Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

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30. 4. 2020

Born in Evin

Februar 19, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich im Pool zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte.

Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt. Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss.

Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren. Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin, mit dem sie heute Abend im Stadtkino Wien Premiere hat. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess Eskandari-Grünberg. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz.

Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen. Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde. Ganz nach ihrem Selbstverständnis als Aktivistin rückt Maryam Zaree nicht nur die westliche Verklärung des Schahs in den richtigen Rahmen, sie zeigt Schwarzweiß-Fotos ihrer Eltern, die an John Lennon und Karl Marx glaubten, an Freiheit und Menschenwürde, doch dann folgte auf Terror wieder nur Terror.

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Maryam Zaree mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

„Born in Evin“ ist ein Film über die Entstehung dieses Films. Über die Bedenken wegen Zarees beharrlichem Wissenwollen, über das Misstrauen wegen des iranischen Geheimdienstes, der etliche der Exilanten nach wie vor bespitzelt. „Warum suchst du nicht die schönsten Momente statt der schlimmsten Szenarien?“, fragt die Psychotherapeutin Marya Sirous, Nargess‘ Freundin, die sie auch prompt anruft. Danach die Mutter stocksauer auf Maryams Mailbox.

Niemand will hier das Gewesene aufwühlen. Eine ehemalige Zellengenossin der Mutter gibt nur das Gute weiter: dass alle Mitgefangenen, vierzig bis sechzig auf engstem Raum zusammengepferchte Frauen, geklatscht, geweint und die neugeborene Maryam mit Liebe überschüttet hätten, als Nargess sie zum ersten Mal in die Zelle getragen habe. Tante Sima Boulanger in Paris reagiert ähnlich, obwohl sie es war, die der zwölfjährigen Nichte aus Versehen die verschwiegene Wahrheit eröffnete.

„Das Schweigen“, sagt sie, „ist Teil unserer Geschichte“. Erst die Soziologin Chahla Chafiq und die Autorin Shadi Amin machen Zaree deutlich, dass es zwar kein Recht auf Antworten, aber eines auf Fragen gibt. Das alles kann die Filmemacherin preisgeben, kann sich der Kamera preisgeben, Persönliches, beinah Intimes, ohne in Selbstbezogenheit zu verfallen. Das Puzzle ihrer Begegnungen, Irrwege und Gedankengänge, die Vergangenheit, die in die Gegenwart greift, setzt sie zu etwas Universellem zusammen.

„Born in Evin“ ist ein Porträt starker Frauen. Maryam Zaree bündelt ihre Stimmen, um die ihre zu finden. Und es ist Chowra Makaremi, die zum Gleichnis kommt, die Kinder der Dissidenten und ihr selbstbestimmtes, friedvolles Leben sei der moralische Sieg der Eltern über die Unterdrücker. „Wir sind ihr Widerstand, ihre Antwort, eine Armee erfolgreicher, junger Menschen“, sagt sie. Und auch: „Wir sind die Vergebung ihrer ,Schuld‘, besiegt worden zu sein, ihre Revolution verloren – und dennoch überlebt haben.“ Schnitt.

In der folgenden Episode begleitet Zaree ihren Stiefvater Kurt Grünberg, Psychoanalytiker und Kind von Holocaust-Überlebenden, der erforscht, wie sich Traumata über Generationen vermitteln, in ein jüdisches Seniorenheim. Wo viel gescherzt wird und nicht jugendfreie Witze zum Besten gegeben werden – auch dies entstanden aus einem Widerstand gegen die Entmenschung, Lachen als Heilmittel gegen die seelische Versehrtheit. Der Schluss zeigt den Schabbat-Abend bei Eskandari-Grünbergs, mit dabei Maryams Schwester Mira, die mit einer Behinderung zur Welt kam. „Wir sind eine Familie mit allem“, kommentiert Maryam Zaree – und führt so mit Augenzwinkern und Chuzpe alle kulturellen, religiösen, die Mitmenschlichkeit verletzenden Stereotype ad absurdum.

stadtkinowien.at           www.goldengirls.at

  1. 2. 2020

Theater-TIPP zum Thema:

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“. Bild: © Alexander Gotter

Am 27. Februar hat im Werk X-Petersplatz „Blutiger Sommer“ des im Iran geborenen Schauspielers und Regisseurs Alireza Daryanavard Premiere. Auch er thematisiert die tabuisierten Massenhinrichtungen Ende der 1980er-Jahre. Das Stück basiert auf Interviews mit Zeitzeugen und – wie schon in „Ein Staatenloser“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) – auf Tagebucheinträgen, Abschiedsbriefen und Fotografien persönlicher Gegenstände der Hingerichteten, die ihren Angehörigen zurückgegeben wurden.

werk-x.at/premieren/blutiger-sommer

Nuruddin Farah: Jenes andere Leben

August 30, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Buch über Flucht, ein Plädoyer für Freiheit

bildIn seinem neuen Roman „Jenes andere Leben“ erzählt der somalische Autor Nuruddin Farah das bewegende Schicksal einer Familie in Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Als Bella vom gewaltsamen Tod ihres Bruders Aar bei einem Anschlag der Terrormiliz al-Shabaab in Mogadischu, der Hauptstadt des bürgerkriegsgeschüttelten ostafrikanischen Staates erfährt, bricht die erfolgsverwöhnte Modefotografin umgehend aus Rom auf, um sich dessen halbwüchsiger Kinder, Salif und Dahaba, anzunehmen.

In Nairobi, wo Aar mit ihnen lebte, versucht sie Verantwortung zu übernehmen, denn Valerie, die Mutter der Kinder, hat die Familie bereits vor Jahren verlassen, um mit einer anderen Frau ein neues Leben zu beginnen. Jetzt aber erhebt sie ihre eigenen Ansprüche auf die Kinder – und das Erbe von Aar –, und zwischen den Frauen entspinnt sich ein zuerst noch subtiler, verbaler Machtkampf.

„Jenes andere Leben“ ist ein Psychogramm einer Frau, die aus Europa zurück nach Afrika reist, und mit dem Tod ihres Bruders konfrontiert wird. „Wie eine Perlenschnur, die gerissen ist“, sinniert Bella, noch in Rom, über den großen Verlust, den der Tod ihres geliebten Bruders hinterlässt, gleich zu Beginn des Buches. Die Fotografin lebt in ihrem eigenen Kulturkreis und kommt in eine für sie fremde Welt. Moderner, westlicher Lebensstil prallt auf heimatliche Traditionen. Farah schildert in einer schnörkellosen, präzisen Sprache, tagebuchartig das Eintauchen in eine für sie andere Kultur, und ihre Ängste und Sorgen, ob sie als gesetzlicher Vormund der Kinder dieser Situation gewachsen ist und die Erziehung der Kinder übernehmen kann.

Es sind die leisen Zwischentöne, die den Roman ausmachen, ebenso wie seine Vielschichtigkeit. Der somalische Autor erzählt ein Stück Geschichte seiner Heimat, die durch Krieg und Bürgerkrieg zu einem „Lost State“ geworden ist. Die Somalier leben weit verstreut über den Globus. Viele haben ihr Land wegen des Terrors verlassen. „In Somalia macht sich der Tod selten die Mühe und kündigt sein Erscheinen an. Stattdessen schneit er mit der Arroganz eines Gastes herein, der davon ausgeht, dass er jederzeit herzlich willkommen ist.“

Elegant verbindet Farah hoch aktuelle Fragen kultureller Identität, mit einer Reflexion über Terror und Trauer(bewältigung). Bewegend, weil der Autor damit nicht zuletzt auch den Verlust einer seiner Schwestern durch einen Anschlag verarbeitet. Als sein erster Entwurf beinahe fertig war, kam seine Schwester Basra am 17. Jänner 2014 bei einem Bombenanschlag der Taliban auf ein Kabuler Restaurant ums Leben. Basra war unermüdlich für UNICEF im Einsatz und verbrachte einen Großteil ihres Berufslebens damit, die Lebensumstände der Menschen in den Ländern zu verbessern, in die sie geschickt wurde, ob in Äthiopien, Dhafur, den Flüchtlingslagern Pakistans oder in Afghanistan.

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

Bild: Pixabay

„Jenes andere Leben“ ist auch ein Buch über Flucht, Vertreibung, Verlust – und seinem Umgang damit – und ein Plädoyer für Freiheit, politisch wie persönlich. Für Bella ist „Freiheit Teil eines größeren Ganzen, die Freiheit, die täglich Millionen Menschen in Afrika oder dem Mittleren Osten in vielerlei Hinsicht verwehrt wird, steht in direktem Zusammenhang mit der fehlenden Demokratie in diesen Ländern … Die Entscheidungen, die der Einzelne im Privatleben trifft, sind ebenso wichtig, wie die Entscheidung, die er an der Wahlurne trifft … Niemand, auch nicht der Präsident eines Landes, sollte die Entscheidungshoheit darüber haben, was Liebe ist oder wen man lieben darf.“ Eine Anspielung darauf, dass gerade Homosexualität in den meisten Staaten Afrikas tabu ist und Menschen deswegen per Gesetz sogar verfolgt und inhaftiert werden.

Eine Situation, mit der auch Valerie und ihre Geliebte Padmini in Uganda konfrontiert sind, und die wegen ihrer Liebe zueinander sogar eine Zeit lang im Gefängnis landen. Auch wenn Bella Valerie nicht mag, etwas Böses gegen sie könnte sie nie unternehmen. Und so hilft sie ihr, geheim mehrmals aus der Patsche. Der „Clash“ der Kulturen scheint anfangs noch unüberwindlich, endet schließlich aber versöhnlich. Für alle Beteiligten. Ein Buch, das zumindest etwas Hoffnung macht.

Über den Autor:
Nuruddin Farah wurde am 24. November 1945 im südsomalischen Baidoa geboren. 1974 musste er Somalia verlassen, wo er aus politischen Gründen in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Er lebte viele Jahre im Exil. Erst 1996 konnte er sein Heimatland wieder besuchen. Farah gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Afrikas, ist Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke, die weltweit in 17 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet sind. Er veröffentlichte unter anderem einen Romanzyklus über seine somalische Heimat, den er mit seinem 2013 erschienenen Buch „Gekapert“ abschloss. Heute lebt Farah mit seiner Familie in Kapstadt.

Suhrkamp, Nuruddin Farah: „Jenes andere Leben“, Roman, 382 Seiten. Aus dem Englischen von Susann Urban.

www.suhrkamp.de

Wien, 30. 8. 2016