Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Weapon of Choice

September 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Geheimnis um die Glock

Auf einer amerikanischen Waffenmesse. Bild: Polyfilm Verleih

Eine der bizarrsten Szenen ereignet sich gleich zu Beginn. Da ist dieser Waffenschieber im umkämpften Kirkuk, im Norden des Irak. Sein Gesicht lässt er logischerweise nicht filmen, aber seine Waffe – die Glock. Seinen Freund nennt er sie, und Filmemacher Fritz Ofner bietet er gleich mit die Freundschaft an. Und ein lukratives Geschäft. The man from Austria könne doch sein Nachschublieferant für die begehrte Pistole werden.

Die schiitischen Milizen wüssten sie nämlich ebenso zu schätzen, wie die kurdische Peschmerga – und natürlich auch die Kämpfer des IS … „Weapon of Choice“ von Fritz Ofner und Eva Hausberger läuft ab 28. September in den Kinos. Ein investigativer Essay über die meistverkaufte Pistole der Welt, über den wohl größten Verkaufsschlager, der bis dato in Österreich erzeugt wird – die Glock. Den Titel für ihre Dokumentation haben Ofner und Hausberger einem Song von Fatboy Slim entliehen. Die Waffe, gelobt für ihr einfaches Handling und ihre unfehlbare Treffsicherheit, wird in Ferlach in Kärnten und im niederösterreichischen Deutsch-Wagram zusammengebaut. Firmenchef Gaston Glock gilt als einer der reichsten Männer des Landes.

Und er hat einen Ring des Schweigens um sein Produkt gezogen. Hat ein Geheimnis aus seinem Unternehmen und seinen Unternehmungen gemacht, über die nicht einmal so recht Gerüchte kursieren. Interviewanfrage und eine Bitte um Stellungnahme wurden – was dem Film allerdings keinen Abbruch tut – abgelehnt. „Es gibt hierzulande kaum ein gesellschaftliches Bewusstsein darüber, dass wir als Nation im großen Stil am internationalen Waffenhandel partizipieren, dass täglich mit einer Pistole Made-in-Austria Gewalt ausgeübt wird“, sagt Ofner. Der ehemalige Glock-USA-CEO Paul Jannuzzo, der sich nach einigen Jahren wegen Betrugs und Diebstahls im Gefängnis als Verschwörungsopfer sieht, sagt, man hätte seinerzeit Journalisten schon geklagt, wenn sie den Namen Glock nur erwähnt hätten.

Die österreichische Bundespolizei und das Bundesheer tragen die Glock, in den USA Gesetzeshüter und deren Gegner, doch ihren wahren Siegeszug trat sie in der dortigen Hip-Hop-Szene an. „Täglich ein neuer Glock-Song“, feixt ein Insider. „Weil es sich so schön auf Cock reimt.“ Immer weiter folgen Ofner und Hausberger der hausgemachten Paranoia im Land des unbegrenzten Schusswaffenbesitzes. Die erzählerischen Sequenzen in „Weapon of Choice“ zeigen die gesellschaftlichen Auswüchse des Mythos Glock, zeigen Menschen, die Angst vor dem und ums Leben haben.

In einem IS-Video wird die Handhabung einer Glock vorgeführt. Bild: Polyfilm Verleih

Antiwaffendemonstration in den USA. Bild: Polyfilm Verleih

Von einem Gefühl der Nacktheit ohne die Waffe ist da zu hören, und ihre Bezeichnung als „Ausgleich in einer Auseinandersetzung“. Eine Trainerin auf einer texanischen Shooting-Range nennt sie die „Fortsetzung meines Körpers“, ein Ghetto-Gangster in Chicago erklärt sich ohne sie zum Nichts in der Bandenhierarchie, in Pennsylvania erinnern sich Waffenhändler hocherfreut über einen Besuch in der Heimat der Glock. Das Werk und die wunderbaren Berge. So viele scheinbare Stereotypen, dass einem beinah der Mund offenbleibt.

Bei den Filmaufnahmen auf einer Waffenmesse wurde deren Besuchern nachträglich ein Balken über die Gesichter gelegt, als wären ihre Augen vor den Gefahren verbunden. Denn wo eine Waffe ist, so eine alte Buch- und Bühnenweisheit, wird geschossen … Wie ein Stück absurdes Theater mutet tatsächlich der Besuch bei Charles Ewert an. „Panama-Charly“, ein Meister im Gesellschaften-Klonen, sitzt in einer luxemburgischen Strafvollzugsanstalt.

Wegen versuchten Auftragsmords an seinem damaligen Geschäftspartner Gaston Glock. Entspannt entkräftet er vor der Kamera nicht nur alle Vorwürfe, sondern erklärt auch wie nebenbei, wie man über Steueroasen Geld scheffelt und über die richtigen Kanäle wieder verschwinden lässt. Klar, lückenlose Aufklärung darf man sich bei all diesen Verwirrungen und Verwicklungen vom Film nicht erwarten, doch „Weapon of Choice“ wirft Fragen auf, die einmal laut gestellt werden mussten. Über die Glock in Händen von Kriegstreibern und Kriminellen. Über die Vereinbarkeit von Österreichs Status als neutraler Staat mit dem Waffengeschäft – ein Thema, das für sich selbst auch die Schweiz heiß diskutiert. Über die Haltung des Wirtschaftsministeriums zu all dem.

Doch während in den USA Frauen, Mütter, gegen Waffengewalt demonstrieren, sieht man in Österreich die Glocks als Großspender für Mensch und Tier und als Veranstalter eines exklusiven Springturniers im eigenen Pferdesportzentrum am Ossiacher See. Anfang Juni 2018 reisten Vizekanzler Heinz-Christian Strache mit Ehefrau Philippa und Sozialministerin Beate Hartinger-Klein aus Wien an, um mit der Familie zu feiern, bereits im Februar 2018 war Verkehrsminister Norbert Hofer zu Gast, alle drei Politiker von der FPÖ, so Der Standard.

Ein letztes Bild noch. Jeans Cruz. 2003 holte der Elitesoldat Saddam Hussein aus seinem Erdloch. Zu seinem militärischen Auftrag gehörte es, für Präsident George W. Bush die Wertsachen des Ex-Diktators zu sichern – allen voran „eine Pistole aus Österreich“. Die Glock ist nun hinter Glas im The George W. Bush Presidential Library and Museum ausgestellt. Cruz, der kurzfristig gefeierte Kriegsheld, ist heute arbeitslos, er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die erhaltenen Medaillen und Urkunden nennt er „Crap“, Mist. Wie ein Held fühlt er sich längst nicht mehr.

www.weaponofchoice.at

  1. 9. 2018

theaterfink: Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn

August 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theresias Geist macht den Täter dingfest

Am Ufer des Liesingbachs liegt eine Frauenleiche: Matjaz Verdel, Walter Kukla und Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Keinen historischen Kriminalfall, sondern einen fiktiven in der Gegenwart handelnden zeigt theaterfink in seiner aktuellen Produktion. Nach dem vorjährigen Streifzug durch die Wiener Rechtsgeschichte mit dem „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K**“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243, es gibt neue Termine am 31. 8. sowie am 7. 14. und 21. 9.) spielt die Truppe rund um Prinzipalin Susita Fink und Dramaturgin Karin Sedlak bis

22. September die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn“. Gemordet wird diesmal in Atzgersdorf, Wien-Liesing, und das gleich in Serie. Nicht weniger als acht Frauen fallen dem Täter zum Opfer, wie es scheint haben sie sich zu Tode gelacht. Die einzige Auffälligkeit: Ihr Meuchler hat ihnen die Namen berühmter Frauenrechtlerinnen in die Haut geritzt. Den Stoff hat theaterfink anlässlich der Jubiläen 170 Jahre Kampf für Gleichberechtigung und 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich gewählt, und wiewohl das Stationentheater wie stets ein wunderbarer Mix aus Schau- und Puppenspiel ist, dient die Wanderung diesmal auch als Lehrstück in Sachen Emanzipation.

Während also das Publikum dem Akkordeonspiel von Heidelinde Gratzl von Tatort zu Tatort folgt, ermitteln Eva Billisch als Kriminalbeamtin Josefa Seisser und Walter Kukla als Gerichtsmediziner Leopold Breitenecker – dieser, tatsächlich existiert habend, bis 1981 eine Koryphäe auf seinem Gebiet – mit den Spurensicherern Sabine Perle, Susita Fink und Matjaz Verdel. Als Zuschauer ist man schnell einmal mitten drin im Geschehen, wird aufgefordert ein polizeiliches Absperrband zu halten oder wird als vermeintlicher Augenzeuge vernommen, und wird vom Breitenecker gescholten, weil man den Leichenfundort „kontaminiert“.

Eva Billisich mit Amalia Holst. Bild: Joseph Vonblon

Adelheid Popp kämpft für Frauenrechte. Bild: Joseph Vonblon

Wo theaterfink ist, ist Hallo. An vielen Fenstern und auf Balkonen lehnen die Leute und schauen zu, Zaungäste schließen sich dem Tross an, Billisich, Fink und Kukla sind jederzeit in der Lage zu improvisieren, drei glänzende Komödianten, drei Volksschauspieler, und gewohnt, auf Tuchfühlung mit dem Publikum auf dessen Zwischenrufe einzugehen. Bald wird klar, die Ermordeten waren alle frauenbewegt, darunter die Chefredakteurin der feministischen Zeitschrift „Umschläge“, die Leiterin eines Lehrinstituts für Mädchen, denen die Eltern den Schulbesuch verweigern, die Leiterin eines Frauenhauses, eine Ehrenamtliche im Dienst von Alleinerzieherinnen in Not …

An jeder Station wird der jeweiligen Vorkämpferin für Emanzipation gedacht: Von Olympe de Gouges, die während der französischen Revolution eine Frauenrechtsdeklaration veröffentlichte und dafür auf der Guillotine landete, Amalia Holst, die erste deutsche Frau mit Doktortitel, Karoline von Perrin, die Pionierin der österreichischen Frauenbewegung, Adelheid Popp, hierzulande die erste Berufspolitikerin, bis zu Österreichs erster Frauenministerin Johanna Dohnal. Die Streitbaren werden mit Moritaten geehrt, diese das Kernstück der Aufführung, und treten schließlich höchstpersönlich, heißt: als Puppen von Nico Oest, auf.

Noch ein Opfer des Serienmörders: Eva Billisich, Walter Kukla, Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Das geht gut, bis in einem Frauenhals der Name der Theresia Kandl eingraviert ist. Das kann der Geist der Resi, dargestellt und getanzt von Karin Sedlak, natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und so eilt sie Frau Oberst Seisser zu Hilfe … Zwei Stunden dauert der Atzgersdorfer Rundgang, führt vom Kirchenplatz, vorbei an der Kandlkapelle in der Breitenfurter Straße – die Resi war ja eine gebürtige Atzgersdorferin – und entlang des Liesingbachs. Am Ende findet man sich in der „Gerichtsmedizin“ wieder, wo mit einem Schattenspiel der Fall geklärt wird. Die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K**“ ist ein weiterer großartiger Abend von theaterfink. Einfach mitgehen und staunen!

Die wegen Gattenmords bei der Spinnerin am Kreuz 1809 als erste Frau gehängte Theresia Kandl soll übrigens heute noch Männer verfolgen, die Frauen Übles wollen. Ihr Skelett ist im Wiener Kriminalmuseum ausgestellt.

www.theaterfink.at/

  1. 8. 2018

Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 12. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017