Schauspielhaus Wien: Aller Tage Abend

Februar 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jenny Erpenbecks Familienroman auf der Bühne

Steffen Höld, Franziska Hackl, Katharina Klar, Florian von Manteuffel Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld, Franziska Hackl, Katharina Klar, Florian von Manteuffel
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Dass diese Geschichte mit k.u.k.-Background, mit Wiener Wurzeln, zur Uraufführung tatsächlich ihren Weg nach Wien gefunden hat, ist kein Wunder. Ihr Kern, dieses Hätt‘-I, War‘-I ist Teil der hiesigen Mentalität. Den ostösterreichischen Konjunktiv nannte das einmal Dirk Stermann: Ihr sagt nie etwas gerade raus. Immer heißt es Ich-möcht‘-gern, I-durat-, I-hättat-, Ich-würd‘-gern, I-warat, I-wolltat … Die Wienerin versuchte weiland zu erklären, dass das weniger eine Möglichkeits- als eine Form der Höflichkeit ist. Man will dem Gegenüber nicht mit dem Stellwagen und so. Als Insasse des Zwergenstaates, der von der Herrschaft über das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen übrig geblieben ist, hat man sich halt aufs Möchteln beschränkt.

Nun also Jenny Erpenbecks vielfach ausgezeichneter Familienroman „Aller Tage Abend“ in einer grandiosen Bühnenfassung von Andreas Jungwirth und Regisseurin Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. 285 Seiten in zweieinhalb Stunden. Die Essenz der Zeit, der Zeitgeschichte, reichen Erpenbecks Ausführungen doch von 1902 bis 1989. Entlang des Lebens ihrer Großmutter Hedda Zinner schildert die Autorin in fünf Etappen das Leben ihrer Protagonistin. Geburt 1902 wie Joseph Roth im galizischen Brody an der Grenze der Monarchie. Zwischen Progromen und USAuswanderung. 1918 als Teenager im vom Ersten Weltkrieg demoralisierten Wien, den aufdämmernden Weltenbrand schon vor der Haustür. 1938 als KPÖlerin in Moskau. Von einer Diktatur in die nächste. Spitzelwesen. Verschwinden (Hinrichtung? Arbeitslagertod?) des Ehemannes. Ein Kind von einem anderen. Von Stalin zur Stasi. 1960 als gefeierte Schriftstellerin in Ostberlin. Ostverherrlichung nach dem Motto Augen zu. Beim Mauerfall 1989 schließlich schon im Pflegeheim. Alles, das Jüdische, Exilierte, Kommunististe nimmt bei Erpenbeck/Jungwirth verwischt-surreale Züge an. Fünf Mal nämlich stirbt die Protagonistin. Durch plötzlichen Kindstod, durch erschlichenen Selbstmord (ein anderer muss die Pistole auf sie richten), durch die Geheimpolizei, durch einen Sturz auf der Treppe, durchs Alter. Doch in Intermezzi – auf dem Theater treten die Darsteller aus den Rollen und erzählen dieses Was-wäre-gewesen-wenn – werden andere Möglichkeiten aufgetan. Möglichkeiten zu überleben. Und das Dasein geht weiter. Auch, wenn sich die Historie wie ein Ungeheuer hinter den Menschen auftürmt, das Politische wird privat.

Brucker inszeniert im wunderbar wandelbaren Bühnenbild von Michael Zerz. Ein schwarzer Kubus, dessen weißes Innenleben sich zu zahlreichen Häusern, Räumen umformen lässt. Darin agiert das Schauspielhaus-Ensemble wie immer auf der Höhe. Diesmal Franziska Hackl, Steffen Höld und Florian von Manteuffel in diversen Frauen- und Männer-, Vater- und Mutterrollen. Denn um das Verhältnis Mann/Frau, Vater/Mutter/Kind geht es in allen Episoden. Katharina Klar, Katja Jung und die großartige Johanna Tomek verkörpern die Protagonistin in verschiedenen Lebensstadien. Jung, die in Teil eins noch die Mutter spielt, überzeugt vor allem im monologischen Moskau-Abschnitt. Atemlos hetzt Jung durch die Parteiunlogik, beherrscht alle Disziplinen – inklusive Veitstanz. Steffen Höld wird vom Emigranten-Vater 1902 zum k.k.-Beamten-Vater 1938 zum alsbald abwesenden Zeuger eines Sohns 1938. Florian von Manteuffel wird vom k.k.-Offizier und Zuhälter der Mutter 1902 zum Verlobten und Mörder 1918 zum Sohn der Protagonistin 1960 und 1989. Manteuffel gestaltet in den verschiedenen Identitäten den Identitätsverlust seiner Figuren eindrücklich. Einmal mehr liefern hier alle Beteiligten eine tadellose darstellerische Leistung ab. Bravo.

Jungwirth und Brucker machen sich in ihrer Spielart des Stoffs an einigen leitmotivischen Stellen fest. Zentrales kehrt in Querverweisen immer wieder. Etwa der buchrückenbeschädigte Band neun einer Goethe-Ausgabe des beim Progrom zerstückelten Brody-Großvaters; ein humanistischer Fingerzeig; das Buch landet nach der Ermordung der Großmutter in Auschwitz bei einem Wiener Trödler; der Enkel findet’s im letzten Kapitel, kauft es aber nicht. Der Kreislauf bleibt unvollendet. Jüdisches fließt ein, wie das von Hackl 1902 gezeigte Trauerritual einer Mutter auf der Fußbank. Das Hiob’sche Hadern mit Gott und seinen allmächtigen Nachfolgern ist allgegenwärtig. Ebenso wie das klischeehafte Zwangsfüttern der Töchter durch ihre Mütter. Der lebensmüden 1918 wird viel erspart geblieben sein. Überhaupt möchten alle Figuren „mit dem Körper aus dem Körper hinaus gehen.“ Erpenbecks große Symphonie, in der an Rhythmus und Tempo kein Kapitel dem anderen gleich, wird am Schauspielhaus so wortkarg wie sprachgewaltig aufgeführt. Man wechselt von der emotionalisierten Nach- und Icherzählung zu Dialog und Monolog zur bloßen Schilderung. „Es war so mühsam“, heißt es einmal, „all die Schlachten, in denen man nicht fallen würde, zu bestehen.“ Tomeks sarkastisches, würdevoll dementes Schlusstremolo schließlich erklärt den Sinn des Lebens: Überleben. Ohne Wenn und Aber. Ohne Würde und Wollen. Ohne Mystik, ohne Ver- und Erklärung. Einfach ein Tag nach dem anderen einen Fuß vor den anderen setzen. Weitermachen!

www.schauspielhaus.at

Wien, 5. 2. 2014

Sommerspiele Melk: „Monte Christo“

Juni 21, 2013 in Bühne, Klassik

Das Unmögliche möglich gemacht

Denis Petkovic Bild: www.photo-graphic-art.at

Denis Petkovic
Bild: www.photo-graphic-art.at

Alexander Hauer, Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, war ja noch nie ein Mann, der große Aufgaben scheute. Jahr für Jahr ackert er sich durch die Weltliteratur, kein mindestens 1500-Seiten-Schmöker, den er nicht auf die Bühne stellen würde. Und das stets mit größtem künstlerischen Feingefühl. Hauer macht das Außergewöhnliche möglich. Und dieses Jahr sogar das Unmögliche. Denn noch wenige Tage vor der Premiere stand seine Wachauarena 2,80 Meter unter Wasser; hunderte helfende Hände entfernten nach dessen Abfließen die Massen an Donauschlamm; die Künstler probten derweil in der zweiten Spielstätte, der kleinen „Tischlerei“. Und – Glück im Unglück? – die durch die Enge der Situation erzwungene Intimität tat dieser Inszenierung von „Monte Christo“ mehr als gut. Denn Autorin Susanne Felicitas Wolf, die die Bühnenfassung von Alexandre Dumas‘ „Abenteuerroman schrieb, legte an der Geschichte, die jeder in- und auswendig zu kennen glaubt, völlig neue Seiten frei. Sie befreite den Stoff von allem, was nach Mantel-und-Degen riecht, ließ die Figuren stattdessen mit der Feder fechten. Mit Diagolen, die weniger messerscharf, als schmerzhafte Nadelstiche unter die Nägel sind. Mit psychologischer Kriegsführung wird hier die Intrige, der vermeintliche Hochverrat Edmond Dantès‘ eingefädelt. Als der im Château d’If in Klarfolie gefesselt, wie in einen Kokon eingesponnen wird, bis ihm die Luft wegbleibt, schießt einem kurz durch den Kopf: Guantanamo. Interessant auch, wie sich bei Wolf von Monte Christo über seine Widersacher Danglars, de Villefort bis Fernando in ihren Taten und Untaten alle auf den einen Gott berufen … Und Stift Melk als Hintergrundkulisse …

Die Bühne von Daniel Sommergruber dann: ein Gesamtkunstwerk, ein Gerüst aus unzähligen leeren Bilderrahmen, Schatten der Vergangenheit, das die Schauspieler wie Freeclimber erklettern, zwei Plattformen und eine aufklappbare Mittelrampe, auf denen Marseille, Paris, der Kerker … nebeneinander Platz finden. Dazu ein ausgeklügeltes Licht- (Dietrich Körner) und Sounddesign (Bernhard Sodek). Schon als Edmond als verliebter, hoffnungsfroher, junger Seemann seinen Feinden noch mit naiver Ehrlichkeit begegnet, lässt die – teilweise Live- Musik das nahende Unheil bereits ahnen.

Das Ensemble überzeugt mit intensivem Spiel. Gänsehaut selbst bei Sarahawindtemperaturen. Allen voran brilliert Denis Petkovic als Monte Christo. Nun ein freier, reicher Mann, der Liebe haben könnte, und den doch nur der Hass bewegt. Einer, der sich selbst als Racheengel Gottes bezeichnet, ein Gotteskrieger, ein Spinner, eine Spinne, die in ihrem Netz auf die Opfer wartet. Rote Handschuhe trägt Petkovic – von Nick Cave weiß man, dass auch der Teufel solche haben soll. Petkovic zeigt alle Facetten des Wahnsinns, der als Gift der Vergeltung durch seine Adern strömt. Und endet endlich in tiefster Verzweiflung. Er ist kein triumphierend abgehender Graf, sondern muss erkennen, dass sein „Feldzug“ auch Kollateralschäden verursacht. Den Tod Unschuldiger. Ergo: Keine Erleichterung, keine Erlösung. Im überaus stimmigen Schlussbild öffnet sich wieder die Gefängniszelle. Monte Christos Seele bleibt für immer darin gefangen. Eine starke schauspielerische Leitung. Ebenso großartig agieren – um nur ein paar zu nennen – Julian Loidl als verschlagener Bankier Danglars, Alexandra Maria Timmel als seine zur Zynikerin gewordene Frau, Giuseppe Rizzo als versprecherischer Staatsanwalt de Villefort, dem das Ganze den Verstand kostet. Und Christian Preuss, berührend als gutherziger Reeder Morrel und später als Abbé Faria. Für 2014 hat sich Hauer übrigens Fritz Langs „Metropolis“ vorgenommen …

Benefizkonzert: Michael Schade, ab kommendem Jahr Intendant der Barocktage Stift Melk, veranstaltet am 22. Juni, 17 Uhr, im Kolomanisaal des Stifts, ein Benefizkonzert für die Hochwasseropfer. Mit ihm interpretieren Florian Boesch, Nina Bernsteiner und Mitglieder des Concentus Musicus Wien Werke von Händel und Bach.

www.kultur-melk.at 

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

www.mottingers-meinung.at/denis-petkovic-im-gesprach

www.barocktagemelk.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 6. 2013

Zwei plus zwei = ziemlich kompliziert

März 2, 2013 in Bühne

Das Schauspielhaus Wien kombiniert

Iwan Wyrypajew und Sarah Kane

Illusionen/Gier

Melanie Kretschmann, Steffen Höld, Barbara Horvath, Thiemo Strutzenberger
Bild: Alexi Pelekanos

Wäre es so einfach mit der „wahren“ Liebe, Iwan Wyrypajew hätte seine sanfte Komödie „Illusionen“ nicht schreiben müssen. Wäre es so einfach mit der „wahren“ Liebe, Sarah Kane hätte auf ihre Tragödie „Gier“ ebenfalls kein Papier verschwenden müssen. Aber so ist’s halt nicht mit den großen Gefühlen, beziehungsweise deren Trugbildern. Zwei plus zwei das wird in der Regel ziemlich kompliziert.

Das Schauspielhaus Wien kombiniert das Stück „Illusionen“ (als österreichische Erstaufführung) des russischen Dramatikers, einer der wichtigsten Stimmen seiner Generation, mit „Gier“,  dem Drama der 1999 von eigener Hand aus dem Leben geschiedenen Britin Sarah Kane. Was die beiden verbindet? Ihr Formbewusstsein, die Poesie ihrer Texte. Auf großartige Weise pendeln sie zwischen Höhe und Abgrund. Wie an einem Bungee-Seil. Nur macht’s Wyrypajew lustvoll, leicht; Kane grausam, oft mit (seelischer) Gewalt.

In „Illusionen“ also schildern zwei junge Paare (Steffen Höld und Melanie Kretschmann als Albert und Margret; Thiemo Strutzenberger und Barbara Horvath als Danny und Sandra) das Leben, eigentlich Ableben, zweier alter Paare. Einer nach dem anderen liegt im Sterben; in diesem letzten Moment will man Wahrhaftigkeit – und erzählt, man habe sich ein Leben lang „über Kreuz“ geliebt. Platonisch? Eine verpasste Chance. Eine Utopie? Oder ist alles nur ein Scherz? Margret hat doch Humor! Höld streut immer wieder Konfetti über ihren Kopf. „Wahre Liebe beruht immer auf Gegenseitigkeit“, ist der Satz, der wie ein Glaubensbekenntnis diesen Teil des Abends über zelebriert wird. Beschworen, bezweifelt. Es gibt ein Opfer. Und Albert, der alle überlebt, mit 94 noch glücklich auf seiner Veranda sitzt. Obsession, bedingungslose Hingabe, Sex, Begierde, Besitzanspruch, Verweigerung, Lust. Pah! Er war der Mensch, der sich selbst genug war …

Wyrypajew hat seine Zwei-Paare-Story auf  Basis der Tradition der russischen Surrealisten und Fantasten verfasst, trotzdem liest es sich wie ein amerikanisches Stück. Nicht, dass die Fetzen flögen, wie bei Albees „Virginia Woolf“, das geht auch gar nicht: die Schauspieler monologisieren ins Publikum; Dialoge gibt es bei Wyrypajew, dem Meister des Monologs, keine. Interaktion dort, wo Regisseurin Felicitas Brucker sie vorgesehen hat.

Ähnliche vier versprengte Individuen zeigt „Gier“, uraufgeführt 1999 in Edinburgh. Nur, dass A, B, C, M – Kane gab ihren Figuren keine Namen – nicht mehr im Sterben liegen, sondern schon tot sind. Dahingeschieden an einer Überdosis Sehnsucht. Die unfruchtbare Mutter; der Mann, der sich in vier Sprachen nicht artikulieren kann; die Frau, die von Ereignissen gequält wird, ohne Erinnerung daran; ein Peiniger, der andere voll Zärtlichkeit missbraucht. Sie ergehen sich in Selbstgesprächen. „Gier“ hat, „Illusionen“ nicht unähnlich, keine Handlung und überhaupt keine klar konturierten Charaktere mehr. Man gibt sich abgeklärt und verloren in diesem theatralischen Prosa-Gedicht.

Dass sich das Publikum in dieser Hardcore-Kost nicht verliert, ist Inszenatorin Brucker und ihren vier herausragenden Darstellern zu danken. Brucker choreografiert ihr kleines Ensemble. Mit verzweifelten „Tänzen“, pantomimisch, begleiten sie die Sermone der anderen. Ein traurig-abgewrackter Zirkus in einer Kulisse aus Camping-Kleiderschränken (diese Plastikdinger mit Zippverschluss, erdacht von Bühnenbildnerin Nadia Fistarol), in denen man sich verstecken kann oder von den anderen wie eine zu zersägende Jungfrau hinein stecken lassen muss. Oder sich aufhängt.

„Tata“! Mit ausstreckten Armen weist Horvath immer wieder auf diese Aktionen der anderen hin. Sie ist wie die Assistentin des großen Zauberers. Unnötig zu sagen, dass das Steffen Höld ist. Thiemo Strutzenberger (so großartig in „Der seidene Schuh“; am 9. März, ab 16 Uhr bis Kehraus,  ist die letzte Gelegenheit den vierteiligen Claudel-Marathon zu sehen!!!) gibt diesmal den Zauderer. Lieber sich weinend am Boden wälzen, als in die Gänge kommen. Melanie Kretschmann überzeugt durch die Kompromisslosigkeit, mit der sie ihre Rollen gestaltet.

Ein anregender, anstrengender – vor allem durch die lange Umbaupause – Abend. Es hätte genügt, Wyrypajew allein die Ehre an zu tun. Aber so ist’s auch gut. Sitzmuskel trainieren und was zum Trinken mitnehmen!

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-iwan-wyrypajew/

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. 3. 2013