Juliet, Naked

Januar 2, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Fans und ihren Verrücktheiten

Annie und Tucker Crowe sind sich auf Anhieb sympathisch: Rose Byrne und Ethan Hawke. Bild: © 2008 – 2018 Prokino Filmverleih GmbH

Eine supersympathische Romantic Comedy ist Regisseur Jesse Peretz mit der Verfilmung von Nick Hornbys Roman „Juliet, Naked“ geglückt, der am 21. 12. in den Kinos startet. Der subtilen Leinwandadaption des britischen Bestsellers gelingt 1:1, was die Vorlage schon konnte: Fans und ihre Verrücktheiten einerseits ernst zu nehmen, andererseits sachte über sie zu schmunzeln. Hornby tut im 2010 erschienen Buch, was er am besten kann.

Nämlich über Musik und die Liebe und die Überraschungen des Lebens zu schreiben, und nun war’s an dem wunderbar wandelbaren Ethan Hawke dies im Film umzusetzen. Eine Übung, die ihm fantastisch gelungen ist. Bevor Hawke allerdings auf der Bildfläche erscheint, beginnt die Geschichte mit dem Paar Annie und Duncan, sie Leiterin des örtlichen Museums im englischen Küstenstädtchen Sandcliff, er Collegeprofessor, beide rund um die 40 und beider Beziehung mit der Zeit leidenschaftslos geworden. Duncans ganze Liebe gilt seinem Idol, dem amerikanischen Singer-Songwriter Tucker Crowe. Dem er im Keller des Hauses nicht nur einen Schrein aus Plakaten, Platten und Fotografien errichtet hat, sondern über den er auch eine Webseite führt, auf der er für ebenfalls Tucker-Besessene Textanalysen und Verschwörungstheorien verbreitet.

Denn Tucker ist seit 25 Jahren verschwunden, mitten in einem Gig, und ward seither nicht mehr gesehen. Hinterlassen hat er der Nachwelt aber ein Album, „Juliet“, in dem er eine zerbrochene Liebe beklagt. Da fällt Duncan, angelehnt an die Beatles-Aufnahme „Let It Be … Naked“, dessen Originalversion „Juliet, Naked“ in die Hände. Die Folge: Hysterie und eine hymnische Besprechung. Einzig Annie, genervt von der Tatsache, dass ihr Lebensgefährte mehr mit Tucker als mit ihr zusammenlebt, wagt den Widerspruch und veröffentlicht auf Duncans Webseite einen Verriss. Wenig später erhält sie eine E-Mail, die ihre Meinung bis ins Detail bestätigt – ein Schreiben von Tucker Crowe höchstpersönlich …

Duncans Tucker-Crowe-Schrein: Chris O’Dowd und Rose Byrne. Bild: © 2008 – 2018 Prokino Filmverleih GmbH

Tucker mit Sohn auf dem Weg nach Großbritannien: Ethan Hawke und Azhy Robertson. Bild: © 2008 – 2018 Prokino Filmverleih GmbH

Ethan Hawke überzeugt mit seiner Darstellung eines abgehalfterten Alternative Rockers, der in Albany bei seiner letzten Ex-Frau und mit dem einzigen seiner Kinder, das noch mit ihm spricht, die Tage vertrödelt. Duncans mythenumwobener Star ist ein an seiner Musikkarriere gescheiterter Ex-Junkie, von Alkohol und Drogen gezeichnet, dessen positivste Seite ist, dass er sich immerhin hingebungsvoll um seinen kleinen Sohn Jackson – Azhy Robertson mit einer hinreißenden Performance – kümmert. Rose Byrne spielt die Annie hart an der Verbitterung, empathisch und unsicher, im Job unterfordert, und immer auf Fehlersuche bei sich selbst.

Chris O’Dowd ist als Duncan erst ein liebenswerter Spinner, wenn auch ein wenig großsprecherisch und überheblich, bevor er sich Plot-gerecht zum Fremdgeher entwickeln muss. Aus der virtuellen Brieffreundschaft von Annie und Tucker wird nämlich mehr. Als seine in London lebende Tochter Lizzie ausgerechnet von einem mittellosen Musiker schwanger wird, fliegen Tucker und Jackson zu ihr, und daraus ergibt sich auch eine Begegnung mit Annie – und natürlich mit Duncan. Es folgen großartige Szenen in der Auseinandersetzung von Tucker und Duncan.

Wie parallel werden hier zwei Leben erzählt, wird davon erzählt, was einer hat und nicht wertzuschätzen weiß, was ein anderer schmerzlich vermisst, heißt: hier Liebe, da Talent. Während also Tucker, der alle Spekulationen über sein Leben beiseite wischt, nein, er sei weder Schafzüchter geworden, noch mit einer schwedischen Prinzessin im Bett gewesen, seine Musik als Mist abtut, und Duncan sie mit aller Kraft verteidigt, erfährt Tucker sein Werk erstmals durch die Augen eines anderen gesehen, und der ist nicht bereit, sich desillusionieren zu lassen. Und auch Jackson entdeckt seinen Vater neu. Bei einer Ausstellungseröffnung in Annies Museum wird Tucker vom Bürgermeister zu einem Auftritt gezwungen – und sitzt seit Ewigkeiten wieder einmal an einem Klavier. Zwar sagt er „Das Leben hat keine Rewind-Taste“, doch wird ihn das Ende, das selbstverständlich happy ist, bald eines besseren belehren.

Zum ersten Mal seit Jahren macht Tucker wieder Musik: Ethan Hawke. Bild: © 2008 – 2018 Prokino Filmverleih GmbH

„Juliet, Naked“ besticht nicht nur durch die warmherzige Spielweise seiner Protagonisten, die Hornbys schräge Charaktere perfekt umsetzen, nicht nur durch skurrilen Witz und pointierte Dialoge, sondern auch durch den einschmeichlerischen Soundtrack von Nathan Larson. Vor allem aber handelt „Juliet, Naked“ auch von Annies Emanzipation. Sie, die so lange unter ihren Möglichkeiten blieb, weil sie Begabungen und Neigungen nicht auszuleben wagte, wird durch die Begegnung mit Tucker endlich Mut bekommen – und in ein neues Leben aufbrechen.

www.juliet-naked.de

  1. 12. 2018

„Bessere Hälften“ im Kunsthistorischen Museum

Juni 17, 2013 in Ausstellung, Film

(Kunst)Geschichten um Paare

Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Zu allen Zeiten beschäftigte sich die Kunst mit dem Thema „Paare“, wie sich bei einem Gang durch das Kunsthistorische Museum Wien leicht nachvollziehen lässt. Aus dieser großen Fülle an historischen Beispielen führt nun erstmalig eine repräsentative Auswahl die erstaunliche Vielfalt dieser Paarbilder in einem Überblick vor Augen. Achtzig Werke, die einen Zeitraum von über 4000 Jahre umspannen, zeigen dabei nicht nur Konstanten auf, sondern auch Unterschiede, was die Form, die Funktion und die Bestimmungsorte betrifft. Grabstatuen treffen so auf Gemälde, selten gezeigte Stücke auf weltberühmte Hauptwerke des Museums. Was die altägyptischen und antiken Bildwerke, die Medaillen, Tapisserien, Elfenbeine und die Meisterwerke von Rubens oder Cranach jedoch eint, ist das in ihnen zum Tragen kommende Bedürfnis ihrer Auftraggeber, Verbundenheit zu zeigen.

Der Titel „Bessere Hälften“ spielt zum einen auf die klassische Paarkonstellation an, dem Ehe- bzw. Liebesverhältnis zweier erwachsener Menschen. Sie finden sich seit der Antike auf der Mehrzahl der Paarbilder. Er weist aber auch auf ein charakteristisches Gestaltungsmerkmal zahlreicher Paardarstellungen hin, die als Diptychen, also als zusammenhängende Bildhälften, konzipiert sind. Herrscher, Adlige und Bürger haben besonders im Mittelalter und der Renaissance auf diesen spätantiken Bildtypus zurückgegriffen, um sich gemeinsam mit ihrem Partner zu verewigen. Neben den Bildern von Ehe- bzw. Liebespaaren bezieht die Ausstellung auch solche mit ein, die andere Konstellationen zeigen, wie etwa Geschwister, Freunde oder Maler mit ihren Modellen.

Weitere Paardarstellungen zeigen Geschichten von Zeus und seinen Liebschaften sowie von Adam und Eva; verschiedene Kunstwerke machen hier deutlich, wie gerade diese Paare der griechisch-römischen Mythologie und des Christentums die Phantasie der Menschen immer wieder beschäftigten. Die Ausstellung „Bessere Hälften“ ist die fünfte in der Reihe „Intermezzo“, mit der das Kunsthistorische Museum Wien ausgewählte Kunstwerke aus seinen verschiedenen Sammlungen zu einem Thema präsentiert und miteinander in einen spannenden Dialog setzt.

Filmtipp
zum Thema „Paare“

„Before Midnight“ im Votivkino

Ihre Dialoge über die Liebe und das Leben, über Gott und die Welt begannen vor 17 Jahren: In „Before Sunrise“ (1995) lernten sich der Amerikaner Jesse und die Französin Céline im Zug nach Wien kennen. Neun Jahre später kreuzten sich ihre Wege in „Before Sunset“ (2004) erneut. Die beiden verbrachten einen Tag in Paris zusammen, tauschten sich über ihre unglücklichen Beziehungen aus und entdeckten dabei ihre Gefühle füreinander aufs Neue. In „Before Midnight“ erfährt man nun, dass Jesse und Céline damals zusammen geblieben sind. Mit ihren Töchtern verbringen sie den Urlaub in Griechenland. Und noch immer ist die Welt der Gefühle ihr favorisiertes Thema. Mittlerweile aber steht die eigene Beziehung auf dem Prüfstand, denn der Alltagstrott hat seine Spuren hinterlassen.

Regie: Richard Linklater. Mit: Julie Delpy, Ethan Hawke, u. a. Trailer: www.before-midnight.at/

www.khm.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 17. 6. 2013