmt an die Kandare, was er über die kommenden fast 500 Seiten ohnedies frei galoppieren lassen wird.

Um die Spannung abzukürzen: Raoul Schrott hat recht mit seiner Begeisterung. „Baron Wenckheims Rückkehr“ vom ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai entwickelt einen Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, die schöne, elaborierte Prosa zieht einen in ihren Bann, die Sprache, seltsam altertümlich, obwohl die Geschichte zweifellos in der Jetztzeit angesiedelt ist, mäandert durch die Geschehnisse. Die Rede ist eine indirekte, Beiseitegesprochenes und Vor-sich-hin-Gedachtes.

Krasznahorkai wechselt ohne alle Rücksicht mitten in den Sätzen und mehrmals Perspektive und Erzählposition. Nur da jeder Charakter seine eigene Ausdrucksweise hat, entschlüsselt sich allmählich wer spricht, und wenn auf Seite 95 erstmalig das Wort „naturgemäß“ fällt, weiß man, in wessen Verwandtschaft man sich befindet. Apropos, Verwandtschaft: Diese, eine Wienerische, hat es mit dem Protagonisten des Buchs nicht leicht. Sie musste Baron Béla Wenckheim, einem steinalten, österreichisch-ungarischen Kleinadeligen, Namensvetter des Ministerpräsidenten von 1875, was die „Rückkehr“ irgendwie doppeldeutig macht, bei der Flucht aus seiner Wahlheimat Argentinien helfen. Casino-Schulden, diesen Skandal, auf den bereits Gefängnis drohte, wollte der Familienkreis nicht hinnehmen – und so wird der Baron eingeflogen, ein spindeldürrer, kauziger, verschüchterter, wohlerzogener Mann, bettelarm, ergo vom markigen Clanchef mit bester Garderobe und etwas Geld ausstaffiert, und in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt. Wo es von Vorvätern noch ein Schloss geben soll.

Bild: pixabay.com

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„… es tue ihm unendlich leid, so viele Ungelegenheiten bereitet zu haben, obwohl er gerade das, Ungelegenheiten bereiten, gerade ihnen, keinesfalls wolle, sagte er mit gesenktem Kopf, er bitte nur um eines, man möge ihn keinesfalls berühren, wenn man ihm Maß nehme, er wisse, dass er ihnen damit die Sache erschwere, aber er ertrage es leider nicht, habe es nie ertragen, weder in der Kindheit noch jetzt, da er, in Ordnung, sagte der Sekretär lächelnd, er würde mit Mr. O’Donoghue reden und mit ihm besprechen, wie er Maß nehmen solle, völlig unmöglich, rief der Schneider erzürnt aus, als sie dann anfingen und er beim ersten Maßnehmen aus Versehen den Nacken des Barons berührte …“, so liest sich beispielsweise die vergleichsweise noch überschaubare Stelle über die Kleideranprobe. Ein Beispiel, das belegt, dass „Kapellmeister“ Krasznahorkai nicht nur über eine hohe Sprachmusikalität verfügt, sondern auch ein Händchen für scharfsinnige Satire hat. Zum ersten Mal, möchte man sagen, ist der Meister witzig.

Dieser Witz findet einen Gipfelpunkt in der grandios grotesken Szene der Ankunft des Barons in seinem Geburtsstädtchen. Den Medien nämlich ist die Reise Wenckheims nicht unentdeckt geblieben, in diversen Schundblättern wird der Mensch zum Mythos und, weil man’s glauben will, glaubt alles die Story vom schwerreichen Südamerikaner, der seiner Heimat eine Schenkung machen will. Der Besuch des alten Herrn, sozusagen, doch ohne die Öl-Milliarden. Am festlich beflaggten Bahnhof steht aufgereiht ein Ort, vom Bürgermeister abwärts, Polizeihauptmann in Habtachtstellung, Gymnasiumsdirektor, ein Frauenchor aus überforderten Bäuerinnen, der gegen den Lärm der Menge vergeblich „Wein nicht um mich, Argentinien“ brüllt.

Die Gemeinde braucht Geld wie ein Erstickender Sauerstoff, deswegen hat deren Oberhaupt schon vorab die Waisenkinder und die Obdachlosen vertrieben und möglichen kritischen Stimmen den Mund verboten, „denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine ,Demokratie‘ mehr, … das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach so vielen Jahrzehnten … endlich wiedergekommen ist.“ Krasznahorkai zeichnet die Kleinstädter als hinterfotzige Hinterwäldler, eine brutale, durch und durch korrupte Bande, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Doch weil die glanzvolle Zukunft lang und länger auf sich warten lässt, wird aus dem warmen Empfang eine eiskalte Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, Vernaderung, des latent und am Ende des akut Bedrohlichen.

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Gleich den Stimmen einer Partitur lässt Krasznahorkai einzelne Figuren erst für sich stehen, bevor er deren Klang zu einem Ganzen fügt. Rund um Wenckheim gibt es eine Vielzahl eigentümlicher Episoden, von denen etliche im Nichts verebben, ebenso wie Krasznahorkai Charaktere, so plötzlich wie er sie eingeführt hat, auch wieder fallen lässt. In seinem Panoptikum an zynischen, weltverlorenen, gescheiterten, in ihrem Schicksal unentrinnbar verstrickten Gestalten sind wenige sympathisch. Ans Herz wächst einem maximal Wenckheims Jugendliebe Marika, die er schlichtweg nicht wiedererkennt, sondern der er, mit der Bitte um Hilfe bei der Suche, ihr eigenes Jugendfoto zeigt. Womit er die einsame, resignierte Frau, der er vorher aus der Ferne glühende Liebesbriefe geschickt hatte, aufs Tiefste demütigt. Was sich so tragi- wie -komisch liest.

Zum Personal des Romans gehören außerdem ein zivilisationsflüchtiger Professor, der in einem Outlaw-Viertel, genannt „der Dornbusch“, vor sich hin vegetiert, eine faschistoide Motorradgang, Schlägertypen in Lederkluft, die sich als „Ortswache“ ausgeben, ein sich selbst zu diesem ernennender Sekretär Wenckheims, das geschwätzige Schlitzohr Dante, getauft nach dem brasilianischen Fußballgott, nicht nach dem Dichter der Divina Commedia, sowie unsichtbare Insassen eines Konvois dunkelscheibiger Limousinen. Mit ihrem Erscheinen wird die Farce über den schweigsamen Baron zunehmend schwärzer. Der Dornbusch muss natürlich ein brennender werden, sich darin eine zerschossene Leiche finden, und auch mit Wenckheim endet’s im Fiasko. Mag sein, dass der Schöpfer des „Satanstango“, so heißt Krasznahorkais bekanntestes und auch verfilmtes Buch, am Ende den Teufel persönlich schickt.

So kann man sie deuten, diese sich jeder Deutung entziehende Zeitgeschichtsparabel, die ohne Frage vom heutigen Ungarn handelt (wieder über sechs Seiten geht ein „anonym verfasster Artikel“, eine Beschimpfung, die ihresgleichen sucht, in der sogar verlangt wird, das DNS-Molekül, welches die Ungarn ausbilde, solle sich zurücknehmen), von einem jener geisterhaft toten Winkel Europas, in dem die Gespenster der Geschichte als Wiedergänger aus den Gräbern steigen. Dazu gilt es, aufmerksam die Kapitelüberschriften zu lesen, sie lauten aneinandergereiht: TRRR / RAM / PAM / PAM / PAM / HMMM / RARIRA / RI / ROM … Das klingt nach Trauermarsch. Nach Tanzmusik auf dem Vulkan. Nach allgegenwärtiger Kakophonie von Chaos und Gewalt. Zuletzt folgen Notensammlung, Tanzkarte und ein sich für Auskenner aufs Gesamtwerk beziehendes Da capo al fine. Fabelhaft, was László Krasznahorkai da wieder komponiert hat.

Über den Autor: László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula in Ungarn geboren. 1993 erhielt er für „Melancholie des Widerstands“ den Preis der SWR-Bestenliste. 1996 war er Gast des Wissenschaftskollegs Berlin. Béla Tarr verfilmte unter anderem „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“ unter dem Titel „Werckmeisters Harmonien“. Zuletzt erschienen „Krieg und Krieg“ und „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“. „Seiobo auf Erden“ wurde 2010 mit dem Brücke-Berlin-Preis sowie dem Spycher Literaturpreis Leuk ausgezeichnet. 2014 wurde Krasznahorkai der Vilenica International Literary Prize und der America Award zuerkannt, 2013 und 2014 der Best Translated Book Award. 2015 erhielt er den Man Booker International Prize.

S. Fischer, László Krasznahorkai: „Baron Wenckheims Rückkehr“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

www.fischerverlage.de           www.krasznahorkai.hu

  1. 2. 2019

Astrid

Dezember 4, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lindgrens Leidensweg als ledige Mutter

Noch ist die Jugend unbeschwert: Newcomerin Alba August ist eine hinreißend ausgelassene Astrid Lindgren. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss hin wird es wirklich herzzerreißend. Da versucht eine gerade erst 23-Jährige, ihr Kind mit Liebe und Hingabe an sich zu binden, doch der Kleine weint und bockt, ist sichtlich traumatisiert, kennt er die fremde Frau doch nicht. Es ist das Jahr 1930, und Lasse schon vier, als ihn seine Mutter endlich zu sich holen kann. Von Kopenhagen nach Stockholm.

Was sie sich davor, weil ledig schwanger geworden und folglich der „Schande“ wegen verwehrt hatte. Die Mutter wird später die große Kinderbuchautorin Astrid Lindgren werden. Von deren schwierigem Start ins Erwachsenenleben wissen nicht viele ihrer Fans. Regisseurin und Drehbuchautorin Pernille Fischer Christensen erzählt nun darüber in ihrem Biopic „Astrid“, das am Freitag in die Kinos kommt. Welche Weltliteratin, Schöpferin von Pippi Langstrumpf, den Bullerbü-Kindern, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, sich hinter dem schlichten Filmtitel verbirgt, macht Fischer Christensen in einer ersten Szene klar. Da sitzt eine betagte, hagere Dame am Schreibtisch und öffnet Kinderbriefe, das Pult übersät mit ihren selbstgebastelten Umschlägen und bunt bemalten Postkarten voller Geburtstagsglückwünsche.

„Liebe Astrid, wie kommt es, dass du so gut über Kinder schreiben kannst, wo es doch so lange her ist, dass du eines warst?“, hört man einen Knaben fragen. Und an der unverkennbar kantigen Silhouette, dem weißgewordenen Bubikopf, ist sofort die Lindgren zu erkennen. Dieser Art Rahmen wird sich durch den ganzen Film fortsetzen, immer wieder sind zwischendurch Kinderstimmen zu hören, die ihre Post an die Schriftstellerin vorlesen, immer dann, wenn Astrids Lebenssituationen an ihr Werk anknüpfen. Ihren Geschwistern erzählt sie etwa, da ist sie schon Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning, vom Artikel über einen Jungen, der an einer Fahnenstange hochgezogen wurde.

Als sich beim Tanzkränzchen kein Partner findet, wirbelt Astrid allein übers Parkett: Alba August. Bild: © Erik Molberg Hansen

Henrik Rafaelsen als unglücklich verheirateter Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg. Bild: © Filmladen Filmverleih

So macht „Astrid“ die Unmittelbarkeit, die Unverfälschtheit, auch die Quellen von Lindgrens Arbeit deutlich, und als Zuschauer darf man durchaus sentimental werden, wenn man sich an das Gefühl von Zuhause, von Wärme und Vertrautheit erinnert, das man beim Lesen ihrer Bücher empfand. Fischer Christensen und Kameramann Erik Molberg Hansen haben aus Lindgrens Heimat, Vimmerby im Småland, ein tristes Lönneberga gemacht, heißt: Molberg Hansens Bilder sind farbgedämpft, wie sepiagrundiert.

In ruhigen Schwenks lässt er die Kamera über die Landschaft gleiten. Der Menschenschlag, der darin lebt, ist arm, arbeitsam, gläubig, kinderreich – und, ja, glücklich, Astrids Eltern Pachtbauern auf einem Grundstück der Pfarre. Nicht von ungefähr ähnelt das Setting dem Katthult-Hof, und Samuel und Hanna Ericsson Michels Vater und Mutter.

Und mitten drin ein unbändiges Mädchen, das am Esstisch beständig plappern muss, sich in der Kirche langweilt, ihre kindliche Begeisterung auch einmal in die Nacht hinaus schreit, und, als es beim Tanzkränzchen zu keinerlei Aufforderung kommt, allein aufs Parkett stürmt und, zur Bestürzung, teils Belustigung der anwesenden Gemeinde, eine ausgelassene Performance hinlegt.

Newcomerin Alba August besticht mit ihrem sympathischen, quecksilbrigen Spiel als eine, die anders ist, als ihr Umfeld bisweilen verstehen kann, als eine, die mehr vom Dasein erwartet, als tagaus, tagein ein Feld zu beackern. Maria Bonnevie und Magnus Krepper sind als Astrids liebevoll-strenge Eltern zu sehen. Ihre überbordende Fantasie bringt Astrid schließlich eine Stelle bei Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg – Henrik Rafaelsen gestaltet ihn mit melancholischer Zurückhaltung – ein. Der um etliches ältere Mann lebt gerade in einer schwierigen Ehe, und verfällt dem Temperament seiner jungen Mitarbeiterin.

Er tröstet sich, sie willigt ein, und Fischer Christensen zeigt die verbotene Liebe in jeder Sequenz als vollkommen einvernehmlich. Es folgt Schwangerschaft, befürchteter Skandal und Astrids Verbringung an eine Sekretärinnenschule nach Stockholm, schließlich nach Kopenhagen, weil dort bei der Geburt eines Kindes, dessen Vater nicht angegeben werden muss. Lasse, wie Astrid ihren Sohn nennt, wird Pflegemutter Marie – Dänemarks Schauspielstar Trine Dyrholm sehr anrührend in ihrer Rolle – übergeben.

Erst als Astrid mit ihrem Sohn Lasse zusammen sein kann, wird das Gras grün: Alba August und Marius Damslev. Bild: © Erik Molberg Hansen

Es ist erschütternd, die Filmoptik nun noch ein wenig düsterer, was das Mädchen Astrid alles alleine zu bewältigen hat. Man kann nicht umhin sich zu erstaunen, wie aus diesem Schicksal die Schreiberin stets hoffnungsvoller Romane werden konnte. Alba August verleiht ihrer Figur jetzt erst recht Kontur, macht sie vom vor naiver Lebenslust sprühenden Charakter zur hart um ihre Existenz kämpfenden Frau.

Die sich mit den sich die Länge ziehenden Versprechungen des Kindsvaters, der Ablehnung vor allem ihrer Mutter, wie generell mit einer Gesellschaft, die für ledige Mütter keinen Platz bietet, auseinandersetzen muss. Den Verlust der Kindlichkeit setzt August mit jeder Faser ihres Körpers um. Die Tochter von Bille und Pernilla August trägt ihren ersten Kinospielfilm bravourös. Und wieder wird Astrid alleine tanzen, betrunken, auf der Weihnachtsfeier des Königlichen Automobil-Clubs, wo sie mittlerweile arbeitet, und es wird als Lichtblick, zuerst hält sie ihn für einen Schnösel, dann doch für charmant, dessen Bürovorsteher Sture Lindgren, gespielt von Björn Gustafsson, erscheinen.

Dass der sich als Alkoholiker entpuppen wird, der letztlich an seiner Sucht stirbt, so weit geht „Astrid“ nicht. Denn, und Fischer Christensen schildert das, wenn auch etwas behäbig, so doch mit perfektem Feingefühl und ohne je ins kitschig Melodramatische zu kippen, wie immer bei der Lindgren ist am Ende alles gut. Für Lasse wird Astrid zur Geschichtenerzählerin. Wird sie den Mut finden, entgegen aller Anfeindungen ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Was schließlich sogar die Gemüter der Großeltern erweicht. Und endlich ist das Gras grün, und sind die Häuserwände rot …

dcmworld.com/portfolio/astrid/

  1. 12. 2018

Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018

Christina Dalcher: Vox

September 2, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast feministischer Science-Fiction-Thriller

Wenn es ein Wesenszug der Science Fiction ist, Zeiterscheinungen aufzunehmen und als mögliche Zukunftsvision zuzuspitzen, dann ist der amerikanischen Autorin Christina Dalcher mit ihrem Debütroman „Vox“ eine düster-bedrohliche Dystopie gelungen. Höchst aktuell berichtet Dalcher davon, wie schnell rechter Fundamentalismus zu gesellschaftlicher Repression führt, wie fragil Demokratie ist, und wie dünn der Firnis der Zivilisation. Dies alles nicht in einem zwielichtigen Land, sondern in den USA. Unweigerlich an die #MeToo-Enthüllungen muss man denken, an die frauenverachtenden Äußerungen von Donald Trump, an den hierzulande gerade eingeführten 12-Stunden-Arbeitstag, liest man Dalchers Buch.

Sie lässt eine Ich-Erzählerin, Jean, von den jüngsten Entwicklungen berichten. Die sehen so aus, dass Frauen nur noch das Aussprechen von 100 Wörtern pro Tag erlaubt ist. Ein Wortzähler am Handgelenk übernimmt die Überwachung, ab Wort 101 sendet das „Armband“ Stromschläge aus, die von Mal zu Mal heftiger werden – einer Nachbarin wird so der halbe Unterarm weggekokelt. Bücher sind für den alleinigen Gebrauch von Männern weggesperrt. Für Frauen gibt es weder E-Mail-Konto noch Handy.

Unterrichtsgegenstände für Töchter sind Hauswirtschaftslehre und Haushaltsbuchführung. Der heterosexuelle Weiße hat das Sagen, alles Weibliche ist aus dem öffentlichen Leben verbannt. „All meine Wörter wirbeln in meinem Kopf herum, kommen als schwerer, sinnloser Seufzer aus meiner Kehle heraus. Und ich kann nur an Jackies (Jeans Freundin und Frauenrechtskämpferin, Anm.) letzte Worte denken. Denk darüber nach, was du tun musst, um frei zu bleiben“, so Jean. Ausgegangen ist dieser Wahnsinn vom „Bible Belt“ in den Südstaaten, der Führer der gar nicht mehr freien Welt ist allerdings kein Polterer wie der derzeitige, sondern verfolgt seine Pläne mit kaltem Kalkül – instruiert und manipuliert von einem verschlagenen Fernsehprediger. „Make America Moral Again“ ist das Motto der sich selbst „die Reinen“ Nennenden, und die Frau selbstverständlich Schuld an ihrer Vergewaltigung, Fettleibigket, Schulschießereien, Erektionsstörungen …

Mitten in der Ausweglosigkeit widerfährt Vierfach-Mutter Jean Sonderbares. Der Bruder des Präsidenten, so wird ihr gesagt, leidet nach einem Unfall am Wernicke-Syndrom, heißt: einem Ausfall des Sprachzentrums im Gehirn, und die ehemalige Neurowissenschaftlerin soll’s richten. Während ihr ältester Sohn sich den Reinen anschließt und zum Denunzianten wird, während der Waschlappen-Ehemann nichts ist außer hilflos überfordert, macht Jean nicht nur brisante Entdeckungen, sondern auch die Bekanntschaft mit einer Widerstandsbewegung, deren Anführer der Postbote Del und seine schwarze Frau Sharon sind. Und auch in den Kellergeschossen des Geheimgebäudes, in denen Jean an einem Serum forscht, kommt Rettung von unerwarteter Seite.

„Vox“, diese Parabel auf totalitäre Regime, ist ein durchaus spannender Pageturner. Allerdings hat Dalchers Erstling auch einige Schwächen. Als da wären die Figur von Jeans Liebhaber Lorenzo, einem italienischen so wissenschaftlich versiertem wie virilem Helden, mit dessen Kind sie schwanger geht – und dessen mannhafte Hilfe die in seiner Gegenwart gar nicht mehr emanzipatorisch eingestellte Protagonistin in jeder Lebenslage braucht. Oder – Achtung: Spoiler! – die in einem James-Bond-Film besser aufgehobene Schurkerei, nach der das Weiße Haus nicht weniger plant, als das Serum, in sein Gegenteil verwandelt, als Biowaffe gegen Europa einzusetzen, und dessen Bevölkerung zu stammelnden Zombies zu machen. So lässt einen, was als Protestschrei gegen das Patriachat beginnt, am Ende manchmal auch leise aufseufzen.

Über die Autorin: Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, unter anderem wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. „Vox“ ist ihr Debütroman.

S. Fischer Verlage, Christina Dalcher: „Vox“, Roman, 400 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2018