Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
.
Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 30. 5. 2016

Regisseur Oliver Frljić im Gespräch

Mai 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gastspiel im Werk X, Uraufführung bei den Festwochen

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Bevor am 29. Mai seine neue Produktion „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird, zeigt der Regisseur und Autor Oliver Frljić am 21. und 22. Mai im Werk X seine umstrittene Performance „Balkan macht frei“ als Gastspiel vom Münchner Residenztheater. In seinen Arbeiten befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Flüchtlingen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft.

Seit dieser Spielzeit ist Frljić Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und sorgt für Reibung mit Aufführungen, die Kriegsverbrechen und -traumata in den Blick nehmen, die Dramaturgien der jüngeren Geschichtsschreibung hinterfragen und das Spiel mit nationalen Identitäten überdehnen. Seine unbequemen und politisch provozierenden Arbeiten werden immer wieder zensuriert, Frljić selbst sogar mit dem Tode bedroht. Ein Maildialog (in Englisch und deutschsprachiger Übersetzung) über ein Theater, das nicht geliebt werden will, Publikum, das die Bühne stürmt, und die Bundespräsidentenwal in Österreich. Frljićs Prognose dafür ist – schlecht …

MM: Wie würden Sie Ihre Art, Theater zu machen, beschreiben? Welche Geschichten wollen Sie erzählen, wie wollen Sie ein Publikum erreichen?

Oliver Frljić: Theatre is my most inner need, way to communicate something I am not able to express in any other form or media. Very often I do devised-theatre projects and it gives me opportunity to work from people who are the part of my team. Although I do extensive preparation before every production, I found my theme through the people I work with. My theatre is usually not story-driven, there is no clear narrative, because I am convinced that literature is doing much better in story-telling then theatre. In word of Derrida, by accepting the role of servant of literature, „Western theater has been separated from the force of its essence, removed from its affirmative essence, its vis affirmativa.“ I am trying to find the representation for social conflicts.

(Theater ist mein innerstes Bedürfnis, mein Weg Dinge zu kommunizieren, die ich in keiner anderen Form und mit keinem anderen Medium ausdrücken könnte. Die Themen für meine Theaterprojekte finde ich sehr oft erst in der Arbeit mit meinem Team, mit dem ich vor jeder Produktion ausgedehnte Proben habe. Mein Theater ist in der Regel nicht von einer Story bestimmt, es ist nicht narrativ, weil ich überzeugt bin, dass Literatur das viel besser kann. Mit den Worten Derridas – frz. Philosoph und Begründer der Dekonstruktion, Anm.: “Das westliche Theater hat sich von der Kraft seiner Essenz entfernt”, versuche ich nun eine Darstellungsform für soziale Konflikte zu finden.)

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

MM: Sie zeigen “Balkan macht frei” im Werk X, eine Arbeit darüber, wie sogenannte Westeuropäer auf sogenannte Osteuropäer reagieren. In Wien sind wir alle ein bisschen Balkan. Wie glauben Sie wird das Publikum auf ein Stück reagieren, dass ihm die Immigrantenstory seiner Urgroßeltern oder Großeltern erzählt?

Frljić: Well, „Balkan macht frei“ speaks about different things. One of them is my position in Western Europe as a guest director. I intentionally did self-stereotyping in order to show discriminatory policies that are present in every society. The main character is my alter-ego and performance speaks about his struggle to overcome the expectations of him as a director coming from Balkan. That’s way this performance has so many self-referential moments.

(“Balkan macht frei” erzählt von unterschiedlichen Dingen. Eines davon ist meine Position als Gastregisseur in Westeuropa. Ich habe mich gewissenhaft selbst stereotypisiert, um die diskriminierenden Strategien aufzuzeigen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Der Protagonist ist mein Alter Ego und die Performance handelt von seinen Bemühungen, die Erwartungen, die man an ihn als jungen Theatermacher vom Balkan hat, zu überwinden. Das Stück hat sehr viele selbstreflexive Momente.)

MM: Es denkt aber auch größer. Wie steht es mit der derzeitigen Flüchtlingsdebatte? Glauben Sie, die Menschen vom “Balkan” sind in dieser Diskussion die Verlierer, da sie ja als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden, die man sehr einfach wieder in ihre Herkunftsländer, der Kosovo ist ein Beispiel, zurückschicken kann?

Frljić: Well, my new production „Our and Your Violence“ speaks about hypocrisy of Europe. I could never understand that for Europe one’s economical problems were not good reason for granting asylum. If somebody is exposed to subjective violence, we are ready to accept him/her, but if the same person is the subject of structural violence produced by that very same Europe, we’re not gonna let him/her in. What is the difference if somebody dies from hunger or bullet?

(Meine neue Produktion “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt” dreht sich um die Heuchelei in Europa. Ich werde nie verstehen, warum jemandes ökonomische Probleme für Europa kein guter Grund sind, Asyl zu gewähren. Wenn jemand körperlicher Gewalt ausgesetzt ist, sind wir bereit, ihn oder sie zu akzeptieren, aber wenn die selbe Person das Opfer struktureller Gewalt, erzeugt von eben dem selben Europa ist, sind wir nicht bereit, ihn oder sie reinzulassen. Was ist der Unterschied, ob man an Hunger oder einer Kugel stirbt?)

MM: Als Sie “Balkan macht frei” am Münchner Residenztheater zeigten, gab es teilweise heftige Zuschauerreaktionen. Einmal wurde sogar die Bühne gestürmt, um eine Waterboarding-Szene zu beenden. Sie provozieren gerne, wie es scheint. Sind Sie ein theatraler Troublemaker, ein Unruhestifter?

Frljić: I was surprised with the reactions of audience, especially when it comes to the water-boarding scene. The dream of every theatre is to produce the radical fiction stronger than reality. I think we have fulfilled part of that dream. I always prefer to be the part of problem, not solution. Although I consider theatre to be an instrument of political fight, it doesn’t operate in same mode as parliamentarian democracy or revolution. It creates another kind of effects. I really hate the theatre that creates social consensus or the one that everybody loves. If you’re really critical, you should expect a lot of anger from your audience. Your work will be artistically underestimate. You know this stupid kind of critique that treats art as something outside political arena and the conflicts permeating it. We should not forget that art is an instrument for social and ideological domination of ruling class. System of values and economic interests of this class is reproduced through the art. So, to offense the taste of its audience should be the first step.

(Mich hat die Reaktion des Publikums überrascht, vor allem bei der Waterboardind-Szene. Der Traum jedes Theaters ist, eine radikale Fiktion zu schaffen, die starker ist, als die Realität. Ich denke, diesen Teil des Traums haben wir erfüllt. Ich bevorzuge es immer, Teil des Problems, nicht der Lösung zu sein. Außerdem betrachte ich Theater als Instrument des politischen Kampfes. Es arbeitet nicht mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie oder der Revolution, es schafft andere Effekte. Ich hasse Theater, das sozialen Konsens sucht oder, das jeder liebt. Wenn du wirklich kritisch bist, solltest du dir vom Publikum eine Menge Ärger erwarten, deine Arbeit wird künstlerisch unterschätzt werden. Sie wissen, die Art dummer Kritik, die theatrale Kunst außerhalb der politischen Arena und der sie durchdringenden Konflikte sieht. Wir sollten nie vergessen, dass Kunst ein Instrument zum Erhalt der sozialen und ideologischen Dominanz der herrschenden Klasse ist, das Wertesystem und die ökonomischen Interessen dieser Klasse werden durch Kunst reproduziert. Den Geschmack dieses Publikums zu bekämpfen, sollte also der erste Schritt sein.)

MM: In Kroatien und anderen “restjugoslawischen” Ländern werden Ihre Arbeiten zensuriert. Wenn die Menschen sich nicht mit ihrer Geschichte und mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen wollen, ärgert Sie das? Oder macht es Sie eher traurig?

Frljić: It doesn’t stop me and that’s the most important thing. I live in society constituted on nationalistic system of values and institutionalized exclusion of different minorities. Not to mention that war-crimes are part of local folklore here. It’s not very pleasant to live in society were the war-criminals are praised as heroes. And it’s definitely not pleasant to live in the country were the war is the biggest national value and something beyond critique. Since I have become intendant of Croatian National Theatre in Rijeka, I have been constantly under the media attack from the biggest right-wing party in Croatia, Croatian Democratic Union and its president Tomislav Karamarko. I was physically attacked, received a lot of death threats, mine apartment and the apartment of my girlfriend were broken-in almost the same day …

(Es stoppt mich nicht und das ist das Wichtigste. Ich lebe in einer Gesellschaft, die auf einem nationalistischen Wertesystem und dem Ausschluss verschiedener Minderheiten fußt. Nicht zu vergessen die Kriegsverbrechen, die hier ein Teil der lokalen Folklore sind. Es ist nicht sehr angenehm, in einer Gesellschaft zu leben, die Kriegsverbrecher als Helden preist. Und es ist definitiv nicht angenehm, in einem Land zu leben, wo der Krieg die größte nationale Tat ist und jenseits jeder Kritik. Seit ich Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka geworden bin, stehe ich permanent unter den medialen Attacken der größten rechtspopulistischen Partei Kroatiens, der Kroatischen Demokratischen Union und ihres Präsidenten Tomislav Karamarko. Ich wurde körperlich angegriffen, habe Todesdrohungen erhalten, in meine Wohnung und die meiner Freundin wurde eingebrochen, fast am gleichen Tag …)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Bei den Wiener Festwochen zeigen Sie nun das vorhin angesprochene “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt”. Sie haben sich zum 100. Geburtstag von Peter Weiss dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“  als Vorlage genommen. Obwohl die Handlung in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. Hat Sie das an diesem Werk interessiert?

Frljić: Weiss‘ book was only pretext for this production. After reading it, I was interested to speak not about historical fascism, which is important theme in this book, but about contemporary European fascism, one with democratic legitimation.

(Weiss’ Buch war nur der Vorwand für diese Produktion. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich nicht eine Inszenierung über den historischen Faschismus machen, der ein wichtiges Thema im Buch ist, sondern über den zeitgenössischen europäischen Faschismus, den mit der demokratischen Legitimation.)

MM: Als ich das Festwochen-Video über Ihre Arbeit sah, hatte ich den Eindruck im Stück geht es auch um den Islam und darüber, wie unsere Gesellschaft mit Muslimen umgeht. Stimmt das? Einige Ausschnitte aus der Probenarbeit wirken übrigens wieder sehr brutal …

Frljić: Performance speaks about current Islamophobia in Europe. We should not forget that West has created radical islamism. And we have destroyed secularism in the Middle East. Petrol crosses borders without any problems, but Syrian refugees are not allowed to do the same.

(Die Performance erzählt über die derzeitige Islamophobie im Europa. Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat. Und dass wir den Säkularismus im Mittleren Osten zerstört haben. Erdöl passiert die Grenzen ohne Probleme, aber syrische Flüchlinge dürfen nicht das Gleiche tun.)

MM: Im Video sprechen Sie über einen neuen europäischen Faschismus und, dass sich Österreich ebenfalls auf dem Weg dorthin befindet. Möchten Sie dazu Näheres sagen?

Frljić: Well, the second round of Austrian presidential election, scheduled for 22 May, with Norbert Hofer from Freedom Party of Austria as one of two candidates, indicates the change of political climate in Austria. During the preparation for my new production, I screened for the actors another Wiener Festwochen production, Schlingensief’s „Bitte liebt Österreich“. Produced 16 years ago, it looks pretty up-to-date. Schlingensief’s reality show with asylum-seekers has become reality of present Europe.

(Nun, die zweite Runde der Bundespräsidentenwahl, die am 22. Mai stattfindet, mit Norbert Hofer von der FPÖ als einem von zwei Kandidaten, zeigt den Wechsel des politischen Klimas in Österreich. Während der Vorbereitungen zu meiner neuen Produktion, habe ich den Schauspielern eine andere Aufführung von den Wiener Festwochen vorgeführt, Schlingensiefs “Bitte liebt Österreich”. Vor 16 Jahren prodziert, und doch so aktuell. Schlingensiefs Reality-Show mit Asylwerbern ist zur Realität des derzeitigen Europa geworden.)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Glauben Sie, dass man mit Theater etwas verändern kann?

Frljić: Theatre can fight for change.

(Theater kann für Veränderung kämpfen.)

MM: Was würden Sie machen, wenn nicht Theater? Wie würden Sie dann Ihre Stimme erheben? Nie daran gedacht, selber in die Politik zu gehen?

Frljić: I can’t imagine my self participating in this kind of political system called parliamentarian democracy. For me, it doesn’t represent anything but the interests of capital. That’s why I do not vote. I don’t want to participate in that kind of theatralization of political life, as well as in the political system that doesn’t have the mechanisms for preventing new forms of fascism to gain democratic legitimation.

(Ich kann mir nicht vorstellen, selber an einem politischen System teilzuhaben, das sich parlamentarische Demokratie nennt. Für mich repräsentiert es nichts anderes als die Interessen des Kapitals. Das ist auch der Grund, warum ich nicht wähle. Ich möchte bei keiner „Inszenierung von politischem Leben“ mitmachen, umso weniger in einem politischen System, das keine Mechanismen hat, die neuen Formen von Faschismus daran zu hindern, demokratische Legitimation zu erlangen.)

werk-x.at

Trailer: vimeo.com/131069654

www.festwochen.at

Mehr von den Wiener Festwochen:

Rezension „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 17. 5. 2016

TAG: 13 oder Liebt eure Volksvertreter!

November 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Requiem für eine rasende Politikerin

Georg Schubert, Michaela Kaspar, Elisabeth Veit, Jens Claßen, Raphael Nicholas und Petra Strasser auf dem Foto Bild: © Anna Stöcher

Georg Schubert, Michaela Kaspar, Elisabeth Veit, Jens Claßen, Raphael Nicholas und Petra Strasser auf dem Foto
Bild: © Anna Stöcher

Es gab dieses Kinderbilderbuch: „Hier ist zu hören und zu lesen, was … sind für Wesen“. Abgesehen davon, dass was-für eine ganz grauenhafte Formulierung ist, bestand jede Kartonseite aus drei getrennten Teilen, Kopf, Körper, Beine, aus denen man sich beim Blättern immer neue Figuren zusammenfügen konnte. Ungefähr so funktioniert das Stück von Ed. Hauswirth und Team, „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, das am TAG uraufgeführt wurde. Nur, dass statt Rauchfangkehrer oder Löwenbändiger eine Politikerin gebastelt wird. Und, dass die drei Teile Rainer Werner Fassbinder, Fjodor Dostojewski und Politikerinterviews sind. Dostojewski hängt wie hingehaucht in der Luft. Jetzt nicht Spieler oder Dämonen, sondern mehr der Idiot. Im Sinne von Privatperson. Hauswirth grünmandlt nämlich. Politisch bin ich vielleicht.

Franziska ist tot. Sie hat sich mit 120 Sachen auf der Brünner Straße dersteßen. Nun möcht‘ man meinen, in Floridsdorf sei die Sonne für immer untergegangen, und tatsächlich veranstalten Familie, Jugend- und Parteifreunde eine personenkultische Totenfeier, aber so unumstritten war die Dame nicht. Weil nicht klubzwänglerisch. Parlamentsdebatte, die Stunde der Umdeutung. Also hat die parlamentarische Mittelbänklerin einmal nicht mit der Meute gestimmt, was den großen Vorsitzenden – und die Medien – auf den Plan rief. Aus. Schluss. Ausschluss. Und dann noch ein Pantscherl mit einem Freiheitlichen! Der auch zum Abschied kommen wird, worauf’s erst richtig rund geht. Das Requiem, weil musiziert wird, zwischen Gewalt- und -orgie. Franziskas Beispiel zeigt, wohin es einen Menschen würfelt, wenn man ihm ein Haxl stellt.

Petra Strasser ist Franziska, optisch der Prototyp einer Politikerin auf Volksnahkurs. Auf Fotos, in Zuspielungen, in ihren Worten, die die Festgäste unter Champagnereinfluss wiedergeben. Da war sie auf einem Anrufbeantworter, da in einem leider nicht mehr so geheimen Sextape. Franziska, das war eine, die sich in der Politik wie auf dem Krankenlager von einer Seite zur andern geworfen hat, in der Hoffnung dann besser zu liegen. Hauswirth lässt dar-, nicht ausstellen. Die Notgewandtheiten und die Nöte. Politiker sind auch nur … ja, was? Ja, eh. „Die Fähigkeit, Ambivalenz zu tolerieren“, das verlangt Hauswirth. Wie immer, wenn das Theater im Bahnhof die Hände im Spiel hat, wirkt schwer Erprobtes wie fluffiges Improtheater. Als hätte es gerade erst sechs Leute auf die Bühne geweht, die sich nun fragen, wie tun? „Wie schwer Leichtsein fällt“, sagt Michaela Kaspar als beste Freundin Ingrid. Weil: Das Ganze ist schon sehr lustig. Floskeln folgen auf Phrasen folgen auf Wahrhaftiges und Scherzhaftes. Polemik steht neben Poesie steht neben Burnout. Ein Seelenstrip für alle Beteiligten. Die radikale Subjektivität der Berichterstattung erschafft beim Nacherzählen eine fast körperlich greifbare Intimität. Und mitten im Originalton-Politbla fällt einem der liebe gegangene Lehrmeister ein und wie er sagte: „Wenn ich ein offenes Ohr habe, gehe ich zum Arzt.“

Ingrid hat eingeladen. Es soll ein abgründiges Abschiedsvideo erst gedreht und dann im Wald vergraben werden. Franziska war Fan von Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden“. Das Leben des Erwin, der für seinen Geliebten eine Elvira sein wollte, aber weder mit sich noch mit den anderen ins Reine kam. „Liebt mich doch!“, fleht die Volksvertreterin. Man riskiert aber Ekel, sieht man, wie Politik, Gerechtigkeit und das eigene Abendessen zustande kommen. In quasi Filmkostümen stellen die Anwesenden Szenen aus dem Film nach. Die Sequenzen werden per Live-Kamerabildern überblendet. Das sind die schönsten Augenblicke des Abends, weil authentisch in ihrer Künstlichkeit. Die umgemünzten Ausschnitte zeigen, niemand hatte Zutritt zu Franziska, jeder nur einen Mosaikstein eines Menschen, aus denen sich noch lange kein ganzer zusammensetzt. Die Namen der Hauswirth-Figuren sind die Schauspielernamen aus den „13 Monden“. Ergo spielt beispielsweise Raphael Nicholas Bob, den Stadtstreicher. „Die Sonne ist erst sie selbst, wenn Planeten um sie kreisen“, zitiert er. In Franziskas Welt war er ihr politischer Mitarbeiter und Protegé, zuständig für die PR, Politik & Zumutung, die tägliche Cross-Promotion. Fassbinders Film ist eine Abrechnung mit sozialer Kälte und der Herrschaft des Geldes. Auf der Bühne sieht man, wie Macht süchtig macht. Und die Krise. Und Tabletten.

Die Gäste beim Feste decken das politische Spektrum von Lichtermeer bis Trachtenumtrieb ab. In der linkslinken bis mitterechten Ecke: Michaela Kaspar – als Ingrid, gibt sich tränenumflort. Elisabeth Veit – als moldawischstämmige Ziehtochter Eva eine feministische Mutterkomplexlerin; der Typ, der glaubt „unsichtbar durchs Leben zu gehen“ und deshalb besonders laut schreit. Spooky. Georg Schubert – als Ex-Ehemann Karl am Rande des Nervenzusammenbruchs; ihn hat Franziska auf einen Versorgungsposten geschoben. Es geht keiner verloren! Karl ist ein Fundi von Statur und ein Realo im politischen Handeln. Seine Stimme geht immer no tiafa. Jens Claßen – als politischer Wegbegleiter Walter, genau umgekehrt, eine verhinderte Königin der Nacht, der auf seinem Schwulsein, weil ja p.c., mehr herumtänzelt, als alle anderen. Walter und Karl scharmützeln, buhlen um Liebe, wo kein Leben mehr ist. Walter ist erschüttert, welche Frakturen einem die Fraktion zufügt.

Julian Loidl macht den Rechtsausleger, Lover Jon in Buberlpartieblau. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und untoten Personen. Er ist der Einflüsterer, einer, der über seine Verhältnisse spielt, der Mephisto, wenn man so will, weil er am TAG gerade auch einen fabelhaften „Faust“ gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), ein Teil von jener Kraft, die Deutsch redet und teuflisch meint. Wenn er esoterisch auf „Jedes 7. Jahr ist ein Jahr des Mondes, in dem besonders viele Menschen an Depressionen leiden“ vorspannt, orakelt das magische Sieghartskirchen mit. Natürlich ist jetzt Emotion und Aggression und Ausgrenzung angesagt. Hat sich noch niemand überlegt, das alte Autopickerl „Hetzt die Hetzer!“ zu reanimieren? Jedenfalls ist jetzt Zeit, alles, was gesagt werden muss, unterzubringen. Von wegen Diktionsdiktatur. Es kann übrigens Shutter Island empfohlen werden. Das ist Gefängnis und Irrenhaus. Es kommt zum Infight zwischen Karl und Jon, also zwischen Ex und Hopp, zwischen EU-Bioanbau und völkischer Landwirtschaft. Und zu einem köstlichen Kabinettstück im Delirium nach Einflößung von Schlangengift. Sie sollen spüren, wie der andere ist. Ende.

Was lernen wir also aus diesem Aphorismenabend? Wer aus Idealismus in die Politik geht, muss nicht nur Miteinander- und Reden-wir-darüber-Kampagnen über sich ergehen, sondern sich zur Strafe auch noch verderben lassen. Das persönliche politische Bewußtsein entfernt sich dann von seiner eigentlichen Bedeutung, wenn eine Partei darauf Anspruch erhebt. Wer nie etwas geleistet hat, findet dafür meist die hochtrabensten Worte. In 40 Jahren sind die Neoliberalen achtzig und rufen verzweifelt nach dem Sozialstaat. Und: Raphael Nicholas ist ein Gumpendorfer Ray Manzarek, aber die TAG-Truppe auch ein tadelloser A-Capella-Chor.

Trailer: vimeo.com/145797993

Ed. Hauswirth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16097

dastag.at

Wien, 21. 11. 2015

Ed. Hauswirth im Gespräch

November 17, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert am TAG „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“

Ed. Hauswirth Bild: dasTAG

Ed. Hauswirth
Bild: dasTAG

Nach seinem Erfolg mit „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ setzt Ed. Hauswirth, künstlerischer Leiter des Grazer Theater im Bahnhof, im Wiener TAG seine Untersuchung des Lebensgefühls der Jetztzeit fort. „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ heißt seine neue Produktion, die am 20. November uraufgeführt wird. Im Zentrum steht eine Frau, die sich für eine Karriere in der Politik entschieden hat. Man erfährt von ihrem Aufstieg, ihren vermeintlichen Erfolgen, aber auch von ihrem Missbrauchtwerden durch das Umfeld und ihrem eigenen Einsatz von Missbrauch. Auf ihrem Weg opfert sie alles, was ihr lieb war. Der Abend, dem Filmbilder von Fassbinder, Motive bei Dostojewski und Interviews mit politischen Quereinsteigern zugrunde liegen, wird zur Geschichte einer schleichenden persönlichen Verbiegung bis zum endgültigen Bruch. Es spielen Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser auf der Leinwand. Ed. Hauswirth im Gespräch:

MM: Sie sind also der eine Mensch, der Mitleid mit Politikern hat?

Ed. Hauswirth: Ja. Weil der erschütterte Glaube an die Politik, das Denken, dass jeder, der in die Politik geht, verdächtig ist, mittelfristig ein Problem für die Gesellschaft sein wird. Nicht jeder, der Politiker wird, ist „der Böse“, es gibt durchaus Menschen, die mit Enthusiasmus an die Aufgabe herangehen, weil sie etwas bewirken wollen.

MM: Sie haben für „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“ Interviews mit Politikern geführt. Nicht zum ersten Mal bauen Sie einen Text auf Interviews auf. Ist das Methode?  

Hauswirth: Es ist eine Methode, mit der ich regelmäßig arbeite, aber es ist nicht die einzige. Eine Politikerin hat mir einmal im Zug von Wien nach Graz ihre Geschichte erzählt, da dachte ich, das ist interessant, damit sollte man sich einmal beschäftigen. Also haben wir Interviews mit politischen Quereinsteigern und -aussteigern geführt. Ein Quereinsteiger ist kein Berufspolitiker, er ist nicht aus dem Kader erwachsen, und er kann auch leichter wieder zurück in ein früheres Berufsleben. Ohne goldenen Übergang in den Aufsichtsrat. Diese Menschen fragen sich daher: Will ich das wirklich? Soll ich mir das antun? Was habe ich davon? Das war die Ausgangssituation.

MM: Sind Quereinsteiger freier im Sinne des Parteigehorsams?

Hauswirth: Das ist ein Vorteil. Wenn Abhängigkeiten bestehen – und kadergeschulte Leute sind hundertprozentig abhängig, wenn die wieder in die freie Wildbahn entlassen werden, sind sie hilflos -, ist das immer zum Nachteil des Einzelnen. Quereinsteiger wiederum knabbern vielleicht mehr an Enttäuschungen; viel macht ihnen Eitelkeit zu schaffen, im Sinne von: Wer darf reden? Wer vertritt eine Partei in der Öffentlichkeit? Viele kämpfen mit der Einsamkeit, weil eine Präsenz erwartet wird, unter der die Familie leidet. Es geht um Dislokation und mehr. Der Abend ist aber mehr ein Denkversuch in diesem Feld und nicht eine soziologisch korrekte Beschreibung der Zustände.

MM: Wie würden Sie Ihr Leidensdruckstück nennen?

Hauswirth: Salontragödie mit Humor.

MM: So gefragt, weil das Theater im Bahnhof die gleichnamige TV-Show hatte: Wieviel Show ist Demokratie?

Hauswirth: Demokratie ist Show. Die Gesellschaft will Spektakel sehen, also hat die Politik in den letzten Jahren einen sehr starken Showaspekt bekommen. Wer am lautesten schreit, wer am besten schauspielert, ist der größte Wahlgewinner. Es ist degeneriert, aber der Öffentlichkeitswert ist die eigentliche Währung, mit der bezahlt wird. Wer das nicht kann, kommt nicht vor, bleibt im Hintergrund, hat keine Macht. Die Frage ist heute nicht mehr, wie die Macht ausgeübt wird, sondern wie die Macht performt wird. Deshalb braucht man so viele Agenturen, so viele Berater, um den Politikern ihre Wahrhaftigkeit zu nehmen. Gut ist, wenn eine Person es schafft, in ihrer weltanschaulichen Haltung integer zu sein, und eine Performerin in der Öffentlichkeit. Aber das können wenige.

MM: Das Publikum ist der Wähler. Wie funktioniert Ent-Täuschung da?

Hauswirth: Bezüglich des Stücks? Das werden wir Ende der Woche wissen (er lacht). Ernsthaft, noch einmal, ich glaube nicht, dass Politiker per se Böses wollen. Die legen oft einen langen Weg zurück, um ihre Anliegen von A nach B nach C zu bringen. Ich traue vielen zu, dass sie schweren Herzens Dinge nicht ansprechen, weil man ihnen sagt, dass sie dann nicht gewählt würden. Man könnte ihnen also einmal freundlich begegnen, nicht immer nur mit Kritik. Ein Politiker, der die Wähler an seiner Seite weiß, würde auch viel weniger an Einflussnahme durch die eigene Partei, die Wirtschaft etc. leiden. Dann könnte das Primat der Wirtschaft über die Politik und das Primat der Show über die Wirklichkeit endlich beseitigt werden. Die Gesellschaft ist längst bei Dingen angekommen, die von Philosophen in den 1960er-Jahren als utopisches Ferment wahrgenommen wurden.

MM: Heißt, dem Politiker, der agiert, wie das Krokodil vom Kasperl, dem wird recht gegeben?

Hauswirth: Stimmt. Es ist eine große Kunst, den richtigen Ton zu finden, zwischen der leeren Worthülse und der echten Meinung, für die man dann hoffentlich nicht erschossen wird. Das ist ein schmaler Grat.

MM: Soll das Stück beim Publikum Verständnis für Politiker erzeugen?

Hauswirth: Gute Frage. Ein bisschen schon, ja. Aber nicht beim Politiker als Kategorie. Es wird ein Empathieversuch für die eine von Petra Strasser gespielte Politikerin, die zu sehen sein wird. Im Sinne von: verstehe, was du kennenlernst. Unsere Politikerin wird eine Frau sein, die sehr gut Dominanz ausüben kann, damit muss man sich erst einmal anfreunden.

MM: Sie haben in den Text Motive von Rainer Werner Fassbinder und Fjodor Dostojewski verwoben. Wie und wo passt das?

Hauswirth: Von Dostojewski sind es zwei, drei Textstellen, das Motiv der Depression, das Motiv der Entfremdung, Einsamkeit, Tod, Sehnsucht – das sind Ausgangspunkte des Abends. Er wird aber nicht depressiv sein, weil ich immer Humor brauche. Schwarzen Humor, der ist ja Wien nicht fremd. Dort, wo eine Beziehung zu sich verloren geht, wo Entfremdung stattzufinden beginnt, wenn man immer nur außer sich sein muss, damit man vollkommen funktioniert, gibt’s dahinter Leere, Burnout, Sinnentleerung. Das hat mit Dostojewski und Fassbinder zu tun. Bei Fassbinder haben wir uns mit seinem Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ beschäftigt, den er nach dem Selbstmord seines Lebensgefährten gedreht hat. Darin kämpft der Transsexuelle Erwin/Elvira um seine Suche nach Identität: „Ich will so sein, wie ihr mich haben wollt“, „für Liebe gebe ich alles“, selbst eine Geschlechtsumwandlung. Dieses Geliebtwerdenwollen hat mit Liebe nichts mehr zu tun. Das ist nur noch eine Aussage von Liebe. Wir eignen uns aus dem Film ein paar Bilder an, um diesen Komplex zu erzählen.

MM: Sie sagen ständig „wir“ statt „ich“. Wie funktioniert die Arbeit? Sie schwärmen aus und holen die Interviews ein, dann wird gemeinsam ein Text geschrieben?

Hauswirth: In gemeinsamer Autorschaft mit den Schauspielern Jens Claßen, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Elisabeth Veit und Petra Strasser und der Dramaturgin Isabelle Uhl. Das ist eine Kollektivarbeit, ich kann ohne Ensemblefeedback nicht arbeiten, ich bin immer so was wie Fußballtrainer oder Jungscharleiter. Unsere Arbeitsprozesse dauern halt länger als sechs Wochen Proben. Wir pirschen uns heran. Wir beginnen bei einer Person, die uns interessiert, von der ausgehend suchen wir weitere. Bei der Transkription der Interviews suchen wir Motive, die sich mit Literatur verbinden lassen, als Inspirationsquelle und Zitat zu den Realmomenten. Am liebsten ist mir, wenn der Zuschauer gar nicht erkennt, was was ist, aber man erkennt’s natürlich mitunter am Duktus, weil es mir wichtig ist, Texte konsistent zu lassen. Es soll auf der Bühne noch den Ton haben, mit dem es einmal gesprochen wurde.

MM: Wie gehen Sie an die Interviews heran?

Hauswirth: Man muss schauen, wo die Ellipse ist, wo die Auslassung ist. Und im Gegensatz zum Journalisten beispielsweise, der genau da dann nachfragt, ist die Auslassung für mich dramaturgisch interessant. Stille ist spürbar und spannend. Man muss jedenfalls sehr respektvoll vorgehen. In Graz erarbeiten wir gerade ein Stück über die Rechte, eine Komödie rechts der Mitte. Da kommst du in die Lage, dass du wohin gehen musst, wo du nicht hin willst. Du darfst aber trotzdem in keinen kritischen Streit mit der Person gehen, damit deren Stimme hörbar wird. Wie sie sich halt selbst erzählt. Da gibt es Wiedererkennungsmerkmale, die gleiche Semantik, Stereotype, die man von Rechtspopulisten aus dem Fernsehen kennt. Aber wenn er über sein Hobby spricht, öffnet er sich, da verteidigt er sich nicht und sagt mehr über seinen Charakter aus als sonst. Und dann serviert er seine biologistischen Grauslichkeiten. Das kann man dann bearbeiten und verarbeiten. Wir wollen ja keine wissenschaftlich haltbare Analyse, sondern einen Zeitbefund abgeben, der zum Denken anregt.

MM: Und die Abgrenzung zum Dokudrama ist?

Hauswirth: Die Fiktion. Wir haben eine Räuberhaltung, wir eignen uns die Quellen an, um daraus etwas zu schaffen, was noch nie da war. Wir benutzen dokumentarische Ästhetik, aber durch die Montage ist es bereits Fiktion.

MM: Wann ist eine Produktion in diesem Sinne, nicht im kommerziellen, für Sie erfolgreich?

Hauswirth: Wenn’s Reagenz zwischen Publikum und Bühne gibt. Wenn unwillkürlich ein chemischer Austausch stattfindet, wenn’s eine Feedbackschleife gibt, dann hat der Abend etwas, das irgendwie echt ist. Das ist ein Erfolgskriterium: wenn das Publikum denkt, ja, das stimmt irgendwie, ja, das beschäftigt uns. Wenn man eine Haltung transportieren kann. Ich glaube ja, dass ein Stück idealer Weise im Publikum stattfinden sollte, statt auf der Bühne. Und natürlich will ich auch, dass es als lustig empfunden wird. Stücke sollten sich ins Herz und ins Hirn schreiben. Mehr verlange ich gar nicht.

MM: Nützt der „Nestroy“ etwas?

Hauswirth: Der Autor sowieso immer. Der Preis, den ich für „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ bekommen habe, auch. Er hat mir in der Steiermark Aufmerksamkeit gebracht, da ist so ein steirischer Patriotismus ausgebrochen. Der Nestroy-Preis ist Nutzen und Fluch. Einige Zeit hing er wie ein Schatten über uns, weil wir Erfolgsdruck haben. Diese Phase hat sich gottlob wieder aufgelöst, jetzt gehen wir’s am Freitag an.

MM: Wie soll das Publikum rausgehen? Mit dem festen Vorsatz das nächste Mal zu wählen?

Hauswirth: Unbedingt. Wenn das gelingt, wäre ich schon zufrieden. Wobei ich keine Ahnung habe, ob der Abend das leistet.

MM: Na, ich setze Sie ein bisschen unter Erfolgsdruck.

Hauswirth: Ja, ich spür’ schon …

Trailer: vimeo.com/145797993

dastag.at

Wien, 17. 11. 2015

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

www.dasTAG.at

Wien, 8. 9. 2015