Hin & Weg 2021: Die Highlights aus dem Programm

Juli 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Geballte Theaterpower am Waldviertler Herrensee

Parterre Akrobaten, Schubert Theater. Bild: © Barbara Pálffy

Das 4. Theaterfestival Hin & Weg vom 13. bis 22. August in Litschau am Herrensee steht unter dem Motto „Mut und Vergänglichkeit“. Rund um dieses Thema präsentiert Festivalgründer und Intendant Zeno Stanek mehr als 100 Veranstaltungen an mehr als 30 Spielorten in Litschau und Umgebung. An den beiden Wochenenden 13. bis 15. und 20. bis 22. August sind Aufführungen, szenische Stückpräsentationen, „Küchenlesungen“ von

bekannten Theaterleuten in privaten Haushalten, Hörspiele, Theaterereignisse für junge Menschen, Autorinnen-/Autorenlesungen und Performatives zu erleben. Bei Hin & Weg geht es um Dialog und Austausch. So spricht Ö1Journalist Bernhard Fellinger an den Vormittagen bei „Fellingers Früh.Stück“ mit hochkarätigen Gästen, bei den Feuergesprächen wird zu später Stunde zu verschiedenen Themen diskutiert. Dramatiker Calle Fuhr und Musikerin Maria Petrova begleiten das Festival mit ihrer kreativen Arbeit als Artists in Residence. Ernst Molden hat wieder sechs SingerSongwriterKonzerte, etwa EsRAP & Band oder Gerald Votava und Walther Soyka mit Nöstlinger-Songs, kuratiert. Last but not least finden, ergänzend zum Festival, vom 16. bis 20. August Workshops rund ums Theater statt.

Geprägt wird Hin & Weg von einer geballten Ladung an junger kreativer Energie. Die seit Beginn bestehende Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mit Studierenden des Max ReinhardtSeminars und heuer auch mit der HfS Ernst Busch Berlin ermöglicht zahlreichen begabten jungen Menschen, eigene Ideen und Projekte auszuprobieren, sowie den Austausch mit bereits arrivierten Theaterleuten, die ihre Erfahrung gerne an die Jugend weitergeben. So sind Künstlerinnen und Künstler wie Fanny Altenburger, Ljuba Arnautović, Theodora Bauer, Josephine Bloéb, Gerti  Drassl, Calle Fuhr, Felix Hafner, Markus Kupferblum, Jim Libby, Manuela Linshalm, Erni Mangold, Anna Marboe, Maeve Metelka, Ursula Mihelič, Ernst Molden, Alina Schaller, Christa und Kurt Schwertsik, Paul Skrepek, Katharina Stemberger, Christian Strasser, Fritzi Wartenberg, AntoN Widauer, Rebekah Wild, Christian Winkler, Doris Weiner oder Johannes Zeiler zu Gast.

Zahlreiche Ensembles wie English Lovers, Gledališče Dela, theatergruppe kollekTief, Schubert Theater Wien oder Volkstheater Wien zeigen oder erarbeiten vor Ort ihre Produktionen. Hauptspielorte sind das Herrenseetheater direkt am See und der Brauhausstadl in Hörmanns. Als weitere Bühnen werden Räume aller Art adaptiert. Gespielt wird beispielsweise im Kulturbahnhof, im Gütermagazin am Bahnhof, im ehemaligen Supermarkt, in einer alten Bäckerei, in einer leer stehenden Industriehalle, in einem Schuppen, im alten Lichtspielhaus, aber auch open Air in freier Natur.

Die Fellner Lesung, Institut für Medien, Politik und Theater. Bild: © buero butter

MOŽ! sitz mit mir, Gledališče Dela / Theatre Works. Bild: ©mMiniature puppet

Wer hat Angst vorm weißen Mann? Bild: © Jake Tazreiter

Festivalmotto: Mut und Vergänglichkeit

Eine beispielhafte Produktion zum Thema Mut ist eine der beiden Eröffnungsproduktionen am 13. 8.: „Finale“, ein „Bühnenessay“ von und mit Calle Fuhr, der Mut machen will, sich den Herausforderungen unserer Zeit wie Umweltproblemen und politischen Krisen zu stellen. „K(l)eine Angst“ der neuseeländischen Puppenspielerin Rebekah Wild ermutigt dazu, die eigenen Ängsten zu überwinden. Elly Jarvis und Lilli Strakerjahn steuern mit „subject: YOU/ME/US a solo performance about queer identity“ einen dokumentarischen Theaterabend zum zeitgleichen Coming out von Elly – mit 23 Jahren mitten im queeren Großstadtleben von Berlin – und ihrem Großvater Dix mit 93 Jahren allein in seinem Haus in Michigan – bei.

Vergänglichkeit findet sich in der zweiten Eröffnungsproduktion am 13. 8.: „Proteus ein verschollenes Stück Erinnerung“ von Christian Winkler, verhandelt, ausgehend von der „Orestie“ des Aischylos, mit einem Chor aus Seniorinnen und Senioren Themen wie Schuld, Widerstand, Liebe und Tod. Vergänglich ist in der Abschlussproduktion am 22.8. auch der Glaube an ein Idol: In Heldenplätze“ von Calle Fuhr, einer Voraufführung des Volkstheaters Wien, gedenkt Gerti Drassl als Theresa ihres früh verstorbeben Bruders und seines  „Helden“ Toni Sailer. Doch dann werden 2018 gegen den mittlerweile verstorbenen Skistar Vergewaltigungsvorwürfe neu aufgerollt

In „The Worm“ von Gledališče Dela steht der Wurm als Metapher für den Tod, ein absoluter Herrscher, der sich um die Qualität oder den Wert des Lebens nicht schert. Musikalisch der Beitrag von Stelzhamma: Für ihre „Wassamusikhaben die vier in Linz ausgebildeten Jazzmusiker ein eigens der Vergänglichkeit gewidmetes Stück komponiert.

Impression I: English Lovers am Ufer des Herrensees, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression II: Gib mir ein F – Publikumsgespräch, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression III: Fellingers Früh.Stück im Herrenseetheater, 2018. Bild: © Constantin Widauer

Impression IV: Küchenlesung mit Katharina Stemberger, 2018. Bild: © Karl Satzinger

Starke Frauen & Theaterkollektive

Zahlreiche Produktionen stammen 2021 von bemerkenswerten Frauen, die in der zeitgenössischen Theaterlandschaft am Vormarsch sind. Multitasking ist angesagt: Viele schreiben ihre eigenen Texte, die sie selbst inszenieren und spielen. Kollektives Arbeiten ist die gängige Produktionsform geworden. So zeigt das FTZNKollektiv von Fritzi Wartenberg, Benita Martins, Hannah Rang und Runa Schymanski gleich zwei Stücke: „Bei aller Liebe jetzt wird gefotzt!“ als Fortsetzung der Erfolgsproduktion „Gib mir ein F“ aus dem Vorjahr, die heuer wiederaufgenommen wird. Beide Stücke hinterfragen ironisch die Widersprüchlichkeit zwischen feministischen Forderungen und nach wie vor bestehenden konventionellen Idealbildern von „Mann“ und „Frau“.

Theatergruppe kollekTief mit Alina Schaller, Andrea Meschik, Anna Marboe und Anton Widauer kommt mit „Der Traum nach einer Erzählung von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Armela Madreiter und Kim Ninja Groneweg hinterfragen auf ihrem Audiowalk „(Ver)Gänglichkeiten“ Geschlechtsidentitäten. Aus Anlass von Thomas Bernhards 90. Geburtstag zeigen Doris Hindinger, Karola Niederhuber und Saxophonistin Ilse Riedler „Der Theatermacher und Der deutsche Mittagstisch“. In „ParterreAkrobaten“ des Schubert Theaters Wien unternehmen Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg und Jana Schulz aus Anlass von H. C. Artmanns 10. Geburtstag eine Reise durch die Panoptika, Geisterbahnen und Fundbüros des Wiener Praters mit Texten und Musik von Artmann  und Kurt Schwitters.

Barbara Gassner erzählt in „Sagt man eigentlich noch Indianer Versuch 2“ in der Regie von Ed. Hauswirth die Geschichte ihrer Großtanten Anna und Mina, die 1919 aus der Provinz nach Wien gegangen sind und die Stadt ihr Leben lang nicht mehr verlassen haben. Musikerin in Residence Maria Petrova, seit 21 Jahren als vielbeschäftigte Musikerin in Wien beheimatet, wird am Festival als Begleiterin zahlreicher Veranstaltungen ihr gesamtes rhythmisches Œuvre an unterschiedlichsten Instrumenten entfalten.

„K(l)eine Angst“ der Neuseeländerin Rebekah Wild. Bild: © Barbara Pálffy

Beispiel fürs Festivalmotto: Oleanna – ein Machtspiel. Bild: © Jake Tazreiter

Proteus – ein verschollenes Stück Erinnerung. Bild: © Wolfgang Rappel

Kafka-Schwerpunkt

An Wochenende des 14. und 15. August 1920 trafen einander in Gmünd die Journalistin Milena Jesenská und der Schriftsteller Franz Kafka zum zweiten Mal in ihrem Leben persönlich. Diese Begegnung der beiden Liebenden fand Eingang in „Briefe an Milena“, die heute zur Weltliteratur gehören. In „1000 Briefe von dir und 1000 Wünsche von mir. Franz K. & Milena J.“ folgt Martina Winkel auf den Tag genau 101 Jahre nach dem  schicksalhaften Treffen in assoziativen Schattenbildern den brieflichen Spuren der komplexen Liebesgeschichte. Das Gastspiel „MOŽ! sitz mit mir“ von Gledališče Dela basiert unter anderem auf der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Die Hörspielreihe in Zusammenarbeit mit Ö1 bringt fünf teils legendäre Hörspiele, darunter Der Gruftwächter“ von Franz Kafka mit Anne Bennent und Hans Neuenfels, erschienen als Klangbuch im Mandelbaum Verlag, 2009, oder Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, bearbeitet und gespielt von Felix Mitterer, einer Produktion des ORF Tirol, 2013.

Besonderheiten im Programm

Der Festivaltag bei Hin & Weg beginnt an den Wochenenden um 08.30 Uhr mit einer YogaSession am Ufer des Herrensees, danach folgen die morgendlichen Diskurse in der TeelöffelLounge, kuratiert von Katharina Stemberger. Bei „Fellingers Früh.Stück“ diskutieren zu „Mut“ Erni Mangold, Petra Ramsauer und Zeno Stanek, zu „Kontrollverlust “ Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher, Astrologin Astrid Hogl-Kräuter und ZIB-Wissenschaftsjournalist Florian Petautschnig, zu „Verwandlung“ Ljuba Arnautović und Imkerin Theresa Dirtl sowie zu „Vergänglichkeit“ Gerti Drassl und Schamane August Thalhammer. Bei den beliebten Küchenlesungen laden heuer unter anderem Gerti Drassl, Erni Mangold, Katharina Stemberger, Doris Weiner oder Johannes Zeiler in private Litschauer Haushalte. Dazu wird ein dreigängiges Menü serviert.

Sehenswerte sind auch „Die Maschine“ von Paul Skrepek und Andreas Platzer, die aus Sperrmüll akustische Apparaturen bauen, „Die Fellner Lesung Anleitung zum Fellnerismus“, ein Format des „Instituts für Medien, Politik und Theater“ in der Regie von Felix Hafner, unter anderem mit Josephine Bloéb und Clemens Berndorff, oder der Kurzfilm „Hörmanns“ von Siegmund Skalar.

www.hinundweg.jetzt

27. 7. 2021

Monsieur Pierre geht online

August 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Pierre Richard ist ein anrührender Internet-Cyrano

Monsieur Pierre macht Alex zu seinem jüngeren Alter Ego: Pierre Richard und Yannis Lespert. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Alle Jahre wieder entzückt das französische Kino mit einer hinreißenden Sommerkomödie. 2017 heißt sie „Monsieur Pierre geht online“, ist der grandios bewährte Mix aus leichtfüßiger Elegance und schwerer Melancholie, und ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. Monsieur Pierre, das ist kein Geringerer als Pierre Richard.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin hat dem großen Blonden nach dem Erfolg von „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ diese Rolle auf den Leib geschrieben. Und Pierre Richard, dieser lebenslange Pierrot, füllt sie mit Schwärmerei, mit zärtlicher Zerstreutheit – und mit der Unfähigkeit sich gegen die Unbilden des Lebens zu wehren. Sein Monsieur Pierre ist im besten Sinne ein sanftmütiger Schalk. Außerdem fast ein Poet. Im Internet. Die Story hat viel mit Edmond Rostands Cyrano gemein. Nur, keine Sorge, gibt es hier ein märchenhaftes Happy End für alle.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch ein Interesse. Der Witwer schaut tagein, tagaus alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau an. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und in seiner Trauer. Da schmiedet Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) einen sinistren Plan: Der Lover ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora (Fanny Valette). Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings/Briefe abschickt. Dass das alles nicht gutgehen kann, ist klar. Am Ende verliebt sich auch Alex, der die Körperlichkeiten dieser ménage à trois zu schultern hat, in Flora. Und zwischen den beiden Männern bricht der Konkurrenzkampf los …

Monsieur Pierre stellt seine junge „Geliebte“ der Familie vor: Pierre Richard, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Das Schlafzimmer teilen allerdings Flora und Alex: Yannis Lespert und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Stéphane Robelin gelingen ein paar großartige Szenen. Pierre Richard, verlegen wie ein Schulbub beim ersten Rendezvous, das gar nicht er bestreiten wird. Weshalb er das Date erst mit dem Feldstecher beobachtet, später vom Nebentisch im Restaurant aus. Wunderbar, wie der alte Anbeter den jungen in seine Biografie drängt, und der beginnt diese auszuschmücken. Wobei aus dem faden Verwaltungsbeamten ein abenteuerlustiger Vulkanologe wird. Fabelhaft Stéphane Bissot und Stéphanie Crayencour, als Pierre, bislang der Fremdkörper in der Familie, doch nun treibt sie die Neugier herbei, ihnen die junge „Geliebte“ beim Frühstück vorstellt:

Fanny Valette als Flora, die tatsächlich glaubt, Pierre wäre Alex‘ schrulliger Großvater. Das ist Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence – ohne jemals plumb zu sein. Wie diese Situation für etliche Minuten durch Fehldeutungen in der Schwebe bleibt, ist zwar komplett unrealistisch, aber extrem unterhaltsam.

Monsieur Pierre skypt immer noch mit Juliettes Lieblings-Ex-Verlobtem, und der anonym gehaltene Alex muss nun daneben sitzen und sich anhören, wie die Familie dem Verflossenen nachweint. In schwermütigen Tagträumen lässt Robelin seinen Pierre eng umschlungen mit dessen toter Frau tanzen; in weniger bekümmerten imaginiert er die Treffen mit diversen Dating-Damen. Die Fantasie führt bis zu einer Konfrontation von Pierre und Alex, einander gegenüber vor einem Toilettenspiegel. Ist das echt oder von Pierre bloß erdacht? Wer derart lyrische Momente erschafft, der darf auch eine Szene, wie diese schreiben: Telefonkonsultation, weil am Computer gerade gar nichts geht. Alex: Haben Sie das Fenster geöffnet? Pierre steht auf und tut ebendieses …

Pierre Richard ist ein anrührender, aber auch kauziger Internet-Cyrano. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Dass Pierre Richard in jeder Minute des Films als wieder zum Leben erweckter Kauz schimmert wie ein wertvoller Edelstein, ist klar. Um nichts steht ihm aber auch sein Filmpartner Yaniss Lespert nach. Hierzulande bis dato unbekannt, erfreut sich der 28-Jährige in Frankreich als Darsteller in der TV-Serie „Fais pas ci, fais pas ça“ großer Beliebtheit.

Als Alex ist er ein würdiges Pendant in dieser seltsam sich entfaltenden Freundschaft zu Monsieur Pierre, ebenfalls ein Weißclown, allerdings ohne Ambitionen, ein erfolgloser Antriebsloser mit Dackelblick, dessen gar nicht so tief verborgener Widerspruchsgeist ihn gesellschaftliche Normen aber ignorieren und an sein schriftstellerisches Talent glauben lässt. Lange Zeit scheint er keinerlei Ziel zu haben, scheint sich das Szenario um ihn herum fast ohne sein Zutun zu entwickelt – und genau deshalb kann sich der Humor des Films emporschrauben, kann sich sein Charme entwickeln.

Mit Volldampf steuern Robelin und seine Darsteller so dem überdrehten Finale entgegen. Höhepunkt der Absurdität ist die Enttarnung, wenn Flora mit Pierre spricht, während sie aber Alex meint. Eine Sequenz, in der man sich wahrlich unter die Cadets de Gascogne versetzt fühlt. Als Motto des Films kann aber ein Zitat des unsterblichen (und Pierre Richards Freundes) Jacques Brel gelten: Man braucht viel Talent, um nicht erwachsen zu werden. Voi­là, c’est ça!

www.monsieur-pierre-geht-online.de

10. 8. 2017

Festspiele Reichenau: Doderers Dämonen

Juli 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein glänzend gespieltes Gesellschaftsporträt

Johanna Arrouas, Joseph Lorenz, Sascha O.Weis. Bild: Festspiele Reichenau

Die Quapp hält endlich das ihr zugedachte Testament in Händen: Johanna Arrouas mit „Geyrenhoff“ Joseph Lorenz und „Kajetan Schlaggenberg“ Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Auch dieses Jahr brachten die Festspiele Reichenau eine großartige Romandramatisierung zur Uraufführung. Nach Doderers „Strudlhofstiege“ 2009 hat sich Autor und Schauspieler Nicolaus Hagg nun mit dessen „Dämonen“ gleichsam eine Art Fortsetzung vorgenommen und versucht das beinah 1400 Seiten starke Meisterwerk auf eine mögliche Essenz zu komprimieren. Die Übung ist gelungen. Haggs Bühnenfassung erzählt stringent und mit kaum mehr als einem Dutzend Figuren die wichtigsten Episoden aus Doderers Großstadtepos.

Er hat die Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau bewusst gestrichen und sich auf die großbürgerlichen bis aristokratischen Kreise in der Wiener Innenstadt konzentriert. Die Menschen, die Hagg zeigt, sind Kriegsversehrte, vor allem die Männer Gefangene ihrer Welt von gestern, während die Frauen in eine Moderne aufbrechen, im Kopf schon aufgebrochen sind, ohne zu wissen, dass ihnen alsbald der Weg dorthin abgeschnitten werden wird. Und doch ist es, als ahnten diese noch an der Vergangenheit laborierenden Figuren bereits den kommenden, größeren Schrecken. Was hier entworfen wurde, sind keine psychologisch bis ins Detail ausgearbeiteten Einzelbilder, sondern ein umfassendes Gesellschaftsporträt. Es ist, als wollte Hagg eine kollektive Geschichtsgedächtnislücke schließen, über eine Zeit, deren Ursache und Wirkung in den Köpfen gern auf ein Jahrzehnt später verlegt wird. Deren Ungeist in Österreich aber schon viel früher und ohne Einfluss „von außen“ hochkochte und der immer noch köchelt.

Auch mit Augenmerk darauf sind „Doderers Dämonen“ in Reichenau eine wichtige Inszenierung. Vorgenommen von Regisseur Hermann Beil, der mit feiner Hand ein fabelhaftes Ensemble durch dieses fabelhafte Ensemblestück geleitet. Denn die eine Hauptrolle gibt es nicht. Beil zeigt eine Szenenfolge, einen sich rasch drehenden Reigen, aus dem von Hagg mit je unterschiedlicher Temperatur und Temperament vier Handlungsstränge hervorgehoben sind:

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau

Die Intrige rund um die Quapp fliegt auf: André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb und Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Den der Mary K., deren Straßenbahnunfall den Fluchtpunkt der „Strudlhofstiege“ bildet und die nun mit einer Beinprothese zu leben und jenseits aller Standesunterschiede den Arbeiter Leonhard Kakabsa lieben lernt – sie in jeder Hinsicht eine der schönsten Personen, die Doderer je erdacht hat. Den des René Stangeler, 2009 noch von Hagg selbst gespielt, und seiner schwierigen Beziehung zu Mitmenschen im Allgemeinen und der Jüdin Grete Siebenschein im Besonderen. Kajetan Schlaggenberg und seine Schwäche für die „dicken Damen“ – von Hagg nicht eine Sekunde ins Lächerliche gezogen, sondern als Synonym für einen Gemütszustand ernst genommen. Und die Geschichte der „Quapp“, Charlotte Schlaggenberg, rund um die sich ein Krimi um ein unterschlagenes Testament und ein sagenhaftes Vermögen entspinnt. Dies alles festgehalten in der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff.

Er ist, gemeinsam mit Stangeler und Schlaggenberg, ein drittes Alter Ego Doderers. Und das Kreativduo Hagg/Beil veranlasst ihn seine Erinnerungen statt erst 1955 bereits 1945 in einem halbzerstörten Nachkriegskaffeehaus Revue passieren zu lassen. Doderers „Dämonen“ beleuchtet das Jahr 1926/27, die Geschehnisse bis zum Schattendorfer Urteil und zum Justizpalastbrand. Am 30. Jänner 1927 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs in dem kleinen burgenländischen Ort eine Versammlung abgehalten, die von Mitgliedern der politisch rechten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreich beschossen wurde. Es gab Tote, darunter ein sechsjähriges Kind. Die Täter wurden von einem Geschworenengericht freigesprochen, was die gewalttätigen Ausschreitungen in Wien zur Folge hatte.

Wie Gespenster der Vergangenheit tauchen nun erst Stimmen, dann die Charaktere aus Geyrenhoffs Gedächtnis auf und beginnen aus einer Distanz von tausend Jahren von Neuem ihr Spiel. In ihren Gesprächen berichten sie von sich und ihrem gewesenen Schicksal; Hagg hat den Tonfall dieser Tage gut getroffen, er mengt leisen Humor unter Doderers Melancholie, lässt seine Figuren zwischen Seelengüte und Sarkasmus changieren, und freilich ist‘s seine Perfidie, dass Hoffnung auf vier Liebeshappyends gemacht wird, und man doch nicht weiß, wie es mit all diesen ans Herz Gewachsenen nach Ende des Abends, nach Ende des Dritten Reichs ausgegangen sein wird. „Doderers Dämonen“ sind Nachrichten aus einer untergegangenen Welt, und in ihr Menschen beim Versuch, das Glück für sich neu zu erfinden. Manche werden scheitern müssen …

Julia Stemberger, Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau

Mary K. bekennt sich zu ihrer großen Liebe, dem Arbeiter Kakabsa: Julia Stemberger und Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Die Schauspieler in Reichenau sind wie stets hochkarätig. Und Beil lässt seinen ersten Kräften Raum zum Spielen. Allen voran brilliert Julia Stemberger als Mary K., die sich mit Mut und Mutterwitz nicht von ihrem Lebenswillen abschneiden lässt, egal welche Steine ihr in den Weg geworfen werden. Ihr zur Seite steht Philipp Stix als Leonhard Kakabsa, der prototypische Fall eines romantisierten Arbeiters. Er hat sich selbst ermächtigt, dieser beinah Dostojewski’sche neue Mensch, der sich Latein beibringt und den Weltaltas studiert. Stix ist einer der Sympathieträger im Stück.

Neben David Oberkogler als zwischen Wut und Weichheit schwankender Stangeler, der knurrig die tiefen Gefühle zu verbergen sucht, die er für seine Grete, dargestellt von Karin Kofler, hegt. Der große Peter Matić hat als ihr Vater mit seinen trocken dargebrachten Sagern zur ganzen Angelegenheit die Lacher auf seiner Seite. Sascha Oskar Weis gehorcht als Kajetan Schlaggenberg seiner Obsession für die weiblichen Rundungen; er ist ein Mann mit Herz, auch wenn’s ihm ab und an in die Hose rutscht. Seine Schwester schließlich, die Quapp, gestaltet Johanna Arrouas als emanzipierte Frau, die weiß, was sie will – und sei’s der ungarische Diplomat Geza Orkay (David Jakob). Die Intrige rund um sie veranstalten André Pohl als milder Teufel und Thomas Kamper als ängstlicher Bösewicht, aufgedeckt wird sie von „Wachtmeister“ Rainer Frieb und natürlich Geyrenhoff, dem Joseph Lorenz mit gewohnter Prägnanz Profil und Grandezza verleiht und dem mit der Friederike Ruthmayr von Fanny Stavjanik auch noch eine späte Ehe ins Haus steht.

Doderers „Dämonen“ können in ihrer Bühnenfassung in Reichenau auf ganzer Linie reüssieren. Das ist dem geistreich pointierten Plot ebenso wie dem ihn heiter-skurril umsetzenden Cast zu danken. Die Festspiele zeigen, was sie am besten können, nämlich auf den Konversationston fokussiertes, hervorragendes Schauspielertheater. Hermann Beil hat mit viel Gespür für Hagg/Doderers Sprachmelodien und -färbungen die Figuren durch eben diese Eigenheiten charakterisiert und inszeniert. Mehr ist für die gelungene Aufführung auch nicht nötig. Den zugegeben gewaltigen Rest kann man ja nun im Buch nachlesen, denn nicht zuletzt darauf macht der Abend Lust – Lust auf mehr Doderer.

Nicolaus Hagg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

www.festspiele-reichenau.com

Wien, 7. 7. 2016

Festspiele Reichenau: Nicolaus Hagg im Gespräch

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er dramatisiert Heimito von Doderers „Dämonen“

Nicolaus Hagg: Bild: Sepp Gallauer

Nicolaus Hagg: Bild: Sepp Gallauer

Der Schauspieler und Autor Nicolaus Hagg hat für die Festspiele Reichenau eine Bühnenfassung von Heimito von Doderers Hauptwerk „Die Dämonen“ erarbeitet. Nach der „Strudlhofstiege“ 2009 oder „Anna Karenina“ 2012 ist dies eine weitere Dramatisierung aus seiner Hand. Doderers eng an die „Strudlhofstiege“ anschließender Roman erzählt aus den Jahren 1926/27 in Wien und von einer Clique, den „Unsrigen“, einer besseren Gesellschaft, und ihrem irren Beziehungsgeflecht.

Unter den unzähligen Intrigen die ausladendste, ist die der Charlotte von Schlaggenberg, genannt „Quapp“, die als ungefähr letzte erfährt, dass sie Erbin eines Millionenvermögens ist, das ihr beinahe unterschlagen worden wäre. Das alles wird als Rückblick geschildert, ein Sektionsrat Geyrenhoff erinnert sich in den 1950er-Jahren in einer Chronik an die Geschehnisse. „Doderers Dämonen“ wird am 4. Juli bei den Festspielen Reichenau uraufgeführt. Es inszeniert Hermann Beil. Es spielen Joseph Lorenz den Geyrenhoff, sowie unter anderem Julia Stemberger, Johanna Arrouas, André Pohl, Peter Matić, Rainer Frieb, Thomas Kamper, Sascha Oskar Weis und David Oberkogler. Nicolaus Hagg im Gespräch:

MM: Sie haben die Romandramatisierungen bei den Festspielen Reichenau zu einer eigenen Kunstform erhoben. Was ist der Reiz daran?

Nicolaus Hagg: Diese Romane selbst. Sich in diese Themen und in die Vielfältigkeit der Figuren hineinzutigern. Man hält sich nicht damit auf, eigene Handlungsstränge zu erfinden, sondern man kann sich direkt auf einen Dialog werfen. Man kann sich auf die Reduktion konzentrieren, die die Bühne braucht, ohne sich einen Kopf machen zu müssen, wie es dann weitergeht. Sich im Detail verlieren zu können, das ist der große Reiz daran. Ich erlebe bei diesen Dramatisierungen die Literatur noch einmal intensiver. Ich habe Doderer schon als Pubertierender gelesen und hab‘ mir das alles damals sehr filmisch vorgestellt, nun stelle ich es mir theatralisch vor.

MM: Nun werden Romandramatisierungen von manchen Theaterschaffenden als Modeerscheinung betrachtet. Andererseits sagte kürzlich ein Intendant und Regisseur, er greife zu großen Romanen, weil es zu wenige gute neue Stücke gibt. Wie denken Sie darüber?

Hagg: Ich mache diese Arbeit noch gar nicht so lange, dass ich mich nicht auch als Teil der „Modeerscheinung“ begreifen müsste. Bei Intendanten herrscht halt auch der Glaube, besser ein bekannter Buchtitel als ein ungekanntes Stück. Ich weiß nicht, ob das konkurrieren muss. Es gibt gute neue Stücke und gute Romandramatisierungen. Natürlich gibt es da einen gewissen Wildwuchs, ich habe diesbezüglich Aufträge auch schon zurückgelegt, weil ich das vorgeschlagene Buch für nicht dramatisierbar hielt. Das wird schließlich trotzdem gemacht, funktioniert aber auf einer Bühne nicht, wie ich meine. Dann gibt es unglaublich monströse Bücher, wie die „Dämonen“ von Doderer, wo’s geht. Man kann ihn wie einen Hollywoodfilmautor begreifen, und wenn man auf eines seiner Bücher mit Lust hingreift, wird daraus ein eigenes Stück.

MM: Hollywood, weil er so monumental entwirft?

Hagg: Ja, die Romane sind wie Treatments zu Monumentalschinken. „Die Strudlhofstiege“ oder „Die Dämonen“, dies auch ein Hinweis an den Österreichischen Rundfunk, gehören nicht als Hörspiel ins Radio, sondern als Serie ins Fernsehen. Das ist ein riesiges Stück österreichischer Geschichte, von der wir weit davon entfernt sind, sie aufgearbeitet zu haben. Wie sich dieser Tage politisch zeigt. Das sind Sechzigteiler, da könnte ich ein einheimisches „Downton Abbey“ draus basteln.

MM: Apropos, politisch: Ist Doderer diesbezüglich eine schwierige Liebe? Wie steht es mit den „Dämonen“, die ihn gejagt haben?

Hagg: Für mich ist es keine schwierige Liebe. Das ist schließlich Weltliteratur. Außerdem lache ich zwei, drei Mal pro Seite laut auf, ich finde Formulierungen, die sind so unglaublich toll, das ist schon herrlich. Ich habe für Reichenau ja schon „Die Strudlhofstiege“ gemacht, aber „Die Dämonen“ liest man vier, fünf Mal, und jedes Mal ist es ein anderes Buch. Das ist mir noch nie passiert. Doderer verändert die Menschen, die ihn lesen, er verändert ihre Horizonte. Der Buchhändler in Gloggnitz hat 2009 so viele Exemplare der „Strudlhofstiege“ verkauft, dass ihn der Verlag gefragt hat, ob er damit heizt. Ich hoffe, dass uns nun etwas Ähnliches gelingt. Die bewusstseinserweiternde Droge Doderer sollte man mehr unter die Leute werfen.

MM: Was nun keine wirkliche Antwort auf meine Frage war: Doderer hat „Die Dämonen“ um heikle Passagen erleichtert. Alles, wo’s um „die Reinheit des Blutes“ geht hat er beispielsweise nachträglich gestrichen. Ich habe Rezensionen von 1957 bis 2012 gelesen, es ist interessant, dass ausgerechnet bei diesem Autor die NSDAP-Mitgliedschaft vergeben und vergessen scheint …

Hagg: Er hat Stellen getilgt, ja, heute werden ganze Bücher umgeschrieben, aber nicht von den Autoren, sondern von den Verlagen, weil böse, nicht mehr opportune Worte drinnen vorkommen. Doderer ist 1933 in die NSDAP eingetreten, um überhaupt einmal ein Buch zu verkaufen, 1941 aber wieder ausgetreten. 1941 war das Jahr mit den meisten Eintritten in die NSDAP. Da war der Frankreichfeldzug gewonnen, da war der Hitler-Stalin-Pakt beschlossen, Hitler war ein Superstar, ein unverwundbarer Siegfried der deutschen Geschichte – und Doderer dreht sich um und geht. Da traut sich einer aus dem Verein auszusteigen! Gegen den habe ich politisch nichts. Aus einem sehr nationalen Umfeld kommend, seine Schwester war eine Nazi bis zum Tod, war er nicht einmal ein politisch Suchender. Ich glaube, wir haben genug damit zu tun, uns die Täter dieser Zeit anzuschauen. Wenn wir auch noch die Opportunisten unter die Lupe nehmen, werden wir nie fertig. Vielleicht sollten wir, die glauben, die Vergangenheit zu kennen und aus ihr gelernt zu haben, nicht im Blick zurück verharren. Wir sollten uns die Täter von heute anschauen. Die Täter, die munter und in Scharen durch die blaue Vordertür hereinkommen, während wir immer noch beim braunen Hintertürl hinausschauen.

MM: Doderer hat aus seiner Vergangenheit auch nie ein Hehl gemacht.

Hagg: Ich denke, sein Werk spricht für sich. In den „Dämonen“ ist das große Fanal die Schüsse von Schattendorf und das darauffolgende Urteil und mit ihm einhergehend der Brand des Justizpalastes und seine zig Toten. Wo die junge, die jungfräuliche Republik auf die eigenen Leute hat schießen lassen. Das war der Anfang vom Ende der ersten Republik.  Das heißt, dass unsere Schuld am Tod, am Mord der Republik viel früher beginnt, als die Ausrede des Austrofaschismus und vor allem des Anschlusses, die Ausrede, erst ein von der Dollfuß-Nummer, dann von Hitler überfallenes Land gewesen zu sein, zulassen. Da ist Doderer g’scheiter als andere. Die Kleingeistigkeit der Bevölkerung und der Parteipolitik, die er in ganz vielen Zeilen aufzeigt, auch in den „Wasserfällen von Slunj“, die zerstört das Große. Er, mit dem Blick aufs Große, kann das erkennen. Das ist die wichtige historische Information aus diesem Werk. Und die ist doch sehr früh hingeschrieben dafür, dass man es in Österreich immer noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

MM: Kann das kein Zufall sein, dass man in Zeiten wie diesen einen Roman wie diesen in die Hand nimmt?

Hagg: Natürlich. Den Loidolts und mir war nach der „Strudlhofstiege“ immer klar, dass wir auch „Die Dämonen“ machen wollen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir das Gefühl, da beginnt etwas sich loszutreten, in Ungarn, aber auch bei uns, an Geschichtsverdrängung, an Radikalisierung, an Lagerbildung, sodass wir sagen: So, jetzt. Wobei mir immer noch leid ist, dass wir „Die Dämonen“, die ja zwei durch den Donaukanal getrennte Romane sind, nicht in der Fülle zeigen können, sondern uns auf den 9. Bezirk beschränken. Das hat vielleicht auch mit einer Reichenau-Tradition zu tun, aber auf die Brigittenau mit ihren noch einmal 30, 40 Figuren, haben wir bei dieser Dramatisierung verzichtet.

"Doderers Dämonen" mit Julia Stemberger, Peter Matic, Joseph Lorenz, Johanna Arrouas und David Oberkogler. Bild: Festspiele Reichenau

„Doderers Dämonen“ mit Julia Stemberger, Peter Matic, Joseph Lorenz, Johanna Arrouas und David Oberkogler. Bild: Festspiele Reichenau

MM: Womit Sie meine nächste Frage schon ansprechen: „Die Unsrigen“ flechten unzählige wilde Intrigenstränge. Was haben Sie daraus gefiltert? Welche Geschichte aus dem Konvolut an Geschichten erzählen Sie uns?

Hagg: In erster Linie die Geschichte der Charlotte von Schlaggenberg. Die „Quapp“-Geschichte ist der dramaturgische rote Faden. Dazu die drei Männer: Geyrenhoff, als Chronist eigentlich die langweiligste, oder besser gesagt: schwierigste Figur, weil er so untheatralisch ist, aber an ihm interessiert mich sein Kriegstrauma. Schlaggenberg und die Fantasie der „Dicken Damen“, die ich sehr ernst genommen habe als große Sehnsucht nach einer Mütterlichkeit. Und Stangeler, der ebenfalls mit versehrter Seele aus dem Krieg zurückkommt. Bei den beiden anderen Männern lässt Doderer es nur erahnen, sie haben im Roman nur kurz Platz, darüber zu sprechen, aber bei Stangeler ist das Trauma sein Grundmotiv. Und es wird von außen überwunden werden – durch eine großartige Frau, die an ihn glaubt. Er kathartisiert sich im Roman über 60 Seiten. Dafür, glaube ich, ist der ganze Roman geschrieben. Darin liegt Doderers ganze erruptive Gestaltungskraft.

MM: Die sich aus seinem eigenen Kriegstrauma speist?

Hagg: Er war jung im Ersten Weltkrieg, dann in Sibirien in russischer Kriegsgefangenschaft, hat grauenhafte Dinge erlebt, und ist zu Fuß von dort nach Haus gegangen. Er hat jahrelang nichts anderes gesehen, als den Tod. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Sein Werk liest sich wie eine Fortsetzung dieser Erlebnisse.

MM: Sie haben in der „Strudlhofstiege“ den Stangeler noch selbst gespielt. Jetzt nicht?

Hagg: Nein. Es hat Vor- und Nachteile im eigenen Stück zu spielen. Damals, mit Maria Happel als Regisseurin, ging das gut. Die hatte so irre Ideen, dass sie mich völlig vergessen ließ, dass der Text einmal von mir war, weil ohnedies was ganz anderes daraus entstanden ist. Diesmal wollte ich nicht dabei sein, weil mir der Text zu nahe ist. David Oberkogler ist mein „Nachfolger“ als Stangeler … Er wird das besser machen, als ich es gekonnt hätte. Ich habe ehrlich gesagt schon beim Schreiben an ihn gedacht, weil er diese verzweifelte Streitlust, diesen akademischen Wissendurst, die Wut des Stangeler, aber auch seine Weichheit, seine Tiefe sehr repräsentiert. Da gibt es Sätze … die stehen schon dort, weil ich gewusst habe, dass sie der Oberkogler sprechen wird, die könnte ich gar nicht sagen.

MM: Das klingt, als ob Sie in Produktionsfragen gefragt sind?

Hagg: Das klingt nach einer Liebeserklärung an David Oberkogler. Aber, ja, natürlich spricht man über Besetzungen. Und wenn alles erst im Entstehen ist, ich aber schon weiß, wohin eine Figur geht, ist es gut, ein Gesicht dazu zu haben. Ansonsten gehe ich nicht einmal auf Leseproben. Ich rauche nicht mehr. Was soll ich tun, wenn ich mich aufrege? (Er lacht.)

MM: Können Sie also gut Kindsweglegung betreiben? Manchen Dramatikern muss man die Stücke ja beinah aus den Händen stemmen.

Hagg: Ja! Ich habe wirklich schon nervöse Ausschläge bekommen, wenn ich ein Stück abgegeben habe. Diesmal habe ich gesagt, ich kann nicht dabei sein, weil ich ein echtes kleines Kind habe. Ich hatte mit Regisseur Hermann Beil davor sehr schöne Gespräche, bei ihm wird alles in besten Händen sein. Außerdem bin ich selber in recht intensiven Proben.

MM: Sie selber spielen in Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“. Es inszeniert Helmut Wiesner, Sie sind …

Hagg: … der Wirt. Wir proben seit Mitte Mai, mit einem toll vorbereiteten Miguel Herz-Kestranek als Nebel, der vorne am Bug steht und weit daher leuchtet. Marcello de Nardo, frisch aus den USA zurück, wo er das Theater, glaube ich, sehr vermisst hat, spielt mit viel Elan den Marchese Vincelli. Ich selber stehe am dritten Mast und schau‘, dass ich auch einmal ein Segel aufziehe. Der Wirt ist eine hübsche kleine Rolle, ich hoffe, dass es gut wird.

MM: Abgesehen davon, dass es kleine Rollen ja nicht gibt, haben Sie also beschlossen den Reichenau-Aufenthalt diesmal zur Sommerfrische zu nutzen, und das schwere Gepäck bei anderen abzustellen?

Hagg: Ich hoffe, dass das schwere Gepäck auch leicht daherkommen wird. Denn auch „Die Dämonen“ haben etwas Komödienhaftes. Soweit Komödie in Österreich überhaupt entstehen kann. Wir haben mehr Talent für die politische Posse, für die Satire, für die Lyrik. Obwohl: Es gibt auch einen Thomas Bernhard der immer Komödien geschrieben hat. Oder Wolfgang Bauer, in dessen „Magic Afternoon“ beispielsweise sich tatsächlich die Gesellschaft spiegelt, obwohl es komödienhaft daher kommt. Aber sonst sind wir mit Komödien nicht sehr gesegnet. Aber wir haben eine große Erzählertradition in Österreich. Joseph Roth würde ich furchtbar gern machen, oder Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ noch einmal dramatisieren, auch Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“. Und vielleicht einen eigenen Prosatext schreiben, einmal – oder bald. Aber in Reichenau, da haben Sie schon recht, ist Sommer angesagt. Wir wohnen dort seit sieben Jahren an einem märchenhaften Platz, in einem alten großen Haus aus der Zeit um 1800. Unten fließt die Schwarza vorbei, da gehe ich mit meinen Söhnen Wasserrutschen auf Autoreifen. Es gibt Momente, an denen ich mich tatsächlich im Jänner schon nach Reichenau träume und sehne.

Nicolaus Hagg in der Volksopern-Erfolgsproduktion "Der Kongress tanzt": Als Finanzminister mit "Fürstin" Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Nicolaus Hagg in der Volksopern-Erfolgsproduktion „Der Kongress tanzt“: Als Finanzminister mit „Fürstin“ Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Und danach der eigene Roman. Wollen Sie sich aufs Schreiben fokussieren? Was sind Ihre nächsten Pläne?

Hagg: Was Reichenau betrifft, bereiten wir schon etwas Neues für 2018 vor. Ich kann nichts verraten, nur so viel: Die Festspiele wollen sich in der Zeit weiter vorwärts bewegen und mit den Stücken näher an das Jahr 1938 heranrücken, was mir sehr entgegenkommt, weil das eine Welt ist, die ich schreibend nun gut kennengelernt habe. Dann bin ich ja an der Volksoper engagiert, spiele wieder „Anatevka“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), „The Sound of Music“ und „Der Kongress tanzt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17709). Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar, weil ich das Haus sehr liebe, weil das Klima rund um Robert Meyer toll ist, und weil ich ein bisserl auf dem Bankerl sitzen und die Aussicht genießen kann. Ich habe ein heimatliches Gefühl, wenn ich an die Volksoper denke, ich verbinde mit ihr ja auch eine persönliche Liebe. Aber die Schreiberei ist schon eine große Sehnsucht. Da möchte ich schon noch so manches erzählen. Egal in welcher Form. Ich bin in einem Alter, wo ich das eine noch nicht loslassen kann und das andere nicht mehr missen möchte. Die fixe Verpflichtung an der Volksoper ermöglicht mir, innezuhalten und nachzuschauen, wohin der Weg mich führen wird. Also, ein eigener längerer Prosatext, ja, mal schauen … Allerdings ist dann die Gefahr, dass einer daherkommt und ihn dramatisiert. (Er lacht.)

www.festspiele-reichenau.com

Wien, 24. 5. 2016

Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 20. 12. 2014