Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

theaterfink: Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch

Juni 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die ganze Stadt als Theaterbühne

Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.: Susita Fink und ihre Resi. Bild: Alexander Zech Wienbibliothek Druckschriftensammlung Signatur C-3997518092_hoch (002)

Es wird wieder gemordet. Susita Fink und ihre Theatertruppe „theaterfink“ haben auch heuer wieder einen historischen Kriminalfall recheriert, der nun unter dem Titel „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.“ aufgeführt wird. Die Moritat beleuchtet das Leben der Theresia Kandl, die unglücklich verheiratet, ihren Ehemann mit der Hacke erschlug – und als einzige Frau in Wien bei der Spinnerin am Kreuz gehängt wurde. Es gibt Aufführungen in allen Bezirken, die mit der schönen Resi zu tun habe.

1. Bezirk: hier stand die Schranne, in der sie inhaftiert war; 5. Bezirk: der Wohnort; 13. Bezirk: hier wurde Theresia getraut; 23. Bezirk: der Ort ihrer Kindheit. Erwartet werden darf ein Streifzug durch die Wiener Kriminal-Geschichte mit Schauspiel, Puppenspiel und musikalischen Treibstoff beim Wandern. Es spielen Eva Billisich und Walter Kukla, das Duo Rittmannsberger Soyka sorgt für die Livemusik. Susita Fink und Dramaturgin Karin Sedlak im Gespräch über Glücksmomente mit dem Publikum und die Sorgen mit der Subventionierung:

MM: Was ist theaterfink?

Susita Fink: Ein politisches Straßentheater, das historische Kriminalfälle spielt, mit dem Hintergrund, Sozialgeschichte aufzurollen und Wiengeschichte aus einem kritischen Blickwinkel zu beäugen. So schön war die „gute alte Zeit“ nämlich nicht. Wir haben 2009 angefangen, mit Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, wir haben gespielt, wo sich die Dinge ereignet hatten, am Donaukanal, im dritten Bezirk, in Geschäftslokalen, in denen Jura Soyfer als Schüler eingekauft hat und die es immer noch gibt – und so ist unsere Truppe entstanden.

MM: Die alsbald auf die Mörderstorys umgeschwenkt ist. Die Hauptakteure Ihrer Produktionen sind meistens Puppen.

Fink: Ja, weil ich mir damals schon gedacht habe, niemand stirbt besser als eine Puppe. Gabriele Müller-Klomfar hat mir Bücher gegeben, in denen historische Kriminalfälle aufgelistet waren, oft bedienen wir uns am „Wiener Pitaval“, einer Sammlung aufsehenerregender Kriminalfälle im „alten Wien“ zwischen 1805 und 1844 und ich dachte, das muss doch gut funktionieren, das ist doch in Wien aufg’legt, das muss Publikum anziehen – und das tut es auch.

MM: Wie funktioniert nun theaterfink?

Fink: Nicht als einfaches Straßentheater, wir spielen nicht an einem Platz, sondern wir wandern dramaturgisch durchdacht zu zehn bis elf Stationen, die mit dem Kriminalfall zu tun haben – auch am Tatort vorbei! Da sich Wien seit dem 19. Jahrhundert natürlich stark verändert hat, suchen wir auch nach einer, zu einzelnen Szenen passenden, authentischen, schöne Wiener Kulisse. Wir haben Musikbegleitung, das Publikum folgt, und an jeder Station entspinnt sich eine Szene. Statt Bühnenbildwechsel gibt es bei uns Schauplatzwechsel.

Eva Billisich und die schöne Resi. Bild: Susita Fink

Die „theaterfinken“ fahren diesmal auch nobel Kutsche: Eva Billisisch, Walter Kukla und die Resi. Bild: Susita Fink

MM: Ich habe im vergangenen Jahr nicht nur beobachtet, dass Sie nicht nur so viel Publikum haben, 80 Zuschauer pro Abend, dass Leute nicht  mitwandern können, sondern, dass sich an den Stationen Menschen dem Zug noch angeschlossen haben. Es gibt also tatsächliches Interesse.

Fink: Ja, beides passiert natürlich: Dass wir Publikum abweisen müssen, aber dass andererseits zufällige Passanten oder Leute aus Wirtshäusern, vor denen wir spielen, rauskommen und mitgehen. Eigentlich war dies ja auch die Grundidee, es so aufzuziehen, wie das Gemeindebautheater von Didi Macher und Ulf Bierbaumer. Ich habe dieses Theater als Kind geliebt, wenn die Dario Fo gespielt haben, war ich mit meinen Eltern dort. Meine Idee war also wirklich politisches Straßentheater für alle zu machen, ein g’scheites, gut recherchiertes, lustiges Theater, das die Bevölkerung nichts kostet. Aber das funktioniert nicht, weil die Subventionsgeber kein Interesse daran haben.

MM: Bevor wir zum Negativen kommen, noch was Positives: „Von Grosskopfade und Sacklpicka III“ behandelt nach Georg Reznicek und Peter Ritter von Bohr endlich ein Mordsweib.

Fink: Richtig. Und wieder spielen Eva Billisich und Walter Kukla, die Musik sollte wieder Ernst Molden komponieren. Wir wollten diesmal nicht nur den Kriminalfall wiedergeben, sondern auch etwas über die Mädchenerziehung und das Frauenbild anno 18. Jahrhundert aussagen. Die Geschichte der Emanzipation, der Frauenrechte und von Frauen im Rechtssystem von der Seite einer Täterin aufrollen. Dass wir annähernd Gleichberechtigung haben, ist ja auch bei uns noch nicht so lange her, doch vieles muss noch erkämpft werden. Frauen machen zum Beispiel heute immer noch den Großteil der unbezahlten, beziehungsweise schlecht bezahlten Care-Arbeit. Das Konzept dazu wurde von den Fördergebern nicht unterstützt, jetzt gibt es eine Kurzversion, die sich rein mit den historischen Fakten beschäftigt.

MM: Worum geht’s?

Karin Sedlak: Um Theresia Teppich, 1785 in Atzgersdorf bei Wien geboren, Mutter eines unehelichen Kindes und ergo in weiterer Folge mit dem Greißler Matthias Kandl verheiratet. Alsbald lief in der Ehe einiges schief, weshalb sie zur Hacke griff und den Gatten erschlug. Die „Resi“ war die einzige Frau, die bei der Spinnerin am Kreuz öffentlich gehängt wurde. Leider existieren von ihrem Fall keine vollständigen Akten mehr, sondern lediglich Memorabilien im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Darin wird festgehalten, sie war eine sehr attraktive Person, „von ziemlich großer, schlanker Leibesstatur, hat ein längliches sauberes Gesicht, gespitzte Nase, blaue Augen und blonde rückwärts in einen Chignon geschlungene Haare.“ Wienerisch würde man sagen, sie war ein „fesches Pupperl“, daher wird sie bei uns von einer Puppe dargestellt. Einer lebensgroßen, blonden Puppe, die Nico Oest gefertigt hat. In der Wienbibliothek haben wir sogar den Originaldruck einer Abschiedsmoritat gefunden, in der Theresia Kandls Leben musikalisch zusammengefasst wird. Sie wird bei unserer Theaterwanderung nicht nur zu hören sein, sondern ist auch das Gerüst für unsere Handlung.

So geht’s zu, wenn auf der Straße Theater gespielt wird. Bild: Susita Fink

Und dann wird natürlich gewandert. Bild: : Joseph Vonblon

MM: Wenn man Ihnen so zuhört: Sie arbeiten historisch höchst korrekt, Sie  recherchieren lange und ausführlich.

Sedlak: Für unser Projekt war eine lange Zeit der umfassenden Recherche in vielen unterschiedlichen Quellen nötig. Ausgehend vom historischen Recherchematerial erzählen wir  die Geschichte  der „schönen Greißlerin von Hungelbrunn“ mit dem Schwerpunkt auf Sozialgeschichte, der Lage der Frauen und der Geschlechterverhältnisse, sowie der damaligen der Gerichts- und Hinrichtungspraxis. Sogar digitalisierte Taufprotokolle der Protagonisten, Verlassenschaftsakten und historische Augenzeugenberichte haben wir finden können!  All diese Niederschriften sind in Kurrentschrift abgefasst –  was, wie jede persönliche Handschrift, oft viel Mühe im Entziffern verlangt! Wir haben in Bezirksmuseen recherchiert,  haben alte Stadtpläne auf die Lage der  historischen und heutigen Örtlichkeiten überprüft und um die damalige Erziehung der Mädchen zu erforschen, haben wir stapelweise betreffende Schriften des 18./19. Jahrhunderts studiert und exzerpiert.

Fink: Was uns an diesem Fall außerdem interessiert, ist nicht nur die Tat, sondern die feministische Frage, ob Resi in ihrer Zeit als Frau andere Möglichkeiten gehabt hätte, als den Kandl zu heiraten. Wir wollten uns diesmal nicht nur mit den historischen Akten beschäftigen, sondern eine Brücke zur Situation der Frauen dieser Tage schlagen. Das ist jetzt mal an der Finanzierung gescheitert, aber die Basis Kultur hat uns ermöglicht, die Kurzversion zu machen. Karin hat ja so viel historisches Material ausgegraben, dass es schade gewesen wäre, das jetzt liegen zu lassen. Ich habe daraus für das Festival der Bezirke eine Montage aus Erzählung und Szenen konzipiert, die aus recherchierten Zitaten besteht. Das Ganze wird sehr ins Komische gezogen, diese Texte, wie Mädchen sein sollen und wie sie erzogen werden sollen. Bei manchen Stellen bleibt einem allerdings das Lachen im Hals stecken, weil es heute immer noch Menschen gibt, die denken, dass Frauen so und nicht anders sein sollen. Die Musikstücke sind alte Wiener Tänze, gespielt vom Duo Rittmannsberger Soyka.

MM: Das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.“ wird nun vier Mal im Rahmen des Festival „Wir sind Wien“ gezeigt.

Fink: Genau. Und zwar – Bezirksnummer ist gleich Datum. Die Treffpunkte sind die Bezugspunkte in den einzelnen Bezirken. Am Hohen Markt, im ersten Bezirk stand die Schranne, in der Resi inhaftiert war. In der Wiedner Hauptstraße, im fünften Bezirk, im damaligen Vorort Hungelbrunn, geschah der Mord. Am Hietzinger Platzl im 13. Bezirk hat sie den Kandl in der Kirche Maria Hietzing geheiratet. Im 23. Bezirk ist sie geboren und aufgewachsen, da treffen wir uns am Kirchenplatz in Atzgersdorf. Der Text ist je nach Ort adaptiert und erzählt in Vor- und Rückblenden- ihre Geschichte.

MM: Ein immenser Aufwand für vier Mal.

Fink: Ja, noch dazu, wenn man bedenkt, dass wir unterwegs einen Publikumsdienst haben, Beleuchter, Fahrzeuge auf der Wegstrecke, in denen Kostüme und Requisiten für uns verstaut sind und Puppe und Kostüm extra gefertigt wurden. theaterfink funktioniert überhaupt nur, weil Künstlerinnen und Künstler von der Sache so überzeugt sind, dass sie, wenn wir übers Finanzielle sprechen, sagen: „Das ist eine tolle Sache, gib mir, was du geben kannst.“. So darf’s nicht sein, so stellen wir nie Kostenwahrheit her und alle arbeiten für einen Hungerlohn. Karin und ich arbeiten ohnedies auch in anderen Projekten als Brotberuf, um uns unsere Kunst leisten zu können! Aber es arbeiten bei theaterfink nur Profis. Normalerweise haben wir im August/September immer eine längere Spielserie, doch ich habe drei Mal um Förderungen eingereicht, ein viertes Mal tu ich es noch, aber ich wurde immer abgelehnt.

MM: Mit welcher Begründung?

Fink: (sie lacht). Dabei hätte ich gerade das mit dem Licht heuer gern verstärkt eingebaut, denn eine Hinrichtungsszene, zu der wir wunderbare historische Tagebucheintragungen haben, das schreit geradezu nach Schattentheater.

Susita Fink hat sich für ihre Truppe vom Straßentheater der Didi Macher inspirieren lassen. Bild: Susita Fink

MM: Wie passt das zusammen, dass eine Theatertruppe mit einer Kurzversion zu einem Stadt-Wien-Festival eingeladen wird, man ihr aber darüberhinaus die lange Nase dreht? Schätzt man sie nun wert oder nicht?

Fink: Ich habe keine Ahnung, ich habe das auch jedes Mal gesagt, aber ich habe von der Stadt Wien schon so viele ablehnende Begründungen gehört . Dabei schätzen uns die Bezirke, die Bezirksvorsteher freuen sich in der Regel sehr, wenn wir kommen, und auch die Gastronomie. Wir machen ja in Lokalen halt und enden schließlich in einem Wirtshaus. Die rufen schon im Winter an und fragen: Kommt ihr im Sommer wieder?

MM: Kann ich bestätigen. Ich gehe immer noch ins „Ramasuri“… „Regiemangel“ war ja auch mitunter ein Kritikpunkt.

Fink: Erstens ist das eine Kostenfrage und zweitens eine strikte Regie, wie im Theaterraum, das geht nicht. Wir haben ein durchdachtes Konzept, wir haben Schau- und Puppenspieler, die absolut stück- und textsicher sind, aber sie müssen improvisieren können. Was glauben Sie, wie oft uns aus einem offenen Fenster schon was zugerufen wurde? Darauf muss man reagieren können, das macht den Charme unserer Aufführungen aus. Und es ist auch äußerst lustig.

MM: Was würden Sie brauchen?

Fink: 200.000 Euro für 40 Vorstellungen, die wir locker bespielen könnten. Es sind bei jeder Aufführung sowohl Künstlerinnen als auch für die Logistik und die Beleuchtung mindestens 12 Leute im Einsatz. Da gibt es viel Vorbereitungszeit und Organisation. Das muss gerecht bezahlt werden und darunter bekommt man kaum einen Profi wie Ernst Molden, der für uns immer wieder Moritaten schreibt. Walther Soyka, der uns seit der ersten Produktion musikalisch begleitet, ist ja auch kein Unbekannter. Das Meiste ist bei uns im Wahrheit Eigenleistung, das Ganze ist für mich und meine drei Kinder in Wahrheit existenzbedrohend.

MM: Und nun der positive Schlusssatz: Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Fink: Kommen Sie, schauen Sie. Wir zeigen ein historisches Stück, sehr lustig. Ich glaube nämlich, dass man sich das Lachen nicht verderben lassen darf. Im Lachen liegt die wahre politische Kraft.

www.theaterfink.at

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

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Wien, 6. 5. 2017

Theater in der Josefstadt: Galápagos

März 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine saftige Story sinnlos entfleischt

Die Inselbewohner: Matthias Franz Stein, Raphael von Bargen, Eva Mayer, Ruth Brauer-Kvam, Roman Schmelzer, Ljubiša Lupo Grujčić, Peter Scholz, Pauline Knof und die Riesenechsen. Bild: Moritz Schell

An der Josefstadt wurde Felix Mitterers jüngstes Stück „Galápagos“ uraufgeführt, und es ist nach den vorangegangenen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ der drittbeste Text. Mitterer hat eine saftige Story bis auf die Knochen entfleischt, doch kann er dem stehen gebliebenen Gerüst nichts Neues, nichts Spannendes anhaften. Entstanden ist so ein spröder, sperriger, sich schwerfällig abspulender Abend mit scherenschnittartigen Figuren. Mitterer ordnet jedem seiner Geschöpfe kaum mehr als eine Charaktereigenschaft zu.

Und so passiert etwas seltsam Seltenes: Die Josefstadt-Schauspieler kommen nicht zum Spielen. Und wo die Not am größten ist, rettet man sich sicherheitshalber in die Groteske und die Karikatur. Nun ist es ja in Ordnung, dass Mitterer sich nicht für den im Stoff enthaltenen Thriller interessierte, nur hat ihn offenbar das Psychodrama ebenso wenig inspiriert. Was bleibt hat etwas Lehrbuchhaftes, ist ein Erklärstück mit ein paar Brocken Handlung – summa summarum enttäuschend.

Das Stück beruht – naturgemäß bei Mitterer – auf einer wahren Geschichte. 1929 lassen sich auf der bis dahin unbewohnten, unwirtlichen Galápagos-Insel Floreana der deutsche Arzt, Philosoph und Naturfanatiker Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch nieder. Man will ein zivilisationsfreies, urwüchsiges Leben führen, doch wird beider Gefallen aneinander alsbald getrübt, da Dore Strauch an Multipler Sklerose erkrankt – und für Ritter Siechtum etwas Unnatürliches ist. 1932 folgen ihnen, angelockt von Presseberichten, Heinz und Margret Wittmer, ebenfalls Deutsche, Flüchtlinge vor der Wirtschaftskrise und dem von ihr ausgelösten politischen Wetterleuchten, nach. Margret ist schwanger und wird den ersten Floreana-Ureinwohner zur Welt bringen – heute noch wohnen Wittmers auf der Insel; man rauft sich mehr schlecht als recht zusammen.

Auftritt eines schillernden Trios: Eine angebliche Wiener Baronin und ihre beiden Liebhaber. Eloise Wagner de Bousquet beginnt das Eiland zu annektieren. Sie will hier ein Luxushotel errichten, lässt sich aber den Großteil der Zeit von ihren Männern Rudolf Lorenz und Bubi Philippson in jeder Hinsicht verwöhnen. Natürlich ist Frau Baronin eine Hochstaplerin und Betrügerin. Die Situation eskaliert. 1934 sind von den sieben Inselbewohnern noch drei am Leben. Der Rest ist tot oder verschollen, die Umstände sind mysteriös. Weshalb Mitterer einen Polizisten aus Ecuador nach Floreana entsendet …

Dieses Spiel im Spiel setzt Stephanie Mohr mit einigen gelungenen Einfällen in Szene. Die Bühne von Miriam Busch ist à la mode kahl bis zur rückwärtigen Feuermauer, der Boden übersät mit zerknülltem Papier von und über Ritter, Zeitungsartikel und Seiten seines in die Binsen gegangenen literarischen Hauptwerks. Die Darsteller pflügen durch diese Gazettenwüste wie durch einen von Gottes Gnade verlassenen Paradiesgarten. Ab und an entrollt sich ein Prospekt, ein Schwarzwaldhaus samt Lebkuchenmann und Tannenbaum, ein paar riesige Riesenechsen, eine Ansichtskarte vom angekündigten Hotel …, illustriert kurz das Geschehen und fällt dann zu Boden. Gespensterstimmen, ihr Raunen, Stöhnen und irres Lachen, klingt aus dem Off. Schmeißfliegengesurr umschwirrt ihre Leiber.

Friedrich Ritter neigt zu Gewaltausbrüchen: Raphael von Bargen mit Eva Mayer als „Jüngerin“ Dore Strauch und Polizist Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Moritz Schell

Die Baronin spielt gefährliche Piratenspielchen: Ruth Brauer-Kvam als Eloise Wagner de Bousquet mit Roman Schmelzer als Lover Bubi Philippson. Bild: Moritz Schell

Ermittler Felipe Pasmino erscheint, Ljubiša Lupo Grujčić mit – warum auch immer – Dauergrinsen im Gesicht. Es entsteht eine Art Verhörsituation, die Figuren fallen von der Gegenwart in ihre Vergangenheit und retour, der Polizist bleibt bei diesen Rückblenden als Beobachter am Rande der Szenerie. Man beschuldigt sich gegenseitig, man verleugnet sich, die Angaben widersprechen einander. Und weil hier dem Ordnungsorgan im Wortsinn etwas vorgespielt, etwas vorgegaukelt wird, agieren die Josefstädter in diesen Szenen wie beim Laientheater. Doch, egal ob hier und jetzt oder verwesend gewesen, egal also, auf welcher Zeitebene sich das Spiel gerade befindet, die Regie ändert weder durch Licht- noch sonstige Effekte etwas an der Einheitsstimmung. Das ermüdet.

Mohr bedient das Erzählerische des Textes, wie er ist auch ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, schnörkellos, unterkühlt und nichts ausstellend. In diesem auch metaphorisch leeren Raum hätten die Darsteller Platz für ihre Darstellung, doch nichts dergleichen passiert. Es entwickelt sich nichts, nichts bewegt sich, selbst die Drehbühne hat sich der Trägheit verschrieben. Wenn Emotionen hochkochen, ist auch dieses Aufeinanderprallen schockgefroren.

Entsprechend eindimensional die Rollengestaltung: Raphael von Bargen bleibt als Friedrich Ritter von vorne bis hinten hart, ungeduldig und von erbitterter Konsequenz, Eva Mayer dagegen ist als Dore Strauch die Dulderin mit Herz. Peter Scholz präsentiert Heinz Wittmer als geschwätzigen Nervtöter, aber immerhin Gemütsmensch, Pauline Knof ist als seine Frau Margret pragmatisch kalt und bärbeißig, und beiden haftet die wichtigste deutsche Tugend an, „tüchtig“ zu sein.

Ruth Brauer-Kvam legt die Baronin mit schriller Stimme und Hang zu überbordenden Gesten als unberechenbare, zähnefletschende (sic!) Wahnsinnige an. Ihre Eloise ist nicht mehr als das Spottbild eines Menschen, eine Möchtegernin sowohl als lustvolle Verbrecherin wie als männermordende Femme fatal. Matthias Franz Stein ist als misshandelter, devoter Rudi ein hilflos weinerlicher Tropf, Roman Schmelzer als Bubi um nichts weniger eine Persiflage und wohl in erster Linie deshalb auf der Bühne, weil er als „Kraftlackel“ die zierliche Brauer-Kvam ohne Probleme einen Abend lang auf Händen tragen kann. Grujčić bleibt als zweiter Ausdruck neben dem Grinsen ein ungläubiges Kopfschütteln ob der servierten Geschichten – wer der oder die Mörder sind, bleibt wie in der Wirklichkeit unklar.

Das Josefstädter Publikum dankte mit freundlichem, aber endenwollendem Applaus. Nun ließe sich vortrefflich über den dünnen Firnis der Zivilisation philosophieren, über das menschliche Miteinander im Allgemeinen und im Besonderen, über Macht- und Besitzansprüche und über das Survival of the Fittest – doch ehrlich, all das gibt die Aufführung nicht her. Der ganze Abend ist so mühsam und aufreibend staubtrocken, wie es das Leben auf Floreana wohl wirklich war. Ein literarischer Mehrwert zu den in regelmäßigen Abständen erscheinenden Fachpublikationen über Ritter und seine Runde findet sich nicht. Und so ist Mitterers „Galápagos“ in mehrfacher Hinsicht eine Insel der Unseligen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Md8dH6hBwkg

Originalaufnahmen/ORF ZiB2: tvthek.orf.at/topic/Kultur/6275545/ZIB-2/13921103/Galapagos-in-der-Josefstadt/14005850

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2017

 

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017