Akademietheater: Vor Sonnenaufgang

Dezember 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bipolar gestörte Familienverhältnisse

Fröhliches Feiern: Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Michael Maertens (Alfred Loth) und Marie Luise Stockinger (Helene). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die langerwartete Geburt setzt ein, Martha wird nun ihr Kind bekommen. Sekt wird zu Fruchtwasser, drei kreischende Männer ersetzen die gebärende Frau, einer fällt in Dauerohnmachten, einer hält sich an der Flasche fest, einer hämmert ins Klavier … Dies die Temperatur von Dušan David Pařízeks Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater.

Für die der Regisseur einmal mehr seine zuletzt am Volkstheater immer wieder eingesetzten, geliebten Overheadprojektoren und seine Schminktische mitgebracht hat, von beiden jeweils zwei Stück, wobei erstere diesmal als Rampenscheinwerfer dienen. So viel zum szenischen Teil des Abends. Zwingender als Pařízeks Arbeit ist jedenfalls die von Ewald Palmetshofer. Von ihm nämlich stammt der Text, eine Gerhart-Hauptmann-Überschreibung im Auftrag des Theaters Basel, nun ist in Wien zu sehen, wie brillant das geworden ist.

1889 hat Hauptmann sein Werk verfasst. Darin besucht der Volkswirt Alfred Loth seinen alten Studienfreund Thomas Hoffmann auf dem Lande, wo der in eine ortsansässige Bauernfamilie eingeheiratet hat. Der linke Intellektuelle trifft auf einen konservativ Gewordenen und ist entsetzt, auch über den allüberall herrschenden Alkoholismus, ist er selbst doch strikter Abstinenzler. Zwar gibt es ein Liebesintermezzo mit der jüngeren Tochter des Hauses, Helene, doch wird Alfred sie wieder verlassen – eben, weil ihm in der Familie zu viel gesoffen wird.

Palmetshofers Fassung deutet die Differenzen nur an. Die gesellschaftlichen Grenzen sind bei ihm verwischter, die Figuren wirken verlorener, taumelnd. Ihre Sprachlosigkeit ist in Halbsätzen, in abgebrochenen Sätzen festgehalten; sie mäandern durch das, was sie sagen wollen, und gerade weil sie so im Unkonkreten bleiben, ist diese Familienaufstellung sehr prägnant. Die Krauses sind natürlich längst keine Bauern mehr, sondern Unternehmer, Alfred ein Journalist bei einem linken Wochenblatt, dem man zunächst unterstellt, einen Aufdeckerartikel schreiben zu wollen.

Doch dahinter lauert die Familienkrankheit …: Michael Abendroth (Egon Krause) und Dörte Lyssewski. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… alle leiden an Depressionen und an Alkoholismus: Markus Meyer und Stefanie Dvorak (Martha). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Maertens ist großartig als unsicherer, sensibler Eindringling, denn eigentlich bereitet sich die Familie auf die Geburt von Tochter Marthas erstem Kind vor, wie er vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen tritt, und trotzdem seine Standpunkte durchsetzt, das ist Maertens vom Feinsten. Markus Meyer als Thomas Hoffmann ist ihm ein entsprechend starker Widerpart, nicht wirklich unsympathisch, aber auch keine Figur, der die Herzen zufliegen. So distanziert, wie er sich zum Geschehen verhält ist klar, ihm ist nur am Firmengeld und am Chefsessel gelegen.

Palmetshofer geht dem bei Hauptmann festgeschriebenen Alkoholismus auf den Grund, er verortet ihn in einer Familienkrankheit. Jeder scheint hier an einer bipolaren Störung zu leiden, vor allem die Töchter des Hauses sind manisch-depressiv, doch erfährt man das nur allmählich und mehr zwischen den Zeilen: dass Martha (Stefanie Dvorak überintensiv) ihr – schließlich ohnedies tot geborenes – Kind deshalb nicht wird lieben können, und dass ihre Schwester Helene offenbar Job und Wohnung verloren hat. Marie-Luise Stockinger gestaltet sie als eine, die sich bemüht, gute Miene zum bösen Lebensspiel zu machen. Fabian Krüger gibt den Hausarzt Dr. Schimmelpfennig als einen, der Helene liebt, aber um ihre Probleme weiß.

Der Arzt bleibt unglücklicher Beobachter: Fabian Krüger (Dr. Peter Schimmelpfennig). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Vater und Stiefmutter glänzen der vom Volkstheater ausgeborgte Michael Abendroth und Dörte Lyssewski, sie als überdrehte Übermutter, er als bärbeißiger guter Kerl, geben die beiden der Aufführung die Prise Humor, die sie braucht. Während der Alkohol in Strömen fließt … Der Schluss ist bei Palmetshofer je nach Sichtweise happy. Alfred, nun über Helenes Zustand, ihre „dunkle Seite“ informiert, bleibt dennoch – doch wie soll das enden?

Im Kern ist Pařízek weder zu Palmetshofer noch zu Hauptmann viel eingefallen, und, was die Schauspieler nicht selber aus den Charakteren rauszuholen vermögen, verflacht. Mehr Regieideen als die Gimmicks von gestern hätten dem Abend gutgetan. Und ein Esstisch.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2017

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013

Ewald Palmetshofer am Akademietheater

Februar 8, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

die unverheiratete

Ewald Palmetshofer Bild: Burgtheater

Ewald Palmetshofer
Bild: Burgtheater

Obwohl Autor Ewald Palmetshofer mit seiner ersten Arbeit am Akademietheater mässig Fortune hatte www.mottingers-meinung.at/palmetshofer-erstmals-an-der-burg/ , was nicht am Stück, sondern an dessen szenischer Umsetzung lag, versucht er es wieder. Mit „die unverheiratete“ am 14. 12. April 1945. Eine junge Frau ist sehr aufgebracht. Man holt eine Militärstreife. 70 Jahre später. Die junge Frau ist jetzt eine alte Frau. Ihre Tochter findet sie in der Küche auf dem Boden. Sie ist gestürzt. Sie ist sehr aufgebracht. Man holt einen Rettungswagen.

„von seinem Sohn erzählt er dem Gericht erzählt erzählt dass er gelacht fernmündlich auf ein Wiedersehn am Schluss gefreut gelacht zeigt mit der Hand das Foto hält er fest zur Faust geballt zeigt auf die Frau bricht ab steht auf ein Raunen Rufen Stimmen.“Und im Krankenhaus tagen die Ärztinnen und die Schwestern, und vor 70 Jahren tagte ein militärisches Standgericht und ein Jahr später ein Volksgericht. Und eine junge Frau wird abgeführt. „Nicht unhübsch“, schreiben die Zeitungen, „aber reuelos“. Und während die Tochter zum Grab des Vaters Blumen bringt, sammelt die junge Enkelin die Männer wie Schmetterlinge oder Briefmarken, sammelt der Staatsanwalt Aussage um Aussage, versammelt sich das Volk, um Gericht zu sitzen, liest man Äpfel auf vom Boden auf dem Feld und verliest der Richter sein Urteil. Und eine Tochter trauert um den Vater und ein fremder Vater um den Sohn.„wer ‚A‘ sagt muss auch ‚B‘ der muss auch ‚B‘ muss der so war das immer schon“

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gefängnis und Gericht, Küche, Bett und Krankenhaus untersucht Ewald Palmetshofers Generationendrama mit einer hochartifiziellen und rhythmischen Sprache das Leben dreier Frauen. Es ist ein polymorphes Erinnern, eine Verhandlung, eine Rechtsprechung und erzählt von der ausweglosen Verstrickung dreier Generationen in einem Netz aus Schuld und Liebe. So Regisseur Robert Borgmann zur Vision seiner künstlerischen Arbeit.

Es spielen Stefanie Reinsberger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé.
www.burgtheater.at
Wien, 9. 12. 2014