Wiener Festwochen reframed: Versuch über das Sterben

September 11, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Boris Nikitin redet über den Tod seines Vaters

Bild: Donata Ettlin

Von der „Fähigkeit, sich öffentlich zu äußern, sich vor anderen körperlich oder verbal zu exponieren, sich sichtbar und angreifbar zu machen, sich zu outen, soziale und letztlich politische Teilhabe auszuüben und dabei die eigene alltägliche Angst, und sei es auch nur ein bisschen, zu überwinden“, schreibt der Basler Regisseur und Autor Boris Nikitin Anfang Juni im Standard. Im Getriebe um die Pandemie nennt er das Teilen von Verwundbarkeit die Grundlage aller Solidarität.

„Vulner-ability“ ist der Begriff, den Nikitin dafür geprägt hat: „Nur wenn die einen von sich erzählen, können andere sagen: So geht es mir auch.“ Sagt er. Und zeigt bei den Wiener Festwochen reframed – nach „24 Bilder pro Sekunde“ zu Beginn der Woche – nun sein Solo „Versuch über das Sterben“, beide Abende basierend auf einer schmerzlichen persönlichen Erfahrung, dem qualvollen Tod seines Vaters, der 2016 an der neurologischen Erkrankung ALS verstarb.

Unheilbarkeit, körperlicher Verfall bei klarem Bewusstsein, es ist Schreckliches, mit dem Nikitin sein Publikum, und dieses Teil einer Gesellschaft, die den Tod nicht mehr in ihre Mitte lässt, ja dessen Existenz so lange es irgend geht negiert, konfrontiert, die Versuchsanordnung minimalistisch, nur er, der Text, ein Sessel. Was „Versuch über das Sterben“ ausmacht, ist die Zärtlichkeit, die bescheidene und doch nachdrückliche Intimität, mit der Nikitin berührt. Nikitin nimmt einen mit in sein Nachdenken, derart gestaltet er seine biografische Bruchstelle zum existenzphilosophischen Essay.

Die Krankheit hat kurzen Prozess gemacht, von der Diagnose bis zum Tod dauerte es knapp ein Jahr. Früh schon äußert sich der Vater über einen assistierten Suizid, er sucht den „Exit“. Eine Aussage, die alles ändert. Nikitin verbindet des Vaters Outing mit seinem eigenen Coming-Out als schwuler Mann vor zwanzig Jahren.

Monat um Monat verschiebt der Vater die Einnahme des finalen Medikaments. Sein und Nichtsein zugleich. Erste Sätze von „Versuch über das Sterben“ entstanden, als sich Nikitin gerade mit dem „Hamlet“ beschäftigt. Ausgerechnet. Die Geschichte eines Sohnes, der um den Vater trauert. Nikitin entwirft sie als sehr eigenwillige Vision über Identität, Krankheit und Wirklichkeit. Seit „F wie Fälschung“ tut er das, Wirklichkeiten verhandeln, die der Mensch herstellt, weil er sie darstellt. Immer sind seine Arbeiten auch Porträts der Performerinnen und Performer, jetzt: Seitenwechsel. Nikitin verhandelt sich selbst.

Betont beiläufig macht er das. Betritt die Halle G im MQ, steuert sein einziges Requisit an, setzt sich, liest, sachlich: was der Vater nicht mehr konnte – essen, was er noch konnte – den Kopf drehen, sehr langsam, Nikitin zeigt es vor. Sterben, sagt Nikitin, ist das Letzte, was ein Körper alleine kann. Dann der Tod. Das erste Textblatt fällt. Mehr Inszenierung ist nicht. Zumindest nicht sichtbar. Doch ein Hamlet’scher Zorn auf die Krankheit, „die Angst vor sich selbst“, „die Konditionierung im Kopf“, heißt: wenn dem Gehirn das Verlernen misslingt, das Aufbegehren gegen gesellschaftlich verhängte Schamgrenzen, hängen im Raum. Nikitin teilt den Zuschauern das Unausgesprochene mit. Dies ist seine „Vulner-ability“.

„Versuch über das Sterben“ wird so zur Utopie, zum Versuch einer Verletzlichkeit, die kein Makel im Menschsein ist, sondern eine revolutionäre Fähigkeit. Grundlage der Empathie, sagt die Hirnforschung, ist die Selbstwahrnehmung. Je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie die Empfindungen anderer deuten und darauf reagieren. In Tagen, in denen Objektifizierung wieder vielerorts das Mittel der Wahl ist, ist Nikitin, Kind ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, jenen Zeitgenossen um Lichtjahre voraus.

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  1. 9. 2020

Wiener Festwochen reframed: Farm Fatale

September 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Oz-Märchen als Öko-Manifest

Hat von seinen Bauern das Demonstrieren und den Bankraub gelernt: Gaëtan Vourc’h als Aktivistenscheuche Pécoton. Bild: © Martin Argyroglo

Nicht zu leugnen, der erste Gedanke ist: Mike Myers‘ Zombie-Apokalypse. Wie sie da besenstielsteif in den weißen Nicht-Ort stolpern, den Köpfen groteske Masken übergestülpt, die Stimmen zu gruseliger Horror-Höhe verzerrt, aus den lumpigen Latzhosen quillt an Händen, Füßen, Brustkörben das Stroh … Und davon schleppen sie noch mehr herbei, Heuballen, ein lebensgroßes Kunststoff- schwein, auf das ein Hammerklavier geklebt ist … Sie streicheln ein Vetter-It-artiges Fellwesen,

das sich noch als mysteriöser Messias entpuppen wird und lauschen andächtig dem Chor der Vogelstimmen … Und dann, schwupps, gerade dachte man noch: Wie kindisch ist das bitte?, sind sie einem ans Herz gewachsen, die fünf Vogelscheuchen, die die „Farm Fatale“ des französischen Bilderzauberers Philippe Quesne bevölkern – und mit der der Regisseur und Bühnenbildner im Rahmen der Wiener Festwochen reframed im MuseumsQuartier Quartier aufgeschlagen hat. Ein Schmunzeln umfängt die Halle G, ein Gefühl von Empathie und Mildtätigkeit, denn die „Scarecrows“ haben sich zu „Carecrows“ weiterentwickelt, die sich um alles Leben sorgen, von abgestürzten Plastikvögeln bis zu unsichtbaren Insekten.

Was ist passiert? Die Menschen haben’s vermasselt. Klimakatastrophe, Artensterben, Glyphosat, der dieses einsetzende Bauernstand erwies sich als besonders suizidal, allein blieben die Vogelscheuchen zurück. Welch Bild davon, was für den Planeten das Beste wäre, ein (menschen-)leerer Raum, die Erde reframed. Und Philippe Quesnes bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz samt einiger eingeösterreicherter Scherzchen, diese 2.0-Version des „Zauberer von Oz“-Märchens deklariert sich derart plötzlich als Ökö-Manifest. Als radikale Geste, die Richtung: Verantwortung, Veränderung, Neuanfang, die Vogelscheuchen dabei die Strohmänner und eine -frau für Philippe Quesnes Philíppika.

Léo Gobin, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Julia Riedler und Gaëtan Vourc’h sind ins Heu geschlüpft, der Vogelgesang, wird klar, kam vom Tonband, die landwirtschaftlichen Schreckgestalten, aufgestellt zur Mehrung der wirtschaftlichen Erträge, vermissen nun schmerzlich, was sie einst verjagt haben. Da geht’s längst nicht mehr um „No birds, no jobs“, wie eine sagt, da geht’s um die Weissagung der Cree: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken …“ Die Vogelscheuche Mensch ist noch nicht solchermaßen am Ende, dass sie ihren Fehler erkennt, die Quesne-Figuren haben im zerstörten Land ihr Denkvermögen gefunden.

Chefinterviewerin Sissi: Julia Riedler mit Stefan Merki und Gaëtan Vourc’h. Bild: Martin Argyrogolo

Die Farm-Band: Léo Gobin, Damian Rebgetz, Gaëtan Vourc’h, Stefan Merki und Julia Riedler. Bild: Martin Argyroglo

Léo Gobin, Gaëtan Vourc’h, Julia Riedler, Damian Rebgetz und Stefan Merki. Bild: Martin Argyroglo

Damian Rebgetz als ehemals kleingärtnerische Dekoscheuche Russell. Bild: Martin Argyroglo

Keine Bange, so philosophisch-ernst wie es Emanuele Coccia in seiner „Bekehrung der Vogelscheuchen“ im Programmheft darlegt, ist das Theaterstillleben nicht. Die fünf sind Quesne’isch tiefenentspannte Radiomacher und zugleich die Band ihres Piratensenders, Damian Rebgetz außerdem ein wundersamer Weißclown namens Russell, der daran zu knabbern hat, dass er „nur“ die Dekoscheuche veganer Kleingärtner war. Auftritt ein Neuankömmling, Gaëtan Vourc’h als Aktivist Pécoton, der seinen Pappschild-Spruch „No Nature – No Future“ als Kampfansage vor sich herträgt, haben ihm seine Bauersleute doch neben dem Demonstrieren auch den Bankraub beigebracht, doch wohl noch nie war Aktivismus so tollpatschig, so bedächtig, so ohne jede Hast.

Freudig wird mit dem Armen gewackelt, wenn etwas gefällt, und wie großartig tragikomödiantisch die fünf spielen, zeigt sich, als sie ein ausgefallenes Headset-Mikrofon in ihre Erzählung einbauen. Atmosphärische Störungen über Wien erklärt Julia Riedler als Sissi, die Chefinterviewerin des Senders, der gemeinsam mit Stefan Merki die schönste Szene geschenkt ist: ein Talk, nachdem das Porträt genmanipulierter Karotten bei der Redaktionssitzung durchgefallen ist, ein Talk mit der letzten lebenden Biene, eine Königin ohne Volk, die nur Schwyzerdütsch spricht, weshalb Merki als Dolmetscher fungieren muss.

So anrührend kann skurril sein, wobei keine noch so aberwitzige Pointe von „To Bee or Not To Bee“ bis „Let It Bee“ verschont bleibt, zum Thema Bee-sexuality verweigert die Royal-Lady die Auskunft … Dazwischen wird musiziert, bis die Scheune brennt, Léo Gobin kann’s aber – auf der E-Gitarre schrammeln. Quesnes kleine Basisdemokratie funktioniert dank/trotz ihres naiven Charmes, mit Sanftmut und Idealismus wird an einer politischen Utopie gebaut, die Idee dem nachbarlichen Industrielandwirt mit Gewalt den Garaus zu machen, denn doch durch musikalischen „Terrorismus“ ersetzt – und wenn Stefan Merki, früher der Stolz bankrottgegangener Biobauern, singt „It’s not easy being green“, dann ist das tagesaktueller als würde einem einer mit Heugabeln und Dreschschlegeln die Botschaft einbläuen. Der surreale Scheuchenstaat hält den realen einen Spiegel vor, in dem sie sich erkennen müssen, wie Dorian Gray sich in seinem Bildnis.

Nach beinah mörderisch wird’s mystisch. Die Vogelscheuchen sind nicht nur die Konservatoren aller Geräusche der Natur, sie sind die Hüter jener Eier, die der mechanisch bewegte Flokati legt, in ihnen die Anlage für unzählige Spezies, die bunt leuchtenden Keimzellen ein Hort diversester Arten, gepflegt mit dem Saft der wertvollen Matsutake Pilze – und schon legt die pelzige Kreatur ein neues … Wie und was bleibt rätselhaft, und gerade das macht den tagträumerischen Reiz des Abends aus. In Oz wünscht sich die Vogelscheuche Verstand, ihre Nachfahren wollen, dass wir den unseren einsetzen.

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Trailer: www.youtube.com/watch?v=TeG7sRRCx-0           vimeo.com/327260662

  1. 9. 2020

Kunsthalle Wien/Wiener Festwochen: And if I devoted my life to one of its feathers?/Ho Tzu Nyen: No Man II

Mai 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Wien wird zum Ausstellungsraum

Chto Delat: Eine Feder, visualized by Dmitry Vilensky, 2020, Courtesy die Künstler*innen

Ursprünglich für den Frühsommer 2020 geplant, ist die gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen, „And if I devoted my life to one of its feathers?, kuratiert von Miguel A. López, auf das kommende Jahr verschoben. Eine Auswahl von Arbeiten für den öffentlichen Raum gibt nun allerdings einen ersten Vorgeschmack:

Ab 1. Juni sind eigens für dieses Projekt geschaffene Statements von sechs Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal – auf 250 großformatigen Plakatflächen in ganz Wien verteilt zu sehen.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versucht, einige der Stimmen und Themen der Schau in ein Medium zu übersetzen, das mit den Hindernissen und Umständen vereinbar ist, mit denen Kulturschaffende in aller Welt dieser Tage umgehen müssen. López hat sie eingeladen, Arbeiten zu kreieren, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren.

In jedem Werk kommt eine andere Sicht auf die Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft. Ganz im Geiste der ursprünglichen Schau wollen diese Interventionen eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung sowie gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Der öffentliche Raum ist zuletzt zum Schauplatz der einschneidendsten Veränderungen in unserem Alltag geworden. Zuerst war er unzugänglich oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Jetzt aber ist in Wien ein Wiederaufleben der Möglichkeiten zu sehen, die er für einen körperlich erlebbaren und gesellschaftlichen Dialog bietet – und die künstlerisch aktiviert werden wollen.

„Der Titel ,And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum‘ zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen“, so Miguel A. López. Und weiter: „Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie das Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war  klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.“

Daniela Ortiz: Papa, with P for Patriarchy, 2020, Courtesy die Künstlerin

Manuel Chavajay: Tz’ikin, 2020, Bild: Josue Samol, Courtesy der Künstler

Prabhakar Pachpute: A plight of hardship, 2020, Bild: P. Pachpute & Amol K Patil, Courtesy der Künstler

Die fünf besten Beiträge:

Chto Delat: Kollektiv, gegründet 2003 in Petersburg –  Eine Feder, visualisiert von Dmitry Vilensky, 2020. Der Beitrag des russischen Kollektivs Chto Delat bedient sich der Ästhetik sowjetischer Anti-Atomkriegs-Plakate aus den 1970ern, in denen ausgeschnittene Bilder zu einer Darstellung bedrohlicher Szenarien collagiert sind, die verheerende Umweltzerstörungen zeigen. Die Frage, die Chto Delats grafische Arbeit aufwirft – „Und wenn nun eine Feder vom Körper abfällt?“ – reformuliert spielerisch den Titel der Ausstellung und fordert uns auf, den Ursprung der Corona-Pandemie als „Schwarzen Schwan“ zu begreifen: ein unvorhersehbares und unerwartetes Ereignis, das schwerwiegende Folgen nach sich zieht. In der spekulativen Fiktion der Arbeit ist eine vernetzte und globalisierte Welt zum Spielball eines Nacktmeerschweinchens geworden, einer Abart des Meerschweinchens, die 1978 von Wissenschaftlern gezüchtet wurde.

Daniela Ortiz: aus Cusco, Peru – Papa, with P for Patriarchy, 2020. Diese Arbeit der antikolonialen Künstlerin und Aktivistin Daniela Ortiz bewirbt ein von Hand gezeichnetes Kinderbuch über einen Vater, der ein Held ist – aber ein Held des Patriarchats. Das Bild stellt die diversen Figuren in einer Geschichte vor, die den rechtlichen Mechanismen nachgeht, die hinter rassistischen und patriarchalen Übergriffen und Gewalt stecken. Ortiz zeigt auf, dass psychische Unterdrückung und die mit ihr verbundenen Formen wirtschaftlichen, seelischen, körperlichen und emotionalen Gefangenseins, wie insbesondere alleinerziehende Mütter sie erfahren, der gesellschaftlichen Isolation ähneln, die den Menschen wegen der Covid-19-Pandemie auferlegt wurde. Das Buch kann unter kunsthallewien.at/papapatriarchy kostenlos heruntergeladen werden.

Manuel Chavajay: aus San Pedro La Laguna, Guatemala – Tz’ikin, 2020. Der Künstler Manuel Chavajay, ein Angehöriger des Maya-Volks der Tz’utujil, stellt Tz’ikin dar, einen der zwanzig nahuales der mittelamerikanischen Kosmologie, in der sie als persönliche spirituelle Begleiter und Schutzgeister der Menschen auftreten. Die Figur hält einen Goldbarren und steht so symbolisch für die Sicht des Westens auf die angestammten Gebiete der Maya: als Ort der Kapitalakkumulation durch Rohstoffextraktion – mittels der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Das Wort „Ru k’ayewaal“ unter der Figur stammt aus dem Tz’utujil und kann mit „wegen einer aufgezwungenen Gewaltsituation in Not“ übersetzt werden.

Prabhakar Pachpute: aus Pune, Indien – A plight of hardship, 2020. Die Figur, die in Prabhakar Pachputes Zeichnung ihrer Wege geht, ist aus Körperteilen, persönlicher Habe und Putzzubehör zusammengesetzt und erinnert so an die Ikonografie diverser indischer Göttinnen, die mit Seuchen in Verbindung gebracht werden. So lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Kehrseite des erlahmenden Alltagslebens in aller Welt und der landesweiten Ausgangssperren: Die schlecht bezahlten Arbeitskräfte, die mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten während der Pandemie den sprichwörtlichen Laden am Laufen halten, haben oft keinen Zugang zu Leistungen wie bezahltem Urlaub und einer Krankenversicherung. Die wandernde Figur lässt auch an Migranten denken, die sonst nirgends hinkönnen, oder vielleicht an die derzeitige Massenflucht aus dicht bevölkerten Städten aufs Land. Unter den diversen Schichten, die die Figur sich übergezogen hat, wird eine als Gewalt erfahrene Rechtlosigkeit und insbesondere das Fehlen von Arbeitnehmerrechten erkennbar.

Inhabitants mit Margarida Mendes – What Is Deep Sea Mining?, 2018–20. Inhabitants ist ein 2005 von den portugiesischen Künstler*innen Pedro Neves Marques und Mariana Silva gegründeter Onlinekanal für Videos und dokumentarische Arbeiten, die Themen rund um den Umweltschutz und das Anthropozän untersuchen. Das gezeigte Schaubild gehört zu einem größeren Forschungsprojekt zur Bergbauindustrie in der Tiefsee, die beginnt, die Weltmeere ihrer Profitgier zu unterwerfen. Es wirft ein Schlaglicht auf laufende Erkundungen im Rahmen geplanter Tiefseeminen, die sich über eine Fläche der Größe Europas erstrecken sollen. Die Verwüstung des Meeresbodens stellt nicht nur für Meeresflora und -fauna und ganze Ökosysteme, sondern auch für den weltweiten Kampf gegen Umweltungerechtigkeit und die nahende Klimakatastrophe eine akute Bedrohung dar.

Inhabitants with Margarida Mendes: What is Deep Sea Mining?, 2018–2020, Courtesy die Künstler*innen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

Wiener Festwochen – Ho Tzu Nyen: No Man II

Die Videoinstallation „No Man II“ von Ho Tzu Nyen ist die einzige künstlerische Arbeit der Wiener Festwochen 2020, die in ihrer geplanten Form stattfinden kann. Von 2. Juni bis 30. September belebt die Installation mit einem geisterhaften Chor aus Menschen, Tieren, Hybriden und Cyborgs die Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Die Arbeiten des singapurischen Videokünstlers und Theatermachers Ho Tzu Nyen sind visuell beeindruckende Werke mit einer Unzahl kultureller Referenzen. Zentrales Thema ist bei Ho die Erforschung der kulturellen Identitäten Südostasiens, die von so vielen Einflüssen überschrieben wurden, dass eine Reduktion auf einen gemeinsamen historischen Kern fast unmöglich ist. „Kein Mensch ist eine Insel für sich allein.“

Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf eine Zeile des englischen Dichters John Donne aus dem Jahr 1624.No Man II“ vereint 50 aus Onlinematerial digital generierte Figuren. Sie bilden eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung, animiert mit zwiespältig anmutenden Bewegungen, vom harmlos menschlichen Verhalten bis zum taumelnden Gang der Zombies. Vielleicht sind sie eine kleine Auswahl der figurativen Imagination der Menschheit quer durch die Geschichte. Vielleicht sind sie „wir“. Vielleicht auch „wir“ nach „uns“, wenn die menschliche Spezies verschiedene Mutationen durchlaufen haben wird. Ein unerwartetes Echo findet diese faszinierende Choreografie digitaler Körper durch ihre Platzierung im städtischen Raum, wenn sie mit den Bewegungen der Passantinnen und Passanten in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz interagiert.

kunsthallewien.at             … von Brot, Wein, Autos …: www.mottingers-meinung.at/?p=40411

www.festwochen.at           Ho Tzu Nyens „No Man II“: www.mottingers-meinung.at/?p=40289

  1. 5. 2020

Wiener Festwochen: Christophe Slagmuylders Plan C

Mai 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tägliche Theater-Gesten und zwei Ausstellungen

Kay Sara und Milo Rau: Against Integration. Bild: Heloisa Bortz

Heute stellte Intendant Christophe Slagmuylder seinen Plan C – C wie #Corona – für diesjähigen Festwochen vor, die am 15. Mai hätten starten sollen – und das werden sie auch, als Festwochen 2020 reframed. Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die die beiden im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online erscheinen, am gleichen Tag Der Standard eine Beilage beilegen, mit Beiträgen zum Programm und als Forum für die Stimmen jener Künstlerinnen und Künstler, die man im Mai/Juni eigentlich nach Wien einladen wolle. Sie soll Print-Zeugnis eines Festivals sein, das nun nicht stattfindet …

„Von 15. Mai bis 20. Juni wird im Netz Tag für Tag jedes Werk aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet“, so Slagmuylder über weitere Ideen. Derart wird eine Sammlung kleiner ,Gesten‘ entstehen, mal aus existierendem Material, mal als Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wird auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens „No Man II“ die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, in Form einer Plakat-Aktion ins Freie übersiedeln.

Apropos, Plakat: Statt die Festivalkampagne wie jedes Jahr in den Stadtraum zu tragen, haben die Festwochen Freunde, Mitarbeiter und Künstler gebeten, die Plakate in ihrer derzeitigen Umgebung in Szene zu setzen. Die Beiträgen sind ab morgen in den Social-Media-Kanälen der Festwochen mit den Hashtags #festwochen2020 #reframed zu entdecken gibt. Wer mitmachen und die Welt verschönern möchte, schickt ein Mail mit Adresse an s.preindl@festwochen.at Vermehrt Schönes! Auch in den eigenen vier Wänden.

Die diesjährigen Festwochen-Plakate von Freunden, Künstlern und Mitarbeitern in Szene gesetzt. Bild: © diverse

Ho Tzu Nyen: No Man II, 2017. Bild: Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

And if I devoted my life to one of its feathers? – Jim Denomie: Standing Rock, 2016, Courtesy der Künstler

Intendant Christophe Slagmuylder präsentiert seinen Festwochen-Plan C. Bild: Andreas Jakwerth

„Abhängig davon, was realisiert werden darf und kann“, will Slagmuylder zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden lassen, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. mottingers-meinung.at wird rechtzeitig berichten.

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7. 5. 2020

Wiener Festwochen: Missing People

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Augen auf die Armut richten

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Im barocken Prunksaal ist die Party offensichtlich längst gelaufen. Aus dem Ruder gelaufen. Auf den roten Teppichen sind Flecken, die Gläser auf den Stehtischen schmutzig, an den Tellern kleben Essensreste, in manchem Brotstück hat ein Gast eine Zigarette ausgedämpft. Nun sind die Gäste fort – und niemand hat ihnen hinterhergeräumt. Nur ein Haufen Kleider, Taschen, ein paar Einkaufswagen zeugen von ihrer eben noch Anwesenheit.

Dies die Ausgangssituation von Béla Tarrs „Missing People“. Der ungarische Meisterregisseur, dessen „Sátántangó“ als eines der wichtigsten Werke der Kinogeschichte gilt, und der 2011 mitA Torinói ló“ seinen Rückzug vom Filmemachen erklärte, weil er mit dessen künstlerischen Mitteln alles gesagt hätte, kehrt nach langer Schaffenspause mit einer Uraufführung, einem Auftragswerk der Wiener Festwochen, zurück. Dass der streitbare Moralist sein letztes Wort doch noch nicht gesprochen hat, ist Ungarns Premier Viktor Orbán geschuldet, der ein Gesetz initiierte, dass Obdachlosen das Nächtigen auf der Straße verbietet, ohne freilich diesen Menschen einen alternativen Schlafplatz anzubieten. Sie sollen einfach nur aus der Sichtbarkeit, aus dem öffentlichen Raum der Städte vertrieben werden.

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Genau diesen Raum stellt Béla Tarr in seinem jüngsten Projekt, mit dem er sich erstmals an der Schnittstelle von Film, Installation und Performance bewegt, aus. Und zwar am Drehort selbst, der einstigen Winterreithalle im MuseumsQuartier, wo er das Publikum mit einer schmerzhaft dringlichen Kompromisslosigkeit veranlasst, die Augen auf die Armut mitten unter uns zu richten. Auf Stufen entlang der Wände sitzend, folgt man der Kamera von – wie stets bei Tarr-Werken – Fred Kelemen, der erst in ungewohnt leuchtenden Farben den Gelagemüll umrundet, bevor zum Tarr-typischen Schwarzweiß die ersten Gesichter erscheinen. Von großer Leinwand, die sich durch zwei weitere zu einer Art Triptychon erweitern kann, blicken im Wortsinn die, denn es sonst so ergeht, auf die Zuschauer herab.

Tarr hat viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht. Hat sie an ihren Aufenthaltsorten besucht, Misstrauen besänftigt, ihren täglichen Daseinskampf begleitet, versucht zu verstehen, wie es mit jedem einzelnen so gekommen ist. Eine Erfahrung, erzählt er in Gesprächen, die sein künstlerisches Selbstverständnis tief berührte. Selbstverständlich sind seine Bilder stilisiert, doch gerade dies stattet seine Akteure mit einer großen Würde aus, die Szenen, in denen sie ihren Alltagsverrichtungen nachgehen, wirken derart beinah gravitätisch, die Gesten hoheitsvoll, die Mimik majestätisch. Angeführt von einem Rollstuhlfahrer schreiten sie schließlich, nebelumwabert, in die Halle. Wie archaiische Krieger, denn tatsächlich lässt einen ihr Erscheinen auch an Tarrs „Macbeth“-Interpretation denken, während die Kamera Antlitz nach Antlitz erkennbar macht.

Nicht einfach ist es, diesen standzuhalten, den umschatteten Augen, die schauen, als hätten sie alles gesehen. Ein paar wenige, sie ohnedies auch auf der Straße Performer, tun sich mit einer kleinen Einlage hervor. Ein alter Mann mit weißem Bart singt einen wehmütigen Schlager, unwiderstehlich, herzzerreißend, ein Profi. Ein anderer sprüht sich mit Goldglanz ein, bis man in ihm die lebende Statue aus der Fußgängerzone erkennt. Eine Frau fertigt eine Petit-Point-Stickerei an, als wär’s eine Erinnerung an ein früheres Leben. Auch ein Lachen lässt Béla Tarr zu. Es hilft aus der Befangenheit – sowohl dem Publikum als auch denen, die hier zu Darstellern ihrer selbst werden. Dieser wundersame Abend bringt beide dazu, sich den anderen zu öffnen.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Zum Ende der „Missing People“ hebt sich ein Vorhang zu einem weiteren Teil des Saals, an Heurigentischen gibt es nun Getränke, Akkordeonmusik und die Möglichkeit zur Begegnung. Mit Glück entsteht so eine gesellige Runde, in der man sich aus der eigenen Wohlstandsexistenz herauswagen und es unternehmen sollte, die existenzielle Not seines nächsten Menschen zu begreifen. Das hat, wie die ganze Aufführung, etwas Heiliges und Heilendes. Schön, dass es den diesjährigen Festwochen zu ihrem Finale gelingt, Demarkationslinien in Köpfen, Feindbilder des Fremden, Grenzziehungen zwischen „uns“ und „denen“, so grandios zu überwinden.

TIPP: Am 15. Juni können beide Vorstellungen von „Missing People“ von Béla Tarr (18 und 21 Uhr) gegen Vorlage einer aktuellen Ausgabe der Wiener Straßenzeitung Augustin bei freiem Eintritt besucht werden. Karten sind nach Verfügbarkeit an der Abendkasse im Foyer der Halle E+G im MuseumsQuartier erhältlich.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3wicOihI8dM

www.festwochen.at

  1. 6. 2019