Theater in der Josefstadt: Galápagos

März 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine saftige Story sinnlos entfleischt

Die Inselbewohner: Matthias Franz Stein, Raphael von Bargen, Eva Mayer, Ruth Brauer-Kvam, Roman Schmelzer, Ljubiša Lupo Grujčić, Peter Scholz, Pauline Knof und die Riesenechsen. Bild: Moritz Schell

An der Josefstadt wurde Felix Mitterers jüngstes Stück „Galápagos“ uraufgeführt, und es ist nach den vorangegangenen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ der drittbeste Text. Mitterer hat eine saftige Story bis auf die Knochen entfleischt, doch kann er dem stehen gebliebenen Gerüst nichts Neues, nichts Spannendes anhaften. Entstanden ist so ein spröder, sperriger, sich schwerfällig abspulender Abend mit scherenschnittartigen Figuren. Mitterer ordnet jedem seiner Geschöpfe kaum mehr als eine Charaktereigenschaft zu.

Und so passiert etwas seltsam Seltenes: Die Josefstadt-Schauspieler kommen nicht zum Spielen. Und wo die Not am größten ist, rettet man sich sicherheitshalber in die Groteske und die Karikatur. Nun ist es ja in Ordnung, dass Mitterer sich nicht für den im Stoff enthaltenen Thriller interessierte, nur hat ihn offenbar das Psychodrama ebenso wenig inspiriert. Was bleibt hat etwas Lehrbuchhaftes, ist ein Erklärstück mit ein paar Brocken Handlung – summa summarum enttäuschend.

Das Stück beruht – naturgemäß bei Mitterer – auf einer wahren Geschichte. 1929 lassen sich auf der bis dahin unbewohnten, unwirtlichen Galápagos-Insel Floreana der deutsche Arzt, Philosoph und Naturfanatiker Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch nieder. Man will ein zivilisationsfreies, urwüchsiges Leben führen, doch wird beider Gefallen aneinander alsbald getrübt, da Dore Strauch an Multipler Sklerose erkrankt – und für Ritter Siechtum etwas Unnatürliches ist. 1932 folgen ihnen, angelockt von Presseberichten, Heinz und Margret Wittmer, ebenfalls Deutsche, Flüchtlinge vor der Wirtschaftskrise und dem von ihr ausgelösten politischen Wetterleuchten, nach. Margret ist schwanger und wird den ersten Floreana-Ureinwohner zur Welt bringen – heute noch wohnen Wittmers auf der Insel; man rauft sich mehr schlecht als recht zusammen.

Auftritt eines schillernden Trios: Eine angebliche Wiener Baronin und ihre beiden Liebhaber. Eloise Wagner de Bousquet beginnt das Eiland zu annektieren. Sie will hier ein Luxushotel errichten, lässt sich aber den Großteil der Zeit von ihren Männern Rudolf Lorenz und Bubi Philippson in jeder Hinsicht verwöhnen. Natürlich ist Frau Baronin eine Hochstaplerin und Betrügerin. Die Situation eskaliert. 1934 sind von den sieben Inselbewohnern noch drei am Leben. Der Rest ist tot oder verschollen, die Umstände sind mysteriös. Weshalb Mitterer einen Polizisten aus Ecuador nach Floreana entsendet …

Dieses Spiel im Spiel setzt Stephanie Mohr mit einigen gelungenen Einfällen in Szene. Die Bühne von Miriam Busch ist à la mode kahl bis zur rückwärtigen Feuermauer, der Boden übersät mit zerknülltem Papier von und über Ritter, Zeitungsartikel und Seiten seines in die Binsen gegangenen literarischen Hauptwerks. Die Darsteller pflügen durch diese Gazettenwüste wie durch einen von Gottes Gnade verlassenen Paradiesgarten. Ab und an entrollt sich ein Prospekt, ein Schwarzwaldhaus samt Lebkuchenmann und Tannenbaum, ein paar riesige Riesenechsen, eine Ansichtskarte vom angekündigten Hotel …, illustriert kurz das Geschehen und fällt dann zu Boden. Gespensterstimmen, ihr Raunen, Stöhnen und irres Lachen, klingt aus dem Off. Schmeißfliegengesurr umschwirrt ihre Leiber.

Friedrich Ritter neigt zu Gewaltausbrüchen: Raphael von Bargen mit Eva Mayer als „Jüngerin“ Dore Strauch und Polizist Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Moritz Schell

Die Baronin spielt gefährliche Piratenspielchen: Ruth Brauer-Kvam als Eloise Wagner de Bousquet mit Roman Schmelzer als Lover Bubi Philippson. Bild: Moritz Schell

Ermittler Felipe Pasmino erscheint, Ljubiša Lupo Grujčić mit – warum auch immer – Dauergrinsen im Gesicht. Es entsteht eine Art Verhörsituation, die Figuren fallen von der Gegenwart in ihre Vergangenheit und retour, der Polizist bleibt bei diesen Rückblenden als Beobachter am Rande der Szenerie. Man beschuldigt sich gegenseitig, man verleugnet sich, die Angaben widersprechen einander. Und weil hier dem Ordnungsorgan im Wortsinn etwas vorgespielt, etwas vorgegaukelt wird, agieren die Josefstädter in diesen Szenen wie beim Laientheater. Doch, egal ob hier und jetzt oder verwesend gewesen, egal also, auf welcher Zeitebene sich das Spiel gerade befindet, die Regie ändert weder durch Licht- noch sonstige Effekte etwas an der Einheitsstimmung. Das ermüdet.

Mohr bedient das Erzählerische des Textes, wie er ist auch ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, schnörkellos, unterkühlt und nichts ausstellend. In diesem auch metaphorisch leeren Raum hätten die Darsteller Platz für ihre Darstellung, doch nichts dergleichen passiert. Es entwickelt sich nichts, nichts bewegt sich, selbst die Drehbühne hat sich der Trägheit verschrieben. Wenn Emotionen hochkochen, ist auch dieses Aufeinanderprallen schockgefroren.

Entsprechend eindimensional die Rollengestaltung: Raphael von Bargen bleibt als Friedrich Ritter von vorne bis hinten hart, ungeduldig und von erbitterter Konsequenz, Eva Mayer dagegen ist als Dore Strauch die Dulderin mit Herz. Peter Scholz präsentiert Heinz Wittmer als geschwätzigen Nervtöter, aber immerhin Gemütsmensch, Pauline Knof ist als seine Frau Margret pragmatisch kalt und bärbeißig, und beiden haftet die wichtigste deutsche Tugend an, „tüchtig“ zu sein.

Ruth Brauer-Kvam legt die Baronin mit schriller Stimme und Hang zu überbordenden Gesten als unberechenbare, zähnefletschende (sic!) Wahnsinnige an. Ihre Eloise ist nicht mehr als das Spottbild eines Menschen, eine Möchtegernin sowohl als lustvolle Verbrecherin wie als männermordende Femme fatal. Matthias Franz Stein ist als misshandelter, devoter Rudi ein hilflos weinerlicher Tropf, Roman Schmelzer als Bubi um nichts weniger eine Persiflage und wohl in erster Linie deshalb auf der Bühne, weil er als „Kraftlackel“ die zierliche Brauer-Kvam ohne Probleme einen Abend lang auf Händen tragen kann. Grujčić bleibt als zweiter Ausdruck neben dem Grinsen ein ungläubiges Kopfschütteln ob der servierten Geschichten – wer der oder die Mörder sind, bleibt wie in der Wirklichkeit unklar.

Das Josefstädter Publikum dankte mit freundlichem, aber endenwollendem Applaus. Nun ließe sich vortrefflich über den dünnen Firnis der Zivilisation philosophieren, über das menschliche Miteinander im Allgemeinen und im Besonderen, über Macht- und Besitzansprüche und über das Survival of the Fittest – doch ehrlich, all das gibt die Aufführung nicht her. Der ganze Abend ist so mühsam und aufreibend staubtrocken, wie es das Leben auf Floreana wohl wirklich war. Ein literarischer Mehrwert zu den in regelmäßigen Abständen erscheinenden Fachpublikationen über Ritter und seine Runde findet sich nicht. Und so ist Mitterers „Galápagos“ in mehrfacher Hinsicht eine Insel der Unseligen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Md8dH6hBwkg

Originalaufnahmen/ORF ZiB2: tvthek.orf.at/topic/Kultur/6275545/ZIB-2/13921103/Galapagos-in-der-Josefstadt/14005850

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2017

 

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

August 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Watzmann hat in Wien jetzt Konkurrenz bekommen

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz. Bild: © Ernesto Gelles

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Rock’n’Roller Wilfried Scheutz. Bild: Ernesto Gelles

Die Fangemeinde, das merkte man beim Auftritt der Polka Punks, war vollzählig angetreten, und sie war mehr als gewillt, Titus Vadon zum Hohepriester des Abends zu ernennen. Als der nämlich als erstes Freud und Leid der „Currywurst“ besang, tobte sich der Stadtsaal heiß – und bei der Betriebstemperatur blieb’s dann auch für die nächsten zweieinhalb Stunden. Georg Ringsgwandls „Die Tankstelle der Verdammten“ hat man sich als diesjährige Sommerproduktion auserkoren.

Thomas Maurer hat dem Text einen Wienerischen Klang verpasst, die Zapfsäulen stehen statt am Hasenbergl jetzt irgendwo zwischen Simmering und Ottakring, und der Chuck ist vom Bazi zum Strizzi mutiert. Der Chuck, das ist die mittelschwer verlorene Existenz, um die Ringsgwandl seine, wie er sie nennt, „lausige Operette“ gebaut hat. Ein überwuzelter Berufsjugendlicher, ein abgehalfteter Vorstadt-Rock’n’Roller, der es auch nach xen Jahren nicht aufgibt, auf die große Karriere zu hoffen, aber mit seinem Haberer Tino den ganzen Tag bei dessen Imbissbude rumhängt.

Für seine Angie ist er der Held, für seine Mutter ein Wappler, übertroffen nur von seinem Bruder Ivo, dem glorreichen Diskobesitzer. Jedenfalls, der Ivo geht Pleite, aber der Chuck wohnt in Frau Drehers Wohnung. Und die will sie jetzt zurück, weil Hotel Mama war gestern. Für Angie stürzt eine Welt zusammen, ergo sie sich in die Arme des Oberschurken und Tankstellenpächters Dr. Prittwitz. Ein zwielichtiger Anwalt mit einem mörderischen Rollkommando. Der Rest ist … Showdown. Und die Geschichte eine True Story. Ringsgwandl, der bayrische Punkphilosoph, hat seine Typen alle persönlich gekannt. Damals, in den 1970ern, als man sich im Rubin Club in Karlsfeld noch gepflegt das Hirn wegknallen konnte …

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: © Ernesto Gelles

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: Ernesto Gelles

Rockt den Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Harald Baumgartner

Da bebt der Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Ernesto Gelles

Im Stadtsaal gibt Wilfried Scheutz den Chuck. Und, was soll man sagen?, der Watzmann hat in Wien ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es fetzt, dass die – äh – Fetzn fliegen. Weil, der Wilfried kann’s, egal, ob sich Chuck „Obercool“ findet oder erklärt, warum er eine „Soziale Ratte“ ist. Immer noch mit dem charakteristischen Kieks in der Stimme, aber das Bauchgefühl mit den Jahren doch deutlich gewachsen. Und wenn’s mit dem Text einmal nicht so ganz klappt, na bitte, dafür hat der liebe Gott doch das Schubidu erschaffen. Er schwitzt und swingt und schwingt das Tanzbein, letzteres nicht immer total im Takt, aber mit ansteckender Begeisterung. Wilfried, das ist Charme und Schmäh und Scheiß-mi-nix. Weltklasse!

Regisseurin Gabi Rothmüller, eine Zuagraste aus dem Freistaat, hat übrigens, sagt sie, beim Watzmann ihr Herz an Wien verloren, seither unter anderem Severin Groebner und Hosea Ratschiller inszenatorisch betreut, und nun eine astreine Arbeit vorgelegt. Sie hat mit viel Sinn für Nonsense den Ringsgwandl-Spirit und dank der Polka Punks auch dessen Sound umgesetzt; für das Tempo, das sie vorgibt, und das Temperament ihrer Darsteller wird die Stadtsaal-Bühne mitunter fast zu klein. Im Jubel-Trubel geht Eva Maria Marold einmal sogar die Perücke päule. Ein Extraplus gibt’s für die Kostüme, Mutter Drehers pinkfarbener Pomponella, den mutmaßlich ältesten, abgefucktesten Plastikschlapfen der Welt – und wo kriegt man dieses Rock-Benson-Hemd her?

Eva Maria Marold brilliert als Mutter Dreher, die sich manchmal wundersam auch in eine schrille Skater-Fee verwandeln kann. Als erstere verzweifelt sie an ihrer Mutterschaft, besingt das Schicksal, dass ihr „Der verrückte Chromosom“ angedreht hat, als zweitere dreht Frau studierte Sängerin gekonnt auf Soubretten-Modus. Die „Hex‘“ weiß jedenfalls, dass ihr bleder Bua ka Schmusi-Susi, sondern die Gerte braucht, aber die Angie kann das halt nicht. Nadja Maleh macht aus dem Südstadt-Schlampn eine nicht mehr ganz jugendliche Naive im Leopardenleiberl, die das Spitzmausg’sichterl zu allen möglichen Grimassen des Erstaunens verziehen kann. Ihr Antiliebeslied „Nicht die Art von Frau“ ist einer der Höhepunkte des Abends. Marold und Maleh, das sind die Harte und die Zarte, zwei großartige Komödiantinnen, und die Marold rockt das Haus.

Die schrille Skater-Fee will's zum Besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: © Ernesto Gelles

Die schrille Skater-Fee will’s zum besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: Ernesto Gelles

Zum coolen Hund Chuck kommen der guate Lodsch und die gfeanzte Sau, Harald Baumgartner als hilflos ehrlicher Tino und Titus Vadon, der, weil in dieser Rolle sehr schön sinister, als Dr. Prittwitz nicht nur am Schlagzeug den Takt der Aufführung vorgibt. Erwin Bader, der dritte Polka Punk, spielt den Ivo und andere lebensweise Erscheinungen.

Nun könnt‘ man, apropos Lebensweisheiten, noch viel sagen über das Stück. Über die Lage der Welt am Rande der Gesellschaft und übers Ausrangiertwerden am Arbeitsplatz, über Modernisierungsverlierer und übers Geld, das offenbar immer nur in die gleichen Taschen fließt. Aber der Ringsgwandl selber hat gemeint, man solle sein Werk nicht mit Bedeutung überfrachten. Wörtlich hat er gesagt, er will, „dass man das von irgendwelchen Sinnbeladungen freihält“. In diesem Sinne ein Schlusswort: „Die Tankstelle der Verdammten“ im Stadtsaal ist ein Mordsspaß. Zu sehen bis 3. September.

stadtsaal.com

Wien, 18. 8. 2016

Theaterfink: Da Einedrahra in der Leopoldstadt!

August 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wanderung durch eine Wiener Kriminalgeschichte

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Dass einem der Hauptdarsteller die Hand küsst, das ist schon was, selbst, wenn er nur ein Latexschädel in einem alten Gehrock ist. Küsst und danach abstaubt, weil Peter Ritter von Bohr, das war ein großer Abstauber. Die Truppe Theaterfink erzählt als zweiten Teil ihres Zyklus‘ „Von Grosskopfade und Sacklpicka“ seine Geschichte, ein spannendes Stück Wiener Kriminalgeschichte: „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“.

Das ist mehr als Straßentheater, vielmehr eine wundersame Wanderung über elf Stationen, authentische Schauplätze, an denen der Betrüger sein Unwesen trieb und nun wieder treibt, vom Alexander-Poch-Platz bis in die Praterstraße. Mehr als eine Verquickung von Schauspiel und Puppenspiel, vielmehr ein saftiges Stück Volkstheater, das sich als freches Instrument zum politischen Aufbegehren versteht. Dazu von Ernst Molden erdachte Moritaten – da muss man im mehrfachen Wortsinn mitgehen.

Die Figur Peter Ritter von Bohr ist zu gut, um erfunden worden zu sein. 1773 in Luxemburg geboren, kam der Künstler und Erfinder durch Wechselgeschäfte mit Napoleons Truppen zu einem ansehnlichen Vermögen, das sich danach allerdings wie von selbst vermehrte. Eine der Erfindungen Bohrs war ein Gerät zur Erstellung von Sicherheitsmerkmalen beim Druck von Banknoten. Bohr kaufte bald halb Wien auf, hatte Geschäftspartner bis in allerhöchste Kreise, Metternich war einer seiner Schuldner, der gute Kaiser Franz lobte seine Unternehmungen, er war 1819 Mitbegründer der Ersten Österreichischen Spar-Casse mit Sitz Alexander-Poch-Platz – und flog 1845 durch Ermittlungen des Kommissär Felsenthal als Geldfälscher im großen Stile auf. Nach seiner Verurteilung beriet er die Nationalbank punkto fälschungssicherer Banknoten. Wer nun aktuelle Bezüge zu heute mutmaßt oder unerwünschte Ähnlichkeiten sieht, der hypoventiliert. Jedenfalls, historisch 1906 wurde Bohrs Haus in der Tivoligasse, das „Banknotenhäusel“, abgerissen – und bei den Arbeiten fand man ein männliches, mumifiziertes Skelett in einem Fass. Wer das war? Und von wem ermordet – von Bohr? Man weiß es nicht.

Genau hier fängt „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“ an. Nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink, hat die Fink einen g’scheiten, akribisch recherchierten Text geschrieben, den Frau Prinzipalin auch selbst in Szene setzte. Das ist nicht nur eine Hetz‘, sondern was fürs Hirn, was man da alles an Geschichte und G’schichtln erfährt. Und die Leute marschieren mit, zwei Hunde auch, fotografieren, schauen aus den Fenstern ihrer Wohnungen auf die Gassn, wobei sich ein besonders keifertes Waschweib später als Mitakteurin entpuppt, kommen aus Cafés und Beisln und weichen hurtig den ohne Rücksicht auf Verluste agierenden Darstellern aus. Spektakel müssen sein. Und das darob höchst amüsierte Publikum mittendrin.

Einige honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl der Künstler. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl des Künstlers. Bild: Joseph Vonblon

Eva Billisich spielt die arbeitslose Pathologin Edith, die von ihrer ehemaligen Studienkollegin, nun pragmatisierte Bundesdenkmalamtsbeamtin, Hanni (Claudia Hisberger) gebeten wird, sich die störende Leich‘ anzuschauen. Heißt: in einem gefakten Gutachten zu bescheinigen, dass es sich bei ihr nicht um einen historisch relevanten Fund handelt. Da prallen sie aufeinander, die beiden Welten der Linksgedrehten mit dem Flachmann und der Gutsituierten mit dem Aktenmapperl, und es kommt der großartigen Billisch zu, die Moritaten vom Geld und wie ihm die Menschen hinterherkräun zu singen. Wie eine finanzgeile Fledermaus plustert sie sich dazu vor dem Johannes-von-Gott-Denkmal auf, und der Ordensgründer der Barmherzigen Brüder scheint ihr recht zu geben. „Die Stadt wächst und mit ihr das Konto einiger weniger.“

Im Kriminalmuseum, passenderweise, stellt sich der Schurke persönlich vor – „Der Armen sind viele und es kann ein lukratives Geschäft sein, in die Wohltätigkeit zu investieren“ -, und ein Spiel auf zwei Zeitebenen beginnt. Ediths Schnodern vs Bohrs elegant altertümlicher Ausdrucksweise. Und seiner Galanterien gegenüber den Damen. Das ist sehr charmant. Während die beiden Freundinnen Fundstücke vom Tatort untersuchen, beginnt parallel eine Zeitreise in den Vormärz, wo sich die Schlinge um Bohr immer enger zieht. Walter Kukla haucht der beinah menschengroßen Puppe Leben ein. Den ihn verfolgenden Kommissär Felsenthal muss Knopfharmonikaspieler Walther Soyka auf dem Buckl ertragen. Hinter Fotowänden melden sich honorige Herren der Wiener Gesellschaft, die besten Köpfe, ja selbst das gekrönte Haupt und sein Kanzler, zu Wort.

Georg Mittendrein ist als GenI.a.D. Agent Schwarzhappl mit von der Partie, aber mittlerweile sind die Zuschauer sowieso alle in den Spitzelstatus erhoben. In Gruppen aufgeteilt wird man vor Bohrs Wohnhaus, Jägerzeile Nr. 520, auszuschwärmen und es zu umstellen haben. Habt acht!, die Fink scheucht Unentschlossene auf ihre Positionen. Die schönste Puppe ist die von ihr bewegte Frau Bohr, Mathilde Gräfin Christalnigg, grasser geht’s nicht, die die Nerven verlieren und ihren Mann verraten wird. Es kommt ergo zum Showdown beim Nestroydenkmal, wo Bohr sein sentimentales Schlusslied vom unverstandenen Wohltäter singen darf. Es gibt zu sehen, wer im Fass ist, und zu erfahren, warum Hanni die Leich‘ unbedingt wieder verschwinden lassen will.

Die Moral von der Geschicht‘ ist nämlich: Die Reichen haben alle eine im Keller. Oder wie die Billisch sagt: „Die Großkopfaden glauben, Geld steht ihnen zu.“ Das ist, im Falle dieser Inszenierung, so lustig, weil es wahr ist. Mitwandern, mitwundern! Dieser Streifzug durch die Welt der gewieften Finanz-Einedrahra ist sehenswert.

Vorstellungen bis 16. August. Am 1. September übersiedelt Peter Ritter von Bohr an seine zweite Wirkungsstätte in den 23. Bezirk: „A Einedrahra kommt nach Liesing!“

www.theaterfink.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AEunfKJFDh8

Wien, 12. 8. 2016