Filmmuseum: Let’s Spend the Night Together

Juni 26, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Musikfilme aus den Jahren 1908 bis 2021

The Rolling Stones: Let’s Spend the Night Together, 1982, Hal Ashby, Bild: © Filmarchiv Austria

Lange musste das Publikum in den vergangenen zwei Jahren aufs Kino, aber noch länger auf Konzerte, Tanz- und Musikveranstaltungen verzichten, und das, obwohl es Musik auf eine einzigartige Art und Weise schafft zu bewegen, die Körper und Herzen der Menschen im selben Rhythmus schwingen zu lassen und über alle Sprachbarrieren hinweg Kulturen zu verbinden. Das Österreichische Filmmuseum widmet deshalb sein diesjähriges Sommerprogramm von 1. Juli bis 7. August der universellen Magie von Musikfilmen.

Mit Dokumentarfilmen zu Personen, Persönlichkeiten und Ikonen der Musikgeschichte wie „U2: Rattle and Hum“ (US 1988), „Let’s Spend the Night Together“ (US 1982) über die Rolling Stones, „Madonna: Truth or Dare“ (US 1991), „Jimi Hendrix“ (US 1973) oder „Metallica: Some Kind of Monster“ (US 2004) sowie Musical-Klassikern wie“Singin’ in the Rain“ (US 1952) oder „Gentlemen Prefer Blondes “ (US 1973) mit Marilyn Monroe zeigt das Österreichische Filmmuseum  Filme aus eigener Sammlung, die die Festivalsaison hochleben lassen und jedes Film- und Musikfreakherz aus dem Ruhemodus bringen werden.

Metallica: Some Kind of Monster, 2004, Joe Berlinger, Bruce Sinofsky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Madonna: Truth or Dare, 1991, Alek Keshishian. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Beatles: A Hard Day’s Night, 1964, Richard Lester. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Buena Vista Social Club, 1999, Wim Wenders, Bild: Filmarchiv Austria

Singin‘ in the Rain, 1952, Gene Kelly, Stanley Donen, Bild: Deutsche Kinemathek

Fred Astaire und Ginger Rogers: Swing Time, 1936, George Stevens. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Weitere Highlights aus dem Programm

„Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders 1999, „Chuck Berry – Hail! Hail! Rock ’n‘ Roll“ von Taylor Hackford 1987, „Die 3-Groschen-Oper“ von G. W. Pabst 1931, „The Beatles: Gimme Shelter“ von Albert und David Maysles 1970, „Meet Me In St. Louis“ von Vincente Minnelli mit Judy Garland 1944, „On connaît la chanson“ von Alain Resnais mit Jane Birkin 1997, und last, bust not least: „Rust Never Sleeps“ von und mit Neil Young 1979.

Films You Cannot See Elsewhere. Amos-Vogel-Atlas 9: Sound & Vision

Parallel zum Musikfilm-Sommerprogramm widmet sich am 21. und 22. Juli auch der Amos-Vogel-Atlas der filmischen Beschäftigung mit Musik, legt den Schwerpunkt aber auf die kurze Form. Denn gerade im Kurzfilmbereich sind in der Filmmuseum-Sammlung selten gezeigte Kleinodien mit unterschiedlichsten Arten von Musikbezug zu finden: Die Bandbreite reicht vom ultrararen ersten Dokument der Band Velvet Underground beim Proben bis zu Meisterwerken des Avantgardekinos, die ihrer Bilderstürmerei durch Verwendung von Pop oder klassischer Musik zusätzliche Dimensionen verleihen (wie Warren Sonberts „Friendly Witness“); von Animationskomödien (ob entfesselte Opernparodie bei Chuck Jones oder minimalistische Merkwürdigkeit bei Nicolas Mahler) bis zum ungewöhnlichen Musikvideo.

Der Ball, 1982, Ulrich Seidl. Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Happy End, 1982, Peter Tscherkassky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Invocation of My Demon Brohter, 1969, Kenneth Anger. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Suspiria, 1977, Dario Argento. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Dieses weitere Kapitel des Vogel-Atlasses versucht ganz im Sinne seines Namensgebers, völlig verschiedenartigen Zugänge zusammenzubringen: als konzisen Überblick der reichen kinematografischen Möglichkeiten, mit Musik umzugehen, aber auch als herausfordernde Gegenüberstellung von völlig gegensätzlichen Arbeitsmethoden. Vom politischen Einsatz und den Projektionswirkungen der Musik in den Transatlantischen Beziehungen“ des ersten Programms bis zu ihrer Verwendung als gleichwertiges Gestaltungsmittel für einen rauschhaften audiovisuellen Horror-Trip in Dario Argentos „Suspiria“ – der als abendfüllender Spielfilm nochmal eine ganz andere Perspektive bietet.

www.filmmuseum.at

26. 6. 2022

Filmmuseum: Michael Haneke – Retrospektive

Februar 28, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag des preisgekrönten Regisseurs

Michael Haneke, Bild: Stefan Haring / Wega Film

Spätestens seit seinem Oscar-Gewinn für den besten fremdsprachigen Film (Amour, 2012) ist Michael Haneke international über das österreichische Kino hinaus zu einer Personenmarke avanciert wie kein anderer seiner Zeitgenossen. Zu seinem 80. Geburtstag widmet ihm das Filmmuseum vom 4. März bis 2. Mai eine umfassende Retrospektive. Haneke begann seine Karriere im deutschsprachigen Theater und Fernsehen und debütierte erst 1989 mit „Der siebente Kontinent“ als Kinofilmregisseur.

Sein unsentimentaler Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft sowie seine präzisen, oftmals verstörenden Erzählkonstruktionen machten ihn aber schnell zu einem der meistkommentierten und umstrittensten Regisseure der Filmgeschichte. Seit seinem Leinwanddebüt findet man sich Auge in Auge mit einem Werk von kristalliner Klarheit und emotionaler Wucht, das in seiner Verbindung von handwerklicher Fertigkeit und Anspruch an die Vorstellungskraft und Empathie seines Publikums einzigartig ist.

„Die oberste Tugend der Kunst ist die Genauigkeit. Intensität entsteht durch Genauigkeit im Detail. Deshalb ist Genauigkeit sowohl eine ästhetische wie auch eine moralische Kategorie. Sie stellt eine Verpflichtung dar. Sozusagen den moralischen Imperativ der Kunst.“ Mit diesem Zitat (2010 im Gespräch mit Thomas Assheuer) bringt Michael Haneke das Ethos seiner künstlerischen Arbeit auf den Punkt: es sich (und anderen) nicht leicht zu machen, um im Medium des Films jene Genauigkeit und Schlichtheit des Ausdrucks zu erreichen, die der Wirklichkeit angemessen ist.

Der radikalen Schlichtheit seines Kinodebüts folgten mit Benny’s Video“ (1992) und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“(1994) nicht weniger unerbittliche Studien menschlichen Zusammenlebens, von Tod und (Selbst-)Zerstörung. Immer signifikant ist in Hanekes Filmen die Rolle der elektronischen Medien Fernsehen und Radio. In die häuslichen Katastrophen der kleinbürgerlichen Protagonist*innen der Filme ragt, über das Flimmern und Rauschen der Apparate, die Außenwelt als Spektakel herein – so die Videobilder nicht, wie im Meta-Psychothriller „Caché“ (2005) gleichsam gewaltsam ins Haus und ins Leben von Hanekes Figuren eindringen.

Das Schloss, 1997, Michael Haneke, Bild: Wega Film

Funny Games U.S., 2007, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

La Pianiste (Die Klavierspielerin), 2001, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Code inconnu (Code: unbekannt), 2000, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Im neuen Jahrtausend gelingt Haneke ein Sprung, nicht nur vom deutschen in den französischen Sprachraum, sondern hin zu einer Erweiterung seines thematischen und formalen Spektrums. Dem in Sachen Komplexität und Vieldeutigkeit Meilensteine setzenden „Code inconnu“ (Code: unbekannt, 2000) folgen in schnellem Takt so unterschiedliche Filme wie die gefeierte Elfriede-Jelinek-Adaption „La Pianiste“ (Die Klavierspielerin, 2001) oder die rätselhafte Katastrophen-Sci-Fi-Erzählung „Le Temps du loup“ (Wolfzeit, 2003). Haneke inszeniert Thriller wie den erwähnten Caché (2005) und die verstörende Hollywood-Neuinszenierung „Funny Games U.S.“ (2007), aber auch psychologische Dramen wie die internationalen Arthouse-Erfolge „Das weiße Band“ (2009) und den Oscar-preisgekrönten Film „Amour“ (2012), zuletzt auch die Tragikomödie „Happy End“ (2017).

Wie sich dieses ästhetische Programm bereits lang vor „Der siebente Kontinent“ formierte, zeigt Hanekes weniger bekanntes, dafür umso umfangreicheres und vor allem sehr „kinematografisches“ Schaffen für das Fernsehen. Nach dem Studium in Wien ging der 1942 geborene und in Wiener Neustadt aufgewachsene Haneke nach Deutschland und arbeitete ab 1967 als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk (SWR). 1974 entstand sein erster Fernsehfilm „… und was kommt danach?“ (After Liverpool), gefolgt von vielbeachteten TV-Filmen, unter anderem nach Vorlagen von Ingeborg Bachmann (Drei Wege zum See) und Peter Rosei (Wer war Edgar Allan?). Ein Schlüsselwerk stellt der autobiografische Zweiteiler „Lemminge“ (1979) dar.

Die erste Nachkriegsgeneration im Wiener Neustadt der ausgehenden 1950er Jahre als „lost generation“: die Schuld der Eltern, die Unfähigkeit zu kommunizieren, Gewalt als Ausbruch, und ein Unbehagen, das sich nicht aus der Aktion, sondern aus dem Alltäglichen seines Figurenensembles entfaltet. Diesen Spuren kann man im Rahmen der Retrospektive nachgehen. Dank der Zusammenarbeit mit dem ORF-Archiv ist Michael Hanekes Schaffen für das deutsche und österreichische Fernsehen beinahe komplett zu sehen, „Lemminge“ in einer neuen, von 16mm hergestellten digitalen Fassung.

Caché, 2005, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Happy End, 2017, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Amour (Liebe), 2012, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte, 2009, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Allen Filmen Hanekes gemein sind Präzision in Schauspielführung, Mise-en-scène, Schnitt und Tongestaltung. Bei aller Heterogenität treten in jedem dieser Werke Hanekes überragende Musikalität sowie sein Sinn für Form, Struktur und Symmetrie zu Tage. Weit entfernt davon, Selbstzweck, l’art pour l’art zu sein, ist Hanekes Kino ganz der Mündigkeit und Reflexionsfähigkeit seines Publikums verpflichtet. Hier kommt der eingangs erwähnte, moralische Imperativ wieder ins Spiel. Kunst ist „Verdichtung“ so Haneke, „erfordert in der Rezeption Arbeit“. Hanekes Kino stellt unangenehme Fragen, anstatt sein Publikum mit einfachen Antworten ruhig zu stellen.

Die Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums entstand in Kooperation mit dem Wiener Musikverein, wo von 24. bis 27. März im Rahmen des Programms Musikverein Perspektiven: Michael Haneke der Musikalität in Hanekes Werk in Konzerten und Diskussionen nachgegangen wird. Michael Haneke wird im Rahmen der Eröffnung seiner Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum am 4. März sowie bei der Vorführung der neuen digitalen Fassung von „Lemminge“ am 5. März persönlich anwesend sein.

Auch die Diagonale zeigt zum achtzigsten Geburtstag des vielfach preisgekrönten Regisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke zwei seiner Werke: „Funny Games“ (1997) und „Funny Games U.S.“ (2007). Letzterer ist das US-Remake des 1997 gedrehten Psychothrillers, in dem Haneke die Erstversion Szene für Szene mit unterschiedlichen Hauptdarsteller*innen nachdrehte. Beide Filme zeigen, wie das Urlaubsidyll einer dreiköpfigen Familie durch das Erscheinen zweier junger Männer mit perfiden Gewaltfantasien jäh zerstört wird.

www.filmmuseum.at

28. 2. 2022

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Filmmuseum: Endlich wieder Kino!

Juni 13, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab 2. Juli: Die Highlights der hauseigenen Sammlung

Gentlemen Prefer Blondes, 1953, Howard Hawks. Bild: BFI

Fürs Sommerkino ab 2. Juli schöpft das Österreichische Filmmuseum zur Gänze aus dem hauseigenen Archiv und stellt 28 Filmprogramme zusammen, die jeweils von Donnerstag bis Sonntag im neu klimatisierten Kinosaal zu sehen sein werden: von Howard Hawks bis Martin Scorsese, von Barbara Loden bis Claire Denis, von Vittorio De Sica bis Djibril Diop Mambéty, von Suzuki Seijun bis James Benning. Neben Klassikern des Spiel- und Dokumentarfilms würdigt man auch den unlängst

verstorbenen Avantgardefilmer Bruce Baillie mit zwei Hauptwerken dieses Underground-Poeten, in einem Animationsfilmprogramm der Looney-Tunes-Serie zeigt das Filmmuseum Miniatur-Triumphzüge von Chuck Jones und Tex Avery. Mit diesem Programm will das Filmmuseum auf die Vielfalt an Ausdrucksformen und Gattungen hinweisen, die die Filmsammlung abbildet. Und man will unterstreichen, dass Kino viel mehr ist als die Großprojektion eines Films in seinem Originalformat:

Kino ist ein sozialer Ort, an dem kollektive Neugier und gemeinschaftliches Erleben zusammentreffen. Filmmuseen tragen – wie andere nicht-kommerzielle, am Gemeinwohl ausgerichtete und öffentlich geförderte Einrichtungen – dazu bei, in einer zunehmend von Privatisierung und Kommerzialisierung geprägten Welt die Idee eines “öffentlichen Raums” als reale Erfahrung aufrecht zu erhalten.

www.filmmuseum.at

13. 6. 2020

Belle de jour, 1967, Luis Buñuel. Bild: Österreichisches Filmmuseum

High Noon, 1952, Fred Zinnemann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

L’Enfant sauvage, 1970, François Truffaut. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Professione: reporter, 1975, Michelangelo Antonioni. Bild: Österreichisches Filmmuseum

 

Filmmuseum: Las Tres Bes: Bardem, Berlanga, Buñuel

Februar 22, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Kino gegen die Franco-Diktatur

Un chien andalou, 1929, Luis Buñuel, Salvador Dalí. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Der spanische Regisseur Luis Buñuel ist einer der großen Klassiker des Kinos und ein fixer Bezugspunkt für das Österreichische Filmmuseum, das sein größtenteils im Exil entstandenes Werk immer wieder gezeigt hat. Wenn nun ab 27. Februar eine Auswahl seiner Filme aus der Sammlung wiederaufgeführt wird, ist es erstmals, um auch einen Kontext zu schaffen: Nämlich für die Filme zweier anderer spanischer Meisterregisseure, die in der Nachkriegszeit zu Weltruhm aufstiegen, inzwischen aber

ihrer großen Wiederentdeckung harren. Im Zentrum des Programms stehen nämlich eigentlich Juan Antonio Bardem und Luis García Berlanga, die in ihrer Heimat gemeinsam mit Buñuel schlicht als „las Tres Bes“, „die drei Bs“, des nationalen Kinos gelten. Dabei ist es ein stimmiger Ansatz, die Werke von Bardem und Berlanga zu kombinieren: Ihre Werke werden in Filmgeschichte und -kritik zwar oft miteinander verglichen, aber dennoch bot kaum je eine gemeinsame Retrospektive die Möglichkeit, ihre miteinander verflochtene Entwicklung zu würdigen, die sie zu unterschiedlichen Entwürfen geführt hat: zu engagierter Solidarität, „kritischem Zeugnis“ und akribischem Ästhetizismus bei Bardem; zu satirischen Röntgenaufnahmen der Gesellschaft und der fatalen Vernichtung des freien Willens und zum grotesken Humor bei Berlanga.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und seit dem Exil von Buñuel sind Bardem und Berlanga die zwei herausragenden Regisseure, die sich mit ihren Filmen dem offiziellen Kino der Franco-Diktatur dissident entgegenstellen. Den Beginn von Berlangas und Bardems Werdegang markiert die Zusammenarbeit an der neorealistischen cinephilen Komödie „Esa pareja feliz“ (Dieses glückliche Paar, 1951/53). Mitte der 1950er bilden die beiden Filmemacher das Zentrum der filmischen Erneuerung Spaniens. In „Bienvenido Mister Marshall“ (Willkommen, Mr. Marshall, 1952) parodiert Berlanga den Ausschluss Spaniens von der US-Nachkriegshilfe, während Bardem mit drei Werken besticht: „Cómicos“ (Schauspieler, 1954) über eine unerschütterliche theatrale Leidenschaft, „Muerte de un ciclista“ (Tod eines Radfahrers, 1955), der zu einem Manifest des realistischen Films wurde, und „Calle Mayor“ (Hauptstraße, 1956), über die bittere Enttäuschung einer verträumten Frau aus der Provinz.

Als die beiden Filmemacher – durchaus nicht ohne Schwierigkeiten – ihre kreative Blüte erreichen, geraten sie im Lauf des folgenden Jahrzehnts in ernsthafte Konflikte mit der Regierung, nachdem ihre Filme auf internationalen Festivals gezeigt werden und diverse Hauptpreise gewinnen. „El Verdugo“ (Der Henker, 1963) ist ein Plädoyer gegen die Todesstrafe in Berlangas unverwechselbarem Stil und Buñuels „Viridiana“ (1961), dessen Produktion Bardem unterstützt, wird gleich darauf verboten. Solche Anfeindungen, die Etablierung neuer Kinostrukturen, kommerzielle Turbulenzen und der Verlust der Sympathie der Filmkritik für Bardem führen dazu, dass Berlangas und Bardems Karrieren bis zum Tod Francos 1975 von Phasen der Untätigkeit gekennzeichnet sind. Dazu kommen Verzögerungen, Projektverbote, Arbeitsexil und Auftragsarbeiten, die sich weit von den eigentlichen Intentionen der Regisseure entfernen.

L’Âge d’or (Das goldene Zeitalter), 1930, Luis Buñuel. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Belle de jour (Schöne des Tages), 1967, Luis Buñuel. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Novio a la vista (Ein Freund taucht auf), 1953, Luis García Berlanga, Bild: Filmoteca Española

Bienvenido Mister Marshall, 1952, Luis García Berlanga. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Siete días de enero (Sieben Tage im Jänner), 1979, Juan Antonio Bardem, Bild: Filmoteca Española

Die Mahnung, 1982, Juan Antonio Bardem © DEFA Stiftung/Parsech Schubaraljan. Bild: Österr. Filmmuseum

Erst der Übergang zur Demokratie und die neuen Freiheiten veranlassen die beiden dazu, sich neu zu erfinden. Bardem, ein prominentes Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens und stets ihren strategischen Parolen treu, verabschiedet sich von Symbolismen und Anspielungen zugunsten direkterer filmischer Formen. Er dreht das gewerkschaftsnahe Road Movie „El puente“ (Die Brücke, 1976) und rekonstruiert in „Siete días de enero“ (Sieben Tage im Jänner, 1978) das tragische Attentat auf Arbeitsrechtler im Jahr 1977. In „Die Mahnung“ (1982) erinnert er an den bulgarischen Politiker Grigori Dimitroff , der in den 1930ern bei einem Schauprozess der Nationalsozialisten die kommunistische Beteiligung am Reichstagsbrand widerlegt und die Bildung von Volksfronten vorangetrieben hatte.

Berlanga hingegen richtet in dieser Phase den vielstimmigen Sarkasmus der treibenden Kräfte der Gesellschaft und der unterprivilegierten Klassen – die bereits in „Los jueves, milagro“ (Donnerstags, Wunder, 1957) und vor allem in „Plácido“ (1961) eine Rolle spielen – auf die dekadenten Eliten und die neuen Machtstrukturen, etwa in „La escopeta nacional“ (Das nationale Gewehr, 1978). Er greift auch frühere gescheiterte Projekte wieder auf, wie zum Beispiel eine Szene aus „Bienvenido Mister Marshall“, die damals nicht gedreht werden durfte: 50 Jahre später macht Berlanga daraus den Kurzfilm „El sueño de la maestra“ (Der Traum der Lehrerin, 2002).

Langfilme werden teilweise mit kurzen Werken kombiniert, die mit ihnen in Dialog treten. „De Kuleshov a Berlanga“ (Von Kuleshov zu Berlanga, 2004) von Guillermo García-Ramos schildert einen Streit der Filmemacher während der Dreharbeiten zu „Esa pareja feliz“; der Künstler Pierre Molinier, Schöpfer von „Mes jambes“ (Meine Beine, 1965), hat Berlangas „Tamaño natural“ (Lebensgroß, 1973) durch seine Fotomontagen und Transvestiten-Selbstporträts beeinflusst, in denen er mit weiblichen Schaufensterpuppen androgyn verschmilzt. Die Gegeninformations-Dokumentationen „Amnistía y libertad“ (Amnestie und Freiheit, 1976) und „Hasta siempre en la libertad“ (Für immer in Freiheit, 1977), vom Madrider Filmkollektiv in den letzten Etappen der Diktatur heimlich gefilmt und projiziert, erweitern die Vorführungen von „El puente“ und „Siete días de enero“, die als verwandte Fiktionen des Genossen Bardem gezeigt wurden.

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22. 2. 2020