Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

www.akzent.at           www.facebook.com/hubsi.kramar

  1. 11. 2019

Rabenhof: Monster

November 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombieball im Hoamatland

Untotentanz beim Monsterball: Christoph Krutzler, Bettina Schwarz, Eva Mayer und Richard Schmetterer, hinten: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am Rottensee lässt sich’s gut verrotten, wissen die Buchleser längst. Nur logisch also, dass Regisseurin Christina Tscharyiski nun eine Truppe Untoter auf die Bühne stellt, damit diese Kurt Palms bizarre Romanfiguren zum Leben erwecken. Deren Krachlederne und Goiserer blicken tapfer ihren Lumpentagen ins Auge, und apropos: die wiederum sind von schwarzen Lidschatten umrandet und mit Gruselkontaktlinsen bestückt. Die Haut ist fahl und fleckig, die Stutzen sind löchrig.

Und mitten unter den derart liederlichen Leichen singt einer seine Lieder. Heißt: Es handelt sich dabei weniger um -musik, denn um Volksgegröle. „Alles Böse kommt aus dem Ausland herein“, schmettert der skurril-schmierige Schlagerschlurf im Silberanzug – damit das klar ist, denn das „Monster“, gestern erst im Rabenhof vom absurden Trash-Text zum aberwitzigen Theaterabend mutiert, ist keine scheußliche Bestie, sondern der ebensolche Seinszustand der Republik.

Tscharyiski, zuletzt im Erdberger Gemeindebau mit „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ erfolgreich (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), mixt nach Originalrezept Krimisatire, Politgroteske und beißende Gesellschaftskritik. Freilich kann ihre 80-Minuten-Show nur ein Shot zum Palm’schen Giftcocktail sein, sind hier doch die Ereignisse auf ihre Essenz reduziert, aber die verhängnisvollsten Vorkommnisse immerhin so verquickt, dass den diversen Handlungssträngen durchaus zu folgen ist.

Als da wären: Ein aus den Tiefen des Alls heranrasender Asteroid, ein riesiger Nazikillerfisch, seines Zeichens ein dereinst aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, ergo ein im Strandbad angeschwemmter abgebissener Frauenfuß, die irdische Hülle eines tschetschenischen Mädchen- und Organhändlers und ein lesbisches Vampirinnen-Pärchen, das Männer nach dem Aussaugen gern auch ausweidet, eine Innenministerin, die, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins Asylwerberheim gezwungen, von einem afrikanischen Eintopf isst, in dem eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt, ein wählerstimmengeiler Bürgermeister, der ein Seekonzert plant, und der in all diesen Fällen ermittelnde Polizist Alfons Stallinger, der die Katastrophen zu verhindert sucht …

Bettina Schwarz. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Christoph Krutzler. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Richard Schmetterer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer, Bettina Schwarz, Christoph Krutzler und Richard Schmetterer betätigen sich in diesem Umfeld als Erzähler und gestalten ein komplettes Kuriositätenkabinett an Charakteren. Vor einem pittoresken Alpenseebild, Kulisse und Kostüme sind von Jenny Schleif, mitten drin im Hoamatland, findet deren Zombieball statt, links ein Steckerlfischstand, der Himmel immer dann blutrot, wenn allerhöchste Gefahr droht. Gespielt wird einfach großartig und alle Geschlechterrollen ignorierend. Christoph Krutzler ist als abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter eine prächtige Bissgurn, ein wunderbar suizidaler Weltuntergangsprophet ist gleich: Astronom auf Teneriffa, und sehr attraktiv als osteuropäisch-sexy Blutsaugerin.

Deren Sarggenossin gibt Richard Schmetterer mit Flittchenblick und gekonntem Hüftkreisen, und weil er schon mit Todesverachtung die Totenblasse mimt, übernimmt er auch gleich den Part des nicht ausschließlich wegen seiner Wasserphobie schreckensbleichen Alfons Stallinger. Spooky Eva Mayer macht unter anderem auf Immobilientycoon Alexander Prix, ein Kapitalisten-Prototyp und in jedem Sinne mit dicker Hose ausgestatteter Koks- und Splatterfan, Bettina Schwarz spielt den bärbeißig-unbelehrbaren Bürgermeister und die beflissene Flüchtlingsheim-Betreuerin der Familie Nkwongu. Zum kessen Grusical gerät das Ganze durch die Kompositionen von Musiker Valentin Eybl und „5/8erl in Ehr’n“-Sänger Robert Slivovsky aka Romantic Slivo.

Meistersinger der hinterfotzigen Heurigenlieder und der gfeanzten Volksmusik: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Romantic Slivo ist ein fantastischer Entertainer, sozusagen das A und O dieser Apokalypse, und legt mit skandalös-hinterfotzigen Heurigenmelodien über die hiesigen Goldenen Herzen und Songs wie „Ohne di / geh‘ i nirgendwo hi'“ die Lunte ans Pulverfass von Patriotismus und Chauvinismus, von Xenophobie und Neophobie. Den gfeanzten volks- dümmlichen Schmachtfetzen bringt Slivo als Volks-Rock’n’Roller Andreas Mastwächter zu Gehör.

Dessen von den Menschenmassen umjubelter Auftritt beim „Rock se Lek“-Konzert wird zum Höhepunkt der Weltuntergangsumtriebe – alldieweil Schwarz als Herr Nkwongu dessen Brief ans neue Vaterland Österreich unter Fanfarenklängen als Fanal für Vielfalt, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz vorliest, dem Prix von den feministischen Vampirinnen das Herz aus der Brust gerissen und ausgetrunken wird, die Innenministerin symbolträchtig in einer sumpfigen Lacke versinkt und der Stallinger sich wieder aufs Sockenstricken verlegt.

Unheimlich gemütlich, diese horrible Heimatseligkeit. Als wär’s ein „Austrian Gothic“-Gemälde schleichen Kurt Palms modrige Märchengestalten durch Christina Tscharyiski nationalgroteskes Grand Guignol. Auf Geschunkel, Wertegeschwafel und die rechte Gesinnung folgt der Final Impact, das absehbare Ende, das bei diesem viel zu kurzen Schabernack denn doch plötzlich und unerwartet kommt. Der Schluss natürlich bitterböse, das Publikum in Jubelstimmung, soviel zum monsterhaften Absang einer Aufführung, die sich Freunde des gepflegten Sarkasmus keinesfalls entgehen lassen sollten.

www.rabenhoftheater.com            Romanrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263

  1. 11. 2019

Johannes Gans/Eva Wrazdil: Weingeschichten aus Friaul

Juli 23, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarische Reise zu edlen Reben

„Mandi!“ lautet der herzliche Willkommensgruß in Friaul. Er bedeutet: Komm herein, nimm Platz und trink ein Glas Wein mit mir. Was gibt es auch Schöneres, als gemütlich mit Winzern beisammen zu sitzen und zuzuhören, wenn sie über ihre Arbeit, ihre Philosophie und die Geheimnisse ihres Weinguts erzählen?

Johannes Gans und Eva Wrazdil laden mit ihren „Weingeschichten aus Friaul“ zu einer literarischen Reise in die geheimnisvollen Tiefen der Weinkeller zwischen Udine, Cividale und Triest ein. Dorthin, wo die Seele dieser reizvollen Landschaft zu spüren ist, die sich nirgendwo deutlicher als im Wein offenbart. Ob es ein Weingarten zwischen den Wasserkanälen der Lagune ist, ein nobler Graf, der auf ein jahrhundertealtes Familienerbe zurückblickt, oder ein kleiner Weinbauer, der neben seinen autochthonen Weinen auch köstliche Salami und Prosciutto produziert: Jedes der vierzig Weingüter, die vorgestellt werden, hat eine spannende Story zu bieten, die Lust macht, die edlen Tropfen zu verkosten.

Dies am besten mit diesem – dank der üppigen Bebilderung mit Fotos von Eva Wrazdil – wunderbar gestalteten Band als Reiseführer, mit dem sich die kulturellen und kulinarischen Köstlichkeiten dieser Region kennenlernen lassen. Vom schlossähnlichen Weingut „Il Roncal“ der Martina Moreale, einer ehemaligen Bankerin, die es der Liebe wegen zur Landwirtschaft zog, über den futuristischen Präsentationsraum von „La Tunella“, den die Familie Zorzettig mit Glasplatten auslegen ließ, damit darunter der Naturboden, die Ponca, zu sehen ist, geht’s zum historischen Bauernhaus der Foffani, wo Elisabetta und Giovanni im denkmalgeschützten Gebäude aus der Zeit um 1500 wirken.

Das Weingut Il Roncal gleicht mit seiner Grotte und seinem Turm einem Schloss. Bild: Eva Wrazdil

Fabjan di Giusto Fabiani: Zum Bianco Pulje gehört Prosciutto. Bild: Eva Wrazdil

Der Weingarten von I Magredi erinnert an barocke Landschaftsgestaltung. Bild: Eva Wrazdil

Malerisch: Castello di Miramare über der Bucht von Grignano nahe Triest. Bild: Eva Wrazdil

Gans und Wrazdil wissen aber nicht nur vom Rebensaft und dessen Produzenten zu berichten. Sie geleiten ihre Leser, ganz nach dem Motto „vino è cultura“, auch zu den Sehenswürdigkeiten des Friaul. Wie dem Dom Santa Maria Assunta mit dem berühmten Altaraufsatz des Patriarchen Pilgrim II. in Cividale del Friuli, der Abtei von Rosazzo, im neunten Jahrhundert Klause des Einsiedlers Alemanno, bis 1823 erweitert zum Sommersitz der Bischöfe von Udine, oder der Borgo Castello, der Festung der Grafen von Gorizia, die die Habsburger als Demonstration ihres Machtanspruchs mit einem Doppeladler überm Tor versehen ließen.

Weil aber Refosco, Verduzzo oder Scioppettino allein auch nicht glücklich machen, gibt‘s Ausflüge in Cafés und Bars, zum Gubana, dem „dolce tipico“ in Friaul, einem Grappa-getränkten Kuchen, zum Geschmacksexperiment dreißig Jahre alten „Asperum“, einen pikantsüßen Balsamico, auf Orangenschokolde zu probieren, oder, wer’s lieber deftiger mag, zu Salumi, Orzotto, einem Gerstengericht mit Salsiccia, oder einer in Chardonnay geschmorten Gans, der Spezialität von Monica und Giorgio Zaglia. Zum Abschluss, natürlich ein Gläschen Passito, dem aus nahezu rosinierten Trauben gemachten Süßwein, und von Johannes Gans ein Glossar, damit man den Genuss das nächste Mal auch mit Fachvokalen wirken lassen kann. Alla vostra salute!

Über die Autoren: Johannes Gans: Jahrgang 1955, Studium an der Universität für darstellende Kunst, seit 30 Jahren freier Journalist, unter anderem im ORF-NÖ, als Buchautor bei mehreren Verlagen (unter anderem Falter, Stocker) tätig und seit 2010 Herausgeber des online-Magazins „Kultur & Wein“. Eva Wrazdil: 41 Jahre Fotografin bei Foto Simonis, anschließend als freie Fotografin für diverse Bücher (unter anderem Klostergeheimnisse, Wachau Reiseführer, Handwerk und seine Meister) tätig, derzeit zuständig für die grafische Gestaltung im online-Magazin „Kultur & Wein“. www.kulturundwein.com

Verlag Anton Pustet, Johannes Gans, Eva Wrazdil: „Weingeschichten aus dem Friaul“, Sachbuch, 160 Seiten.

www.pustet.at

  1. 7. 2019

Werk X-Petersplatz: Carrying A Gun

Januar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikales Gedicht mit rabiaten E-Gitarren

Sound trifft Sprache: Eva Lakits, Katharina Weinkamer, Julia Gradl, Chili Tomasson, im Hintergrund: Tim Luger und Luk Kofler. Bild: © Alexander Gotter

Die Beschwerde gleich zu Beginn: Die Performance der Band kommt zu kurz. Viel länger noch, als es der 60-minütige Abend hergibt, hätte man Chili Tomasson and the Cinema Electric zuhören wollen, versteht es die Post-Prog-Formation doch auch diesmal mit ihren zwischen wuchtigem Gitarrensound und filigran lyrischem Zwischenspiel changierenden Tonstücken zu begeistern. Die Kompositionen sind wie stets anspruchsvoll, die Arrangements aufs Feinste durchdacht.

Die Musik ist für sich schon ein großes Ganzes. Doch weil eben Lyrik ein dominantes Element ihrer Auftritte ist, hat Chili Tomasson seine Klang-Art um drei Sprechpositionen erweitert. „Carrying A Gun“ heißt die so entstandene Aufführung, die im Werk X-Petersplatz ihre Wien-Premiere hatte. Clara Schulze-Wegener, Eva Lakits und Maria Sendlhofer teilen unter sich ein Gedicht, besser: eine in ihrer Radikalität bemerkenswerte Gedankenfolge, die um die Definitionsmacht Sprache und das Wort als Waffe kreist. Aus Sicht der Sprecherinnen werden patriarchale Gesellschaftsstrukturen und tradierte Normen auf ihre Ungültigkeit untersucht, wird der Wille zum Widerstand gegen diese verhandelt. Und weil jede Frage die Antwort auf sie einschränkt, oder so, wie Meinung keine Haltung und Ungleichheit nicht gleich Unterschiedlichkeit ist, geben sich die drei nie mit nur einer Lösung zufrieden.

Julia Gradl, Chili Tomasson, Katharina Weinkamer und Tim Luger. Bild: © Alexander Gotter

Maria Sendlhofer ist eine der drei Sprecherinnen. Bild: © Alexander Gotter

Während derart Begrifflichkeiten überprüft werden (etwa: im Vergleich Macht vs Ohnmacht, ist zweitere die deutlich präzisere Benennung), entfaltet der Sound von Chili Tomasson and the Cinema Electric einen suggestiven Sog. Der in seiner Wirkung an Queensrÿche’s „Operation: Mindcrime“ heranreicht. Rabiate, eindringliche Riffs, ein Schlagzeug, das die Band gekonnt vor sich hertreibt, eine elektrische Orgel bestreitet das Poetische – und über allem schwebt die Stimme eines Saxophons. Wie gesagt, 60 Minuten sind …

werk-x.at          chilitomasson.wixsite.com/chili-tomasson

  1. 1. 2019