Albertina modern: The Essl Collection. Ab 7. Dezember

Dezember 3, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Künstlerinnen und Künstler „in die Tiefe gesammelt“

Gesonderte Schau über Fotografie im Untergeschoss: Nan Goldin: Jimmy Paulette on David’s Bike, NYC 1991. Albertina, Wien. The Essl Collection © Nan Goldin

Bei ihrer Wiedereröffnung am 7. Dezember steht die Albertina modern ganz im Zeichen der Sammlung Essl. Karlheinz und Agnes Essl haben in den vergangenen 50 Jahren mit großer Leidenschaft eine der wichtigsten Privatsammlungen der Welt aufgebaut. Mit knapp 7.000 Einzelobjekten zählt sie zu den größten Kollektionen zeitgenössischer Kunst weltweit. Eine erste Ausstellung der Highlights bietet Einblicke in ihre Vielfalt und Qualität.

110 Hauptwerke der berühmtesten Künstlerinnen und Künstler vermitteln ein Bild des weiten Sammlungs- horizontes sowie des künstlerischen und medialen Reichtums, den nur wenige Kollektionen in Mitteleuropa aufweisen.  Die aktuelle Auswahl konzentriert sich auf die drei Jahrzehnte ab 1980. Ziel der Ausstellung ist es, einen Überblick zu geben, welcher bei einer Sammlung von mehreren tausend Werken zwar nur unvollständig bleiben kann, aber zumindest eine Vorstellung von dem großen Reichtum dieser Kollektion vermittelt.

Während im Erdgeschoss der Albertina modern Gemälde, Skulpturen, Objekte, Installationen und Videos ausgestellt werden, ist im Untergeschoss eine gesonderte Ausstellung der Fotografie aus der Sammlung Essl zu sehen. „The Essl Collection“ bietet vor allem einen Einblick in die Bestände an internationaler Kunst. Denn die Sammlung Essl, die bekanntermaßen einen wichtigen Schwerpunkt an österreichischer Kunst hat, zeichnet sich auch durch bedeutende Werkblöcke internationaler Künstlerinnen und Künstler aus.

Cindy Sherman: Untitled #412, 2003. Albertina, Wien. The Essl Collection © Cindy Sherman

Marc Quinn: Mirage, 2009. Albertina, Wien. Familiensammlung Haselsteiner © Marc Quinn

Selten zu sehender Künstler: Fang Lijun: 2004.9.30, 2004. © Albertina, Wien – The Essl Collection

Die Sammlertätigkeit von Karlheinz und Agnes Essl war und ist immer noch von großer Neugierde und Wissensdurst geprägt.  So konnten sie diese bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst aufbauen: neben der österreichischen Kunst, die am Anfang der Kollektion stand, und der deutschen Kunst ging der Blick nach dem Mauerfall rasch auch in andere europäische Länder, sowie in die USA, nach China, Mexiko und Indien. Die Sammler haben viele Künstlerinnen und Künstler „in die Tiefe gesammelt“, wie sie es selbst ausdrücken, haben also das Schaffen über mehrere Jahrzehnte begleitet und große Werkblöcke gekauft.

Fast alle Künstlerinnen und Künstler kannte das Sammlerpaar persönlich, zu vielen pflegen sie noch heute enge Freundschaften. Die aktuelle Ausstellung in der Albertina modern greift einige wichtige Highlights heraus: es werden die amerikanischen Künstler Alex Katz, David Salle, Chuck Close, Jim Dine, Peter Halley und Philip Taaffe gezeigt, ebenso wie der irische Künstler Sean Scully und die britischen Künstler Gilbert & George, Sarah Morris, Cecily Brown, Tony Cragg und Marc Quinn. Von den deutschen Künstlern sind Georg Baselitz, Albert Oehlen, Stephan Balkenhol, Daniel Richter, Jonathan Meese, Neo Rauch, DieterRoth und Tim Eitel vertreten.

Auch Werke des Schweizers Daniel Spoerri und des Spaniers Antoni Tàpies y Puig sind zu sehen. Ein weiteres Highlight stellen die Werke der international erfolgreichen chinesischen Künstler Fang Lijun, Minjun Yue und Xiaogang Zhang dar. Als Besonderheit gelten selten gezeigte Installationen und Werke des Fluxus-Künstlers Nam June Paik, der Künstlerin Annette Messager, der Videokünstler Bill Viola und Tony Oursler, der dänischen Künstler Peter Land und Tal R, und des in Wien lebenden rumänischen Bildhauers Virgilius Moldovan.

Gilbert & George: Bloody People, 1997. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Gilbert & George

Alex Katz: Beach Stop, 2001. Albertina, Wien – The Essl Collection. © Bild: Mischa Nawrata, Wien / Bildrecht, Wien, 2020

Daniel Richter: WOW, 2011. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien 2020

Gregory Crewdson: Untitled, 2004. Albertina, Wien – The Essl Collection © Gregory Crewdson

Die österreichischen Künstlerinnen und Künstler wie Elke Krystufek, Johanna Kandl, Gudrun Kampl, Martha Jungwirth, Gelitin, VALIE EXPORT, Arnulf Rainer, Hubert Scheibl, Franz Zadrazil, Heimo Zobernig und Franz West runden die Präsentation von Meisterwerken ab. Die Ausstellung ist herausfordernd und aufwühlend zugleich, mit all den Spannungen, die sich da zwischen sehr gegensätzlichen Werken auftun.

Wenn der drastische Beitrag von Franz West neben der Ironie der zwei Päpste von Moldovan steht, wenn das wahrscheinlich berühmteste Künstlerkollektiv Gilbert & George auf den chinesischen Aufbruch der Kunst trifft. Oder Annette Messagers Installation auf die kritische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise bei Daniel Richter – diese erste Schau verfolgt klar das Ziel, die Amplitude der Sammlung an ihren Extrempunkten zu zeigen, während zukünftige Ausstellung Werke der Sammlung immer mit anderen Arbeiten aus den übrigen Beständen der Albertina zusammengeführt werden.

www.albertina.at/albertina-modern           www.albertina.at

  1. 12. 2020

Essl Museum: Das große Finale

Juni 13, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Open Days bei freiem Eintritt

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Von 24. bis 30. Juni verabschiedet sich das Essl Museum bei seinen Besuchern mit den Open Days. Im Rahmen eines großen Finales gibt es noch einmal viele Kunstvermittlungsangebote, Konzerte und Lesungen bei freiem Eintritt.

An allen Finaltagen werden, neben Bücherflohmarkt, offenem Atelier und Tombola, Führungen durch die aktuellen Ausstellungen „Rendezvous“ um 11 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=17589), „eSeL: Die Sammlung eSeL“  um 13 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19508) und „Body & Soul“ um 15 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=18457) geboten. Am 24. Juni gibt es mit dem Final Director’s Cut die letzte Museumsführung mit Karlheinz Essl durch sein Haus (Anmeldung erforderlich: anmeldung@essl.museum). Am 26. Juni folgen sowohl Sternstunden aus dem Literatur-Programm des Essl Museums mit Ernesto Susana, Josef Kleindienst, Alexander Urosevic,Magda Woitzuck, Jürgen Bauer, Gabriele Kögl, Stephan Eibel Erzberg und Gabriele Petricek als auch ein musikalischer Kehraus mit den Voces Spontane. Nicht versäumen sollte man am 30. Juni die Abschlussperformance aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Otto Muehl, Fotograf: Ludwig Hoffenreich, Wehrertüchtigung, 40. Aktion, 1966. © BILDRECHT Wien, 2016, Bild: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Otto Muehl, Fotograf: Ludwig Hoffenreich, Wehrertüchtigung, 40. Aktion, 1966. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Christian Eisenberger im Atelier (27.3.2015). Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Christian Eisenberger im Atelier (27.3.2015). Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

 

 

 

 

 

 

 

 

mottingers-meinung.at dankt dem Essl Museum für die vielen sehenswerten Ausstellungen und für sein Engagement für die zeitgenössische, nicht nur österreichische Kunst. Unvergessen bleiben wird vor allem dieser eine Moment mit Karlheinz Essl anlässlich der „Adolf Frohner“-Schau 2014, als man einander tatsächlich zufällig beim Betrachten der Bilder traf und spontan zu einem Rundgang mit sehr persönlichen Gesprächen über „den Adi“ eingeladen wurde. Dieser Einblick und Weitblick einer Sammlerpersönlichkeit wird uns fehlen.

www.essl.museum

Wien, 13. 6. 2016

Essl Museum: Die Sammlung eSeL

Mai 2, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die letzte Ausstellung vor der Schließung

Bettina Rheims @Essl Museum, 2015. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Bettina Rheims @Essl Museum, 2015. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Barbis Ruder. In: Performance H13 Preisverleihung an Dolce & Afghaner, 9. 9. 2011, Kunstraum Niederoesterreich. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Barbis Ruder. In: Performance H13 Preisverleihung an Dolce & Afghaner, 9. 9. 2011, Kunstraum Niederoesterreich. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Pipilotti Rist @Kunsthalle Krems, 2015. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Pipilotti Rist @Kunsthalle Krems, 2015. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Bevor das Essl Museum mit 1. Juli nach fast 17 Jahren den Ausstellungsbetrieb schließt (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18580), gibt es eine letzte große Schau: Ab 4. Mai präsentiert das Haus die interaktive Ausstellung „Die Sammlung eSeL“. In einer großen, mehrere Räume umfassenden collagehaften Arbeit inszeniert der Wiener Kunstnetzwerker, Wissensproduzent, Kurator und Künstler Lorenz Seidler alias eSeL darin das Kunstgeschehen der vergangenen 17 Jahre.

Dafür greift er auf seine künstlerischen Fotoarbeiten, Videos und sein umfassendes Archiv zurück. Unter aktiver Einbindung des Publikums  – vor Ort und via Internet – werden nicht nur der Wandel von kulturellen Rahmen- und Produktionsbedingungen im Wiener Kunstfeld fokussiert, sondern auch neue Herausforderungen und zukünftigen Potentiale zeitgenössischer Kunst thematisiert.

Seit mehr als 15 Jahren kommuniziert und kommentiert eSeL über seine Online-Kanäle und anhand von Ausstellungsprojekten das Wiener Kunstgeschehen. Dabei entstand eine Sammlung, die sowohl aus den fotografischen Arbeiten des Künstlers besteht, die das Kunstgeschehen mit Hingabe und Humor akribisch beobachten, als auch aus Videos und Projekten, die Aspekte im Kunstbetrieb thematisieren. Außerdem hat eSeL ein aus allen Nähten platzendes Archiv an Drucksorten, Flyer, Einladungen und Pressemappen, aller Ausstellungshäuser seit Beginn der 2000er-Jahre angelegt. All das wird nun im Essl Museum zu sehen sein.

Durch die Beteiligung von und Gespräche mit Besuchern sollen neue Aspekte der Schau erarbeitet werden, die eSeL in die wachsende Ausstellung einarbeiten wird. Unter dem Hashtag #SammlungEsel auf Facebook, Twitter und Instagram können Interessierte vor Ort oder via Internet ihre persönlichen Kunstbeobachtungen einbringen und werden eingeladen darüber nachzudenken, welche Veränderungen sie in der Kunst in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten bemerkt haben und diese auch zu kommentieren.

Diese Texte sowie eingesandte Fotos oder andere online wie vor Ort eingebrachte Materialien werden laufend in die Ausstellung integriert und dienen als Basis für neue Schwerpunktsetzungen und fotografische Kommentare des Künstlers.

Zum Künstler:

Lorenz Seidler alias eSeL lebt und arbeitet als „ästhetische Lebensform“ in Wien und im Internet. Er wurde 1974 geboren und studierte Kunstgeschichte und Philosophie. Seit 2011 betreibt er die eSeL Rezeption im Museumsquartier Wien, seit 1999 betreibt er den eSeL Mehl Newsletter und die Website www.esel.at.

www.essl.museum

Wie, 2. 5. 2016

Das Essl Museum schließt den Ausstellungsbetrieb

April 5, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Karlheinz Essl: „Finanzierung ist nicht mehr möglich“

Essl Museum. Bild: © Stefan Oláh

Essl Museum. Bild: © Stefan Oláh

Mit 1. Juli schließt das Essl Museum nach fast 17 Jahren den Ausstellungsbetrieb. Bis zu diesem Zeitpunkt finden alle geplanten Veranstaltungen und Ausstellungen noch statt. Zum Schluss wird es ein großes Finale mit Open Days, Konzerten, Lesungen und umfangreichen Kunstvermittlungsangeboten geben.

„Die Familie Essl hat den Bau des Essl Museums und alle laufenden Kosten für Betrieb und Ausstellungen 17 Jahre lang aus eigenen Mitteln finanziert. Dies ist nun leider nicht mehr möglich“, erklärt Karlheinz Essl. „Zum weiteren Betrieb des Essl Museums wären zusätzliche Finanzierungsquellen oder Unterstützung von Seiten der öffentlichen Hand notwendig gewesen. Das Land Niederösterreich hatte sich bereit erklärt, einen wesentlichen Beitrag zu leisten, wenn der Bund Mittel im selben Ausmaß zur Verfügung gestellt hätte. Leider hat es von Seiten des Bundes keine positive Zusage gegeben. Es tut mir sehr leid, aber diese Situation zwingt uns nun, den Ausstellungsbetrieb zu schließen.“
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Die Sammlung Essl bleibt von der Schließung des Ausstellungsbetriebes unberührt. Das Essl Museum wird weiterhin als Depot für die Sammlung genützt. Die Sammlung wird wie bisher betreut. Archiv, Restaurierung und Technik bleiben erhalten. Der internationale Leihverkehr bleibt aufrecht. Zur Geschichte des Essl Museums wird in den kommenden Wochen eine Publikation erscheinen. „Den vielen Besuchern, Künstlern und Mitarbeitern, die dieses Museum viele Jahre lang zu einem offenen, spannenden und schönen Ort der Kunst und des Dialogs gemacht haben, möchte ich von ganzem Herzen danken“, so Essl.
Bettina Rheims @Essl Museum, 2015 Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Bettina Rheims @Essl Museum, 2015. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Bis zum 30. Juni werden die Ausstellungen „Rendezvous“ und „Body & Soul“ mit wichtigen Werken aus der Sammlung Essl zu sehen sein. Am 4. Mai eröffnet die letzte Ausstellung im Essl Museum, die ebenfalls bis 30. Juni läuft. Diese „Sammlung eSeL“ ist ein Projekt des Wiener Kunstnetz-werkers,Wissensproduzenten und Künstlers Lorenz Seidler alias eSeL und zeigt eine mehrere Räume übergreifende Collage, in der das heimische Kunstgeschehen der vergangenen 15 Jahre thematisiert.

www.essl.museum

Wien, 5. 4. 2016

Essl Museum: Body & Soul

März 31, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Körper zwischen Eros und Thanatos

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl.
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Ab 6. April zeigt das Essl Museum die Schau „Body & Soul“, eine Ausstellung über die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Körper, Körperlichkeit, dem Verhältnis von Körper und Seele und Fragen nach Identität. Dieser Komplex ist in der Sammlung Essl sehr umfangreich vertreten, einerseits mit Werken des Wiener Aktionismus und andererseits mit Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler.

Die dichte, umfangreiche Präsentation regt zur Hinterfragung von vorhandenen und neu erstarkten Tabus an. Zeitlich spannt die Ausstellung einen Bogen von den frühen 1950er-Jahren bis zu ganz aktuellen Positionen. Zu sehen sind etwa 100 Arbeiten unter anderem von Georg Baselitz, Adolf Frohner, Elke Krystufek, Maria Lassnig, Otto Muehl, Hermann Nitsch und VALIE EXPORT.

Die westliche Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Körper und Geist im 20. Jahrhundert grundlegend revolutioniert, neu definiert aber auch problematisiert. Diese Entwicklungen haben sich naturgemäß auch in der Kunst widergespiegelt, insbesondere in der Zeit nach 1945. Auf scheinheilige Sexualmoral und Verdrängungsmentalität im Nachkriegsösterreich trafen subkulturelle Avantgarden mit deutlich widerständigem Impetus.

Der Wiener Aktionismus beispielsweise zählt mittlerweile zu einer der bedeutendsten Leistungen österreichischer Kunst. Gut aufgearbeitet und musealisiert ist er heute ein Beispiel für einen künstlerischen Ansatz, der als klare Absage an die Regeln der bürgerlichen (Nachkriegs-)Gesellschaft gedacht war und nun von einer bildungsbürgerlichen Allgemeinheit als Kulturgut vereinnahmt scheint. Doch die mehr als ein halbes Jahrhundert alten Aktionsfotos von Mühl, Schwarzkogler oder Nitsch irritieren und verunsichern immer noch. Sie bilden, dicht gehängt in der Rotunde, das künstlerische Rückgrat und auch das räumliche Zentrum der Ausstellung.

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Besonders Künstlerinnen haben sich seit den 1960er-Jahren mit dem eigenen Körper kritisch auseinandergesetzt, verkrustete gesellschaftliche Normen aufgedeckt und die Rollenbilder der Geschlechter thematisiert, analysiert oder auch aufgehoben. VALIE EXPORT thematisiert in vielen ihrer Arbeiten aus dieser Zeit, wie etwa mit ihrer „Expanded Cinema-Aktion Tapp und Tastkino“, oder der Fotoarbeit „Genitalpanik“,  die Rolle der Frau als Objekt und deren Verfügbarkeit.

Dreißig Jahre später, aber lange vor der freiwilligen Selbstaufhebung von Privatsphäre und Scham in den sozialen Medien kreiert Elke Krystufek eine Kunstfigur, die exhibitionistisch ihren Körper und ihre Sexualität zur Schau stellt und damit die Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit aufhebt. Zwei Positionen, die zeigen, wie konzise Künstler gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, bevor sie noch öffentlich und medial diskutiert werden.

Der eigene Körper kann aber auch als Ausdrucksfläche seelischer Zustände und Empfindungen fungieren, wie bei Maria Lassnigs „body awarenes paintings“. Oft spürt Lassnig einer inneren Befindlichkeit nach und verleiht ihr auf der Leinwand Farbe und Form. In Anlehnung an ihre frühere Science-Fiction-Werkreihe saugen zum Beispiel im Bild „Ideenfischer“ aus dem Jahr 2001 zwei technoide Wesen die Ideen aus dem Leib der Künstlerin, die wehrlos am Boden liegt. Franz Ringel quält und zerkratzt seine umrissbetonten Figuren mit spitzen Gegenständen. In seltsame Nabelschnüre verwickelt, bewohnen sie uterusartige Raumhöhlen. Der gepeinigte Leib als Ausdruck der gequälten Seele ist ein starkes, immer wieder auftauchendes Thema der Kunst nach 1945.

Der weiblichen wie auch der männlichen Identität und Selbstbestimmung sind eigene Räume in der Ausstellung gewidmet. Eine besonders wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang, so Ausstellungskurator Andreas Hoffer, ist „das Video von Peter Land, in dem der nackte Künstler zu einer Discomusik tanzt, da es in seiner Einfachheit und Natürlichkeit eine seltene, weil unverkrampfte und leichte Seite der Zurschaustellung des eigenen Körpers zeigt“. Die junge ungarische Künstlerin Patricia Jagicza hat mit ihrer Malerei „Estrella“ von 2010 die Genderdebatte ebenso wie das Schlüpfen in andere Identitäten thematisiert. Das Werk wurde 2013 in der Ausstellung „Like it!“ von den Facebookfreunden des Essl Museums am meisten geliked.

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl. Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl.
Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Und auch der Schönheit wird nachgeforscht: Marc Quinns Skulptur „Alison Lapper“ thematisiert sie abseits gesellschaftlicher Normierung. Im Stil einer idealisierten klassischen Skulptur in weißem Marmor zeigt Quinn die Künstlerin Alison Lapper, die mit verstümmelten Gliedmaßen geboren wurde. Schönheit in ganz anderem Sinn findet man in der Malerei von Martin Schnur, bei der die Zurschaustellung des Körpers Anlass für malerische Raffinesse ist.

Die allegorischen Malereien des mexikanischen Künstlers Daniel Lezama mit ihrer für uns befremdlichen Symbolik und Bildsprache, zeigen wie sehr sich die Auffassung von Schönheit, der der Maler huldigt, aus dem kulturgeschichtlichen Hintergrund ergibt. Auch der Endlichkeit allen Seins widmet die Schau ein Kapitel. In der Fotoserie „Gilles and Gotcho“ von Nan Goldin, begleitet die Künstlerin die Aidserkrankung von Gilles bis zu seinem Ende, sie dokumentiert bewegend die Liebe und Freundschaft zweier Männer bis zum Tod.

www.essl.museum

Wien, 31. 3. 2016