Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Theater in der Josefstadt: Fremdenzimmer

Januar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Lösung liegt in der Luft

Ein Fremder in der Wohnung! Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

Am Ende wird abgehoben, rein ins Flugzeug, raus in eine bessere Welt. So schön surreal endet Peter Turrinis Tragikomödie „Fremdenzimmer“, von Herbert Föttinger am Donnertag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Turrinis Text sei unter den Eindrücken des Jahres 2015 erarbeitet worden, erfährt man eingangs im Gespräch, doch definitiv ging es dem Dramatiker weniger darum eine Flüchtlingsgeschichte zu schreiben.

Als eine hiesige, eine „einheimische“ zu bespiegeln. Der vorkommende syrische Junge nämlich kommt erst gar nicht zu Wort – bis auf einen in Englisch gehaltenen Monolog über das Grauen seiner Flucht. Stumm, mit großen, fragenden Augen bleibt er Katalysator, Ventil, Projektionsfläche für diffuseste Ängste und Ablehnung von allem, was mit „Ausländer“ irgend zu tun hat. Wie die Realität so spielt. Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor. Und Ulli Maier und Erwin Steinhauer bringen das Ganze so über die Rampe, dass einem beim Lachen die Tränen in die Augen steigen. „Fremdenzimmer“ ist ein entlarvendes Stück, weil es wie vor sich hingesagt formuliert, was von vielen, von immer mehr auch schon so vor sich hin … Ohne daran zu denken, dass Sprache die schärfste Waffe ist.

Davon erzählt Turrini, und dies wie immer mit einer großen Liebe für seine Figuren. Er erzählt von Herzen, die so hart geworden sind, dass sie umso leichter brechen, von zwei Leben, in die nie die Hoffnung fuhr. Bis er den beiden ein Licht aufsteckt. So gesehen ist „Fremdenzimmer“ ein Zimmer mit Aussicht. Peter Turrini kommt schließlich nämlich zu dem Schluss: Die Lösung liegt in der Luft. Man brauche sie nur zu greifen. Für all das verzichtet Regisseur Föttinger auch auf Verortung, was sich hier abspielt, das kann sich überall ereignen, heißt das, und Walter Vogelweider schuf dafür einen imaginären Bühnenraum.

Man hat einander nicht mehr viel zu sagen: Ulli Maier und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Nur manchmal darf man noch träumen von einem besseren Gestern: Ulli Maier und Tamim Fattal. Bild: Herbert Neubauer

In diesem spielen Herta Zamanik und Gustl Knapp, Maier und Steinhauer, tagtäglich ihr Beziehungstheater. Man hat sich auseinandergelebt, einander schon lange nichts mehr zu sagen, da steigt zwischen Karaoke Singen und Modellflugzeug Basteln die brennende Welt, die man nur aus dem Fernsehen kennt, in die Wohnung ein. Samir aus Aleppo, dargestellt von Tamim Fattal. Er will sein Handy aufladen, und weil Gustl sagt, in seiner Wohnung nicht, und Herta meint, das wäre aber bitteschön auch die ihre, wird er von ihr gezwungen zu bleiben. Als Sohnersatz, der tatsächliche ist vor mehr als 30 Jahren verschwunden. „Wir verstehen uns auch nicht, wir tun nur so“, wischt Herta Gustls Argumente wegen fehlender Deutschkenntnisse vom Tisch.

In durch Scheinwerferblendung und Christian Brandauers Musik getrennten Szenen lässt Föttinger das Spiel nun ablaufen. Immer schneller drehen sich Gustls Ressentiments und Hertas positiv gemeinter, dennoch Rassismus im Kreis. Motto: Alles nicht so bös gemeint, aber man wird doch im eigenen Land noch sagen dürfen … Ulli Maier und Erwin Steinhauer gestalten das fabelhaft, schwankend zwischen der inzwischen eingekehrten Lakonie, mit der sie über ihr verpfuschtes, verpasstes Dasein reden, und einem dennoch Aufbrausen über die Ungerechtigkeit des Schicksals.

Gustl, der wegen eines mutmaßlich Nervenzusammenbruchs frühpensionierte Postler, der grantelnde Schmerzensman, der sich selber einen „alten Sozi“ nennt, und an Gott und der Welt (ver-)zweifelt, Herta, die „wer weiß was alles“ machen musste, um sich und ihr Kind durchzubringen. Turrini, wie in etlichen seiner Stücke, zeigt mit dem Finger auf eine Sozialdemokratie, die ihre Stammwähler aus Ignoranz gegenüber deren Sorgen und Problemen in die Richtung derer getrieben hat und treibt, die den vielzitierten „kleinen Mann“ mit offenen Armen an ihre blaue Brust ziehen. Samir, nun mit Steirerjanker ausstaffiert, sieht sich Gustls Sermonen und Hertas Mehlspeismassakern ausgeliefert.

„Ihr könnt‘s eher Hammel, gell“, sagt sie, und wunderbar ist, wie Steinhauers Gustl, der Diabetiker, eine Cremeschnitte umschleicht. Großartig, wie der Kampf der Kulturen am Blutdruckmessgerät ausgetragen wird. Beklemmend, wie es nach dem Biertrinken heißt: Volle Integration! Steinhauer und Maier spielen das so, wie ihre Figuren sind: ohne Genierer. Ihre trockene, pointierte Darstellung sorgt dafür, dass sich eine mögliche Sentimentalität im Zaum hält. Aber so unnachgiebig die Herta und ihr Gustl scheinen mögen, machen sie doch durch kleine Gesten deutlich, dass eine Liebesannäherung noch möglich ist.

Am Ende wird in Peter Turrinis Volksstück endlich abgehoben: Ulli Maier, Tamim Fattal und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Und sie wird passieren. Durch den Fremden. Durch die gemeinsam erlebte Fürsorge für jemanden Dritten. Und weil der Mensch den Menschen schlussendlich als solchen erkennt. Turrini, der alte Humanist, glaubt an Lernfähigkeit. Bei ihm siegt Poesie über Politik. Von wegen „konzentrierte Unterbringung“.

„Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt und hört sich ihre Geschichte an“, sagt Ulli Maier im Gespräch mit mottingers-meinung.at übers Kennenlernen als Hilfsmittel gegen die hysterisch geführte sogenannte „Flüchtlingsdebatte“. Eine Lösung, die wie gesagt, in der Luft liegt. Zu „Fremdenzimmer“, zu Herta und Gustl, zu Abschiebung und Ausweisung, fällt einem noch Saint-Exupéry ein: Man bleibt ein Leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.

Ulli Maier im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28021

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=NOtjfvm9AhQ

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018