Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

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Wien, 6. 5. 2017

TAG: Eugen und Eugen

März 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwillinge, nach der Geburt getrennt

Nicht alles an diesem Abend entschlüsselt sich: Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer als „Eugen und Eugen“. Bild: © Julia Schäfer

Geschichte wird von Siegern geschrieben, sagt Winston Churchill. Falsch, sagen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer. Es sind vielmehr die Eugens dieser Erde, die dafür verantwortlich sind, wie sich die Geschichte macht. „Eugen und Eugen“ sind ein Zwillingsbrüderpaar, das die beiden Akteure 1997 erfunden haben. Sie selber nennen sich zwei sanfte Elefanten im Porzellanweltladen; die beiden Figuren Loser zu nennen, trifft nämlich den Kern der Sache nicht.

Der doppelte Eugen ist vielmehr ein lebenslang Unfertiger, ein Sehnsüchtler, weil ein Suchender nach der ergänzenden zweiten Hälfte – und wenn ihm beim Zusammenpappversuch etwas zu Bruch geht, tja … Die Schauspieler Von Verschuer und Breitenbach sind für ein zweitägiges Gastspiel ins TAG gekommen. Die Story, die sie im Gepäck haben, ist folgende: Eugen und Eugen, 1932 geboren, abrupt getrennt im Alter von elf Jahren, begegnen einander 2017 in einem verlassenen Fernsehstudio wieder. Weil keiner kommt und sich nichts tut, stellen sie sich die vorbereiteten Fragen des verschollenen Moderators selber. Und so erzählen sie Geschichte durch ihre überbordenden Biografien.

Kindheit während der NS-Zeit, in einem hessischen Dorf, in dem sie die Grundschule nur abwechselnd besuchten, um sich als einer auszugeben; getrennte Irrfahrten durch die Nachkriegszeiten, der eine Richtung Namibia, der andere nach Tibet; Paris und Prag 1968, Panzer beenden den Frühling; die Opernhauskrawalle Zürich 1982; Berlin 1989, Mauerfall samt Schabowskis berühmtem Stammeln „Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“; Terror in Flugzeugen und brennende Zwillingstürme 2001; Politik, Wirtschaft, Finanzdesaster … was man eben so weitverzweigte Lebenswege nennt.

In den revolutionären Momenten ihrer Reise, sind sie wie absichtslose Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Mit offenem Mund staunen sie in eine Welt, die sich ihnen nie ganz erschließt, denn in der sogenannten Realität sind diese beiden nur zufällig und nur zu Gast. Das Weiche, das Eugen und Eugen verkörpern, das Unvoreingenommene, mit dem sie durch die Situationen stolpern, aber auch das Marginale ihrer Existenz, wirken erstaunlich destabilisierend, ja dekonstruierend auf alles historisch „Feststehende“. Dieses haben Breitenbach und Von Verschuer natürlich akribisch und detailreich recherchiert – um diese Fakten dann Abend für Abend neu zu improvisieren. Sie arbeiten im zweifachen Wortsinn an der Vorstellung.

Die Brüder warten auf den Beginn der Talkshow, doch das TV-Studio wirkt verlassen. Bild: © Julia Schäfer

Brachial Cooking beendet: Die Rieseneierspeis ist fertig, es entfaltet sich Speckrauch Bild: © Julia Schäfer

Die Mittel, derer sie sich dazu bedienen, sind vielfältig. Ganz großartig der nonverbale Nonsens der beiden, aber auch ihre lautmalerischen Dialoge, in denen sie das Wichtigste perfekt auf den Punkt bringen. Sie wissen: keine Satzbildung ohne das sprichwörtliche Missverständnis. Breitenbach und Von Verschuer sind Meister des Absurden, sie verstehen sich darauf besser, als so manches Theater, das sich den Begriff leitmotivisch an die Fahnen heftet, sie sind Clowns, zwei Könige unter den Spaßmachern. Sie sind Tänzer, Akrobaten und offensichtliche Louis de Funès-Verehrer. „Nein!“ – „Doch!“ – „Ooh!“ Vier Kameras halten ihr Spiel fest und übertragen es aus den skurrilsten Perspektiven auf eineinhalb Vidiwalls.

Am Ende des Abends ist Brachial Cooking angesagt. Auf einer Unzahl Campingkochern wird eine Riesenpfanne platziert, in die hinein schlagen die Küchenmagier mehr als nur ein Ei, und das eine oder andere sich auch gegenseitig auf die Stirn. Schließlich geht der Raum in Rauch auf – und der duftet verführerisch nach Eierspeis mit Speck … Nicht alles an dieser Aufführung erschließt sich einem, zugegeben, das Beste ist, sich in die Performance fallen zu lassen, und zwar so unvoreingenommen staunend wie „Eugen und Eugen“. Die luden das Publikum im Anschluss an ihren Auftritt noch zu einem Gespräch bei einem Glas Wien – und zeigten sich auch dabei als sympathische, humorvolle Künstler.

Zu sehen nur noch heute Abend!

Trailer: vimeo.com/208714837

dastag.at

Wien, 25. 3. 2017

Belvedere: Yan Pei-Mings „Crucifixion“

Mai 17, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Chinesische Kulturrevolution trifft auf Christus

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg.

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg.

Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Intervention“ zeigt das Belvedere ab 18. Mai in der Schlosskapelle des Prinz Eugen „Crucifixion“, ein Hauptwerk des chinesischen Künstlers Yan Pei-Ming. Die monumentale Arbeit ist zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Die Kapelle zu bespielen, sei ihr lang gehegter Wunsch, sagt Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressepräsentation am Dienstag Vormittag: „Durch Pei-Mings ,Crucifixion‘ entsteht in dieser sakralen Umgebung eine einmalige Atmosphäre. Ein nahezu unvergleichliches Zusammenspiel von Barock und Gegenwart, ein Raumerlebnis, das den Betrachter unweigerlich in seinen Bann zieht.“

Yan Pei-Ming wurde 1960 in Shanghai geboren und ist während der Chinesischen Kulturrevolution ebendort aufgewachsen. Um Künstler zu werden, verließ er als 19-Jähriger China und studierte in der Folge an der École Nationale Supérieure d’Art in Dijon. Seither lebt und arbeitet Yan Pei-Ming in Dijon und Paris. Auf der internationalen Bühne der zeitgenössischen Kunst gilt er als einer der erfolgreichsten chinesischen Künstler. Sein Schaffen umfasst neben großformatigen Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten, Selbstbildnissen und Tierbildern auch reflexive Interpretationen von Meisterwerken der Kunstgeschichte. Sein expressiver Stil, die große Gestik, die monochrom anmutende Farbpalette sowie die Ausblendung von sekundären Bildelementen und die kontemplative Stimmung seiner monumentalen Werke gründen in der Atmosphäre der Chinesischen Kulturrevolution und den künstlerischen Traditionen des Abendlandes.

„Das Belvedere und seine historische Dimension haben für mich fast mythischen Charakter. Die Macht des Ortes und insbesondere die geistige Aura der Schlosskapelle erweitern die Bedeutungsebenen von ,Crucifixion‘ und verhelfen dem Werk zu einer neuen und tiefsinnigen Wirksamkeit. In der Vergangenheit wurden religiöse Werke vornehmlich für einen spezifischen sakralen Ort sowie für bestimmte liturgische Handlungen konzipiert; diese Beweggründe stehen heute nicht mehr im Vordergrund. Für mich spielt die Frage nach der Bedeutung von zeitgenössischen Werken mit religiösem Hintergrund, und sei es nur im Hinblick auf eine formale Inspiration, eine tragende Rolle. ,Crucifixion‘ nimmt daher innerhalb der Darstellungen religiöser Themen einen völlig neuen Platz ein“, so der Künstler Yan Pei-Ming.

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg

Yan Pei-Ming. Bild: © Belvedere, Wien

Yan Pei-Ming. Bild: © Belvedere, Wien

 

Die prachtvolle Schlosskapelle im Oberen Belvedere ist weitestgehend im Originalzustand erhalten und zeigt die große Bedeutung, die der Bauherr Prinz Eugen von Savoyen den kirchlichen Räumlichkeiten beigemessen hat. Die Fassade am südöstlichen Turm des Schlosses verrät von außen kaum etwas über die Dimensionen der Kapelle, die weit über die eines privaten Andachtsraums hinausgehen. Als einziger Raum – neben dem Marmoorsaal – erstreckt sich die Kapelle über zwei Geschosse. Im Inneren überrascht die hochwertige künstlerische Ausstattung mit dem Deckenfresko von Carlo Innocenzo Carlone mit Gottvater und dem Heiligen Geist, den Skulpturen der Heiligen Johannes der Täufer und Petrus von Domenico Parodi sowie dem Altarbild mit der Auferstehung Christi von Francesco Solimena. Letzteres wird nun für sechs Monate gegen ,Crucifixion‘ ausgetauscht. Die zeitgenössische Arbeit tritt nun in einen spannenden Dialog mit dem historischen und religiösen Umfeld.

www.belvedere.at

Wien, 17. 5. 2016

Winterpalais – Ólafur Eliasson: Baroque Baroque

November 19, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Francesca Habsburg zeigt Wien noch einmal, was sie hat

Olafur Eliasson New Berlin Sphere, 2009: Installationsansicht im Winterpalais, Wien, 2015 Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna Bild: Anders Sune Berg © 2009 Olafur Eliasson

Olafur Eliasson New Berlin Sphere, 2009: Installationsansicht im Winterpalais, Wien, 2015
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna
Bild: Anders Sune Berg © 2009 Olafur Eliasson

Das Vestibül durchflutet die Lichtinstallation „Die organische und kristalline Beschreibung“ mit Wellen aus blauem und gelbem Licht, erschafft einen Ozean aus Farbe, der den Besucher magisch anzieht. „Yellow corridor“ lässt das Stiegenhaus im imperialen Glanz erstrahlen. Maschinen und Installationen wie etwa das „Kaleidoscope“, „New Berlin Sphere“, „Your welcome reflected“ und „Seu planeta compartilhado“ laden zum Schauen und Staunen. Ein Spiegel, der die Enfilade der Prunkräume durchzieht, wirft die Schönheit der barocken Räume zurück. Im Schlachtenbildersaal inszeniert „Wishes versus wonders“, ein an die Spiegelwand montierter Halbring aus Edelstahl, eine Illusion.

Ólafur Eliasson, der Meister der magischen Bilderwelten, ist in Wien. Das Belvedere präsentiert ab 21. November unter dem Titel „Baroque Baroque“ in der Kulisse des prunkvollen Winterpalais, Stadtresidenz des Prinz Eugen, einige seiner besten Kunst-Stücke. Gezeigt werden Werke der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) und der Juan & Patricia Vergez Collection. Das Winterpalais war im barocken Wien ein Ort der Förderung der Künste und Wissenschaften. Hier will Eliasson mit  „Baroque Baroque“ ansetzen, mit einem Aufeinandertreffen von Kunstwerken, Ästhetiken und Weltanschauungen zweier zutiefst unterschiedlicher Epochen.

„Für mich ist inspirierend“, so der dänisch-isländische Künstler über die Ausstellung, „dass sich das Barock durch eine so große Offenheit auszeichnet – für fließende Übergänge zwischen Realitätsmodellen und der Realität an sich. Die Präsentation meiner Arbeiten im Winterpalais entstand aus der Überzeugung heraus, dass es möglich ist, Realität zu konstruieren; gestaltet nach unseren Träumen und Visionen und getragen von der Vorstellung, dass Konstrukte und Modelle genauso real sind wie alles andere.“ Wie im großen barocken Illusionstheater tritt auch Eliasson an, um sein Publikum zu verblüffen. Die Begegnung mit seiner Arbeit fordert die Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter heraus und gibt Anstoß, die Wirklichkeit in ständiger Wandlung zu verstehen. Nichts bleibt, wie es war. In diesem Sinne sind Eliassons Werke Vanitas-Symbole – Luxus für alle Sinne, ohne moralisierende Absicht.

Im Winterpalais überraschen die Bezüge zwischen Eliassons Arbeiten und ihrem temporären Ausstellungsort. Sie ähneln einander in ihrem Spiel von Sein und Schein, und auch bezüglich ihrer Repräsentationspflichten. So entstand für diese Schau der Begriff des doppelten Barock – „Baroque Baroque“ -, der das Historische mit dessen Konstruktion überlagert. „Die Installationen von Ólafur Eliasson bilden eine nahezu perfekte Symbiose mit der barocken Opulenz des Winterpalais“, sagt Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Präsentation der Ausstellung am Donnerstag. „Man steht in einer Beziehung zum Raum; man sieht ihn, man bewegt sich in ihm oder tut irgendwas in ihm, und der Raum verfügt aufgrund seiner offenen Ideologie über die Fähigkeit, einem zu zeigen, dass man sich in ihm befindet“, erklärt Eliasson, der die Winterpalais-Besucher zur aktiven Teilnahme am Geschehen einlädt.

Erst kürzlich überlegte TBA21-Gründerin Francesca Habsburg öffentlich, ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst von Wien nach Zürich zu verlegen. Nach mehr als 20 Jahren in Österreich schien die in der Schweiz aufgewachsene Kunstmäzenin genug von der „Hinhalte-Taktik“ der Wiener Kulturpolitik zu haben. Ihre Hoffnungen auf eine eigene Kunsthalle im Quartier Belvedere beim neuen Wiener Hauptbahnhof hatten sich 2012 aufgrund fehlender politischer, wie auch finanzieller Bekenntnisse zerschlagen. In Wien fühle sie sich „nicht wertgeschätzt“ und „total unterfordert“, Gespräche seien „nicht zielführend“ verlaufen, ließ sie wissen, und dass sowohl Zürich als auch Venedig Interesse bekundet hätten. Nun zeigt Habsburg im Winterpalais eindrucksvoll, was Wien verlieren könnte. Ihr Statement zur Schau liest sich entsprechend: „Diese Ausstellung vereint einige Elemente, welche nicht nur die Vision der Sammler und deren Verantwortung zum Ausdruck bringen, sondern auch deren Fähigkeit, Kunstprojekte jenseits traditioneller Kategorien zu kreieren“, so Francesca Habsburg.

www.olafureliasson.net

www.tba21.org

www.belvedere.at

Wien, 19. 11. 2015

Belvedere: Hommage an Eugen von Savoyen

Oktober 17, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Winterpalais des Prinzen öffnet seine Pforten

Philipp Ferdinand de Hamilton: Weiße Jagdfalken mit einem Fischreiher, 1748 Öl auf Leinwand, 91 x 98 cm © Belvedere, Wien

Philipp Ferdinand de Hamilton: Weiße Jagdfalken mit einem Fischreiher, 1748
Öl auf Leinwand, 91 x 98 cm
© Belvedere, Wien

Ab 18. Oktober zeigt das Belvedere im Winterpalais die Ausstellung „Prinz Eugen von Savoyen – 350 Jahre“: Gut ein Jahrzehnt nach seinem Eintreffen in Wien verfügte Prinz Eugen von Savoyen über entsprechende finanzielle Mittel, um einen standesgemäßen Wohnsitz errichten zu lassen. Nach Plänen des Johann Bernhard Fischer von Erlach ließ er in der Himmelpfortgasse ein siebenachsiges Palais errichten, das in zwei weiteren Etappen um jeweils fünf Achsen auf beiden Seiten erweitert wurde. So entstand ein nach außen hin beeindruckendes Gebäude, für dessen Innenausstattung hohe Summen aufgewendet wurden. Nach dem Tod des Besitzers und dem Ankauf des Palais durch Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1752 erfolgten unter dem Hofarchitekten Nicolaus von Pacassi zahlreiche bauliche Veränderungen. Dennoch blieben bedeutende Teile der ursprünglichen wandfesten Ausstattung darunter die Deckenfresken im Audienz- wie im Paradeschlafzimmer, das Goldkabinett und die zahlreichen Groteskenmalereien erhalten. Für die Eröffnungsausstellung im Winterpalais, einer Sehenswürdigkeit an sich, anlässlich des 350. Geburtstags des Prinzen Eugen werden insbesondere dessen Biografie und die familiäre Herkunft, die Baugeschichte des Palais sowie die militärischen Verdienste des Hausherrn fokussiert. Ausgewählte Objekte verschiedenster Gattungen sollen sich in die bestehende Struktur der Räume einfügen und diese unterstreichen. In Bezug auf seinen persönlichen Werdegang wird die familiäre Herkunft Eugens veranschaulicht, während der baugeschichtliche Teil Aufschlüsse über das ursprüngliche Aussehen des Palais im Inneren wie teilweise durch Zeichnungen von Salomon Kleiner überliefert geben soll. Als Feldherr und Diplomat erlangte der einstige Hausherr nachhaltigen Ruhm und Reichtum. Daher überrascht es nicht, dass er seine militärischen Erfolge im Stadtpalais durch einen Zyklus von großformatigen Schlachtenbildern von Ignace Jacques Parrocel präsent hielt. Diese beeindruckenden Gemälde geben schließlich den Impuls, sich mit jener Rolle des Prinzen Eugen auseinanderzusetzen, durch die er in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Ab 19. Oktober ist dann im Oberen Belvedere die Schau „Prinz Eugen von Savoyen – Die Menagerie des Prinzen“ zu sehen: Nachdem Prinz Eugen mit dem städtischen Winterpalais einen ersten Wohnsitz besaß, trachtete er danach, durch Grundstücksankäufe am Rennweg eine großzügige Gartenanlage mit entsprechend prunkvollen Bauwerken zu errichten. Während das zuerst erbaute Untere Belvedere als Wohnschloss samt Wirtschaftstrakten und Orangerien konzipiert wurde, diente das Obere Belvedere vor allem Repräsentationszwecken und wurde entsprechend reich ausgestattet. Von der ursprünglichen Pracht zeugen heute etwa der Marmorsaal, die Schlosskapelle, der Carlone-Saal sowie die Deckengemälde von Giacomo del Pò. Viele andere Dinge wurden jedoch im Verlauf der beinahe drei Jahrhunderte seit der Fertigstellung dieses Gartenpalasts beschädigt, ersetzt oder gerieten in Verlust. Die Adaptierungen für die Verwendung als kaiserliche Galerie ab 1776 sowie als Wohnschloss für den Thronfolger Franz Ferdinand Ende des 19. Jahrhunderts trugen ihr Übriges dazu bei. Aus Anlass des 350. Geburtstags soll daher bewusst die Aufmerksamkeit auf die ursprüngliche Erscheinung im Inneren des Oberen Belvedere gelenkt werden. Gerade durch die allegorischen Darstellungen an den Decken mehrerer Räume hat sich Prinz Eugen bereits zu Lebzeiten selbst ein Denkmal gesetzt. Diese sollen um einige Ausstattungsgemälde ergänzt werden, die sich ursprünglich hier befanden und nach langer Abwesenheit nun zurückkehren. Für deren Anbringung sind die Druckgrafiken nach Zeichnungen von Salomon Kleiner höchst bedeutend. Das Hauptaugenmerk dieser Schau liegt auf der Rückführung eines Teils der ursprünglichen Ausstattung.

www.belvedere.at

Wien, 17. 10. 2013