Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

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  1. 5. 2018

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

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  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017

Theater zum Fürchten: Eine italienische Nacht

Januar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde

Beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Ob links oder rechts, beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Aus Zorn, sagt Bruno Max, hätte er Ödön von Horváths „Eine italienische Nacht“ auf den diesjährigen Spielplan genommen, aus Zorn über das Erstarken einer neuen unverschämten Rechten und der angesichts dieser Tatsache völlig versagenden Linken, die sich in Flügelkämpfen, Pfründe-Sichern, Status-Quo-Erhalten aufreibt, statt endlich Konzepte gegen ewig gestrige Geister zu entwickeln. Das Ergebnis von Bruno Max‘ Erbostheit hatte nun in der Scala Premiere – und es ist großartig.

Horváth versah seine Komödie mit der Zeitangabe „1930 bis ?“ und der TZF-Prinzipal lässt mit seiner Arbeit keinen Zweifel daran, dass dieses Fragezeichen jetzt ist. Er hat das Stück zur Stunde inszeniert, hat es auf den Punkt genau inszeniert, und es ist erschreckend, wie wenig er dazu in den Text eingreifen musste. Was Horváth vor 85 Jahren geschrieben hat, ist so gegenwärtig, dass es einen gruselt.

Die „italienische Nacht“ soll das Sommerfest einer Sektion Sozialdemokraten in einer Kleinstadt werden. Im Gastgarten vom Lehninger-Wirt will man feiern, tanzen, trinken, blöd nur, dass sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Rechtsextremer angesagt hat, die zum „Deutschen Tag“ aufmarschiert. Die Parteijugend ruft zu Gegenaktionen auf, die saturierten Honoratioren kalmieren, „Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen“, sagt einer. Ein Kriegerdenkmal wird demoliert, die Situation eskaliert. Plötzlich ist Kampf angesagt …

Den das Publikum auf Tuchfühlung mit den Schauspielern erlebt. Bruno Max und Marcus Ganser haben für die Aufführung eine Raumlösung erdacht, wie man sie von den bewährten und beliebten Dinner-Produktionen des TZF kennt. Die Zuschauer sitzen mitten im Wirtshausgarten rund um die Tische der Darsteller. Wein und Kracherl stehen bereit, und während einen der Wirt noch an seinen Platz führt, werden schon Anträge verhandelt und vertagt. Es gibt, wie sich’s gehört, eine Pawlatsche und ein Toilettenhäuschen, und auf dem Höhepunkt der Stimmung, kann’s einem passieren, dass man zur Polonaise aufgefordert wird.

Horváth rechnet in seinem Stück weniger mit der Rechten ab, als dass er die Linke schilt. Er stellt die demokratische Ohnmacht gegenüber einem faschistischen Fanatismus aus; was das anrichtet, hat er geradezu prophetisch vorhergesehen, dieses „Lasst die Republik ruhig schlafen“, dieses man lasse sich von „ein paar dummen Buben“ doch nicht provozieren. Die Buben sind Wiedergänger, sie schließen die Reihen und sie marschieren. Die Demo wird zur Bedrohung für die Demokratie, und während die Sozialdemokratie ihre Wahlverluste als von einem – Zitat Horváth – „feindlich gesinnten höheren Schicksal“ gesandt annimmt, wird alles für den Ausbruch des gerechten Volkszorns vorbereitet.

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen Rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Seine politische Fabel bevölkert Horváth mit vielschichtigen Figuren, die Bruno Max mit seinem Ensemble scharf konturiert hat. Entstanden ist so ein Panoptikum an Parteigängern, wie es real existierender kaum sein könnte. Georg Kusztrich gibt als selbstzufriedener, satter Stadtrat Ammetsberger die institutionalisierte Linke, Bernie Feit als Oberschulrat Betz die intellektuelle. Christoph Prückners Kranz ist der Typ leutseliger Mitgliedsbeitragsmarkenverkäufer, Marion Rottenhofers Engelbert ist korrektes Gendern wichtiger als der Widerstand gegen rechts. Komme was wolle, ihre Hauptsorge gilt dem Binnen-I.

Ganz anders da die nächste Generation Genossen. Wolfgang Fahrner ist als Martin ein aufrechter Marxist. Der Schauspieler, der nach „Brassed Off“ zum zweiten Mal für das TZF arbeitet, spielt sich mit seiner prägnanten und präzisen Darstellung des jungen Wilden in den Mittelpunkt der Aufführung. Und mit ihm Thomas Marchart als Martins von Hormonen gebeutelter bester Freund Karl, Claudia Waldherr als seine Freundin Anna und Jacqueline Rehak als Karls völlig unpolitische – Leitsatz: Völlig egal, wer uns regiert, es bescheißen uns ohnedies alle – Angebetete Leni.

Sie alle gestalten ihre Rollen mit großer Spielfreude, besonders auch Karl Maria Kinsky, der als Lehninger fürs abgründig Humorige sorgt. Sein Wirt ist ein Opportunist, dem es letztlich egal ist, wem er drei Bier verkauft. Mit Gelächter quittierte das Publikum die Szenen, in der sich die Sozialdemokraten bei ihm über die rechte Übernahme ihres Stammtisches beschweren und er seelenruhig die Nelken in den Tischvasen gegen Kornblumen tauscht. Dass sich die Zeiten ändern, entnimmt er den Sprüchen, die an die Häuslwand geschmiert werden – statt pornografisch nur noch politisch, das kann die Welt nur zum Schlechteren wenden.

Horváth zeigt eine Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde. Nicht nur symbolisch, so lange will man nämlich im Gastgarten ausharren, will man, weil das schließlich auch die bewährte Proporzproblemlösung ist, die Faschos aussitzen. Die Frauen werden typisch horváthisch erst zu Opfern, dann zu Heldinnen. Martin schickt Anna auf den politischen Strich, sie soll die Wehrsportkameraden auskundschaften und wird dabei sexuell misshandelt. Ammetsberger behandelt seine Frau Adele wie einen Putzlappen, dabei wird sie es sein, die die Schreihälse in ihre Schranken weist. Christina Saginth gibt der Figur Profil, Leopold Selinger mit Kärntner Akzent den Kameradschaftsführer.

Am Ende bleibt alles beim Alten, heißt: beim Stadtrat. Er brüstet sich mit einem moralischen Sieg, der nicht der seine ist. Und Bruno Max entlässt einen in die Nacht mit der bangen Frage, wie lange diese Art von Wegschauen und ja nicht Hinhören Politik noch funktionieren kann, bevor rot gegen rechts endgültig den Kürzeren zieht.

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Wien, 15. 1. 2017

Theater zum Fürchten: In der Löwengrube

März 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiroler Respektsperson für deutsche Führergläubige

Rüdiger Hentzschel, Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Arthur Kirsch muss die Bretter schrubben, die ihm die Welt bedeuten: Rüdiger Hentzschel mit Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky.            Bild: Bettina Frenzel

Es beginnt mit dem Shylock und Zwischenrufen aus dem Publikum. „Judensau“ und „Juda verrecke!“ schreit der angeheuerte Politpöbel und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was machen möchte? Das Theater zum Fürchten spielt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, noch bis 7. April „In der Löwengrube“ und Regisseur Peter M. Preissler holt einen von Anfang an mitten rein ins Geschehen.

Mehrere Plätze sind für Schauspieler reserviert, auch Bernie Feit oder Hermann J. Kogler werden sich noch unter die Zuschauer mischen, die zahlreich erschienen sind. Felix Mitterers galgenhumorige Komödie ist ausverkauft. Das liegt an der Qualität des Stücks. Vor allem aber an der der Darsteller. TzF-Prinzipal Bruno Max hat ein feines Ensemble um sich versammelt, das hier einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Rüdiger Hentzschel, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Hinter Mitterers Tragifarce steckt eine wahre Geschichte. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bergbauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Talents, vermittelte seine Entdeckung nach Wien. Es folgte ein Engagement am Theater in der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika.

Preissler stellt ein Panoptikum skurriler Gestalten auf die Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Bernie Feit als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Preisslers gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Drastik, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig jiddelnd, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. Kogler wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Hentzschel gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt.“Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel Bild: Bettina Frenzel

Höllrigls „Tell“ hat hervorragende Kritiken: Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel. Bild: Bettina Frenzel

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Hentzschel ist herrlich als „Reschpektsperson“ für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl.

Die Nervosität steigt. Denn der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Hentzschel in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt. Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: Hentzschel spielt auch Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems.

Famos wie immer ist natürlich Bernie Feit als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, aber das mit einer Süffisanz, dass man ihm seine Naivität, mit der er das System letztlich düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Georg Kusztrich als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass.

Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Wolfgang Lesky als seine Abgötter fürchtender Bösewicht, Hermann J. Kogler als übel zugerichteter Intrigant und Valentin Schreyer als jugendlichem Liebhaber von Jacqueline Rehak, verlieren zunehmend die Nerven. Christina Saginth gibt die Kirsch-Ehefrau als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Michael Reiter, Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger Bild: Bettina Frenzel

Glänzende Goebbels-Studie: Michael Reiter mit Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger. Bild: Bettina Frenzel

Michael Reiter hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie viel zu oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke anbietet. Reiter hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt eine so glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten, wie man sie manch hochkarätig besetzter Kinoproduktion nur wünschen könnte.

Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseur Preissler findet für seine Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, seine Schauspieler treffen den von ihm vorgebenen Ton zwischen komödiantischer Outrage und sensibler Nachdenklichkeit perfekt. Das Theater zum Fürchten empfiehlt sich einmal mehr als Ort für Unterhaltung mit Haltung, als zeitgenössische Bühne für Herz und Hirn. Man hat etwas zu sagen und man sagt’s ohne Genierer. Im Programmheft ist ein Aushang aus einem öffentlichen österreichischen Bad abgedruckt, der „Menschen mit Migrationshintergründen“ den Eintritt nur mit „entsprechenden Begleitpersonen“ gestattet. Der Aushang ist vom Jänner 2016.

www.theaterzumfuerchten.at

www.rüdiger-hentzschel.com

Wien, 30. 3. 2016