Akademietheater: Die Perser

Mai 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In der Einfachheit liegt die Kraft

Geht an ihre Grenzen: Christiane von Poelnitz als Königsmutter Atossa. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Satz fällt schnell: „Wo, um Himmels Willen, liegt dieses Athen?“ Die Königsmutter Atossa spricht ihn, und in ihm liegt wohl begründet, warum man sich für die älteste überlieferte Tragödie der Theatergeschichte nach wie vor zu interessieren hat. Sinnlos Kriege zu führen, Konflikte zu schüren am anderen Ende von Welt und Vernunft, das wirft einen zurück auf diese Tage, die nicht heutiger sein könnten und dennoch antik-zeitlos sind. Welch ein Stoff, welch ein Autor.

Am Akademietheater hat Michael Thalheimer Aischylos‘ „Die Perser“ inszeniert. Auf die ihm eigene Art der theatralen Reduziertheit hat er das große Thema auf dessen Essenz verfeinert. Einmal mehr belegt der großartige Regisseur, dass in der Einfachheit die Kraft liegt, einmal mehr überlässt er seinen Schauspielern die Bühne – und deren Kraft ist überwältigend. Der Abend reißt einen hin und her und mit, und am Ende ist man beinah so erschöpft, aber glücklich wie die Darsteller.

Aischylos hat sein Drama 472 v. Chr. verfasst. Es behandelt den Untergang des Perserreiches nach einer unnötigen kriegerischen Auseinandersetzung mit den Griechen.

Nachdem sein Vater Dareios bei Marathon von Athen vernichtend geschlagen wurde, sinnt sein Sohn Xerxes nach Rache. Er bricht mit einer riesigen Flotte und einem Landheer auf, er baut mit seinen Schiffen einen Ponton an die griechische Küste – und wird doch von der widerständigen Minderzahl bei der Seeschlacht von Salamis vernichtend geschlagen. Das Eroberungsvolk ist endgültig liquidiert.

Der große Dramatiker Aischylos nahm als Soldat auf Siegerseite an dem Gemetzel teil. Dass er acht Jahre danach sein Stück verfasste, wird mit zwei Beweggründen erklärt: Zum einen galt es die Geburt des Okzidents, den Beginn eines Europas zu feiern, das sich endlich von der Bedrohung durch den Orient befreit hatte. Zum anderen aber wollte der Dichter anhand des Negativ-Beispiels „sein“ Athen wohl vor Überheblichkeit und Selbstüberschätzung warnen. „Hybris“ ist der Gedanke, um den sich sein Text dreht. Der freilich keine Antikriegsaufforderung ist, konnte sich der antike Mensch ein Dasein ohne diesen vermutlich gar nicht vorstellen.

„Das nackte Elend“: Merlin Sandmeyer ist als Xerxes ein Ereignis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Chor des persischen Ältestenrates, Falk Rockstroh, belehrt die Königinmutter. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Am Akademietheater nun treten einem fünf Darsteller mit der ganzen Wucht ihrer Möglichkeiten entgegen. Christiane von Poelnitz, die Antikengeschulte, tritt erst als goldene Gottesmutter Atossa auf – denn die Perser verehrten ihre Herrscher als solche, als kalkulierende Politikerin, die beim Chor des persischen Ältestenrates Rat sucht und diesen doch zu gängeln weiß. „Und morgen gehört uns Griechenland“, tönt es noch kurz in der angemessen zeitgemäßen Textbearbeitung von Durs Grünbein, dann erscheint der Bote, dann reißt sich Atossa die edlen Kleider vom Leib und steht im schwarzen Hemdchen da.

Wie die Poelnitz diese plötzliche Verlorenheit, dieses Unverständnis über den Verlust der eigenen Größe, wie sie die Sorge um den geliebten Sohn spielt, nervös und zittrig und dennoch stolz erhobenen Hauptes, das ist große Klasse. Im quasi Wortsinn fällt ihr die Decke auf den Kopf, der einzige Bühnenbild-„Trick“ von Olaf Altmann, der Plafond saust wie ein Fallbeil herunter, wieder und wieder, und bringt mit sich den „Aschesturm“ der Gemeuchelten. Der die Darsteller kurz bis zur Unsichtbarkeit einhüllt.

Falk Rockstroh als der Ältestenrat changiert zwischen der Loyalität zum Herrscherhaus und der Anklage, dass hier „für nichts“ persische Männer geopfert wurden. Er ist in seiner Performance ebenso statisch kistallklar, wie Markus Hering, der als Bote die Unglücksbotschaft zu übermitteln hat – und dabei heult wie ein getretener Hund. Einem ganzen Volk, machen die beiden bewusst, ist nicht erklärlich, was da über es gekommen ist – ergo gibt man schnell einem Daimon die Schuld. Rockstroh, mit seinen schwarzen Augen blind (?), lässt Atossa keine Ruhe, er treibt sie vor sich her, jetzt, jetzt, gilt es politische Weichen zu stellen.

Es wird also der Daimon von Dareios aus dem Grab beschworen. Der kommt, Branko Samarovski in Kothurn und mit Teleskopstecken, doch kann er seinem Volk weder mit Rat noch Tat dienen. Auch ihm bleibt nicht mehr, als die Hybris seines Sohnes zu beweinen, bis er wieder in der Ewigkeit verschwindet.

Denn Anmaßung ist tatsächlich die große Sünde des Xerxes, brach er doch auf voll der Zerstörungswut. Nun kehrt er heim, im Wortsinn „das nackte Elend“. Merlin Sandmeyer, dieses eben erst aus der Schauspielschule geschälte Talent, erscheint blutig und bloß, ein von Minderwertigkeitskomplexen geplagtes Rich Kid, ein Neurosenkönig, der gegen die übermächtige Vaterfigur antreten wollte und nun vor der Verfetzung seiner Unternehmung steht. Sandmeyer spielt den Xerxes als vom Wahnsinn Umzingelten, tatsächlich gesteht ihm Thalheimer eine beinah Freud’sche Psychologisierung seiner Figur zu, wo ringsum subtile Stereotypheit herrscht – und Sandmeyer meistert die Aufgabe mit Bravour.

Markus Hering zerbricht als Bote an seiner bösen Nachricht. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Stimme aus dem Grab: Branko Samarovski als Dareios‘ Geist. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Endlich ist mit seinem fulminanten Auftritt auch die bis dahin im Halbdunkel gehaltene Bühne hell erleuchtet. Man sieht Blut und Boden, beim frenetischen Schlussapplaus arbeitet sowohl das Ensemble als auch das Leading Team hart daran, auf dem glitschig-ekeligen Untergrund nicht über die Rampe zu rutschen. Michael Thalheimers Aufführung besticht in ihrer Brillanz, er ist einer der wenigen Regisseure, die auf den ersten Blick an ihrer Bühnenhandschrift zu erkennen sind, und sich dennoch nie wiederholen. Wie eine gute Rockband, deren Sound man sofort wahrnimmt, auch wenn jedes neue Album eine Weiterentwicklung auf dem künstlerischen Weg ist.

Und P.S.: Weil dieses on-dit ist, dass man „Richard III.“ nach dem so verehrten wie überlebensgroßen Gert Voss an der Burg nie mehr zu machen bräuchte: Hier täte sich buchstäblich eine blutjunge Möglichkeit auf …

www.burgtheater.at

Wiener Festwochen: Tianzhuo Chen – 自在天 / Ishvara

Mai 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Magic Mush/Room im MuseumsQuartier

Ein einzigartiges Performerpaar spielt mit Religionen und Riten: Beio (li.) und China Yu (re.) verkörpern den Gegensatz von Fleisch und Geist. Bild: Zhang Yan

Premiere eins unter dem neuen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin war nun also … und sie war … weniger spektakulär sensationell, als es die Vorablobpreisungen erwarten hätten lassen. Aber immerhin: sehr schön anzuschauen. Die paar Buhrufer hatten zweieinhalb Stunden Zeit, um sich zu verabschieden, der große Rest des Publikums warf sich einander am Ende glückselig in die Arme. Man selbst warf zwei Kopfschmerztabletten ein.

Was nichts mit der Qualität der Aufführung, sondern lediglich mit den blendenden Lichteffekten zu tun hatte. Tatsächlich forderte eine männliche Stimme mittendrin lautstark „Scheinwerfer aus!“ – was immer sie damit sagen wollte. Und apropos, Kopfschmerz: Beipackzettel gibt es genug. Im – vielen Dank! – immer noch erhältlichen Gratisprogramm findet sich eine präzise Erklärung des zu Sehenden, dazu gibt es ein Beiblatt mit deutschsprachiger Übersetzung der chinesisch gesprochenen Textstellen.

Zierhofer-Kin, der Sprechtheater fad und Musiktheater altvaterisch findet, so zumindest lässt sich seine Pressekonferenz interpretieren, die den „Salon Burgtheater“ gleich mal auf die Barrikaden trieb, eröffnete mit seiner Vorstellung von Festwochen. Er lud den Shootingstar der chinesischen Performerszene, Tianzhuo Chen, Jahrgang 1985, zum Tanz – und das Ergebnis ist – ein Magic Mush/Room im MuseumsQuartier. Der Querdenker der Bejinger Kunstszene arbeitet sich in „自在天 / Ishvara“ an so ziemlich jeder Religion und jedem Ritus ab, den’s/die es überhaupt gibt.

Heißt: Als Vorlage für seine siebenszenige Aufführung dient ihm der indische Mythos Bhagavad Gītā, ein Teil des Mahabharata, der Gesang des Erhabenen im Endloskrieg der Generationen durch die Gezeiten. Darin begegnen einander drei Konzepte, das sterbliche Fleisch, die ewige Seele und die ehrfürchtige Hingabe, und treten von Dämonen gepeinigt in einen Wettstreit ums Überleben. Drei Temperamente gibt es außerdem, davon das liebste „Rajas“ – leidenschaftlich, missgestimmt, sehnsüchtig. „Ishvara“ selbst bezeichnet den jeweils höchsten Gott, egal, ob man – im Hinduismus ist das möglich – diesen als Vishnu oder Shiva glaubt.

Was Tianzhuo Chen daraus entwickelt ist, als hätte sich Monty Python (tatsächlich hält eine Comic-Gotteshand den Kopf eines Enthaupteten, siehe auch die Göttin Durga) mit einem Manga-Mädchen verpaart. Diese wird später zu einer Art Heiliger Sebastian, die Heiligen Drei Könige setzen auf Golgatha vor das Kreuz einen Halbmond, halt: falsch, das sind schon besagte Dämonen. Einer schlägt die Trommel, einer lässt den Zopf kreisen, ein Paar tanzt in Zeitlupe Jive, Darsteller tragen einen aufgemalten Davidstern. Kakushin Nishihara spielt die Satsuma Biwa bis die Ohren bluten, und die Schweizer DJane Aïsha Devi orchestiert das Geschehen mit ihren grandiosen Klagelauten.

Tradition knüpft an Moderne: China Yu spielt mit Geschlechterrollen … Bild: Zhang Yan

… und zerstört in einer späteren Szene eine aufblasbare Riesenfrau. Bild: Zhang Yan

Und dies das tatsächliche Problem des Abends: Man kann der ultimativen Ekstase nicht in Reih und Glied sitzend beiwohnen, da hilft’s auch nichts, dass sich die Herren im Ensemble beim frenetischen Schlussapplaus ihrer Lendenschurze entledigen und wie die Götter sie schufen über die Bühne hüpfen …

Anyway, im Mittelpunkt der Aufführung stehen die beiden exzeptionellen Performer Beio und China Yu, ersterer unverkennbar Butoh-geschult und mit zweiterem Gründer der Asian Dope Boys, schon aufgrund ihrer Körperlichkeit zeigen sie die Gegensätze von Fleisch und Geist an, Prakrti und Bhakti, der Sinnenmensch und der Gläubige am Teichufer. Der Sound wummert in den Eingeweiden, die Augen kämpfen gegen das Licht, die Darsteller wiegen und verbiegen sich höchst ästhetisch, während „Handlung“ abläuft.

Kostüme und Ganzkörperbemalungen sind opulent, wie schade, dass vieles oft im künstlichen Nebel außer Sicht gerät. Manieristisch? Ist dieser Abend zweifellos. Tianzhuo Chen setzt mehr auf Effekt denn auf Erleuchtung, setzt auf Eskapismus statt auf Erklärungen.

In zwei vergleichsweise stillen Szenen schildert die junge JoJo den mehrfachen Mord an ihrem immer wiederkehrenden Ehemann (daher: vorher Text lesen!), China Yu zerstückelt später eine aufblasbare Riesenfrau, entreißt ihr Gedärme und Nabelschur – und lässt so JoJo wieder in die Welt treten. Provokation mag das in Bejing gewesen sein, beim abgeklärten Wiener Publikum lösen diese Sequenzen freundliches Interesse aus. Eine Gruppe in den oberen Reihen hat sich entschlossen, jeden Bühnenfurz zu bejubeln, um den Schimpf-Zuschauern etwas entgegenzuhalten. Die opulenten Bilder werden von unzähligen Handykameras dokumentiert.

Der Rave erreicht den Höhepunkt, im orgiastischen Geschehen hat man längst kapiert, dass hier mehr Event-Fashion-Show als sonst was abläuft. Und dann – haut’s einem Tianzhuo Chen um die Ohren – die Emotion – in einem berührenden Schlussbild. China Yu hält JoJo in einer Art Pietà fest und singt mit ihr ermattet-grotesk ein berührendes Pop-Liebesduett. Danach dreht er wieder, wie zu Anfang, Schirmchen … Der bildende Künstler Tianzhuo Chen changiert bei seiner ersten Theaterarbeit zwischen symbol/trächtig und bedeutungs/schwanger. Der Mensch unterwirft das Göttliche, um selbst gottgleich zu werden, und das alles ist dann wie ein Ecco homo. Oder ist das schon zu viel interpretiert? Man sollte „Ishvara“ einfach einsickern und wirken lassen – die #viennapartyweeks 2017 sind jedenfalls eröffnet.

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2017

Schauspielhaus Wien: Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence

März 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vertrauen wir auf die Muschel!

Hier wird die (halb-)nackte Wahrheit über die Macht und die Ohnmacht der Finanzmärkte ausgesprochen: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Zeiten wie diese fordern von der Kunst Radikalität. Und die radikalste Form, radikal zu sein, ist einfach Spaß zu haben. Lachen ist gut fürs Gehirn, das haben Gelotologen kürzlich, Kabarettisten schon vor fast 140 Jahren festgestellt – dass mit Humor alles besser geht, auch politische Botschaften an das Publikum zu bringen. Nele Stuhler und Frank Rößler haben sich für ihr jüngstes Projekt diese Methodik einverleibt.

Die beiden Berliner, ihres Zeichens zwei Drittel der Performancegruppe FUX, legen mit „Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence“ ihre erste Arbeit in Österreich, genauer: im Schauspielhaus Wien, vor. Es ist das Markenzeichen von FUX, bestehende Bühnenformate durch eigene Filter zu schicken und so zu etwas Neuem umzuwandeln. Die Arbeiten bewegen sich stets an der Schnittstelle von Sprech-, Musiktheater und Tanz, und nie fehlt es ihnen an Witz, Un- und Zweieindeutigkeit, Plattitüde und Übermut. Dies alles, um Zweifel an Bestehendem zu schüren und die Suche nach Unkonventionellem einzuleiten. Handeln statt mit dem Weltgeschehen hadern, ist die Devise, die an die Zuschauer weitergereicht wird, denn die Verhältnisse, sie sind schon so.

Apropos, Devise: Sie ist Teil des neuen FUX-Programms. Stuhler und Rößler haben die Achse Berlin-Wien geschlossen, indem sie beschlossen sich mit zwei Großen der Kleinkunst zu befassen – Karl Farkas und Erwin Piscator. Von ersterem entliehen sie die Doppelconférence, das Spiel des G’scheiten mit dem Blöden, von zweiterem seine Vision der politischen Revue und seinen Anspruch, ein „Trommelfeuer gegen die Passivität der Zuschauer“ zu entfachen.

„Menschen machen falsches Geld, und das Geld macht falsche Menschen“, ist ein berühmtes Farkas-Zitat. Es könnte als Motto über diesem Abend stehen, befassen sich die Texte doch mit den Mechanismen der Marktwirtschaft und dem Fehlverhalten von Finanzmärkten. Zwischen dem kaputt gegangenen Kommunismus und dem an die Grenzen seiner Kapazität gehenden Kapitalismus, muss es ein Drittes geben, sagen Stuhler und Rößler, und jonglieren lustvoll mit Alternativkonzepten und zeitgeistigen Schlagworten wie „Sharing Economy“ und „Open Source Project“ oder „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Bargeldloser Zahlungsverkehr“.

Als treue Epigonen der beiden Godfathers of Performance switchen sie dabei zwischen Dys- und Utopien, changieren ihre Szenen zwischen skurril und surreal, verwenden sie alle gültigen Mittel von Klavierimprovisation und Bauchrednernummer bis zum Neudichten von aktuellen Schlagern. Da reimt sich Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ plötzlich auf „soziale Marktwirtschaft“, der Britney-Spears-Hit wird zu „Oops!…I paid it again“, Tokio Hotel singen „Nach dem Konsum“ und Bob Marley reggaet „No Money, No Cry“. Die Kostüme von Aleksandra Pavlovic erscheinen wie aus dem Cabaret Voltaire entliehen, und eindeutig Dada ist auch ihr Bühnenbild samt Showtreppe. Sketch reiht sich an Sketch, und weil’s um Geld und Güter, nicht aber um Güte geht, enden die Nummern per Blackout.

Von wegen Plastikgeld – endlich wird die Kunststoffmuschel als Zahlungsmittel entdeckt: Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Geschäfte und Profit machen sich am besten im Whirlpool. Darin als organisches Polymer: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Auf die Bühne gehoben wird das alles vom fabelhaften Schauspielhaus-Quartett Vassilissa Reznikoff, Simon Bauer, Steffen Link und Sebastian Schindegger. Mit spielerischer Leichtigkeit und doch hochkonzentriert sprechen sie die komplexesten Texte im Chor, Kanon oder Quodlibet; sie springen, blitzdichten, singen, geben abwechseln den spöttischen Verweigerer der Zu- und Umstände, heißt: den Frotzler, und stellen einmal mehr die Qualität des Ensembles unter Beweis, wenn es darum geht, mit entsprechend Hintersinn auch noch den größten Nonsens zu servieren. Schließlich gilt es den DAZ, den dümmsten anzunehmenden Zuschauer, dort abzuholen, wo er ist, im Un/Sinn, und ihn nicht mit endlosem Intellektuell-Quabla über die Krise als Normalzustand der Finanzwelt zu überfordern.

Apropos, Nonstop: Nicht nur Farkas und Piscator treten als Figuren auf, sondern auch Dieter Hallervorden, von Steffen Link eins a stimmimitiert. Der populäre „Palim Palim“-Sketch des Komikers ist gleichsam das Herzstück der „Frotzler-Fragmente“, und es ist ein Riesenspaß, wie er sich von Runde zu Runde mehr verändert, wie sich erst der Kaufmannsladen in die Europäische Zentralbank, dann der Kaufmann in Mario Draghi und schlussendlich die Tüte Pommes Frites in TLTRO II verwandeln. Ex-Investmentbanker Rainer Voss versucht verzweifelt die Filmdokumentation mit und über ihn, „Masters oft the Universe“, vorzustellen, kann aber kaum zu Wort kommen.

Die Heidenreich-Brüder Stefan und Ralph haben zwar mehr Erfolg, ihr Buch „Forderungen“ anzupreisen, doch scheitert Stefan an der Erklärung seines „Matching Algorithmus“, weil Ralph das Buch nicht gelesen hat … So heiter geht’s entlang der Menschheit monetärer Höllenfahrt, von der uneigennützig-naiven Gemeinschaft über die Entdeckung von Eigentum und ergo Tauschhandel bis zur Vergabe von Krediten und ergo dem dessen Zinsen geschuldeten Schulden machen. Der Wert der Dinge wird zum Lebewesen und lässt sich entsprechend verwöhnen, und weil das alles mit irgendjemandes Mittel bezahlt werden muss, lautet der Aufruf: Vertrauen wir auf die Muschel! Die ist, weil ja bargeldlos, selbstverständlich aus Plastik, und kann in Ermangelung fremder Federn auch als Showfächer Verwendung finden, wenn es gilt, den Abend Revue passieren zu lassen.

Am Ende also von Jubel, Trubel, Inszenierungsanarchie klatschte ein begeistertes Publikum nicht nur im Takt der Songs, sondern spendete auch so großzügig Applaus, dass Erwin Piscator ob so viel Zuschaueraktivität sicher erfreut gewesen wäre. Bleibt, noch einmal Karl Farkas zu zitieren: Schau’n Sie sich das an!

gruppefux.de

www.schauspielhaus.at

Wien, 12. 3. 2017

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

Wiener Festwochen: Città del Vaticano

Mai 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Freie Assoziation mit Falk Richter

Bild: © Matthias Heschl

Gabriel da Costa, Vassilissa Reznikoff und Christian Wagner. Bild: © Matthias Heschl

Den Moment des Abends hat ganz am Ende Performer Gabriel da Costa, der beschlossen hat mit seinem Lebenspartner und seiner Immer-noch-Lebensgefährtin die Elternschaft zu dritt zu wagen. Er liest seinen Brief an den ungeborenen Sohn vor. In dem wünscht er ihm ein Leben in einem Europa ohne Grenzen. Da Costa meint das so buchstäblich wie metaphorisch. Ob das möglich sein kann, man weiß es nicht.

Schon davor gibt es diese starke Szene, die sieben Darsteller und ihr Bild der Tochter Agenors, ein Bild vergangener Kriege und untergegangener Terrorregime, eine Sequenz über Verfolgung, Folter und darüber, dass auch von hier einmal Flüchtlinge in eine bessere Welt wollten. Und schon wird wieder Position geprobt. Vassilissa Reznikoff ist ein Mädchen, das ohne Panikattacken vor Anschlägen in einem Café sitzen will, während der junge Mann – Johannes Frick – aus der Banlieue findet, reiche Innenstadtbewohner würden zu Recht in die Luft fliegen. Ein AfD-Fan holt sich auf Frauke Petry einen runter, eine Action, bei der Christian Wagner alles Heil in seine rechte Hand legt. Und schließlich Steffen Link. Er sagt etwas zu Österreich. Natürlich ist der Wahlsonntag ein Thema. Hierzulande sind die Hofers ja bekanntlich berühmte Freiheitskämpfer.

Davon hätte man gerne mehr gesehen. Als Diskurs einer gut ausgebildeten, angeblich emanzipierten, sich selbst aber bis zur Ohnmacht reflektierenden Generation. Ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit. Ihr „Können oder Nichtkönnen“ mit einem Kontinent, den sie allmählich zu gestalten beginnen sollten. Ihre Vorstellung von Zukunft und wie ihnen der Weg dorthin zu bereiten ist. Aber! Falk Richter hat beschlossen etwas über die „Città del Vaticano“ zu erzählen. Wobei der Titel genauso Ettikettenschwindel ist, wie der Umstand, dass sich seine Inszenierung im Rahmen der Wiener Festwochen eine Uraufführung nennt. Nach zwei Arbeitsphasen bei der Biennale di Venezia 2015 bezeichnen Richter und sein Choreograf Nir de Volff ihr Projekt am Schauspielhaus nämlich als „öffentlichen work in progress“ – womit es sich anscheinend jeder Kritik zu entziehen sucht, weil: bitte! noch nicht fertig.

Der Schein trügt nicht. Was hätte das nicht alles werden können. Eine Auseinandersetzung mit einem Zeitsymptom, das lieber Angst schüren als Antworten suchen will. Eine Hinterfragung eines Wertekatalogs, den sogar Angela Merkel auf ihrer Webseite bemüht, wenn es um „die“ und „uns“ geht. Man darf annehmen, dass der historische Jesus so ausgesehen hat, wie die Männer vor denen wir uns im Flugzeug fürchten, sagt Link, und dies dazu der bezeichnendste Satz. Die Auseinandersetzung mit der Kirche und ihrem die ihr zugehörigen Gesellschaften bestimmenden Kanon bleibt in der Untiefe stecken. Stattdessen die einer Freikirche geschuldeten Pubertätstraumata und Kerzlschluckeranekdoten, teilweise höchst amüsant, ja das Publikum lacht laut, aber, Travnicek … Eindeutig fehlt diesem polyglotten Seelenstriptease die rotweißrote Farbe, das Brachialbarock-Katholische. Wir leiden, aber lustvoller und mit weniger Larmoyanz. Das erste Wunder Jesu ist die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, und daran halten wir uns fest in Ewigkeit Amen. Punsch im Bauch & Rausch-Goldengel an den Christbäumen.

Bild: © Matthias Heschl

Choreografie von Nir de Volff. Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Vassilissa Reznikoff und Steffen Link, Telmo Branco und Gabriel da Costa. Bild: © Matthias Heschl

So aber moderiert Tatjana Pessoa die Eh-schon-wissen-Anklagen gegen den Vatikan. Von Knabenmissbrauch bis kirchlicher Geldwäsche. In konzentrischen Kreisen – ups, das ist ja das Schauspielhaus-Logo – widerkäut die Truppe more of the same. Freie Assoziation mit Falk Richter! An manchen Stellen so intolerant wie jene, denen man den Vorwurf daraus strickt. Und unter Missachtung der Tatsache, dass der neue Firmenchef ohnedies versucht, Licht in all die Dunkel zu tragen, während der Angegiftete in Castel Gandolfo vor sich hin vergreist. Die Jungschargruppe formiert sich zum Diskussionskränzchen über „Schwule in Frauenkleidern“. Die Homophobie der Kirche ist im Schwerpunkt der Aufführung, bezüglich der Diskriminierung der Frau bleibt einem da nur ein: Heiliger Sebastian, bitt‘ für uns! Der postdramatische Protest, an manchen Stellen so nervös, dass man der Performance ein Frankie-goes-to-Hollywood „Relax“ wünscht, schrammt schon die Grenze zur Peinlichkeit, weil: stell‘ dir vor du willst erregen, aber die Zuschauer schert das einen feuchten … In Wien also kein Anzeichen von „FEAR“; dass der Abend trotzdem rüberkommt, ist die Leistung eines Ensembles, das mit seiner überbordenden Spielfreude wie unter Strom steht.

Die Suche nach Identität, mit der sich Richter in seinen Arbeiten sonst vorrangig beschäftigt, muss diesmal aber wegen Erfolgslosigkeit abgeblasen werden. Sie bleibt hier nur ein kindlicher Versuch, der ins Nichts verpufft. Tatsächlich schmerzhaft intensiv sind an diesem Abend nur die von Nir de Volff choreografierten Tanzszenen, ganz ausgezeichnet ausgeführt, mit den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Reznikoff und Link als vollintegrierte Partner. Frick und Wagner überzeugen ihrerseits in zwei sehr sarkastischen Karikaturen als Schauspieler, Telmo Branco präsentiert sich als wunderbarer Tänzer. Das Schönste an „Città del Vaticano“ ist es, dieser multidisziplinär agierende Truppe bei der Arbeit zuzusehen. Die Akteure charakterisieren in vieler Hinsicht genau diese Grenzüberschreitung, die ein neues Europa ausmachen sollte. Was den Rest betrifft, kann man mit dem guten Gewissen aus der Vorstellung gehen, immerhin 25 Euro für die gesehene Gruppentherapie im Opferstock hinterlassen zu haben.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Wien, 22. 5. 2016