Volkstheater: Wer hat meinen Vater umgebracht

November 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Blaumann über die Gelbwesten debattieren

Eddys Abrechnung mit dem Vater wandelt sich bei Édouard zur politischen Anklage: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch, Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies zum ersten Jahrestag der Gelbwestenbewegung zu schreiben, ist wohl einer jener Zufälle, die es bekanntlich nicht gibt. Gestern erst standen die Gilets jaunes, heißt: deren Darsteller, auf der Bühne des Volkstheaters, heute wartet Frankreich gespannt darauf, ob sich die Wut der Westen neu entfacht. Nichts nämlich hat sich im Macron’schen Machtbereich zum Besseren entwickelt, seit Édouard Louis vergangenen Dezember öffentlich erklärte „Wer eine Gelbweste beleidigt,

beleidigt meinen Vater“, und die Xeno- wie Homophoben in den Protestreihen damit entschuldigte, dass sie „etwas Richtiges und Radikales verkörpern“ und es dank ihres Mouvement endlich eine Kraft gebe, die der herrschenden Klasse Angst einjage. In der entsprechenden Theaterszene sagt Louis diese Sätze in einer Talkshow, von deren Moderator mit blödsinnigen Fragen terrorisiert, währenddessen von den Geistern seiner Vergangenheit drang- saliert. „Schwuchtel“ und Schlimmeres raunen ihm die Strichmännchen-Masken gefährlich zu, ein Flashback im Fernsehstudio, der aus dem zum Bestsellerautor avancierten Édouard wieder den verspotteten, verprügelten Eddy Bellegueule, aus dem Pariser Intellektuellen wieder den Prekariatssohn aus der Picardie macht.

Es sind Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Heike Müller-Merten, die unter dem Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Louis‘ gleichnamiges Essay mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“ unterfüttert haben, und derart die autobiografische Auseinandersetzung Eddy/ Édouards mit dem Vater zwischen der aggressiven, von Abscheu geprägten Abrechnung des Erstlings und der politisch scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse der 70-Seiten-Schrift pendeln lassen – die so entstandene Collage nunmehr am Freitag mit Louis‘ Segen zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, die Produktion mit ihrem sozialkritischen Ansatz, Politisches sei gleich privat und umgekehrt, perfekt fürs Haus und von dessen Publikum bei der Premiere auch heftig akklamiert.

„Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.“ Louis‘ Text beginnt mit diesen Zeilen, die sich Rast zum Leitfaden ihrer Inszenierung erkoren hat. Die Figur des Eddy/Édouard verteilt sie auf fünf Schauspieler, Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass und Birgit Stöger, die gemeinsam die diversen Puzzleteile von Louis‘ Persönlichkeit zu seinem Ganzen machen.

Birgit Stöger mit Vaterpuppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sebastian Pass in Pailletten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Mutter. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gibt Klein mehr den sensiblen Denker, Fasching eher den kopfgesteuerten Künstler, ist Kreusch eindeutig Eddy aus kindlicher Perspektive, spielt Stöger den Polit- und Pass den Schwulenaktivist, dies alles hier zu einfach formuliert und im Spiel nie so simpel transportiert, ergeben sich daraus dennoch die verschiedenen Annäherungsversuche an den Vater. Dieser ist zu verstehen als omnipräsente Großbaustelle, als Leerfläche für die psychologische Projektion – und bei Rast umgesetzt als riesige Puppe, ein Arbeiterklassenkollektivkörper, ein gigantischer Sandsack, der am ebensolchen Tisch mutmaßlich volltrunken zusammengesunken ist und später nur mit Mühe herumgeschleppt werden kann.

Leichenweiß, die Augen blinde X-e, der Mund mit vier Stichen zugenäht, dokumentiert die Puppe des Vaters Leben als ein langsames Sterben. In der Fabrik zum schwerkranken Wrack geschuftet, wird er arbeitslos und zum Alkoholiker, ein von andauernden Schmerzen geplagter Sozialhilfeempfänger, wird ein Teil des politischen Systems Armut. Im erst symbolträchtig „gewalt“-igen Elternhaus, dann vorm Flaschenzug-Gerüst, das Bühnenbild von Franziska Rast, die Kostüme von Sarah Borchardt, ereignet sich weniger Handlung, als ein Anschlagen von Thesen, die Pose ein Hessel’sches „Empört euch!“, auch wenn sich Louis bevorzugter auf seinen Freund und Philosophen Didier Eribon oder den Soziologen Pierre Bourdieu rückbezieht – bei seinem Aufzählen der Vatermörder: Chirac, Sarkozy, Hollande, Hirsch …

„Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller“, heißt es an einer Stelle. Dabei hält das Ensemble Politikerporträts hoch, und wie sich die Bilder bis Österreich gleichen. Blaumann tragen die Darsteller nun allesamt, und schildern, was es mit der von Sarkozy erfundenen Allocation d’aide au retour à l’emploi auf sich hat, die den invaliden Vater zu einem Job als Straßenkehrer zwingt, „buckeln trotz ruinierter Wirbelsäule“ nennt das der Sohn, oder was Macrons Kürzung der Wohnbeihilfe um „nur“ fünf Euro für deren Bezieher bedeutet. Und weil Édouard Louis‘ Eltern die Fronten vom sozialistischen Proletariat zu Le Pens Front National gewechselt haben, bekommt auch die Linke Schelte ab, nämlich ihre ureigenste Klientel mitten im Klassenkampf im Stich gelassen, Louis wörtlich: „verrraten“, zu haben.

Birgit Stöger beklagt das Opfer aus der Arbeiterklasse. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kränzewerfen beim imaginären Begräbnis. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Talkshow: Sebastian Klein, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Gelbwesten gehen auf die Straße. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bemerkenswert ist, wie Rast und Team die Kurve vom Pamphlet zur Bühnentauglichkeit kratzen. Mit teils surrealen Albtraumsequenzen, teils comichaft witzigen Episoden, mit poetischen Momenten, bitterem Spott und picksüßer Ironie macht Rast Louis‘ Text theatral. Da singt Sebastian Pass in Pupurpailletten gewandet Celine Dions „Parler à mon père“, Birgit Stöger mit französischem Schmelz in der Stimme Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“, klettert Peter Fasching in Mutters Fatsuit-Schürze auf Vaters Schoß, bevor Stöger sie zur schrill kreischenden Furie umfunktioniert, werden Trauerkränze im Kreis geworfen, will der Bruder den Vater totprügeln, weil er der Mutter verboten hat, ihrem Ältesten weiter Geld für Drogen zuzustecken.

Als Pass‘ Eddy wie eine Diva discotanzt und der Vater ostentativ wegschaut, outet ihn Stögers Mutter als früher ebenfalls „heiße Sohle“, seinen Männlichkeitswahn als letzte verzweifelte Selbstbehauptung, seinen Arbeiterstolz als erste Bekundung seiner Scham. Dass frauenfeindliche oder rassistische Sprüche, wie finanziell unabhängige Frauen seien ganz sicher frigide und lesbisch oder alle Araber bevorzugten perverse Sexpraktiken, unwillkürlich zum Lachen verleiten, liegt im hohen Maß am fabelhaften Spiel der beiden. Der Schluss ist auf der Bühne so versöhnlich wie im schmalen Band, indem sich der Vater beim Sohn entschuldigt, er, der Jahrzehnte lang Ausländer und Homosexuelle für alles Faule im Staate Frankreich verantwortlich machte, hinterfragt jetzt die eigenen Werte. Er akzeptiert das politische Engagement des Sohnes, sogar dessen Schwulsein und erkundigt sich ernsthaft interessiert nach dessen Lebenspartner.

Eine Gefühls- und Gesinnungswende um 180 Grad mit Vaters abschließendem Satz: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Ein kluger, aufwühlender und nachdenklich stimmender Theaterabend mit einem glänzend agierenden Ensemble. Diese Aufführung ist eine Sternstunde fürs Volkstheater.

www.volkstheater.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ am Schauspielhaus Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36095

  1. 11. 2019

Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

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  1. 9. 2019

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

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15. 5. 2019

Volkstheater: Rojava

März 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wille steht fürs Auftragswerk

Muss er schießen, fällt Michael in Ohnmacht: Mona Matbou Riahi, Isabella Knöll, Rina Kaçinari, Peter Fasching, Golnar Shahyar und Maria Petrova. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein politisches Manifest macht nicht unbedingt den besten Theaterabend; wie immer ehrlich und ehrenwert die Angelegenheit auch gemeint sein mag, sie kann durchaus ins Auge gehen. So geschehen nun am Volkstheater bei der Uraufführung von „Rojava“, einem, man muss es tatsächlich sagen, nur mittelmäßigen Text von Autor Ibrahim Amir, zu dem Regisseur Sandy Lopičić offenbar keinen rechten Zugang gefunden hat.

Wiewohl das von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beauftragte Stück auf eine schwarze Märchenpädagogik setzt, ist das Märchenhafteste am Ganzen die Musik, die Lopičić gemeinsam mit Golnar Shahyar und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht hat, und nun von einem Mini-Orkestar live performen lässt. Die Damen Golnar Shahyar, Rina Kaçinari, Mona Matbou Riahi und Maria Petrova (selbstverständlich auch Imre Lichtenberger Bozoki) sind denn auch Teil seiner Inszenierung, als Soldatinnen jener Frauenverteidigungseinheiten, die entscheidend zum Gelingen der gesellschaftlichen Revolution in Rojava beitragen wollen. Heißt: in der Demokratischen Föderation Nordsyrien, einem de facto autonomen Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Bewohnt von Kurden, Turkmenen, Arabern und Assyrern-Aramäern, die sich die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe auf die Fahnen geheftet, mit ihrem Verständnis von Menschenrechten laut Human Rights Watch allerdings noch zu kämpfen haben. Dass die Türkei die Existenz Rojavas ablehnt und im Jänner 2018 den Kanton Afrin militärisch eroberte, hat die Situation extrem verschlimmert; sollten sich die USA realiter aus Syrien zurückziehen, wird sie in dieser Politutopie, eingekeilt zwischen Erdoğan-Land, IS und Assad-Regime, noch prekärer werden. Amirs Eltern, er selber seit 2002 in Österreich, leben nach wie vor in Afrin. Im Programmheft-Interview spricht er über die antikurdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht Türkei, die Sorge um Vater und Mutter und sein persönliches Dilemma nicht vor Ort aktiv zu sein. Soweit der selbsttherapeutische Background.

In Wien – Michaels Mutter Ursula stellt Flüchtling Alan zur Rede: Luka Vlatković und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In Rojava – Der blinde Kaua zeigt, wie die Kurden im Glück und im Unglück tanzen: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die Amir in seinem Stück erzählt, ist die zweier Männer. Der Wiener Michael, und nicht zufällig wurde wohl der Name des Satanbezwingers gewählt, bricht auf nach Rojava, um sich der Befreiungsbewegung anzuschließen. Kaum angekommen, lernt er den Kurden Alan kennen, der nichts als weg will aus dem Krieg. Schon steht der europäische Idealist gegen den illusionsbefreiten Einheimischen, den keine Ideologie mehr halten kann. Alan gelingt es, Michael dessen Reisepass abzuschwatzen – und so macht sich der auf nach Wien.

Im stimmigen Setting von Ausstatterin Vibeke Andersen, durchs Drehen der Bühne zugleich Kriegsschauplatz, Märtyrergedenkstätte und Wiener Wohnung, und unter Verwendung der eindrücklichen Comicbilder von Zerocalcare aus dessen Graphic Novel „Kobane Calling“, versucht Lopičić sein Wiener Regiedebüt zu stemmen. Allein, Amirs Vorlage leidet nicht nur an einem beinahe lachhaften Pathos, ausgerechnet er, der sonst seine Stücke so gekonnt mit bitterbösem Witz durchsetzt, hat diesmal ganz aufs Scharfzüngige verzichtet, sondern auch an mangelnder Charakterzeichnung. Fast sämtliche Figuren sind ihm flach geraten, kaum ein Beweggrund noch eine Begegnung wird näher beleuchtet, doch scheint das Thema zu wichtig, um nur, wie’s hier geschieht, im schnellen Szenenwechsel hurtig drüberzufahren. Amir will viel. Will über Missverständnisse und Mentalitäten philosophieren, über die seelischen Konflikte der aus dem Krieg Weg- und der nie Hingegangenen, will darüber berichten, wie Sympathien in falschen Vorstellungen fußen, will mitten in der Schlacht über die Liebe, eine davon sogar eine lesbische, sinnieren – und darüber, wofür es sich zu sterben lohnt.

In Summe erinnert das alles ein wenig an „Wem die Stunde schlägt“, nicht der spröd-elegante Hemingway, sondern die sentimentalisierte Version von Melodram-Mann Sam Wood. Die Darsteller mühen sich an ihren Rollen mit unterschiedlicher Fortune. Am nachvollziehbarsten gestaltet Sebastian Pass Alans Cousin, den blinden Kaua, ein geistreicher Zyniker, der es sich zum Sport gemacht hat, die diversen abgefeuerten Schusswaffen an ihrem Sound zu erkennen. Peter Fasching spielt den Revolutionsromantiker Michael, der sich an der Front als völlig untauglich erweist, fällt er doch schon bei den Schießübungen in Ohnmacht. Dass er im Tarnüberzug auf dem Rücken statt eines Maschinengewehrs seine Gitarre trägt, ist ein gelungener Einfall dazu.

Michael zwischen zwei Frauen: Peter Fasching mit Golnar Shahyar als Wienerin Derya … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Freiheitskämpferin Hevin: Isabella Knöll und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatković bleibt als Alan blass, was daran liegen mag, dass er kaum zu Wort kommt, dafür ständig von den anderen abgekanzelt wird. Erst in Rojava von Michael, der ihm bescheinigt, in Europa als Dritter-Klasse-Mensch behandelt zu werden, dies die stärkste Szene im Stück, später von Michaels Mutter, Claudia Sabitzer als Ursula (und auch als militärische Befehlshaberin Fidan), die ihm Feigheit vor dem Feind vorwirft, während ihr Sohn womöglich gerade sein Leben für Alans Sache opfert. Dessen Argument, es sei seine Sache nicht, im Kugelhagel zu krepieren, folgt sie natürlich nicht …

Isabella Kröll sucht als martialische Kommandantin Hevin das Mädchen in sich, das sich Michael hingeben könnte, muss ihn aber zurückstoßen, um den Schutz der emanzipatorischen Truppe nicht zu verlieren. Dass Märchen nicht gut ausgehen müssen, erlebt nach zwei Stunden zwanzig nur ein Teil des ursprünglichen Publikums, haben doch in der Pause nicht wenige Zuschauer den Heimweg angetreten. Was die Frage aufwirft, wie sehr Amirs „Rojava“ in Zeiten, da Europa ganz gegenteilig die Rückkehr abgehalfterter IS-Kämpferinnen und -Kämpfer hiesiger Staatsbürgerschaften ablehnend diskutiert,

und sich in Österreich im Fall Samra und Sabina offenbar gerade Außenamt gegen Innenministerium stellt, einen Nerv treffen kann. Soll als letzter Satz über Amirs Stückkonstruktion hier wie folgt stehen: Der gute Wille steht fürs Auftragswerk.

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1. 3. 2019

Volkstheater: König Ottokars Glück und Ende

Januar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grillparzer als grausame Groteske

Zusammenstoß zweier Machtmenschen: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Glück, gibt’s die englischsprachigen Übertitel. Im Dickicht der Akzente und Dialekte ist nämlich nicht einmal die Hälfte dessen verständlich, was auf der Bühne gesprochen wird. Mag sein, dass Dušan David Pařízek dem Publikum so seine Message mitgeben will: Was Politiker herumtönen, versteht ohnedies kein normaler Mensch … Nach krankheitsbedingter Verschiebung also endlich die Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ am Volkstheater.

Im Bühne-Interview betonte der interviewscheue, tschechische Regisseur, er werde in seiner Lesart des obrigkeitshörig-xenophoben Stücks, von dem es bis dato keine Übersetzung ins Tschechische gab, „den Schwarzen Peter wieder den Österreichern zurückgeben“. Nun, zumindest hat er ihnen den Narrenhut aufgesetzt, denn so neu ist die Interpretation des Böhmen-Königs als tragischem Helden und des Habsburgers als gewieftem Schlitzohr nun auch wieder nicht. Definitiv anders ist, dass Pařízek auf krause Wortgefechte setzt, auf Szenen von absurder Komik, manchmal hart am Slapstick, und nicht zuletzt wegen der lächerlichen Papierkrönchen denkt man mehr an Paradeinszenierungen von „König Ubu“, als an ein Werk des ehrenwerten k.k. Finanzbeamten. Getreu dem Motto „Fürchtet die Posse, nicht das Pathos!“, hat Pařízek zweiteres zugunsten ersterer verblasen, Grillparzers Trauerspiel wird bei ihm zur zunehmend grausamen Groteske; es wird mehr gelacht als bei den Pradlern, das muss man mögen, und an dieser Stelle wird es das. Grillparzer-Puristen packt indes mutmaßlich das nackte Grauen.

Pařízek hat das Personal auf sieben Darsteller gestrichen, und verwendet als Bühnenbildner wieder sein Lieblingsmaterial rohes, unbehandeltes Holz. Böhmen, eine Bretterbude, die am Ende in sich zusammenkracht. Die Kostüme von Kamila Polívková bewegen sich zwischen Proll-Buxe und Gangsta-Hoodie, jeweils versehen mit passendem Logo für die Hood. Heißt: Roter Löwe hie, weißer da, und Seyfried Merenberg muss natürlich einen Steirerwappensweater tragen. Dies gleichsam macht den größten Teil von Pařízeks Konzept aus – eine herkunftsgetreue Besetzung. Der tschechische Theater- und Filmstar Karel Dobrý spielt den Ottokar, der Schweizer Lukas Holzhausen Rudolf von Habsburg, Thomas Frank, immerhin lange Mitglied am Grazer Schauspielhaus, den steirischen Ritter Merenberg.

Rainer Galke als Margarethe, Lukas Holzhausen als „Ruedi“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Pferd, ein Pferd …: Karel Dobrý hoch zu Ross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke darf als Margarethe von Österreich, Wiener Bürgermeister und Nürnberger Burggraf in fremden Sprachgefilden wildern, und Anja Herden erprobt sich als Kunigunde, Enkelin des Ungarn-Königs, am „Ungoorrisch“. So weit, so ja eh, ein Versuch, Přemysls und später Habsburgs Vielvölkerverlies zu versinnbildlichen. Tatsächlich macht deren Gleichheit im Machtrausch, Gegensätzlichkeit im Streben danach, den Abend aus. Dobrýs Ottokar kommt zu Pferd auf die Bühne, ein Souverän, der die Gesellschaft seines Schimmels der der Gattin – Rainer Galke ganz Diva, mit kleiner Krone und riesigem Hermelin, schwankend zwischen Resignation und Ressentiments – vorzieht. Mit einem tschechischen „Ahoj!“ grüßt Ottokar gönnerhaft die Anwesenden, was Holzhausens Habsburg mit einem Schwyzerdütschen „Hoi!“ beantwortet – und schon geht das Geplänkel über den korrekten Wortgebrauch los. Dass sich Ottokars „Ad Honorem Jesu“ am Ende in ein deutschen „Heil!“ verwandeln wird, bringt Pařízeks Intention bei dieser Arbeit auf den Punkt.

Dobrý ist zweifellos ein Charismatiker, der seine polternde Performance über die Rampe direkt ins Publikum trägt, als wolle sich sein Ottokar dort des Gehorsams seiner Untertanen versichern. Dieser Ottokar ist so jähzornig wie stolz, so leidenschaftlich wie geradlinig, eine Majestät, ein Alphatier, schließlich starr vor Demütigung. Diese wird ihm Rudolf zufügen, den Holzhausen, szenisch sicher wie stets, als ehrgeizigen Realpolitiker anlegt. Im Unterschied zum aufbrausenden Ottokar ist er mit den Verbündeten verbindlich, gibt mitunter hinterlistig fast den Tölpel vor, wenn er dem Hof seine Sprechweise aufzwingt, sich mittels Souffleur am Bühnendeutsch übt, und alle nötigt, ihn kumpelhaft „Ruedi“ zu nennen. Ein gefährlicher Mann, von Anfang an. Der sich zum Schluss die Schlachterschürze umbindet, bevor er mit Ottokar ein Blutbad anrichtet.

Doch bis dahin muss sich Ottokar noch vom schwäbelnden Burggrafen Zollern ankeppeln lassen, während Rudolf vom Wiener Bürgermeister Paltram Vatzo mit allen Ehren empfangen wird. Rainer Galke spielt beide mit höchster Hingabe, singt nicht nur Operette und Heurigenlieder, sondern auch Falco, und geht sogar schwimmen, wonach er sein an die Badehose genähtes Riesengemächt auswringt. Als Vasallen gefallen Thomas Frank als naiver Berserker Merenberg – und Wasser speiender Springbrunnen – und Peter Fasching, als Zawisch von Rosenberg Oberintrigant und E-Zitherspieler. Gábor Biedermann bleibt als stets einlenkender Kanzler Braun von Olmütz diesmal unter seinen Möglichkeiten, dafür spielt Anja Herden als Kunigunde alle ihr zur Verfügung stehenden aus, wenn sie heimwehkrank und in temperamentvoller Verzweiflung ihre Sätze mit „Bei uns in Ungarn …“ beginnt. Einfach alles auf der „ähresten“ Silbe betonen, erklärt sie Kunigundes Idiom.

Anja Herden als Kunigunde, die Enkelin des Ungarn-Königs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Rosenberg, Thomas Frank als Merenberg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

So ist Pařízeks Zweieinviertel-Stunden-Aufführung zumindest kurzweilig zu nennen, mit Kalkül ist vom weltpolitisch Bedeutsamen der Begründung einer Dynastie, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa herrschte, nicht viel übriggeblieben, womit Pařízek seinen Standpunkt der Lächerlichmachung der – Zitat – „Suche nach einem Führer, der uns alle wach küsst“ klarmacht. Wie vieles wurde auch der alte Horneck gestrichen, die Österreich-Rede tragen Frank und Fasching als Rockpoem vor. Sie wissen: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden …“

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  1. 1. 2019