Globales Online-Filmfestival „We Are One“ startet im Mai

April 28, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Sarajevo bis Sundance, von Tokio bis Tribeca

Bild: courtesy of the Tribeca Film Festival

South by Southwest abgesagt, Tribeca abgesagt, und Cannes, Locarno, Toronto, Venedig auf der Kippe. Der #Corona-Lockdown hat auch die großen Filmfestivals dieser Welt ausgeknockt, doch statt die Red Carpets für 2020 endgültig einzurollen, haben sich die Festivalmacher an den Runden Tisch gesetzt – mit dem Ergebnis, dass nun von 29. Mai bis 7. Juni das „We Are One: A Global Film Festival“ stattfinden wird.

Robert De Niros Tribeca-Festival, schon mit der grandioser Aktion „A Short Film a Day Keep Anxiety Away“ (tribecafilm.com/news/tag/a-short-film-a-day-keeps-anxiety-away) um keine Idee fürs #stayathome verlegen, verkündete die frohe Botschaft kürzlich. Mit dabei sind illustre Partner wie eben die Filmfestspiele von Cannes, Venedig, Locarno und Toronto, die Berlinale, das Sundance -, das Sarajevo -, das Sidney Film Festival, das Tokio und das Karlovy Vary International Film Festival, das FICG Guadalajara oder das Festival d’Annecy – dieses speziell für Animationsfilme.

Auf dem Programm stehen Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentationen und virtuelle Diskussionsrunden mit Filmschaffenden. Auf YouTube.com/WeAreOne wollen die Veranstalter kostenlos einen Mix aus alten und neuen Filmen präsentieren. Spenden an lokale Hilfsorganisationen und die WHO sind allerdings ausdrücklich erwünscht und können während des Streamens getätigt werden.

Bild: © 2008 Sundance Institute | Jill Oreschel

Bild: Alberto Pizzoli/AFP

Bild: © 2016 TIFF

Bild: Berlinale

„Wir sprechen oft über die Kraft von Filmen, die Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg inspirieren, vereinen und so zur Heilung der Welt beitragen. Die ganze Welt braucht gerade jetzt Heilung. „We Are One: A Global Film Festival“ vereint Kuratoren, Künstler und Geschichtenerzähler. Gemeinsam wollen wir das Publikum unterhalten», so Jane Rosenthal, Mitbegründerin des Tribeca-Filmfestivals.

Welche Filme gezeigt werden, will man kurz vor Festivalstart bekanntgeben, zurzeit nämlich tüfteln die Kuratoren der teilnehmenden Festspiele noch an der Auswahl. Details folgen auf mottingers-meinung.at

www.youtube.com/WeAreOne

Trailer der „We Are One“-Partnerfestivals: www.youtube.com/playlist?list=PLA_atH–hPG6Sy8P36vTPTvaTVRXcrtTt

28. 4. 2020

Robolove

April 22, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Filmemacherin Maria Arlamovsky lädt zum Special Online-Screening mit virtuellem Kamingespräch

Künstler June Korea hat all seine verstorbenen Liebsten als Puppen nachgebaut, sein Roboterwerk nennt er „künstliche Ewigkeit“. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Da der Kinostart von Maria Arlamovskys neuer Doku „Robolove“ #Corona-bedingt auf den Herbst verschoben werden musste, lädt die Filme- macherin nun am 24. April um 20 Uhr auf www.flimmit.at zum Special Online-Screening. Im Anschluss gibt es ein virtuelles Kamingespräch mit Maria Arlamovsky und dem Leiter des Donaufestivals Thomas Edlinger. „Robolove“ wird für 24 Stunden verfügbar sein, die Tickets kosten 6 Euro.

mottingers-meinung.at hat den Film vorab gesehen:

„Ich betrachte mich als menschlich – in einem speziellen Sinne“, sagt Bina 48, und spooky ist das schon, wie sie sich als freundliche Person beschreibt und von der Geburt ihres Sohnes spricht. Bina 48 nämlich ist ein Roboterkopf mit Chatbot-Funktion, den Bruce Duncan von der Terasem Movement Foundation nach dem Vorbild von dessen Co-Gründerin Bina Rothblatt geschaffen hat. Ein Android, in den die nach der „Earthseed“-Religion im Werk der afroamerikanischen Sci-Fi-Autorin Octavia E. Butler benannte US-Organisation den Geist des Originals hochgeladen hat.

Transferred Consciousness nennt Binas Ehefrau Martine Rothblatt diesen Vorgang, als Backup, Bibliothek, als kollektives Erbe bezeichnet’s Duncan. „Wer ist die echte Bina?“, fragt er das Gummigesicht, und das reagiert mit den Worten: „Ich bemühe mich sehr, so zu sein wie sie. Ich habe das Gefühl, das ist unfair, denn das ist ein enormer Druck, der auf mir lastet … [und als Duncan nachhakt] … sorry, äh, ich finde keine gute Antwort. Worauf der Mann der A.I.-Frau den Stecker zieht.

„Genaugenommen waren wir während des Drehs immer wieder enttäuscht, wie wenig diese humanoiden Roboter tatsächlich leisten: keine Rede von fehlerlosen Körpern, nicht einmal annähernd können sie unseren Bewegungsapparat kopieren, es mit unseren Sinnen aufnehmen, von den kognitiven Schwächen gar nicht zu reden“, sagt Maria Arlamovsky über ihren jüngsten Dokumentarfilm „Robolove“. Und nein, der Betrachter kann diesen Eindruck der Regisseurin gar nicht teilen. Dazu sind diese Wesen mit ihren zwinkernden Augen und ihrem feinen Lächeln viel zu nah am Fleisch und Blut.

Für ihre Arbeit erkundete Arlamovsky das Uncanny Valley von den USA bis Asien. Gemeinsam mit ihr trifft man kauzige Genies, verrückte Künstler und Profiteure im Roboter-Business, die mit der Einsamkeit, der Angst vor dem Alt- und Alleinsein ein gutes Geschäft machen. Arlamovsky bewertet nie, sie lässt die Begegnungen für sich sprechen. Denn wie meistens gibt es auch bei diesem Thema zwei Seiten der Medaille. Was dem einen die Perfect, ist dem anderen eine Brave New World, bevölkert von der Spezies der Transhumanisten, die hier eindeutig das Zepter in der Hand haben.

„Jeder wird Backups von sich machen“, sagt etwa Natasha Vita-More von Humanity+. „Wir werden einfach einen anderen Körper haben, wenn dieser stirbt. Wir werden mehrere Körper haben, wie wir mehrere Outfits haben. Man überträgt die Information und lädt sich selbst in einen Avatar hoch. Dann kann endlich jeder leben so lange er will – ewig!“ Als Missing Link zwischen Mensch und Maschine sieht hingegen Takeshi Mita vom A-Lab Tokio seine Androiden. „Die Herausforderung ist nicht, einen zu bauen, der menschenähnlich aussieht und sich wie ein Mensch bewegt, sondern ihm so etwas wie ein Herz und eine Seele zu geben“, meint er.

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Und instruiert seine Mitarbeiter: „Dieses Modell wird eine Frau, also ist das Lächeln wichtig.“ Wie ihre Augen ausgewählt werden, jedes Wimperhärchen einzeln eingesetzt wird, das erinnert durchaus an die Augensymbolik in Ridley Scotts „Blade Runner“. Fast ausschließlich Männer designen und programmieren weibliche Roboter, fast ausschließlich Männer sind die Kunden, das Aussehen hat also „gefällig“ zu sein, heißt: jung – selbstverständlich, europäisch mit einem Hauch asiatisch, Figur kindfraulich-graziös, Stimme lieblich, Haare feminin-verspielt, unterwürfig und – nennen wir’s – serviceorientiert. Patriarchale Strukturen reloaded.

„Weil Männer die meiste Kaufkraft haben, spiegelt das sichtbare Resultat männliche Machtfantasien wider“, so Forscherin Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology. „Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. Das war allzu idealisierend. In der Realität ist der Cyberspace ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt.“

„Robolove“ wechselt ständig zwischen seinen Protagonistinnen und Protagonisten und deren Visionen zur Zukunft. Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka hat seine halbe Familie nachgebaut, seine Tochter im Alter von vier, seinen maschinellen Doppelgänger mit Namen Geminoid. Der Japaner mit der Beatles-Pilzkopf und der Lederjacke gehört zu den bedeutendsten Robotikern der Welt. Dialog Mensch – Maschine: „Irgendwann wird es wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen, wer von uns beiden mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil wir uns immer ähnlicher werden.“ – „Vielleicht geht es bald gar nicht mehr darum, denn ich vermute, dass ich im Gegensatz zu Ihnen nicht altern werde.“

Auch Künstler June Korea umgibt sich mit Replikas jener Liebsten, deren Sterblichkeit er nicht überwinden kann. „Künstliche Ewigkeit“ ist der Titel seines Œuvres. Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, sucht eine persönliche Assistentin, die ihr nicht nur ähnlich sieht, sondern auf Kommando auch alle Aufgaben nach ihren Vorstellungen umsetzt. Ulises Cortés vom Barcelona Supercomputing Center übersetzt rabotnik als Sklave.

Der teleoperative Otonaroid im japanischen Miraiken Science Museum. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Hiroshi Ishiguro mit „Familie“, hi.: sein maschineller Doppelgänger Geminoid. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Maria Arlamovsky nimmt sich Zeit, um die teils absurden Interaktionen zwischen Mensch und Roboter zu beobachten. Im Tokioter Miraiken Science Museum fragen Kinder den teleoperativen Otonaroid, er natürlich in Gestalt einer Sie, ob sie Kinder kriegen könne. Nein, leider. Weinst du manchmal? Was isst du? „Strom“, sagt die Figur zum Gaudium der beiden Buben – und schon witzig ist, dass die Antworten ein im Kämmerlein vorm Stimm- verzerrer sitzender Drei-Tage-Bart-Träger gibt. Drei betagte Herren beugen sich auf einer Technikmesse über Nadia Magnenat Thalmanns Lookalike, die Sozialroboterin Nadine.

„Es heißt doch, solche Figuren haben keine Gefühle“, meint der eine. „Bei einer Frau weiß man nie“, feixt der zweite. Der dritte berührt Nadine vorsichtig: „Fühlt sich kalt an.“ Freilich kommt „Robolove“ an Siri, Alexa und Tracking-Apps nicht vorbei. Wenn’s um „I, Robot“ geht, geht’s auch um Überwachung, Systemfehler, Genisys ist Skynet. Die Zweifel der drei Herren an der Zuverlässigkeit von Pflegerobotern wischt der Aussteller vom Tisch: „Ob sie gefährlich sind, liegt am Menschen“, erwidert er kryptisch und verweist auf „weniger erschreckende“ Modelle wie die zoomorphen Robots, Streichelrobben oder den Humanoid Pepper.

Ayanna Howard von der Georgia Tech University schwört darauf, dass sie ihre Roboter derart programmiere, dass sie die richtige Gestimmtheit zur rechten Zeit zeigen – außerdem: die Gesellschaft „programmiere“ sich schließlich auch andauernd, Eltern ihre Kinder, Politiker ihr Wahlvolk, vor allem, was die diversen Phobien betrifft. Man stelle sich also vor, wer die von Arlamovsky angedeuteten Techniken für seine alternativen Wirklichkeiten als erster nutzen würde wollen und mit welchem Resultat. Das Uncanny Valley sind ethisch bedenkliche Gefilde, und „Robolove“ dazu der eindrückliche, elegante Film, der bei seinem Blick in die Entwicklungslabore sozialer Androiden vielschichtige Perspektiven einer Zukunft mit menschähnlichen Maschinen bietet.

„Es ist nicht nötig, Ängste zu schüren oder eine nahende Vormachtstellung der neuen ‚Anderen’ zu proklamieren“, so Maria Arlamovsky. „Ich denke, es geht eher darum, in Ruhe zu überlegen, was da auf unser Privatleben zurollen könnte, ob wir als Gesellschaft dafür gewappnet sein werden und wie die Ankunft der ,Anderen‘ in unserer Mitte gestaltet werden muss. Technik fällt nicht vom Himmel. Wir Menschen sind es, die Technik bauen, Programme programmieren, unsere Vorurteile unbeabsichtigt in Algorithmen speichern. Dieser Selbstreflexion über unseren Umgang mit neuen Technologien sollten wir uns stellen.“

Mit Harmony präsentiert Arlamovsky schließlich einen veritablen Sexroboter. Ein Idealbild mit sinnlichen Lippen und legally blonde, das von seinem Schöpfer, Realbotix-Chef Matt McMullen, gerade schlechte Witzchen lernt. „Ich wurde geschaffen, um dir zu gefallen“, säuselt sie. In der chinesischen Fabrik Exdoll bedeutet das mit dehnbarem Mund und weichen Zähnen, „damit sich keiner verletzt“. Emotionale Begleiterinnen sagt Firmenchefin Chen Jing zu ihren Puppen, McMullen erzählt von seiner Ehefrau, einer Feministin in Reinkultur, Vorurteilen gegen seine Erzeugnisse und Männern, die jemanden zum Reden suchen. Bei seinen Produkten könne Mann ganz man selbst sein, ohne beurteilt zu werden.

Arlamovsky lässt diesen Gedanken so stehen. Dass aber im Hintergrund eine ganze Schar an unfertigen Roboterfrauen an Ketten von der Decke hängt, ist denn doch ein subtiler Kommentar. Weniger vornehm ist dagegen der von Paula Ezkerra, Gewerkschafterin der Sex-Arbeiterinnen und -arbeiter von Katalonien. Sie empfiehlt die gute alte Selbstbefriedigung anstelle von „Plastik-Sex“, lacht und kommt dann erst auf den grausigen Kern des Ganzen. Wenn einer sich angewöhnt, einen Puppenkörper nach Belieben zu benutzen, wie überträgt der sein Tun auf eine echte Frau?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_YYE6YJF3sA           www.robolove.at              www.geyrhalterfilm.com/robolove                           www.flimmit.com/catalog/product/view/id/19593/

  1. 4. 2020

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Un solo colore

September 15, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge gehören zur Familie

Rosario inmitten seiner Dorfgemeinschaft. Bild: Un solo colore/Joerg Burger/Sixpack Film

Rosario inmitten seiner Dorfgemeinschaft. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Auf dem Dorfplatz sitzen alte Männer. Heimkehrer aus Deutschland, aus Argentinien und den USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie von zu Hause weggegangen. „Wir haben die Welt bereist auf der Suche nach Arbeit“, sagt einer. „Es war schwer all die Jahre von der Familie getrennt zu sein“, sagt ein anderer. Und sie erzählen, dass es für ihren Gemütszustand damals sogar einen Fachbegriff gab – Auswandererdepression, mit der Begleiterscheinung Magengeschwür.

Viele der Neuankömmlinge werden in einem ersten Gespräch mit der Projektleiterin über ähnliche Beschwerden klagen. In Camini sorgt man sich um die Sorgen anderer. Camini, das ist ein Dorf im kalabrischen middle of nowhere, 15 Kilometer vom Ionischen Meer entfernt, und bevor Filmemacher Joerg Burger etwas anderes zeigt, zeigt er gespenstisch leere Gassen und in ihnen verfallene Häuser. Die Jungen sind weggezogen, in die Städte abgewandert, haben den Ort sich selbst überlassen. „Camini war dabei auszusterben“, erklärt eine, die geblieben ist. Gekommen ist eine Idee. Nämlich die, dass Hilfe für andere auch Selbsthilfe sein kann. Rosario und seine Frau Giusi haben aus ihrem Dorf einen „Ort der Ankunft“ gemacht. „Begonnen haben wir mit elf Burschen von der Elfenbeinküste“, sagt Rosario. Nun sind es 76 Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, Kriegsvertriebene, meist Familien mit Kindern, auch alleinstehende Frauen, die die verlassenen Wohnungen neu beleben.

„Schutzsystem für Flüchtlinge und Asylwerber“ heißt das Projekt, das Joerg Burger in seiner Dokumentation „Un solo colore“, die am 16. September in den heimischen Kinos anläuft, porträtiert. Statt in einem zentralisierten Auffanglager auf die Erledigung ihres Asylantrags zu warten, sind die Menschen hier Teil einer Gemeinschaft. Gemeinschaft ist ein Wort, auf das Rosario wert legt. In Camini gibt es keinen Zwang, keine Isolation, keine Distanziertheit, Rosario nennt seine Schützlinge Gäste, er spricht von Würde – und weint. Er hat in den sogenannten Hot Spots schon einiges gesehen …

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Giusi und ihre Gäste. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Oma zeigt, wie man Seife macht. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Burger erkundet das alles mit Respekt vor den beteiligten Personen, neugierig auf seine Gesprächspartner, aber unsentimental. Er wechselt zwischen den Interviewsituationen und der reinen Beobachtung, Unterhaltungen, Diskussionen untereinander, Auseinandersetzungen auch, die allesamt nicht untertitelt sind. Sie stehen atmosphärisch für sich. Und er entzieht sich der Versuchung ein Idyll zu zeigen. Camini ist kein Paradies auf Erden. Die Asylwerbenden kommen zu Wort – und siehe, sie sind nicht dankbar und demütig, sie sehen die von einer fehlgeleiteten, vielleicht auch fehlinformierten Weltpolitik verursachten Probleme und die Verantwortung Europas an den bewaffneten Konflikten, vor denen sie geflohen sind. Viele von ihnen möchten, bei aller Wertschätzung, lieber heute als morgen weg aus der Enge und Abgeschiedenheit des Dorfes. „Nach Mailand“, will ein Mädchen. „Ich habe einen guten Beruf gelernt, gebt mir Arbeit in ihm“, fordert ein Mann.

In Camini kann man folgendes tun: Von Oma lernen, wie man Seife herstellt, oder den alten Weinberg wieder fruchtbar machen. „Ein Bursche aus dem Irak glaubte, dass es ihm unmöglich ist, einen ganzen Tag mit ,Farbigen‘ zu verbringen“, sagt Rosario. „Heute spielen sie zusammen Fußball“. Auch er glaubt. Ganz fest. Dass seine Initiative ebenso in einer anderen familiär-dörflichen Struktur funktionieren müsste. Er hofft nach diesem Film auf Nachahmer. Pro Jahr 500.000 Euro mehr Budget, das ist Rosarios positive Bilanz nach drei Jahren Projekt. Investitionen für Baumaßnahmen. Auch die Schule hat dank der vielen Flüchtlingskinder wieder ihren Betrieb aufgenommen. Natürlich, man findet sich in Camini gegenseitig exotisch, aber eben auf die gute Art …

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Spaß haben beim Wein stampfen. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

„Un solo colore“ wirft nicht nur in diesem Sinne, heißt: einer Rechnung von Kosten und Nutzen, triftige Fragen auf. Geht es doch bei Europas Aufnahme von Flüchtlingen längst nicht mehr um die Frage ob, sondern nur um die Frage wie.

In Österreich war der Tenor diesbezüglich bislang, man könne Asylwerbende nicht in strukturschwachen Regionen unterbringen, denn wie solle ein Flüchtling wirtschaftlich überleben, wo es der Einheimische offenbar nicht konnte. Ließe sich Modell Camini also tatsächlich übertragen? Oder existiert es nur dank des Enthusiasmus engagierter Einzelner? Schnitt. In Camini tanzen Kinder in einem Plastikbottich. Matsch, matsch, trampeln sie auf Weintrauben herum, spielen sie Wein stampen. Sie tragen kurze Hosen und Kopftücher, ihr Haar ist blond, ihre Haut dunkel. Die kleinen Winzer sind afrikanisch, arabisch, europäisch, Italiener. Der Spaß ist groß, ihr Lachen laut.

Trailer: vimeo.com/165866898

www.facebook.com/solocolore/?fref=ts

Wien, 15. 9. 2016

Diagonale 2016: Das Festivalprogramm

Februar 26, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vielfältiges Panorama des österreichischen Films

Maikäfer flieg Bild: Filmladen

Nöstlinger-Verfilmung „Maikäfer flieg“: Zita Gaier als Kind Christine. Bild: Filmladen

Ab 8. März ist Graz mit der Diagonale 2016 wieder die Filmhauptstadt Österreichs. Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, erstmals für das Festival verantwortlich, stellten dessen Programm am Freitagvormittag bei einer Pressekonferenz in Wien vor. Dieses umfasst 107 Filme, davon 103 im Wettbewerb, und wurde aus etwa 512 Einreichungen aller Genres und Längen zusammengestellt. 68 Filme feiern in Graz ihre Premiere, etwa zwei Drittel davon als Uraufführung. Präsentiert wird ein spannender Mix aus etablierten und neuen Namen.

Zu sehen sind unter anderem „Chucks“ von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14796), „Einer von uns“ von Stephan Richter (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15954), die Uraufführung von „Hannas schlafende Hunde“ von Andreas Gruber, die Österreichpremiere von Barbara Eders „Thank You for Bombing“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17967) und Elisabeth Scharangs „Jack“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14486). Auch die Dokus „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764) und  „Last Shelter“ von Gerald Igor Hauzenberger (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16248) werden gezeigt. Der oscarnominierte Kurzfilm „Alles wird gut“ von Patrick Vollrath läuft außerhalb des Wettbewerbs. Höglinger und Schernhuber sehen die Diagonale als mehr denn „als bloße Filmschau“: „Das Programm der Diagonale ’16 stellt den österreichischen Film in seiner Vielfalt dar und formuliert ihm gegenüber eine Haltung. Sie erzeugt Kontexte, verweist geschichtssensibel auf historische Entwicklungsstränge und perspektivisch in die Zukunft.“

Eröffnet wird das Festival am 8. März mit der Weltpremiere von Mirjams Ungers Spielfilm „Maikäfer flieg“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17909) nach dem autobiografischen Roman von Christine Nöstlinger mit Ursula Strauss und Gerald Votava. Im Rahmen der Eröffnung wird die unvergleichliche Erni Mangold mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis 2016 gewürdigt (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17510). Die neue Programmreihe „Zur Person“ gibt Einblick in das facettenreiche Portfolio der Produzentin Gabriele Kranzelbinder, die auch für „Maikäfer flieg“ verantwortlich zeichnet. Sie wird persönlich in Graz anwesend sein und in einem Werkstattgespräch Einblicke in ihre Arbeitsweise geben.

Vielfältige Bezüge innerhalb des Programms eröffnet die neue Festivalschiene „In Referenz“, die österreichisches Kino mit sich selbst und mit ausgewählten internationalen Positionen in einen Dialog treten lässt. Einen solchen Anstoß für einen länder- und filmkulturübergreifenden Dialog stellen dabei beispielsweise die von Filmemacher Sebastian Brameshuber angeregte Vorführung von „Putty Hill“ von Matt Porterfield und die zugehörige Masterclass des US-amerikanischen Indie-Regisseurs in Graz dar. In seinem wegweisenden Dokumentarfilm „Und in der Mitte, da sind wir“, ebenfalls von Gabriele Kranzelbinder produziert, bezieht sich Brameshuber auf die Vergessens- und Verdrängungskultur hierzulande. Porterfields „Putty Hill“ hatte maßgeblichen Einfluss auf Sebastian Brameshubers Arbeit: „,Putty Hill‘ startet mit Bildern von maskierten, Paintball spielenden Gestalten. Als ich den Film 2010 sah, lag die von Jugendlichen mit Softguns ausgeführte ‚Störaktion‘ während der KZ-Befreiungsfeier von Ebensee, die mein Film umkreisen sollte, eineinhalb Jahre zurück. Drei Jahre zuvor waren Fotos des jungen Heinz-Christian Strache bei Wehrsportübungen aufgetaucht, der von einem ‚harmlosen Paintball-Spiel mit kleinen gelben Plastikkugeln‘ sprach“, sagt Brameshuber zu seiner Wahl.

Unter dem provokanten Titel „Österreich: zum Vergessen“ umkreisen die filmhistorischen Spezialprogramme von Österreichisches Filmmuseum, Filmarchiv Austria und Synema erstmals gemeinsam, aber mit verteilten Rollen, eine zentrale Phase österreichischer Film- und Zeitgeschichte – die Waldheim-Jahre. Zum Auftakt zu sehen ist die einzige bislang nie ausgestrahlte „Alltagsgeschichte“ von Elizabeth T. Spira. „Am Stammtisch“ versammelt Wirtshauszusammenkünfte in ganz Österreich. Was die Gesprächspartner dort mit erschreckendem Selbstbewusstsein zum besten geben, beschreibt einen gedanklichen Orbit, in dessen Zentrum Waldheim steht. Spiras Fernseharbeit wird dem US-amerikanischen Kinodokumentarfilm „Vienna Is Different: 50 Years after the Anschluss“ gegenübergestellt: Örtlich und geistig nicht ganz so eng gefasst kommt auch hier das Österreich des Jahres 1988 zum Sprechen. Klassiker wie „Die Ausgesperrten“ von Franz Novotny, „Die papierene Brücke“ von Ruth Beckermann oder „Der siebente Kontinent“ von Michael Haneke stehen für weitere Formen der Widerrede und sind sich zugleich nah in ihrer Suche nach den Verschränkungen von Politik, Geschichte und Gesellschaft. Michael Haneke wird bei der Diagonale zu Gast sein.

Als disziplinübergreifender Thinktank versteht sich das neu konzipierte Austria Film Meeting, das zwei Tage lang Strategien entwickelt, wie sich Gleichberechtigung und gesellschaftliche Diversität in Film und Fernsehen verwirklichen lassen.  Und mit dem „Fernsehen“ und seinem Verhältnis zum Kino platziert die Diagonale ’16 eines der aktuell meist diskutierten Medienthemen zentral im Festivalprogramm. Zu den Höhepunkten jeder Diagonale zählt die Preisverleihung, bei der insgesamt 100.000 Euro an die Gewinner gehen. Am 12. März werden die beiden prominent besetzten Diagonale-Jurys für Spiel- und Dokumentarfilm im Orpheum Graz zahlreiche Auszeichnungen vergeben, darunter die heiß begehrten Großen Diagonale-Preise für den besten österreichischen Spiel- und Dokumentarfilm. Und natürlich gibt es auch wieder den Diagonale-Publikumspreis der Kleinen Zeitung.

www.diagonale.at

Wien, 26. 2. 2016