fragments ’16: Filmfestival der Menschenrechte in Graz

April 12, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem Programm

George Kurian: The Crossing. Bild: fragments

George Kurian: The Crossing. Bild: fragments

Ab 21. April läuft in Graz, seit 2001 erste europäische Stadt der Menschenrechte, das Filmfestival „fragments“. Neben Filmen zu allgemeinen Themen der Menschenrechte wird der Fokus auf dem Thema Flucht & Krise liegen. Nationale und internationale Filmschaffende werden Gäste des Festivals sein, ebenso wie Betroffene und Experten zum Schwerpunktthema. Eröffnungsfilm ist der diesjährige Berlinale-Gewinner „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi. Die Lampedusa-Doku hat in Graz Österreich-Premiere. Zu sehen sind außerdem „Mama illegal“ von Ed Moschitz, „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764) und „Last Shelter“ von Gerald Igor Hauzenberger (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16248).

Die Empfehlungen:

Breaking the Torture Machine von Omar Mesri und Sihem Bensedrine aus Tunesien ist ein Kurzfilm, der stellvertretend für ein Stück tunesische Zeitgeschichte steht. Die Bedingungen, unter denen er entstand, sind bemerkenswert: Denn 2008, noch bevor der Arabische Frühling in Tunesien alles von Grund auf veränderte, waren Filme wie diese lebensgefährlich. Der Film dokumentiert, wie das System der Folter zu jener Zeit in Tunesien angewandt wurde. Sihem Bensedrine spricht im Anschluss an die Vorführung über den Film, den gegenwärtigen Zustand ihres Heimatlandes, ihre Zeit im Exil, ihre Arbeit als Friedensaktivistin und Journalistin
und was vom Arabischen Frühling in Tunesien geblieben ist.

Maidan ist Sergei Loznitsas Detailbeobachtung des Kiewer Protestverlaufs im Winter 2013/14. Nüchtern montiert der ukrainische Regisseur Sequenzen friedlicher Kundgebungen wie blutiger Straßenschlachten zu einem großen Ganzen und bleibt dabei konsequent am zentralen Schauplatz des Geschehens, dem Kiewer Maidan. Er erschafft derart ein eindringliches Zeitdokument und erstaunliches cineastisches Gemälde, das klassisches Filmemachen und dokumentarische Dringlichkeit miteinander verbindet.

Erol Mintaş: Song of my Mother. Bild: fragments

Erol Mintaş: Song of my Mother. Bild: fragments

Song of my Mother ist ein Spielfilm des türkischen Filmemachers Erol Mintaş: Schon einmal mussten Ali und seine Mutter Nigar ihr Hab und Gut zusammenpacken, damals in den 1990er-Jahren bevor sie als kurdische Flüchtlinge nach Istanbul kamen. Nun sind sie erneut gezwungen ihr Zuhause zu verlassen, um in eine seelenlose Betonwüste zu ziehen. Nigar verwindet den Schmerz nicht und packt jeden Morgen ihre Sachen, um ihr altes Dorf zu suchen. Während Ali immer noch versucht alles zu tun, um seine Mutter glücklich zu machen, erfährt er, dass er selbst bald Vater wird. Ein hin- und mitreißende Familiengeschichte mit Feyyaz Duman, Zubeyde Ronahi und Nesrin Cavadzade, unabwendbar politisch.

The Crossing ist ein Projekt des türkischen Regisseurs George Kurian mit Flüchtlingen aus Syrien. Ihre Weg führte sie von Ägypten über Libyen mit dem Boot nach Lampedusa. Mit dabei: eine Kamera, mit der sie die gefährliche Überfahrt auf dem Boot dokumentieren. Die ersten Schritte in ein neues Leben in Europa sind schwierig. Nach Monaten der Ungewissheit ist die Gruppe aufgeteilt auf vier Länder. Erst jetzt wird ihnen bewusst, was es bedeutet ein „Flüchtling“ zu sein. Gemeinsam mit Kurian entsteht aus dem Filmmaterial ein Dokument ihrer Flucht nach Europa, über ihre Hoffnungen, die der Realität in Europa nicht Stand halten können, und die Sehnsucht nach der Heimat.

Radu Mihaileanu: Zug des Lebens. Bild: fragments

Radu Mihaileanu: Zug des Lebens. Bild: fragments

Zug des Lebens von Radu Mihaileanu spielt 1941, irgendwo in Osteuropa. Um den Nazis zuvorzukommen, beschließen die Bewohner eines kleinen jüdischen Schtetls sich auf einen Deportationskonvoi zu begeben – aber auf einen, den sie selbst manövrieren. Über Russland wollen sie nach Palästina, ins Gelobte Land rollen. Ein maroder Güterzug wird angeschafft, SS-Uniformen werden geschneidert und akzentfreies Deutsch gelernt. Der Film mit Lionel Abelanski, Rufus und Bruno Abraham-Kremer ist eine famose Anti-Nazi-Groteske, die dem jiddischen Humor ein Denkmal setzt.

www.fragments.at

Wien, 12. 4. 2016

Crossing Europe: Filmfestival in Linz

April 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von lieben Nachbarn, Rechten und linken AKW-Gegner

Das Wetter in geschlossenen Räumen. Bild: Crossing Europe

Maria Furtwängler als frustrierte Fundraiserin: „Das Wetter in geschlossenen Räumen“. Bild: Crossing Europe

Vielgestaltig wie der Filmkontinent Europa so präsentiert sich auch das diesjährige Programm von Crossing Europe, dem Filmfestival in Linz. Ab 20. April stehen dem Publikum 162 Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme zur Auswahl, darunter etliche Uraufführungen und international ausgezeichnete Filme, die erstmals in Österreich präsentiert werden und, abgesehen von einer Handvoll Titel, trotz Festivalerfolgs keinen Platz im regulären Kinobetrieb finden werden. Die handverlesenen Produktionen klopfen sozusagen filmisch den Ist-Zustand Europas ab und verhandeln diesen auf unterschiedliche Weise.

Zu sehen sind unter anderem neue Arbeiten von in Linz nicht ganz unbekannten Namen wie Isabelle Stever, die mit ihrem beim Züricher Filmfestival uraufgeführten Spielfilm „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ das Wirken der Hilfs- und Non-Profit-Organisationen an Kriegsschauplätzen in den Mittelpunkt stellt, mit einer famos aufspielenden Maria Furtwängler als desillusionierte UNHCR-Fundraiserin. Ein weiterer Fixstarter aus Deutschland ist Jan Krüger mit der Weltpremiere seines aktuellen Films, der Dreiecksgeschichte „Die Geschwister“. Lionel Baier aus der Schweiz ist mit dem mit Carmen Maura starbesetzten preisgekrönten Spielfilm „La Vanité“ das Kunststück einer Tragikomödie über das Thema Sterbehilfe und -begleitung geglückt. Ben Hopkins hat dieses Jahr gleich zwei Filme im Gepäck. In „Welcome to Karastan“  schickt er einen oscargekrönten Regisseur in der Schaffenskrise zu einem Filmfestival in eine fiktive Kaukasusrepublik.
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Betörend schöne Bilder schuf Eva Neymann in ihrem aktuellen Werk „Pesn Pesney.“Als Schauplatz für eine unglückliche Liebe zwischen Nachbarskindern dient ein jüdisches Schtetl in der Ukraine zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch im letzten Film des 2015 verstorbenen polnischen Regisseurs Marcin Wrona, „Demon“, spielt jüdische Tradition eine Rolle – ein Dibbuk, ein Totengeist nach jüdischem Volksglauben, taucht als ungebetener Gast bei einer Hochzeitsgesellschaft auf. Dystopie als künstlerischer Gegenentwurf beziehungsweise Antwort auf die derzeitige Verfasstheit einer verunsicherten Gesellschaft – in den sieben Episoden von „Pod Elektricheskimi Oblakami“  verdichtet Alexey German Jr. auf surreale Weise den Seelenzustand seines Landes. Auch Lucile Hadžihalilović entführt in ihrer aktuellen Arbeit „Evolution“ das Publikum in eine andere, zeitenthobene Dimension, nämlich in eine mysteriöse, nur von Frauen und Buben bevölkerte Inselkolonie.
Krigen. Bild: Crossing Europe

Oscar-Kandidat aus Dänemark: „Krigen“ erzählt vom Afghanistan-Einsatz europäischer Truppen. Bild: Crossing Europe

Es finden sich noch zwei weitere „exzentrische“ Produktionen im Line-Up, die zudem beide mit einem prominenten Cast aufwarten: Es mag absurd klingen, aber Theaterstar Rufus Norris ist es mit „London Road“ tatsächlich gelungen, einen auf wahren Begebenheiten beruhenden Kriminalfall rund um den sogenannten Ipswich-Strangler mit Olivia Colman und Tom Hardy erfolgreich als Filmmusical zu realisieren.

Als unbequemes Porträt kreist „The Childhood of a Leader“ um das potentielle Heranwachsen eines faschistoiden Führers im 20. Jahrhundert – Regisseur Brady Corbet hat für sein mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt unter anderem Bérénice Bejo und Robert Pattinson verpflichtet. Spannend auch „Krigen“, der Oscar-Kandidat aus Dänemark, in dem die militärische Beteiligung europäischer Truppen in Afghanistan kritisch hinterfragt wird. „Tempête“ führt hinaus aufs Meer in die Welt der Hochseefischerei, wo Dom arbeitet. Als seine Tochter im Teenageralter schwanger wird, stehen schwerwiegende Entscheidungen an – ein mitreißendes authentisches Reenactment für das der Fischer Dominique Leborne in Venedig als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.

Cambridge. Bild: Crossing Europe

In der bulgarischen Kleinstadt „Cambridge“ hoffen Roma-Kinder auf eine bessere Zukunft. Bild: Crossing Europe

Dokumentarfilme beleuchten europäische Arbeitswelten und -realitäten in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrisen, sie werfen einen Blick auf die Zukunftsperspektiven junger Menschen in Europa. Einer der Filme ist „Drifter“, hier setzt der 18-jährige Ricsi alles daran seinen Traum Rallye-Fahrer zu werden zu verwirklichen und dafür lässt er auch die Mechanikerausbildung sausen.

Ein Jahr lang beobachtete „Staatsdiener“ die Ausbildung von angehenden Polizisten in Sachsen-Anhalt und folgt ihnen bei den ersten realen Einsätzen, die es ins sich haben. „Cambridge“ führt in eine bulgarische Kleinstadt, wo  Roma-Kinder davon träumen, mit einer ordentlichen Ausbildung die immer noch vorherrschenden Vorurteile hinter sich zu lassen. Anders die Jugendlichen in „Après l’hiver“, denen es schwer fällt sich schon mit 16 für einen Beruf zu entscheiden. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist groß und positive Zukunftsperspektiven sind rar. Der polnische Kurzfilm „Ślimaki„porträtiert zwei ehrgeizige Jungunternehmer, die mit ihrer Schneckenzucht reich zu werden versuchen.

Vier ausgewählte Arbeiten bieten Einblick in unterschiedlichste europäische Kleinkommunen. Mika Taanila, der nicht nur als Regisseur von klassischen Dokumentarfilmen bekannt ist, sondern auch aus dem Avantgarde- und Visual Arts-Bereich, und Jussi Eerola verfolgen in ihrer dokumentarischen Langzeitstudie „Atomin Paluu“ das Leben einer finnischen Dorfgemeinde, die mit dem stetig wachsenden Bau des ersten Atomkraftwerks im westlichen Europa seit Tschernobyl konfrontiert ist. Der Dokumentarfilm „The Érpatak Model“ des israelisch-niederländischen Filmemachers Benny Brunner führt in ein Dorf im äußersten Nordosten Ungarns, dessen Bürgermeister sich als bekennender Rechtsextremist ein bedenkliches Regelwerk zur Disziplinierung der Gemeinschaft zurechtgelegt hat. Ein bayrisches Dorfleben zeichnet die deutsche Regisseurin Bettina Büttner in ihrem Dokumentarfilm „Die fremde Frau – Winterreise nach Flossenbürg“ nach, während ein ausschließlich von Asylwerbern bewohntes Hochhaus am Rande einer italienischen Kleinstadt den Schauplatz des experimentellen Spielfilms „Homeward Bound – Sulla Strada di Casa“ darstellt, der bei Crossing Europe seine Weltpremiere hat.

Mallory. Bild: Crossing Europe

„Mallory“ geht ihren Weg von der Drogensucht in ein normales Leben. Bild: Crossing Europe

Das Tribute 2016 ist der renommierten, mehrfach ausgezeichneten und ungemein produktiven tschechischen Dokumentarfilmregisseurin Helena Třeštíková gewidmet, deren Langzeitbeobachtungen von Lebensgeschichten und -schicksalen stark der Tradition des Cinéma vérité verpflichtet sind. Zwei ihrer aktuellen Filme haben in Linz Österreichpremiere.

Für „Mallory“ begleitete Třeštíková mehr als zehn Jahre die titelgebende Protagonistin und ihren harten Kampf für ein menschenwürdiges Dasein. Allen Widrigkeiten zum Trotz schafft sie es, Drogensucht, Obdachlosigkeit und zahlreiche Schikanen der Bürokratie zu überwinden und letztendlich als Sozialarbeiterin Fuß zu fassen. Außerdem ist die Langfassung eines Interviews mit der tschechischen Schauspielerin und Joseph-Goebbels-Geliebten Lída Baarová zu sehen. Darüber läuft ab 15. April auch ein Spielfilm in den heimischen Kinos, mit Karl Markovics in der Rolle des Reichspropagandaministers (Interview zu „Die Geliebte des Teufels“: www.mottingers-meinung.at/?p=18551).

www.crossingeurope.at

Wien, 11. 4. 2016

Filmfestival der Menschenrechte: this human world

November 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem umfangreichen Programm

How To Cross from Jiliz to Jiliz Bild: © Sona & Marina Kocharyan

How To Cross from Jiliz to Jiliz
Bild: © Sona & Marina Kocharyanrogramm

Von 3. bis 11. Dezember findet in Wien wieder das Internationale Filmfestival der Menschenrechte „this human world“ statt. Es präsentiert an neun Festivaltagen und in fünf Spielstätten ein Kino, das nahe an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, aktuelle Konflikte verhandelt, politisch und sozial Stellung bezieht. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern einfühlsam, aufrüttelnd und bisweilen auch humorvoll.
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Gezeigt werden mehr als 70 Spiel- und Dokumentarfilme, dazu gibt es Publikumsdiskussionen, Konzerte und eine Nightline. „this human world“ öffnet mit Filmen von Südeuropa – bestürzend etwa die Doku „River Memories“ über Italiens größtes Elendsviertel bei Turin – bis Skandinavien den Blick für die Armut vor der eigenen Haustüre, auf ein Europa, in dem Menschen durch Arbeitslosigkeit, Wohnungskrise oder bankrotte Sozialsysteme zunehmend verarmen. Mit Projekten wie „Those Who Feel the Fire Burning“ werden die Umstände erklärt, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen, Schattenökonomien und Grenzpolitiken, die lebensgefährlichen Wege der Fliehenden und ihr beschwerliches Fußfassen in der Fremde, die sich allzu oft als neue Heimat verweigert. Es gibt Kino aus Lateinamerika, Georgien und Armenien, und wie schon im Vorjahr den Off-Porno-Programmschwerpunkt „Every Time We Fuck We Win 2!“
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Die Programmtipps:

4. Dezember, Top Kino: How To Cross from Jiliz to Jiliz (Armenien, 2014); es gibt ein Dorf, das heißt Jiliz. Durch Jiliz fließt ein Bach, aber dieser Bach ist nicht nur ein Bach, er ist auch die Grenze zwischen Armenien und Georgien. Die kleine Lousine und ihr Bruder leben an einem Ufer, ihre Großeltern am anderen. Um zu ihnen zu gelangen, müssen sie mehr als 100 Kilometer zum nächsten Grenzübergang fahren und dann auf der anderen Seite wieder zurück. Der Bub hat seine Großeltern noch nie gesehen. Auch Lousine kennt sie kaum. Deshalb beschließt das Mädchen, sich auf den Weg zu machen. Ein Film von Sona und Marine Kocharyan über die Absurdität von Grenzen und darüber, welche Auswirkungen diese auf das Leben von Menschen haben können. Trailer: www.youtube.com/watch?v=XYFJFPheyEA

7. Dezember, Top Kino: Hope (Frankreich, 2014); der Weg vom Golf von Guinea durch die Sahara bis zum Tor Europas an der marokkanischen Küste ist weit und gefährlich. Als die junge Nigerianerin Hope nachts in der Wüste zurückgelassen werden soll, hilft ihr Léonard aus Kamerun. In einer Welt, in der brutale Willkür und der tägliche Kampf ums Überleben herrschen, entwickelt sich aus der Zwangsgemeinschaft der beiden eine fragile Liebesbeziehung, die dem feindseligen und erbarmungslosen Leben auf der Flucht entgegenhält. Das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmregisseurs Boris Lojkine bietet ein beeindruckend realitätsnahes Bild einzelner menschlicher Schicksale an den Grenzen der „Festung Europa“. Lojkine lernte sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller von „Hope“ auf deren eigener Flucht kennen. Im Anschluss an die Vorstellung gibt es ein Gespräch mit Autor Emmanuel Mbolela über dessen Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Fycw0Q0ahlo

7. Dezember, Top Kino: Tell Spring Not To Come This Year (Großbritannien/Afghanistan, 2015); der Alltag der neu formierten Einheit der Afghanischen Armee (ANA) ist gefährlich, hart und beschwerlich. Die Soldaten sind schlecht ausgerüstet, kassieren unregelmäßig Sold und sind desillusioniert. Der Dokumentarfilm „Tell Spring Not To Come This Year“ von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy folgt den afghanischen Soldaten abseits und während ihrer Einsätze. Er zeigt sie auf dem Schlachtfeld und in ihrer Unterkunft. Kommentare aus dem Off konterkarieren das Gesehene und geben Aufschluss über persönliche Motive, Hoffnungen und Ängste der Männer. Dem Film gelingt es, einen schonungslosen Blick auf den Krieg aus der Perspektive von Afghanen zu werfen und die Wirren des bewaffneten Konflikts zu illustrieren. Trailer: vimeo.com/115809611

8. Dezember, Top Kino: In the Sands of Babylon / That Remal Babyl  (Irak, 2013); 1991: Das Ende des Zweiten Golfkrieges. Ibrahim, ein irakischer Soldat, ist nach dem Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait zur Flucht gezwungen. Auf dem Weg in die Heimat gerät er in die Hände der Soldaten Saddam Husseins. Des Verrats bezichtigt, wird er inhaftiert. Trotz seiner Unschuld beginnt für ihn wie auch für seine Mithäftlinge ein Gefängnisalltag, der von Folter geprägt ist. 2013: Auf der Suche nach Antworten spricht Regisseur Mohamed  Al-Daradji mit Überlebenden des nahezu vergessenen Aufstandes gegen das Baath-Regime. Durch die Verbindung von nachinszenierten Spielfilmsequenzen und Interviews gelingt es ihm, im Nachfolgewerk seines Films „Son of Babylon“, der 2010 bei „this human world“ gezeigt wurde, ein eindrückliches Bild von den Folter- und Repressionsmethoden, mit denen gegen Regimegegner im Irak in den 1990ern vorgegangen wurde, zu zeichnen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Tn6gkX0kJ8s

10. Dezember, Schikaneder: Das andere bessere Leben / Drugi Bolji Zivot (Österreich, 2015) von Saša Barbul und Philomena Grassl porträtiert den täglichen Überlebenskampf einer serbischen Roma-Familie. Die Protagonisten erzählen von ihrem Alltag, der korrupten Minderheitenpolitik und dem geplatzten Traum vom Asyl in Deutschland. Idylle und Elend, Stolz und Apathie liegen nah beieinander. Die scheinbare Zeitlosigkeit des Ortes wird durch das bedrohliche Szenario der Vertreibung und Entwurzelung durchbrochen.

www.thishumanworld.com

Wien, 30. 11. 2015

Architektur.Film.Sommer 2015

August 11, 2015 in Film, Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Feines Festival im MQ

Göttliche Lage. Eine Stadt erfindet sich neu Bild: © Ulrike Franke, Michael Loeken

Göttliche Lage. Eine Stadt erfindet sich neu
Bild: © Ulrike Franke, Michael Loeken

Von 12. bis 22. August findet im Hof des Architekturzentrums im Wiener Museumsquartier das dritte Architekturfilmfestival statt. Die diesjährige Filmschau steht unter dem Motto „Obdach, Wohnen und die Entstehung von Stadt“ und präsentiert eine hochkarätige Auswahl an Kurz-, Essay- und Dokumentarfilmen. Das Programm spannt einen Bogen von der Stadt aus der Retorte über die Bedeutung bestehender Communities und deren Beeinflussung durch große Planungsobjekte bis hin zur Aneignung von Lebensraum und den Spuren der Zeit, die sich in unsere Wohnräume einschreiben. Was bedeutet es, zu wohnen und Urbanität gemeinsam zu gestalten? Welche Herausforderungen hält eine Top-Down Planung für die Bewohner einer Stadt bereit? Unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt sind die Besucher eingeladen mit den anwesenden Filmemachern zu diskutieren. Bei Schlechtwetter finden die Screenings im Az W-Podium statt.

Filmtipps: Aus Dortmund haben Ulrike Franke und Michael Loeken „Göttliche Lage. Eine Stadt erfindet sich neu“ mitgebracht. Auf einem ehemaligen Stahlwerksgelände wird über viele Jahre ein neuer Stadtteil gebaut. Den Mittelpunkt bildet ein künstlicher See, an dessen Ufern luxuriöse Wohnbebauung errichtet wird. Die Menschen, die um das ehemalige Stahlwerksgelände herum wohnen und dort arbeiteten, können sich das Wohnen am See aber nicht leisten. Da sind Konflikte vorprogrammiert … Sándor Guba zeigt in seiner Zeitrafferdokumentation „seestadt aspern“ wie die Wohnzukunft in Wien ausschaut. Nina Gschlößl, Laura Engelhardt und Gusztáv Hámos  beschäftigen sich mit „Die Ware Wohnen“. Claus Drexel hat in „Au bord du mond“ das Leben der Obdachlosen festgehalten, von Menschen am Rande einer Welt, einer Gesellschaft, die sie nicht mehr schützt. In wunderschönen, poetischen Bildern beschreibt Drexel, wie sie sich auf Gehsteigen, unter Brücken und in U-Bahn-Gängen Unterkünfte einrichten – ständig davon bedroht, fortgejagt zu werden –, ohne dabei die Not der Protagonisten zu romantisieren. Ein preisgekrönter Film über das Leben auf der Straße.

Programm: www.azw.at

Wien, 11. 8. 2015

Crossing Europe Filmfestival 2014

April 22, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Valeria Bruni Tedeschi bis Kurt Palm

Long Distance Bild: Lastor Media/Crossing Europe

Long Distance
Bild: Lastor Media/Crossing Europe

Das Crossing Europe Filmfestival Linz eröffnet am 25. April im Ursulinensaal im OÖ Kulturquartier und in den angestammten Festivalkinos Moviemento und City-Kino mit gleich vier hochkarätigen Österreichpremieren und zwei Weltpremieren: mit dem visuell atemberaubenden, düsteren SciFi-Realfilm Under The Skin von Jonathan Glazer (in der Hauptrolle Scarlett Johansson), der charmanten Tragikomödie Un Château En Italie / Ein Schloss in Italien der Regisseurin/Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi, dem aufwühlenden Dokumentarfilm L’Escale / Stop-Over des iranischstämmigen Schweizer Regisseurs Kaveh Bakhtiari sowie mit zwei Weltpremieren aus der Local Artists-Sektion – mit dem Dokumentarfilm überdas in China nachgebaute Hallstatt, Double Happiness, der zweifachen Local Artist Award-Preisträgerin Ella Raidel und Dieter Strauchs Texta In & Out, ein Filmporträt der legendären Linzer Hip Hop-Formation Texta. Opener der Nachtsicht Schiene ist die spanische Horrorkomödie Las Brujas De/ Witching And Bitching vom mehrfachen Goya-Preisträger Álex de la Iglesia. Musikalischer Höhepunkt des Abends und gleichzeitig Start des Musik-Schwerpunkts Focus On: Music bei Crossing Europe 2014 ist die Live-Performance von Tirzah & Micachu bei der Nightline – Mica Levi, eine Hälfte des Duos, zeichnet zudem verantwortlich für die ungemein atmosphärische Filmmusik des Eröffnungsfilms Under The Skin.

Programmhighlights aus verschiedenen Sektionen sind unter anderem China Reverse (AT 2014; R: Judith Benedikt), Global Shopping Village (AT, HR 2014; R: Ulli Gladik), Private Revolutions (AT 2014; R: Alexandra Schneider), 100% Dakar – More Than Art (AT 2014; R: Sandra Krampelhuber) und als Abschlussfilm des Festivals Kafka, Kiffer und Chaoten (AT 2014; R: Kurt Palm). An sechs Festivaltagen präsentiert Festivalleiterin Christine Dollhofer von 25. bis 30. April insgesamt 184 handverlesene europäische Spiel-, Dokumentar-, und Kurzfilme aus 37 Ländern – großteils als Österreichpremieren oder Weltpremieren. Das diesjährige Festivalprogramm versammelt die filmischen Hightlights der vergangenen Festivalsaison, die Mehrzahl der Filme in den Programmsektionen Wettbewerb Europäisches Kino, European Panorama Fiction & Documentary und dem Tribute feierten ihre Uraufführungen auf den großen Festivals in Cannes, Locarno, Venedig San Sebastían oder Berlin, viele davon wurden bereits mit Preisen ausgezeichnet. Etwa Arbeitswelten (in Kooperation mit AK OÖ/Kultur). Zum elften Mal beleuchtet diese Sektion europäische Arbeitswelten und -realitäten in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrisen. Gewohnt kritisch und aktuell fiel die Filmauswahl aus, Kuratorin Lina Dinkla (Dok Leipzig) entschied sich für fünf Dokumentarfilme – darunter vier lange und eine kurze Arbeit – aus dem Spannungsfeld Migration und Arbeit. Ein brisantes Thema, das populistisch ge- und missbraucht wird, Inhalt unzähliger Parlamentsdebatten ist und viele Menschen dazu zwingt, die eigene Heimat zu verlassen in der Hoffnung an einem neuen Ort Geld zu verdienen.

Schon zum fünften Mal präsentiert die von Lotte Schreiber kuratierte Programmschiene „Architektur und Gesellschaft“, die heuer, unter dem Titel Shaping The World Raumproduktion im Spiegel der Gesellschaft, vier bemerkenswerte Dokumentarfilme und einen Kurzfilm versammelt. Diese Arbeiten thematisieren die unterschiedliche Ansätze gegenwärtiger Raumproduktion und werfen dabei einen fokussierten Blick auf aktuelle Planungsstrategien und –visionen. In der Kategorie Local Artists sind 68 ausgewählte Film- und Videoproduktionen (darunter zahlreiche Uraufführungen) aus Oberösterreich zu sehen. 16 Musikvideos aus Oberösterreich laufen im Bewerb um die beiden begehrten Festivalpreise Creative Region Music Video Award. Fünf Local Artists-Langfilme haben ihre Weltpremiere im Rahmen von Crossing Europe.

Der Abschlussfilm Kafka, Kiffer und ist der neueste Coup des oberösterreichischen „Universalkünstlers“ Kurt Palm. Das kaleidoskopbunte Roadmovie entstand nach Motiven der Erzählung „Franz Kafka verfilmt seinen Landarzt“ des deutschen Autors und Satirikers Eckhard Henscheid. Fünf völlig unterschiedliche Studenten teilen sich die Liebe zu Gras und Alkohol, eine reichlich versiffte Wohnung und die Verehrung für Franz Kafka, was zum einem absurden Filmprojekt auf Sizilien führt. Gastauftritte von Margarethe Tiesel, Franz Schuh, Karl Ferdinand Kratzl, Hermes Phettberg und vielen mehr sowie Musiknummern von bis Chrono Popp bis Texta „adeln“ diese schräge Komödie. Die Weltpremiere findet am 30. April statt.

www.crossingEurope.at

Wien, 22. 4. 2014