Josef Haslinger: Mein Fall

Februar 18, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bericht über den sexuellen Missbrauch in Stift Zwettl

Er hat es immer wieder erzählt, erstmals 1982 in „Der Konviktskaktus“, zuletzt vergangenes Jahr in „Child in Time“. 1983 in „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ schrieb Josef Haslinger „Er legte mir sein wulstiges Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge“ und „Ekel“ und „Es reckte mich“. Zuhörer reagierten bei Lesungen empört, nicht wegen des Vorgefallenen, sondern weil‘s einer wagte, dies öffentlich zu machen, eine Zeitschrift lehnte einen bereits vereinbarten Abdruck der Kurzgeschichte ab, der Autor selbst deklarierte die Fünf-Seiten-Prosa danach als „moralisch einwandfreie Fiktion“.

Das ist, was Haslinger heute seine „Phase der Verharmlosung“ nennt, das Schönreden seines Ausgeliefertseins als Schutzbefohlener, die Unfähigkeit selbst zur späten Auflehnung, stattdessen ein emotionales Verheddern in „So schlimm war’s ja nicht/Selber schuld“-Zuweisungen. Ein einstiger Mitschüler, dessen Namen Haslinger nicht nennt, sagt am Ende des Buches, wie schwer es ihm gefallen sei, seine Autoritätshörigkeit abzulegen, seinen Reflex zum „Einehaun“, also sich anzubiedern, „wir seien“, sagt er, „zu Opportunisten erzogen worden, zu ,Gefallsöhnen‘, gezwungen zur Selbstaufgabe, um uns geliebt zu fühlen.“

Haslingers aktuelles Buch „Mein Fall“ nennt andere Namen klar und deutlich: Pater Gottfried Eder, Pater Maurus König und Organist Viktor Adolf, Lehrer allesamt, sogenannte Erziehungsberechtigte, deren Verklausulierung durch Abkürzungen er sich nun zum ersten Mal erspart. Der Schriftsteller war in den 1960er-Jahren Sängerknabe im Stift Zwettl. Er wurde von Zisterzienser-Patres sexuell missbraucht. Bei Pater Gottfried war er zehn, bei Pater Maurus schon Mopedfahrer. Haslinger hat mit der Entanonymisierung gewartet, bis keiner der Angeführten mehr am Leben war. „Mein Fall“ ist ein Bericht, eine Dokumentation, auch über eine Selbstfindung, und eine „Mein Fall“-Studie darüber, wie Betroffene buchstäblich von Pontius zu Pilatus geschickt werden.

Ergeht es so schon einem Prominenten, wie mag’s wohl erst beim „Normalbürger“ sein, ist eine der Ungeheuerlichkeiten, die man beim Lesen nicht aus dem Kopf kriegt. „Nachdem ich jahrelang entschlossen gewesen war, es nicht zu tun, wandte ich mich am 25. November 2018 an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“, so Haslinger. Das Resultat – sein Buch. Denn mit dem Wagen dieses ultimativen Schrittes begibt sich der Autor auf – beinah scheint’s absichtlich – verschlungene Irrpfade. Von der Opferschutzanwaltschaft zur Unabhängigen Opferschutzkommission, kurz [Waltraud] „Klasnic-Kommission“, weil beide Institutionen, wobei zweitere für erstere die Entscheidungen trifft, von ihr geleitet, zu Kommissionsmitglied Brigitte Bierlein, zu der Zeit Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes.

Dies nur um zu erfahren, dass die von der Erzdiözese Wien eingerichtete Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche die richtige Adresse sei. Ein Bibelkenner, der da an Matthäus 12,24 denkt. Schließlich, um hier abzukürzen, endet die Odyssee beim „Erstgespräch“ mit einem Mitarbeiter der Ombudsstelle, Herrn Michelbach, der dem Opfer bei der wiederholten mündlichen Darlegung der sexuellen Übergriffe und erzieherischen Gewalttätigkeiten sinngemäß bescheidet: „Herr Haslinger, Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das ja alles viel besser formulieren, als ich das kann. Wollen Sie mir nicht freundlicherweise das, was sie mir gerade erzählt haben, schriftlich zusammenfassen?“

Et voilà! Ein 144 Seiten starkes literarisches Protokoll über Vorgänge, die Kardinal Christoph Schönborn als „eine massive Realität“ innerhalb der Kirche bezeichnet. „Ich war zehn Jahre alt, als Pater Gottfried Eder sich für meinen kleinen Penis zu interessieren begann“, schreibt Haslinger in seiner überfälligen Konfrontation mit den Tätern, und: „Es kam mir nicht in den Sinn ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Ich hätte Angst gehabt, die Aufmerksamkeit und Zuwendung von Pater Gottfried zu verlieren.“ Haslingers expliziter Text schockt. Schwer auszuhalten ist, wie er Intimstes, Peinsames und Peinliches darlegt – und es vor Brigitte Bierlein getan hat, von der sich mittlerweile wohl jeder ein offizielles Bild penibler Gepflegtheit und amtlicher Korrektheit gezimmert hat. Ihre Reaktion, ihr Gesicht dabei – kaum vorstellbar. Sie habe mehrmals genickt, so Haslinger.

Über weiteste Strecken betont sachlich schildert der ehemalige Konviktszögling die psychische und physische Folter an den Kindern. Nicht nur Pater Gottfried habe sich „seine Buben“ mit Gespür und der Verlockung kleiner Geschenke – ein Bazooka-Kaugummi mit Abziehbildern war wie eins des Himmels – ausgesucht, Haslinger deutet ein Netzwerk, zumindest eine Pädophilen-Bekanntschaft bis zu Kardinal Hans Hermann Groër an. Andere, namentlich Pater Bruno Schneider, malträtierten bevorzugt mit körperlicher Züchtigung, sei’s, dass ihm „die Hand ausrutschte“ oder man sich „die Watschen abholen“ musste, ein Vokabular, das man aus dem eigenen Elternhaus kennt und dessen verniedlichender Klang allein im Interesse der Täter ist.

Bild: pixabay.com

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Die von Haslinger entdeckte Tortur geht weiter, Stockhiebe aufs Hinterteil, die der Delinquent mitzählen musste, „Kopfnüsse“, Essen müssen bis zum Kotzen, der „Abendsport“, paramilitärischer Drill, bei dem der „Strick“, heißt: der unartig Gewesene, auf dem Gang bis zur Erschöpfung gequält wurden. Haslingers Eltern? Hatten ganz anno 1960er „Pater Bruno ermuntert, mich nicht zu schonen, wenn ich nicht pariere.“ Und apropos, Mutter: An einigen wenigen Stellen ergibt sich Haslinger dem anekdotenhaften Sarkasmus, von Pater Maurus Pornosammlung bis zu Beschimpfungs-eMails, am skurrilsten aber da, wo der bereits fürs Priesteramt angedachte Bauernbub von seiner Vertrautheit mit dem Sexualakt angibt.

Die Kuh wird zum Dorfbullen gebracht, die Sau zum Eber getrieben, im Auftrag des Gemeindepfarrers und in Hinblick auf des Sohnes Einschulung im Stift soll die tieffrömmige Mutter Haslinger dem Sprössling mittels katholischer Aufklärungsfibel den letzten Feinschliff verpassen. Es folgen Ausführungen über „die Perversion und Todsünde der Homosexualität“: „Ich fragte sie, ob der Hintern nicht zu eng sei.“ – „Sie sagte sinngemäß, homosexuelle Männer hätten einen langen, dünnen Penis.“ Was der Pepi glaubt, „bis Pater Gottfried mir anschaulich machte, dass ich einem Phantom aufgesessen war.“ ** Was ihn zur Frage kommen lässt, ob der Pfarrer über die Zisterzienser des Stiftes Zwettl wenn nicht etwas wusste, so doch mutmaßte.

Das Wissen liegt auf der Hand. Zu viele Täter sind still und heimlich von ihren „schulpädagogischen Aufgaben entbunden“ worden, zur Rechenschaft gezogen – keiner. Auf der Webseite der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft www.opfer-schutz.at findet sich ein vierstufiges Opferhilfsmodell, das „die Schwere, Dauer und Folgen der Übergriffe“ berücksichtigt. Bedeutet in Zahlen: € 5.000,- € 15.000,- € 25.000,- sowie: „Darüber hinaus gehende finanzielle Hilfestellungen in besonders extremen Einzelfällen“.

Josef Haslinger hat beschlossen, seine finanziellen Ansprüche geltend zu machen. Am 21. Jänner, rechtzeitig vor Erscheinen seines Buchs, wurde dem Schriftsteller von der Opferschutzkommission eine Entschädigung von 10.000 Euro zugesprochen, berichtet der ORF. Eine Entscheidung, die der Schriftsteller „zur Kenntnis“ nimmt: „Für die zweite Stufe bin ich wohl zu wenig traktiert worden“, wird er zitiert. In „Mein Fall“ ist zu lesen: „Heute sage ich mir, dass für jemanden, der die Klasnic-Kommission für nichts als eine Art moralische Reinwaschanstalt der katholischen Kirche hält, die Frage, wie viel sie zahlen, möglicherweise die einzig sinnvolle ist. Die Zahlungen sind eine Geste der Entschädigung fürs kollektive Wegschauen. Immerhin.“

Über den Autor: Josef Haslinger, 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren, wohnt in Wien und Leipzig. 1992 begründete Haslinger die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch mit, von 2013 bis 2017 war er Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman „Opernball“, 2000 „Das Vaterspiel“, 2006 „Zugvögel“, 2007 „Phi Phi Island“, wo er mit Ehefrau Edith und seinen Kindern Sophie und Elias den Tsunami erlebt hatte. Seine Romanbiografie des Eishockeytorwarts Bohumil Modrý, „Jáchymov“, erschien 2011. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln und den Rheingau Literatur Preis.

S. Fischer Verlag, Josef Haslinger: „Mein Fall“, 144 Seiten.

www.fischerverlage.de

** Der sexuelle Missbrauch von Kindern – Pädophilie – hängt stark mit Machtdemonstration, Schutzlosigkeit und Abhängigkeit zusammen und hat nichts mit Homosexualität zu tun. Der Prozentsatz homosexueller Täterinnen und Täter entspricht in etwa dem Anteil von Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung. In Österreich definieren sich laut einer EU-weite Umfrage derzeit 6,8 Prozent der Frauen und 5,5 Prozent der Männer als schwul, lesbisch, bisexuell oder Transgender. Heterosexuelle Täterinnen und Täter sind also deutlich in der Mehrheit.

  1. 2. 2020

TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

April 1, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Camus‘ Mordopfer aus „Der Fremde“ hat einen Namen

buchAlbert Camus schrieb 1942 in Paris seinen Roman „Der Fremde“, machte den Protagonisten zum Prototypen des Existenzialismus und verschaffte Camus Weltruhm. Der Ich-Erzähler ist der Büroangestellte Meursault. Im Algerien der 1930er-Jahre tötet er einen Menschen, von dem er sich irgendwie bedroht sieht. Er will für sein Vergehen einstehen und wird so zum Sündenbock, an dem die Justiz erst zögernd, dann jedoch mit voller Härte ein Exempel statuiert. Vor Gericht macht man aus dem Totschlag Mord und verurteilt ihn zum Tod. Meursault ist bis zur Naivität ehrlich. Indem er seine Gleichgültigkeit offen zeigt, fordert er indirekt die von der Gesellschaft akzeptierten moralischen Standards heraus, die etwa Trauer über den Tod nahestehender Menschen erwarten lassen. Im späteren Gerichtsverfahren beschädigt seine Reaktion auf den Tod der Mutter – er kann darüber nicht weinen – sein Ansehen fast mehr, als der von ihm verursachte Tod des Arabers.

Geschrieben ist der Roman in einer kühlen, emotionslosen, knappen Sprache. „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.‘ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.“

Dieses „Ich weiß nicht“, „Vielleicht“, „Das besagt nichts“ begleitet Meursaults Handlungen, oder wohl eher Nicht-Handlungen. Er „weiß“ auch nicht, ob er seine Geliebte „liebt“. Aber heiraten würde er sie, „vielleicht“. In seinem Leben, so scheint es, kann nichts irgendetwas verändern. Sein Leben hat keine Bedeutung, kennt keine Hoffnung. Es geschieht einfach. Wie die Tat am Strand bei Algier, wo er einen Araber mit fünf Schüssen tötet, den Feind eines beiläufigen Freundes. Er „weiß nicht“, warum. Die Hitze dieses Tages, die Sonne könnten „schuld“ daran gewesen sein, sagt er während des Prozesses. Und weil er beim Begräbnis seiner Mutter nicht geweint hat, gilt das dem bürgerlichen Gerichtshof als wesentliches Indiz seiner Mörderseele.

Siebzig Jahre später setzt Daouds Roman „Meursault – eine Gegendarstellung“ ein: Ein alte Mann, Haroun, sitzt Nacht für Nacht in einer Bar in Oran und erzählt einem gegenüber seine Geschichte. Er ist der Bruder jenes Arabers, der 1942 von Meursault am Strand von Algier erschossen wurde. Fünf Pistolenschüsse um 14 Uhr unter der gleißenden Sonne. Mit all dem Ärger, der Angst und Frustration eines Lebens im Schatten dieses Todes, gibt der alte Mann seinem Bruder seinen Namen zurück: Moussa hieß dieser, dessen Tod auch Harouns Leben für immer verändert hat. In Camus’ Roman „Der Fremde“ ist das namenlose Opfer dagegen nur ein „Araber“, einer von vielen. Daoud gibt ihm nun eine Identität und eine Geschichte. Eine Geschichte, die untrennbar mit der Algeriens verknüpft ist, von der französischen Kolonialzeit bis zum Unabhängigkeitskampf mit hunderttausenden Toten und dem Ende der französischen Herrschaft.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Roman zeigt nicht nur, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt, und über die ungebrochene Kraft der Literatur, eine tiefere Erkenntnis, eine verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern er ist auch ein gelungener Versuch, einen Eindruck von den ungleichen Wahrnehmungen zu geben, die das algerisch-französische Verhältnis bis heute prägen. Denn der Autor verbindet das Schicksal seines Erzählers explizit mit dem Algeriens.

Auch Haroun begeht einen Mord, um 2 Uhr früh im Juli 1962 in einem Garten an einem Franzosen.  Dorthin, wo sich Haroun und seine Mutter niedergelassen haben, hat sich der Mann geflüchtet, um sich vor der Gewalt algerischer Unabhängigkeitskämpfer zu verstecken. Juli 1962: Das ist der Monat, in dem Algerien nach einem langen Krieg gegen die französische Kolonialmacht die Unabhängigkeit erlangte. „Ich drückte auf den Abzug und schoss zwei Mal. Zwei Kugeln. Eine in den Bauch und die andere in den Hals. Insgesamt also sieben, dachte ich absurderweise sofort. (Nur dass die ersten fünf, die Moussa getötet hatten, zwanzig Jahre früher abgegeben worden waren …).“ Die Tat selbst ist für Haroun kein Mord, sondern eine Restitution.

Moussas jüngerer Bruder landet zwar für kurze Zeit im Gefängnis, doch für seine Tat wird er gerichtlich nicht belangt, anders als Meursault in „Der Fremde“. Dafür wird er von seinen Landsleuten als „Feigling“ gebrandmarkt, weil er sich nicht dem algerischen Widerstand angeschlossen und gegen die Franzosen gekämpft hat. Dieses Vergehen wiegt in deren Augen schwerer als die Tat an dem Franzosen. Haroun muss erkennen, dass man ihn ohne Erklärung freilassen würde, während er doch verurteilt werden wollte. „Ich wollte von diesem so schwer auf mir lastenden Schatten befreit werden, der mein Leben in Finsternis verwandelte … Die Willkür von Moussas Tod war eine Zumutung. Und nun wurde meine Rache ebenfalls zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt.“

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Eine weitere Parallele zu Camus: Meursault wird nach seiner Verurteilung zum Tod von einem Priester besucht. Ein heftiger Diskurs über den Glauben und die Religion entbrennt. Meursault kann den Worten des Geistlichen nichts abgewinnen. Auch Haroun wird von einer „ganzen Meute von Frömmlern verfolgt, die mich davon überzeugen will … dass Gott über uns wacht. Ich schreie ihnen entgegen, dass ich mir schon seit Jahren dieses unvollendete Mauerwerk anschaue.“

Nicht die einzigen kritischen Äußerungen zum Islam: „Die Gebetszeit hasse ich am meisten, und zwar seit meiner Kindheit schon, aber seit einigen Jahren immer mehr. Die Stimme des Imam brüllt durch den Lautsprecher, der eingerollte Gebetsteppich unter ihren Achselhöhlen, die plakative Architektur der Moschee und dieses heuchlerische Eilen der Getreuen zum rituellen Waschen und zur Unaufrichtigkeit, zur Absolution und zum Rezitieren.“

Dafür wird der Schriftsteller auch mit einer Fatwa belegt. Wie bei Salman Rushdie war es auch im Fall Daouds die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und Religion, die den salafistischen Kleriker Abdelfattah Hamadache Zeraoui im Dezember 2014 zum Mordaufruf bewegten. Doch trotz zahlreicher Drohungen, denkt Daoud nicht daran, sein Heimatland Algerien zu verlassen und ins Exil zu gehen.

Am Ende treffen sich Haroun und sein Gegenüber noch einmal. „Sagt Dir meine Geschichte denn zu? … Ich bin Moussas Bruder oder der Bruder von niemandem. Nichts als ein Schwätzer, den du getroffen hast, um deine Hefte zu füllen … Du hast die Wahl, mein Freund. Das ist genauso wie mit der Biografie Gottes.“

Über den Autor:
Kamel Daoud, geboren 1970 im algerischen Mostaganem geboren, ist Journalist beim Quotidien d‘Oran, für den er seit vielen Jahren eine der meistgelesenen politischen Kolumnen in Algerien schreibt. Er lebt in Oran. Nach der Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen erschien mit „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ sein erster Roman (2013 in Algier erschienen). Mit dem Buch war er 2014 in der Endauswahl für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, und wurde schließlich in der Kategorie „bester Debütroman“ ausgezeichnet.

Kiepenheuer & Witsch, Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Claus Josten.

rororo, Albert Camus: „Der Fremde“, Roman, 160 Seiten. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.

www.kiwi-verlag.de

www.rowohlt.de

Wien, 1. 4. 2016

Architekturzentrum Wien: Urlaub nach dem Fall

November 2, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Untergang sozialistischer Ferienbauten an der Adria

Ruine des Hotel Palace, Haludovo Resort bei Malinska/Krk, Kroatien, Architekt: Boris Magas 1972 Bild: © Daniele Ansidei 2011

Ruine des Hotel Palace, Haludovo Resort bei Malinska/Krk, Kroatien, Architekt: Boris Magas 1972. Bild: © Daniele Ansidei 2011

Kroatien ist seit Jahrzehnten ungebrochen das Urlaubsparadies an der Adria. Wer pilgerte nicht Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre der Sonne entgegen? Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Seit Tito, auf dessen sozialistischen Modernisierungsschub seine Infrastruktur noch immer aufbaut. Die Hotels sind ein Erlebnis in  ihrer einzigartigen Mischung aus Futurismus und Plattenbau. Als müsste jeden Moment Guy Montag ums nächste Betoneck biegen. Man erinnert sich an die Eltern und Makarska, wo für die kommunistische Ewigkeit gemeiselte Kriegsschiffsstege zu Badeplattformen umfunktioniert wurden …

Am 5. November bietet die Ausstellung „Urlaub nach dem Fall. Transformationen sozialistischer Ferienarchitekturen an der kroatischen Adria“ eine Art letzten Blick auf die großmaßstäblichen Ferienanlagen an der Adria-Küste, die nach dem Zerfall Jugoslawiens teilweise selbst vom Verfall bedroht sind. Es gibt aber auch Beispiele, wo die melancholischen Ruinen bescheidenen Renovierungen oder völlig neuartigen Überbauungen unterzogen wurden.

Den Einstieg in die Schau macht der historische Aufruf Titos „Come and See the Truth“, mit dem dieser die großen Tourismuszentren unter sozialistischer Arbeiterselbstverwaltung als internationale Begegnungsstätten bewarb. Im Gegensatz zu den realsozialistischen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang war Jugoslawien von einer Wirtschaftspolitik zwischen Sozialismus und selbstverwalteter Marktwirtschaft und seiner führenden Rolle in der Vereinigung blockfreier Staaten gekennzeichnet.

Zentrales Gestaltungselement der Ausstellung ist eine 15 Meter lange, mit Bildmaterial angereicherte Zeitschiene, die die Nächtigungszahlen darstellt. Diese stiegen seit 1955 kontinuierlich an, knickten erstmals 1988 ein und fielen mit Kriegsbeginn 1991 auf einen vorübergehenden Tiefststand, von dem sich die Tourismuswirtschaft Kroatiens lange nicht erholen sollte. Anhand von sieben ausgewählten Studienobjekten werden jeweils die Themen verhandelt: Sozialtourismus, Interieur, Kunst und Design, in Privateigentum Befindliches in Zeiten von Rechtsunsicherheit und Wirtschaftskrise und leerstehende Resort-Ruinen. Dabei werden auch die mitunter eigenwilligen Privatisierungsprozesse dargestellt. Denn es ist nicht unerheblich zu hinterfragen, wer wann und wie in den Besitz der Hotels und Resorts gelangt ist und mit welchem Hintergrund die neuen Besitzer heute agieren.

www.azw.at

Wien, 2. 11. 2015

„Der Fall Furtwängler“ …

Oktober 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

… im Theater Scala

Bild: Theater zum Fürchten

Bild: Theater zum Fürchten

Am 31. Oktober hat im Theater Scala, Wiener Sitz von Bruno Max‘ „Theater zum Fürchten“, Ronald Harwoods Stück „Der Fall Furtwängler“ Premiere. Berlin 1945:  Ein amerikanischer Major lässt sich den berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler zur Entnazifizierung kommen. Dass alle Welt und sogar sein Stab den Maestro als regimekritisch und genial loben, hindert den kunstfremden Offizier aus der Neuen Welt, für den Furtwängler nur ein ihm unbekannter „Bandleader“ ist, nicht daran, an der politischen Unschuld des Künstlers zu zweifeln.  Er will es nicht zulassen, dass die Deutschen sich bereits wenige Monate nach Kriegsende hinter ihren eigenen Leiden als Verlierer verstecken und ihre Verantwortung für Völkermord und Weltkrieg abstreiten. Aber trägt ein „Unpolitischer“ überhaupt eine Mitschuld? Wieviele Konzessionen an ein Regime sind verzeihlich? Gibt es Sonderregelungen für „begnadete Künstler“? Ist der Kulturschaffende in der Diktatur „Hüter des Lichts“ oder nur Alibi der Unterdrücker? Was bedeuten überhaupt noch Mozart und Beethoven nach Auschwitz? Ein packendes und geistreiches Duell nach einer wahren Begebenheit, bei dem es sowohl den anderen Figuren des Stücks  als auch dem Publikum schwer gemacht wird, sich schnell auf die eine oder andere  Seite zu schlagen. (Der englische Originaltitel lautet daher auch „taking sides“…)

Inszenierung: Rüdiger Hentzschel. Es spielen: Jörg Stelling, Daniel Keberle, Hermann J. Kogler, Florian Graf, Natalie Ananda Assmann, Monika Pallua.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 23. 10. 2013