Wiener Festwochen: Missing People

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Augen auf die Armut richten

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Im barocken Prunksaal ist die Party offensichtlich längst gelaufen. Aus dem Ruder gelaufen. Auf den roten Teppichen sind Flecken, die Gläser auf den Stehtischen schmutzig, an den Tellern kleben Essensreste, in manchem Brotstück hat ein Gast eine Zigarette ausgedämpft. Nun sind die Gäste fort – und niemand hat ihnen hinterhergeräumt. Nur ein Haufen Kleider, Taschen, ein paar Einkaufswagen zeugen von ihrer eben noch Anwesenheit.

Dies die Ausgangssituation von Béla Tarrs „Missing People“. Der ungarische Meisterregisseur, dessen „Sátántangó“ als eines der wichtigsten Werke der Kinogeschichte gilt, und der 2011 mitA Torinói ló“ seinen Rückzug vom Filmemachen erklärte, weil er mit dessen künstlerischen Mitteln alles gesagt hätte, kehrt nach langer Schaffenspause mit einer Uraufführung, einem Auftragswerk der Wiener Festwochen, zurück. Dass der streitbare Moralist sein letztes Wort doch noch nicht gesprochen hat, ist Ungarns Premier Viktor Orbán geschuldet, der ein Gesetz initiierte, dass Obdachlosen das Nächtigen auf der Straße verbietet, ohne freilich diesen Menschen einen alternativen Schlafplatz anzubieten. Sie sollen einfach nur aus der Sichtbarkeit, aus dem öffentlichen Raum der Städte vertrieben werden.

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Genau diesen Raum stellt Béla Tarr in seinem jüngsten Projekt, mit dem er sich erstmals an der Schnittstelle von Film, Installation und Performance bewegt, aus. Und zwar am Drehort selbst, der einstigen Winterreithalle im MuseumsQuartier, wo er das Publikum mit einer schmerzhaft dringlichen Kompromisslosigkeit veranlasst, die Augen auf die Armut mitten unter uns zu richten. Auf Stufen entlang der Wände sitzend, folgt man der Kamera von – wie stets bei Tarr-Werken – Fred Kelemen, der erst in ungewohnt leuchtenden Farben den Gelagemüll umrundet, bevor zum Tarr-typischen Schwarzweiß die ersten Gesichter erscheinen. Von großer Leinwand, die sich durch zwei weitere zu einer Art Triptychon erweitern kann, blicken im Wortsinn die, denn es sonst so ergeht, auf die Zuschauer herab.

Tarr hat viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht. Hat sie an ihren Aufenthaltsorten besucht, Misstrauen besänftigt, ihren täglichen Daseinskampf begleitet, versucht zu verstehen, wie es mit jedem einzelnen so gekommen ist. Eine Erfahrung, erzählt er in Gesprächen, die sein künstlerisches Selbstverständnis tief berührte. Selbstverständlich sind seine Bilder stilisiert, doch gerade dies stattet seine Akteure mit einer großen Würde aus, die Szenen, in denen sie ihren Alltagsverrichtungen nachgehen, wirken derart beinah gravitätisch, die Gesten hoheitsvoll, die Mimik majestätisch. Angeführt von einem Rollstuhlfahrer schreiten sie schließlich, nebelumwabert, in die Halle. Wie archaiische Krieger, denn tatsächlich lässt einen ihr Erscheinen auch an Tarrs „Macbeth“-Interpretation denken, während die Kamera Antlitz nach Antlitz erkennbar macht.

Nicht einfach ist es, diesen standzuhalten, den umschatteten Augen, die schauen, als hätten sie alles gesehen. Ein paar wenige, sie ohnedies auch auf der Straße Performer, tun sich mit einer kleinen Einlage hervor. Ein alter Mann mit weißem Bart singt einen wehmütigen Schlager, unwiderstehlich, herzzerreißend, ein Profi. Ein anderer sprüht sich mit Goldglanz ein, bis man in ihm die lebende Statue aus der Fußgängerzone erkennt. Eine Frau fertigt eine Petit-Point-Stickerei an, als wär’s eine Erinnerung an ein früheres Leben. Auch ein Lachen lässt Béla Tarr zu. Es hilft aus der Befangenheit – sowohl dem Publikum als auch denen, die hier zu Darstellern ihrer selbst werden. Dieser wundersame Abend bringt beide dazu, sich den anderen zu öffnen.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Zum Ende der „Missing People“ hebt sich ein Vorhang zu einem weiteren Teil des Saals, an Heurigentischen gibt es nun Getränke, Akkordeonmusik und die Möglichkeit zur Begegnung. Mit Glück entsteht so eine gesellige Runde, in der man sich aus der eigenen Wohlstandsexistenz herauswagen und es unternehmen sollte, die existenzielle Not seines nächsten Menschen zu begreifen. Das hat, wie die ganze Aufführung, etwas Heiliges und Heilendes. Schön, dass es den diesjährigen Festwochen zu ihrem Finale gelingt, Demarkationslinien in Köpfen, Feindbilder des Fremden, Grenzziehungen zwischen „uns“ und „denen“, so grandios zu überwinden.

TIPP: Am 15. Juni können beide Vorstellungen von „Missing People“ von Béla Tarr (18 und 21 Uhr) gegen Vorlage einer aktuellen Ausgabe der Wiener Straßenzeitung Augustin bei freiem Eintritt besucht werden. Karten sind nach Verfügbarkeit an der Abendkasse im Foyer der Halle E+G im MuseumsQuartier erhältlich.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3wicOihI8dM

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Sopro

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Dunkel ins Rampenlicht

Souffleuse Christina Vidal erzählt ihre Theatergeschichten. Bild: © Filipe Ferreira

Dem Publikum bescheren sie unvergessliche Momente, die Souffleusen und Souffleure in der „Gassn“ oder ersten Reihe. Wunderbar die Beflissene, deren Einsagen bei Bernhards „Der Schein trügt“ am Burgtheater alle im Saal verstanden hatten – nur Martin Schwab nicht, der sich mit einem ebenso gut hörbaren „Wie bitte?“ an sie wandte. Gelungen der Zuflüsterer, der Rainer Galke bei „Alte Meister“ am Volkstheater mit dem Burgenländischen vertraut machen wollte:

„schware kindheid ghobt.“ – „Was?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Was?“. An der Josefstadt wisperte die Stimme aus der Tiefe einmal so laut, dass Hausherr Herbert Föttinger nichts blieb, als ihren Satz mit einem finalen „Genau!“ zu parieren. Das ist charmant und unterhält und sorgt für ein Lächeln, das Wissen, dass die Schauspielgötter auch nicht unfehlbar sind und mitunter Hilfe aus der Unterwelt benötigen. Der portugiesische Dramatiker und Regisseur Tiago Rodrigues, Leiter des Lissabonner Teatro Nacional D. Maria II, würdigt seine Souffleuse nun mit dem Stück „Sopro“, zu Deutsch: Hauch. Seit 39 Jahren ist Cristina Vidal am Haus tätig und machte anfangs kein Hehl daraus, dass sie den „innovativen Einfall“ des Chefs, ihre Anekdoten zu einem Text zu montieren, für eine Schnapsidee hielt.

Nun steht sie auf der Bühne des Theaters an der Wien, eine kleine, grauhaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, doch nicht allein mit ihren Erinnerungen, sondern umgeben von einem fünfköpfigen Ensemble, dem sie – naja: souffliert. Heißt: Sie arrangiert die Schauspieler Szene für Szene so, wie sie’s braucht, und befördert in deren Ohren, was sie gesagt haben will, und siehe, beim Nachsprechen verwandeln sich die Darsteller die jeweiligen Situationen an: Maschas Schmerz, als Werschinin abreist, der Streit zwischen Antigone und Ismene, Harpagons Paranoia … Derart beschwört Vidal den Bühnenzauber, erzählt aus ihrem Leben, wie eine Tante sie mit dem Theatervirus infizierte, erzählt auch von der Liebe einer Intendantin zum arroganten „Jungen Helden“, weiß Geschichte um Geschichte, was alles schiefgehen und wie man’s retten kann.

Die Spielsituationen werden ins Ohr geflüstert. Bild: © Filipe Ferreira

Bild: © Christophe Raynaud de Lage

Die im Dunkel tritt ins Rampenlicht, und wie selbstverständlich werden die Akteure Beatriz Brás, Carla Bolito, Isabel Abreu, Marco Mendonça und Romeu Costa durch Vidals „Hauch“ zu immer neuen Figuren entwickelt, und es ist pure Magie, wie man als Zuschauer selbst bald mit diesem rauen, melodischen Portugiesisch mitzuatmen beginnt, als wär’s das Einfachste auf der Welt, während Vidal ein ganzes Gefühlsspektrum von lebensweise bis humorvoll bespielt. Tiago Rodrigues knüpft die Rückschau seiner Souffleuse an keinen linearen Handlungsfaden, er lässt sie ihren Stimmungen folgen. Wichtigster Sinn des ganzen Abends ist ihm der ewig gültige Glaube an den Wert von Drama, Theater, Literatur.

„Wir brauchen einen Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können“, sagt der Direktor im Stück. „Wir brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt.“ Rodrigues erweist sich als großer Liebender, und wer es ihm gleichtun kann, für den ist dieser Theaterabend ein einziges Glück. Am Ende offenbart Cristina Vidal, warum sie sich auf dessen Experiment doch noch eingelassen hat. Der jüngste Intendant, den das Teatro National Dona Maria II je hatte, ist am gleichen Tag geboren, an dem sie zum ersten Mal dort als Souffleuse gearbeitet hat – das machte Cristina in positivem Sinne abergläubisch.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=51&v=VSTKhKAV-8E

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Orest in Mossul

Juni 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater aus der Todeszone

Bild: © Michiel Devijver

Von „Breiviks Erklärung“ bis „Kongo Tribunal“, von Ceausescus Rumänien bis zum Völkermord in Ruanda – der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist einer, der den Finger in die Wunden dieser Welt legt, und dies nicht in der geschützten Werkstätte eines Stadttheaters, sondern vor Ort, mitten im Krisengebiet. Wobei Rau ein solches zur Verfügung steht, das Nationaltheater Gent, dessen Leiter er ist, und mit dessen Ensemble er das sogenannte „Genter Manifest“ veröffentlicht hat.

Erster Satz: „Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.“ Oberste Maxime: Mindestens eine Produktion pro Jahr in einer Gefahrenzone zu erarbeiten – „wörtliche Adaption verboten“. In Wien, wo Raus Arbeiten bisher selten zu sehen waren, präsentiert er nun im MuseumsQuartier seine jüngste, „Orest in Mossul“, für die das NTGent vergangenen Winter in den Irak reiste. Mossul, nördlich von Bagdad, nach diesem die zweitgrößte Stadt des Landes, 2014 vom Islamischen Staat eingenommen, drei Jahre später von irakischen Streitkräften zurückerobert, liegt in Trümmern. Auch durch die Bombardements der britischen und amerikanischen Verbündeten. Der IS ist zwar vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

In diese Ausgangssituation stellte Rau nun „Die Orestie“ des Aischylos, gespielt von flämischen, deutschen und irakischen Schauspielern, für letztere das Ganze mit einem Workshop verbunden, sie sind nun via Video als Chor zu sehen. Die Aufnahmen wurden in der zerstörten Kunstakademie von Mossul gedreht. Mit der Produktion durch Europa zu touren wird den Irakern nicht gestattet, Behörden befürchten Asylanträge.

Rau liebt das symbolisch Bedeutungsschwangere, hier ist es Mossul gleich Mykene, die endlose Reihe von Gewalt und Rache und Gegengewalt im Geschlecht der Atriden gleich der Lage der Menschen in Mossul. Doch während in der antiken Tragödientrilogie Pallas Athene den Mörder Orest freispricht, durch quasi Einführung der Demokratie dessen Taten tilgt – und auch noch die Erinyen zu Eumeniden besänftigt -, muss die Bevölkerung Mossuls die Waagschalen von Vergebung und Vergeltung ohne göttlichen Richtspruch austarieren. Und ist, um dies gleich vorwegzunehmen, zum Verzeihen nicht bereit. Am Schluss der Aufführung steht ein Weder-Noch: Nicht töten, aber auch nicht von der Schuld lossprechen. Da braucht’s nicht lang nachzudenken, wieviel Konfliktpotenzial das birgt.

Bild: © Michiel Devijver

Bild: © Michiel Devijver

Was Rau an der „Orestie“ interessiert, die Einführung eines modernen Rechtssystems, ein Ende der blutigen Abwärtsspirale durch einen Prozess, der eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft erlaubt, findet in der Realität nicht statt. Die Darstellerin der Athene, Khitam Idress, und ihre Familie waren direkt vom IS-Terror betroffen, so gibt sie bei der Abstimmung zwar wie vorgeschrieben Orest ihre Stimme, nicht aber gefangengenommenen Kämpfern des Kalifats. Derart spiegelt Rau jede Szene, lässt Filmsequenzen von Moscheeruinen und menschlichen Überresten auf Schutthalden mit auf der Bühne Gespieltem reagieren und umgekehrt. Die Ankunft von Agamemnon und Kassandra, Johan Leysen und Susana AbdulMajid, ist als Live-Video zu sehen, ein Begrüßungsmahl mit zunehmend gereiztem Smalltalk. Elsie de Brauw gestaltet die Klytaimnestra mit hoher Intensität und einer Anspannung, die sich elektrisierend auf den Zuschauer überträgt.

Dann wieder fällt Rau vom Künstlerischen ins Brisant-Politische. Nach dem Bild eines Hochhauses von dessen Dach der IS Homosexuelle in den Tod stürzte, zeigt er Orest und Pylades, Duraid Abbas Ghaieb und Risto Kübar, als schwules, sich küssendes Paar – keine ganz neue Idee, die hatte weiland schon Pasolini, und in der Halle E nicht der Rede wert, in Mossul hingegen ein lebensgefährlicher Protestakt und von Athene natürlich als „haram“ verteufelt. Auch die als Reenactment vorgeführten Hinrichtungen können in diese Kategorie eingeordnet werden.

Eine Neudeutung der „Orestie“ darf man sich von Milo Rau nicht erwarten, was „Orest in Mossul“ auslösen will, ist Betroffenheit. Und über diese ein weiteres Nachdenken. Das gelingt perfekt. Wenn einer der Darsteller sagt, laut Aischylos habe man aus dem Leiden zu lernen, die Frage sei nur: Was?, dann lässt einem dieser er/lösungsfreie Satz kaum Luft zum Atmen. Im Wissen, dass das Drama hier ja Wirklichkeit ist, und ein antiker Familienfluch ganz nah an einer heutigen Kriegsbiografie.

Video: www.youtube.com/watch?v=YzJlCzvLpII

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7. 6. 2019

Wiener Festwochen: Mary Said What She Said

Juni 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sensationelles Solo einer Schauspielkönigin

Bild: © Lucie Jansch

Die Aura eines Weltstars einzuatmen, dafür ist das Wiener Theaterpublikum immer schon zu haben gewesen. Nun also findet man sich im MuseumsQuartier von Angesicht zu Angesicht mit der grandiosen Isabelle Huppert, die französische Schauspielikone und Michael-Haneke-Intima, die bei den Festwochen einen Maria-Stuart-Monolog vollführt. „Mary Said What She Said“ heißt der fulminante Abend, natürlich restlos ausverkauft.

Für den Huppert nach „Orlando“ 1993 endlich wieder mit Regiegroßmeister Robert Wilson und Autor Darryl Pinckney zusammenarbeitet. Pinckneys Test orientiert sich an Originaldokumenten wie Briefen ebenso, wie am Stefan-Zweig-Roman und mutmaßlich auch an Schillers großem Königinnendrama. Mit einem Verweis für Auskenner geht die Aufführung auch los, die drei Schläge der dilettantischen Hinrichtung, die später dumpf zu hören sein werden, und die Mär vom Schoßhündchen, das Maria unter ihren Röcken versteckt hielt, und das, nachdem der Kopf schließlich gefallen war, blutverschmiert und verängstigt unter dem roten Stoff hervorstiebte. Wilson lässt in einem goldenen Bilderrahmen, der einen royalen Samtvorhang teilt, einen kleinen Terrier in Loops laufen. Er spitzt die Ohren zur Drehorgelmusik, fixiert die eintreffenden Zuschauer, dann geht’s wieder im Kreis dem eigenen Schwanz hinterher. Bis es als Untertitel dasteht: „You fool me, I’m not too smart“, ein weiterer, ein zynischer Fingerzeig auf die Ausweglosigkeit der Lage, in der sich die Getriebene in der Gefangenschaft befindet.

Vorhang hoch und Blick frei auf den Wilson-typischen leeren Raum. Die schottische Königin steht weit entfernt, eine Silhouette im Gegenlicht eines gigantischen Rundhorizonts, in dem beständig dämmriges Grau, rote Schlieren, bleiches Blau ineinander verschwimmen. Als wär’s ein Gemälde in Bewegung. Das Spiel der Huppert darin ist statisch, in dunkelbrokatener Robe inszeniert sie majestätisch Gesten und Posen, zelebriert sie den Auftritt Marias als immer noch Herrscherin. In Wilsons raffinierter Bewegungschoreografie wirkt sie wie eine Marionette, die der Meister per einer rätselhaften Maschine kontrolliert. Musik setzt ein, komponiert von Ludovico Einaudi, wechselt von feierlich zu melodramatisch zu bedrohlich – und ist mitunter so dicht, dass sie wie eine weitere von außen wirkende Kraft ist, gegen die die Königin sich stemmen muss. Was Darryl Pinckney der Huppert auf den Leib geschrieben hat, ist der Gedankenstrom, der in den letzten Momenten vor ihrem Tod durch Marias Kopf wirbelt.

Bild: © Lucie Jansch

Bild: © Lucie Jansch

Wild kreist ihre Gefühlswelt, wenn sie über Familie spricht, ihre kindlich-geilen, seelisch schwachen Männer, die Last ihrer Schönheit, den Hass auf die Schwiegermutter, ihre Feindin, „die gepuderte Jungfrau“, die Liebhaber durch die Hintertür hereinlässt, immer wieder kommt die Rede auf jene anderen vier Marys, wie sie damals kleine Mädchen, die ihr als Kammerdienerinnen nach Frankreich mitgegeben wurden. Sie grübelt über das Schicksal ihrer Haustiere, über Katholizismus und Kerkerhaft, über Macht, Liebe und Verrat. Dabei enthalten ihre Worte keinen Funken Verzweiflung oder Bedauern, sie sind vielmehr ein Versuch, ein Leben in politischen und privaten Vorkommnissen, zwischen Intrige, Mord und dem Chaos der eigenen Existenz zu fassen. Die Marys von früher adressiert sie dabei, als könnte sie sie tatsächlich noch ansprechen – vor wem sich rechtfertigen und wofür?

Lange agiert Huppert im Schatten. Jacques Reynauds Kostüm lässt ihren Kopf wirken, als wäre er bereits vom Körper abgetrennt, totenweiß gepudert liegt er auf der Halskrause, ein Objekt in Wilsons in ihrem Minimalismus plakativen Tableaux, wie ein hell leuchtender Schuh oder gegen Ende ein Stuhl, den Lichtstrahlen und Nebelschwaden auf seine wohl transzendente Bedeutung hin betonen. Alldieweil wird Mary auf ihrem Weg auf die andere Seite zunehmend jenseitiger. Huppert steigert sich in rasantem Tempo und ungeheurer Präzision in einem Sog aus Emotionen, der tiefe Fall einer hoheitlichen Frau, dass es einen Staunen macht.

Ihr Gesicht dabei eine einzige Verachtung, Hohn und Spott über ihre Gegner, dann wieder grelles Lachen, ein Grunzen, ein Brabbeln, ein Antworten auf die eigene Stimme, als würde der Wahnsinn sie längst regieren. Sie tanzt eine einsame Quadrille, durchmisst die Bühne mit rudernden Armen oder im Rückwärtsgang die Schräge hinauf – in furioser Trance schneidet sie Wilsons Raum in Teile, der sich prompt von oben herab meldet. „Mary Said What She Said“ ist als Gesamtkunstwerk perfekt, die Ästhetik, kühl und kühn, kontrastiert mit der exaltierten Performance der Huppert. Dass Maria Stuart sich immer als „die einzig Wahre“ bezeichnet hat, ist bekannt. Gleiches mag nach diesem Solo einer Schauspielkönigin auch für Isabelle Huppert gelten.

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  1. 5. 2019