Werk X im Wohnzimmer: Je suis Fassbinder

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruppenkuscheln in Kokomo

In der Krise – Gruppenkuscheln: Lisa Weidenmüller, Annette Isabella Holzmann, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Schreit auf der Bühne einer „Aus““, dann hat sich entsetzte Andacht einzustellen. Nicht so im Werk X. Dort kann sich Martin Hemmer die Lunge aus dem Leib quetschen, Andreas Dauböck wird seinen Solo-Jam bis zur letzten Note ausführen. Eine schwere Schlappe, die der unterm behaglich warmen Lampenschirmlicht sitzende Multiinstrumentalist der selbstbehaupteten Autorität von Hemmers Bühnen- charakter Stan da verpasst.

Macht und Kontrolle, die dieser zu haben vermeint, weil er hier so etwas wie Autor-Regisseur in Personalunion ist. Ein Filmemacher, und nicht irgendeiner, Stan spielt den großen Rainer Werner, „Je suis Fassbinder“, wie er getreu des Stücktitels von Falk Richter erklärt, und noch bis Sonntag um Mitternacht ist dessen Inszenierung von Amina Gusner beim Werk X im Wohnzimmer auf werk-x.at kostenlos zu streamen.

Der designierte neue Spielmacher der Münchner Kammerspiele ist bekannt für sein Handanlegen beim radikalen Gegenwartstheater, um damit der Rechten eine aufzulegen. Hier zieht er Parallelen zwischen den restriktiven Regierungsmaßnahmen aufgrund des RAF-Terrors 1977 und dem nicht-erklärten Ausnahmezustand aktueller Tage. Als Folie dient der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Kluge und eben Fassbinder, und klar ist, dass Stan Schauspieler Arthur Werner gleich eingangs dessen Interview mit Mutter Liselotte Eder proben lässt (das Original: www.youtube.com/watch?v=LL14D9gmqMM), und gut ist, das Gusner Falk Richter von Anfang an den Suaden-Zahn zieht.

Werk-X-like mengt Gusner die Posse ins Politische, die Groteske unter die Gesellschaftskritik, das sorgt für Deeskalation auf der nach oben offenen Richter-Skala. Zwischen den Schminkspiegeln der Künstlergarderoben und einer weiß ausgeschlagenen Spielfläche, das Probensituationssetting wie stets von Gusner-Schwester Inken, sekkiert Stan die Kollegenschaft bis aufs Blut. Immer wieder muss Werner, blond und im Leopardenmantel, die Worte wiederholen, Liselotte wünsche sich einen „autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“, bis er schon nicht mehr weiß, was irr und was real ist. „Bei mir ist alles Text“, bescheidet ihm Stan.

Und zwar immer und mega-meta. All the world’s a stage, and all men and women merely players. Äußert sich Christoph Griesser auf höchst problematische Weise über „Opfer“ sexueller Übergriffe, bei Arabern kreischt ihr, aber ein geiler Italiener wär‘ euch sehr willkommen, brüllt Lisa Weidenmüller nicht ihn an, sondern fragt panisch: „Stan? Hast du das geschrieben?!“, darauf Griesser schüchtern: „Das war die Rolle, nicht ich“. Als das Team klare Vorgaben fordert, entgegnet Stan: „Europa hat keine Richtung. Wie soll ich da eine Richtung haben?“

Annette Isabella Holzmann mit Petra-Perücke. Bild: © M. Heschl

Christoph Griesser gibt wie immer alles. Bild: © Matthias Heschl

Arthur Werner als Liselotte im Leopelz. Bild: © Matthias Heschl

Andreas Dauböck bei der Arbeit. Bild: © Matthias Heschl

Lisa Weidenmüller, angstvoll. Bild: © Matthias Heschl

Fassbinder, verzweifelt: Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Wie zeitlos zeitgemäß das ist. Die Furcht vorm „schwarzen“ überwiegt die Abscheu vorm starken Mann, es folgt eine ominöse Werte- und Abschiebediskussion, geschrieben im Schatten der Kölner Silvesternacht, die Angst vorm Gewaltpotenzial der Ausländer, Feindbild Flüchtlinge. Zustände im Land, die „Frau“ Werner so lautstark beklagt, wie jene Yoga-Jammerlappen, zu denen die einheimischen Herren der Schöpfung verkommen seien.

Der Filmcast geriert sich als Wohlstandserhalter, der/die wütende Weiße, der/die jene Welt beherrscht, die die Populisten so einfach zu erklären wissen, nur kein differenziertes Denken auf diffizile Inhalte verschwenden!, und der/die trotzdem oder deswegen in Verwirrung, Verdrängung, Verständnislosigkeit lebt. Man formiert sich zum Soldateka-Chor, im Gleichschritt werden imaginäre Gewehre repetiert, wer die Qual der Wahl hat, wofür er sich engagieren soll, ist im Zweifelsfall gegen alles. Ferngesteuert, fehlgeleitet, fremdbestimmt.

Die Falk-Richter-Figuren sind fassbinderisch in Rainerkultur. Hemmer changiert vom fiebrigen Berserker zum charismatischen Seelenbeschauer zum verzweifelten Zeitdiagnostiker zum Manipulator seiner Mitarbeiter, ein unerbittlicher Clan-Chief und ein demütig Gläubiger im moralischen Anstaltstheater. „Stopp, gleich nochmal, Kamera läuft, und bitte, gut – danke, wir haben’s“, kommandiert er, während die Impro seine Viererbande ins Private entgleisen lässt. Familienkrieg und Festung Europa, Geschlechter- und weitere darzustellende Rollen, Klassen- und andere künstlich geschaffene Unterschiede, Fassbinders Frauen erscheinen, Petra, Martha, Maria, Lola, Veronika, Feminismus stellt sich contra Faschismus …

Mehr und mehr werden die inneren Strukturen der Truppe freigelegt, es folgen Schnaps- und Schattenspiele, Lisa Weidenmüller trimmt sich mit überbordender Spielfreude auf Zicke, kann aber „die Leere“ am Schminktisch, da ein solcher nicht vorhanden ist, nicht mit Text füllen, Annette Isabella Holzmann macht mittels Brautschleier ihre Herzensangelegenheiten deutlich, aus Weitblick wird Innenschau, der überforderte Regisseur klampft E-Gitarre, bis sich einer, Christoph Griesser nämlich, gleich dem vollalkoholisierten Fassbinder im Film nackig macht – und als pervers beschimpft wird. Theater-auf-dem-Theater meets Film-im-Film.

Im Gleichschritt zum Erhalt der Werte: Lisa Weidenmüller, Christoph Griesser, Martin Hemmer, Arthur Werner und Annette Isabella Holzmann. Bild: © Matthias Heschl

Was Tragikomisches hat das, wie ausgerechnet das diktatorische Regime Kunstschaffen, „es gibt hier nur einen, der das Sagen hat, und das bin ich“, dreht Stan durch, Demokratie vorleben will. Versuch gescheitert im Streit um fette Szenen und das beste Scheinwerferlicht und den blankärschigen Spanier-Schnuckel im Arm! Mit Verve setzen Falk Richter/Amina Gusner die Krämpfe im künstlerischen Prozess mit den Kämpfen im gesellschaftspolitischen gleich.

In „Deutschland im Herbst“ weiß Fassbinder nicht mehr weiter. Nach dem Baader-Meinhof-Terror steht er auf einer Sympathisantenliste, ist gereiht als intellektueller Verdächtiger, und wankt zwischen Bespitzelung und Selbstzensur. Falk Richter reiht Stammtischphrasen und Allgemeinplätze zum aggressiven Loop, Gusner macht den Wiederholungszwang systemimmanent, Sicherheit durch Überwachungsstaat, Tracking-App auf der Suche nach #Corona-Sündern, darf man dagegen mitprotestieren, auch wenn’s andernorts die Falschen tun? Wie sich die „Angst essen Seele auf“ gleicht. Als wären 40 Jahre ein Tag.

„Je suis Fassbinder“ ist ein beklemmend komisches Stück über Konsequenzen, die aus der Geschichte bestens bekannt sind. Die präsentierten Pendants sind erwünscht und alles andere als zufällig, nichts wird hier mutwillig auf einen Haufen geworfen. Nur die Darsteller. Am Schluss. Beim Gruppenkuscheln. Die Wirkmächtigkeit im Für- und Mit- statt Gegeneinander. Denn Liebe ist … auch wenn man keinen Film fertiggebracht hat. Und Andreas Dauböck singt „Kokomo“ von den Beach Boys. In Moll und superslow.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QtFyn9mhtfg&feature=emb_logo

werk-x.at/premieren/stream-je-suis-fassbinder

TIPP: Die Woche von 27. April bis 3. Mai steht beim Werk X im Wohnzimmer ganz im Zeichen von Händl Klaus: Da sein Stück „Dunkel lockende Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553) derzeit nicht gespielt werden kann, liest und interpretiert das Ensemble Prosa-Texte, die der Autor dem Haus zukommen hat lassen. Dabei sind drei sehr unterschiedliche Filme entstanden, die auf werk-x.at zu sehen sind.

  1. 4. 2020

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Filmmuseum: Rainer Werner Fassbinder

August 26, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den deklarierten Unruhestifter

Rainer Werner Fassbinder. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Saisonauftakt würdigt das Filmmuseum ab 31. August eine Schlüsselfigur des Kinos: Die kurze, aber fruchtbare Karriere von Rainer Werner Fassbinder machte ihn zum Motor des „Neuen Deutschen Films“ und zum Meteor des internationalen Kinos der 1970er-Jahre: Kein anderer unabhängiger Filmemacher weltweit war so produktiv und einflussreich. Mehr als 40 radikal persönliche Spielfilme realisierte Fassbinder, von „Liebe ist kälter als der Tod“  im Jahr 1969 bis zu „Querelle“ 1982, während er nebenbei seine Theaterkarriere weiterführte: Als Wunderkind und deklarierter Unruhestifter wurde er nach seinem internationalen Durchbruch mit „Angst essen Seele auf“  aus dem Jahr 1974 zum Inbegriff des bundesdeutschen Kinos, sein rasant expandierendes, bewundertes wie umstrittenes Werk zur umfassenden Kino-Chronik der Gegenwart des Landes.

Fassbinders Selbststilisierung, sein provokantes Auftreten und die Skandale um sein wildes Leben machten ihn schon zu Lebzeiten zur Legende, sein früher Tod 1982 besiegelte die Verklärung zum Mythos: Das enfant terrible des BRD-Kinos hatte sich im mit Drogen durchgeputschten Schaffensrausch ausgebrannt, gemäß seinem Diktum: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Doch Fassbinders filmische Hinterlassenschaft eignet sich nicht für Einbalsamierung: Die universale Kraft, schlagende Originalität und brennende Leidenschaft seines Werks verleihen ihm bleibende Aktualität. In aller Grausamkeit und Zärtlichkeit seiner Einsichten über das menschliche Wesen besteht es auch als utopischer Entwurf: Fassbinders Filme sind radikal subjektiv, und oft kaum verschlüsselt autobiografisch, wenden sich aber an die ganze Gesellschaft.

„Leere Kinos helfen uns nicht weiter“, distanzierte sich der schon als Kind vom Kino besessene Regisseur vom elitären Kulturdenken. Obwohl er den Hang zum kühnen Experiment nie ablegte, verstand Fassbinder Film als „publikumswirksame“ Volkskunst, die Träume und Gefühle weckte, während sie Intellekt und Bewusstsein schärfte. „Viele Filme machen, damit das Leben zum Film wird“, war sein Motto. Durch die Verzahnung von Werk und Privatleben – inklusive der engen Beziehungen zu seinem Ensemble, das Weltstars wie Hanna Schygulla hervorbrachte – überdeckte ein Personenkult sein Schaffen und dessen verblüffende Vielfalt weit hinaus über Klassiker wie „Händler der vier Jahreszeiten“ oder „Die Ehe der Maria Braun“.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Angst essen Seele auf, 1974. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Fassbinder war über den Umweg der Bühne zur Kinoregie gekommen: Mit seinem Münchner antiteater erregte er Aufsehen und begründete die Truppe von langjährigen Begleitern für seine Ein-Mann-Studio-Dauerproduktion: Peer Raben, Irm Hermann, Kurt Raab, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Das Frühwerk, insbesondere „Katzelmacher“ aus dem Jahr 1969, demonstriert noch aggressiv den schlichten, klaren Stil, den er bald verfeinerte: lange Einstellungen mit wie hingestellt deklamierenden Akteuren.

Diese Bühne füllte Fassbinder mit Welthaltigkeit und Ambivalenz: Pointiert porträtierte er den Alltag und die Verzweiflung seiner Figuren als oft beunruhigend komische Trauerspiele der unerwiderten Leidenschaften. Unter dem Einfluss von Douglas Sirk wurden seine Filme ab 1971 zugänglicher. Wie sein Vorbild übte Fassbinder in der populären Form Kritik am gesellschaftlichen Status quo, der das Leiden seiner Außenseiterfiguren verursachte: Ob Frauen oder Homosexuelle, Kleinbürger oder Randständige – Fassbinders Figuren sind in perversen Macht- und Beziehungsverhältnissen gefangen – Zitat: „Die Liebe ist das wirksamste Instrument der Unterdrückung“ -, aber nie bloß willfährige Opfer.

In einem Jahr mit 13 Monden, 1978. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Die faszinierende Zwiespältigkeit und Dringlichkeit lässt Fassbinders Filme alterslos erscheinen: eine in ihrer Tiefe und Breite unerreichte comédie humaine der BRD, die neben gegenwärtigen Interventionen wie „In einem Jahr mit 13 Monden“ oder der Terrorismus-Satire „Die dritte Generation“ immer reichere und aufwendigere Streifzüge durch die deutsche Geschichte und Filmgeschichte unternahm, mit wachsenden internationalen Expansionsambitionen:

Vom Niedergang des Preußentums („Fontane Effi Briest“, 1974) über Weimar („Bolwieser“, 1977/83) und die Nazizeit („Lili Marleen“, 1981) zur bunten Wirtschaftswunder-Komödie („Lola“, 1981) legte Fassbinder frei, was das Land antrieb – und die Menschen an sich. Fassbinder: „Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus.“

filmmuseum.at

26. 8. 2018

Ed. Hauswirth im Gespräch

November 17, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert am TAG „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“

Ed. Hauswirth Bild: dasTAG

Ed. Hauswirth
Bild: dasTAG

Nach seinem Erfolg mit „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ setzt Ed. Hauswirth, künstlerischer Leiter des Grazer Theater im Bahnhof, im Wiener TAG seine Untersuchung des Lebensgefühls der Jetztzeit fort. „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ heißt seine neue Produktion, die am 20. November uraufgeführt wird. Im Zentrum steht eine Frau, die sich für eine Karriere in der Politik entschieden hat. Man erfährt von ihrem Aufstieg, ihren vermeintlichen Erfolgen, aber auch von ihrem Missbrauchtwerden durch das Umfeld und ihrem eigenen Einsatz von Missbrauch. Auf ihrem Weg opfert sie alles, was ihr lieb war. Der Abend, dem Filmbilder von Fassbinder, Motive bei Dostojewski und Interviews mit politischen Quereinsteigern zugrunde liegen, wird zur Geschichte einer schleichenden persönlichen Verbiegung bis zum endgültigen Bruch. Es spielen Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser auf der Leinwand. Ed. Hauswirth im Gespräch:

MM: Sie sind also der eine Mensch, der Mitleid mit Politikern hat?

Ed. Hauswirth: Ja. Weil der erschütterte Glaube an die Politik, das Denken, dass jeder, der in die Politik geht, verdächtig ist, mittelfristig ein Problem für die Gesellschaft sein wird. Nicht jeder, der Politiker wird, ist „der Böse“, es gibt durchaus Menschen, die mit Enthusiasmus an die Aufgabe herangehen, weil sie etwas bewirken wollen.

MM: Sie haben für „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ Interviews mit Politikern geführt. Nicht zum ersten Mal bauen Sie einen Text auf Interviews auf. Ist das Methode?  

Hauswirth: Es ist eine Methode, mit der ich regelmäßig arbeite, aber es ist nicht die einzige. Eine Politikerin hat mir einmal im Zug von Wien nach Graz ihre Geschichte erzählt, da dachte ich, das ist interessant, damit sollte man sich einmal beschäftigen. Also haben wir Interviews mit politischen Quereinsteigern und -aussteigern geführt. Ein Quereinsteiger ist kein Berufspolitiker, er ist nicht aus dem Kader erwachsen, und er kann auch leichter wieder zurück in ein früheres Berufsleben. Ohne goldenen Übergang in den Aufsichtsrat. Diese Menschen fragen sich daher: Will ich das wirklich? Soll ich mir das antun? Was habe ich davon? Das war die Ausgangssituation.

MM: Sind Quereinsteiger freier im Sinne des Parteigehorsams?

Hauswirth: Das ist ein Vorteil. Wenn Abhängigkeiten bestehen – und kadergeschulte Leute sind hundertprozentig abhängig, wenn die wieder in die freie Wildbahn entlassen werden, sind sie hilflos -, ist das immer zum Nachteil des Einzelnen. Quereinsteiger wiederum knabbern vielleicht mehr an Enttäuschungen; viel macht ihnen Eitelkeit zu schaffen, im Sinne von: Wer darf reden? Wer vertritt eine Partei in der Öffentlichkeit? Viele kämpfen mit der Einsamkeit, weil eine Präsenz erwartet wird, unter der die Familie leidet. Es geht um Dislokation und mehr. Der Abend ist aber mehr ein Denkversuch in diesem Feld und nicht eine soziologisch korrekte Beschreibung der Zustände.

MM: Wie würden Sie Ihr Leidensdruckstück nennen?

Hauswirth: Salontragödie mit Humor.

MM: So gefragt, weil das Theater im Bahnhof die gleichnamige TV-Show hatte: Wieviel Show ist Demokratie?

Hauswirth: Demokratie ist Show. Die Gesellschaft will Spektakel sehen, also hat die Politik in den letzten Jahren einen sehr starken Showaspekt bekommen. Wer am lautesten schreit, wer am besten schauspielert, ist der größte Wahlgewinner. Es ist degeneriert, aber der Öffentlichkeitswert ist die eigentliche Währung, mit der bezahlt wird. Wer das nicht kann, kommt nicht vor, bleibt im Hintergrund, hat keine Macht. Die Frage ist heute nicht mehr, wie die Macht ausgeübt wird, sondern wie die Macht performt wird. Deshalb braucht man so viele Agenturen, so viele Berater, um den Politikern ihre Wahrhaftigkeit zu nehmen. Gut ist, wenn eine Person es schafft, in ihrer weltanschaulichen Haltung integer zu sein, und eine Performerin in der Öffentlichkeit. Aber das können wenige.

MM: Das Publikum ist der Wähler. Wie funktioniert Ent-Täuschung da?

Hauswirth: Bezüglich des Stücks? Das werden wir Ende der Woche wissen (er lacht). Ernsthaft, noch einmal, ich glaube nicht, dass Politiker per se Böses wollen. Die legen oft einen langen Weg zurück, um ihre Anliegen von A nach B nach C zu bringen. Ich traue vielen zu, dass sie schweren Herzens Dinge nicht ansprechen, weil man ihnen sagt, dass sie dann nicht gewählt würden. Man könnte ihnen also einmal freundlich begegnen, nicht immer nur mit Kritik. Ein Politiker, der die Wähler an seiner Seite weiß, würde auch viel weniger an Einflussnahme durch die eigene Partei, die Wirtschaft etc. leiden. Dann könnte das Primat der Wirtschaft über die Politik und das Primat der Show über die Wirklichkeit endlich beseitigt werden. Die Gesellschaft ist längst bei Dingen angekommen, die von Philosophen in den 1960er-Jahren als utopisches Ferment wahrgenommen wurden.

MM: Heißt, dem Politiker, der agiert, wie das Krokodil vom Kasperl, dem wird recht gegeben?

Hauswirth: Stimmt. Es ist eine große Kunst, den richtigen Ton zu finden, zwischen der leeren Worthülse und der echten Meinung, für die man dann hoffentlich nicht erschossen wird. Das ist ein schmaler Grat.

MM: Soll das Stück beim Publikum Verständnis für Politiker erzeugen?

Hauswirth: Gute Frage. Ein bisschen schon, ja. Aber nicht beim Politiker als Kategorie. Es wird ein Empathieversuch für die eine von Petra Strasser gespielte Politikerin, die zu sehen sein wird. Im Sinne von: verstehe, was du kennenlernst. Unsere Politikerin wird eine Frau sein, die sehr gut Dominanz ausüben kann, damit muss man sich erst einmal anfreunden.

MM: Sie haben in den Text Motive von Rainer Werner Fassbinder und Fjodor Dostojewski verwoben. Wie und wo passt das?

Hauswirth: Von Dostojewski sind es zwei, drei Textstellen, das Motiv der Depression, das Motiv der Entfremdung, Einsamkeit, Tod, Sehnsucht – das sind Ausgangspunkte des Abends. Er wird aber nicht depressiv sein, weil ich immer Humor brauche. Schwarzen Humor, der ist ja Wien nicht fremd. Dort, wo eine Beziehung zu sich verloren geht, wo Entfremdung stattzufinden beginnt, wenn man immer nur außer sich sein muss, damit man vollkommen funktioniert, gibt’s dahinter Leere, Burnout, Sinnentleerung. Das hat mit Dostojewski und Fassbinder zu tun. Bei Fassbinder haben wir uns mit seinem Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ beschäftigt, den er nach dem Selbstmord seines Lebensgefährten gedreht hat. Darin kämpft der Transsexuelle Erwin/Elvira um seine Suche nach Identität: „Ich will so sein, wie ihr mich haben wollt“, „für Liebe gebe ich alles“, selbst eine Geschlechtsumwandlung. Dieses Geliebtwerdenwollen hat mit Liebe nichts mehr zu tun. Das ist nur noch eine Aussage von Liebe. Wir eignen uns aus dem Film ein paar Bilder an, um diesen Komplex zu erzählen.

MM: Sie sagen ständig „wir“ statt „ich“. Wie funktioniert die Arbeit? Sie schwärmen aus und holen die Interviews ein, dann wird gemeinsam ein Text geschrieben?

Hauswirth: In gemeinsamer Autorschaft mit den Schauspielern Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser und der Dramaturgin Isabelle Uhl. Das ist eine Kollektivarbeit, ich kann ohne Ensemblefeedback nicht arbeiten, ich bin immer so was wie Fußballtrainer oder Jungscharleiter. Unsere Arbeitsprozesse dauern halt länger als sechs Wochen Proben. Wir pirschen uns heran. Wir beginnen bei einer Person, die uns interessiert, von der ausgehend suchen wir weitere. Bei der Transkription der Interviews suchen wir Motive, die sich mit Literatur verbinden lassen, als Inspirationsquelle und Zitat zu den Realmomenten. Am liebsten ist mir, wenn der Zuschauer gar nicht erkennt, was was ist, aber man erkennt’s natürlich mitunter am Duktus, weil es mir wichtig ist, Texte konsistent zu lassen. Es soll auf der Bühne noch den Ton haben, mit dem es einmal gesprochen wurde.

MM: Wie gehen Sie an die Interviews heran?

Hauswirth: Man muss schauen, wo die Ellipse ist, wo die Auslassung ist. Und im Gegensatz zum Journalisten beispielsweise, der genau da dann nachfragt, ist die Auslassung für mich dramaturgisch interessant. Stille ist spürbar und spannend. Man muss jedenfalls sehr respektvoll vorgehen. In Graz erarbeiten wir gerade ein Stück über die Rechte, eine Komödie rechts der Mitte. Da kommst du in die Lage, dass du wohin gehen musst, wo du nicht hin willst. Du darfst aber trotzdem in keinen kritischen Streit mit der Person gehen, damit deren Stimme hörbar wird. Wie sie sich halt selbst erzählt. Da gibt es Wiedererkennungsmerkmale, die gleiche Semantik, Stereotype, die man von Rechtspopulisten aus dem Fernsehen kennt. Aber wenn er über sein Hobby spricht, öffnet er sich, da verteidigt er sich nicht und sagt mehr über seinen Charakter aus als sonst. Und dann serviert er seine biologistischen Grauslichkeiten. Das kann man dann bearbeiten und verarbeiten. Wir wollen ja keine wissenschaftlich haltbare Analyse, sondern einen Zeitbefund abgeben, der zum Denken anregt.

MM: Und die Abgrenzung zum Dokudrama ist?

Hauswirth: Die Fiktion. Wir haben eine Räuberhaltung, wir eignen uns die Quellen an, um daraus etwas zu schaffen, was noch nie da war. Wir benutzen dokumentarische Ästhetik, aber durch die Montage ist es bereits Fiktion.

MM: Wann ist eine Produktion in diesem Sinne, nicht im kommerziellen, für Sie erfolgreich?

Hauswirth: Wenn’s Reagenz zwischen Publikum und Bühne gibt. Wenn unwillkürlich ein chemischer Austausch stattfindet, wenn’s eine Feedbackschleife gibt, dann hat der Abend etwas, das irgendwie echt ist. Das ist ein Erfolgskriterium: wenn das Publikum denkt, ja, das stimmt irgendwie, ja, das beschäftigt uns. Wenn man eine Haltung transportieren kann. Ich glaube ja, dass ein Stück idealer Weise im Publikum stattfinden sollte, statt auf der Bühne. Und natürlich will ich auch, dass es als lustig empfunden wird. Stücke sollten sich ins Herz und ins Hirn schreiben. Mehr verlange ich gar nicht.

MM: Nützt der „Nestroy“ etwas?

Hauswirth: Der Autor sowieso immer. Der Preis, den ich für „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ bekommen habe, auch. Er hat mir in der Steiermark Aufmerksamkeit gebracht, da ist so ein steirischer Patriotismus ausgebrochen. Der Nestroy-Preis ist Nutzen und Fluch. Einige Zeit hing er wie ein Schatten über uns, weil wir Erfolgsdruck haben. Diese Phase hat sich gottlob wieder aufgelöst, jetzt gehen wir’s am Freitag an.

MM: Wie soll das Publikum rausgehen? Mit dem festen Vorsatz das nächste Mal zu wählen?

Hauswirth: Unbedingt. Wenn das gelingt, wäre ich schon zufrieden. Wobei ich keine Ahnung habe, ob der Abend das leistet.

MM: Na, ich setze Sie ein bisschen unter Erfolgsdruck.

Hauswirth: Ja, ich spür’ schon …

Trailer: vimeo.com/145797993

dastag.at

Wien, 17. 11. 2015

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

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Wien, 8. 9. 2015