„Evita“ kehrt nach Wien zurück: Premiere im Ronacher

Dezember 2, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Borchert und Drew Sarich als Perón und Che

EV_DINA4_Solo_300dpiAndrew Lloyd Webbers und Tim Rices Welterfolg „Evita“ wird wieder in Wien zu sehen sein: Am 9. März ist Premiere im Ronacher. Damit kehrt das berühmte Musical nach 35 Jahren erstmals wieder in der Fassung von Michael Kunze an den Ort zurück, an dem die deutschsprachige Erstaufführung stattfand. Am Mittwoch präsentierte Vereinigte-Bühnen-Intendant Christian Struppeck die Pläne für die Produktion: „Ich bin außerordentlich stolz, den berühmten Hollywood-Regisseur Vincent Patterson für die Regie und Choreographie unserer neuen Fassung gewonnen zu haben, der schon die preisgekrönte Verfilmung mit Weltstar Madonna in der Titelrolle choreographiert hatte. Und natürlich freut es mich ebenso, dass wir mit unseren Stars Katharine Mehrling, Drew Sarich und Thomas Borchert eine hochkarätige Besetzung gewinnen konnten.“

Patterson war bei der Präsentation des Casts nicht anwesend, bekam von Evita-Darstellerin Katharine Mehrling allerdings seltsame Blumen gestreut: „Wenn er mit einer Person spricht, dann kriecht er fast in sie hinein.“ Die deutsche Schauspielerin und Sängerin hat mit dem Musical ihre persönliche Wien-Premiere, die anspruchsvolle Titelrolle aber schon gesungen. „Man muss diese Figur verstehen, um sie lieben zu können“, unterstrich sie ihren Bezug zur argentinischen Diktatorengattin und Ikone. Ihr sei lieber, wenn ein Charakter nicht platt, sondern mehrdimensional und durchaus kritisch zu betrachten sei. Und bei Evita gehe es genau um diese Janusköpfigkeit zwischen Heiligenschein und Grausamkeit. Mehrling zur Seite stehen zwei hiesige Publikumslieblinge: Thomas Borchert als Präsident Juan Perón – derzeit ist er als Vater Leopold in „Mozart!“ zu sehen – und Wahl-Wiener Drew Sarich als Frauenheld und Revolutionär Che. „Che ist eine herrliche Rolle“, schwärmt er. „Nicht nur, weil er der einzige ist, der mit dem Publikum spricht und es auf seine Seite zieht. Er ist charismatisch, charmant und sexy. Er und Evita sind wie zwei wilde Tiere, darauf aus, sich gegenseitig zu zerfleischen. Was will man von einer Rolle mehr?“

Bei diesem Cast denkt Christian Struppeck bereits jetzt laut über eine Verlängerung nach: Sie sei möglich, wenn die Auslastungszahlen stimmen.

www.musicalvienna.at

Wien, 2. 12. 2015

Ateliertheater: Evita Perón

Oktober 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lucy McEvil und Hubsi Kramar in Copis Groteske

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak Bild: Ateliertheater

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak
Bild: Ateliertheater

Dass man hier auf „Don’t Cry for Me Argentina“ vergeblich warten wird, ist schon mit dem ersten Satz klar. Der lautet nämlich: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Ja, Santa Evita ist in Copis bitterböser Satire über das mächtigste Ehepaar Argentiniens alles andere als heilig. Sie ist eine Bissgurn, berechnend, grausam, egoistisch. Aber schön, dargestellt von Lucy McEvil mit langem blondem Haar und langen hinreißenden Beinen. La commandanta im „Führerbunker“, in dem sie sich mit ein paar unfreiwillig Freiwilligen verschanzt hat, um ihren Krebstod abzuwarten – und die rechte Stimmung im Volk, die sie via Radio verfolgt, um dann in einem grandiosen Begräbnis einen letzten großen Auftritt zu haben. „Ich werde einen schönen Tod gehabt haben“, sagt sie. Doch die Straßen draußen sind leer: „So ist es immer, wenn sie sich fürchten“, stellt die Diktatorin lakonisch fest. Und trauert um den verpassten Moment, auf dem Balkon ihre letzten Worte gesprochen (nicht gesungen, das ist einer der vielen Brüller in dieser Show) zu haben. Als sie dann doch ein Liedchen anstimmt und Perón sofort abwachelt, heischt sie ihn an: „Du bist nur eifersüchtig, weil du nicht singen kannst.“ Regisseur Hubsi Kramar gibt den Präsidenten höchstpersönlich. Ein alter Trottel mit Riesenstaatsorden auf der Schärpe, ein Halbsätze sabbernder Zombie, hin- und hergerissen zwischen Migräne und Verstopfung.

Copi schrieb sein Stück 1971 im Exil in Paris. Es ist eine Abrechnung mit dem Peronismus * und dem Bild der Ikone Evita. Kramar macht mit seiner Inszenierung mit dem 3raum unterwegs diesmal im Ateliertheater Reloaded Station. Ein Stück Pulp Fiction, beste Schundliteratur auf der nach oben offenen politischen Entlarvungsskala, hat er aus Copi gemacht. Aus Verspottung wird Verhöhnung, das Extrem bis zum Exzess entstellt, die Darstellung ist ein Zerrbild, eine Fratze. Believe the Unbelievable! Das Bühnenbild: eine exquisite Altkleidersammlung rund um eine Chaiselongue. Evita, die Giftspritze, die den Inhalt ihrer Morphiuminjektion heimlich mit Wasser tauscht, braucht für ihre beinharten Psychospielchen mit ihrer Mutter schließlich ein Ruhekissen. Die „alte Schabracke“, die Schreckschraube, wartet nämlich dringlichst auf den Sensenmann. Die Tochter hat Safes in der Schweiz. Die Mutter braucht die Nummern, um ihr Luxusleben an der Côte d’Azur weiterleben zu können. Den Krebs ihrer Tochter, dieser Schlampe, hält sie nur für ein weiteres politisches Druckmittel. Und so unrecht hat sie damit nicht. Man bespitzelt sich also gegenseitig. Lilly Prohaska legt die Mutter zwischen ängstlich und aufbegehrend an. Herrlich, wie sie den ungefähr doppelt so großen Hubsi Kramar wie eine Schlange umwindet, um an ihr Ziel zu kommen. Geld! Dass in dieser lieben Familie gewürgt und geprügelt wird, wen wundert’s.

Und dann sind da noch Ibiza, der Adjutant, der Lover (?), Bernhard Mrak, ein stattliches Mannsbild in Uniform. Der einzig geistig Stabile. So unterworfen wie undurchsichtig. Und Evitas Krankenschwester, das Synonym fürs devote, sich jede Narretei gefallen lassende Volk. Julia Karnel in Schreckstarre ob Evitas Übermacht. Eine Schreckstarre, die sich in eine Leichenstarre wandeln wird. Denn – Achtung: Spoileralarm – die Krankenschwester wird fest in eiserne Ränke eingeschmiedet. Wird für einen „Ball“ mit Abendkleid und Perücke fein gemacht und um die Ecke gebracht. Evita kann nun dem ihr unerträglich gewordenen Argentien Adieu sagen. Mit Schmuckschatulle, Safekombination und Ibiza. Und über alles andere fällt der Totenschleier des Vergessens.

Nur noch zu sehen bis 25. Oktober! Karten sichern!

* Der Peronismus bezeichnet eine politische und gesellschaftliche Bewegung in Argentinien, die seit den 1940er Jahren besteht. Benannt ist sie nach ihrem Anführer Juan Perón, der 1946 erstmals die Regierung übernahm. Der Peronismus stellt sich als vielgestaltige populistische Bewegung dar, die sich im Verlauf ihrer Geschichte ideologisch, organisatorisch und personell wesentlich veränderte. Sie integrierte eine Vielzahl politischer Ziele (etwa auch die Unterstützung auf der Flucht befindlicher Nazis) und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war.  Bis heute ist der Peronismus die prägende politische Kraft Argentiniens. Organisiert ist die peronistische Bewegung durch die „Gerechtigkeitspartei“ und die angeschlossenen Gewerkschaften, die unter dem Dachverband „Confederación General del Trabajo de la República Argentina“ (CGT) zu Zeiten Peróns gleichgeschaltet wurden. Die Gefolgschaft Peróns setzte sich anfangs aus Arbeitern und Gewerkschaftsführern sowie später verschiedenen konservativen, nationalistischen und katholischen Gruppen zusammen. Immer wieder gab es Kämpfe zwischen rechten und linken Peronisten. Perón wurde zwei Mal zum Präsidenten gewählt. Er regierte von 1946 bis 1955 und von 1973 bis zu seim Tod 1974. Sein autoritärer Führungsstil und sein demagogischer Populismus zum Militär wurde von seinen Gegnern stets angeprangert. Nach seinem Tod übernahm seine dritte Frau Isabel Martínez de Perón, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, nahtlos die Macht. 1976 wurde ihre Regierung durch einen Militärputsch Jorge Rafael Videlas  – ein noch gewaltigerer Menschenschlächter als die Peróns – gestürzt. Perón und Evita (gestorben 1952) genießen bis heute eine große Popularität in Argentinien.

www.mottingers-meinung.at/lucy-mcevil-im-gespraech

http://3raum.or.at/

www.ateliertheater.net

Wien, 20. 10. 2014

Lucy McEvil im Gespräch

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar macht seine Femme fatale zu „Evita“

Lucy McEvil als Evita Bild: Mario Lang

Lucy McEvil als Evita
Bild: Mario Lang

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frauen des Landes, eine der besten Charakterdarstellerinnen, eine begnadete Diseuse, DJane … sie ist einfach bezaubernd. La Diva. Lucy McEvil. Nun hat Hubsi Kramar, der Godfather der heimischen Off-Szene, die Grande Dame wieder zu einem gemeinsamen Projekt überredet. Und, wie es sich für eine Femme fatale gehört, auch die passendste Rolle für sie ausgesucht: „Evita“. Allerdings ohne Andrew Lloyd Webber. Premiere hat die Produktion des 3raum on tour am 15. Oktober im Ateliertheater. Mit Lucy McEvil spielen Lilly Prohaska, Bernhard Mrak und Julia Karnel. Den Perón gibt Regisseur Hubsi Kramar selbst.

Ein Gespräch mit Lucy McEvil über die Unheiligkeit von Argentiniens großer „Heiliger“.

MM: Ihre „Evita“ wird nicht Andrew Lloyd Webber, sondern?

Lucy McEvil: Ein Stück von Copi, das ist der Künstlername des argentinischen Comiczeichners Raúl Damonte Botana, eine bitterböse Satire über die letzten Tage von Evita im Führerbunker. Draußen sind schon die trauernden Massen und sie ist mit ihrem völlig dementen Mann Perón – so wird er von Hubsi angelegt -, einer zwielichtigen Figur, die anscheinend ihr Liebhaber, aber auch Minister ist, einer Krankenschwester und ihrer Mutter eingekesselt. Mein erster Satz, mein Auftritt, beginnt mit: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Und von da an geht’s eineinhalb Stunden bergab. Sie tyrannisiert alle bis aufs Blut. Copi hat hier mit dem Perónismus abgerechnet, mit seiner Diktatur, mit dem Kult um die Ikone Evita; er und ich sehen sie berechnend, grausam, egoistisch, skrupellos. Ich habe mich da auch eingelesen, recherchiert. Maria Eva Duarte war ja ein ziemliches Früchtchen, ist zeitweise sogar auf den Strich gegangen, und ging so nach Buenos Aires, um es an die Spitze zu schaffen. Dass es gleich die Staatsspitze war, na ja gut … Sie hat alle umbringen lassen, die das Vorleben von Santa Evita kannten. Bei Copi jedenfalls bringt sie am Ende die Krankenschwester um, richtet sie als Evita her und lässt sie einbalsamieren. Ihr Krebs war nur ein Fake, sie geht mit ihren Millionen in die Schweiz, um ein neues Leben anzufangen.

MM: Irre!

McEvil: Nicht irre genug. Es gab tatsächlich zwei Tourneen mit dem einbalsamierten Leichnam, die tote Evita reiste durch Argentinien. Bei der zweiten soll ihr Körper verschwunden, geklaut worden sein. Die Sache ist bis heute nicht geklärt. Keine Ahnung, ob und wer in ihrem Grab liegt.

MM: Wie seid ihr auf Copi gekommen?

McEvil: Hubsi hat ihn schon in den 60er-Jahren kennengelernt. Er war eine total schillernde Figur, ein Nachtvogel. War nach Paris emigriert, um dort als Schriftsteller, Dramatiker und Zeichner zu arbeiten. Er hat für Le Nouvel Observateur oder Libération gearbeitet, hat aber auch sehr viele Theaterstücke geschrieben. Nur hat seine Witwe nur dieses eine zur Aufführung freigegeben. Das Stück ist ein Todesstakkato. Ohne Musik! Wenn man Sinn für schwarzen Humor hat, kann man sich bestens unterhalten.

MM: Von Diva zu Diva: Haben Sie Ähnlichkeiten zu Evita entdeckt?

McEvil: Ja, meine Besetzung macht ja Sinn. Wenn Faye Dunaway in „Mommie Dearest“ Joan Crawford spielt macht das Sinn. Katja Riemann als Marlene Dietrich macht keinen. Das heißt: Die eigene Künstlichkeit, die Attitüde, die „Abgehobenheit“ muss mit der Rolle zusammenstimmen, sonst passt’s nicht. Evita ist larger than life. So wie ich. Sie hat sich auch äußerlich einer völlig Verwandlung, einer Maskerade, unterworfen, sich inszeniert, um Frau Perón zu sein. Auch da treffen wir einander. Ich sehe auch um sieben Uhr Früh in der Küche nicht aus, wie jetzt. Charakterliche Parallelen gibt es nicht. Kurosawa sagte, man spielt am besten, was man hasst oder liebt. Und ich liebe Evita nicht. Sie ist mir als Diktatorengattin absolut verhasst – deswegen kann ich sie auch gut darstellen. Auf der Bühne böse sein, macht wahnsinnig Spaß. Privat bin ich ja eine ganz Liebe. Dass ich die zierliche, liebenswerte Lilly Prohaska, die Evitas Mutter spielt, würgen muss, halte ich fast nicht aus. Ich mag Spitzzüngigkeit, aber keine bitteren Menschen.

MM: Sie sind Autodidaktin?

McEvil: Mit dem Begriff ist es so eine Sache. Ich habe nie an einer Schauspielschule „Romeo, warum bist du Romeo?“ vorgesprochen, aber ich habe im Zuge meiner Karriere bei ein paar ganz Großen gelernt, habe mir in der Praxis mein schauspielerisches Instrumentarium erarbeitet. Man geht nicht von Null auf Hundert. Mein Weg war halt learning by doing. Außerdem bin ich sehr fleißig, knie mich sehr rein, wenn ich etwas erreichen will. Ich hatte ein einziges Mal eine Audition. Frage nicht! Ich sage nur: Ich war ein Hingucker. Ich BIN ein Hingucker.

MM: Erfahrungen mit der Besetzungscouch?

McEvil: Ich kriege Rollen nur, wenn ich nicht mit dem Produzenten schlafe. Ich habe die Zersetzungscouch.

MM: Bei dem Sexappeal?

McEvil: Danke erstmal. Ich arbeite auch hart daran. Ich wollte immer Sexappeal haben, keine Karikatur sein. Ich arbeite mit allen Mitteln, wie ich’s aber genau mache, könnte ich gar nicht sagen. Ich bin, was das betrifft, offenbar ein Naturtalent. In den 80er-Jahren ist es am Theater für Frauen unmodern geworden, mit Sexappeal zu spielen. Und dieser Tendenz musste ich unbedingt etwas entgegenhalten. Dieser Naturalismus hat sich bis heute gehalten, deshalb ist die Rolle der Femme fatale auch schwer zu besetzen. Ich kenne Kolleginnen, die bis 40 Mädchenrollen spielen und dann nahtlos ins Omafach wechseln. Die reife, erotisch gefährliche Frau ist fast nicht zu finden. Deswegen habe ich auch so gerne die Mrs. Cheveley in Oscar Wildes „Der ideale Gatte“ gespielt.

MM: Lassen Sie uns auf sieben Uhr Früh in der Küche zurückkommen. Sie haben ein paar geheime Leidenschaften, die gar nicht zum Image passen. Und damit meine ich nicht den Gin Tonic.

McEvil: Was für die Queen Mum gut war, kann auch für diese Queen nur bestens sein. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen: Meine häuslichen Qualitäten, die ich in meiner Villa Valium auslebe. Ich habe eine Vorratshaltung wie eine Nachkriegshausfrau. Mein Keller ist voll mit Senf, Gemüse, Likör, Marmelade. Ich koche auch irrsinnig gern, das ist der Ausgleich zu meinem doch mitunter sehr hysterischem Berufsleben. Ich stricke auf der Probe und beim Drehen, wenn ich nicht dran bin. Da bin ich mit dem Hirn beim Text und die Hände arbeiten selbstständig. Ich habe mir bei den Oscar-Wilde-Proben ein ganzes Kleid gestrickt. Es ist eine Fehlannahme, dass Gestricktes bachen ausschauen muss.

MM: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für ihr Berufsleben. Was wäre das? Fernsehkommissarin?

McEvil: Darüber denke ich nicht nach. Ich habe das Glück, dass mir immer Sachen passieren. Ich kümmere mich nie aktiv um etwas. Ich will nichts unbedingt spielen, sollen doch die anderen sagen, worin sie mich sehen wollen. Ich will nur, dass das, was ich mache, nachhaltig ist. Und nicht völlig verpufft.

http://3raum.or.at/

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Wien, 3. 10. 2014