aktionstheater ensemble: „6 Frauen 6 Männer“ im Kosmos Theater Wien

Januar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Suche nach Selbstbildern

Anti-Helden im Feinripp: Andreas Jähnert, Benjamin Vanyek, Sascha Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Peter Pertusini. Bild: Gerhard Breitwieser

Nicht, dass es nicht klar gewesen wäre, aber einmal mehr zeigte sich gestern Abend, dass es so viel besser ist, eine Frau zu sein. Weil als solche trinkt man Sekt gleich flaschenweise, während die Männer sich mit Sprudelwasser begnügen müssen. Überhaupt ist’s, als träfen wilde Bacchantinnen auf ein Therapiegrüppchen, hie Ekstase, da Krampf, die Frauen grölen anstößige Lieder, die Männer geben einander Tipps zum Massieren von Rosen. Damit die sich öffnen.

Und ja, es wäre zu schön, um wahr zu sein, hätten sie das doppeldeutig gemeint. Also … Zum 30-Jahr-Jubiläum des aktionstheater ensembles hat dessen Mastermind Martin Gruber die aktuelle Produktion „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und die 2015 für den Nestroy-Preis nominiert gewesene „Pension Europa“ zum Abend „6 Frauen 6 Männer“ verknüpft, derzeit zu sehen im Kosmos Theater Wien. Wie stets beweist Gruber damit Gespür für die Themen der unmittelbaren Gegenwart – von Genderfragen und Rollenklischees bis zu Grenzziehungen und gesellschaftlichen Exklusionen. Entstanden aus Recherche und Selbstbefragung, für die aktuellen Termine textlich und inszenatorisch neu bearbeitet und musikalisch neu interpretiert, hebt Gruber doch zwischen Teil eins und zwei die Ähnlichkeiten in den Unterschieden hervor.

Sie reichen von Sexproblemen bis Körperunzufriedenheit, von der Suche nach einem Selbst- bis zum unangenehmen Fremdbild, Wurzel allen Übels das gegenseitige Missverstehen der Geschlechter – solcherart präsentieren die Performerinnen und Performer ihre unerbittliche Bestandsaufnahme, die Streitpunkte und die Schnittmengen, machen mit beißendem Witz das Politische zum Privaten und das Private zum Politischen, immer hart an der Kante von Selbsterkenntnis und Rollenspiel, und wie immer als theatrale Verdichtung von Sprache, Musik und Choreografie zu einem großen Ganzen.

Den Anfang machen die Männer, Andreas und Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, begleitet von Musikerin und Sängerin Nadine Abado mit ihrem Projekt PH LION. In weißer Feinrippwäsche und mit einer beständigen „Wohin mit den Händen?“-Bewegung beginnt das Abklopfen von Männlichkeitsstereotypen, wobei nicht nur der ewig untote Machismo, sondern auch „der neue Mann“ satirisch aufs Korn genommen wird. Eine so grandiose wie gnadenlose Nabelschau ist das geworden, Alltagsbeobachtungen als Essenz kredenzt, ein Auflisten von Versagensängsten und erotischen Albträumen, von ödipalen Komplexen und unheilbarer Hypochondrie.

Kirstin Schwab, Alev Irmak und Michaela Bilgeri, die im Kosmos Theater mit Gipsbein spielt. Bild: Felix Dietlinger

Will die Frau in sich erspüren: Thomas Kolle mit Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Die Darstellung der diversen Identitätskrisen ist Hochleistungssport, bald haben sich die sechs schweißnass gearbeitet, wenn sie übers Anforderungsprofil Held auf weißem Hengst, handwerkliches Universalgenie, perfekter Hausmann, Liebhaber sowieso sinnieren. Von Baumarktgesprächen geht’s zum Reproduktionsurinstinkt, mag nicht einfach sein, sich mit einem Körperteil mit Eigenleben, oder im schlimmsten Fall keinem mehr, zu arrangieren, zum Quotenlosertum. Nicht umsonst, konstatiert der Schnelle-Fick-Typ Fabian, sei Versager ein männliches Wort. Wozu es allerdings zu sagen gilt, dass sich im Synonymlexikon dieser Tage unter „Frau“ nach wie vor die Begriffe Dienstmagd, Bettgenossin, Flittchen, unter „Mann“ hingegen die Vergleiche Herr der Schöpfung, das starke Geschlecht, Mannsbild finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich eine Frau in der Nacht auf dem Gehsteig überholen soll, so dass sie keine Angst vor mir hat …“, fragt sich der sensible Sascha, während Peter im Furor sein Mann-Sein zwischen die Beine klemmt, um „die Frau in mir“ zu erspüren. All diese Verstörungen werden zwar höchst empathisch dargeboten, aber weil Buben von klein auf Konkurrenz getrimmt werden, kommt’s zu Aggression, Schlägerei und Rudelringkampf. Benjamin, der einzige Widerpart, der einzige Schwule, und auch das ein Klischee, resümiert immer öfter: „Und warum erzählst du das jetzt?“, sein Tonfall genervt, seine Haltung ein klares Mit-denen-nichts-zu-tun-haben-Wollen. Doch die Videoprojektionen von Claudia Virginia aka Dornwittchen changieren schon zwischen bissigem Rottweiler und blutigem Schmetterling, so wie sich der Chauvinismus in einen Tanz mit Cheerleader-Pompons verwandelt.

Sechs Männer, sechs Sichtweisen, da ist logisch, dass kein Konsens gefunden wird. Es mag einem ein wenig die Stringenz des Gezeigten abgehen, aber wenn Nadine Abado die vorgeführte Selbstdekonstruktion in ihren fantastischen Livegesang übersetzt, so geht das tief unter die Haut. Nicht weniger irrwitzig, ebenso poetisch und um einiges schamloser zeigen sich Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab danach in „Pension Europa“, erste mit Gipsbein und von ihren Mitstreiterinnen im Rolli geschoben. Aisah Eisa singt zum Spiel ihre selbstverfassten Songs über die Suche nach dem Paradies. In nudefarbenen Dessous, die Brandt trägt darunter selbstironisch Shapewear, werden nun weibliche wahre Bekenntnisse und erdichtete Geständnisse offenbart.

Und wie bei den Männern sind diese haarscharf an der Peinlichkeit und knapp vorbei an der Plattitüde, was vor wie nach der Pause beim Publikum für höchstes Amüsement sorgt. Wie’s seine Art ist, schafft es Gruber tiefsinnig durch Untiefen, liefert er Humor mit Hintersinn und ins Absurde verpackt eine messerscharfe Analyse. Auf ebenfalls fast leerer Bühne, rechts ein Kleiderständer mit Brautmode, an der Rückwand wächst und gedeiht Felix Dietlingers Video-Blume, gestalten die Schauspielerinnen ausdrucksstarke Körperbilder, eine Selbstverteidigungschoreografie, Aktionismus mit „Stacheldraht“ à la Pjotr Pawlenski, was Kirstin Schwab gründlich missrät, weil ihr, meint sie, zum einen die asketische Christus-Attitüde des russischen Konzeptkünstlers abgeht, und zum anderen in Österreich für eine gelungene Performance zu wenig gelitten wird.

Selbstverteidigungschoreografie: Susanne Brandt, Aisah Eisa, Michaela Bilgeri, hier noch ohne Rolli, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Alev Irmak. Bild: Felix Dietlinger

Dem ist angesichts des Dargebrachten deutlich zu widersprechen. Wieder drehen sich Gespräche um die Unlust des Äußeren, was Männern die vergleichende Penis-Vermessung ist, sind den Frauen Cellulite und Wabelarme – und ein Muttermal an den Schamlippen. Susanne Brandt erzählt von einem ägyptischen Urlaubsflirt, der ihr nun nach Europa nachflüchten will, was ihr gar nicht passt, und, dass sie mit den osteuropäischen Bettlern in der U-Bahn nicht umgehen kann.

Alev Irmak, dass in der Wahl zwischen der Türkei und Österreich Heimat für sie dort sei, „wo ich am besten scheißen kann“, was derzeit hierzulande ist. Derart werden persönlichste Begebenheiten zu gleichsam europäischen, die Frauen wechseln von deftig zu hart zu zart, und sie haben’s definitiv lustiger. „6 Frauen 6 Männer“ besticht mit seiner hohen Authentizität; den Mitwirkenden ist für ihren Mut und ihr performatives Potenzial sehr zu danken. Was das aktionstheater ensemble hier auf eindrückliche Weise veranschaulicht, ist, dass Veränderungen im vermeintlich Kleinen wie im Großen nur stattfinden werden, wenn man endlich damit anfängt. Freiheit soll man sowohl sich selbst, als auch den anderen gewähren, scheint Martin Gruber zu sagen. Welch ein versöhnlicher Gedanke, der diese beiden großartigen Aufführungen abrundet.

Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322

Trailer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“: vimeo.com/279821837

Trailer „Pension Europa“: vimeo.com/97548144

kosmostheater.at          aktionstheater.at/

  1. 1. 2019

Burgtheater im Kasino: europa flieht nach europa

Oktober 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Mythos bei den Hörnern gepackt

Statt Sex mit dem Stier gibt’s für Europa eine Runde „Blinde Kuh“: Alina Fritsch, Sven Dolinski, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockinger, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Da steht sie also, Dorothee Hartinger als Europa, in blutiger Stola und sein Herz in der Hand, die Stiertöterin, die Freikämpferin. Noch bevor ihr Entführer zum Vergewaltiger werden konnte, hat sie Gott Zeus den Garaus gemacht. Wie wär’s auch anders möglich? Die Schöpfungsgeschichte eines ganzen Kontinents kann doch nicht mit einer Gewalttat beginnen! Also der Machomännertat flugs Frauenpower entgegengesetzt.

„Hier beginnt das Kapitel Hoffnung“, formuliert die Hartinger Europas euphorische Einladung an die „friedlichen Menschen“, einen Erdteil zu besiedeln, der „nicht in Blut getränkt“ sein soll. Dass sie da bald resignieren muss angesichts rechter Realitäten, Unrechtmäßigkeiten, Grausamkeiten, Gräuelerbe, ist klar.

Die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova hat den Mythos bei den Hörnern gepackt und mit „europa flieht nach europa“ einen hinterlistig heiteren Text verfasst, der nach der Uraufführung bei den Berliner Autorentheatertagen nun im Kasino des Burgtheaters Premiere hatte. „ein dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ nennt die Autorin ihre Arbeit, der Titel wohl als Reminiszenz an 2500 Jahre Vertreibung, Flucht, Völkerwanderung gedacht. Tatsächlich klingen die melodiös mäandernden Satzkaskaden mit ihren Aus- und Abschweifungen einigermaßen jelinekisch, eine Hommage an die Große und deren In-immer-wieder-Worte-Fassung eines beklemmenden Heimatbegriffs. Bei Svolikova wird das „Abenteuer Abendland“ vollends zur Farce.

Dementsprechend hat Regisseur Franz-Xaver-Mayr eine tragikomische Clownerie inszeniert, einen grellen „karneval der wirklichkeit“ – dieser als Burg-Spielzeitmotto von Svolikova entliehen -, auf dem Kreuzzügler, Kolonialisten, Kapitalisten und Klassenkämpfer ihren Bilderringelreihen aufführen. Den beginnt Valentin Postlmayr als mit aufgemalten Muskeln bepackter König; erst stotternd, bis es ihn beinah zerreißend aus ihm herausbricht, weidet er sich an seiner totalitären Regentschaft. Später wird Postlmayr gemeinsam mit Sven Dolinski zwei als Bauern verkleidete Beamte mimen, die sich mit Falsettstimme freuen, dass es das Leben mit beiden Ständen so schlecht meint. Auftritt der drei Moiren, die den Faden, den sie dafür in Händen halten, allerdings alsbald verlieren.

Der personifizierte Regenbogen: Dorothee Hartinger, Sven Dolinski, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Europas Kinder machen Mut: Marta Kizyma, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski, Marie-Luise Stockinger, Alina Fritsch und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma spielt eine Hexe nach Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen, Alina Fritsch den waffenbewehrten, in imperialistischem Denken verhafteten Adelsstand, Marie-Luise Stockinger macht die Ambivalenz der Wissenschaft deutlich – als Lebenvernichter wie dessen Erschaffer -, um schließlich einen Priester darzustellen, der den Verfall von Sitte, Anstand, Familie beklagt. Ihnen allen bietet Europa, nun in rosafarbener Krinoline, ihr Zitzenunterkleid als Nahrungsquelle an, aber ach Aktualität!, „es kommen immer mehr“. Dolinski tritt als Regenbogen auf, der gequetscht wird, bis alle Farben zusammenrinnen und braun werden. Folie auf Folie zieht Svolikova ab, um Geschichte wie Gegenwart bloßzulegen.

Mayr setzt ihr lyrisches Sprachgewühl höchst exakt um. Präzise einstudierte Sprechchöre und aufwändige Gesangsnummern bringen den Abend zum Klingen. Mit Dadada- und Lalala-Lauten instrumentiert er die Europahymne, wie man sie schräger noch nie gehört hat. Dennoch verblödelt er die Vorlage nicht, er nimmt nur mit der ihm gegebenen Leichtigkeit auf, was Symbollast hätte werden können.

Nachdem Europas Grundpfeiler – griechische Demokratie, römisches Recht, christliche Nächstenliebe, die Aufklärung und ihr Bildungsgut, Willkommenskultur – derart ironisch abgeklopft und als mängelhaft gemeldet sind, beschließt sie im schwarzen Traueroutfit zu sterben. Doch ihre Kinder machen Mut. Sie wollen nicht aufhören, das Neue zu erfinden, bis die Welt eine richtige geworden ist. Denn auch das ist Europa: Immer wieder Utopie, die aus dem Chaos entsteht. Das jungeuropäische Publikum applaudierte dieser Idee am Stückende begeistert.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Rimini Protokoll sucht Gastgeber in Wien

August 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Für das Projekt „Hausbesuch Europa“

Rimini Protokoll: Hausbesuch Europa. Bild: © Pigi Psimenou

Rimini Protokoll: Hausbesuch Europa. Bild: © Pigi Psimenou

Die Performancegruppe Rimini Protokoll sucht Wienerinnen und Wiener, die bereit sind, ihre Wohnung für eine zweistündige Aufführung von „Hausbesuch Europa“ für 15 Gäste zu öffnen. Nach Amsterdam, Bergen, Lissabon, Berlin, Prag, und vielen weiteren Städten tourt das Projekt im Herbst auch durch Wiener Wohnungen und baut so ein dezentrales Netzwerk auf, das sich von Haustür zu Haustür über den Kontinent erstreckt.

Für die Aufführungen werden im Zeitraum vom 28. September bis 9. Oktober Privatwohnungen benötigt. Sie sollten einen großen Tisch mit 15 Sitzplätzen und einen Backofen oder ein Backrohr zur Verfügung stellen können. Die gesamte weitere Organisation übernimmt brut Wien. Interessenten melden sich unter organisation@brut-wien.at. Auf der Webseite brut-wien.at findet sich ein Anmeldeformular, das ausgefüllt mit Angaben zur Wohnung und einem Foto der Wohnung mitzuschicken ist.

Das Team bringt Kekse, Tee und Kaffee mit, natürlich die notwendige Technik, und, so nicht genug Sitzgelegenheiten vorhanden sind, auch Klappstühle. Die Adresse der Wohnung wird nicht öffentlich bekanntgegeben, erst nach dem Bezahlen der Tickets bekommen die jeweiligen Theatergäste den Ort der Veranstaltung genannt.

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Zum Projekt:

„Hausbesuch Europa“ ist eine Aufführung, die sich im Handgepäck transportieren lässt und die einem so nahe kommt, wie es die großen Ideen sonst selten tun. Was ist Europa? Ist es eine geografische Grenze, eine kulturelle Identität, ein Staatenverbund? Europa, so wird immer wieder konstatiert, ist am ehesten eine sich ständig wandelnde Idee – zu theoretisch, als dass sie vom Einzelnen als Lebenswirklichkeit erfahren werden könnte. Rimini Protokoll kontrastiert diese abstrakte europäische Idee mit der Individualität einer Privatwohnung. In einem Wohnzimmer werden 15 Menschen Teil eines Gesellschaftsspiels, das persönliche Geschichten und die Mechanismen des politischen Europa miteinander verzahnt. Was sich erst noch anfühlt, wie eine politische Sitzung, nimmt bald eine andere Wendung: Karten werden ausgebreitet, Probleme werden diskutiert und gemeinsam Entscheidungen getroffen. Für die Dauer einer Aufführung wird Europa als sozialer Raum erfahrbar.

Mehr Infos: www.homevisiteurope.org     www.rimini-protokoll.de

Trailer: vimeo.com/131524136

Wien, 10. 8. 2016

Akademietheater: Hotel Europa oder Der Antichrist

Dezember 14, 2015 in Bühne

Fabian Krüger, Aenne Schwarz, Michael Klammer Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Fabian Krüger, Aenne Schwarz, Michael Klammer
Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

VON MICHAELA MOTTINGER

Tief in die österreichische Seele geringelt

Es ist dies einer der tiefsinnigst schwachsinnigen Theaterabende, die derzeit zu erleben sind. Er ist Liebe und Leid und Klamauk und Krieg und kein Etikettenschwindel, sondern klar deklariert als „ein Projekt frei nach“. Joseph Roth. Der heilige Alkoholiker. Der weitsichtige Scharfsteller. Der Zerbrochene am Zerfall Europas. Der gar nicht so stumme Prophet. Regisseur Antú Romero Nunes und sein Dramaturg Florian Hirsch haben am Akademietheater Roth an Roth gereiht. Wie schon aus dem Titel ihrer Collage ersichtlich, besteht „Hotel Europa“ unter anderem aus „Der Antichrist“, „Die Beichte eines Mörders“ oder „Die Geschichte von der 1002. Nacht“. Stationschef Fallmerayer tritt auf und seine russische Geliebte, die Gräfin Anja Walewska, desillusionierte Soldaten, Beute machende Industrielle, der Liftboy Ignaz aus dem „Hotel Savoy“, man weiß ja, welche Geschichte es mit dem hat, mal vier, denn Nunes hat alle seine Spieler in die violette Pagenuniform gesteckt. Dazu würzt der Theatermacher eine Prise Rilkes „Panther“ oder schiebt dem Dalai Lama einen Spruch von Ulli Hoeneß unter. Auch Klaus Kinskis Fitzcarraldo-Wutausbruch kommt vor. Im schwarzen Loch von Bühnenbildner Matthias Koch, das ein Nobelfoyer war und immer noch sein will.

Unzulässig, nein, ist das nicht. Nunes erzählt in der Konfusion eine klare Geschichte. Eine über Sprache und deren Verlust. Kaum etwas hat die vor dem Faschismus flüchtenden Dichter in ihrer Emigration mehr gebeutelt. Nunes hat sich tief in die österreichische Seele geringelt. In die europäische. Seine Gespenster mit dem Kaiser-Franz-Joseph-Bart, Aenne Schwarz, Katharina Lorenz, Fabian Krüger und Michael Klammer, verwenden die niemals gute alte Zeit als Folie für das Heute. Ist es schon wieder so weit?, möchte man fragen. Die Darsteller sprechen alle möglichen Arten Deutsch. Dialekt und Akzent und Slang und schlecht, weil die meisten ja keine wieauchimmer „gebürtige, nona“ Wiener sind. Die babylonische Geistesverwirrung treibt irre Blüten. Der Schatten wird mit dem Gegenstand selbst verwechselt. „Niemals waren wir in der Sprache so verloren“, ist ein Satz der mehrmals fällt. Sprache, das ist Sein oder Nichtsein. Der Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ wird von rechten Schreihälsen vergewaltigt. Radikale Politiker plärren auf Podesten. Es ist schon wieder so weit. Roth hat vor denen gewarnt, die lieber Herren als Menschen waren. „Irgendwann wird sich alles in brauen Sumpf verwandeln.“ Nunes weiß das. Er erzählt von Flucht und überall fremd sein, von Heimat und Heimkehr, von der Front, die auch in Worten wie Frontex steckt. Sprache ist die schlimmste aller Waffen. In diesem Sinne geht der Abend an Schmerz-Grenzen.

„Hotel Europa“ ist wie ein Vorspiel zum Endspiel. „Gräuel geschehen, und wir zahlen Eintritt.“ Die Inszenierung ist die Aufforderung darüber nachzudenken, mit wem man Geschäfte macht, mit wem man sich ins Bett legt, und wen man draußen vorm Zaun verrecken lässt. Das Hotel Euopa ist besetzt. Alles belegt! Die Inszenierung ist wie die Kurzfassung der Kindertrickserie „Es war einmal … der Mensch“, nur kriegt deren Titelsong eine grauslich neue Bedeutung: Tausend Jahre sind ein Tag. Geschichte ist, wenn man tunlich nichts aus ihr lernt. Eine von Michael Klammer gestaltete Flipchartszene, in der er Blut mit Boden aufrechnet, hätte es da gar nicht gebraucht, man hat verstanden. Und hätte gerne noch mehr gesehen. Von der Heiligen Nacht bis zum Heiligen Krieg. Von der Wiederauferstehung des Antichristen. Nunes sagt zum Publikum: Ich habe mir etwas gedacht, bitte schaut es euch an und denkt es, wenn ihr wollt, weiter. Gerne? Nicht gerne, aber sehr dringend. Selten trifft dieser Theaterabende jemand so dezidiert eine Aussage zum eben gewesenen Tag.

Das alles ist ganz und gar nicht akademisch. Dazu spielt Nunes viel zu gerne. Federn fliegen und der Sensenmann geht bedeutungsschwanger vorüber. „Bitte ned stean“ steht auf einem Schild neben der Klingel in der Portiersloge, das die vier Türhüter immer dann aufstellen, wenn sie etwas zu verhandeln haben. „Er sieht aus, wie ich spreche“ ist eine Abwandlung des Spruchs „You look like I feel“, weil, „erst wenn du diskriminiert bist, bist du ehrlich“. Sagt der Kleine Mocca zum Großen Braunen. Sagt Nunes in einer Nonsense-Sequenz über die hiesige Kaffeekultur. „Verlängerter!“ – „Hihihi!“ Es ist jedenfalls fad und menschenleer im Foyer, also beginnen die Rollenspiele. Und damit die Sexspielchen. Roth rotiert von Albtraumtanz bis Zugunglück. Lorenz, Schwarz, Klammer und Krüger sind fantastisch. Als Schauspieler, Sänger, rotnasige Clowns und Katastrophengebeutelte. Arme und Beine ketten die Körper einer Amour fou aneinander, aus Armen und Beinen gestaltet sich ein Hakenkreuz. Fabian Krüger ziert sich ganz entzückend vor der ersten Liebesnacht, Katharina Lorenz möchte Strapse sehen. Auch die Geschlechter sind im Kampf gegeneinander, sei’s in einem allein oder in zweien gemeinsam. Aenne Schwarz gibt den seelisch zerrütteten Soldaten, der sah, wie Glocken zu Kanonen wurden, sah, was Kanonen anrichten, und seither kein Glockengeläut mehr hören kann. Freilich endet der Abend in geschützdonnerdröhnendem Bummerin-Gewummer. Die furchtbare Schönheit dieser Bilder beglückt.

In einem aber zumindest irrte Nunes. „Am schönsten stirbt sich’s zum Radetzkymarsch“, das mag sein. Aber der wieauchimmer „gebürtige, nona“ Tübinger wird kein Publikum am Akademietheater zum Klatschen verführen können. Diese Demaskierung findet nicht statt, denn das Viervierteltakt-Paschen ist denn doch mehr was für die Deutschen. Oder für den Musikantenstadl. Der ja mittlerweile auch deutsch ist. Zum Radetzkymarsch, müssen Sie wissen, klatscht man hierzulande nur beim Neujahrskonzert. Und selbst das hat Nikolaus Harnoncourt eigentlich verboten. Nicht wegen der besseren Hörbarkeit der Musik, sondern weil man einem k.u.k. Kriegstreiber und Mörder nicht mehr applaudiert.

www.burgtheater.at

Wien, 14. 12. 2015

Belvedere: Europa in Wien

Februar 19, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Wiener Kongress 1814/15

Johann Peter Krafft, Der Abschied des Landwehrmannes, 1813. Öl auf Leinwand © Belvedere, Wien

Johann Peter Krafft, Der Abschied des Landwehrmannes, 1813. Öl auf Leinwand
© Belvedere, Wien

Ab 20. Februar ist im Unteren Belvedere und in der Orangerie die Ausstellung „Europa in Wien“ zu sehen. In der europäischen Geschichte zählt der Wiener Kongress zu den bedeutendsten internationalen Großereignissen. Vor 200 Jahren war Wien mehrere Monate lang das politische, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum Europas. Gastgeber war Kaiser Franz I. von Österreich. Alle großen Mächte Europas sandten ihre Delegierten, um gemeinsam über die Neuordnung des Kontinents, der durch die Napoleonischen Kriege seine politische Stabilität verloren hatte, zu beraten. Österreich wurde durch Fürst von Metternich repräsentiert, der auch als Präsident des Kongresses fungierte. Das erklärte Ziel war, durch einen Ausgleich der Machtverhältnisse Frieden und Ordnung in Europa zu schaffen und dauerhaft zu sichern. Begleitet wurden die diplomatischen Verhandlungen von gesellschaftlichen Ereignissen und Vergnügungen verschiedenster Art, deren ungeheure Prachtentfaltung in zahlreichen schriftlichen und bildlichen Dokumenten festgehalten ist. Wien blühte als Zentrum des kulturellen Lebens auf, zahlreiche Künstler kamen in die Kaiserstadt, und alle Sparten der heimischen Kunstproduktion wurden angeregt. Mit „Europa in Wien. Der Wiener Kongress 1814/15“ zeigt das Belvedere eine umfassende Ausstellung, die sowohl die politischen als auch die gesellschaftlichen Aspekte dieses außergewöhnlichen Ereignisses, das ganz Europa mehrere Monate hindurch in Atem hielt, beleuchtet.

Zu wohl kaum einem anderen politischen, diplomatischen und gesellschaftlichen Geschehen des 19. Jahrhunderts existiert so viel unterschiedliches Material wie zum Wiener Kongress, der die Donaumetropole für eine kurze Periode zum Mittelpunkt Europas machte. Die Aufbereitung der Exponate für eine Ausstellung stellte die Kuratoren Sabine Grabner und Werner Telesko vor die Herausforderung, ein diplomatisches und historisches Ereignis, das vor allem als ein gesellschaftliches wahrgenommen wird, anschaulich zu präsentieren. Von der Reportagegrafik und der Karikatur über Historienbilder bis hin zu Porträts in mannigfachen Formaten – vom Miniaturformat über die Skulptur bis zum lebensgroßen Ölbild – reichen die aus vielen Ländern stammenden Ausstellungsstücke. Die Breite des Phänomens Wiener Kongress in seinen gesellschaftlichen und künstlerischen Verästelungen wird vor allem anhand von Hauptwerken aller Kunstgattungen dargestellt. Das Themenspektrum trägt sowohl der spannenden Chronologie der Ereignisse – von den Befreiungskriegen über die zweimalige Besetzung Wiens (1805 und 1809) bis hin zur Völkerschlacht bei Leipzig 1813 – als auch einer adäquaten Darstellung des Anteils der Protagonisten in Adel und Bürgertum Rechnung.

„Für das Belvedere war es von besonderer Wichtigkeit, das epochale Ereignis des Wiener Kongresses so breit wie möglich darzustellen, also sowohl seine historisch-politischen als auch seine gesellschaftlich-kulturellen Implikationen“, so Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere und 21er Haus. „Für uns war wesentlich, den kulturellen Niederschlag des Kongresses und die Stimmung der damaligen Zeit auch durch private Leihgaben erfahrbar zu machen. Fündig wurden wir vor allem im Umfeld von direkten Nachfahren der damals beteiligten
Diplomaten und Adeligen. Neben persönlichen Erinnerungsstücken wie Medaillen und Tabatieren werden nun auch das Porträt der Dorothea Prinzessin von Kurland, Herzogin von Dino, Talleyrand-Périgord und Sagan von François Gérard oder jenes des Siegers der  Völkerschlacht bei Leipzig, Karl I. Philipp Fürst von Schwarzenberg, von Johann Peter Krafft zu sehen sein. Besonders freut es mich, dass wir die Partitur der Eroica von Ludwig van Beethoven aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien für die Ausstellung gewinnen konnten, ebenso wie die prächtig gestaltete Schlussakte des Wiener Kongresses, die natürlich das Kernstück der Ausstellung sein wird“, so Agnes Husslein-Arco. Zu den weiteren Besonderheiten in der Ausstellung zählen das Porträt des damaligen  Außenministers und späteren Staatskanzlers Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich des englischen „Starmalers“ Thomas Lawrence wie auch das überlebensgroße Porträt von Zar Alexander I. von François Gérard aus Schloss Malmaison bei Paris, das sonst kaum auf Reisen geschickt wird.

www.belvedere.at

Wien, 19. 2. 2015