Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

migrationshintergrund.am.arsch: Familie Tót

Januar 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

István Örkénys Politfarce als fabelhafte erste Produktion

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari Bild: Stefan Smidt

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari
Bild: Stefan Smidt

Heute klingt es fast wie ein Witz, dass István Örkény, der ungarisch-jüdische Autor, in der polnischen Botschaft in Budapest einen Asylantrag stellte. Da hatte er das Arbeitsbataillon an der Front schon hinter sich, Ungarn war ab 1941 Verbündeter Nazi-Deutschlands, auch die russische Kriegs- gefangenschaft und den Aufstand gegen die Sowjets. „Wir haben auf jeder Wellenlänge gelogen“, war später sein Statement nicht nur zum ungarischen Radio. Es folgte Schreibverbot.

Und dann entstand 1967 die Tragikomödie „Familie Tót“.

Der von Claudia Kottal und Anna Kramer neu gegründete Kulturverein „migrationshintergrund.am.arsch“ (MAA*) hat das Stück für seine Auftaktproduktion nicht nur erstmals nach Österreich, sondern auch nah an die Gegenwart geholt. Und weil Kultur auch Bildung sein muss, findet das Ganze in einer VHS statt, das heißt: in ihrer Dependance im Off Theater. Ungarischkurs ist, den kann jeder brauchen, sei’s für die Putzfrau oder den Zahnarzt oder um die donaumonarchistischen Wurzeln behandeln zu lassen. In Wien ist jeder Postmigrant. Kein Stammbaum ohne Ziagelbehm oder Zwiefelkrawótt. Darum geht’s auch. Und um Victor und wie er die Welt sieht. Man muss nur oft genug links abbiegen, um wieder rechts zu landen.

Die Damen vom Sprachkurs jedenfalls zeigen am Tag der offenen Tür das anrührende Schicksal der Tóts. Imre Lichtenberger Bozoki hat die Farce vom Feinsten inszeniert. Es ist tiefste Provinz im Zweiten Weltkrieg, und die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót nimmt den Major des Sohns zur Sommerfrische auf. Man will dem Buben an der Front zu besseren Bedingungen verhelfen, aber die Land- wird zur Psychopartie, leidet der gestresste Militär doch an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die er auf den Schultern der armen Tóts abarbeitet. Man macht gute Miene zum garstigen Spiel, bis … 

Das ist alles so tod- wie unernst gemeint. Zwischen hausgemachtem Vogelgezwitscher und Senkgrubendiskussionen wird die Lage von Nation und Union diskutiert. Die braune Suppe schwappt ja bald über. Der Major vergattert zum planwirtschaftlichen nächtlichen Schachtelfalten. Und weil schon Schnapsidee gibt’s in der Pause Pálinka. „Es genügt zu wissen, dass man einen Teil dieser Welt immer im Rücken hat“, sagt der Kriegsdienstversehrte. Da hört man sie, die orbanisierte Paranoia. Alle Terroristen sind letztlich Migranten. Aber, Paradoxon, seit Fidesz die Regierung formt haben eine halbe Million Ungarn ihre Heimat verlassen. Das Ensemble geht mit viel Spielfreude an Örkénys alte, neue Totalitarismusparabel heran.

Claudia Kottal und Constanze Passin sind die Eheleute, er verzweifelt wegen der Schlaflosigkeit, sie wegen neu gewonnener Kilos, der Gast will schließlich gut bekocht sein. Die Tochter, Anna Kramer, wächst dem schnittigen Soldaten, Suse Lichtenberger, immer mehr an die Brust. Die Jugend ist halt noch leicht zu formen, da kann man den Samen für Denunziantentum und innerfamiliäres Spitzelwesen säen. Weil, war der Herr Vater nicht immer schon ein seltsamer Mann? Quasi gegen die Parteinorm? Kottal spielt mit herrlich trotziger Verzweiflung den „subversiven Systemschädling“, ihr basses Erstaunen über den Thrill mit Drill spricht Bände. „Man kann nicht verhindern, dass einem etwas in den Sinn kommt“, sagt sie einmal. Kramer und Passin sind hinreißend als Fremdenverkehrsvenusfliegenfallen, während Lichtenberger sich über die Landeier blasiert großstädtisch langweilt. Der Major ist bald mittelschwer ang’rührt ob der vorgestrigen Verhältnisse. Fortschritt! Ungarn ist doch unaufhaltsam. Bis PiS ist es bereits gekommen, um „Recht und Gerechtigkeit“ kümmert man sich schon. Gähnen hat der Offizier übrigens streng untersagt. Für den müden Tót, dessen Motto Würde + träge = Würdenträger lautet, eine lebensbedrohliche Herausforderung …

Die MAA*-Truppe zeigt sich nicht nur als großartige Komödiantinnen, sondern mit Rina Kaçinari und ihrem Cello auch als Musikerinnen, als Geräuschkulisse von Käuzchen bis Katze, HipHop-Tänzerinnen und Akrobatinnen, also in jeder Hinsicht kulturell multitasking. Bianca Fladerer hat dazu eine Welt in Rot-Weiß-Grün erdacht, gestört nur durchs überdimensionale Tarnzelt, in der Lichtenberger Bozoki den Slapstick Achterbahn fahren lässt. Diese Produktion ist wirklich zum Lachen.

Und dann Julia Schranz. Sie gibt in der Persiflage die Politsatirikerin; „verkleidet“ als Senkgrubenräumer und Pfarrer und Briefträger grimassiert sie sich durch die mitteleuropäisch-magyarische Befindlichkeit. Der Briefträger, dieser Vitéz-László-Verwandte, ist der Spielmacher. Er hat sich selbst ermächtigt und verteilt die Post nach Gutdünken. Das wichtigste Telegramm isst er auf. Mit der Vernichtung der darin enthalten gewesenen Information beraubt er die Tóts ihrer Freiheit. Am Ende wird über ein zahmes Eichhörnchen des Sohnes philosophiert, das aus seinem Käfig in eben diese flüchtete. Obwohl doch in so guter Obhut! Man muss dem Volk nur lang genug das Gefühl geben, es sei an seinem Unglück selber schuld, dann funktioniert das mit der Obrigkeitsgläubigkeit schon. Die Schranz bespielt die ganze Bandbreite ihrer mannigfaltigen Möglichkeiten.

Dazwischen erzählt sie. Über Flüchtlinge und das Jahr 1956. Über Balog Zoltán, den calvinistischen Politikprediger, und seinen Geldtopf. Über Schlagersänger Kovács Ákos, und wie sein Streit mit der Telekom die ganze Staatsmacht rebellisch machte. Und warum Orbans Plumpsklo mit Blick auf ein Fußballstadion aufgestellt wurde. Die Senkgrubenräumerin hat den Stopfstecken fürs Hirn stets zur Hand. Weil, bei der Anbiederung an rechts ist die Obergrenze längst erreicht. Der MAA* überzeugt bei dieser ersten Mut-Probe seines Könnens auf der ganzen Linie. Dieses Theater hat uns gerade noch gefehlt. Bravo!

NEU: Es gibt bereits März-Termine von 9. bis 12. 3.!

www.maa.co.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=NzH8DufNPBM

Ab 9. Februar ist Claudia Kottal außerdem wieder im KosmosTheater in ihrem fulminanten Solo „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ zu sehen, dazu ein Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15898

Wien, 27. 1. 2016

Claudia Kottal hat eine Theatertruppe gegründet

Januar 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

migrationshintergrund.am.arsch spielt „Familie Tót“

Familie Tót Bild: M.A.A.* Kulturverein

Familie Tót
Bild: M.A.A.* Kulturverein

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at hatte Claudia Kottal angekündigt, eine neue Theatertruppe gründen zu wollen. Der Name, „migrationshintergrund .am.arsch“ (M.A.A.*), ist von Kottal und Mitgründerin Anna Kramer mit Ironie gewählt, weil „der Begriff eine Art Modeerscheinung ist und man es sich im Kulturbereich zur Aufgabe gemacht hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei beinhaltet die vermeintlich politisch korrekte Bezeichnung an sich bereits eine Ausgrenzung“.

M.A.A.* zeigt nun ab 14. Jänner im OFF Theater seine erste Produktion: „Familie Tót“, eine Tragikomödie, eines der wenigen Theaterstücke des ungarischen Autors István Örkény. „Es ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken“, sagt Kottal. „Das ist eben das, was wir tun wollen: hierzulande unbekanntes Theater, vor allem aus dem Balkan, zeigen.“ Und gegebenenfalls auch selbst übersetzen.

Inhalt von „Familie Tót“:  Die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót erwartet sehnsüchtig die Rückkehr des geliebten Sohnes von der Front. Doch stattdessen besucht sie sein Vorgesetzter – der Major – zur Erholung von den psychischen Strapazen der gnadenlosen Kriegshandlungen. Die Tóts stimmen zu, den Major für zwei Wochen bei sich in ländlicher Idylle aufzunehmen, für ihn zu sorgen, ihn zu pflegen und ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Denn die Hoffnung, er würde danach den Sohn aus Dankbarkeit von der Front in eine sichere Schreibstube versetzen, beflügelt die Familie zu untertänigsten Diensten. Es sind ja „nur“ zwei Wochen, aber der Major will und will sich nicht zufrieden zeigen…

Regie führt Imre Bozoki Lichtenberger, die Musik macht Cellistin Rina Kaçinari. Es spielen – ausschließlich Frauen – Claudia Kottal, Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Constanze Passin und Julia Schranz.

www.maa.co.at

karten@maa.co.at

Claudia Kottal im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15898 Ihre Erfolgsproduktion „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ wird am 9. Februar im KosmosTheater wiederaufgenommen.

Wien, 8. 1. 2016

Katherine Dunn: Binewskis. Ein Splatter-Roman

August 27, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Verfall einer radioaktiven Familie

4d91559660Katherine Dunn hat vor 25 Jahren einen Familienroman geschrieben. Zugegeben, einen der etwas anderen Art. In den USA ist „Geek Love“, so der englische Titel, längst Kult. Das englische Wort „Geek“ bezeichnete in den USA im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Menschen, die auf Jahrmärkten und im Zirkus Tieren den Kopf abbissen. Ein Geek ist jemand, der durch absonderliche Taten auffällig wird – seine Entfernung zum Freak, zum Unnormalen und Verrückten und auch Krüppel, ist nicht weit.
Die Geschichte des scheinbar „normalen“ Zirkuspaars Al und „Crystal Lil“ Binewski, das sich seine eigenen Freaks züchtet, um mit ihnen ganz groß raus zu kommen, galt lange Zeit als unübersetzbar, doch der Berlin Verlag hat sich getraut und in der hervorragenden Übersetzung von Monika Schmalz liegt ein Roman vor, der keine Tabus kennt oder die wenigen einfach bricht. Dunns Sprache ist wie der Inhalt des Buches: mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich. Perfekt für einen Splatter-Roman.

Eigentlich wären die Binewskis eine ganz normale Zirkusfamilie, die mit ihrem Wanderzirkus mehr schlecht als recht durch die Lande tingeln und auch jedes noch so kleine Kaff mit ihren alternden Löwen und der angeblich dicksten Frau der Welt heimsuchen Daneben beißt Lil auch schon mal dem einen oder anderen Huhn den Kopf ab. Als die Kosten explodieren hat Vater Al eine geniale Idee. Warum sich nicht eine eigene Freakshow züchten und abnormale Kinder in die Welt setzen? Damit klingeln die Kassen. Natürlich gelingen die Versuche nicht immer, aber was am Leben bleibt, kann sich sehen lassen: Da ist Arturo, der Fischjunge mit Flossen statt Armen und Beinen, der Star des Familienzirkus. Sein rhetorisches Talent begeistert die Zuschauer so sehr, dass sie ihn wie einen Gott verehren und alles geben würden, um zu werden wie er – körperliche Verstümmelung inklusive. Die siamesischen Zwillinge Electra und Iphigenia spielen umjubelte Klavierduette, vierhändig. Und der äußerlich unauffällige Fortunato „Chick“ beherrscht Telekinese: Er bewegt Gegenstände nur mit der Kraft seiner Gedanken. Dann wäre da noch Olympia, die buckelige Albino-Zwergin, die für die Binewskis eigentlich nichts Besonderes ist. Sie erzählt dem Leser von ihrer Familie, berichtet von Geschwisterliebe und -konkurrenz, vom Kampf um Anerkennung in einer Welt des Über-Besonderen. Denn hier steht in der Hierarchie nur derjenige ganz oben, der möglichst weit von der Masse der Gesunden abweicht. Das ist Arturo. In seinem Größenwahn wird er zum selbsternannten Messias, gründet die Arturo-Sekte, der immer mehr Menschen folgen und alles dafür geben – besonders die eigenen Gliedmaßen. Es beginnt mit den Fingern und Zehen, bis am Ende nur mehr der Rumpf übrigbleibt. Nur so können die Jünger Arturo wirklich nahe sein, bis sie am Schluss in eigens errichteten Sanatorien ihren Lebensabend beschließen. Doch so schnell der Erfolg der Binewskis auch gekommen ist, so schnell zerrinnt er wieder. In einer apokalyptisch anmutenden Explosion wird alles hinweggefegt.

Katherine Dunn hinterfragt unsere Vorstellung von „Selbst“ und dem „Anderen“, normal und unnormal, Perfektion und Deformation, den Schönheitswahn unserer Zeit, plastische Chirurgie, und den Kult um selbsternannte Heilbringer.

Ein zweiter Handlungsstrang des Buches schildert das Leben nach der Binewski’schen Freakshow. Olympia wird Mutter, doch ihre Tochter Miranda ist eigentlich ganz normal, bis auf einen kleinen Schwanz an ihrem Steiß. Aber so etwas lockt niemanden in ein Zirkuszelt. Erwachsen geworden gerät Miranda an eine ältere Dame, die ihr anbietet, sie von dem Schwanz zu befreien – und mit ihm von der Begierde der Männer. Doch Olympia zeigt sich von diesem Plan wenig begeistert. Das Buch verstört und zieht den Leser doch in seinen Bann. Man neigt dazu, Mitleid mit den Protagonisten zu haben, ohne dass diese Mitleid wollen. Denn sie sind, jeder für sich, etwas Besonderes, nicht die „Norm“; und auf das sind sie stolz.

Über die Autorin:
Katherine Dunn, geboren 1945 in Kansas City, ist Romanautorin und Journalistin für die L. A. Times und unzählige weitere Zeitungen und Magazine. Außerdem arbeitet sie als Radiomoderatorin und Kritikerin und ist eine der führenden Box-Reporterinnen der USA. Sie selbst steigt heute nicht mehr in den Ring, trainiert aber noch am Sandsack. Katherine Dunn hat 17 Jahre an „Binewskis“ geschrieben und arbeitet seit 24 Jahren an ihrem nächsten Roman.

Berlin Verlag, Katherine Dunn „Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie“, 512 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Monika Schmalz.

www.berlinverlag.de

Wien, 27. 8. 2014