Schauspielhaus Wien Stream: Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit

Dezember 16, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lydia Haiders Blutrauschroman als Splattermovie

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Sie geht über den weiten Heldenplatz, stracks auf die Hofburg zu. Nebel steigt auf von der Erde und feuchtet bereits das Land. Die Kälte kriecht wie ein Ungeziefer umher überall, in die Schuhe, unter die Gewänder, so dass es ein Frösteln ist. „Sag: Wer hat es so kalt gemacht?“ Angesichts der vorweihnachtlichen Schande Europas ist Lydia Haiders und Co-Autorin Esther Straganz‘

Frage aus ihrem im Jänner 2019 veröffentlichten Buch „Am Ball“ hochaktuell. Fürs Schauspielhaus Wien haben nun Regisseurin Evy Schubert und Kameramann Patrick Wally aus dem Blutrauschroman ein Splattermovie gemacht, Zusatztitel: „Wider erbliche Schwachsinnigkeit“, die geplante Theaterpremiere folgt, sobald erlaubt. Schauspielerin Clara Liepsch ist es, die mitten auf dem Akademikerball eines nicht enden wollenden Sterbens ansichtig wird, und ein Schelm, eine Schelmin, wer da ans C-Wort denkt, denn tatsächlich ist der kommende für den 29. Jänner 2021 ausgerufen.

Im Nebelrabencape, ein gefiedertes, fast mythologisches Hugin-und-Munin-Wesen, Gedanke und Erinnerung, das jetzt, jetzt sofort fliegen wird, streift Liepsch umher. Zwischen halbierten, teilamputierten Schaufensterpuppen, die Nackten – und die Untoten, die derweil wie der Teufel an die Wand geworfen werden; Bühne und Kostüme sind von Maria Strauch. „Unruhige Ruhe liegt hier, als tut man unrecht, hier zu sein“, sagt Liepsch. Am Sicherheitscheck ein Stau. Gefahr droht – woher?

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Köstlich, wie sie die einziehenden „Aktiven“ der Wiener Korporationen beschreibt, ein jeder in seiner Couleur, mit ihren Requisitensäbeln. Liepsch speit das „Äh“, als müsste sie sich übergeben: Jüngling-äh, Geschicht-äh, Ballrob-äh. Alles hier ist brech/reizend. Nach etwa zehn Minuten beginnt das Gemetzel. Die rechte Elite der Republik, darunter allerlei blaues Geblüt, blutet aus. Körper fallen auseinander, Köpfe lösen sich auf. Und die Kamera hält auf Clara Liepsch „Rocky Horror Picture Show“-Mund, der verspritzte Lebenssaft ringsum so rot wie ihr Lippenstift, die Westen längst nicht so weiß wie ihre Zähne.

Was ist passiert? Man weiß es nicht. „Warum sagt niemand etwas?“ „Wer kann sagen, was das hier soll?“ Wer entvölkert das Land vom Völkischen? „Wie das auseinanderstirbt!“ Und wie Liepsch von Festwichs und Cerevise reportet, Drängen und Treiben im Saal, bevor sie in der Seitengalerie eine Fleischhauerei eröffnet und darin die österreichische Identität in Form von Schnitzeln malträtiert. Die Beobachtungen der sich verschwörerisch ans Publikum richtenden Figur sind in ihrer archaischen Mauerschau/derhaftigkeit prädestiniert für die Leinwand.

Die Teichoskopiererin bewegt sich durch insgesamt sieben Räume – wie durch Gottes Schöpfungszahl, darunter das Kunsthistorische Museum Wien und die Papillon Sauna in der Müllnergasse, und schaut der Herrenrasse bei der Selbstauflösung zu. Wie utopistisch das gedacht ist, wie sich das männerbündlerische Feiern im kassandrischen Feminismus seinem Ende entgegensprengt. Und die Fächerpolonaise-Frisuren samt Krönchen ums Verrecken gleich mit in den Untergang reißt.

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Alldieweil sich die Darstellerin, mittlerweile aufgemacht als Lackstiefel-Domina, in der Verkörperung des allen gleichsam entleibt. Aus Clara Liepsch „Erstkommunionslächeln“ wird eine Fratze, und wie lange hat man schon das Wort „Lurch“ nicht mehr gehört. Dazu Original-Bilder vom Rumtataa-Einzug, Politiker unter Applaus, die Ewiggestrigen sterben nur im Film aus, Lydia Haiders soghafte Prosa entwickelt sich dank Liepschs übertrieben deutlicher Artikulation zum Mahlstrom der Geschicht-äh.

Ein Pappmaché-Penis, ein Stück durch die Porzellangasse geschleiftes rohes Beiried, Sinnbilder „toxischer Männlichkeit“, komplettieren das Ganze. Als sei’s zur Ausstattung eines „festlich behangenen“ Chargierten. Festwichs mit Phallus, sozusagen. Im Rauchkeller-Purgatorio. Zu Micha Kaplans Kakophonie. Mit Schmiss und Milieu-bewusst. Und erstaunlich ist, wie Evy Schubert nach Lydia Haiders Vorlage etwas Derartiges erschaffen konnte, wo doch das Originalritual radikaler, beunruhigender ist als jede Überzeichnung, Satire oder Parodie.

Doch gelingt es hier, und die Liepsch lacht dazu affektiert, changiert exaltiert zwischen böser Wirklichkeitsironisierung und bitterer Wahrheit, tatsächlich gelingt es hier, die Wirkmacht der Sprache, ihre Gewalt/tätigkeit aufzuzeigen, die nationalistischen und rechtskonservativen Tendenzen, die sich „Am Ball“ gleich einem Staatsakt präsentieren. Wollt ihr die totale Dekadenz? Bitte nur, wenn sie sich sofort selbst abschafft! Und weil Witz niemals zu Kurz kommen kann, hat die Produktion auch schon eine Pop-up-Politics-Seite. In diesem Sinne: Ballaballa Solutions!

Bis 30. Dezember. Der Film wird online jeweils von 20 bis 24 Uhr auf vimeo übertragen. Den Zugangs-Code erhält man nach dem Ticketkauf im Bestätigungsemail von Culturall.

www.schauspielhaus.at           ballaballa.solutions/weltheimat

  1. 12. 2020

Die 2020-Online-Edition von „this human world“- International Human Rights Film Festival

November 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Queen’s Gambit-Doku, Phil Collins & Sundance-Sieger

Sunless Shadow. © this human world

#Corona-bedingt findet die 13. Ausgabe von „this human world“- International Human Rights Film Festival ab Donnerstag, 3. Dezember, online statt. Bis 13. Dezember wird ein Großteil des ursprünglich fixierten Programmes anstatt in vier Wiener Kinos und diversen Side Locations über den Festivalhub auf www.thishumanworld.com ins Wohnzimmer gestreamt werden können.

Vier bis fünf der 50 ausgewählten Filme werden täglich ab 18 Uhr und für 48 Stunden als Video on Demand abrufbar sein. Und auch in Zeiten der physischen Distanz wird das Publikum nach dem Abspann nicht alleine gelassen: zumindest virtuell werden Q&A’s, Director Statements und Live-Diskussionen angeboten, um trotzdem ein Ort für Austausch, Engagement und solidarische Vernetzung zu sein. Schwerpunkte der Online-Festival-Edition sind „The Queens‘s Gambit“, unter dem Titel „female* working realitis“ weibliche Arbeitsrealitäten, ein ungeschönter Einblick in die US-Gefängnisindustrie und eine iranische Jugendstrafanstalt als sicherer Ort für junge Mädchen in „Sunless Shadows“, Pressefreiheit und die Suche nach neuen Formen von Intimität.

„be_longing“ folgt Kindern und jungen Erwachsenen auf ihrem Weg durch eine brüchige Welt und „habitat“ beleuchtet die globale Schieflage rund um die Grundlagen von Lebensräumen. Auch in diesem besonderen Jahr werden in fünf Kategorien Preise an herausragende Filme und außerordentliche Beiträge für die Stärkung von Menschenrechten vergeben – die Preisverleihung findet am 13. Dezember ebenfalls online statt.

Die Programmhighlights:

„Glory To The Queen“ liefert Schachgenie Beth Harmon aus dem derzeitigen Serien‐Liebling „The Queen’s Gambit“ sozusagen in real und hoch vier: die beiden Filmemacherinnen Tatia Skhirtladze und Anna Khazaradze bringen nach 20 Jahren vier legendäre georgische Schachspielerinnen wieder zusammen, die damals zu weiblichen Ikonen der Sowjetzeit wurden und Schachspiel‐Wettbewerbe revolutionierten – eine Kampfansage, nicht nur am Schachbrett, sondern vor allem für die Frauenemanzipation.

In der Reihe „collective actionist“ ist unter anderem „Bring Down The Walls“ von Phil Collins zu sehen, der einen kritischen, ungeschönten Blick auf die amerikanische Gefängnisindustrie und ihre mittlerweile mehr als zwei Millionen Insassen wirft. „A New Beginning“ von Ala’A Mohsen porträtiert berührend und respektvoll den alleinerziehenden Vater Rabeaa und seinen vierjährigen Sohn Kais, die nach ihrer Flucht aus Syrien auf der Suche nach einem neuen Zuhause in Norwegen angekommen sind.

Gemeinsam mit dem International Press Instititute wird der Film „We Hold The Line“ von Marc Wiese präsentiert, der die Journalistin Maria Ressa im Kampf für Pressefreiheit und Gerechtigkeit und gegen das korrupte und gewalttätige System des philippinischen Präsidenten Duterte begleitet. Was passiert, wenn man aus einem ländlichen, von landwirtschaftlicher Arbeit geprägtem Umfeld in eine Millionenstadt zwangsübersiedelt  wird, legt der Langzeitdokumentarfilm „A New Era“ von Boris Svartzman eindrucksvoll dar, der in der vom neuen Festivalpartner Klima‐ und Energiefonds präsentierten Reihe „habitat“zu sehen sein wird.

In „No Gold For Kalsaka“ von Michael K. Zongo wird eindringlich verdeutlicht, welche Schäden der Bergbau für die vor Ort lebenden Menschen anrichtet und wie schnell die versprochene goldene Zukunft ihr wahrhaft hässliches Gesicht zeigt. Übrig bleibt kein Reichtum, sondern ein verseuchtes Land und weniger Lebensgrundlage als zuvor, doch eine ausgebeutete Gemeinschaft in Burkina Faso nimmt den Kampf für Gerechtigkeit auf.

In My Blood It Runs. © this human world

Sommerkrieg. © this human world

No Gold For Kalsaka. © this human world

Glory To The Queen. © this human world

Die völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten von Kindern auf verschiedenen Kontinenten beleuchten zwei herausragende Dokumentarfilme: Moritz Schulz begleitet in „Sommerkrieg“ die 12-jährigen Kinder Jasmin und Jastrib ins Azovez-Ferienlager, ein paramilitärisches Ausbildungscamp, geführt vom rechtsextremen Bataillon Asow, das die Kinder mit unfassbarem Drill, Manipulation und Kadavergehorsam zu ukrainischen Patrioten erziehen soll. Das große Ziel: lernen, wie man eine Kalaschnikow bedient. Die Kinder müssen trotz anfänglicher Begeisterung feststellen: wer nicht gehorcht, wird bestraft. Am Ende dieses erschütternden Dokumentarfilms stehen verängstigte, desillusionierte junge Menschen, denen die einfachen Freuden eines unbeschwerten Sommers verwehrt bleiben.

Eine dem völlig entgegengesetzte Familienkonstellation hingegen kann bei „In My Blood It Runs“ von Maya Newell beobachtet werden: der aufgeweckte 10-jährige Dujuan wächst im australischen Alice Springs bei seiner liebevollen Familie auf, spricht drei Sprachen, weiß alles über die traditionelle Medizin und Geschichte seiner Vorfahren und kämpft gleichzeitig mit dem staatlichen Schulsystem, in welchem nur die geschichtliche Perspektive der weißen Bevölkerung vermittelt wird, aber sein anderer, vermeintlich von der Norm abweichender Zugang zur Welt keine Wertigkeit erfährt. Ein kraftvoll-poetisches und essentielles Portrait über die australische Jugend mit indigenen Wurzeln.

„Sunless Shadows“ von Mehrdad Oskouei nimmt einen mit in eine iranische Jugendstrafanstalt für Mädchen. Allesamt befanden sie sich in ausweglosen Situationen inmitten ihrer Familien – Situationen, die mit einem Mord am Vater, Ehemann oder einem anderen männlichen Familienmitglied endeten. Teilweise sind auch die Mütter der Mädchen inhaftiert, in einem anderen Gefängnis sitzen sie im Todestrakt – durch die Kamera erhalten sie die Möglichkeit, sich gegenseitig Nachrichten zukommen zu lassen. Oft sind die Mädchen sprachlos, denn obwohl es so viel zu sagen gäbe, überwiegt die von Geburt an antrainierte Scham. Doch langsam öffnen sie sich, beginnen, zu erzählen, denn das Gefängnis mit seiner geschlossenen und rein weiblichen Umgebung ist auch ein sicherer Zufluchtsort vor einer aggressiven und von Männern dominierten Gesellschaft.

The Earth Is Blue As An Orange. © this human world

Die Eröffnung:

Findet am 3. Dezember um 20 Uhr online mit der Österreich-Premiere von „The Earth Is Blue As An Orange“ samt virtueller Begrüßung durch die Festivalleitung Michael Schmied und Lisa Heuschober statt, im Anschluss an den Film gibt es noch ein Q&A mit der Regisseurin. Die ukrainische Filmemacherin Iryna Tsilyk hat für den Sundance‐Gewinner ein Jahr lang eine Familie begleitet, die inmitten der surrealen Umgebung der Kriegszone Donbass lebt.

Zwischen patrouillierenden Soldaten, explodierenden Granaten und Schüssen. In diesem Wahnsinn einen normalen Alltag zu finden, wenn gleichzeitig der Krieg tobt, das versuchen Hanna und ihre vier Kinder. Um gemeinsam der Gegenwart zu entfliehen, aber auch, um sie verstehen zu können, beginnen sie einen Film zu drehen- bauen das Wohnzimmer zum Studio um und diskutieren die zudrehenden Szenen am Küchentisch. In all der Hoffnungslosigkeit, der diese Familie ausgesetzt ist, wird das Filmemachen zum einzigen Halt. „The Earth Is Blue As An Orange“ ist eine gefühlvolle und genau Momentaufnahme rund um den berührenden Versuch, sich in einem der gefährlichsten Gebiete der Ukraine ein bisschen Glück zu bewahren und an Träumen festzuhalten.

Einzelticket: 3.90 €, Festivalpass – gültig für alle Filme: 25 €.

www.thishumanworld.com

  1. 11. 2020

Maria Arlamovsky: Robolove

Oktober 5, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maschinenmädchen müssen anmutig sein

Künstler June Korea hat all seine verstorbenen Liebsten als Puppen nachgebaut, sein Roboterwerk nennt er „künstliche Ewigkeit“. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

„Ich betrachte mich als menschlich – in einem speziellen Sinne“, sagt Bina 48, und spooky ist das schon, wie sie sich als freundliche Person beschreibt und von der Geburt ihres Sohnes spricht. Bina 48 nämlich ist ein Roboterkopf mit Chatbot-Funktion, den Bruce Duncan von der Terasem Movement Foundation nach dem Vorbild von dessen Co-Gründerin Bina Rothblatt geschaffen hat.

Ein Android, in den die nach der „Earthseed“-Religion im Werk der afroamerikanischen Sci-Fi-Autorin Octavia E. Butler benannte US-Organisation den Geist des Originals hochgeladen hat. Transferred Consciousness nennt Binas Ehefrau Martine Rothblatt diesen Vorgang, als Backup, Bibliothek, als kollektives Erbe bezeichnet’s Duncan. „Wer ist die echte Bina?“, fragt er das Gummigesicht, und das reagiert mit den Worten: „Ich bemühe mich sehr, so zu sein wie sie. Ich habe das Gefühl, das ist unfair, denn das ist ein enormer Druck, der auf mir lastet … [und als Duncan nachhakt] … sorry, äh, ich finde keine gute Antwort. Worauf der Mann der A.I.-Frau den Stecker zieht.

„Genaugenommen waren wir während des Drehs immer wieder enttäuscht, wie wenig diese humanoiden Roboter tatsächlich leisten: keine Rede von fehlerlosen Körpern, nicht einmal annähernd können sie unseren Bewegungsapparat kopieren, es mit unseren Sinnen aufnehmen, von den kognitiven Schwächen gar nicht zu reden“, sagt Maria Arlamovsky über ihren jüngsten Dokumentarfilm „Robolove“, der nach der #Corona-bedingten Verschiebung nun am 9. Oktober österreichweit in die Kinos kommt. Und nein, der Betrachter kann diesen Eindruck der Regisseurin gar nicht teilen. Dazu sind diese Wesen mit ihren zwinkernden Augen und ihrem feinen Lächeln viel zu nah am Fleisch und Blut.

Für ihre Arbeit erkundete Arlamovsky das Uncanny Valley von den USA bis Asien. Gemeinsam mit ihr trifft man kauzige Genies, verrückte Künstler und Profiteure im Roboter-Business, die mit der Einsamkeit, der Angst vor dem Alt- und Alleinsein ein gutes Geschäft machen. Arlamovsky bewertet nie, sie lässt die Begegnungen für sich sprechen. Denn wie meistens gibt es auch bei diesem Thema zwei Seiten der Medaille. Was dem einen die Perfect, ist dem anderen eine Brave New World, bevölkert von der Spezies der Transhumanisten, die hier eindeutig das Zepter in der Hand haben.

„Jeder wird Backups von sich machen“, sagt etwa Natasha Vita-More von Humanity+. „Wir werden einfach einen anderen Körper haben, wenn dieser stirbt. Wir werden mehrere Körper haben, wie wir mehrere Outfits haben. Man überträgt die Information und lädt sich selbst in einen Avatar hoch. Dann kann endlich jeder leben so lange er will – ewig!“ Als Missing Link zwischen Mensch und Maschine sieht hingegen Takeshi Mita vom A-Lab Tokio seine Androiden. „Die Herausforderung ist nicht, einen zu bauen, der menschenähnlich aussieht und sich wie ein Mensch bewegt, sondern ihm so etwas wie ein Herz und eine Seele zu geben“, meint er.

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Und instruiert seine Mitarbeiter: „Dieses Modell wird eine Frau, also ist das Lächeln wichtig.“ Wie ihre Augen ausgewählt werden, jedes Wimperhärchen einzeln eingesetzt wird, das erinnert durchaus an die Augensymbolik in Ridley Scotts „Blade Runner“. Fast ausschließlich Männer designen und programmieren weibliche Roboter, fast ausschließlich Männer sind die Kunden, das Aussehen hat also „gefällig“ zu sein, heißt: jung – selbstverständlich, europäisch mit einem Hauch asiatisch, Figur kindfraulich-graziös, Stimme lieblich, Haare feminin-verspielt, unterwürfig und – nennen wir’s – serviceorientiert. Patriarchale Strukturen reloaded.

„Weil Männer die meiste Kaufkraft haben, spiegelt das sichtbare Resultat männliche Machtfantasien wider“, so Forscherin Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology. „Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. Das war allzu idealisierend. In der Realität ist der Cyberspace ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt.“

„Robolove“ wechselt ständig zwischen seinen Protagonistinnen und Protagonisten und deren Visionen zur Zukunft. Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka hat seine halbe Familie nachgebaut, seine Tochter im Alter von vier, seinen maschinellen Doppelgänger mit Namen Geminoid. Der Japaner mit der Beatles-Pilzkopf und der Lederjacke gehört zu den bedeutendsten Robotikern der Welt. Dialog Mensch – Maschine: „Irgendwann wird es wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen, wer von uns beiden mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil wir uns immer ähnlicher werden.“ – „Vielleicht geht es bald gar nicht mehr darum, denn ich vermute, dass ich im Gegensatz zu Ihnen nicht altern werde.“

Auch Künstler June Korea umgibt sich mit Replikas jener Liebsten, deren Sterblichkeit er nicht überwinden kann. „Künstliche Ewigkeit“ ist der Titel seines Œuvres. Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, sucht eine persönliche Assistentin, die ihr nicht nur ähnlich sieht, sondern auf Kommando auch alle Aufgaben nach ihren Vorstellungen umsetzt. Ulises Cortés vom Barcelona Supercomputing Center übersetzt rabotnik als Sklave.

Der teleoperative Otonaroid im japanischen Miraiken Science Museum. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Hiroshi Ishiguro mit „Familie“, hi.: sein maschineller Doppelgänger Geminoid. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Maria Arlamovsky nimmt sich Zeit, um die teils absurden Interaktionen zwischen Mensch und Roboter zu beobachten. Im Tokioter Miraiken Science Museum fragen Kinder den teleoperativen Otonaroid, er natürlich in Gestalt einer Sie, ob sie Kinder kriegen könne. Nein, leider. Weinst du manchmal? Was isst du? „Strom“, sagt die Figur zum Gaudium der beiden Buben – und schon witzig ist, dass die Antworten ein im Kämmerlein vorm Stimm- verzerrer sitzender Drei-Tage-Bart-Träger gibt. Drei betagte Herren beugen sich auf einer Technikmesse über Nadia Magnenat Thalmanns Lookalike, die Sozialroboterin Nadine.

„Es heißt doch, solche Figuren haben keine Gefühle“, meint der eine. „Bei einer Frau weiß man nie“, feixt der zweite. Der dritte berührt Nadine vorsichtig: „Fühlt sich kalt an.“ Freilich kommt „Robolove“ an Siri, Alexa und Tracking-Apps nicht vorbei. Wenn’s um „I, Robot“ geht, geht’s auch um Überwachung, Systemfehler, Genisys ist Skynet. Die Zweifel der drei Herren an der Zuverlässigkeit von Pflegerobotern wischt der Aussteller vom Tisch: „Ob sie gefährlich sind, liegt am Menschen“, erwidert er kryptisch und verweist auf „weniger erschreckende“ Modelle wie die zoomorphen Robots, Streichelrobben oder den Humanoid Pepper.

Ayanna Howard von der Georgia Tech University schwört darauf, dass sie ihre Roboter derart programmiere, dass sie die richtige Gestimmtheit zur rechten Zeit zeigen – außerdem: die Gesellschaft „programmiere“ sich schließlich auch andauernd, Eltern ihre Kinder, Politiker ihr Wahlvolk, vor allem, was die diversen Phobien betrifft. Man stelle sich also vor, wer die von Arlamovsky angedeuteten Techniken für seine alternativen Wirklichkeiten als erster nutzen würde wollen und mit welchem Resultat. Das Uncanny Valley sind ethisch bedenkliche Gefilde, und „Robolove“ dazu der eindrückliche, elegante Film, der bei seinem Blick in die Entwicklungslabore sozialer Androiden vielschichtige Perspektiven einer Zukunft mit menschähnlichen Maschinen bietet.

„Es ist nicht nötig, Ängste zu schüren oder eine nahende Vormachtstellung der neuen ‚Anderen’ zu proklamieren“, so Maria Arlamovsky. „Ich denke, es geht eher darum, in Ruhe zu überlegen, was da auf unser Privatleben zurollen könnte, ob wir als Gesellschaft dafür gewappnet sein werden und wie die Ankunft der ,Anderen‘ in unserer Mitte gestaltet werden muss. Technik fällt nicht vom Himmel. Wir Menschen sind es, die Technik bauen, Programme programmieren, unsere Vorurteile unbeabsichtigt in Algorithmen speichern. Dieser Selbstreflexion über unseren Umgang mit neuen Technologien sollten wir uns stellen.“

Mit Harmony präsentiert Arlamovsky schließlich einen veritablen Sexroboter. Ein Idealbild mit sinnlichen Lippen und legally blonde, das von seinem Schöpfer, Realbotix-Chef Matt McMullen, gerade schlechte Witzchen lernt. „Ich wurde geschaffen, um dir zu gefallen“, säuselt sie. In der chinesischen Fabrik Exdoll bedeutet das mit dehnbarem Mund und weichen Zähnen, „damit sich keiner verletzt“. Emotionale Begleiterinnen sagt Firmenchefin Chen Jing zu ihren Puppen, McMullen erzählt von seiner Ehefrau, einer Feministin in Reinkultur, Vorurteilen gegen seine Erzeugnisse und Männern, die jemanden zum Reden suchen. Bei seinen Produkten könne Mann ganz man selbst sein, ohne beurteilt zu werden.

Arlamovsky lässt diesen Gedanken so stehen. Dass aber im Hintergrund eine ganze Schar an unfertigen Roboterfrauen an Ketten von der Decke hängt, ist denn doch ein subtiler Kommentar. Weniger vornehm ist dagegen der von Paula Ezkerra, Gewerkschafterin der Sex-Arbeiterinnen und -arbeiter von Katalonien. Sie empfiehlt die gute alte Selbstbefriedigung anstelle von „Plastik-Sex“, lacht und kommt dann erst auf den grausigen Kern des Ganzen. Wenn einer sich angewöhnt, einen Puppenkörper nach Belieben zu benutzen, wie überträgt der sein Tun auf eine echte Frau?

www.robolove.at              Trailer: www.youtube.com/watch?v=_YYE6YJF3sA           www.geyrhalterfilm.com/robolove

5. 10. 2020

Globales Online-Filmfestival „We Are One“ startet im Mai

April 28, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Sarajevo bis Sundance, von Tokio bis Tribeca

Bild: courtesy of the Tribeca Film Festival

South by Southwest abgesagt, Tribeca abgesagt, und Cannes, Locarno, Toronto, Venedig auf der Kippe. Der #Corona-Lockdown hat auch die großen Filmfestivals dieser Welt ausgeknockt, doch statt die Red Carpets für 2020 endgültig einzurollen, haben sich die Festivalmacher an den Runden Tisch gesetzt – mit dem Ergebnis, dass nun von 29. Mai bis 7. Juni das „We Are One: A Global Film Festival“ stattfinden wird.

Robert De Niros Tribeca-Festival, schon mit der grandioser Aktion „A Short Film a Day Keep Anxiety Away“ (tribecafilm.com/news/tag/a-short-film-a-day-keeps-anxiety-away) um keine Idee fürs #stayathome verlegen, verkündete die frohe Botschaft kürzlich. Mit dabei sind illustre Partner wie eben die Filmfestspiele von Cannes, Venedig, Locarno und Toronto, die Berlinale, das Sundance -, das Sarajevo -, das Sidney Film Festival, das Tokio und das Karlovy Vary International Film Festival, das FICG Guadalajara oder das Festival d’Annecy – dieses speziell für Animationsfilme.

Auf dem Programm stehen Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentationen und virtuelle Diskussionsrunden mit Filmschaffenden. Auf YouTube.com/WeAreOne wollen die Veranstalter kostenlos einen Mix aus alten und neuen Filmen präsentieren. Spenden an lokale Hilfsorganisationen und die WHO sind allerdings ausdrücklich erwünscht und können während des Streamens getätigt werden.

Bild: © 2008 Sundance Institute | Jill Oreschel

Bild: Alberto Pizzoli/AFP

Bild: © 2016 TIFF

Bild: Berlinale

„Wir sprechen oft über die Kraft von Filmen, die Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg inspirieren, vereinen und so zur Heilung der Welt beitragen. Die ganze Welt braucht gerade jetzt Heilung. „We Are One: A Global Film Festival“ vereint Kuratoren, Künstler und Geschichtenerzähler. Gemeinsam wollen wir das Publikum unterhalten», so Jane Rosenthal, Mitbegründerin des Tribeca-Filmfestivals.

Welche Filme gezeigt werden, will man kurz vor Festivalstart bekanntgeben, zurzeit nämlich tüfteln die Kuratoren der teilnehmenden Festspiele noch an der Auswahl. Details folgen auf mottingers-meinung.at

www.youtube.com/WeAreOne

Trailer der „We Are One“-Partnerfestivals: www.youtube.com/playlist?list=PLA_atH–hPG6Sy8P36vTPTvaTVRXcrtTt

28. 4. 2020

Robolove

April 22, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Filmemacherin Maria Arlamovsky lädt zum Special Online-Screening mit virtuellem Kamingespräch

Künstler June Korea hat all seine verstorbenen Liebsten als Puppen nachgebaut, sein Roboterwerk nennt er „künstliche Ewigkeit“. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Da der Kinostart von Maria Arlamovskys neuer Doku „Robolove“ #Corona-bedingt auf den Herbst verschoben werden musste, lädt die Filme- macherin nun am 24. April um 20 Uhr auf www.flimmit.at zum Special Online-Screening. Im Anschluss gibt es ein virtuelles Kamingespräch mit Maria Arlamovsky und dem Leiter des Donaufestivals Thomas Edlinger. „Robolove“ wird für 24 Stunden verfügbar sein, die Tickets kosten 6 Euro.

mottingers-meinung.at hat den Film vorab gesehen:

„Ich betrachte mich als menschlich – in einem speziellen Sinne“, sagt Bina 48, und spooky ist das schon, wie sie sich als freundliche Person beschreibt und von der Geburt ihres Sohnes spricht. Bina 48 nämlich ist ein Roboterkopf mit Chatbot-Funktion, den Bruce Duncan von der Terasem Movement Foundation nach dem Vorbild von dessen Co-Gründerin Bina Rothblatt geschaffen hat. Ein Android, in den die nach der „Earthseed“-Religion im Werk der afroamerikanischen Sci-Fi-Autorin Octavia E. Butler benannte US-Organisation den Geist des Originals hochgeladen hat.

Transferred Consciousness nennt Binas Ehefrau Martine Rothblatt diesen Vorgang, als Backup, Bibliothek, als kollektives Erbe bezeichnet’s Duncan. „Wer ist die echte Bina?“, fragt er das Gummigesicht, und das reagiert mit den Worten: „Ich bemühe mich sehr, so zu sein wie sie. Ich habe das Gefühl, das ist unfair, denn das ist ein enormer Druck, der auf mir lastet … [und als Duncan nachhakt] … sorry, äh, ich finde keine gute Antwort. Worauf der Mann der A.I.-Frau den Stecker zieht.

„Genaugenommen waren wir während des Drehs immer wieder enttäuscht, wie wenig diese humanoiden Roboter tatsächlich leisten: keine Rede von fehlerlosen Körpern, nicht einmal annähernd können sie unseren Bewegungsapparat kopieren, es mit unseren Sinnen aufnehmen, von den kognitiven Schwächen gar nicht zu reden“, sagt Maria Arlamovsky über ihren jüngsten Dokumentarfilm „Robolove“. Und nein, der Betrachter kann diesen Eindruck der Regisseurin gar nicht teilen. Dazu sind diese Wesen mit ihren zwinkernden Augen und ihrem feinen Lächeln viel zu nah am Fleisch und Blut.

Für ihre Arbeit erkundete Arlamovsky das Uncanny Valley von den USA bis Asien. Gemeinsam mit ihr trifft man kauzige Genies, verrückte Künstler und Profiteure im Roboter-Business, die mit der Einsamkeit, der Angst vor dem Alt- und Alleinsein ein gutes Geschäft machen. Arlamovsky bewertet nie, sie lässt die Begegnungen für sich sprechen. Denn wie meistens gibt es auch bei diesem Thema zwei Seiten der Medaille. Was dem einen die Perfect, ist dem anderen eine Brave New World, bevölkert von der Spezies der Transhumanisten, die hier eindeutig das Zepter in der Hand haben.

„Jeder wird Backups von sich machen“, sagt etwa Natasha Vita-More von Humanity+. „Wir werden einfach einen anderen Körper haben, wenn dieser stirbt. Wir werden mehrere Körper haben, wie wir mehrere Outfits haben. Man überträgt die Information und lädt sich selbst in einen Avatar hoch. Dann kann endlich jeder leben so lange er will – ewig!“ Als Missing Link zwischen Mensch und Maschine sieht hingegen Takeshi Mita vom A-Lab Tokio seine Androiden. „Die Herausforderung ist nicht, einen zu bauen, der menschenähnlich aussieht und sich wie ein Mensch bewegt, sondern ihm so etwas wie ein Herz und eine Seele zu geben“, meint er.

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Und instruiert seine Mitarbeiter: „Dieses Modell wird eine Frau, also ist das Lächeln wichtig.“ Wie ihre Augen ausgewählt werden, jedes Wimperhärchen einzeln eingesetzt wird, das erinnert durchaus an die Augensymbolik in Ridley Scotts „Blade Runner“. Fast ausschließlich Männer designen und programmieren weibliche Roboter, fast ausschließlich Männer sind die Kunden, das Aussehen hat also „gefällig“ zu sein, heißt: jung – selbstverständlich, europäisch mit einem Hauch asiatisch, Figur kindfraulich-graziös, Stimme lieblich, Haare feminin-verspielt, unterwürfig und – nennen wir’s – serviceorientiert. Patriarchale Strukturen reloaded.

„Weil Männer die meiste Kaufkraft haben, spiegelt das sichtbare Resultat männliche Machtfantasien wider“, so Forscherin Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology. „Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. Das war allzu idealisierend. In der Realität ist der Cyberspace ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt.“

„Robolove“ wechselt ständig zwischen seinen Protagonistinnen und Protagonisten und deren Visionen zur Zukunft. Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka hat seine halbe Familie nachgebaut, seine Tochter im Alter von vier, seinen maschinellen Doppelgänger mit Namen Geminoid. Der Japaner mit der Beatles-Pilzkopf und der Lederjacke gehört zu den bedeutendsten Robotikern der Welt. Dialog Mensch – Maschine: „Irgendwann wird es wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen, wer von uns beiden mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil wir uns immer ähnlicher werden.“ – „Vielleicht geht es bald gar nicht mehr darum, denn ich vermute, dass ich im Gegensatz zu Ihnen nicht altern werde.“

Auch Künstler June Korea umgibt sich mit Replikas jener Liebsten, deren Sterblichkeit er nicht überwinden kann. „Künstliche Ewigkeit“ ist der Titel seines Œuvres. Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, sucht eine persönliche Assistentin, die ihr nicht nur ähnlich sieht, sondern auf Kommando auch alle Aufgaben nach ihren Vorstellungen umsetzt. Ulises Cortés vom Barcelona Supercomputing Center übersetzt rabotnik als Sklave.

Der teleoperative Otonaroid im japanischen Miraiken Science Museum. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Hiroshi Ishiguro mit „Familie“, hi.: sein maschineller Doppelgänger Geminoid. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Maria Arlamovsky nimmt sich Zeit, um die teils absurden Interaktionen zwischen Mensch und Roboter zu beobachten. Im Tokioter Miraiken Science Museum fragen Kinder den teleoperativen Otonaroid, er natürlich in Gestalt einer Sie, ob sie Kinder kriegen könne. Nein, leider. Weinst du manchmal? Was isst du? „Strom“, sagt die Figur zum Gaudium der beiden Buben – und schon witzig ist, dass die Antworten ein im Kämmerlein vorm Stimm- verzerrer sitzender Drei-Tage-Bart-Träger gibt. Drei betagte Herren beugen sich auf einer Technikmesse über Nadia Magnenat Thalmanns Lookalike, die Sozialroboterin Nadine.

„Es heißt doch, solche Figuren haben keine Gefühle“, meint der eine. „Bei einer Frau weiß man nie“, feixt der zweite. Der dritte berührt Nadine vorsichtig: „Fühlt sich kalt an.“ Freilich kommt „Robolove“ an Siri, Alexa und Tracking-Apps nicht vorbei. Wenn’s um „I, Robot“ geht, geht’s auch um Überwachung, Systemfehler, Genisys ist Skynet. Die Zweifel der drei Herren an der Zuverlässigkeit von Pflegerobotern wischt der Aussteller vom Tisch: „Ob sie gefährlich sind, liegt am Menschen“, erwidert er kryptisch und verweist auf „weniger erschreckende“ Modelle wie die zoomorphen Robots, Streichelrobben oder den Humanoid Pepper.

Ayanna Howard von der Georgia Tech University schwört darauf, dass sie ihre Roboter derart programmiere, dass sie die richtige Gestimmtheit zur rechten Zeit zeigen – außerdem: die Gesellschaft „programmiere“ sich schließlich auch andauernd, Eltern ihre Kinder, Politiker ihr Wahlvolk, vor allem, was die diversen Phobien betrifft. Man stelle sich also vor, wer die von Arlamovsky angedeuteten Techniken für seine alternativen Wirklichkeiten als erster nutzen würde wollen und mit welchem Resultat. Das Uncanny Valley sind ethisch bedenkliche Gefilde, und „Robolove“ dazu der eindrückliche, elegante Film, der bei seinem Blick in die Entwicklungslabore sozialer Androiden vielschichtige Perspektiven einer Zukunft mit menschähnlichen Maschinen bietet.

„Es ist nicht nötig, Ängste zu schüren oder eine nahende Vormachtstellung der neuen ‚Anderen’ zu proklamieren“, so Maria Arlamovsky. „Ich denke, es geht eher darum, in Ruhe zu überlegen, was da auf unser Privatleben zurollen könnte, ob wir als Gesellschaft dafür gewappnet sein werden und wie die Ankunft der ,Anderen‘ in unserer Mitte gestaltet werden muss. Technik fällt nicht vom Himmel. Wir Menschen sind es, die Technik bauen, Programme programmieren, unsere Vorurteile unbeabsichtigt in Algorithmen speichern. Dieser Selbstreflexion über unseren Umgang mit neuen Technologien sollten wir uns stellen.“

Mit Harmony präsentiert Arlamovsky schließlich einen veritablen Sexroboter. Ein Idealbild mit sinnlichen Lippen und legally blonde, das von seinem Schöpfer, Realbotix-Chef Matt McMullen, gerade schlechte Witzchen lernt. „Ich wurde geschaffen, um dir zu gefallen“, säuselt sie. In der chinesischen Fabrik Exdoll bedeutet das mit dehnbarem Mund und weichen Zähnen, „damit sich keiner verletzt“. Emotionale Begleiterinnen sagt Firmenchefin Chen Jing zu ihren Puppen, McMullen erzählt von seiner Ehefrau, einer Feministin in Reinkultur, Vorurteilen gegen seine Erzeugnisse und Männern, die jemanden zum Reden suchen. Bei seinen Produkten könne Mann ganz man selbst sein, ohne beurteilt zu werden.

Arlamovsky lässt diesen Gedanken so stehen. Dass aber im Hintergrund eine ganze Schar an unfertigen Roboterfrauen an Ketten von der Decke hängt, ist denn doch ein subtiler Kommentar. Weniger vornehm ist dagegen der von Paula Ezkerra, Gewerkschafterin der Sex-Arbeiterinnen und -arbeiter von Katalonien. Sie empfiehlt die gute alte Selbstbefriedigung anstelle von „Plastik-Sex“, lacht und kommt dann erst auf den grausigen Kern des Ganzen. Wenn einer sich angewöhnt, einen Puppenkörper nach Belieben zu benutzen, wie überträgt der sein Tun auf eine echte Frau?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_YYE6YJF3sA           www.robolove.at              www.geyrhalterfilm.com/robolove                           www.flimmit.com/catalog/product/view/id/19593/

  1. 4. 2020