Diagonale: Georg Friedrich erhält den Schauspielpreis

März 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Holzhausen

Georg Friedrich Bild: Filmladen

Georg Friedrich
Bild: Filmladen

Am 18. März startet die diesjährige Diagonale. Unzählige Filme sind wieder im Wettbewerb, es gab an die 500 Einreichungen, ein Sieger steht aber schon fest: Georg Friedrich erhält den Großen Diagonale-Schauspielpreis 2014. „Je extremer eine Figur ist, desto lieber spiele ich sie“, hat Georg Friedrich einmal in einem Interview erklärt. In den Rollen der kleinen Ganoven und der großen Strizzis, der Sprücheklopfer und der Proleten hat Friedrich mit seinem unverkennbaren Typ zahlreiche österreichische Filme geprägt. Ihn darauf zu reduzieren wäre allerdings zu kurz gegriffen. Mit einer ganzen Reihe einprägsamer, facettenreicher Figuren hat sich Georg Friedrich auch international einen Namen gemacht, er zählt heute zu den fixen Größen des europäischen Kinos. Friedrich, 1966 in Wien geboren, spielte für Michael Haneke in Der siebente Kontinent (1989), 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994), Die Klavierspielerin (2001) und Wolfzeit (2003). In den Filmen von Barbara Albert stellte er an der Seite von Nina Proll den leicht reizbaren Freund in Nordrand (1999), den gefühlsarmen Vater und Multiplex-Kinomanager in Böse Zellen (2003) und einen Bräutigam in Fallen (2006) dar. Mit Ulrich Seidl arbeitete er in Hundstage (2001) und Import Export (2007) zusammen, während er für Michael Glawogger den Strizzi in Nacktschnecken (2004) und den Kleinkriminellen in Contact High (2009) mimte.Unverwechselbar ist auch sein Spiel in Karl Markovics’ Atmen (2011). Immer wieder macht Friedrich auch Theater, vor allem mit seinem großen Lehrmeister Frank Castorf („Der Spieler“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“). Im diesjährigen Festivalbeitrag von Benjamin Heisenberg, Über-Ich und Du (2014), wird Georg Friedrich wieder auf der Leinwand zu sehen sein.

Der Diagonale-Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen. Das große Museum ist ein neugieriger, verschmitzt-humorvoller Blick hinter die Kulissen einer weltberühmten Kulturinstitution. Mehr als zwei Jahre hat sich Johannes Holzhausen im Kunsthistorischen Museum in Wien mit seinem Filmteam umgesehen. In aufmerksamem Direct-Cinema-Stil – ohne Offkommentar, Interviews oder Begleitmusik – beobachtet der Film die vielgestaltigen Arbeitsprozesse, die daran mitwirken, der Kunst ihren rechten Rahmen zu geben. Ein Panoramaschwenk über das touristische Herz von Wien. Herrschaftlich thront hier nebst Hofburg und Heldenplatz das Kunsthistorische Museum, dessen Innenräume der äußerlichen Monumentalität um nichts nachstehen. Tatsächlich werden die Dimension und die Symbiose von Sammlung und Gebäude erst in Johannes Holzhausens ausgedehnten Plansequenzen erfahrbar. Hinter jeder Ecke, so scheint es, ein neuer Arbeitsbereich: Forschung, Restauration, Finanz, Leitung, Archivierung … Allein der Lastenlift böte Platz für überschaubaren Galeriebetrieb. Holzhausen gewährt Einblick in das Flaggschiff der österreichischen Kunstvermittlung. Im Stil des Direct Cinema durchmisst er jene Räume, in denen Kunst und Kunstschätze sowohl adäquat gepflegt und restauriert als auch zeitgemäß präsentiert werden. Ganz ohne Interviews, Offkommentar oder Offmusik entwickelt Das große Museum seine Dynamik direkt aus der Institution und deren charismatischen Protagonist/innen heraus: der Chefetage, die zwischen Anspruch und Machbarkeit um budgetäre Balance und Konkurrenzfähigkeit bemüht ist, den Putzkräften, die inmitten der atemraubenden Stille eigenwillig verloren wirken, den Restaurator/innen, die sich vermittels beinahe kriminalistischer Deduktion den Entstehungsgeschichten einzelner Gemälde annähern … Mehr als zwei Jahre hat Holzhausen die Renovierungsarbeiten im Kunsthistorischen Museum, gipfelnd in der Eröffnung der Kunstkammer, begleitet und diesen übergreifenden Erzählbogen mit ungemein spannenden Mikrodramen unterfüttert. So ist ein lustvolles, dramaturgisch subtiles Porträt eines Gebäudes entstanden, das mit seinem einzigartigen Spagat zwischen zeitloser Vermittlung und Habsburg-Erinnerung bis weit über die Grenzen Wiens hinausstrahlt. „Ich weiß noch, wie ich mit 16 von Salzburg nach München gefahren bin und meine erste große Kunstausstellung gesehen habe. Es war für mich unfassbar, dass sich mir in einem Gemälde plötzlich eine andere Wahrnehmung der Welt zeigt“, sagt Johannes Holzhausen. „Das habe ich dann auch im Kino wiedergefunden, diese Erfahrung, wenn man den Saal verlässt und merkt, etwas hat sich verändert.
 In dieser Hinsicht gehören für mich bildende Kunst und Kino zusammen. Und ich fände es toll, wenn Das große Museum etwas von dieser Begeisterung mitteilt“.

Historisches Spezialprogramm: Peter Lorre. Die von Synema in bewährter Kooperation zusammengestellte historische Reihe FilmExil erinnert an Filmschaffende mit österreichischen Wurzeln, die unter dem nationalsozialistischen Regime vertrieben wurden. Den 50. Todestag des unvergesslichen Schauspielers, Drehbuchautors und Regisseurs Peter Lorre (geb. 1904 im mährisch-slowakischen Rózsahegy/Ružomberok, gest. 1964 in Los Angeles) zum Anlass nehmend, gibt das Programm einen Einblick in Lorres vielfältiges Filmschaffen – von seinen Anfängen in Berlin über seine großen Erfolge in Hollywood bis zu seiner missglückten Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland. Peter Lorres künstlerischer Biografie ist die Erfahrung von Exil und Fremdheit deutlich eingeschrieben. Im Wien der 1920er-Jahre begann er Stegreiftheater zu spielen. Über die Bühnen Breslaus und Zürichs verschlug es ihn nach Berlin, wo er zu Bertolt Brechts Lieblingsschauspieler avancierte. Seine abgründige Komik, sein eindringlicher Blick und seine unverwechselbare Stimme wurden zu seinen Markenzeichen und machten ihn zum Star der Theater- und Kinowelt der Weimarer Republik. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1931 mit der fesselnden Darstellung des Kindermörders in Fritz Langs Gesellschaftsstudie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, einem der ersten deutschen Tonfilme überhaupt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ging Lorre ins Exil – zuerst nach London, wo er unter der Regie von Alfred Hitchcock spielte, schließlich nach Hollywood. Dort trat er häufig in Komödien, Gangster- und Antinazifilmen auf. Exemplarisch aus dieser Zeit präsentiert die Diagonale Robert Floreys Meisterwerk The Face Behind the Mask (1941), das wie kein anderer Film die Melancholie und Verlorenheit des Emigranten Peter Lorre in eine fiktive Geschichte transferiert. Dazu Frank Capras Gruselkomödie Arsenic and Old Lace mit Cary Grant, in der Lorre in der Rolle des zwielichtigen Gesichtsoperateurs Dr. Einstein sein Unwesen treibt. 1949 kehrte Lorre in ein Deutschland zurück, das größtenteils mit dem Verdrängen und Vergessen beschäftigt war. Als Regisseur und Hauptdarsteller drehte er den Film Der Verlorene, die Geschichte eines Mörders unter Massenmördern. Sein grandioses Regiedebüt erzählt von Schuld und Sühne – und von unentwirrbaren Verbindungen zwischen Nazi- und Nachkriegszeit. Dem deutschen Publikum missfiel die Konfrontation mit der jüngsten Vergangenheit allerdings. Grund genug für Lorre, seine Karriere in Hollywood fortzusetzen. Folgende Filme werden gezeigt: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, DE 1931), The Face Behind the Mask (Robert Florey, US 1941), Arsenic and Old Lace (Frank Capra, US 1941/44), Der Verlorene (Peter Lorre, DE 1951),  49/95 tausendjahrekino (Kurt Kren, AT 1995).

Weitere Highlights:

Der letzte Tanz von Houchang Allahyari

Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Marion Mitterhammer, Viktor Gernot, Doina Weber und Janina Schauer. Eine Annäherung, die nicht sein darf – ein vermeintlicher Tabubruch, der in staatlich exekutierter Repression mündet. Während Karl im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er zeitgleich im Zivildienst eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin. Geteilt in zwei formal diverse Abschnitte, verdichtet Der letzte Tanz unterschiedliche Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit, bis die Realität an der gesellschaftlichen Ablehnung zerbricht. Ein Frühstück mit der Mutter, eine vorerst letzte Zigarette in Freiheit. Mit dem Ertönen der Türklingel endet für Karl ein Lebensabschnitt und beginnt ein Kapitel der Rechtfertigung für eine vermeintliche Straftat, die Houchang Allahyari zunächst unausgesprochen lässt. Im Schwarz-Weiß des Filmbilds wird der Junge von polizeilicher Repression – möglicherweise von Willkür – erdrückt. „Ich gehör hier nicht her“, fährt es aus ihm heraus, als die schweren Zellentüren hinter ihm ins Schloss fallen. Allahyari konfrontiert seinen Protagonisten mit einem Rechtssystem, in dem der Schuldspruch bereits vor der Verhandlung gesprochen wurde. Ein System, das er auch perspektivisch als übermächtig inszeniert. An diesem Punkt kommt es zum formalen Bruch, geht Der letzte Tanz zurück in die nahe Vergangenheit. Das düstere Schwarz-Weiß weicht der Farbe, Karl ist noch nicht Vorverurteilter, sondern Zivildiener in der geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Auch hier ist der Alltag gesäumt von Hierarchien – von der regimentführenden Oberschwester bis hinab zu den Patient/innen –, doch Karl kann sich mit dieser Hackordnung arrangieren. Während er im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er in der Arbeit eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin (Erni Mangold), die durch seine empathische Fürsorge zu neuer Jugend erwacht. „Die schert sich um gar nichts, die Geier-Wally“, liest ihr Karl aus dem gleichnamigen Roman vor. „Die schert sich um gar nichts, die Mangold“, könnte es angesichts der koketten Unangepasstheit seiner Patientin genauso gut heißen. Um gar nichts außer um ein wenig Zuwendung – und einen jungen Pfleger, der neu ist auf der Station und so anders im Vergleich zu den übrigen „Giftmischern“. In zärtlichen, niemals bloßstellenden Bildern verdichtet Houchang Allahyari verschiedene Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit und erzählt von einer Liebe, die in der Gesellschaft so nicht vorgesehen ist. Und von den Mechanismen, die sich unter dem Deckmantel der Rechtschaffenheit in Gang setzen, sobald ein Tabu die Konvention gesellschaftlicher Norm herauszufordern wagt.

Everyday Rebellion von Arash und Arman T. Riahi

www.mottingers-meinung.at/arash-und-arman-t-riahi-everyday-rebellion/

D.U.D.A! WERNER PIRCHNER feiert seine Weltpremiere im Rahmen der Diagonale

Kreativität, Witz, Ursprünglichkeit, Perfektion – kurz: Die Einzigartigkeit seiner Musik und Person brachten Werner Pirchner früh mit illustren Köpfen der Kunst und Kultur nicht nur Österreichs zusammen. Da hatte es sich in der Republik noch gar nicht herumgesprochen, welcher Ausnahmekünstler da in Tirol am Werke war. Pirchner hat seine Heimat nie verlassen. Ihn deshalb als unterhaltsamen Rebellen mit alpenländisch beschränkter Relevanz zu sehen, würde seiner vielseitigen Persönlichkeit kaum gerecht werden. Jean Luc Godard hat Pirchners Musik in „Nouvelle Vage“ und in seinem filmischen Selbstporträt eingesetzt. Heute, 13 Jahre nach seinem Tod gehen Pirchners Noten um die ganze Welt.
Der Berliner Filmemacher Malte Ludin hatte ihn schon für sich entdeckt, als in den 70er Jahren auch in Deutschland Pirchners früher Geniestreich „ein halbes doppelalbum“ erschienen war. 40 Jahre später begibt sich Ludin auf die Suche. Was hat es auf sich mit dem Phänomen Pirchner, seinem Werk und dem Tirol, dem er 1974 mit Christian Berger den Film „Der Untergang des Alpenlandes“ gewidmet hat? Mit dem unbefangenen Blick von außen heftet sich Ludin auf Werner Pichners Spuren. Ein klassisches „Bio Pic“ war dabei nicht zu erwarten. Die musikalische Reise geht kreuz und quer durch Pirchners Werk und seine zwischen Tradition und Moderne, Naturschönheit und kommerzieller Verunstaltung oszillierende Heimat. Freunde, Fans, Förderer wie André Heller, Josef Hader, Tobias Moretti oder Felix Mitterer erzählen von ihren Begegnungen mit dem Meister, der sie wie kein anderer inspiriert und beflügelt hat. Für Erwin Steinhauer war er der „für seine Menschwerdung wichtigste Tiroler“. Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=DasP1_1rMP0

www.diagonale.at

Wien, 17. 3. 2014

Arash und Arman T. Riahi: Everyday Rebellion

März 7, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Film entwickelt sich zur weltweiten Protestbewegung

Bild: Stadtkino Filmverleih

Bild: Stadtkino Filmverleih

„Everyday Rebellion“, die neue Doku von Arash und Arman T. Riahi, ist schon vor dem Kinostart am 21. März (Vorpremiere: 10. März, 14.30 Uhr, für SchülerInnen in Anwesenheit der Regisseure und AktivistInnen im Gartenbaukino) längst mehr als ein Film. Das Projekt entwickelt sich zum Teil einer internationalen Protestbewegung, wird begleitet von einer mehrfach preisgekrönten Web-Plattform (everydayrebellion.net) und einer mobilen Applikation. „The Art of Change“ ist sein Untertitel – und so soll’s, geht’s nach den Filmemachern, auch werden: Sie sehen ihre Doku als Tool für eine Anleitung, als politisches Instrument zum gewaltfreien Widerstand. In der Türkei wird der Film im Vorfeld der Kommunalwahlen am 30. März in 21 Kinos landesweit zu sehen sein. In Kolumbien tourt er  sechs  Monate durch diverse Kinos. In den Niederlanden zeigt ihn das renommierte Festival „Movies that Matter“ Ende März. Bei der Berlinale gab’s bereits den Cinema for Peace Award in der Kategorie Most Valuable Documentary of the Year 2014. Weitere Preise werden zweifellos folgen.

Der Film von Arash und Arman T. Riahi ist eine vielschichtige, mitreissende Hommage an die Kraft und die Macht, die zivilem Ungehorsam innewohnt. Ein bewegender, die Welt umspannender Überblick über das Engagement der Menschen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen. Auf dem ganzen Erdball gärt es, überall verleihen Menschen ihrem Unmut über die bestehenden fatalen Verflechtungen von Wirtschaft, Politik, Macht und Maßlosigkeit Ausdruck. Was haben jedoch „Occupy“, die spanischen “Indignados” und der „Arabische Frühling“ gemeinsam? Was verbindet die Demokratiebewegung im Iran mit dem Kampf in Syrien? Wo sind die Berührungspunkte zwischen den ukrainischen Oben-Ohne-Aktivistinnen von „Femen“ und den oppositionellen Protesten in Ägypten? Diesen Fragen gehen die Filmemacher nach. Die Gründe für den Protest sind in jedem Land ganz unterschiedlich, aber die kreativen gewaltfreien Taktiken sind einander sehr ähnlich und inspirieren sich gegenseitig auf überraschende, nicht selten höchst humorvolle, von kritischem Witz gekennzeichnete Weise.

Interview mit Arash und Arman T. Riahi

Wie ist euer Bewusstsein für das Phänomen des zivilen Ungehorsams bzw. gewaltfreien Widerstandes erwacht?
Arash T. Riahi: Unser Bewusstsein für die gewaltlosen Widerstandstaktiken ist zu einem Zeitpunkt gewachsen, als wir sahen, dass Bewegungen wie der Arabische Frühling, die spanische 15M– oder auch die amerikanische Occupy-Bewegung sehr ähnliche Strukturen aufwiesen: Sie sind im Großen und Ganzen gewaltlos und sehr horizontal ohne Führerfigur strukturiert. Es war interessant, plötzlich ein Muster zu erkennen. Wir gingen anfangs der Frage nach, wie diese Bewegungen verbunden sind, wie sehr sie einander beeinflussen und inspirieren. Wir haben diese Verbindungen tatsächlich gefunden.
Arman T. Riahi: Aufgrund der Tatsache, dass wir aus einer Familie kommen, die politisch verfolgt worden ist, waren wir mit der Idee des politischen Widerstands sehr vertraut. Unsere Eltern haben uns die Überzeugung mitgegeben, dass man friedlich bleiben muss und man Gewalt nicht mit Gewalt beantworten darf.

Die soeben genannten Bewegungen sind ziemlich jung. Nun liegt ein fertiger Film zum Thema vor. Der Schluss liegt nahe, dass ihr sehr spontan auf Entwicklungen reagiert habt. Wie seid ihr an das Thema filmisch herangegangen?
Arash T. Riahi: Die Idee entstand 2009 im Zuge der Grünen Bewegung, der Protestbewegung im Iran. Damals war weder vom Arabischen Frühling noch von Occupy Wall Street die Rede. Als wir aber dann von der Geschichte überholt wurden, beschlossen wir, auch das Konzept des Films ganz offen zu halten. Und wir machten uns auf die Suche nach einer zeitgemäßen Dramaturgie angesichts der Unvorhersehbarkeit des Themas. Wir haben auch einige Rückschläge erlebt, es war aber extrem lebendig und wir waren hautnah dabei. Wir haben mitdemonstriert, haben mit den AktivistInnen Banklobbys gestürmt, sind mehrmals verhaftet worden, haben ihnen unsere Ton- und Videodateien zugespielt. Wir sind zu Kommilitonen dieser Bewegungen geworden, sonst wären wir den einzelnen Aktivisten nicht so nahe gekommen. Wenn man sagt, dass man die Welt gerne gewaltlos verändern will, dann wird das oft belächelt. Es wird bezweifelt, dass die Tatsache, einem Polizisten eine Blume zu geben oder sich vor einen Panzer zu stellen, etwas bewegen kann. Es ist eine Utopie, von der man meint, dass sie nur in der Theorie existiert. Durch unsere Recherche und Begegnungen mit den verschiedensten AktivistInnen stellten wir nach und nach fest, dass es keine Utopie ist und dass Gewaltlosigkeit viel zielführender ist als gewalttätige Proteste. Es ist keine Hippie-Phantasie, sondern empirisch nachweisbar: Wirklich große Umbrüche – ich denke an Südafrika, an Gandhi, an den Fall der Sowjetunion – sind gewaltfrei passiert. Es war für uns extrem motivierend, zu sehen, dass es funktioniert. So formierte sich der Film immer mehr zu einer Hommage an die kreativen Taktiken des gewaltfreien Widerstands, weil sie funktionieren, moralisch vertretbar sind und die Welt besser machen.
Arman T. Riahi: Entscheidend bleibt für mich die moralische Frage. Ich finde, man sollte nie die Utopie einer gewaltlosen Welt aus den Augen verlieren. Die Tatsache, dass man damit auf Skepsis stößt und möglicherweise auch belächelt wird, ist etwas, womit man leben muss und das man auf sich nehmen kann. Wir sind auch in gewisser Weise als „greenhorns“ ins Projekt gegangen. Wir haben vieles erst mit der Zeit begriffen, wie z.B. was es heißt, als Aktivist täglich seine Freiheit aufs Spiel zu setzen, seine Zeit, seine Freiheit, seine Sicherheit und die seiner Angehörigen zu opfern in einem Kampf für eine bessere Welt. Wir sind daher in die Tiefe gegangen und haben erkannt, dass die Gewaltlosigkeit alle Bewegungen miteinander verbindet. Die Bewegungen weisen auch andere Gemeinsamkeiten auf, Gewaltlosigkeit war ein verbindendes Element.
Arash T. Riahi: Es gibt empirische Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen, dass gewaltlose Methoden mehr Erfolg versprechen und Gewalt nur Gegengewalt generiert. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diese vielleicht nicht so leicht wahrnehmbaren Verbindungen publik zu machen und dem Gedanken des gewaltlosen Veränderns der Welt zu einer breiten Öffentlichkeit zu verhelfen. Es war unser Ziel, die verschiedenen Bewegungen in einem Film zu vereinen, ohne sie gleichzusetzen. Everyday Rebellion ist ein Zeitzeugnis, aber auch ein Plädoyer für eine Utopie. Keine der Bewegungen ist an ihrem Ziel angelangt. Sie sind ein Aufschrei und sie verändern die Welt. Jede Veränderung, vor allem, wenn sie so tiefgreifend ist, braucht ihre Zeit. Es geht um Menschen, die mit dem Ist-Zustand nicht zufrieden sind und aufstehen. Sie bemächtigen sich ihrer Stimme und erheben people’s power zu einer Kunstform. Wir sind Filmemacher, keine Aktivisten. Das unterscheidet unseren Film von jenen, die von Aktivisten vorort gedreht werden. Wir haben zu diesen Bewegungen einen sinnlicheren Zugang, es ging uns darum, dem Aktivismus seine Sinnlichkeit zu geben. Aktivisten haben ein hartes Leben, sie geben viel von sich, haben kein Geld, sind Burn-out-gefährdet, aber es kann auch Spaß machen kann, die Welt mit diesen Methoden zu verändern. Das wollten wir auch zeigen.

Everyday Rebellion gilt als Dokumentarfilm und cross media project, wie sah der formale Ansatz zu diesem Projekt aus im Gegensatz zu einem „klassischen“ Dokumentarfilm?
Arman T. Riahi: Everyday Rebellion begann nicht nur als Dokumentarfilm. Es wurde durch die Proteste der Menschen, v.a. im Iran 2009 nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen losgetreten. Damals gelangten sehr viele Handyvideos ins Internet, was sich zur Sprache und Ästhetik dieser Bewegung entpuppte. Wir sammelten sehr viel Material im Netz und stellten fest: so wichtig und dynamisch Dokumentarfilme auch sein können, sie sind verglichen mit der Dynamik im Netz, wo man quasi in Echtzeit Revolutionen beiwohnen kann, doch eher statisch. Daher war unsere Idee von Beginn an, ein Cross-Media-Projekt zu entwickeln, was bedeutete, den Dokumentarfilm mit einer Internet-Plattform zu begleiten, deren Schwerpunkt auf Video-Content basiert. Zur Zeit bauen wir auch noch an einer Smartphone-App. Wir wollen vom gewaltfreien, kreativen Aktivismus auf verschiedenen Ebenen erzählen.
Arash T. Riahi: Einer unserer Koproduzenten ist ARTE, der auch online sehr aktiv ist. Es gibt die Plattform ARTEkreativ, mit der wir eine Kooperation begonnen haben, indem wir zwanzig Kurzvideos mit Tipps zum gewaltfreien Widerstand produzierten, die auf der ARTEPlattform liefen. Es war extrem schwierig, für diese neue Form Geld aufzustellen. Da war auch sehr viel Selbstausbeutung dabei. Wir hatten an die 1500 Stunden Material, das vielleicht nicht für die Masse, aber doch für viele Leute von Bedeutung ist. Dieses Material können wir Schritt für Schritt für die Plattform aufbereiten und auf neue Möglichkeiten reagieren: Der Film ist u.a. auch mit der Unterstützung der Menschen draußen entstanden und die Plattform wird mit Unterstützung der Menschen in Zukunft gefüllt werden.
Arman T. Riahi: Das Gros der Dokumentation, die wir zum gewaltlosen Aktivismus in Syrien hatten, ist user-generated, also von Aktivisten dort zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um Videos, die nicht von Kameraleuten gedreht sind, teilweise war es auch schwierig, sie in eine Form zu bringen, die man auf der großen Leinwand anschauen kann. Es war uns aber wichtig, diesen Kanal offen zu halten. Einerseits sollten die User uns kontaktieren können und andererseits wir unsere Dinge über sie weiterverarbeiten. Am Beginn des Projekts haben wir gemeinsam mit dem serbischen Aktivisten Srđa Popović einen Adventkalender des gewaltlosen Widerstands gemacht. Seine 24 Tipps sind von syrischen Aktivisten ins Arabische übersetzt und dort verbreitet worden. So kann man ein Statement leisten und den Leuten helfen. Die Feststellung, dass wir keine Aktivisten, sondern Filmemacher sind, war am Beginn des Projekts eindeutig gültig. Inzwischen sind die Grenzen schon etwas verschwommen.
Arash T. Riahi: Man wird in so einem Projekt automatisch zum Aktivisten. Wir sind Filmemacher, die zu aktivistischen Tätigkeiten gekommen sind und mit diesem Film ein Statement für Aktivismus setzen und nicht umgekehrt.

Das Faszinierendste in diesem Film sind die Menschen, die sich mit ungeheurer Hingabe, Überzeugung und Kampfbereitschaft engagieren. Sehr faszinierende Persönlichkeiten. Was ist ihnen gemeinsam? Was treibt sie zu einer so radikalen Protestbereitschaft, beinahe Opferbereitschaft an?
Arman T. Riahi: Was sie vereint, ist ein Sinn für Ungerechtigkeiten und ein Bewusstsein, dass diese Ungerechtigkeiten in ihrem Land, in ihrem Umfeld, in ihrer Kultur passieren, das sie nicht mehr schlafen lässt. Charakterlich sind sie alle getrieben vom Willen und dem Drang, etwas zu verändern und nicht hilflos zuzuschauen. Das Kennenlernen hat im Grunde über ein, zwei Kontakte funktioniert, der Rest war eine Kettenreaktion. In New York haben wir nichts anderes gemacht als in den Zucotti Parc zu gehen und dort zu drehen. Die Leute wollten, dass wir ihren Kampf dokumentieren. Wir waren zweimal in New York, spätestens beim zweiten Mal waren wir im Herz der Bewegung.
Arash T. Riahi: Was die Aktivistenszene vereint, ist, dass unabhängig vom Alter ein Feuer in ihnen brennt, das ihnen die Angst nimmt, kreativ Widerstand zu leisten. Wenn 50 bewaffnete Polizisten um sie stehen, machen sie vielleicht etwas Absurdes, das sie zum Lachen bringt. Und wenn die lachen und auch keine Angst mehr haben, dann werden sie vielleicht nicht schießen. Die Angst ist nie ganz weg, aber sie ist durch Vorbereitung, Taktik, auch Wut minimiert.
Arman T. Riahi: Man hat weniger Angst, wenn man Spaß bei der Sache und einen Plan hat. Je mehr Ausweichrouten durchdacht sind, desto weniger braucht man sich vor der Polizei zu fürchten. Erica Chenoweth sagt im Film: Es gibt keinen spontanen gewaltlosen Aufstand, der erfolgreich ist.

Es wird ein interessanter Generationenaspekt im Film deutlich: der junge Ägypter gibt seinen Job auf und sagt „Ich widme mich dem Widerstand, weil es mein Vater nicht intensiv genug gemacht hat“. In Spanien entsteht der Eindruck, dass eher die Elterngeneration die jungen Leute aufrüttelt. Konntet ihr diese Komponente immer wieder entdecken?
Arash T. Riahi: Man kann nicht verallgemeinern und behaupten, in der westlichen Welt ist es eher die ältere Generation, die aufsteht und in arabischen Ländern die jüngere. Es ist eine Bewegung, die sich durch alle Generationen zieht. Die Jugend allein kann es nicht tragen, man braucht auch die Erfahrungen der Älteren. In der arabischen Welt, die eine patriarchale Welt ist, geht es den Männern gut, die es sich in einem System eingerichtet haben, dass von Männern getragen wird. Das ist im Iran oder in anderen arabischen Ländern für Frauen ein Grund, auf die Straße zu gehen. Für die Jugendlichen besteht die Motivation darin, dass sie keine Perspektive haben. In Spanien ist es so, dass die ältere Generation unter Franco eine Diktatur erlebt hat und weiß, was sie danach errungen hat und was jetzt auf dem Spiel steht.
Arman T. Riahi: Bei Occupy ist es ein Mix durch die Generationen, es ist aber eine Bildungsschicht, die auf die Straße geht, eine Mittelschicht, die gut genug ausgebildet ist, um zu sehen, was schief läuft und genug Zeit hat, sich damit auseinanderzusetzen. Im Iran habe ich den Eindruck, dass eine ältere Schicht den Mut verloren hat, dass viel zu ändern sei. Sie haben vor dreißig Jahren eine Revolution erlebt, waren zuvor nicht frei und sind seit der Islamischen Revolution noch stärker unterdrückt. Viele der älteren Generation gingen 2009 gar nicht mehr auf die Straße, weil sie entmutigt sind. Der Iran ist auch demografisch so strukturiert, dass 75% der Bevölkerung unter dreißig sind. In seiner Gesamtheit betrachtet, finde ich, dass sich der Aktivismus, den wir zeigen, durch alle Altersschichten zieht.

Ihr weist im Film auch auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem gewaltlosen Widerstand als politisches Agitationsmittel hin. Warum?
Arash T. Riahi: Einer unserer ersten Drehs fand auf einer Konferenz über gewaltlosen Widerstand in Kopenhagen statt. Diese drei Tage haben uns in sehr komprimierter Form in einen sehr erhellenden theoretischen Diskurs getaucht, der uns das Fundament für diesen Film legte. Wir hatten das Gefühl, dass wir von dem Moment an, nur noch die Aktivisten begleiten müssten. Yahia Zayed, den ägyptischen Aktivisten, lernten wir dort kennen und trafen ihn dann später wieder in Ägypten. Die Konferenz hat uns den Diskurs eröffnet und mit ganz neuartigem Input versorgt. Es war uns sehr wichtig, damit auch die Seriosität dieses Aktivismus zu unterstreichen. Es gibt Dissertationen und Publikationen zum gewaltfreien Widerstand, es ist keine naive Träumerei.
Arman T. Riahi: Ein Einwand, mit dem friedliche Aktivisten ständig konfrontiert sind, ist der, dass ihr Bemühen sinnlos sei und nichts bringt. Wir wollten zeigen, dass es in der Tat etwas bringt, das hat schon Ghandi gezeigt. Wir haben sehr schnell eine ganze Vielfalt an kreativen Protestmethoden entdeckt. Politischer Protest bestand vor einigen Jahrzehnten aus wütenden Menschen, die mit Schildern auf die Straße gingen. Plötzlich sehen wir, dass Leute unter diktatorischen Regimen, kaum Handlungsspielraum haben und es trotzdem schaffen, ihre Flyer in mit Helium gefüllte Luftballons zu stecken und unter die Leute zu bringen. Tausende kleine Methoden, die Veränderungen in Denkprozessen bewirken und die Sicherheitsapparate verwirren. Wenn in Damaskus zur Geschäftszeit tausend Pingpong-Bälle durch die Einkaufsstraßen rollen, auf denen „Free Syria“ oder „Assad, tritt zurück“ geschrieben steht, dann haben die Sicherheitsapparate des Regimes darauf keine Antwort.

Es gibt allerdings den Hinweis im Film, dass zwischen gewaltlos und aggressiv unterschieden werden muss. Denn Aggression ist ja durchaus ein Teil dieser Aktivitäten.
Arman T. Riahi: Die Grenze der Gewaltlosigkeit lässt sich nicht so ganz klar ziehen. Manche vertreten die Auffassung, dass die Gewaltlosigkeit erst dort endet, wo ein Lebewesen zu Schaden kommt.
Arash T. Riahi: Was Femen manchmal macht, ist an der Grenze. Wenn Inna Shevchenko mit der Kettensäge ein Kreuz umsägt, dann betrachtet sie das nicht als gewalttätige Aktion. Für viele andere, die gläubig sind, ist es eine gewalttätige Aktion gegen ein Symbol. Sie betrachtet das Kreuz als Symbol von Gewalt und Religion als Verursacher von Kämpfen und Gewalttätigkeiten. Niemand kann hier eine eindeutige Grenze definieren. Eine der amerikanischen Aktivistinnen, Lisa Fithian, sagt, wenn es darum geht, neue Machtverhältnisse zu schaffen, dann kann es auch notwendig sein, in die Hallen der Macht einzubrechen. Dabei kann schon die eine oder andere Fensterscheibe zu Bruch gehen.
Arman T. Riahi: Wir wollten in unserem Film die Bandbreite zeigen: Es gibt den syrischen Aktivisten, der die Pingpong-Bälle wirft und es gibt Femen, die mit Aggression und Wut ihre Slogans rausschreien. Jede Protestkultur ist originär in ihrer Heimat verortet. Keine von ihnen kann exportiert oder importiert werden. Jede Bewegung entsteht aus kulturellen Begebenheiten. Femen entstand in der Ukraine aus dem Umstand heraus, dass viele junge Frauen Prostituierte sind, weil sie sonst keinerlei Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. In Syrien entstand die Bewegung, weil junge Aktivisten, inspiriert vom Arabischen Frühling in Tunesien und Ägypten, begannen, Slogans auf Schulwände zu schreiben. In jedem Land stehen dem Protest andere Rahmenbedingungen gegenüber.
Arash T. Riahi: Es lag keineswegs in unserer Absicht, in allen Ländern die politischen Hintergründe zu erklären. Wir zeigen eine Art von Aktivismus, Taktiken, die einander beeinflussen und geben eine Art Anleitung, wie verschiedene Gruppierungen das machen. In New York geht es um organisatorische Fähigkeit, in Spanien darum, wie man durch den Auftritt einer großen Masse, Gesetze verändern, Menschen helfen kann. In Syrien geht es darum, wie man kleine Zeichen gegen das Regime setzen kann und trotz der herrschenden Gewalt weitermacht, weil man in Zukunft die Gesellschaft nicht den Gewalttätigen überlassen will. Bei Femen geht es um den Kampf gegen ein Patriarchat, Sexindustrie und Diktatur. Uns haben die vereinenden Elemente interessiert. Ein Film wie Everyday Rebellion, der kaleidoskopartig erzählt wird, eignet sich nicht dafür, im Detail auf politische Verhältnisse einzugehen.

Mir scheint der (erfolgreiche) gewaltlose Widerstand gegen wirtschaftliche und politische Umstände gar nicht so sehr das primäre Anliegen; was einen emotional durch den ganzen Film hindurch stark bewegt, ist die Kraft des Kollektiven, die geradezu physisch spürbar wird.
Arash T, Riahi: Ja, das ist gewiss der Fall und war uns auch ein Anliegen.

Etwas weiter oben wurden 1500 Stunden Material erwähnt. Wie darf man sich die Zeit der Montage vorstellen.
Arash T. Riahi: Wir haben zum Leidwesen unserer Kollegen von der Postproduktion immer mehr Material angeschleppt, bis an die 1500 Stunden da waren. Wir hatten zwei Cutter, Nela Märki und David Schwaiger, die parallel an verschiedenen Ländern gearbeitet und einmal grobe eineinhalbstündige Blöcke pro Land erstellten. Dann begannen wir, sie ineinander zu verweben. Manchmal haben wir zu viert an vier verschiedenen Computern geschnitten, Arman und ich haben uns eher um den iranischen Teil gekümmert. Unsere Arbeitsweise beruht auf einem Pingpong-Prinzip. Im optimalen Fall potenzieren unsere Ideen sich und es entsteht etwas Drittes, worauf keiner von uns alleine gekommen wäre.
Arman T. Riahi: „Potenzieren“ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Idealerweise addiert es sich, wir haben oft schon zu viele Ideen für einen Film gehabt und dann muss man abwägen, was sinnvoll ist. Wir sind Brüder und arbeiten schon lange gemeinsam an kleineren Projekten, wir kennen uns sehr gut. Wenn wir nicht einer Meinung sind, dann müssen wir diskutieren und Argumente bringen. Es steht jedenfalls kein Ego zwischen uns, es will keiner unbedingt Recht haben, man versucht seinen Standpunkt zu verteidigen. Das Ideal ist ein besserer Film und nicht ein Kompromiss zwischen zwei Regisseuren. Die Riahi Brothers sind in Zukunft aber kein Muss. Wir werden Projekte gemeinsam und auch alleine machen.

Die Off-Stimme ist im Flüsterton gehalten. Ist es eine Einladung zur Konspiration? Soll der Film dadurch statt Informationscharakter eher einen stärkeren Aufforderungs- und Ermutigungscharakter erlangen?
Arman T. Riahi: Auf jeden Fall. Der Film ist ein Statement. Eine bewusste Entscheidung. Wir sind vom gewaltlosen Widerstand überzeugt, wir halten ihn in jeder Gesellschaftsform, die eine echte Demokratie sein will, für essentiell. Wir wollten zeigen, dass er funktioniert. Die gesprochenen Texte sind Zitate aus den diversen Manifesten, sie repräsentieren also nicht unsere Stimme. Durchs Flüstern kommt es zu einer Entfremdung und gleichzeitig hat es diesen konspirativen Touch, dass sich im Untergrund etwas anbahnt. Daher kommt die Stimme in erster Line zu Beginn vor, gegen die Mitte des Films hin dann weniger. Es geht darum, darauf hinzuweisen, da ist etwas im Entstehen, neue Bewegungen deklarieren sich. Sie fordern auf, aktiv zu sein im Prozess, die Menschenrechte zu wahren.
Arash T. Riahi: Da der Film episodenhaft ist und keine Zeit war zu erklären, worum es den einzelnen Bewegungen geht, haben wir in der Recherche ihre Manifeste angeschaut, und festgestellt, dass sich Teile davon eignen, klar zu machen, worum es geht. Daher verwendeten wir Passagen aus dem spanischen Manifest von M15 und der amerikanischen Occupy New York-Bewegung. Die Flüsterstimme war eine filmische Entscheidung: zum einen gegen ein Voice-Over von uns, zum anderen wollten wir vermeiden, dass der Film Fernsehcharakter erhält. Der Film ist ein Statement von uns, ohne unsere subjektive Wahrnehmung zum Ausdruck zu bringen. Wir kommen ja selbst aus einer Familie, die Probleme mit Diktaturen kannte. Das ist uns in die Wiege gelegt. Wichtig war uns, einfache Sachen zu zeigen. Auch westliche Leute, die nicht protestieren, können sich gegen das Schenken von Plastikpistolen wehren. In dieser einfachen Entscheidung liegt eine Veränderung. Unsere Eltern haben uns verboten, Plastikpistolen zu haben. Wir fanden es schön, diese Entscheidung in einem ganz normalen Akt des Einkaufens für Flüchtlingskinder wiederzufinden.

www.everydayrebellion.net

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F03i-iQcWYU

www.stadtkinowien.at

Wien, 7. 3. 2013