Michael Niavarani liest Nestroy: „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist.“

Dezember 30, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Weltuntergang ist immer ein gutes Thema

Die Mutter ist schuld, das ist sie ja meistens, aber nicht nur Erziehung, auch Auszeichnung formt den Charakter. Und so war’s denn einerseits die Frau Mama, die den Buben ermahnte: „Spiel doch endlich wieder einmal Nestroy“, andererseits der eben errungene, nach dem großen Vorbild benamste Publikumspreis, der Michael Niavarani dazu bewog, sich seine erste Liebe aufs Neue ans Herz zu legen. „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist“, steht auf dem Buch „mit CD!“-Button. Was so viel heißt wie: Niavarani liest Nestroy.

Eine Sprechplatte mit Booklet? Nein, für all die Feuerfüchse unter den Nia-Fans gewisslich mehr als das. Freilich ist hinreißend, wie auf dieser N & N nach- und ineinandergreifen, wie der Samtbariton wunderbar wandelbar vom Damian Stutzl zu Knieriem und Pfriem, vom Herrn von Lips zur Lucia Distel wird. Allein, ins Silber lassen sich kaum mehr als 70 Minuten stanzen, und der Nia will mehr als handverlesene Gustostückerl vorlesen. Er unterfüttert seinen Nestroy mit dem ganzen Niavarani, mit Erlebtem und Erdachtem, mit Geschichte und G’schichterln, diese zu drucken ja bekanntlich

eine Nia-Spezialität, und wollte jemals ein Werk der Leserin, dem Leser einen Dichter und sein Œuvre näherbringen, so tut es dieses gewitzt mal zwei. N & N als Menschen so vollkommen unvollkommen, das sie dieser Wesenszug zu makellosen Komödianten macht. Als Dreieinigkeit – mit Hochgefühl und Melancholie – unterwegs durch die nächtliche Stadt, so begegnet man nicht dem Alt Wiener, vielleicht grad von einem verlorenen Kartenspiel kommenden, sondern dem nachfahrigen Volkstheatermann. Sich heimwärts sinnierend, soeben hat ihm Harald Schmidt auf der Bühne seiner viralen Neugründung „Theater im Park“ den Nestroy-Publikumspreis überreicht, über Anti-#Corona-Maßnahmen-Demos, Grundrechte und die Sperrstund‘.

„Man kann mit einem Messer jemandem den Bauch aufschlitzen, um ihn umzubringen oder um den Blinddarm herauszunehmen“, denkt Niavarani. Und es fällt ihm – prophetisch: „falls Sie dieses Buch im dritten oder vierten Lockdown lesen“ – ein (deklamierend): „Mein einziger Trost ist die Verzweiflung“. „Machen Sie schon wieder Witze über unseren Bundeskanzler?“, giftet eine Gassi-Geh-Passantin. „Aber nein, gnädige Frau …“ Die Welt steht auf kan Fall mehr lang. Lumpazivagabundus. Weltuntergang ist immer ein gutes Thema, vom Saufen ganz zu schweigen. Sagt Niavarani. Und tauscht den Kometen gegen #Covid-19.

Derart anekdotet sich Michael Niavarani vom Vormärz ins Momentan tour-retour. Beginnend beim schlimmen Buben in der Schule. Eine Deutschprofessorin wie dessen Frau Professor Lazarus kannst nicht erfinden, doch immerhin betraut sie den pubertären Reclam-Rebellen mit der Rolle des Willibald. „Mich hab’n s’bilden wollen! – ’s is lächerlich!“, und aus und g’schehen war’s um den aufwieglerischen Gymnasiasten. Johann Nestroy, er ist ein guter Lehrmeister, ein Ratgeber für Gemüts- und Lebenslagen in beider Bedeutung des Wortes Untiefe, und Niavarani hat vom Zitate-Titan erfahren, dass Zynismus zwar einmal zwicken und ein andermal zuschnappen und sich festbeißen darf, doch dass es der Humor ist, der das Publikum packt und beutelt. Vor Lachen, versteht sich, aber mit etwas Geschick auch dessen Verstand. Der Applaus dafür ist die Butter aufs harte Brot des Künstlers.

Endlich steht da der Name Johann Hüttner. Der eigene Uniprofessor, durch dessen in Hellblau gehaltene historisch-kritische Gesamtausgabe man persönlich sich auch studiert hat (durch die in Fraktur geschriebene konnte dem Nia und mir nur die jeweilige kurrentschriftkundige Kagraner Oma helfen), mit dem meinerseitigen Effet, die Nestroy’sche Sitte zu übernehmen, am besten bei sich selber abzuschreiben. „Dieser wilde Ritt durch Nestroys Stücke endet schließlich doch noch im Bett. Aber ich kann nicht schlafen. Oder träume ich schon? In meinem Kopf treten betrunkene Schuster auf, kichern ,Nähterinnen‘ in der Vorstadt, verlieben sich junge ,G’schwufen‘ in fesche Köchinnen und alte Männer in ihre Mündel.“

Beim Nia ist es mittlerweile vier Uhr früh, und apropos: da geht ma des G’impfte auf, dieser Tage politisch topaktuell – Niavarani erläutert auf dem Weg vom Kamin zum berühmten Kühlschrank, warum der zwölfte Passagier im Gloggnitzer Omnibus zu sein weiland eine Mörderwuchtel war, über welche Ecken die Message Control mit der Metternich-Zensur verwandt ist, und dass der verehrte Nestroy, seinerzeit wegen seiner Zoten mit Kerkerhaft belegt, heute ein Delinquent des #MeToo wäre.

Geendigt sei das Ganze mit etwas Märchenhaftem. Einer Geschichtsstunde à la Niavarani über das Jahr 1857, Nestroy sitzt wegen der „Zwölf Mädchen in Uniform“ im Häfn: „Österreich wird von einem Kanzler regiert, der sich nur mit Menschen umgibt, die ihm treu ergeben sind – man möchte fast sagen, die ihm hörig sind. Österreich wird von einem Kanzler regiert – einem unumschränkten Herrscher, einem absolutistischen Kanzler. Dieser Kanzler regiert die Koalition mit einem Trottel. Wobei der Trottel gar kein Trottel ist, er hat einfach nichts zu sagen, und seine Aufgabe besteht einzig darin, alles gutzuheißen, was ihm der Kanzler vorschlägt.“ Und wenn oder weil sie nicht ausgestorben sind …, für morgen hat der Nia via Facebook eine Silvesterüberraschung angekündigt!

Harald Schmidt überreicht den Nestroy-Preis. Bild: © ORF III / produktionsraum

Über den Autor: Geboren 1968 in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Persers begann Michael Niavarani 1986 seine Karriere als Schauspieler im Graumann Theater und wechselte 1989 ins Kabarett Simpl, dessen künstlerische Leitung er 1993 übernahm. Michael Niavarani ist in zahlreichen österreichischen Fernsehserien, in Kinofilmen und natürlich auch mit seinen Kabarett-Programmen zu sehen. Seine Bücher führen in der Regel wochenlang die österreichischen Bestsellerlisten an.

Nach einem Roman, vielen Kurzgeschichten und unzähligen Sketches für den Simpl begann Niavarani auch Theaterstücke zu schreiben. Eigens für seine Shakespeare-Komödien „Die unglaubliche Tragödie von Richard III.“ und „Die höchst beklagenswerte und gänzlich unbekannte Ehetragödie von Romeo & Julia – Ohne Tod kein Happy End“ gründete er 2014 ein Shakespeare-Theater: das Globe Wien. Im Sommer 2019 erwarb Niavarani das Kabarett Simpl, das er seit der Saison 2019/20 auch bespielt. Im Sommer eröffnete er das Theater im Park. Michael Niavarani wurde mit dem Nestroy-Publikumspreis 2020 ausgezeichnet.

Schultz & Schirm Bühnenverlag, Michael Niavarani liest Nestroy: „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist“, 154 Seiten. Mit CD, 71 Minuten, und Code zur Audiodatei auf player.globe.wien/nestroy

Bild: @M+M

Bild: @M+M

TIPP: Noch bis 6. Jänner ist auf player.globe.wien Michael Niavaranis Krippenspiel „Jössasmarandjosef“ kostenlos abrufbar. Der Globe-Chef hat die Weihnachtsgeschichte historisch genau und wissenschaftlich präzise recherchiert und musste feststellen, dass eine Version kursiert, die nichts mit der Realität zu tun hat. Stille Nacht, heilige Nacht? Klischees, die der Ernsthaftigkeit der Situation nicht gerecht werden. Vor Christi Geburt lag die Welt im Argen. Die Menschen mussten sich mit Dummheit, Aggression, Gier und Römern herumschlagen. Und dann noch diese Pandemien und geschlossenen Herbergen … Das Simpl-Ensemble und die Globe-All-Stars, Musiker Christian Frank und vier Stuntmen der ape connection sorgen nun für eine Richtigstellung.

Mit Katharina Dorian, Julia Edtmeier, Caroline Stranka-Frank, Jennifer Frankl, Stefan Altenhofer, Stefano Bernardin, Joachim Brandl, Georg Leskovich, Peter Lesiak, Julian Loidl, Matthias Mamedof, Reinhold Moritz, Bernhard Murg und Michael Niavarani.

www.schultzundschirm.com         www.niavarani.at         www.globe.wien          simpl.at         theaterimpark.at

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Buch- und Hörbuch – Michael Mittermeier: Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken

November 22, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tausche Witze gegen Antikörper

„Once Upon A Time In Corona. Ich sitze im Zug nach Leipzig und schaue aus dem Fenster. Am Tisch gegenüber sitzt ein Mann mit Maske, der seit zehn Minuten telefoniert. Business-Kaspar mit Schalldämpfer. Endlich hört er auf. Stille. Er verzieht sein Gesicht, holt Luft – Mnhm! -, es sieht aus, als müsste er gleich niesen. Sein Kopf bebt, der ganze Oberkörper, plötzlich reißt er sich die Maske vom Gesicht – Hatschi! Aus den Nasenflügeln pfeift noch ein leises ,Aerosole Mio‘, ich schaue ihn sehr ernst an, und er sagt nur: ,Wenn ich die Maske nicht abgenommen hätte, dann wär‘ jetzt alles da drin.‘ Äh? Ja, das ist der Clou dabei. Er zuckt nur mit den Schultern: ,Ich glaube, ich hatte es schon.‘“

Obwohl die ab 26. November in Österreich geplante Auftrittsserie seiner Programme „#13“ und „Zwischenwelten“ #Covid19-bedingt abgesagt werden musste, brauchen die Fans auf ihren Michl nicht zu verzichten, hat Michael Mittermeier doch dieser Tage seine jüngste Satire „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ sowohl als Buch wie auch als Hörbuch veröffentlicht. Zweiteres ein spezielles Gustostückerl, da von ihm selbst gelesen. Der Stadionrocker unter den Kabarettisten ist kein Typ fürs Stillsitzen, nach 34 Jahren als Stand-up-Comedian – unmöglich.

Und so ist er nach Lockdown eins in Autokinos aufgetreten, heißt: ist dort vor Spiellust in Improvisationen explodiert. Er hätte einfach darüber „gelabert, was war“, sagt er im Interview, und das schließlich zwischen zwei Buchdeckel beziehungsweise auf CD gepresst: „Es geht also um mein Leben während dieser ganzen Lockdown-Ausgangsbeschränkungs-Pandemiezeit, was ist alles passiert, welche Gedanken hatte man, was hat man im Fernsehen geschaut. Ich konzentriere mich aber auf die lustigen, schrägen Seiten. Tausche Witze gegen Antikörper!“ Auftrittsverbot? Ein Albtraum für Komiker – die Pointen müssen raus! Und so führt Michael Mittermeier das Publikum mit Schlagfertigkeit und der ihm eigenen Unverfrorenheit durch den seltsamen neuen Alltag.

Er erzählt wahre und saulustige Geschichten aus den Zeiten der familiären Corona-Dreisamkeit: Vom Homeschooling-Alarm und warum seine vorpubertierende Tochter nicht mehr will, dass er bei den Mathehausaufgaben hilft, vom Sparkassenbesuch mit Maske und weshalb es kein gutes Zeichen ist, wenn der Postbote nicht mehr klingelt. Mittermeier macht sich lustig über die „Corona-Macarena“, den Ellbogengruß, den er nur aus Filmen mit Bruce Willis kennt, und der dort „zur abrupten Beendigung eines Gesprächs dient, inklusive Auswechslung der oberen Zahnreihe“. Stets, kritisiert er, haben wir uns über die Ellbogengesellschaft mokiert – und jetzt stellen wir sie pantomimisch dar?

Die Krise stellt ebendiese vor neue Fragen – und Mittermeier beantwortet sie mit Maske, aber ohne Blatt vorm Mund: Ist es für Prominente vorteilhaft, mit Maske einkaufen zu gehen? Soll man kurz nach Mittag schon den Feierabend-Wein trinken? Es geht um Gangster-Virologen und Superhelden – „Wo sind die eigentlich, ha? Die haben uns alle am Arsch g’lassen!“, und um Michls hypochondrische Anwandlungen nach einem Südtiroler Schiurlaub – in den „Gondeln des Todes, in denen der Aerosol-Sepp alle angegriffen hat“, danach das „greislige“ Stäbchen in der Nase und die Erkenntnis: „Vielleicht hätt‘ ich doch mehr koksen sollen, dann würde ich jetzt nix spüren.“ Dabei ist die Ansteckungsgefahr bei nichts so hoch wie beim Lachen.

„Ohne Corona-Humor, ohne von Draußen-Draufschauen und Spaß-Machen über den ganzen Scheiß geht man drauf“, sagt Mittermeier, nennt als seine Lieblingsmenschen die singenden Italiener auf ihren Balkonen, und zitiert Werner Finck: Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben. „Leute zum Lachen zu bringen, ist nach Corona-Regeln mein triftiger Grund, das Haus zu verlassen“, erklärt er. Mit Buch und Hörbuch kann man nun getrost daheim bleiben. Denn beide liefern genügend humoristische Antikörper, um sogar noch den nächsten Lockdown locker zu überstehen.

Bild: © Olaf Heine

Über den Autor: Geboren 1966, hat mit seinen Soloprogrammen „Zapped“, „Back to Life“, „Paranoid“, „Safari“, „Achtung, Baby!“, „Blackout“, „Wild“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17273) und „Lucky Punch“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28588) Millionen Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz begeistert. Seit vielen Jahren spielt er seine englischsprachigen Programme erfolgreich in Großbritannien, Südafrika, Kanada, Russland, den USA und vielen anderen Ländern. Für seine Arbeit wurde er mit unzähligen Preisen ausgezeichnet – sechs Mal erhielt er allein den Deutschen Comedypreis. Sein Buch „Achtung, Baby!“ stand monatelang auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Satireband, 128 Seiten. www.kiwi-verlag.de

Argon Hörbuch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Autorenlesung, MP3-CD, 163 Minuten. www.argon-verlag.de

www.mittermeier.de           Interview: https://www.youtube.com/watch?v=BbE3cKnvOqU          Autorenlesung: https://www.youtube.com/watch?v=LyAJbPmFhus

Neue Live-Termine: agentur.hoanzl.at/veranstaltungen/michael-mittermeier/michael-mittermeier

  1. 11. 2020

Off Theater – Shlomit Butbul: Es ist was es ist

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebestöne nach der Lyrik von Erich Fried

Andreas Lindenbauer, Joe Pinkl, Shlomit Butbul und Martin Reining. Bild: Andreas Müller

Liebe ist …? Darüber zerbrechen sich Poeten seit Anbeginn der Dichtkunst den Kopf. Eine der schönsten Antworten auf diese weltentscheidende Frage hat der österreichische Lyriker Erich Fried gefunden und seine lakonische Gleichung gegen alle Bedenken, Beschwerden, Proteste 1983 im Gedichtband „Es ist was es ist“ veröffentlicht. Schauspielerin und Sängerin Shlomit Butbul bringt nun Frieds Liebestöne zum Klingen, sein „Ich liebe

Dich weil Du Hand anlegst an mein übervolles Herz“, seinen „Strauch mit den herzförmigen Blättern“ – „Sommer- regen warm: / Wenn ein schwerer Tropfen fällt / bebt das ganze Blatt / So bebt jedes Mal mein Herz / wenn dein Name auf es fällt“, sein „Zwischenspiel“ mit dem nassen Zeigefinger. Als Frieds sehnender, suchender Mensch wechselt Butbul dabei zwischen weiblichen und männlichen Sichtweisen, und vergisst auch den politischen Poeten nicht, wenn sie über Liebe in Zeiten des Krieges und das Menschsein ohne sie philosophiert. „Wo keine Freiheit ist / Bist du die Freiheit / Wo keine Würde ist / Bist du die Würde / Wo keine Wärme ist / Keine Nähe von Mensch zu Mensch / Bist du die Nähe und die Wärme / Herz der herzlosen Welt“, heißt es dazu in „Du“.

Begleitet wird Butbul an diesem von Tania Golden in Szene gesetzten Abend vom Ensemble Fandujo, und dessen einer Mitbegründer Joe Pinkl hat Frieds Texte sehr subtil und auf jede Schattierung achtend vertont. Entstanden sind so wunderbare kammermusikalische Kleinode, die sich in ihrer stilistischen Vielfalt zu einer Collage unterschiedlicher Momente von Zweisamkeit, auch Einsamkeit, ineinanderfügen. Liebe als romantische Vorstellung, erotische Projektion und existenzielle Bedingung für alles Lebendige, das sind die Bezugspunkte zwischen denen sich Butbul, Pinkl mit Posaune und Euphonium, Martin Reining auf der Violine und Andreas Lindenbauer auf der Bassklarinette bewegen.

Frieds ganzer Gefühlskosmos tut sich auf, und seine klare, direkte Sprache trifft einen dank dieser intensiven Performance mitten in die Seele. Die Produktion von SHIR-music Eisenstadt und AFA Wien ist heute Abend noch einmal als Gastspiel im Off Theater zu sehen.

www.shlomitbutbul.com           www.off-theater.at         www.youtube.com/watch?v=r8TPELdap9A

  1. 12. 2019

mumok – Heimrad Bäcker: es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben

September 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotografien gegen das Vergessen

Heimrad Bäcker: Wehrmachtsmitglied umgeben von einer Gruppe Kindern, 1933-34. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Ab den 1960er-Jahren – lange bevor die Erinnerung an NS-Verbrechen in Österreich eine kollektive Prägung erfuhr – entstanden Heimrad Bäckers Fotografien auf dem Areal der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Es handelt sich dabei um eine umfangreiche fotografische Dokumentation des zunächst verlassenen, später anders genutzten Areals: die Bestandsaufnahme eines Ortes in mehr als 14.000 Fotografien.

Bäcker, dessen dichterisches und verlegerisches Werk zu den herausragenden Leistungen der österreichischen Literatur nach 1945 zählt, verstand Mauthausen und Gusen als Gedächtnisorte im Sinne des französischen Historikers Pierre Nora. Dieser hatte den Begriff „lieux de mémoire“ geprägt, um damit Orte zu bezeichnen, an denen sich das kollektive Gedächtnis kristallisiert. So wird Erinnerungskultur und historisch motivierte Identitätsstiftung ermöglicht.

Dabei ging es Bäcker im Gegensatz zu Nora nicht vorrangig um nationale Anliegen, sondern um die Verantwortung für ein Wissen und dessen Aufarbeitung. Seit 2015 befindet sich der fotografische Nachlass von Heimrad Bäcker als Schenkung seines Stiefsohns Michael Merighi im mumok. Es handelt sich dabei um ein Konvolut, das Zeugnis von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Ort und der ihm impliziten nationalsozialistischen Massenvernichtung ablegt. Im Rahmen der Ausstellung „es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben“, zu sehen ab 27. September, wird eine Auswahl von etwa 140 Fotografien, Notizen, Textarbeiten und Fundstücken gezeigt. Auf den Fotografien sind brachliegende Anlagen zu sehen, die von Pflanzen überwuchert sind, oder aber bewusst einer anderen Verwendung zugeführt worden waren. Es sind oft ähnliche Motive, die graduelle Unterschiede in der Nachbearbeitung aufweisen und häufig seriell montiert sind.

Heimrad Bäcker: Jourhaus des KZ Gusen-Mauthausen (Zustand 1945-1993), 1975. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: Seziertisch Mauthausen, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: „Todesstiege“ zum Steinbruch Wiener Graben des KZ Mauthausen, 1970-75. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merigh

Heimrad Bäcker: Hinrichtungsraum Berlin-Plötzensee, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Die Bilder und Texte geben einen Einblick in die Herangehensweise Bäckers und können parallel zu seinen Textarbeiten „nachschrift“ aus dem Jahr 1986 und „nachschrift 2“ aus dem Jahr 1997 begriffen werden, die als „Erkenntnisarbeit zur Genese und Struktur des Holocaust“  eine Aufklärung über Nationalsozialismus und Schoah anstrebt. Es handelt sich dabei um eine Zitatensammlung aus der Perspektive von Täterinnen und Tätern, Opfern, Angeklagten und Klägerinnen und Klägern, die mit den Mitteln von Text und Sprache ein Narrativ der Vernichtung erstellt. Ausschnitte aus „nachschrift“ sind in der Ausstellung in einem von Bäcker selbst gesprochenen Text zu hören. Bäcker hatte in Zusammenhang mit der „nachschrift“ von einer „möglichkeit zur konkretion“ gesprochen.

Das vorgefundene Textmaterial weist eine gewisse Parallele zu seiner fotografischen Spurensuche auf und erschließt ebenfalls Fundstücke: Gegenstände, die er auf dem Areal gesammelt hatte, seien es kleine Nägel oder größere Holz- oder Betonfragmente. Bäcker suchte nach einer Form der Narration, die auf überprüfbaren Dokumenten basiert. Er verzichtet auf „einfälle und phantastik“, wie er es nannte, um in seinen Texten und Fotografien die Orte Mauthausen und Gusen gegen das Vergessen in Stellung zu bringen

Der Präsentation des Werks von Heimrad Bäcker werden im mumok zwei Arbeiten zeitgenössischer Künstler zur Seite gestellt: In der Sound-Arbeit „Ein mörderischer Lärm“ von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin, unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat, vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des Konzentrationslagers Gusen, verursacht durch die schweren Maschinen, die im Stollen zum Einsatz kamen. Rainer Iglars Fotostrecke „Mauthausen 1974“, die er als zwölfjähriges Schulkind bei einer Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager angefertigt und als erwachsener Mann wiedergefunden hat, zeigt das Zusammentreffen der persönlichen Geschichte des Fotografen und der Geschichte des Ortes: „Der Ort ist markiert, es ist kein unschuldiger Ort.“

 

www.mumok.at

25. 9. 2019