steirischer herbst/Neue Galerie Graz: Krieg in der Ferne

Juni 27, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freund. Genehmigung der Künstlerin

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird von einigen immer noch nur als Echo in der Ferne wahrgenommen. Ab 22. September widmet sich der steirische herbst der drohenden Präsenz dieser entlegen scheinenden Schlachten, und schon im Sommer lenkt ein Prolog zur 55. Festivalausgabe den Blick auf diesen militärischen Terrorakt einen Krieg, dessen Relevanz und Nähe nicht mehr zu übersehen sind.

Die Sonderschau „Ein Krieg in der Ferne. Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film“ in der Neuen Galerie präsentiert von 1. Juli bis 1. August historische und zeitgenössische Videokunst und Filme. Sie bieten einen individuellen, ernüchternden und menschlichen Blick auf aktuelle Ereignisse, die sonst mit militärischen oder geopolitischen Begriffen erklärt werden.Der gegenwärtige Krieg erscheint als Implosion einer bereits vorher tragischen und gewaltsamen ukrainischsowjetischen Geschichte, deren filmische Dokumente zu den Meisterwerken des AvantgardeKinos des 20. Jahrhunderts gehören.

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine greifen auf diese Geschichte zurück und zeigen deren brutale Umkehrung in der Gegenwart, während sie über den seit 2014 andauernden Krieg mit Russland reflektieren. Sozialistische Utopie und faschistische Mobilisierung erscheinen als umkämpfte Phänomene aus der Vergangenheit, mit denen sich die Kunstschaffenden auf ihre e igene Art und Weise kritisch auseinandersetzen. Gleichzeitig wird der Bürgerinnen-und-Bürger-Journalismus in Zeiten verschärfter Kampfhandlungen zu einer neuen Form des anonymen aktivistischen Filmemachens. Aktuelle Dokumentarfilme zeigen die menschliche Dimension davon, wie sich der Krieg auf die wirtschaftlich schwachen Regionen und die dort lebende Bevölkerung auswirkt. Dabei wird deutlich: Trotz der weitverbreiteten Zerstörung gibt es Raum für Heroismus, Hoffnung und Poesie.

Im Rahmen der Sonderschau finden am 1. Juli Podiumsdiskussionen und Artist Talks statt, bei denen die Folgen der imperialen Geschichte und der neoliberalen Gegenwart in Mittel und Osteuropa erörtert werden und der Ukrainekrieg in einen breiteren Kontext gestellt wird. Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind Pavel Brăila, Dana Kavelina, Zoya Laktionova, Kateryna Lysovenko, Mykola Ridnyi und Philip Sotnychenko.

Zu den KünstlerInnen und ihren Arbeiten

Oleksandr Dovzhenko

(geboren 1894, Sosnyzja, Russisches Kaiserreich, heutige Ukraine, gestorben 1956, Moskau, Sowjetunion) war ein ukrainisch-sowjetischer Drehbuchautor, Filmproduzent und Regisseur, der als einer der Pionier  unverblümten Darstellungen von Krieg und Hunger. Sein Werk wurde von Josef Stalin und seinen Gefolgsleuten heftig kritisiert und des ukrainischen Nationalismus bezichtigt. Nach zwei weiteren Filmen, die er in den 1930er- und 1940er-Jahren drehte, gab er das Filmemachen auf und schrieb Romane. Am Ende seines Lebens wurde er zum Mentor der ukrainischen Filmeschaffenden Larisa Shepitko und Sergei Parajanov. Insgesamt drehte er nur sieben Filme.

Sein in der Ausstellung gezeigter Film Arsenal (1929) ist einer der großen Klassiker des sowjetischen Avantgarde-Kinos und vielleicht die schonungsloseste Darstellung der brutalen Kämpfe in der Ukraine vor 100 Jahren. Er erzählt die Geschichte der Kyjiwer Arsenalwerk-Revolte von 1918, als Arbeiter für die Bolschewiken und gegen die Zentralversammlung der Ukraine rebellierten. Dovzhenko selbst kämpfte als Soldat aufseiten der Regierung, doch sein Film ist alles andere als heroisch. Auf ukrainischer Seite sah man es so, dass Dovzhenko einer prorussischen Version des Bürgerkriegs nachgab, in der die heldenhaften Bolschewiken recht behalten. Die Position des Regisseurs ist jedoch komplexer. Er reflektiert über die Erotisierung der Gewalt und die verführerisch-giftige Süße der Rache. Die erste Episode des Films zeigt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Galizien und der Ukraine, wo noch Österreich-Ungarn der imperiale Besatzer ist. Berühmt ist die Szene eines Gasangriffs, in der die Qualen eines Soldaten als seltsam unheimliche Form des Vergnügens erscheinen. Heute liest sich Dovzhenkos Film wie eine Prophezeiung der aktuellen Gewalt in der Ukraine: Hungersnot, sexuelle Übergriffe, bedeutungslose Schlachten und die Angst vor Giftgas.

Dana Kavelina

(geboren 1995, Melitopol, Ukraine) ist eine Künstlerin und Filmemacherin. Sie arbeitet mit Text, Malerei, Grafik, Video und Installation und produziert Animationsfilme, in denen sie sich mit persönlichen und historischen Traumata, Verletzlichkeit und der Wahrnehmung des Krieges außerhalb der gängigen Narrative auseinandersetzt. Ihre Werke wurden im Kmytiv-Museum, im Closer Art Center, Kyjiw, und im Sacharow-Zentrum, Moskau, ausgestellt. Sie erhielt Preise beim Odesa Film Festival und beim Internationalen Trickfilmfestival KROK.

Oleksandr Dovzhenko, Arsenal (1929), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Dovzhenko Centre

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Philip Sotnychenko, Happy New Year (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Proof of War. Quelle: Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals Proof of War

Russlands Krieg mit der Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022, sondern mindestens acht Jahre zuvor. Schon damals wurde der kohlereiche Donbas zum Schlachtfeld für die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Separatisten. Kavelinas poetischer Kurzfilm Letter to a Turtledove (2020) erzählt von diesem Krieg und den halluzinatorischen Schrecken, die er entfesselt hat. Er mischt Archivmaterial, Collage-Animationen und Realfilmsegmente mit Szenen aus dem anonymen fünfstündigen Dokumentarfilm „To Watch the War“ (2018). Der heutige Krieg erscheint wie eine Umkehr der sowjetischen Geschichte im Donbas, einst ein Schaufenster der sozialistischen Industrialisierung und der Schrecken der Stoßarbeiter. Dabei implodiert die Geschichte in erschütternden Bildern, in denen sich Dokumentation und Traumlandschaft vermischen. Eine Übertragung im Radio, die sich an die Frauen in den besetzten Gebieten richtet, ist eine bedrohliche Botschaft, die in nahezu religiösen Tönen Zerstörung und Erlösung verskündet – das Versprechen eines Vergewaltigers an seine Opfer. Kavelinas Film erforscht, wie Gewalt von den Überlebenden einverleibt und verinnerlicht wird, zum Teil auch als Schuld. Seine Art, mit diesem sensiblen Thema umzugehen, nimmt die heutige Tragödie vorweg – den massiven Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe russischer Soldaten.

Mykola Ridnyi

(geboren 1985, Charkiw, Ukraine) ist ein Künstler, Bildhauer, Filmemacher und Kurator. Seine Performances, Installationen, Skulpturen und Kurzfilme reflektieren die sozialen und politischen Realitäten der heutigen Ukraine. Er hat 2005 die Gruppe SOSka mitgegründet, ein Kunstkollektiv, das zahlreiche Projekte in Charkiw kuratiert und organisiert hat. Seine Arbeiten waren in Ausstellungen und auf Filmfestivals, darunter die transmediale, Berlin (2019), das 35. Kasseler Dokfest (2018), „The Image of War“ in der Bonniers Konsthall, Stockholm (2017), „All the World’s Futures“ auf der 56. Biennale von Venedig (2015), The School of Kyiv – 1. Kyjiwer Biennale (2015).

Russlands Angriff auf seinen Nachbarstaat wird von einer nationalistischen Ideologie angetrieben, die der Adolf Hitlers erstaunlich ähnlich ist. Selbst die brutalen Details des Krieges erinnern an die Verbrechen des Naziregimes. Dennoch rechtfertigt die russische Propaganda die Invasion als eine, die sich gegen „Faschisten“ richtet. Der Film Temerari (2021) von Ridnyi greift dieses äußerst kontroverse Thema auf. In Form eines Reiseberichts aus dem Zeitalter nach dem Internet lässt er die Ästhetik des italienischen Futurismus wieder aufleben. Er untersucht die verwegene Frauenfeindlichkeit dieser Bewegung sowie ihre Vorliebe für reinigende Gewalt und zeigt dabei auch, wie dies in einer Gegenwart wiederkehrt, in der sich ukrainische NationalistInnen von italienischen NeofaschistInnen inspirieren lassen. Im Gegensatz zu den von der Kreml-Propaganda verbreiteten Mythen neigen diese neuen Fans von z. B. Filippo Tommaso Marinetti dazu, auf der Seite Russlands zu kämpfen – zu deren eigenen regulären und irregulären Truppen viele Ultranationalisten und Neonazis gehören. Ridnyis Film bewegt sich geschickt durch die ideologische Komplexität dieses Themas und veranschaulicht, wie Kulturgeschichte die toxischen Ideologien der Vergangenheit normalisiert und reproduziert, und wie Kunstschaffende daran arbeiten könnten, sie vollständig zu dekonstruieren.

Philip Sotnychenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist Filmemacher. Er ist Mitbegründer von CUC – Contemporary Ukrainian Cinema, einem Kollektiv junger unabhängiger Filmschaffender. Seine Kurzfilme „Son“, „Nail“ und „Technical Break“ wurden alle auf großen Filmfestivals ausgezeichnet – insgesamt haben es seine sieben Kurzfilme 350-mal in die Auswahl geschafft und mehr als 50 Preise gewonnen.

Zur Jahrtausendwende hätte niemand die aktuelle Katastrophe vorausgesagt, aber die ersten Anzeichen waren schon damals zu spüren. Philip Sotnychenkos Film Happy New Year (2018) besteht aus Found Footage: Eine Videokassette von einer Silvesterparty in Riga beschwört mit VHS-Farben und Bewegungsunschärfe jene Zeit herauf und zeigt, dass die Saat des imperialen Ressentiments nach den drastischen Veränderungen im Europa der 1990er bereits vorhanden war. Auf dem Filmmaterial sieht man eine unschuldige Feier von postsowjetischen, teils lettischsprachigen und teils russischsprachigen Paaren. Silvester wird zur Gelegenheit, wiederholt die alte sowjetische Nationalhymne zu hören – und Russisch als Sprache in der Gruppe durchzusetzen. Aus heutiger Perspektive wirken die beiläufigen rassistischen Beleidigungen und der alltägliche Sexismus der Partygäste kaum unschuldig. Ihre ausgelassene Feier überschneidet sich mit Putins Aufstieg zur Macht und dem ersten militärischen Konflikt seines Regimes, dem Zweiten Tschetschenienkrieg. Unterdessen bejubelte der Rest der Welt die Globalisierung, während man Putin bequem für einen Reformwilligen hielt. Doch das Feuerwerk in Sotnychenkos gefundenem Filmmaterial nimmt die heutigen Explosionen vorweg.

Proof of War. Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals

In den ersten Stunden des Krieges überschwemmten von Bürgerinnen und Bürgern aufgenommene Videos und Fotos die Kanäle des Instant-Messaging-Dienstes Telegram – das bevorzugte Medium für unmittelbare Kriegsberichterstattung und dasjenige, das auch die Menschen in Russland und den von ihm besetzten Gebieten erreicht. Der anonyme Kanal Proof of War sammelte Clips aus der ganzen Ukraine. Sie zeigen nicht nur die weitreichenden Schäden und menschlichen Verluste, die der Angriff verursacht hat, sondern auch die schwere Niederlage der russischen Streitkräfte, als diese tiefer ins Land eingedrungen sind. Zudem veranschaulichen sie die Tapferkeit der einfachen Bevölkerung, die täglich auf die Straße geht, um gegen die Präsenz der Besatzer zu protestieren. Ende April versiegte die Flut der Bilder, zum Teil weil es verboten wurde, Attacken zu filmen und in Echtzeit Videos davon zu veröffentlichen, da diese von der russischen Seite dazu genutzt werden könnten, den Angriff zu lenken. Die letzten Bilder auf dem anonymen Kanal zeigen die Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten aus Mariupol – einer Stadt, die fast vollständig zerstört wurde. Proof of War hat seine Veröffentlichungen am 10. Mai eingestellt. Sein Archiv zeigt ein Bild des Krieges, wie er auf Telegram verfolgt werden konnte, über die ersten Kriegsmonate mehrmals pro Minute aktualisiert.

Mykola Ridnyi, Temerari (2021), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Zoya Laktionova, Diorama (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila, Vera Means Belief (2022), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Kateryna Lysovenko, What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022), Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila

(geboren 1971, Chişinău, Republik Moldau) ist Künstler und Filmemacher. Seine Arbeit befasst sich mit den zerbrechlichen Ökonomien der postsowjetischen Realitäten in einer Mischung aus konzeptioneller Performance und Experimentalfilm. Brăila hat an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, in der Tate Gallery, London, in der Renaissance Society, Chicago, im Kölnischen Kunstverein, im Moderna Museet, Stockholm, sowie auf der Documenta 11 und der Documenta 14 in Kassel und Athen und der Manifesta 10 in St. Petersburg.

Die Republik Moldau ist eine der nächstgelegenen Transitzonen für Menschen, die aus der Südukraine und der Region um Odesa fliehen. Seit den ersten Kriegstagen arbeitet Brăila als Freiwilliger in einem Flüchtlingslager im Dorf Palanca nahe der ukrainischen Grenze. Hier traf er auf die 72-jährige Rentnerin Vera Derewjanko aus der ostukrainischen Stadt Pryluky. Seit Monaten weigert sie sich, das Lager trotz zahlreicher Angebote einer besseren Unterbringung zu verlassen, und erklärt, dass sie so nah wie möglich an ihrem Zuhause sein möchte. Brăilas Arbeit Vera Means Belief (2022) konzentriert sich auf den unbeugsamen Charakter von Derewjanko, ihre Beziehungen zu den Menschen im Lager und ihre Gedichte, die sie in der ukrainisch-russischen Mischsprache Surschyk schreibt. Diese Gedichte sind voller erschreckender Bilder von Verlust und Zerstörung, aber auch voller Hoffnung und Lebensfreude – alles Dinge, die Derewjanko in Brăilas Film verkörpert. Dieses neue Werk wird durch ein älteres ergänzt, Fragile Podil, das 2018 in Kyjiw entstanden ist. Ein Band fliegt im Wind über dem historischen Viertel Podil, das zu Kriegsbeginn durch nächtlichen russischen Raketenbeschuss schwer beschädigt wurde und hier in seiner ganzen zerbrechlichen Schönheit erscheint.

Zoya Laktionova

(geboren 1984, Mariupol, Ukraine) ist Fotografin und Filmemacherin. Ihr erster Kurzdokumentarfilm „Diorama“ über das verminte Meer bei Mariupol gewann 2018 einen Preis in der Kategorie MyStreetFilms auf dem Festival „86“, Slawutytsch, und nahm an zahlreichen europäischen Filmfestivals teil, wie der DOK Leipzig, Ji.hlava IDDF oder dem FilmFestival Cottbus. 2020 drehte die Regisseurin ihren zweiten Film „Territory of Empty Windows“, in dem sie ihre persönliche Geschichte schildert. „In meinen Kurzfilmen verwende ich Mikrogeschichte, Auto-Ethnographie und kreatives Geschichtenerzählen, um die Komplexität größerer Ereignisse und historischer Zusammenhänge auszubreiten. Damit baue ich eine Sprache von Mensch zu Mensch auf, die keine politischen Begriffe verwendet und für alle verständlich ist“, so Zoya Laktionova.

Vor dem Krieg war Mariupol eine heruntergekommene Industriestadt am Ufer des Asowschen Meeres, die von zwei riesigen Fabriken dominiert wird. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 und blühte Mariupoal sogar kurzzeitig auf. Die Kurzfilme von Zoya Laktionova bieten einen sehr persönlichen Einblick in diese postindustrielle postsowjetische Stadt. Ihr Debüt Diorama (2018) zeigt die traurig-schönen Ufer eines stark verminten Meeres, das früher voller Fische war, wie Audioaufnahmen der verstorbenen Mutter der Künstlerin berichten. Dies ist ein Ort, an dem nur Dioramen Bilder einer Artenvielfalt liefern können, die bereits durch Umweltverschmutzung vernichtet wurde. Die Fabriken und ihr Einfluss auf den Alltag und die Biografien der Menschen stehen im Mittelpunkt des zweiten Films der Künstlerin, Territory of Empty Windows (2020). Er wurde ungefähr ein Jahr vor der vollständigen Invasion fertiggestellt und erzählt die bruchstückhafte Geschichte von Laktionovas Familie, die alle im riesigen Hüttenwerk von Asow-Stahl arbeiteten, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut wurde. Jetzt liegt die Fabrik wieder in Schutt und Asche, nachdem sie als letztes Bollwerk der ukrainischen Truppen in der Stadt gedient hat.

Kateryna Lysovenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist eine Künstlerin, die hauptsächlich mit Zeichnung und Malerei, aber auch mit Performance arbeitet. In jüngster Zeit hat sie im Gedenkmuseum „Territory of Terror“, Lwiw, ausgestellt sowie in der Galerie Voloshyn, Kyjiw, der Galerie Tiro al Blanco, Guadalajara im Rahmen der Ausstellung „Transcending Boundaries“, 2021, und der Galerie BWA, Zielona Góra, wo sie 2022 auch Artist-in-Residence war. „Ein Großteil meiner Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Monumentalmalerei in der ehemaligen Sowjetunion – und ihrer performativen Seite. Meine Aktionen verweisen auf die ideologischen Verschiebungen nach dem Zusammenbruch der UdSSR und darauf, wie Propaganda zu etwas Persönlichem wird. Jetzt, mit dem Krieg, bekommt das alles eine neue Dimension. Zu wenige Menschen verstehen heute die vollen Ausmaße des Krieges, und das ist etwas, was meine Performance zur Eröffnung in der Neuen Galerie thematisieren wird“, so Kateryna Lysovenko.

In ihrer Intervention bei der Ausstellungseröffnung What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022) konfrontiert Kateryna Lysovenko das Publikum mit der erschreckenden Kontinuität der Unterdrückung, der ihre Familie wie viele andere aus der Ukraine seit Generationen ausgesetzt ist, nachdem ihre Mitglieder in Pogromen, Kriegen und Hungersnöten ihr Leben verloren. Das Medium für Lysovenkos persönliches Denkmal ist die sozialistische Monumentalmalerei, deren Bildsprache sie seit Kriegsausbruch nutzt, um Traumata ebenso wie Empörung zu reflektieren. In ihrer Intervention knüpft die Künstlerin eine neue Beziehung zu dieser Gattung: Sie nutzt die Leinwände als Stoff, um ihren Körper zu bedecken und zu enthüllen, und entrollt sie zu einem Transparent, wie es bei Demonstrationen genutzt wird. Dieses Werk ist sowohl ein visueller Slogan wie auch ein temporäres Mahnmal. Seine Ursprünge mögen persönlich sein, aber sobald sie entfaltet wird, richtet sich seine Botschaft an alle.

www.steirischerherbst.at            www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz

27. 6. 2022

Schallaburg: Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten

März 22, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf k.u.k. Nordpolexpedition im Escape Room

Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten. Bild: © Klaus Pichler

Bis heute faszinieren die großen Abenteuer von Entdeckerinnen und Entdecker. Seit dem Wochenende lädt die Schallaburg mit „Sehnsucht Ferne –Aufbruch in neue Welten“ ein, ihren Spuren zu folgen. Wer waren die Menschen hinter den Geschichten und Legenden? Was wurde entdeckt und was hieß das für die Entdeckten? Der britische Seefahrer und Entdecker James Cook, der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt oder

die österreichische Weltreisende Ida Pfeiffer – sie alle träumten von der Entdeckung neuer Welten. Sie teilten die Sehnsucht nach dem Unbekannten, dem Unerforschten und dem Neuen. Doch ihre Motive waren gänzlich unterschiedlich. Was trieb sie an? War es die Sehnsucht nach Abenteuer und Ruhm, die Gier nach Gold? Welche Ängste bewegten sie und was schürte ihre Euphorie? Welchen Herausforderungen mussten sie sich stellen? Was erwartete sie in exotischen Gefilden und was bedeutete das für die Einheimischen?

Erstmals ist ein „Escape Room“ Teil einer Schallaburg-Ausstellung: Eine spannende Expedition ins ewige Eis auf den Spuren der „österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition“ mit dem berühmten Schiff „Admiral Tegetthoff“. 1872 brach die Mannschaft auf, um eine befahrbare Nordostpassage durch die Eismeere zu finden. Diese Mission schlug fehl – und trotzdem wurde die Expedition zum riesigen Erfolg. Knapp 150 Jahre später kann sie in einem Escape-Room nachempfunden werden. Über fünf Räume sind Abenteuer zu erleben und hautnah zu spüren was es heißt, dem Erfolgsdruck und Entbehrungen einer legendären Expeditionsreise ausgesetzt zu sein.

Marcel Chahrour, aus dem inhaltlichen Team:„Selten war die Sehnsucht nach der Ferne so groß wie in diesen Tagen. Es ist eine spannende Reise für das gesamte Ausstellungsteam und insbesondere Roman Dachsberger und mich in den letzten Monaten Elemente dieser Sehnsucht aufzudecken. Seit es Menschen gibt, treibt die „Sehnsucht Ferne“ viele dazu, sich auf den Weg zu machen. Reisende, Entdecker, Abenteurerinnen und Abenteurer werden als Helden gefeiert, ihre Taten bewundert. Die großen Reisen der Geschichte haben ein reiches Erbe hinterlassen, nicht zuletzt in den Museen der „Alten Welt“. Europas Sehnsucht nach der Ferne brachte aber nicht nur Gutes. Aus dem Willen, sich die Welt zu eigen zu machen, erwuchs der Kolonialismus, und mit ihm gingen Unterdrückung, Widerstand und Krieg Hand in Hand. All das ist für uns Thema –und wir wollen auch hinschauen, wie es mit der Sehnsucht weitergeht.“

Afrikanischer Kopfschmuck aus dem Togo, 1914, Sammlung Codelli, Slovene Ethnographic Museum, © Slovene Ethnographic Museum, Bild: © Jure Rus, SEM

Tafelaufsatz in Schiffchenform aus einer fürstlichen Wunderkammer, 17. Jahrhundert, Sammlung Schloss Ambras, Innsbruck. © KHM-Museumsverband

Astronomisches Messgerät, 1761, Sammlung Esterhazy, Eisenstadt. © Esterhazy Privatstiftung

Hondius-Globus aus Antwerpen 1601, Sammlung Woldan. © Österreichische Akademie der Wissenschaften

Schwerpunkte der Schau

Forschen, plündern, sammeln, kaufen, erleben, erfahren, dokumentieren, bewahren, entdecken, erobern. Reiseutensilien von Reiseschriftstellerin Alexandra David Neel, die vermutlich als erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa in Tibet betritt, bis zu Objekten aus dem Nachlass von Kronprinz Rudolf. Einer Tsunami-Karte von Ferdinand Hochstetter bis hin zu Kuriositäten wie einem Eingeweidewurm des österreichischen Naturforschers Johann Natterer, welchen er auf hoher See zu Forschungszwecken selbst ausspie, bis hin zu einer Reisetoilette von Louis Esterhazy. Eine Weltreisende. Ida Pfeiffer (1797–1858) eine reisende Ausnahmeerscheinung – eine Frau, die auf ihren Reisen Gegenden erkundete und sich in Gebiete wagte, die bis dahin selbst die tapfersten Männer gemieden hatten! Im Zuge ihrer zweiten Weltreise, erkundete Ida Pfeiffer Indonesien, wo sie auf die sogenannten „Kannibalen“ traf. Sie publizierte ihre Erlebnisse in Berichten und hatte im Reisen ihren Lebenssinn gefunden.

Der Traum von der Reise. In den 1770er Jahren unternimmt der Brite James Cook seine großen Reisen nach Ozeanien, Neuseeland und in die Südsee, um die letzten großen weißen Flecken auf den Landkarten zu füllen. Wie viele Aufbrecher wird er zum gefeierten Helden. Als es auf einer seiner Reisen gelingt, das letzte große Problem der Navigation zu lösen, steht auch der letzte Winkel der Welt den Schiffen Europas offen. Die Reise der Novara. Im 19. Jahrhundert macht sich Europa die Welt untertan: politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich. 1857 stattet das Kaisertum Österreich seine eigene offizielle Weltreise aus. Die Marine rüstet ein Kriegsschiff, die Akademie der Wissenschaften entsendet ihre Wissenschaftler, die Wirtschaft formuliert ihre Interessen. In knapp drei Jahren umrundet die „Novara“ die Welt.

Weltkarten und Globen veranschaulichen ausdrucksvoll, wie sich das Bild von unserer Welt durch Reisen verändert – Vorstellungen werden oftmals auf das Bild von der Welt projiziert. Auch Österreich unternahm schüchterne Versuche einer Kolonialpolitik im indischen Ozean. Lange besteht zwischen den Berichten der Seefahrer und dem Realen ein großes Spannungsfeld: Von dem erfundenen Reisebericht von Caspar Plautz aus Seitenstetten, den Riesen von Patagonien bis hin zum geheimnisvollen „Südkontinent“ – aus „Nova Hollandia“ wurde letztendlich dann Australien. Eine fiktive Welt wie das Schlaraffenland findet sogar Einzug in einen Atlas.

Gier, Gewalt und Schamlosigkeit. Gold gegen Viren. Die Ferne wurde nach Europa gebracht – und die Sehnsucht nach der Welt hat ungeahnte Folgen. In der Ferne entdecken Eroberer, Abenteurer und Militärs ungeahnte Schätze. Der Gier Europas nach Gold und Silber fallen ganze Kulturen zum Opfer. Gleichzeitig nehmen Kunst und Wissenschaft in Europa einen unvergleichlichen Aufschwung. Die Ferne begeistert Europa von Anfang an. Eine kurze Geschichte einer komplizierten Begegnung. Die verschiedenen Perspektiven werden mittels Videoprojektion der Schweizer Künstlerin Susanne Hofer veranschaulicht, wie etwa die Eroberung des Reichs der Azteken durch Hernán Cortés.

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Wie sammelt man die Ferne? Wer reist, nimmt nicht nur Eindrücke mit. Die Museen Europas sind voll mit Gegenständen aus aller Welt. Das betrifft nicht nur die großen Museen. Selbst in kleinen Regionalmuseen findet man Gegenstände aus entlegensten afrikanischen Gegenden. Warum sammeln wir? Und sollen wir das überhaupt noch tun? Auf Schloss Ambras bei Innsbruck sammelte der Tiroler Landesfürst Ferdinand II. Kostbarkeiten und Kuriositäten: goldene Gefäße und Kelche, exotische Gegenstände, Spiele, Korallen und Gemälde. Er begründete damit das erste zugängliche Museum der Welt. Andere Fürsten tun es dem Erzherzog gleich und richten auch „Wunderkammern“ ein. Der Aufstieg der Habsburger im 16. Jahrhundert ist eng mit dem Import von Silber und in geringerem Maße Gold aus der neuen Welt verbunden –nicht alles Gold dieser Zeit ist „Kolonialgold“ – Gold und vor allem Silber kommen in großer Menge über den Ozean.

Gegenstände veranschaulichen einen Exkurs des Sammelns im musealen Kontext: Objekte von James Cook bis zu einem slowenischen Missionar, welcher Metallgegenstände aus Afrika sammelte. Von der österreichischen Ethnologin Etta Becker-Donner, die in ihren Feldforschungen Völkerkunde dem Volk nahebrachte bis zur Peruanerin Laida Mori, im Mittelpunkt ihrer Forschung die indigene Bevölkerung. Von der österreichischen Ethnologin Eugenie Goldstern, die als Volkskundlerin an Alltagsgegenständen forschte, welche zu Spielzeugumfunktioniert wurden, bis zum Weltreisenden Heinrich Clam-Martinic, der auf einer Weltreise mit Franz Ferdinand unterwegs war.

Auch das akustische Erbe einer Sehnsucht nach der Ferne lässt sich entdecken. Im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften lagert der Klang der Welt: Stimmen, Lieder, Geräusche; es ist das älteste Tonarchiv der Welt. Viele Aufnahmen entstanden unter heute fragwürdigen Bedingungen – eine neue Perspektive auf die Sammelleidenschaft Europas.

Selbstbild versus Fremdbild Sind die „anderen“ primitiv und Europa modern? Amulette und magische Gegenstände aus Europa und Afrika zeigen die großen Ähnlichkeiten im Volksglauben – das eine wird jedoch als primitiv gesehen, das andere als traditionell. Masken – für die Ursprungsgesellschaften Gebrauchs- und Kultgegenstände, für Europa oftmals teure und gesuchte Kunstgegenstände. Mit „Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten“ lädt die Schallaburg ein, den Spuren früher Weltreisender zu folgen. Man begleitet bekannte wie unbekannte Reisende von den Vorbereitungen für die Fahrt ins Ungewisse bis zu ihrer Rückkehr nach Europa. Viele Abenteuer von gestern öffnen neue Perspektiven auf die Welt von heute.

www.schallaburg.at

22. 3. 2021

Theater Nestroyhof Hamakom: In weiter Ferne

April 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Folteropfer tragen Designerhüte

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Eine Pussy-Riot-Maske entsteht: Matthias Mamedof und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Sacco und Vanzetti waren zwei aus Italien in die USA eingewanderte Tagelöhner, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden, nachdem in ihrem Umfeld, etwa einer einschlägigen Druckerei, viel verhört und gefoltert worden war, des doppelten Raubmordes angeklagt. Obwohl keine Beweise gefunden werden konnten und die beigebrachten Zeugen einander widersprachen, wurden die Männer am 22. August 1927 in Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das steht hier, weil Joan Baez Sacco und Vanzetti einen Song gewidmet hat, „Here’s To You“, dessen Refrain die letzten Zeilen aus Vanzettis Abschiedsbrief an seine Frau wiedergibt: “The last moment belongs to us, that agony is our triumph!”

Das Protestlied der berühmten Politaktivistin ist der Soundtrack zu Ingrid Langs Inszenierung von „In weiter Ferne“ im Theater Nestroyhof Hamakom, er ist gleichsam die Baseline der Produktion. Die britische Dramatikerin Caryl Churchill entwirft in ihrem Stück ein politisches Horrorszenario. An einem weder zeitlich noch räumlich näher beschriebenen Ort übernimmt eine „Opposition“, „eine Bewegung, die sich der Verbesserung der Umstände verschrieben hat“, die Macht. Zuerst, scheint es, werden nicht-systemkonforme Subjekte aus dem Weg geräumt, weshalb die Masse bald brav Richtung Mitmarschieren einschwenkt, am Ende steht der totale Krieg. Wobei sich Churchill allzu offensichtliche Verbindungen zur Sportpalastrede verbietet. Ihr Text lässt Assoziationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Genaueres wird ohnedies nicht gesagt. Das Unfassbare steht unsagbar präzise zwischen den Zeilen.

Inge Maux und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die große, böse Wölfin überzeugt das Unschuldslamm von ihrer Wahrheit: Inge Maux und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Lang folgt Churchill bei ihrem Regiedebüt mit großem Einfallsreichtum in die Rätselhaftigkeit. Von Anfang an sind zwar Angst und Erschrecken da, schwere Schritte und Hubschrauberlärm, aber der Schrei in der Nacht kann doch nur von einer Eule gewesen sein. Und jener Mann dort, der Onkel – ist er Folterer oder Fluchthelfer? Joan, so auch der Name der Protagonistin des Dramas, wird vom misstrauischen Kind zur kampferprobten Mordmaschine.

Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt. Die Frage ist allerdings, wovor und worüber, denn Churchill führt das Publikum permanent aufs Glatteis. Wen auch immer man als Widerstandskämpfer vermutet, enttarnt sich im nächsten Satz als Kollaborateur, wer auch immer auf der richtigen Seite zu stehen scheint, hat tatsächlich diese Grenze längst überschritten. Lediglich Tante Harper, keine Schreckenssage ohne große, böse Wölfin, darf sich relativ rasch gefährlich zeigen. Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen. Mit lauernder Ruhe spricht sie ihre Warnung aus: „Manchmal sind auch Kinder Verräter.“ Bald wird ihre ideologische Verbissenheit sich Bahn brechen und sie dem neuen totalitären Regime offen huldigen.

Peter Laher hat wie als Synonym für den vom System durchleuchteten Menschen einen drehbaren Glaskubus als Bühnenbild erdacht. Nach Tantes Wohnung dient er im zweiten Bild als Modistenwerkstatt, denn Joan wird Hutmacherin – und begegnet nun Todd alias Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt. Eine Art Pussy-Riot-Maske entsteht, Joan und Todd werden Liebende, doch da ist man schon gewarnt, auf nichts mehr zu vertrauen. Und in der stärksten, schmerzhaftesten Szene lässt Lang eine Kolonne von Komparsen defilieren. Sie tragen die künstlerischen Kreationen von Joan und Todd wie mittelalterliche Schandhüte, auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht, die halbnackten Körper der Folteropfer mit Blutergüssen und Schrammen übersät, mit Blüten und Vögelchen auf den geschundenen Köpfen der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schade“, sagt Joan, „dass man mit ihren Leichen auch die schönen Hüte verbrennt.“

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die Gefangenen werden auf ihrem Weg zur Hinrichtung lächerlich gemacht. Bild: Marcel Köhler

Churchill, von ihr gibt es unter anderem auch Stücke über Großbritanniens Kolonialvergangenheit und den „Rechtsruck der Labourpartei“ unter Tony Blair, hat ihre Politparabel in dem ihr eigenen Stil verfasst. Die Feministin und Sozialistin lässt sich von keinen Konventionen einengen. „In weiter Ferne“ ist ein fantastisch experimenteller Entwurf, so skurril surreal wie sarkastisch realistisch. Im dritten Teil kippt das Geschehen ergo in einen Nonsense-Text über den Krieg.

Jeder ist nun gegen jeden, jeder kann Täter oder Opfer sein. Lettische Zahnärzte genauso wie Marokkaner in Frankreich. Die Terroranschläge von Daressalam werden erwähnt, das Stück ist aus dem Jahr 2000, und Mamedof erzählt von „Menschen, die kopfüber an den Füßen baumeln“. Elefanten und Niederländer haben sich gegen die Stare und die Computertechniker verbündet, das Wetter kämpft auf Seiten der Japaner – doch bevor sich dieser globale Krieg ad absurdum führen kann, fällt einem ein, dass Pol Pot die Brillenträger ermorden ließ. Durch ihre Fehlsichtigkeit als „Intellektuelle“ ausgewiesen, waren sie todgeweiht. Es gibt nichts am Theater, das es im Leben nicht schlimmer gibt. Und dann hat Todd den Überblick verloren, wer aktuell der Feind ist, und Joan steht im Drillich in der Tür. Paranoid, aber gehorsam … oder? Regierung oder Rebellen, an einem bestimmten Punkt der Grausamkeiten angekommen, ist es egal, wer sie begangen hat, sie sollen nur aufhören.

Regisseurin Lang lässt im Sinne der Autorin viele Fragen offen. Sie lässt die Aufführung in einem vagen Nicht-Wissen-Können oder Nicht-Wissen-Wollen verschwimmen, ins Dunkel abdriften, obwohl man so gerne noch mehr gewusst hätte über was und wie und wer jetzt ein guter. Klarheit immerhin gibt es über die symbolisch dünne Folie, die den Modistenberuf von Mitläufertum und Mördersein trennt. Mitmenschlichkeit und Mitleid sind nur ein leicht abzukratzender Firnis auf den Gedankengebäuden westlicher Zivilisation. Soll man etwas schreiben über den immer noch fruchtbaren Schoß? Churchill weiß, welche Gesellschaft sie möchte: „… dezentralisiert, nicht autoritär, gemeinschaftlich, nicht sexistisch – eine Gesellschaft, in der Leute auf ihre Gefühle vertrauen und Kontrolle über ihr Leben haben …“ In diesem Sinne: ein eindrücklicher Abend.

www.hamakom.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5shmfWO2xNc

Wien, 7. 4. 2016