Kosmos Theater online: Fight Club Fantasy

Februar 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anarchistische Farce über den Faschismus

Tyler Durden als Hohepriester seiner fellbemützten Proud Boys: Thomas Frank mit Hanna Binder und Nicolas Streit. Bild: © Bettina Frenzel

“Du bist nicht deine Arbeit. Du bist nicht dein Kontostand. Du bist nicht das Auto, das du fährst. Du bist nicht der Inhalt deiner Geldbörse. Du bist nicht deine scheiß Cargohose. Du bist der singende und tanzende Abschaum der Welt.” Schon gut, schon gut, Regel eins und zwei: Man redet nicht über den Fight Club. Wenn einem aber das Kosmos Theater in Koproduktion mit wirgehenschonmalvor eine „Fight Club Fantasy“ präsentiert, die mitten rein schlägt in die Realität –

was soll man machen, außer über ein paar Wahrheiten zu sprechen? Viel wurde um den Roman von Chuck Palahniuk gedeutelt, da braucht’s gar nicht, mit des Autors Mitgliedschaft in der Cacophony Society und deren Verbindungen zum Suicide Club of San Francisco anzufangen. Ganze Bücher wurden verfasst, von Andreas Köhler eines über Kastrationskomplex, Ich-Spaltung, Narzissmus, Sadomasochismus und Todestrieb. Palahniuks Schreibfaust ist eine Southpaw, und Regisseur Matthias Köhler nutzt den Rechtsausleger nun für seinen Theater-Film-Hybrid, wobei ihm die kritische Betrachtung der Angry White Men zur anarchistischen Farce über die Mechanismen des Faschismus gerät.

Dass er dabei eng an der Buchvorlage bleibt, ist so erstaunlich wie erfreulich. Nicolas Streit, Thomas Frank und Hanna Binder spielen im Wesentlichen die Palahniuk-Charaktere des namenlosen Erzählers/Protagonisten, von Tyler Durden und Marla Singer, Nestroy-Publikumspreisträger Frank außerdem hinreißend – und mit beachtlicher Körbchengröße – „Bob“ aus der Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“.

Und darum geht’s – samt eines Kommentars zur konsumistischen Kultur und deren Gier – im Geheimkampfbund: die gesellschaftlich abgehängten jener sogenannten Mittelklassemänner, die sich von der „Gleichmacherei“ Frauen-Farbige-soziokulturelle-Diversität bedroht fühlen. Politkonservative Angstmache und der Ruf nach welche-auch-immer Traditionen befeuern Verschwörungstheorien und die Furcht vor dem Verlust eines Status‘, der vor gar nicht langer Zeit als gottgegeben galt. „Mann, im Fight Club sehe ich die stärksten und klügsten Männer kämpfen, die jemals gelebt haben. Ich sehe all dieses Potential und ich sehe die Verschwendung. Verdammt, eine gesamte Generation zapft Benzin, räumt Tische ab oder sie sind Bürosklaven in Anzügen.“

Tyler besiegt den Protagonisten im Kampf: Thomas Frank und Nicolas Streit. Bild: @ Bettina Frenzel

Hanna Binder als Marla Singer, Nicolas Streit und Thomas Frank im Batik-Dashiki. Bild: © Bettina Frenzel

Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“: Thomas Frank als Bob. Bild: © Bettina Frenzel

Dass ihre Men-Only-Welt am Abgrund steht, kann einem schon die Watschen geben, die die Clubmitglieder sich gegenseitig austeilen. Nach einiger Überlegung soll, für die Handvoll, die weder Roman noch den David-Fincher-Film kennen, der Clou hier nicht verraten werden, aber kaum weit hergeholt ist angesichts der fellbemützten Darstellerin und Darsteller der Konnex zum Sturm aufs Washingtoner Kapitol am 6. Jänner: Jake Angeli, der Recke mit der Büffelhorn-Kojotenschweif-Kopfbedeckung ist Anhänger der QAnon-Lehre und Schamane der Star Seed Academy. Und hier setzt Köhler an.

Beim Project Mayhem / Projekt Chaos, Tylers Plan, sich die Handlungsmacht zurückzuerobern, mit einer auf Krawall getrimmten Truppe, die zwecks Destabilisierung der öffentlichen Ordnung Angriffe auf ebendiese unternimmt, Frank dabei ganz Guru, ein Esoteriker, mal im Thawb, mal im Batik-Dashiki, ein Geistführer mit Muschelkette und Mediator- wie Meditationsqualitäten, schließlich von Kostümbildner Ran Chai Bar-zvi angetan als Papst, als Hohepriester seines Irrglaubens. Bis es zum ersten Kampf kommt. Einem Schattenboxen, das Hanna Binder und Eva Jantschitschs Stimme mit dem Björk-Song „It’s Oh So Quiet“ begleiten. Bis die namenlose, im Abspann als „Lost Boy“ geführte Streit-Rolle zum Proud Boy wird. Und unterm Dashiki/Thawb die Springerstiefel und die Schusswaffe sichtbar werden.

Gleich Tylers „Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken“-Sprüchen läuft Derartiges über den Bildschirm: „Bis der #Schmerz umschlägt in #Lust“, „Eines Tages wirst du sterben, und solange du das nicht weiß, bist du #nutzlos“. Bei der gemeinsamen Lektüre der Men’s Health erfährt man, dass Body Shaming auch ein Männerthema ist: (aus der aktuellen Online-Ausgabe) „So rettest du deinen Sixpack im Lockdown“, „So nimmst du zehn Kilo in acht Wochen ab“, „So kommst du mehrmals zum Höhepunkt“ … Ach, das schwache starke Geschlecht. Darauf ist ein Ekstase-Tanz im Seifenblasenhimmel angesagt, für Tyler ist Seife ja ein wichtiges Thema. Und irgendwo auf dem Weg zur Mannwerdung wird der Jekyll zum Hyde.

Ein Tänzchen mit Seifenblasen und den Bee Gees: Hanna Binder, Nicolas Streit und Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Stark agiert das Trio infernal, Streits identitätskriselnder Nobody im – und wer führt den nicht? – Kampf gegen sich selbst, Franks Tyler, der mit einem Wimpernschlag von gemütlich auf gemeingefährlich switchen kann. Hanna Binders Marla ist der Katalysator fürs Kriminelle, des einen Mannes Leid, des anderen Freud, sie lässt die Buben zwischen Lust und Frust hängen, mal lautstarkes Extremisten- liebchen, mal Mauerblümchen auf Selbstmord- trip. Immer wieder arbeiten sich die drei in Bewegungschoreografien auf der Zuschauer- tribüne ab. Die mangels Livepublikum leeren Sitzreihen, das Bühnenbild von Thomas Garvie, fungieren gleichsam als pseudo-urbanes Gefälle.

Zur Musik von Eva Jantschitsch – und ein wenig Bee Gees-„I Started A Joke“-Karaoke – fallen Gänsehautsätze über „unsere Welt“ und ein „Alles zerstören, was man nicht haben kann“. Unterm Schwenken von Riesenfahnen, und ein Schelm, wer an den Karlsplatz am 13. Februar denkt, will Tyler seine Mannschaft „aus der Dunkelheit ans Licht führen“: „Die Kämpfe dauern so lange, wie sie dauern müssen“ wird eingeblendet. Die Männerbündler, ein gesichtsloser, gewalttätiger und für andere destruktiver Kader, dessen Lebensanschauungen in den Faschismus führen können, sie sind es, die „Fight Club Fantasy“ vorführt. Die Frage, wo der Männerverstand ins Toxische abgeglitten ist, kann letztlich aber nur behandelt, nicht beantwortet werden, und die Setzung des Bühnenfilms bringt’s mit sich, dass die Kellerkämpfe verhandelt, nicht ausgetragen werden können.

Doch apropos, Parallelgesellschaft, Tarnkleidungstrottel, Radikalrandalierer: Neue Videos aus dem US-Kapitol legen nahe, dass der Angriff vom 6. Jänner koordiniert wurde. Ex-Präsident Trump lässt sich derweil in Florida von Anhängern bejubeln. Man muss nicht besonders dystopisch denken, um zu vermuten, dass er 2024 – vielleicht sogar mit eigener Partei – den Wiedergänger gibt. In Österreich mischen sich derweil angegraute Neonazis und Identitären-„Führer“ unter Anti-Corona-Spaziergänger.

Der Roman endet mit dem Un-/Heilsversprechen „Alles läuft nach Plan. Wir werden die Zivilisation zerstören, damit wir etwas Besseres aus dieser Welt machen können. Wir freuen uns, Sie schon bald wieder bei uns zu haben.“ Im Kosmos Theater singen The Wailin‘ Jennys „Light of A Clear Blue Morning“.

On demand bis 20. Februar: kosmostheater.at/blog

kosmostheater.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=GjLXhIPyvsk

  1. 2. 2021

Landestheater NÖ online: Erleichterung

Februar 12, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Árpád Schillings Meisterwerk im Stream

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Mit dem Hashtag #wirkommenwieder streamt das Landestheater Niederösterreich aus seinem Archiv. Ab dem 19. Februar ist nun „Erleichterung“, ein von Publikum und Kritik heftig akklamiertes Theaterprojekt von Árpád Schilling zu sehen. Hier die Rezension vom Dezember 2017:

Das bröckelnde Bürgerhaus neu verputzt

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt. Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“ Zur Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27582

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zeJd9kKn4ok           www.landestheater.net

12. 2. 2021

Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020

Kosmos Theater: Frau verschwindet (Versionen)

Oktober 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Frauen und ?!? – ein Todesfall

In der Gerüchteküche brodeln die Geschlechterklischees: Eva Lucia Grieser, Anne Kulbatzki, Therese Affolter und Birgit Stöger. Bild: Bettina Frenzel

Weg, aus, raus. Finally! Was tut Frau, um sich von all den an sie gerichteten Erwartungen, Zuschreibungen, diesem Gewühl klebriger Geschichtsfäden zu befreien? Sie heftet sich ihre Ohren als Flügel an und entschwebt auf Nimmerwiedersehen … Dies der surreale Schluss, den die Schweizer Autorin Julia Haenni für ihren Text „Frau verschwindet (Versionen)“ erdacht hat und auf das Wort „Versionen“ ist zu achten, der nun im Wiener Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung gebracht wurde.

Davor sieht man 70 Minuten intensives, expressives Theater, inszeniert von Kathrin Herm, eine Groteske, die vier Schauspielerinnen mit Körperarbeit und Komödiantik zum Glänzen bringen – und bei der Besetzung muss man wie die aus „Schwieriges Thema“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39165) bekannte Berliner Performerin Anne Kulbatzki sagen „FrWOW“: Freie-Szene-Entdeckung Eva Lucia Grieser, Volkstheater-Verlust Birgit Stöger und die sagenhafte Peymann-, Burgtheater- und Berliner-Ensemble-Protagonistin Therese Affolter.

Mirjam Stängl hat den Damen eine Kukulcán-Pyramide hingestellt, sie Showtreppe und Stolperstein in einem, und auf der wird in Theresa Gregors skurrilen Nylonstrumpfkostümen temperamentvoll herumgeturnt. So beginnt das Ganze zur Fliegengeschwirr-Musik von Imre Lichtenberger Bozoki, er der Produktion Hahn im Korb möchte‘ man sagen, wenn der Stereo-Typ nicht ein Öl-ins-Feuer-Gießen in Haennis dramatischen Brandherd wäre. Und von der obersten Plattform schlängeln sich Kulbatzki, Stöger und Grieser in eine „leere Wohnung“.

Therese Affolter. Bild: Bettina Frenzel

Eva Lucia Grieser. Bild: Bettina Frenzel

Therese Affolter. Bild: Bettina Frenzel

Die Tür stand offen, die Bewohnerin ist verschwunden, die drei treten ein, ein leerer Joghurtbecher, Staubfäden von einer Lampe, sie schnüffeln im Wortsinn herum, sie sehen sich um und sich im zerbrochenen Spiegel wider. Und los gehen die Spekulationen, die tollkühne Detektivinnensuche. War’s eine Sexualstraftat, ein Suizid?, Stöger spielt die gestresst-frustrierte Dreifachbelastung Kinder – ja/nein?. Sie agiert wie für’s Kosmos Theater erfunden. Beides wird abgelehnt, da Mord wie Selbstmord zu männlich konnotiert.

War’s eine gescheiterte Liebe, auch nicht, nur keine Opferrolle, sagt Stöger. Nicht schon wieder verlassen, betrogen, im weißen Nachthemd und mit irren Augen über die Bühne wackeln, sagt Kulbatzki. Nur nicht im Mediationskurs am Single-Sein leiden, was ist eine Frau ohne Mann schon wert?, „sonst heisst es wieder die hysterischen Frauen zack Kleber drauf Gefahr gebannt weil pathologisiert“. Und klar wird, der Yves-Klein-blaue Bassena-Tratsch, die Gerüchte-Küche, in der die Geschlechterklischees brodeln, ui!, beides antifeministische Gemeinplätze, ist ein raffiniertes Komplott aus Raum und Zeit.

Die vier Spielerinnen samt ihrer Herbeischreiberin wollen ein Schicksal entwerfen, das dem Publikum vorzuführen sich lohnt, doch daran kann man nur – in diesem Fall und am Lachen der Zuschauerinnen und Zuschauer gemessen genussvoll – scheitern. „Frau verschwindet“ wird sozusagen entwickelt, während gespielt, im Stakkato werden Rollenbilder durchgehechelt, Rabenmutter/Karrierefrau, naives Herd-Heimchen, #MeToo, Mann*Frau. In absurd-komischen Dialogen voller Sprachwitz entstehen gesellschaftliche Vorstellungen von Frauen, die einem gleichen, die einem widersprechen, denen man entkommen will, die man immer schon sein wollte und auch irgendwie ist. Versionen, wie gesagt.

Therese Affolters AC/DC-Auftritt. Bild: Bettina Frenzel

Birgit Stöger und Anne Kulbatzki. Bild: Bettina Frenzel

Birgit Stöger, Kulbatzki und Grieser. Bild: Bettina Frenzel

Eva Lucia Grieser und Anne Kulbatzki. Bild: Bettina Frenzel

Regisseurin Herm bricht Haennis Meta-Thema mit allerlei Slapstick-Aktion. Therese Affolter erscheint als Dea ex machina und hämmert bei einem fulminanten Rockstar-Auftritt AC/DCs „Highway to Hell“ auf die Bühne. Und apropos, nageln: Zu Cardi Bs kinky „WAP“ machen die female role models die Spielfläche zum Catwalk. Die klettergesicherte Eva Lucia Grieser martialisch-artistisch in den Gangstarella-Posen mit Klebepistole und Bohr- maschine – keine bracht die Flex vom Django, wenn sie eine Hilti hat. Nach diesem Empowerment eine von der Affolter angeleitete hochemotionale Fürbitten-Szene, ein starkes weibliches Ich möge bitte die Bühne betreten.

Welch ein Wechselbad scheint’s unüberwindbarer Vorurteile. Affolter, Stöger, Grieser und Kulbatzki verschenken sich mit sichtbarer Freude an Haennis vor Esprit sprühende Prosa. Lieblingssatz Affolter zur Frage der Frau als toller Fang: „Wenn schon bin ich die Fischerin.“ Lieblingsdiskussion Affolter/Stöger zum (Schauspielerinnen-) Alter: Stögers „Mittelalter“ ist schlecht zu besetzen, so alt müsse man sein, dass alle sagen, Wahnsinn, die steht immer noch auf der Bühne! Lieblingsfigur Anne Kulbatzki in den Zwiegesprächen mit ihrem Strump-Stola-Hüftschmuck, einem „Muppet“, das sie zwischen all den Geschlechterfragen noch zusätzlich verwirrt.

So changiert der Abend zwischen dem ironischen Abfeiern simpel gedachter Mann-Frau-Banalitäten und der Skepsis über dieselben, zwischen Stögers verschrobenem Verzweiflungsblick und Kulbatzkis drolligem Augenrollen, zwischen Griesers schalkhafter Spiellust und der Großbühnentragödin Therese Affolter. Vier fabelhafte FrWOWen und ?!? – ein Todesfall, und wie sie in luftige Höhen abheben. Bemerkenswert. Sehenswert.

kosmostheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vi2ZWuqMEZc

  1. 10. 2020

Jean-Pierre & Luc Dardenne: Le jeune Ahmed

September 20, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Rezept gegen religiösen Eifer

Macht sich bereit fürs Gebet: Idir Ben Addi als Ahmed. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Der Glaubenskrieg beginnt am Esstisch. Ahmed, 13 Jahre alt, Belgier mit arabischen Wurzeln, also eines jener „Kinder mit Migrationshintergrund“, denen die Integrationsministerin ganze Studien bezüglich deren Unwilligkeit dazu widmet, beschimpft seine Mutter als Säuferin. Er sagt es auf Arabisch. السكارى Und schilt auch gleich die Schwester, die das Gläschen Wein am Abend verteidigt. Mit ihrem tief dekolletierten T-Shirt sei sie sowieso eine …

Mit „Le jeune Ahmed“ haben die Brüder Dardenne ein schwieriges Sujet in ein filmisches Meisterwerk verpackt. Der in Cannes im Vorjahr mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film läuft seit heute auch in den heimischen Kinos. „In Zeiten von steigendem identitärem Populismus und von radikaler werdenden Religionen, wollten wir einen Film machen, der an das Leben appelliert“, so Luc Dardenne an der Croisette. Das ist dem belgischen Filmemacher und Bruder Jean-Pierre mit diesem zutiefst humanistischen Drama voll und ganz gelungen.

Mit ihren von ihnen unter Hochdruck gesetzten sozialen Versuchsanordnungen haben die Dardennes von „Rosetta“ bis „Der Junge mit dem Fahrrad“ beinah ein eigenes Genre begründet. Und auch diesmal verlassen sie sich ganz auf das haptische Spiel ihrer Darsteller, allen voran Idir Ben Addi, der weder Schauspielschüler ist noch jemals zuvor vor einer Kamera stand, und der mit seinem stummen Zeugnis-Ableben von Ahmeds Innenleben eine Intensität entwickelt, die wie ein Messer ins Herz schneidet.

Ein Messerattentat bereitet Ahmed auch vor. Lehrerin Inés, gespielt von Myriem Akheddiou, will ihren Schülern mittels Songs ein modernes Arabisch beibringen. Das ist Blasphemie! Sagt der Imam. Die Sprache des Propheten mit Liedern zu lernen! Lehrreich ist die hitzige Szene von der folgenden Elternversammlung. Meine Kinder sollen auf Arabisch auch alltägliche Dinge ausdrücken können, sagen die einen. Mein Neffe arbeitet an einer Hotelrezeption, in dieser Branche ist gutes Arabisch sehr gefragt. Arabisch darf nur in den Moscheekursen gelehrt werden, sagen die anderen, sonst stirbt der Koran, sterben der Islam und unser kulturelles Erbe.

Lehrerin Inès will den Schülern modernes Arabisch beibringen: Myriem Akheddiou. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ahmeds Ersatzvater ist ein radikal sanfter Indoktrinierer: Othmane Moumen als Imam Youssouf. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Was Ahmed betrifft, haben die Dardennes einen überlegt ruhigen Film zu einem politisch höchst aufgeladenen Thema gemacht. Idir Ben Addis Bild vom Nachwuchs-Dschihadist entspricht keinem Fanatismus-Klischee. Der Lockenkopf ist Brillenträger und ein bisschen pummelig um die Hüften. Rührend, wie sich der Pubertäts-Gebeutelte das Kinn rasiert, und man sich fragt was und wozu. Und dann ist da das Chaos im Kopf. Eigentlich ein Teenager-typisches. Wäre nicht der Imam und der als „Märtyrer“ gestorbene Cousin als Idol.

Othmane Moumen gestaltet diesen Youssouf als radikal sanften Indoktrinierer, ganz klar ist der zivilberufliche Greißler für Ahmed ein Vaterersatz, doch bringt er mit seinem Glaubenssatz die ihm anvertrauten Koranschüler in Gewissenskonflikte und auf Konfrontationskurs. Erst weigert sich Ahmed Inés die Hand zu reichen, dann bereitet er, ist sie doch noch dazu mit einem Juden liiert, und die vom Imam ausgemachten Feindbilder sind die Juden und die „Kreuzzügler“, dann also bereitet er besonnen und unaufgeregt sein Messerattentat vor. Es ist Idir Ben Addis fast 90 Minuten lang unbewegliches, emotionsloses Gesicht, dass seinen Ahmed undurchschaubar und beunruhigend macht.

Die Dardennes sind nicht am Durchdeklinieren der Motive des jungen Gotteskriegers interessiert, den Moment der Tat, die übrigens schiefgeht, strapazieren sie nicht über Gebühr. Die Logik dahinter entsteht aus der Figur Ahmed, deren Entschlossenheit, deren Unbeirrbarkeit sind die Setzung – und der springende Punkt. Denn, vom plötzlich kleinmütigen statt kämpferischem Imam, der aus Furcht vor der Schließung der Moschee und seiner Ausweisung fast vergeht – Dialog: „Sie nannten sie eine Abtrünnige.“ „Aber ich habe nichts von Töten gesagt.“ -, der Polizei überantwortet, landet Ahmed in einer Jugendstrafanstalt. Ein verängstigtes Kind in Einzelhaft.

Dies ist die Frage, die die Dardennes aufwerfen, welche Angebote die so viel gepriesene westliche Wertegemeinschaft einer derartigen ideologischen Erstarrung zu bieten hat. Weder der Sozialarbeiter noch die Psychologin, Olivier Bonnaud und Eva Zingaro, können mit ihrer betont aufgeklärt-wohlwollenden Art zu Ahmed durchdringen. Er findet sie „zu nett“, wenn sie seine Gebetszeiten respektieren, ja ihn sogar daran erinnern, und ihm seine Hadithe lassen. Die institutionelle Ebene, „das System“, scheitert an Ahmeds Schweigen. In stiller Verzweiflung besucht ihn die Mutter, die er immer noch im Hidschab sehen will, Claire Bodson mit einer schauspielerischen Glanzleistung, Woche für Woche: „Vor ein paar Tagen warst du noch von der PlayStation nicht wegzukriegen, und jetzt, sieh‘ dich an …“

Auf dem Bauernhof mit Sozialarbeiter Olivier Bonnaud und Landwirt Laurent Caron. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Louise beflirtet den eingeschüchterten Ahmed: Victoria Bluck und Idir Ben Addi. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass sein Opfer Inés ihn zwecks Aussprache zu einem Treffen zwingen will, befremdet ihn. Erst als er auf dem Bauernhof von Mathieu, wo er als Arbeitskraft eingesetzt wird, dessen Tochter Louise kennenlernt, scheint sich der verschlossene Junge zu öffnen. Kurz huscht ein schamhaftes Lächeln über sein Gesicht als ihn Louise offensiv beflirtet, doch dann will ihn das von Victoria Bluck charmant verkörperte Mädchen küssen. Französisch küssen. „Unrein“ sei er jetzt, ist Ahmed entsetzt, der Weg ins Paradies ihm auf immer verwehrt, so kompromisslos hat er sich in eine von Ge- und Verboten strikt reglementierte religiöse Vorstellungswelt hineingesteigert, außer … Louise bekennt sich zum Islam. Was diese freilich ablehnt.

Worauf Ahmed, dessen Termin mit Inés als nächstes bevorsteht, Louises Zahnbürste stiehlt und in seiner Zelle zuspitzt, und einen Abschiedsbrief an seine Mutter schreibt … Wie sich die Dardennes an dieser Stelle darauf verstehen, ihren per Handkamera verfolgten Protagonisten in ein Thriller-Szenario zu versetzen, ist große Kunst. Wird Ahmed wie ein programmierter Assassine seine Mission bis zum Ende verfolgen? Täuscht er, im Innersten ein Fundamentalist, „das System“, indem er vorgibt sich nun wieder ihm konform zu verhalten? Darf man von unterschiedlichen Mentalitäten sprechen? Vom tiefen Gefühl der Verletzung der männlich-muslimischen Ehre? Davon, wie schwer Verhetzung aus (jugendlichen) Köpfen zu kriegen ist?

Schwer zu verstehen ist das alles. Und doch wieder nicht. Denn wenn Luc Dardenne von „identitärem Populismus“ spricht, meint das, dass das sich so überlegen denkende Abendland genug vor der eigenen Tür zu kehren hat. „Le jeune Ahmed“ lässt das Publikum bis zum allerletzten Bild, eigentlich darüber hinaus, um seinen Antihelden bangen. Szene für Szene sieht man ihn in ein so sinnloses Verderben entgleiten, und kann ihm doch nicht helfen. „Le jeune Ahmed“ ist ein unangenehm unter die Haut gehendes und gleichzeitig seltsam elegantes Kammerspiel. Das schwerste Drehbuch, das sie jemals geschrieben haben, sagen die Dardennes. Damit, mit seinen Gedanken und dem Meinung-Bilden lassen sie den Betrachter nun allein. Und mit einem Schluss, den zumindest ich ihnen niemals verzeihen werde.

stadtkinowien.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=50dvriiC7Bw

  1. 9. 2020