Naturhistorisches Museum Wien: Krieg

Oktober 23, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zur Schau ein persönliches Friedensbild posten

Ausstellungsansicht „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 versucht das Naturhistorische Museum Wien ab 24. Oktober in der Sonderausstellung „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“ das Phänomen anhand historischer Belege greifbar zu machen: Lernt der Mensch aus seiner Geschichte?, Was ist Aggression?, Seit wann gibt es Krieg?, und Ist Krieg unausweichlich, weil menschlich? sind unter

anderem Fragen, die in der Schau beleuchtet werden. Die Erforschung des Kriegs hat in den vergangenen 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht: Schlachtfelder und Befestigungen wurden ausgegraben, Massengräber geborgen, unzählige Skelette mit Verletzungsspuren untersucht, Waffen sowie bildhafte Darstellungen und historische Texte analysiert. Archäologische und anthropologische Forschungen lieferten wichtige Erkenntnisse über Kriegsführung und die Folgen der Kriege von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Neuzeit.

Die Entwicklung vom Werkzeug zur Waffe, vom Zweikampf zum Massenmord, vom mythischen Helden zum namenlosen Soldaten, der als Kanonenfutter dient, ist zentrales Thema der Ausstellung. Das Massengrab von Lützen ist im Rahmen der Schau erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen und eines der Highlights – zum einen, weil es als anschauliche Metapher den Krieg der Neuzeit repräsentiert und gleichzeitig einen Brückenschlag, zurück zu den Anfängen des Krieges, ermöglicht: Sechs Stunden lang dauerte die Schlacht von Lützen, bei der sich 1632 in den Feldern rund um den kleinen Ort zwischen Leipzig und Naumburg mehr als 6.000 Männer niedermetzelten – einer der größten, verlustreichsten und blutigsten Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges. 2011 hievten Forscherinnen und Forscher einen 55 Tonnen schweren Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche, befestigt an einem Gerüst aus Holz und Stahl, aus dem Boden – die Grabstätte von 47 Soldaten, die in der Schlacht ihr Leben ließen. Ein Mahnmal des Krieges, das mit modernsten Techniken untersucht wurde und Einzelschicksale, sowie Todesursachen so detailliert wie möglich rekonstruierte.

Die Ausstellung ist eine archäologische Spurensuche: „Die eindrucksvollen Befunde aus Halle an der Saale werden durch österreichische Skelette von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter ergänzt, die Spuren von Gewalt belegen,“ erläutert Karin Wiltschke-Schrotta von der Anthropologischen Abteilung des NHM Wien die Schau bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag. Die ausgewählten menschlichen Knochen zeigen die unterschiedlichsten, tödlichen Verletzungen, die durch neolithische Beile, römerzeitliche Geschossboltzen, hunnische dreiflügelige Pfeilspitzen sowie Hiebe mit einem mittelalterlichen Schwert verursacht wurden. „Die Dummheit der Menschen“, meint Anton Kern von der Prähistorischen Abteilung, „scheint grenzenlos. Belegen lässt sich das aufgrund ihres Bestrebens nach immer ‚besseren‘ Waffen – und das schon seit der Steinzeit.“

Die Anthropologin Nicole Nicklisch untersucht die Skelette aus dem Massengrab der Schlacht von Lützen 1632. © LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Juraj Lipták

Massengrab von Lützen. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

 

 

 

 

 

 

 

Mit 7.000 Jahre alten Waffen und menschlichen Schädeln mit Spuren von Gewalteinwirkung liefert die Ausstellung die ältesten, bislang bekannten Nachweise eines Massakers aus Schletz, Niederösterreich. Goldene Lockenringe zeugen als Fund im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern davon, dass es bereits in der Bronzezeit Anführer, sogenannte Eliten, am Schlachtfeld gab. Aus den Knochen jener Soldaten, die 1809 im napoleonischen Krieg auf den Schlachtfeldern von Asparn und Deutsch Wagram getötet wurden, lässt sich mit forensisch-anthropologischen Methoden viel über das Schicksal einzelner, an der Schlacht beteiligter Menschen ablesen.

Ausstellungsansicht „Krieg im Ersten Weltkrieg“ in der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien im Narrenturm. Bild: © NHM Wien, Alice Schuhmacher

Wie nachhaltig und zerstörerisch sich Krieg auf Überlebende auswirken kann, zeigen Prothesen, die verstümmelten Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg das Leben erleichtern sollten und heute Bestandteil der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm sind. Sie fungieren als Überleitung zum zweiten Teil der Ausstellung: Im Narrenturm wird die Sonderausstellung mit dem Thema „Medizin im Ersten Weltkrieg“ erweitert.

In drei renovierten Räumen dokumentieren Objekte der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien die typischen Verletzungen des ersten Weltkrieges, das Können von Lorenz Böhler mit dem Beginn der Unfallchirurgie und die rekonstruierenden Maßnahmen dieser Zeit. Wer möchte, kann auf Instagram unter dem Hashtag #NHMLoveNotWar eine Fotografie mit seiner persönlichen Friedensbotschaft posten. Die schönsten Bilder werden monatlich ausgewählt und in der Friedenswerkstatt in Saal 50 ausgestellt. Die 20 besten Fotos davon werden außerdem in einem Friedens-Buch gesammelt, das am Ende der Ausstellung dem Bundespräsidenten überreicht wird. Und zu gewinnen gibt es auch einiges …

www.nhm-wien.ac.at

23. 10. 2018