Kunstforum Wien: Faszination Japan

Oktober 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hype um die fernöstliche Ästhetik

Alfred Stevens: Die japanische Pariserin, 1872. Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich. Bild: © Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich

„Das ist keine Mode mehr, das ist Leidenschaft, das ist Verrücktheit“, so charakterisiert der französische Kritiker Ernest Chesneau die Manie des westlichen Publikums für die extravaganten Vasen, Lackdosen, Stoffe und Farbholzschnitte, die aus dem Fernen Osten auf der Pariser Weltausstellung 1878 zur Schau gestellt wurden.

Ab 10. Oktober widmet sich nun das Kunstforum Wien der „Japomanie“ – der Begeisterung der westlichen Welt für die Ästhetik und die Bilderwelt des Fernen Ostens. Sie verfolgt die Entwicklung von der Faszination für das Fremdartige, Neue, von den Anfängen in den 1860er-Jahren bis weit nach der Jahrhundertwende, bis zu dessen Amalgamation in das Formenvokabular der westlichen Malerei, den Einfluss seiner Ästhetik auf die Entwicklung der Moderne um 1900.

Auf Druck der Amerikaner hatte Japan nach einer jahrhundertelangen selbstgewählten Isolation 1854 seine Häfen für den Handel mit dem Westen geöffnet, innere Reformer drängten zudem nach einer Präsentation des „neuen“ Japan im Westen, wofür die Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris und 1873 in Wien als Plattform wahrgenommen wurden.

Nun eroberten die elegant-exotischen Alltagsgegenstände, die exquisiten Textilien und vor allem die phantasievollen Ukiyo-e, die Farbholzschnitte, sehr schnell den europäischen Markt und erfüllten die Sehnsüchte des Publikums nach einer unbekannten fremden Kultur und einer neuartigen Scönheit. Expeditionen nach Ostasien wurden gestartet – Émile Guimet und Enrico Cernuschi legten dabei den Grundstock für die großen, nach ihnen benannten Pariser Museen Ostasiatischer Kunst –, und der Kritiker Philippe Burty kreierte 1872 den bis heute gültigen Begriff des „Japonismus“.

Emil Orlik: Japanisches Mädchen unterm Weidenbaum, 1901. Bild: Sammlung Dr. Eugen Otto, Wien

Georges Lacombe: Die violette Woge, 1896/97. The George Economou Collection. Bild: © Odysseas Vaharides / Courtesy The George Economou Collection

Vor allem die erzählfreudigen Farbholzschnitte, Bilder der fließenden, vergänglichen Welt, waren begehrte Sammlerobjekte auch der Künstler, die das fremdartige Formenvokabular, die erstaunlichen Themen und Motive, in ihre Bildsprache integrierten. Monet, Manet, Van Gogh, Degas und Gauguin sind die ersten, ihnen folgen die jüngeren – Toulouse-Lautrec, Bonnard, Vuillard, Vallotton oder Marc und Kandinsky. Ungewöhnliche kompositorische und inhaltliche Neuigkeiten erobern die abendländische Kunst.

Extreme quer- oder hochrechteckige Formate, beschnittene Figuren in starker Verkürzung, die Kombination von Vogelperspektive und starker Nahsicht, dazu große leere Flächen vor einem hohen Horizont; Kompositionen, die dekorative Arrangements mit Momentaufnahmen verschmelzen, Schwarz-Silhouetten oder der subtile Gebrauch der Linie. Gemeinsam mit der Wiederentdeckung der leuchtenden Lokalfarben, der scharfsinnig-geistreichen Beobachtung von Tier- und Pflanzenwelt, von alltäglichen Verrichtungen oder Geisterszenerien bereichern sie die westliche Malerei in vielfältigster Weise.

Von Paris aus verbreitet sich die Japomanie in ganz Europa – in Deutschland, Belgien, Ungarn, Skandinavien und Österreich. In Wien entwickelt sich, ausgehend von der Wiener Weltausstellung 1873, ein regelrechter Hype um die fernöstliche Ästhetik, an der sich auch Gustav Klimt und Josef Hoffmann inspirieren. In der Folge führen die Anregungen aus dem Fernen Osten zu einer eigenständigen Interpretation und Umsetzung in eine neue, in die aufkommenden Moderne des 20. Jahrhunderts führende Formensprache – in der die Tendenzen zur Abstraktion, zur Überwindung des konventionellen Bildraumes eigenständig weiterentwickelt werden.

In der Ausstellung des Kunstforum Wien werden fernöstlich beeinflusste Gemälde und Druckgrafik, aber auch Objekte und Möbel, europäischer Herkunft den japanischen Holzschnitten, Paravents und Objekten gegenübergestellt. An die 100 Exponate aus internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen geben einen Überblick vom späten 19. Jahrhundert bis zum Beginn der Avantgarden. Die Künstlerinnen Margot Pilz, Eva Schlegel und Stephanie Pflaum haben das Thema des Teehauses als Ort der Begegnung aufgegriffen und darüber eigenständige Reflexionen unter unterschiedlichen Aspekten entwickelt.

www.kunstforumwien.at

8. 10. 2018

Leopold Museum: Fremde Götter

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Klassische Moderne im Dialog mit Afrikas Masken

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

„Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien“, die große Herbstausstellung des Leopold Museum fokussiert ab 23. September erstmals die umfangreichen hauseigenen Sammlungsbestände afrikanischer und ozeanischer Kunst. Diese treten in einen Dialog mit ausgewählten Werken von Protagonisten der Klassischen Moderne. Die Schau intendiert, Europas exotistisches Kunstabenteuer und den Einfluß auf die Avantgarde in Erinnerung zu rufen.

Museumsgründer Rudolf Leopold teilte die Begeisterung, die die Künstler der Moderne für diese Objekte hegten. Die Faszination, die von der Kunst „fremder“ Kulturen ausgeht, spiegelte sich in zahlreichen Werken der Klassischen Moderne wider. Dies wird in der Ausstellung im Dialog der Masken und Figuren mit Werken von Pablo Picasso, Constantin Brâncuși, Emil Nolde oder Max Ernst intensiv erfahrbar. Gleichzeitig wird der verfremdende, „primitivistische“ Blick der Moderne auf Afrika und Ozeanien durch den zeitgenössischen Künstler Kader Attia aus postkolonialer Perspektive hinterfragt.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 9. 2016

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

 

Essl Museum: Faszination Fotografie

November 5, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Moment, für immer festgehalten

Lisl Ponger: No Futures!, 2009 Bild: Lisl Ponger, © BILDRECHT, Wien 2015

Lisl Ponger: No Futures!, 2009
Bild: Lisl Ponger, © BILDRECHT, Wien 2015

Könnt‘ ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, ich mach‘ ein Bild … Die Fotografie ist das Medium der Gegenwart, die Wahrnehmung der Umwelt und der Gesellschaft heute durch sie geprägt. Das Essl Museum widmet sich ab 13. November mit der Schau „Faszination Fotografie“ der Magie der Bilder. Zu sehen sind Werke von einigen der bedeutendsten lebenden Fotografen und auch interessante Neuentdeckungen.

Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Bereiche. Gezeigt werden Werke, die den Blick des Menschen auf die Natur thematisieren: Fotografien mit wilder, ungezügelter Natur stehen Arbeiten gegenüber, in denen der menschliche Eingriff in die Landschaft kritisch betrachtet wird. Das fotografische Porträt ist spätestens seit der Erfindung des Selfie allgegenwärtig. Bilder in nüchterner Passfotoästhetik treffen auf pathetisch aufgeladene Sujets, Kinderfotos und Fotos junger Liebender auf eine Werkserie, die die Schönheit des Alters zeigt. Daneben sind auch Fotoarbeiten von Südafrika über den Iran bis nach Israel zu sehen, in denen die kulturelle Identität und das gesellschaftliche Umfeld der Dargestellten im Mittelpunkt stehen. Architektur ist immer mit Geschichte aufgeladen. Kirchliche Interieurs und Museumsräume stehen in Dialog mit kommunistischen Versammlungsräumen, inszenierten Künstlerateliers und digital manipulierten Innenräumen.

Schon mit den ersten Fotoapparaten im 19. Jahrhundert begann deren künstlerische Nutzung. Lange Zeit blieb der künstlerische Wert der Fotografie umstritten und sie wurde auf ihren rein dokumentarischen oder auch dienenden Charakter reduziert. Mittlerweile hat sich viel in der Kunstrezeption verändert und so gehört die Fotografie heute ohne Zweifel zu den wesentlichen Medien der bildenden Kunst. Unterschiedlichste fotografische Arbeitsmethoden, die Bandbreite reicht von digital manipulierten Bildern bei Andreas Gursky bis zu dokumentarischen und gesellschaftskritischen Ansätzen bei Ricarda Roggan oder Tal Adler, zeigen welch visuelles und sinnliches Erlebnis Fotografie darstellt. Am Ende der Schau steht die Auflösung des Fotomotivs. Hier sieht man etwa eine Werkserie des Künstlers Mike Kelley, der 2012 verstorben ist. Darin verschwimmen die Konturen und die Landschaft verschwindet in der Dunkelheit.

Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von David Lurie, Miao Xiaochun, Shirin Neshat, Lucia Papčo, Lisl Ponger, Bettina Rheims und Serge Bramly, Shao Yinong, John Silvis, Ana Sluga und Massimo Vitali.

www.essl.museum

Wien, 5. 11. 2015