Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Oktober 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der rechte Hass ist hausgemacht

„So war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde“, heißt es an einer Stelle im Text. Da hat der Leser die Buchmitte schon hinter sich gelassen, da kommt es zu ersten „Sieg Heil!“-Rufen und Hakenkreuz-Schmierereien, da formiert sich eine Gruppe junger Männer zu dem, was sie für „Heimatschutz“ halten. Der 24-jährige Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom rechten Hass im Osten Deutschlands. Dresden, Chemnitz, Görlitz. Regelmäßig berichten die Medien von Demonstrationen gegen die gefürchtete „Islamisierung“, von Hetze gegen Ausländer, auch von Ausschreitungen gegen Asylwerber.

Rietzschels Roman ist aber zuallererst eine Familiengeschichte. Die Zschornacks, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die Söhne Philipp und Tobias mehr oder minder fleißige Schüler, haben sich Anfang der 2000er-Jahre ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt. Ein enormer Kraftaufwand in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Rietzschel schildert ein Städtchen in der sächsischen Provinz, Neschwitz, die Tristesse eines neu erschlossenen Baugebiets zwischen Rapsäckern und zerbröckelnden Plattenbauten.

Irgendwie wirkt alles desolat, weder Wende noch Jahrtausendwende haben den erhofften Aufschwung gebracht, Neschwitz liegt in einer verlorenen, einer vergessenen Region. Die Arbeitslosigkeit hat die Lebensentwürfe der Menschen ausgehebelt, die Kinder spielen – verbotenerweise – auf aufgelassenen Werksgeländen oder in stillgelegten Steinbrüchen. Vor allem ist es hier eines: fad.

Rietzschels Tonfall ist ein melancholischer. Doch die Gewalt, eine beängstigende, unterschwellige Aggression, schimmert ab der ersten Seite durch die Oberfläche dieses Buchs. Immer noch gibt es die alten Ressentiments gegen Polen, die Verachtung für die Sorben. Bei Bierzeltfesten und an Bushaltestellen rufen die Jugendlichen einander „Jude!“ hinterher. Nicht als Schimpfwort, aus „Spaß“, sie wissen gar nicht, was sie da sagen, sie haben‘s aufgeschnappt und interpretieren‘s nun auf ihre Art. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist wie eine Parabel darüber, was passiert, wenn man vor Kindern über Vergangenheit schweigt. Der Schuldirektor wirft lieber eine Decke über das auf den Parkplatz gesprayte Nazisymbol, als sich mit seinen Schülern darüber auseinanderzusetzen.

In einer Atmosphäre von Zukunftsangst und Ohnmacht, mit diesem Gefühl, von der Politik, „vom Westen“ im Stich gelassen worden zu sein, sind die Schuldigen schnell gefunden, ist der Hass gegen die, denen es, weil ihnen von oben geholfen wird, offenbar besser geht, rasch gesät. Sätze tauchen auf wie, man hätte „offene Grenzen versprochen und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“ Oder: „Für Griechenland wäre Geld da gewesen.“ Von einer Schlinge, die sich immer fester um die selbst perspektivlosen Bürger zusammenzieht, ist die Rede, als Flüchtlinge im Ort untergebracht werden. Die Brüder, obwohl von daheim vergleichsweise gut behütet, schließen sich – sie scheinen weit und breit das einzig „Spannende“ in Neschwitz – einer Gruppe älterer Burschen mit schnellen Autos und rasierten Glatzen an. Philipp zuerst, weil er anerkannt, „ein Mann“ sein will; Tobias schlittert danach in die rechte Szene, weil er’s dem großen Bruder gleichtut. Erst wird nur in Großmutters Gartenhäuschen Alkohol getrunken und blöd herumgelabert, doch ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, welcher der Brüder ins Extrem kippen wird.

Rietzschel lässt die Gewaltspirale sich immer schneller drehen. Bis die Situation eskaliert. Er berichtet, wie seine eigene Biografie, Arbeiterkind, aufgewachsen im Neschwitzer Nachbarort, gleich Tobias später Lehrling in einer Fahnenfabrik, anders hätte verlaufen können, hätte er nicht die Literatur für sich entdeckt. Er kommentiert oder bewertet das Geschehen nie offensichtlich, sucht weder offensiv Erklärungen noch Entschuldigungen, doch wie er es bis in die Details bedrückend darlegt, macht klar, was er über eine verlorene Generation, die von der öffentlichen Debatte jahrzehntelang ausgeschlossen wurde, schlussfolgert: Der rechte Hass ist hausgemacht.

Mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 fällt die letzte Schranke: Endlich darf man laut aussprechen, was man lange schon denkt! Die Truppe schüttet einer türkischen Familie ranzige Schweineschlachtabfälle vor die Tür, verwickelt Flüchtlinge in eine Schlägerei, einer der Brüder wird schließlich die als Asylheim gedachte Schule in Brand setzen. Knackpunkt für ihn ist, dass die Großmutter, weil von der Arbeit dort überfordert, ihren Garten an eine syrische Familie abgibt. Gib ihnen doch deine Rente gleich dazu, fordert er sie böse auf. Ein tatsächliches Ende gibt es in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Wie auch? Die Diskussion ist nicht beendet, die Problematik nicht ausgestanden. Und keine Lösung – nirgendwo.

Über den Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

Ullstein Buchverlage, Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Roman, 320 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 10. 2018

Nikolaus Habjan inszeniert „Faust“

Februar 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel mit Puppen im Grazer Next Liberty

"Faust" Klaus Huhle mit Mephisto-Puppe Bild: Lupi Spuma

Bei den Proben: „Faust“ Klaus Huhle mit seinem Mephistopheles
Bild: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan inszeniert Goethes Welttragödie. Mit Charakterdarsteller Klaus Huhle als Faust, Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles und dem Ensemble des Grazer Next Liberty. Premiere ist am 12. Februar. Für die Bühne ist Jakob Brossmann verantwortlich, der zuletzt für seinen Dokumentarfilm „Lampedusa im Winter“ mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde (Interview und Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764).

www.nextliberty.com

nikolaushabjan.com

Wien, 4. 2. 2016

„Faust III“ in Prinz Eugens Schloss Hof

Juni 17, 2013 in Tipps

Ein Fest für alle Sinne

Bild: BRETTERHAUS – Herbert Kern

Bild: BRETTERHAUS – Herbert Kern

Mehr als Theater – Schauspiel, Musik, Festmahl, Kunst & Natur an verschiedenen Szenenorten im und rund um das Schloss Hof: Von 20. bis 23. Juni zeigt das Bretterhaus „Faust III“. Peter F. Schmid – Autor und Initiator des Theaters  – hat der Tragödie ersten und zweiten Teil  in unterhaltsamer, bisweilen slapstickartiger Weise für die Bühne bearbeitet. Die Zuseher können Faust, Mephisto, Rita & Co zu den Stationen in die größte Schlossanlage der Monarchie begleiten. Gespielt wird vor prächtigen Fassaden, in barocken Sälen, auf imperialen Höfen, in schaurigen Kellergewölben, auf feudalen Gartenterrassen und vor prachtvollen Brunnenanlagen – das „Spiel des Lebens“  im Marchfeld. Inhalt: Heinrich wähnt sich im Himmel. Doch Mephisto hat noch einen Trumph in der Hinterhand. Faust muss auf die Erde zurück – mit dem Versprechen, nach der kleinen und der großen nun „die innere Welt“ kennenzulernen. Und dem kann Faust, der ständig Unzufriedene und Suchende, nicht widerstehen … „Faust III“ wird ständig weitergeschrieben. Die jeweils neuen Szenen werden in die Inszenierung aufgenommen: Live Rockmusik wird neben klassischen Versen geboten, auf Tanz folgt Spiel im und mit dem Publikum, existenzielle Dialoge wechseln mit slapstickartigen  Szenen in der Tradition eines Woody Allen.

www.FAUST-III.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 6. 2013

Interview mit Regisseur Peter Konwitschny

Februar 8, 2013 in Bühne

06.12.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Gretchen nimmt ein gottloses Ende

Graz: Starregisseur Peter Konwitschny inszeniert am Schauspielhaus Goethes Weltendrama „Faust“.

Gott ist Tod und das Pathos gleich mit ihm gestorben. Peter Konwitschny macht den „Faust“ – und rechnet mit Türen knallendem Publikum. Premiere ist am 15. 12.

KURIER: Sie arbeiten zum zweiten Mal am Schauspielhaus Graz. Davor war 2009 König Lear. Graz hat’s Ihnen angetan.
Peter Konwitschny: Ja. Graz ist meine Nebenstelle.

Warum jetzt den „Faust“?
Zugegeben, es ist ein bisschen Hybris dabei. Aber wenn man einen Schauspieler wie Udo Samel hat, muss man ein adäquates Stück machen. Und da haben wir halt hoch gegriffen. Es ist ein Stück zur Zeit. Besonders der zweite Teil ist eine Entdeckung. Wir spielen beide Teile an einem Abend in vier Stunden. Auf diesem Weg ist klar, dass eine Menge wegfällt. Da uns die Entwicklung im zweiten Teil besonders interessiert, ist der erste Teil ziemlich schmal geworden. Es gibt keine Frau Marthe, keinen Bruder Valentin. Der erste Teil ist sehr stringent, fast ein Prolog für den zweiten.

Ich habe gehört, es ist noch ein Viertel Goethe.
Kann man so sagen. Ein Viertel bis ein Drittel. Natürlich ist das heftig. Die Schlüsselszenen, die mir wichtig waren: Was ist mit dem lieben Gott? Man muss leider sagen, dass Gott schon im 19. Jahrhundert gestorben ist. Dafür haben wir die Geldwerdung Gottes und die Gottwerdung des Geldes. Ich zitiere Heinrich Heine. Goethe hat sein Werk geschrieben, bevor das Unglück der Sklaverei des Kapitalismus über uns gekommen ist. Also kann man’s so wie er vielleicht wollte, nicht mehr spielen.

Die Schaltstellen sind also?
Die Geschichte mit der Frau. Die geht voll in die Hose. Danach sagt Faust: Ich fühle neue Kräfte für größte Aufgaben. Fausts Ruhelosigkeit, ist etwas, das wir alle sehr gut kennen. Mephisto führt ihn also in die große Welt, an den Kaiserhof, wo er das Papiergeld, eine Fake-Währung, erfindet, die uns hier, heute, in eine größere Katastrophe führen wird. Dann sind wir bei der Erfindung des künstlichen Menschen dabei – auch etwas,
das uns sehr nahe gekommen ist. Das dritte ist die Landgewinnung samt Kollateralschaden Philemon und Baucis. Da muss man nicht viel Fantasie haben, um das aufs Heute umzumünzen.

Ich bleibe an „Sklaverei des Kapitalismus“ kleben.
Es ist erstaunlich, dass mit dem Zusammenbruch des Kommunismus uns die Wahrheit des kapitalistischen Systems viel näher gerückt ist. Als der Osten noch war, gab’s die Möglichkeit, auf den Gegner zu schimpfen und ihm nachzuweisen, was er alles falsch macht. Das galt für beide Lager. Jetzt ist die Alternative untergegangen – und der Kapitalismus ist nicht in der zyklischen, sondern in der Totalkrise angekommen. Diesen Gedanken muss man nur verfolgen. Ich werde wohl Türenknallen in Kauf nehmen müssen, wenn kein Osterspaziergang kommt.

Sie bürsten gerne gegen den Strich. Wie ist es diesmal?
Gegen den Strich gebürstet wird das Pathos. Da legen wir Hand an. Besonders beim Gretchen. Vor allem, wenn Männer inszenieren, wird in diese Frau oft so eine Heiligkeit hineininterpretiert. Das findet bei uns nicht statt. Das wirklich Tragische liegt im Gesamtgefüge. Es gibt auch keinen Teufel, der von den Engelchen gefoppt wird, so dass es heiter-ironisch zu Ende geht. Dafür bleibt am Schluss die Mater gloriosa, durch die Faust vergeben wird. Dennoch, obwohl er sich so vergangen hat. Das ist eine Sache, die jenseits unserer Rechtssprechung ist. Das ist Gnade. Das bringen wir, weil uns scheint, wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, dann die.

Und Gretchen? „Sie ist gerichtet.“ „Nein, gerettet. “
Da haben wir einen gottlosen Schluss.

Wir Frauen müssen’s ausbaden.
In mir haben Sie einen solidarischen Freund. (Er lacht.)

Die Beschäftigung mit „Faust“ ist eine lebenslängliche. War Ihre erste Begegnung auch die als Schullektüre?

Dazu eine witzige Geschichte. Ich bin im Osten groß geworden. Und als ich etwa zehn war, wurden sämtliche Schüler aller Klassen in die Aula gerufen, dann trat ein Schauspieler vom Leipziger Theater auf, der die letzten Verse von „Faust“ rezitiert hat. „Ein Volk auf freiem Boden …“ mit unglaublichem Pathos vorgetragen. Weil nämlich, das wurde uns so eingebimst, Goethe da schon den realen Sozialismus vorweggenommen hat. Das werde ich nie vergessen.

Jan Thümer ist ein optisch junger Faust.
Es gibt ja alle möglichen Besetzungsvarianten. Erst ist er alt, dann jung, dann steinalt. Und man wechselt die Schauspieler. Jan Thümer muss sich Alt- und Jungsein erspielen. Es gibt auch kein Gebräu einer Hexe; bei uns ist das ein Sexualakt mit einer ganz tollen Frau – das befreit den intellektuellen Bücherwurm, und nicht, dass er eine „Arznei“ zu sich nimmt.

Udo Samel, der auch schon Ihr König Lear war, ist auch nicht der typische Mephisto.
Auch das geht gegen das Pathos. Udo Samel ist ein exzellenter Schauspieler, vom Typ aber eher ein clownesker Mensch. Klein, untersetzt, erst einmal unscheinbar. Er muss heftig arbeiten, er hat mit diesem Faust schwer zu schuften. Es ist nicht so, wie viele das spielen, dass er nur zynisch lächeln muss und alles richtet sich. Außerdem, vergessen Sie nicht: Wenn Gott tot ist, gibt’s auch keinen „Teufel“. Mehr verrate ich nicht.

Faust, der hochgebildete Depressive, der verzweifelt Suchende – eine Figur, mit der Sie sich identifizieren können?
Zum großen Teil. Auch in dem, der Schwierigkeiten hat, zu genießen, dem die Gegenwart so durch die Finger rinnt. Und auch mit dem, der Beziehungsangst hat, der ein Gretchen haben will, und wenn er sie hat, sie flieht.

Weitere Pläne?
Wir arbeiten an „Jenůfa“, die wir in einem Jahr an der Grazer Oper machen. Ich habe den schönsten Beruf. Ich wechsle von Goethe zu Janáček, zu Verdi, zu Wagner. Was will man mehr?

Ein unkonventioneller Theatermacher

Zur Person Peter Konwitschny, Jahrgang 1945 und Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny, wuchs nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Leipzig auf, wo sein Vater Gewandhaus-Kapellmeister war. Er studierte an der Berliner Hanns Eisler Hochschule für Musik Regie – und wurde bald für seine polarisierenden Inszenierungen und szenischen Neuinterpretationen an den großen Opernhäusern berühmt. Und berüchtigt.

Arbeiten Nach dem Mauerfall inszenierte Konwitschny Puccini und Rossini in Graz, Leipzig und Basel, ab Mitte der 1990er-Jahre mit Vorliebe Wagner. Nicht nur seine Dresdner „Csárdásfürstin“ im Jahr 2000, in einen Schützengraben des Ersten Weltkriegs verlegt, geriet zum Skandal. 2009 inszenierte Konwitschny mit „König Lear“ (dargestellt von Udo Samel) am Schauspielhaus Graz erstmals wieder am Sprechtheater.