Michael Sturminger im Gespräch

Januar 19, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Casanova Variations“: John Malkovich hoch Drei

John Malkovich, Veronica Ferres Bild: © Amour Fou Vienna

John Malkovich, Veronica Ferres
Bild: © Amour Fou Vienna

Publikum strömt gut gelaunt in die Oper. An der Garderobe werden die Mäntel abgegeben, das erste Glas Champagner getrunken, die Plätze eingenommen. Casanova alias John Malkovich tritt auf – und bricht auf offener Bühne zusammen, das Orchester hört erschrocken auf zu spielen, Kollegen und Bühnenpersonal wollen Erste Hilfe leisten, eine Ärztin aus dem Publikum kommt, um zu untersuchen. Es  ist nicht mehr klar, ob hier der dargestellte Casanova oder der Darsteller John Malkovich einen Schlaganfall erleidet. Doch als im nächsten Moment eine als Dottore verkleidete Sängerin die Szene in ein Commedia dell’arte-Ensemble von Mozart und Da Ponte überführt und unsere Protagonistin hinter einer Tapetentür versteckt zusieht, wie der sterbende Casanova dem Arzt beinahe das Ohr abschießt, um zu verhindern, dass er zur Ader gelassen wird, haben wir bereits verstanden, dass sich hier einer die Freiheit nimmt, zwischen allen Genres zu springen, um schlussendlich zu behaupten: Alles ist Kino! Dieser eine ist Regisseur Michael Sturminger.

In seinem Film „Casanova Variations“ (ab 23. Jänner im Kino) erlebt ein Opernpublikum die Aufführung einer nach Mozart und Da Ponte konzipierten Oper über den berühmten Lebenskünstler und Liebhaber Giacomo Casanova. Der heute nicht minder berühmte John Malkovich steht an der Spitze eines Ensembles aus SchauspielerInnen und SängerInnen. Er gibt nicht nur den Casanova, er scheint auch der Produzent der Aufführung (Malkovich spielt Malkovich hinter der Bühne) zu sein. Parallel dazu erlebt der alternde Casanova (Malkovich zum dritten Mal) im böhmischen Schloss Dux eine letzte Begegnung mit einer Frau, der Dichterin Elisa van der Recke (Veronica Ferres), deren Besuch ihn in vielerlei Hinsicht noch einmal heftig zum Leben erweckt. Zuerst ist sie eine allein reisende Frau, gebildet und attraktiv und damit ein Glücksfall, den er in der Abgeschiedenheit seiner Existenz als Bibliothekar auf einem abgelegenen gräflichen Landsitz nie zu erleben gehofft hätte. Darüberhinaus ist sie eine Gefahr, weil sie als Verfasserin eines bekannten Buches über den Abenteurer Cagliostro zu Ruhm und Reichtum gekommen ist, während der von ihr porträtierte Hochstapler nach dem Erscheinen ihres Buches ruiniert und verarmt verstorben ist. Mit seiner, in vielerlei Hinsicht mit Cagliostro vergleichbaren Lebensgeschichte, hat Giacomo Casanova durchaus Grund, sich vor Elisa in Acht zu nehmen. Elisas Interesse gilt immer deutlicher Casanovas tausende Seiten umfassenden Memoiren und er begreift, dass seine „Histoire de ma vie“ beim Versuch, noch einmal eine Frau zu verführen, als letztes Ass im Ärmel dienen könnte  …
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Regisseur Michael Sturminger im Gespräch:
MM: „Casanova Variations“ ist ein gewagtes Projekt, das beim Kinozuschauer einiges an Vorwissen voraussetzt.
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Michael Sturminger: Ich weiß das nicht. Es verlangt vom Publikum eine gewisse Offenheit. Sie dürfen sich nicht davor schrecken, sie müssen sich in die Schönheit von Mozarts Musik, in das spannende Leben Casanovas, in das Charisma des Schauspielers John Malkovich fallen lassen, dann muss man vorher gar nichts wissen und wird alles verstehen. Der Zuschauer darf sich nicht so fühlen, als wäre er in einem fremden Land, in dem er die Sprache nicht spricht. Ich glaube, dass die Handlung ganz unmittelbar ankommt.

MM: Sie möchten also nicht verschrecken, sondern einladen.

Sturminger: Auf alle Fälle. Der Film ist nicht schwer zugänglich. Kommts! Wer mit offenem Herzen reingeht, wird mit vollem Herzen rausgehen.

MM: Der Film entstand aus dem Theaterstück „The Giacomo Variations“. Die Produktion hatte 2011 im Wiener Ronacher mit Malkovich Uraufführung und wurde im Anschluss weltweit gefeiert. John Malkovich und Sie scheinen eine Regisseur-Schauspieler-Beziehung aufgebaut zu haben, wie man sie nicht alle Tage findet.

Sturminger: Ich fühle mich deswegen auch geehrt. Das ist ein Privileg und eine Freude. Wir haben zuvor schon „The Infernal Comedy“ gemacht und CNN hat eine Doku gedreht. Als ich mir die später im Fernsehen angeschaut habe, sagt John über mich: „Nach dreißig Jahren als Schauspieler habe ich endlich meine verwandte Seele gefunden.“ Und ich saß da und dachte: Na, Servus! Das hat mir schon etwas bedeutet.

MM: Nun haben Sie ihn sogar dazu gebracht, zu singen. Nicht schön, aber von Herzen.

Sturminger: Und absolut richtig. Es geht ja in seinen Szenen nicht um Schöngesang, sondern um zur Rolle passenden. Er ist ja Casanova und keine Mozartfigur. Der Name kombiniert mit „Variations“ passt sehr gut zu John, weil er immer wieder Neues ausprobieren will. Das hat ihn an dem Ganzen sehr gereizt. Wie man die Vorstellung und das Dahinter sieht. Wir glauben beide, dass ein kreativer Prozess nur dann im Gange ist, wenn man nichts Fertiges abliefert, sondern jedes Mal im Augenblick Neues schafft. Ich strebe kein Idealbild an, sondern versuche, von Probe zu Probe herauszufiltern was richtig ist. Und umso mehr können dann auch Schauspieler beziehungsweise Sänger ihre eigenen Entscheidungen treffen, über das, was sie zeigen wollen. Das macht unglaublich viele Variationen möglich. Ich will auch nicht wissen, ob einer bei einer Szene sitzt oder steht. Ich bin ja nicht der Mann am Joystick, der das Spiel kontrolliert. Wenn einmal geklärt ist, wie eine Figur tickt, was da drin steckt, dann wird die Intuition beteiligt. Das ist ja das Schöne im Film, am Theater, an der Oper … Freiheit für den Augenblick, nicht etwas einzuhalten, nur weil es irgendwann einmal vereinbart war.

MM: Das ist der Eindruck, den ich auch über John Malkovich im Film hatte. Es gibt Momente, da ist er so bei sich, dass man ihn wahrscheinlich gar nicht unterbrechen könnte.

Sturminger: Und auch nicht wollte. Ja, der Eindruck ist vollkommen richtig. Wir haben ja gewisse Szenen mit der Handkamera gedreht. Und wenn John in dieser Art Trance war, habe ich zu meinem Kameramann André Szankowski gesagt: Halt einfach drauf. Viel Spaß, fang’ ein, was du kannst. So kam es natürlich zu einer Riesenmenge von sehr langen Einstellungen, dafür konnte man beim Schneiden auch größtmögliche Freiheit haben.

MM: John Malkovich ist Hauptdarsteller hoch Drei. Eine der schönsten diesbezüglichen Szenen ist, als „John Malkovich“ hinter der Bühne um ein Autogramm gebeten wird und der Fan fragt, ob er schwul sei, wie’s im Internet doch stünde. Schnitt. Ein Hofball. Und die Blaublütige, mit der Casanova tanzt, will sozusagen eine Namensliste, der von ihm Verführten. Malkovich darauf beide Male: „Was, erwarten Sie, sollte ein Gentleman darauf antworten?“

Sturminger: John Malkovich spielt einerseits John Malkovich. Dann auf einer Opernbühne den jungen Casanova, der immer wieder von Bariton Florian Boesch abgelöst wird, Malkovich gibt ihm sogar Perücke und Rock weiter, und den alten Casanova als Bibliothekar auf Schloss Dux. John war ein wenig skeptisch, weil es den Film „Being John Malkovich“ ja schon gegeben hat. Aber hier erfindet er eine imaginäre Figur seiner selbst, jemanden, der seinen Namen und sein Gesicht hat – und trotzdem habe ich alle Situationen, die auf dieser Ebene des Films vorkommen auf Theatertournee mit ihm erlebt, und auch, wie er darauf reagiert. Das war für mich wahnsinnig komisch. Er ist echt, macht aber eben gerade mit seiner Aura verständlich, was Casanova für seine Zeit war. Jemand, dem ein Ruf vorausgeeilt ist, berühmt-berüchtigt, beide mit einem Image behaftet und hinter diesem doch nur der nackte Mensch. So spinnt sich die Geschichte weiter. Casanova war ein hochsensibler, intelligenter Mensch, der immer der Idee auf der Spur war, was das Individuum sein kann, was Freiheit für den einzelnen bedeutet, ob Verletzung erst vorhanden ist, wenn sie decouvriert wird. Da gibt es viele Überlagerungspunkte. Daraus konnte ich einen Film machen, der keine historische Abhandlung über Casanova, sondern die gemeinsame Fantasie aller Mitwirkender zu einem größeren Fragenkreis ist.

MM: Und die „Altersszenen“ mit Veronica Ferres?

Sturminger: Sind eine Art Bespiegelung. Mehr als Erotik ist zwischen den beiden das Thema, was sie sieht, wenn sie ihn ansieht. Sie erfindet für ihn den Begriff des Romantikers, den es zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht gegeben hat, der aber in diesen Jahren zum ersten Mal auftaucht. Sie sagt, er ist ein Herz voller gebrochener Herzen, sie sagt, er liebte die Liebe als solche mehr als das Objekt seiner Hingabe. Er ist ein ewig Suchender, ein Idealist im pragmatischen Hochbarock. Casanova war ein moderner Mensch, der sich sein Leben jeden Tag neu erfinden musste, ein Schauspielerkind, dem niemand an der Wiege gesungen hat, dass er an Fürstenhöfen empfangen werden wird, politische Bücher schreibt, mit Voltaire, Jefferson, Katherina der Großen diskutiert, heißt: ein führender Kopf seiner Zeit wird. Diese politische Ebene „bespielen“ wir dort, wo sie in den Da-Ponte-Opern zu finden ist. Wir beginnen mit „Viva la libertà“ und enden auch damit. Wobei am Schluss der Tod die Befreiung ist …

MM: Erzählen Sie über Veronica Ferres am Set.

Sturminger: Veronica ist großartig. Sie ist ein Vollprofi und kann arbeiten bis zum … In der Bibliothek hat’s 40 Grad gehabt und wir haben ewig darin gedreht und es kam nie ein Wort. Sie ist wirklich jemand mit dem man Pferde stehlen kann, wahnwitzig vorbereitet und immer gut gelaunt. Es geht die Sonne auf, wenn sie kommt. Ein Gewinn für jedes Team und ein Motor. Und John und sie harmonieren ausgezeichnet. Die sind seit langer Zeit gute Freunde und sie treffen sich auch in ihrem Arbeitsethos. Das ist etwas, das nicht zu unterschätzen ist. Leute, die sich wichtiger nehmen, als alle anderen, können so eine Arbeit sehr schwierig machen. Diese beiden „Stars“, die so unfassbar kein Geld für diese Produktion bekommen haben, weil wir keines hatten, sehen sich als Teil des Ganzen und drehen an den Rädchen, bis sie ineinander greifen. Außerdem sind sie rührend zum Stab: John hat beispielsweise der verkühlten Regieassistentin Kräutertee aufgebrüht, damit es ihr besser geht.

MM: Martin Haselböck und das Originalklangorchester Wiener Akademie waren für den „guten Ton“ zuständig. Sie sind nicht nur nahe liegender Weise bei Mozarts „Don Giovanni“ geblieben, sondern haben sich musikalisch auch bei „Così fan tutte“ und „Le nozze de Figaro“ bedient.

Sturminger: Der Film ist ein eigenes Werk, da musste auch musikalisch was Neues passieren. Also alle drei Da-Ponte-Opern. Außerdem haben wir ein paar Adagios geplündert. Wir haben Themen gewählt, die mit dem Inhalt und diesem Klangkörper zu tun haben. Die Szene, in der Jonas Kaufmann Casanova auf der Bühne ersticht – während der alte Casanova in Veronica Ferres‘ Armen stirbt -, ist ein Terzett aus „Così“, der Graf Branicki ist eine Partie, die Jonas so nie singen würde, weil sie für einen Bariton geschrieben ist. Wir nehmen uns alle Freiheiten, auch musikalisch. Martin Haselböck und sein Orchester bringen eine Qualität ein, die unvergleichlich ist.

MM: Apropos, Qualität: Auch das Sängerensemble liest sich wie ein Who-is-Who der internationalen Opernwelt: Florian Boesch, Anna Prohaska, Jonas Kaufmann … Die haben alle sofort Ja gesagt, obwohl sie nur minutenlange Szenen haben?

Sturminger: Ja, (er lacht) der Name Malkovich zieht schon. Mit John zu spielen, ist schon lustig. Die meisten kannte ich auch gut, weil ich bereits mit ihnen gearbeitet habe, einige kannte ich nicht, sondern hab’ sie einfach angeschrieben. Ich musste niemanden lange überreden. Barbara Hannigan ist drei Mal angeflogen, hat gleichzeitig mit Simon Rattle geprobt. Anna hatte nur einen Tag frei. Jonas war bei den Salzburger Festspielen und hat als Gage nur um den Flug gebeten. Kerstin Avemo, die die Leonilda singt, hat schon mit Haneke die „Così“ gemacht. Bellino ist Kate Lindsey, die sonst an der MET singt. Fanny Ardant war die Lucretia. Ich bin ganz gerührt, wenn ich denke, was die alles gemacht haben, und was ich ihnen dafür nicht bieten konnte. Das ist kein Scherz, meine Frau Renate Martin hat als Kostümbildnerin bis in die Nacht hinein Blüten auf Röcke gestickt, weil wir eine Bildopulenz wollten, die wir uns eigentlich nicht leisten konnten. Wir wollten ein großes sinnliches Vergnügen schaffen. Menschen, die hemmungslos schön sind. Fazit: Mit ein bissl Geschick kann man alles teuer aussehen lassen (er lacht wieder).

MM: Sie zieht’s jetzt zurück zum Theater.

Sturminger: Mich zieht’s immer dort hin, wo Aufgaben und Menschen warten, die mich interessieren. Im März kommen zunächst die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von den Bregenzer Festspielen ans Theater an der Wien. Dann inszeniere ich am Landestheater Niederösterreich Maxim Gorkijs „Sommergäste“. Das hat am 24. April Premiere und ich freue mich sehr, weil ich immer schon mit Intendantin Bettina Hering arbeiten wollte. Und bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, deren Intendant ich ja seit dem vergangenen Jahr bin, inszeniere ich Shakespeares „Sturm“. Mit Andreas Patton als Prospero.

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Wien, 19. 1. 2015

Sturmingers „Casanova Variations“ in San Sebastián

September 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Film kommt im Dezember in die heimischen Kinos

Bild: © Amour Fou Vienna

Bild: © Amour Fou Vienna

Michael Sturmingers Film „Casanova Variations“ mit John Malkovich in der Hauptrolle wird im Wettbewerb von San Sebastián (19. bis 27. September) seine Weltpremiere haben. In weiteren Rollen sind zu sehen: Veronica Ferres, Florian Boesch, Miah Persson, Anna Prohaska, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Maria Joao Bastos, Lola Naymark, Kerstin Avemo, Kate Lindsey uvm. Der Film kommt im Dezember  in die österreichischen Kinos.

Inhalt: Mozart meets Malkovich meets Casanova: Das ist, kurz zusammengefasst, die Essenz der „Casanova Variations“ von Michael Sturminger. Mit der Bildgewalt des Kinos, der Intimität des Theaters und der Leichtigkeit der Opernmusik wurde die Geschichte Giacomo Casanovas nun von Michael Sturminger auf die Leinwand gebannt. Und da keiner den legendären Venezianer so selbstverständlich verkörpern kann wie er, steht er auch für den Film als Hauptdarsteller vor der Kamera: John Malkovich. In der Rolle der Elisa steht ihm keine Geringere als Veronica Ferres zur Seite. Unterstützt werden sie von hochkarätigen Sängern: Dem Bariton Florian Boesch als singendem Casanova, Anna Prohaska als Caterina, Miah Persson als Elisa II und dem mehrfach ausgezeichneten, weltberühmten Tenor Jonas Kaufmann als Graf Branicki.

Drehbuch & Regie: Michael Sturminger
Co-Autor: Markus Schleinzer
Orchester: Wiener Akademie
Musikalische Leitung: Martin Haselböck

Interview mit John Malkovich

Wer ist für Sie Giacomo Casanova?

Casanova ist für mich eine spannende historische Figur, die ein sehr ereignisreiches und interessantes Leben geführt hat und dann auch noch gut und fesselnd darüber geschrieben hat.

Sie haben den Casanova bereits auf der Bühne gespielt und nun vor der Kamera. Was machte für Sie den Unterschied aus?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Die Bühne lebt, sie ist organisch. Film ist da ganz anders. Viele meinen, eine Kamera würde nicht lügen. Ich sage dann immer, dass eine Kamera genau dafür da ist – nämlich um gut zu lügen. Filme sind viel stärker manipuliert und fabriziert. Und sie werden immer Stückchenweise hergestellt, auch wenn in diesem Fall ein solches Stück jeweils mehrere Minuten dauert.

Wie unterscheidet sich die Rolle auf der Bühne und im Film?

Ich glaube nicht, dass die Rolle selbst sehr viel anders ist als auf der Bühne, aber der Rahmen ist natürlich ein ganz anderer. Auf der Bühne gab es neben mir als Casanova nur drei andere Schauspieler, die alle anderen Rollen spielten, und das waren eine ganze Menge. Im Film haben wir für jede Rolle eigene Schauspieler und Sänger.

Michael Sturminger, der schon das Stück inszenierte, ist nun auch der Regisseur des Films. Wie unterscheidet sich seine Arbeit auf der Bühne und hinter der Kamera?

Michael war immer sehr gut vorbereitet und er wusste genau, was er wollte. Er war bei der Arbeit am Film immer noch viel genauer als er es beim Bühnenstück war. Er wusste genau, was er sehen wollte, und wir haben es durchgezogen. So sind wir sogar einen Tag früher fertig geworden als geplant.

Wie war die Zusammenarbeit mit Veronica Ferres?

Veronica ist eine sehr gute Freundin von mir. Die Rolle passt hervorragend zu ihr und sie hat eine fantastische Arbeitsmoral. Veronica ist die Art von Schauspielerin, die nach einem 12-oder 13-stündigen Drehtag auf der Rückfahrt im Auto noch mit dir proben möchte. Sie ist unglaublich diszipliniert und ernsthaft in ihrer Arbeit. Bei aller Ernsthaftigkeit ist sie aber auch ein sehr lustiger Mensch und eine amüsante Gesellschaft.

Wie ist es für John Malkovich, nun schon zum zweiten Mal nach Being John Malkovich John Malkovich zu spielen?

Ehrlich gesagt hatte ich diesbezüglich gemischte Gefühle. Aber es erschien logisch, da ich nun schon vier Jahre mit Michael Sturminger, Martin Haselböck und der Wiener Akademie gearbeitet habe. Ihnen gehörte ein bestimmtes Zeitfenster in meinem Leben und sie haben dabei erlebt, wie es ist, sich in meinem unmittelbaren Umfeld zu bewegen. Zunächst einmal war das für Michael vermutlich interessanter als für mich, da es ja auch seine Aufgabe als Regisseur und Drehbuchautor war, das umzusetzen. Diese Erfahrungen hat Michael auch in das Drehbuch einfließen lassen, und im Film ist es als dritte Ebene auch bestens aufgegangen.

www.thecasanovavariations.com/en

Wien, 16. 9. 2014

Simon Pegg und Toni Collette in …

August 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Hector (Simon Pegg) Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Hector (Simon Pegg)
Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Am 22. August läuft in den heimischen Kinos Peter Chelsoms Verfilmung von François Lelords Bestseller „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ an. Inhalt: Der Londoner Psychiater Hector ist vielleicht ein bisschen exzentrisch, aber im Grunde einfach liebenswert. Nur ein Problem wird er nicht los, dabei gibt er sich wirklich die größte Mühe: Seine Patienten werden einfach nicht glücklich. Eines Tages nimmt Hector all seinen Mut zusammen und beschließt, London, seine Praxis und seinen Alltag hinter sich zu lassen, um sich nur noch dieser einen Frage zu widmen: Gibt es das wahre Glück? Und das auch für ihn? So begibt er sich schließlich auf eine weite, gefährliche, aber vor allem auch sehr lustige und emotionale Reise um den ganzen Erdball.

Herz und Seele der Produktion ist Simon Pegg als Hector. Der einstige Stand-up-Comedian, der mühelos zwischen Low-Budget-Ereignissen und Hollywood-Blockbustern (er ist der Computerspezialist Benji Dunn in „Mission: Impossible“ und „Star Treks“ neuer Bordingenieur Scotty und in beiden Rollen saukomisch) wechselt, zieht auch hier alle Register seines Könnens. Er lässt Hector zwischen kindlicher Neugier, augenzwinkerndem Schalk und philosophischer Ernsthaftigkeit so wunderbar wahrhaftig changieren, fährt Gefühlsachterbahn – und nimmt das Publikum auf diese Reise mit. In China, Afrika und Amerika hofft er, das Geheimnis des Glücks zu lüften, und erlebt dabei glaub- und unglaubwürdige Abenteuer. Mit einem gestressten Investmentbanker in Shanghai (Stellan Skarsgård), einem südamerikanischen Drogenbaron (Jean Reno), mit afrikanischen Warlords, einem Arzt ohne Grenzen, einer verflossenen Liebe (Toni Collette, derzeit in ORFeins in „Hostages“ zu sehen, runtergehungert auf Albtraumfabrik Size Zero, keine Spur mehr von der starken „Muriel“), Veronica Ferres als Hellseherin, die nicht hellsehen kann, und einem Glücksforscher (Christopher Plummer). Bald wird Hector klar: Glück ist das, was man sich selbst erschafft …

Chelsom hat das alles zu einem Sackerl knallbunter Bonbons zusammengeschnürt. Wie in diesen Zuckerlshops, wo man mit der Schaufel in die klebrigen Köstlichkeiten fährt und erst beim Wiegen feststellt, das man sich zu viel des Guten aufgeladen hat. So in etwa hat sich der Regisseur dem Prädikat Feel-Good-Movie verschrieben und Probleme der von Hector bereisten Länder außen vor gelassen. Hier ist eben einer, der die Welt durch die rosarote Brille sehen will. Und das gelingt Simon Pegg mit seinem tollpatschigen Charme allemal.

http://hectorsreise.derfilm.at/

Wien, 19. 8. 2014

Interview mit Pavel Kohout

Februar 9, 2013 in Film

04.01.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/9

TV-Drama: Ein Albtraum auf einem Traumschiff

Die Mona-Film zeigt „Die lange Welle hinterm Kiel“ (4. 1., 20.15, ORF 2) nach Pavel Kohout. Als alte Feinde stehen einander Christiane Hörbiger und Mario Adorf gegenüber.

Todfeinde in einer Traumkulisse: Nach Jahrzehnten treffen einander die Sudetendeutsche Margarete Kämmerer (Christiane Hörbiger) und der Tscheche Burian (Mario Adorf) wieder.

Es ist ein mutiges Buch von Pavel Kohout, ergo ein mutiger Film, über die deutsch-tschechische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Im KURIER-Gespräch spricht der in Prag und in Wien lebende Autor auch über die Beneš-Dekrete und über den kürzlich verstorbenen tschechischen Staatsmann Vaclav Havel. Weiter unten lesen Sie Kurzinterviews mit Mario Adorf und Veronica Ferres.

KURIER: Herr Kohout, Sie mussten in Ihrem Leben zwei Terrorregime miterleben …
Pavel Kohout:
Mein Leben war von zwei Massengewaltversuchen geprägt: Vom gescheiterten Versuch der Nazis, nach den Juden auch die Slawenauszurotten, und vom Prager Aufstand, während dem ich als Siebzehnjähriger erst Augenzeuge von Heldentaten und dann von Schandtaten wurde, als der Mob nach dem Ende der Kämpfe Emotionen an schuldlosen Zivilisten auslebte.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal frei gefühlt?
Schon längst. Frei kann man auch in einer unfreien Gesellschaft sein, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Wir haben 1968 versucht, das System zumindest zu reformieren. Seit ich in Prag die russischen Panzer sah, wusste ich definitiv, dass der „reale“ Sozialismus sowjetischer Prägung nur noch eine Farce bleibt und versuchte es zum Ausdruck zu bringen, weshalb mich Dramaturgen an deutschen und österreichischen Theatern als einen Verräter am Sozialismus zu boykottieren begannen. Fast eine ganze Schriftsteller-Generation wurde zu Unpersonen gestempelt und lebte eigentlich in einer Belagerung. Aber gerade deswegen fühlte ich mich freier als diejenigen, die sich mit dem Regime des Unrechts arrangierten. Eigentlich schrieben wir die für uns besten Bücher und Stücke in der Zeit der größten Unfreiheit.

Kohout über die Beneš-Dekrete und Vaclav Havel

Kohout
Pavel Kohout, Jahrgang 1928, lebt mit seiner Frau in Prag und Wien.

Warum haben Sie sich mit „Die lange Welle hinterm Kiel“ dem immer noch schwelenden Konflikt zwischen Sudetendeutschen und Tschechen vorgenommen?
Es hätte andere zeithistorische Themen gegeben, das Heydrich-Attentat zum Beispiel. Das habe ich bereits in der „Sternstunde der Mörder“ getan. Es ist ein Teil meiner persönlichen Geschichte, weil mein Vater einer der Männer war, die die Attentäter mit Nahrungsmitteln versorgt hatten, und einer der wenigen, die das große Schlachten überlebten. Für mich war für „Die lange Welle hinterm Kiel“ interessant, wie die am meisten betroffene Generation immer noch an den Folgen des Krieges leidet und manchmal sogar versucht, ihn auch weiter zu führen. Auslöser für beide Bücher war die neue Terrorwelle auf dem Balkan in den neunziger Jahren. Die hat mich in meine Jugend zurückversetzt, da haben wieder Menschen erlebt, was ich erlebt habe, da wurden wieder Kehlen durchgeschnitten, nur weil einer eine andere Sprache, eine andere Religion hatte.

Die Diskussion entzündet sich auch immer wieder an den Beneš-Dekreten. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine zu komplizierte Frage. 1945/1946 war wie eine Stunde Null für Europa. Die Deutschen waren von allen verhasst, auch ihre Musik und Literatur. Damit ist zu erklären, was dann passierte: das Abschieben fast aller Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Vaclav Havel hat sich bei seiner ersten Neujahrsrede für die begleitenden Verbrechen entschuldigt, leider wurde seine entgegen gestreckte Hand nicht angenommen. Ich habe fünfzig Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben, weil ich so lange nicht wusste, wie ich die Geschichte erzählen soll, damit keine der beiden Seiten einen Heimvorteil hätte. Vielleicht wird auch so mancher Leser und Zuschauer beklagen, dass die Schicksale nicht bis zum letzten Ende geklärt werden. Aber das Leben hat seine Geheimnisse, und gerade die zwingen uns zum Nachdenken.

Woher nimmt man die Größe, so etwas zu schreiben?
Ich bin nur 1,73 Meter groß. Es liegt wahrscheinlich weniger an der Größe als an der Länge des Lebens. Ich habe zu viel erlebt, zu viel erfahren, als dass es mir nicht als Gotteslästerung schiene, darüber zu schweigen. Deshalb habe ich auch meine Memoiren geschrieben, die deutsch unter dem passenden Titel „Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel“ erschienen sind.

Und wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte auf einer Kreuzfahrt zu erzählen?
Das Drama in einer exotischen Kulisse passieren zu lassen, war die erlösende Idee. In einer Kulisse, die überhaupt nicht dazu passte, führen zwei alte Menschen den Zweiten Weltkrieg zum bitteren Ende. Das Traumschiff wird zum Albtraumschiff, auf dem es kein Entrinnen gibt.

Zwischen den Protagonisten Ihres Romans gibt es keine Annäherung, keine Versöhnung. Haben Sie solche Menschen gekannt?
Margarete Kämmerer und Martin Burian sind ja meine Zeitgenossen, aber in diesem Werk fiktive Personen. Und wie die Geschichte mit den beiden wirklich ausgeht, wissen wir nicht, da sind wir nicht mehr dabei. Es gibt drei Möglichkeiten, im Roman als auch im Film. Und eine ist Versöhnung. Ab und zu muss eine Generation abtreten, damit auch das Problem stirbt, damit sich die nächste wieder zusammen finden könnte. Das passiert in der Geschichte immer wieder. Wer hätte gedacht, dass die Deutschen und die Franzosen, einmal die größten Verbündeten werden?

Apropos, Film: Wie gefällt er Ihnen?
Am Film bin ich voll mitschuldig, was immer gut oder schlecht ist, ist auch von mir. Ich bin selbst Theater- und Filmregisseur und weiß, da gibt es nur einen Chef. Buch ist Buch und Film ist Film; wenn ich selber inszeniere, ändere ich auch vieles nach Bedarf des jeweiligen Genres. Ich habe diesen Film akzeptiert, er hält sich auch sehr ans Buch; der Haupterzählstrang, der volle Konflikt ist da.

Sie sind mit Vaclav Havel der Miterfinder der Charta 77. Mit welcher Hoffnung verfassten sie diese Petition?
Mit einer Hoffnungslosigkeit. Wir haben so viele Briefe für verhaftete Freunde geschrieben, dass wir uns damals sagten, jetzt setzen wir eine Petition aller Petitionen für Menschenrechte auf. Seit damals bis heute habe ich keine andere mehr unterschrieben. Wir dachten an einen kleine Schrei als eine kleine Chance – und er wurde in der ganzen Welt erhört. Zum ersten Mal seit Gründung der Tschechoslowakei 1918 hatten alle geistigen und geistlichen Kräfte des Landes gemeinsam an einem Strang gezogen.

Ihr Verhältnis zu Vaclav Havel?
Wir sind uns bis zuletzt nahe geblieben. Ich habe in Prag im Herbst gerade erst mit seiner Frau Dagmar am Theater gearbeitet: Sie war die Roxana in meiner „Cyrano“- Fassung.

Wie beurteilen Sie die heutige Tschechische Republik?
Über den Weg, den die Tschechische Republik in der EU einnimmt, bin ich zufrieden. Er ist schwierig, vor allem jetzt, wo der Euro so geschwächt ist. Aber die Chance ist einzigartig; sollte sie zugrunde gehen, wäre es eine Katastrophe für Europa und die ganze Welt. Natürlich wollen Bürokraten immer so viel Macht wie möglich haben, um ihre Ziele umzusetzen, und haben oft blöde Ideen. Aber wenn jemand EU-pessimistisch ist, soll er sich die Europakarte aus meinem Geburtsjahr anschauen. Die EU kaputt zu machen wäre unverzeihlich. Ich glaube mit Churchill: die Demokratie ist das beste von allen schlechten Systemen; die Menschen, die sie verkörpern, sind keine Engel, also werden wir auch nie einen Engelsstaat haben. Es genügt doch vollkommen, dass es darin keinen Platz für die Teufel gäbe.

Adorf redet über die Geschichte

dpa/Fredrik Von ErichsenDer Schauspieler Mario Adorf spricht am Freitag (19.11.2010) in einem Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Adorf hat die Ehrendoktorwürde der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erhalten. Adorf werde für sein Leben
Mario Adorf spielt Prof. Burian.

Es war, sagt Pavel Kohout, „die erlösende Idee“ sein Drama in einer exotischen Umgebung passierenzulassen: „In einer Kulisse, die überhaupt nicht passt, führen zwei alte Menschen den Zweiten Weltkrieg zum bitteren Ende. Das Traumschiff wird zum Albtraumschiff, auf dem es kein Entrinnen gibt.“ Diese Protagonisten sind Margarete Kämmerer und Martin Burian, laut Kohout „meine Zeitgenossen, aber in diesem Werk fiktive Personen.“

Christiane Hörbiger spielt Margarete Kämmerer, eine exzentrische Millionärin. Sie geht auf Kreuzfahrt – um an Bord ihrem Todfeind aus dem Zweiten Weltkrieg zu begegnen: Martin Burian, der als tschechischer Gardist ihren Mann exekutierte: „Keine angenehme Zeitgenossin“, sagt Hörbiger. „Es hat mich gereizt jemand darzustellen, der es ,damals’ wunderbar fand. Sie rettet sich in Ausreden, die ich als junges Mädchen auchmiterlebt habe.“

Mario Adorf spielt Prof. Burian. Margaretes Mann hatte nicht nur seinen Bruder ermordet, er war auch SA-Ortsgruppenleiter.

Adorf im KURIER-Gespräch:

KURIER: Herr Adorf, wie gefällt ihnen der fertige Film?
Mario Adorf: Ich habe den Film nun zum ersten Mal gesehen und entwickle gerade ein Hoffnungsdiagramm: Wie wird er ankommen? Werden die Leute verstehen, worauf es uns ankommt?

Wie war die Zusammenarbeit mit ihrer Film-Widersacherin Christiane Hörbiger?
Ich habe zum ersten Mal mit Frau Hörbiger gearbeitet und war sehr neugierig. Leider musste ich laut Drehbuch feststellen, dass wir wahnsinnig wenig vor der Kamera miteinander zu tun hatten. Das war für mich persönlich zwar eine Mangelerscheinung, aber eine geschickte dramaturgische Lösung, dass die Hauptfiguren nichtmiteinander reden können. Erst am Ende … – aber das soll ja ein Geheimnis bleiben, ob und wie sie zueinander finden oder nicht.

Kannten Sie Pavel Kohout schon vor dieser Arbeit?
Kohout schätze und kenne ich auch als Theaterautor. Das Thema der „Langen Welle hinterm Kiel“ ist eines der am wenigsten aufgearbeiteten in Deutschland. Die Problematik der Sudetendeutschen ist ein wenig liegen geblieben, obwohl es so wichtig wäre. Kohout ist auch ein bekannter, wichtiger Mann des Prager Frühlings, ein Begriff, eine Persönlichkeit durch seine Äußerungen. Wir haben uns sofort gut verstanden. Und ich habe entdeckt, dass er trotz seines komplizierten Lebens locker, leicht und lustig drauf ist. Kohout lehrt uns, dass jeder „-ismus“ ein Ende hat. Und dass wir nie wieder so sorglos leben können,wie vor dem 20. Jahrhundert.

Wie muss ein Film sein, damit Sie Freude daran haben?
Ein Projekt, dem ich zusage, muss Spaß machen, mich interessieren, vielversprechend sein. Neulich habe ich einen Film abgesagt, da wurde in meiner ersten Szene gesagt, dass ich Prostatakrebs und Metastasen habe. Nur noch ein Kampf gegen das Ende? Das wollte ich nicht.

Aber den Prof. Burian wollten Sie …
Die Rolle des Burian hat mich sofort fasziniert. Der Mann hatte nach dem Krieg, als junger Mann kein Bewusstsein von Schuld; er glaubt, was er gemacht hat, war rechtens. Er hat, da es damals keine Rechtsprechung, keine Gesetzgebung gab, nach dem einzigen existierenden Gesetz, dem des Alten Testaments gehandelt: Auge um Auge. Schuldgefühle hat er, wenn überhaupt, erst später entwickelt. Er findet es falsch zu sagen, dass er damals etwas Schlimmes getan hat. Nach seiner Meinung tat er das Richtige.

Würden Sie selbst je eine Kreuzfahrtmachen?
Nie! Ich reise von Berufs wegen, das macht Urlaub unnötig. Ich habe das immer vorgezogen,weil ich von meinem Naturell her kein Tourist bin. Als Tourist hat man ein fehlgeleitetes Auge, will nur das Schöne sehen. Als Arbeiter lernt man Land und Leute ganz anders kennen.

Veronica Ferres über die „Lange Welle hinter dem Kiel“

ORF"Die lange Welle hinterm Kiel", Die wohlhabende Witwe Margarete Kämmerer tritt in Begleitung ihres Neffen Sigi eine Kreuzfahrt an. Die Reise verläuft jedoch nicht gerade friedlich: An Bord des Schiffes trifft sie auf Prof. Burian, der in Begleitung sei
Veronica Ferres spielt Sylva Burian.

Veronica Ferres spielt  Sylva Burian. Sie wurde von ihrem Mann, Prof. Burians (Mario Adorf) Sohn, verlassen und begleitet ihren Schwiegervater auf das Kreuzfahrtschiff mit nur einem Ziel: Siewill ihrem Leben in der „Langen Welle hinterm Kiel“ ein Ende setzen. Dass die Wirklichkeit aber oft nicht weniger aufregend ist, als ein Buch oder ein Film erzählt Veronica Ferres im KURIER-Gespräch.

Der Reeder, dem die „MS Delphin“, auf der gedreht wurde, gehörte, ging nämlich während der Dreharbeiten pleite. Und die Gläubiger wollten das Schiff mit Hilfe der Wasserpolizei in den nächsten Hafen schleppen lassen.

KURIER: Das war sicher Nervenkitzel pur?
Veronica Ferres:
Ja, der aufregendsteMoment bei den Dreharbeiten war die Flucht Richtung Afrika auf offener See. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde. Bekanntlich ging ja der griechische Reeder in Konkurs und der Besitzer wollte sein Schiff wiederhaben, also, dass wir einen griechischen Hafen anlaufen. Das hätte aber unseren ganzen Dreh umgeworfen. So ist der Zusammenhalt im Team noch größer geworden. Ach ja, ein aufregender Moment fällt mir noch ein: Der versuchte Selbstmord von Sylva Burian, gedreht morgens um fünf, in Schiunterwäsche und festgekettet am Stuhl, damit ich nicht wirklich in die „Lange Welle hinterm Kiel“ falle.

Da Sie von Ihrer Rolle sprechen: Die ist keine typische Ferres-Figur
Ich finde es toll, dass ich diesmal nicht die starke, kämpferische Frau sein muss, sondern eine am Leben verzweifelte. Dass ich noch dazu in einer Literaturverfilmung von Pavel Kohout, der bei uns Schulstoff war, mitwirken darf, ist der Ritterschlag. Wie er mit der Frage von Schuld und Vergebung umgeht, hat mit persönlicher Größe zu tun. Was mich an der Figur Sylva Burian reizte, war ihre Zerrissenheit. Sie hat nach dem Scheitern ihrer Ehe kaum mehr die Kraft leben zu können und lebt mit der Schuld, ihr Ungeborenes getötet zu haben. Sie war nämlich von ihrem Mann schwanger, doch da sie wusste, dass er schon eine andere hat, und das Kind nicht wil, ließ sie es abtreiben …

Sylva lernt Margarete Kämmerers Neffen Sigi kennen. Die beiden verkörpern bei Kohout die Generation, für die es Hoffnung auf Versöhnung gibt.Und für die Alten?
Die große Auseinandersetzung ist ja auf einem Traumschiff zu sein – und dort in einem Albtraum gefangen. Sylva muss sich ihrem Fehlverhalten stellen und dadurch zu sich selbst finden. Die Älteren können das nicht mehr und lernen dadurch auch die Verletztheit des anderen nicht mehr zu verstehen.

Wie ist es eigentlich auf einem Schiff zu drehen, auf dem auch wirkliche Passagiere sind. Kommen die Stars schauen?
Zuschauer, also die „richtigen“ Passagiere an Bord, kamen zu Anfang. Nach zwei, drei Tagen waren wir nicht mehr interessant, vor allem als die Menschen merkten, wie anstrengend und windig und kalt Drehen ist. Es gab aber einige sehr, sehr nette Begegnungen, manche die auch als Statistenmitwirkten und dann ein T-Shirt bekamen.

Ihr nettestes Erlebnis?
Die Leseprobe. Sie fand bei mir daheim in München statt. Da war mein Vater dabei, der der gleiche Jahrgang wie Mario Adorf ist. Mein Vater hat mit uns immer über diese Zeit gesprochen und seine Erinnerungen für die Enkelkinder aufgeschrieben. Es ist wichtig, dass wir Filme zu diesen Themen machen; so, im Drama, ist die Aufarbeitung vielleicht greifbarer, emotionaler als im Geschichtsbuch.

Aus dem kleinen Lord wird eine Lady

Februar 8, 2013 in Film

Mit Happy End für alle: Christiane Hörbiger und Philippa Schöne.

10.12.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

„Der kleine Lord“ ist von gestern

Christiane Hörbiger und Veronica Ferres in „Die kleine Lady“.

Seit Kindertagen ist er der Vorweihnachtsklassiker: „Der kleine Lord“ mit Alec Guinness als herrischem Earl of Dorincourt, der seinen einzigen Erben Cedric, einen kleinen Rotzlöffel aus den USA, holt, um ihn zum Blaublüter umzustylen. Der Bub aus der neuen Welt hat die alte auch eine Menge zu lehren. Der ORF hat sich für dieses Jahr etwas anderes einfallen lassen: „Die kleine Lady“ (12. 12., 20.15, ORF 2). Das heißt: Die Männerfiguren wurden zu Frauenrollen, aus Großbritannien Niederösterreich – Schloss Grafenegg. Was für Wahl-Badenerin Christiane Hörbiger, die als Gräfin von Liebenfels in die Guinness-Rolle schlüpfte, geografisch von Vorteil war.

Schreckschraube

„Mich hat natürlich auch gereizt, dass ich eine Figur spielen darf, die Alec Guinness seinerzeit so wunderbar dargestellt hat.“ Mit Löckchenfrisur und Häubchen gibt die Hörbiger die Schreckschraube. Als ihre ungeliebte, verwitwete Schwiegertochter (Christiane Filangieri) und „die kleine Lady“ – Emily (Philippa Schöne) statt Cedric – auftauchen, erfährt Frau Gräfin, dass Frau auch emanzipiert sein kann. Hörbiger: „Und plötzlich imponiert ihr diese unabhängige Frau, die sich nichts schenken lässt, sondern ihr Geld mit Näharbeit verdient.“ Dritte im Bunde ist die von Mr. zu Mrs. Hobbs umgewandelte New Yorker Gemischtwarenhändlerin. Veronica Ferres spielt eine Suffragette mit roten Haaren, die Zigarren raucht und im Madison Square Garden geboxt hat. „Sie überschreitet die Regeln der Konvention“, so Ferres, „und kommt aufs Schloss, um eine Intrige gegen Emily aufzudecken.“ Eine Betrügerin behauptet dort nämlich, ihr Sohn sei der wahre Erbe. „Die kleine Lady“ ist ein Märchen, das die soziale Ebene – Cedric entdeckt die desolaten Behausungen der Arbeiter des Lords und veranlasst ihn, die Zustände zu ändern – total ausblendet. Dafür singt die Ferres die „Rachearie“ der „Königin der Nacht“. Und wer das nicht gehört hat, hat was versäumt.