Werk X: Dunkel lockende Welt

Oktober 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Creepy Zirkus um einen kleinen Zeh

Als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt: Constanze Passin als Kieferchirurgin Corinna Schneider. Bild: © Matthias Heschl

Pianola, Salonflügel, Akkordeon. Wojo van Brouwer tastet sich an die Tasteninstrumente heran, rangiert und arrangiert sie auf der Spielfläche, positioniert sich erst als Klavier- falschspieler, bevor er zur Quetschkasten-Kakophonie übergeht. Das Gesicht gekalkt, die Lippen blutrot, um die Augen einen Hauch Blau, heißt so viel wie – Manege frei für die Händl-Klaus-Clowns! Diese allerdings sind nicht die von der heiteren, sondern von der horriblen Sorte, also: mehr Pennywise als Pierrot.

Nurkan Erpulat hat im Werk X die „Dunkel lockende Welt“ des Tiroler Dramatikers inszeniert, und der Zirkus, der im Text um einen kleinen Zeh gemacht wird, ist bei ihm definitiv creepy. Changiert das Stück, 2006 von Theater heute zu dem des Jahres gewählt, zwischen bestialischer Lakonie und banaler Abgründigkeit, so trifft der Regisseur diesen Ton genau. Das Stafettenspiel dreier Zweierbegegnungen gerät ihm großartig – monströs, morbid, makaber. Erpulat entwickelt die kuriose Komödie zur Krimigroteske, formt aus den Händl-Klaus’schen Charakteren Kunstfiguren, scheut weder Kaugummi-Slapstick noch Plattitüden-Smalltalk.

Im gleichen Geiste erkunden die Darsteller Constanze Passin, Wiltrud Schreiner und Woja van Brouwer die Grenzen zum Outrieren, genussvoll loten sie die Untiefen ihrer Rollen aus, Passin als fahrige Kieferchirurgin Corinna Schneider, die ihren ersten Auftritt als saubermach‘-süchtige Bodenturnerin absolviert; van Brouwer als schrecklich schrulliger Vermieter Joachim Hufschmied, der jederfrau Mutters abgetragene Garderobe aufzwingen will, diese tot und eingeäschert, die Urne irgendwo in den Kartons mit dem guten Porzellan, gegen die er so gern tritt; Wiltrud Schreiner als Corinnas Mutter Mechtild, eine ans Anpacken gewöhnte Biologin, deren Stärke nicht das aktive Zuhören ist.

Es erklingt Kakophonie auf dem Akkordeon: Wojo van Brouwer als Vermieter Joachim Hufschmied. Bild: © Matthias Heschl

Ein sehr großes Gerüst für nur einen kleinen Zeh: Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Suada über Photosynthese: Wiltrud Schreiner als Mutter Mechtild mit Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Späte Erkenntnis über ein Kennen von früher: Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer. Bild: © Matthias Heschl

Unfassbares könnte passiert sein. Corinna, vorgeblich auf dem Weg in den peruanischen Dschungel, um dort „Hasenscharten auszumerzen“, will ihre Leipziger Wohnung Herrn Hufschmied übergeben, doch findet der in einer Ecke einen abgehackten kleinen Zeh, eindeutig menschlich, sie sagt von Anatomiestudien, aber – Fingerzeig: Freund Marcel ist schon die Wildnis vorausgeflogen. Das an sich schon schräge Gespräch mit dem Hausherrn wird für die Putzteufelin zum Spießrutenlauf durch immer abstrusere Ausreden. Man findet sie, tatsächlich job- wie obdachlos, bei Mutter in München wieder, die sie beauftragt, vom südlichen in den östlichen Freistaat zu reisen, um „einen Gegenstand“ zu holen.

Eintreffen Mechtilds bei Joachim, die beide zu spät erkennen, dass man einander von früher kennt. Noch ein schauriges Geheimnis, und weil das Ganze eben vom Händl Klaus ist, kommt am Ende natürlich ein Kater vor. Carlos, der dem Konflikt-Zeh kotzend den Garaus macht. Diesen hat Turgut Kocaman in gigantischen Ausmaßen designt, ein riesiges, schwarzweißes Kunstwerk, das auf zwei übermannsgroße Gerüste montiert ist, auf denen – siehe Szene drei – ein Koitus zur Schwerstarbeit wird. Die Bühne hat Ausstatter Renato Uz mit glänzender Folie ausgeschlagen, in der sich die allesamt weiß gewandten Schauspieler wiederspiegeln, als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt. Van Brouwers Vermieter trägt selbstverständlich auch Tania Blixens Buch unter den Arm geklemmt.

Für jede Episode hat Erpulat einen eigenen Dialogstil, anderes Temperament, anderes Tempo vorgegeben. Zwischen Corinna und Joachim ergießen sich Inhalte Über-Leben, er schwadroniert sich ins Elegische, sie antwortet gedrängt, und keine Übereinkunft nirgendwo, spricht sie von entzündetem Zahnfleisch, dann er von seiner ebensolchen Seele. Im spektralfarbenen Prismaschatten antwortet Corinna ihrer Mutter in Stakkato-Halbsätzen. Die monologisierende Mechtild ist nämlich kaum zu unterbrechen, für ihre akademische Suada über Photosynthese bekommt Wiltrud Schreiner sogar Szenenapplaus, alldieweil Frau Dr. im Vortragmodus die verzweifelten Hilferufe ihrer heimgeflüchteten Tochter geflissentlich ignoriert.

Morbid, makaber, alkoholisiert: Wojo van Brouwers Joachim und Constanze Passins Corinna geben sich per Hochprozentigem die Kante. Bild: © Matthias Heschl

„Dunkel lockende Welt“ ist ein fabelhaftes Totsein- oder Taubstellen-Stück, ein Text über die Abwesenheit von Geborgenheit, übers Fehlen von Gefühlen, diese zwei verwandten Wesen, deren Darbietung nicht als Kraft-, sondern Luftakrobatik – samt Lügennetz unterm Trapez – vonstatten geht. Die Artisten-Akteure turnen ohne Punkt und Komma von Satz zu Satz, Sätzen, in denen ein Bonmot das andere ergibt, wo man einander nach dem Mund redet, sich ins Wort fällt, ergänzt und unterbricht.

Hinter laut ausgesprochenen Unwahrheiten lauert die unausgesprochene Wahrheit, und diese ist zumindest für die Zuschauer nur schlecht versteckt. Händl Klaus und Nurkan Erpulat hantieren Wiederholungen wie drollige Requisiten. Die ständig aufs Neue malträtierten Klaviertasten. Das Abwarten und Alkoholtrinken. Die von Joachim als absonderlichen Schatz angebotene Altkleidersammlung seiner Mutter, ein Stoffhaufen von dem Mechtild knapp vor Sex kippt, was die Schreiner mittendrin zum Lachen bringt. Erpulat zieht Händl Klaus‘ durchdrehende Sprechschraube bis zum Anschlag an. Herrlich ist es, wie sich Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer in der Schlussszene in die Höhe lizitieren. Allein ihr Exkurs über finnische Wintergräber, sie werden solange die Erde weich ist prophylaktisch ausgehoben, um Verstorbene später im hartgefrorenen Boden beerdigen zu können, ist den Besuch dieses Theaterabends wert.

„Ich schöpfe aus der Lücke“, sagt Joachim, und „Soll ich die Luke öffnen?“, wird Mechtild aufs improvisierte Kleiderlager gebettet rückfragen. Ringsum Schutt und Mutters Asche und ein bestens amüsiertes Publikum. Das mit viel Jubel und Applaus diesen skurrilen Schwank ums Sein oder Nichtsein und Nichtmehrsein bedankte.

werk-x.at

  1. 10. 2019

Interview mit Nurkan Erpulat

Februar 8, 2013 in Bühne

18.04.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

N. Erpulat: „Ich bin ein Erfolgskanake“

Er gilt als DER türkische Regisseur schlechthin. Nurkan Erpulat über Klischees, Multikulti und „Integration“.

Mit seinem Stück „Verrücktes Blut“, in dem er den Amoklauf einer Deutschlehrerin wegen der Bildungsresistenz ihrer Migrantenklasse beschreibt, wurde er zum Shootingstar der deutschsprachigen Theaterszene. Das Branchenblatt Theater heute kürte seinen Text 2011 zum „Deutschsprachigen Stück des Jahres“; er wurde als „Nachwuchsregisseur des Jahres“ ausgezeichnet. Nun inszeniert Nurkan Erpulat am Volkstheater Maxim Gorkijs Vorrevolutionsstück „Kinder der Sonne“. Premiere ist am 27. April.

KURIER: Das ist Ihre erste Gorkij-Regie. Warum wollten Sie „Kinder der Sonne“ machen?
Nurkan Erpulat: Weil Gorkij darin die Intelligenzia unter die Lupe nimmt, die sich in ihrem Weltschmerz verliert und die Welt draußen vergisst. Da steht aber eine Masse auf – und die hat Kraft. Gorkij sagt: Vorsicht, Vorsicht! Die Masse ist gewalttätig, vielleicht auch dumm. Und deshalb hat die Intelligenzia die Verantwortung, sie zu unterstützen, sie zu leiten; sie darf sich nicht im Elfenbeinturm verschanzen. „Kinder der Sonne“ ist das prophetische Revolutionsdrama schlechthin.

Das klingt ja so, als fühlten Sie sich von Gorkij direkt angesprochen.Ja. Ich bin ein Erfolgskanake. Mal sehen, wie viele von uns Deutschland verträgt. Ich muss also als Intellektueller Verantwortung für andere übernehmen. Das ist mein Zugang zu „Kinder der Sonne“. Ich will die Migranten der dritten Generation mitnehmen, sie auf ihrem Weg begleiten. Leute sagen manchmal zu mir: Du bist schon ein Deutscher geworden. Ich weiß, sie meinen das nett, aber für mich ist es kein Kompliment.

„Ich mag Multikulti.“

Sie haben gesagt, würde man Ihnen den Integrationsbambi verleihen, würden Sie ihn sich in den Arsch schieben. Welches Wort nervt Sie mehr: Integration oder Multikulti?
Das Wort Multikulti mag ich, mein erster Job war in Berlin bei „Radio Multikulti“. Ich habe in der Türkei unter der Monokultur gelitten, es war zum Schreien. Ich habe fast verzweifelt jemanden gesucht, der anders ist, andere Wurzeln hat, nicht weiß, hetero, männlich ist. Mit dem Wort Integration habe ich tatsächlich Probleme, weil es so oft missbraucht wird. Ein Beispiel: In Deutschland hat ein Migrant der dritten Generation einen Ehrenmord begangen. Das ist schrecklich und dumm …

Aber?
Aber, wenn die Zeitungen schreiben: Er ist ein schlechtes Beispiel für Integration, schickt ihn heim! Was soll das heißen? Heim nach Berlin-Kreuzberg? Der Typ ist dort geboren, in die Schule gegangen, spricht Deutsch, aber nicht Türkisch – wer könnte integrierter sein? Trotzdem, natürlich sind solche wie der nicht auf der Matte. Das ist ein massives Problem, das müssen wir als Gesellschaft untersuchen und versuchen zu lösen.

Sie sind mit „Verrücktes Blut“, das in Wien in der Garage X läuft, und demnächst auch in Norwegen und Dänemark inszeniert wird, mit einem Schlag berühmt geworden. Sie arbeiten nun am Volkstheater. Erwartet man von Ihnen auf alles den postmigrantischen Blick?
Natürlich gibt es manchmal diese Erwartung. Aber hier ist das nicht so. Hier gibt es keine Einschränkung, was meinen künstlerischen Blick auf Gorkij betrifft. Michael Schottenberg hat mir das Angebot auch schon gemacht, bevor „Verrücktes Blut“ am Ballhaus Naunynstraße (das derzeit die künftige Ko-Intendantin der Wiener Festwochen, Shermin Langhoff, leitet) herauskam. Klar, war ich da schon „der türkische Regisseur“. Das bin ich auch alles: Regisseur, Linkshänder, Türke …

Und?
Schwul. Bei mir ergeben zwei Minus ein Plus. Ich erfülle so viele Antiklischees, bei mir greifen so viele Vorurteile gegen türkische Männer nicht: Die schlagen ihre Frauen, zeugen mindestens fünf Kinder, stinken, weil sie sich nicht waschen… Wenn man schwul ist, fällt das weg. Letzteres, weil wir Schwule ja sehr körperbewusst sind, wie alle wissen. (Er lacht.) Ich habe auch in „Verrücktes Blut“ diese Klischees ironisiert und am Ende dekonstruiert. Im Wissen übrigens, dass 40 Prozent des Publikums die Ironie nicht mitkriegen, sondern sich bestätigt fühlen. Da muss man halt auch durch.

„Theater muss politsch sein“

Sie sind ein sehr politischer Mensch. Was fällt Ihnen an Österreich auf?
Zum einen: Theater ist politisch. Muss politisch sein, sonst ist es nur ein teures Vergnügen. Wir beanspruchen Steuergelder, für die müssen wir etwas sagen, eine Reibungs-, eine Diskussionsfläche bieten. Ich hoffe, dass mit „Kinder der Sonne“ der rote Stern am Volkstheater noch heller leuchtet.

Zum anderen?
Was mir in Österreich auffällt, ist, dass es kaum türkische Künstler gibt. In Deutschland gibt es Filmregisseure, Schauspieler, Kabarettisten … In den Achtzigerjahren hat die Politik bei uns sehr dafür gearbeitet. Nach der Zusammenführung mit Ost-Deutschland hatten sie andere Sorgen.

Verfolgen Sie auch, was in der Türkei passiert?
Zum Teil mit großem Schrecken. Dieser Weg weg von der Demokratie tut mir weh. Ich habe Anfragen aus so vielen Ländern, sogar zwei Unis in den USA haben mich eingeladen, Workshops zu halten. Nur aus der Türkei kommt nichts.

Zur Person: Autor und Regisseur

Anfänge: Erpulat wurde 1974 in Ankara geboren. Er studierte an der Uni in Ìzmir (Spezialfach: Shakespeare), dann in Berlin an der Schauspielschule „Ernst Busch“, wo er der erste Türke war, der für eine Regieausbildung angenommen wurde. Dass ihn ein Unterrichtender nicht in die Shakespeare-Klasse nehmen wollte, weil „das nicht zu Ihrer Kultur passt“, erzählt er heute als Anekdote.

Erfolge: 2008 inszenierte er erstmals ein von ihm geschriebenes Stück, „Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke?“, 2011 folgte „Verrücktes Blut“. Erpulat hat in Berlin den Verein „Gladt“ (Gays and Lesbians aus der Türkei) mitgegründet, der u. a. auch Deutschkurse anbietet. Seit dieser Spielzeit ist er Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Das Kult-Stück zur Zeit

Februar 8, 2013 in Bühne

Die Schulklasse, die sich einen Dreck um Nationaldichter schert.

9,2,2013, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

„Verrücktes Blut“ bricht mit Vorurteilen

Das Wiener Theater Garage X zeigt Nurkan Erpulats Stück „Verrücktes Blut“. Es ist wie ein PISA-Test mit vorgehaltener Pistole.

Die Angst um die abendländische Zivilisation kann einen schon packen. Diese Angst, die seltsame Blüten treibt. Da sitzen xy Prozent Ausländerkinder – alles Muslime, eh klar – in jeder Schulklasse, scheren sich einen Dreck um unsere Nationaldichter, schimpfen die Lehrerin im knappen Kostüm eine Nutte und nehmen auch noch eine Knarre mit.

Kein Wunder also, dass die Pädagogin am Rande des Nervenzusammenbruchs sich der Waffe bemächtigt, um die unwilligen Schüler zu zwingen, endlich Schillers „Räuber“ zu lesen. PISA mit vorgehaltener Pistole.

Ein Stoff, aus dem Erfolge sind. Erst als im Pariser Banlieue angesiedelter Kinofilm mit Isabelle Adjani, dann als Theaterstück „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje. Erst aufgeführt im Berliner Ballhaus Naunynstraße, Haus der designierten Wiener-Festwochen-Cointendantin Shermin Langhoff, nun in der Wiener Garage X neu inszeniert von Volker Schmidt.

Regisseur Schmidt tut dem vor politischer Korrektheit triefenden Drama gut. Lustvoll dekonstruiert er vermeintlich klare Identitäten (die in Ghana geborene Nancy Mensah-Offei etwa tritt aus der Rolle und erklärt in breitem Oberösterreichisch, dass sie nicht den „Problemschoko“ spielen will). Er lässt seine „Türkenmachos“ Oktay Günes und Mustafa Kara Heimatlieder singen („Fein sein, beinander bleiben“) – und knickt so Erpulats erhobenen Zeigefinger. Ein glatter Bruch. Von Vorurteilen.