Das Off Theater online: The.Heldenplatz.Thing.Movie

März 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Infiziert mit der österreichischen Virusvariante

Horch, wer kommt von draußen rein: Ernst Kurt Weigel, Isabella Jeschke und Tamara Stern als Forscherinnen- und Forscherteam in Franz-Josef-Land. Bild: © Barbara Pálffy

Wegen des großen Erfolges und weil kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, verlängert das.bernhard.ensemble den Gratis-Stream von „The.Heldenplatz.Thing.Movie“ via der Webseite www.off-theater.at bis 5. April. Die Produktion, der im März 2020 gerade noch die Premiere gegönnt war, wurde von Philine Hofmann mit der Kamera festgehalten – heißt: nicht abgefilmt, sondern von der jungen Foto- und Videokünstlerin in ein eigenständiges Kunstwerk verwandelt, aufgenommen in der White Box des Off Theater.

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist ein weiteres Theater-Mash-up von Regisseur Ernst Kurt Weigel, inspiriert von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ und John Carpenters Sci-Fi-Horror „The Thing – Das Ding aus einer anderen Welt“, Kult sowohl das einstige Skandalstück wie der Leinwandklassiker – und wie gut trifft sich’s, dass der Weigel den Kurt im Namen führt, war doch Kurt Russell der große Held in Carpenters Meisterwerk.

Was das.bernhard.ensemble zeigt, ist Polit-Satire de luxe, Thema ist naturgemäß das Virus, die Performance mit jeder Mutation um eine Mundschutzmaske weiterentwickelt, und das Setting wie folgt: Eine Gruppe Forscherinnen und Forscher unter der Leitung des verwegen-verschmitzten „Kört“ haben sich in die klirrende Kälte des Franz-Josef-Land zurückgezogen, um mitten im Nirgendwo die gute österreichische Mentalität zu erkunden und zu dokumentieren.

Die Message und deren Control wird immer wichtiger, sagt Weigel, und so ginge es nicht an, dass auf den Voyager Golden Records von 1977 ausgerechnet Kurt Waldheim seine Affäre ins All geschickt habe – und damit den ganzen Tross des Nationalsozialismus bis hin zum SA-Ross. Was sollen sich etwaige Aliens da denken? Ergo sammelt die ziemlich schräge Truppe neue Daten über heimische Befindlichkeiten: Kristina Bangert als Josephine, Kajetan Dick als Robert und Gerald Walsberger als Lukas.

Isabella Jeschke als Herta – ja, Auge! bei diesen Namen – betreut die wunderbare Chatgruppe „Todessehnsucht“, ist doch „der Österreicher von Natur aus unglücklich und wenn er einmal glücklich ist, versteckt er sein Glück in Verzweiflung“, und Tamara Stern als Frau Zittel den Schweigechat. Was das 90 Minuten beharrlich stille Polarmäuschen deutlich von des Professors Haushälterin trennt, Tamara Stern spielt sich mit viel komödiantischer Mimik in lichte Höhen, will ihr doch keiner zuhören, äh, zuschauen.

The Thing turnt behende übers Iglu-Gerüst: hier Rosa Braber, im Film Desi Bonato. Bild: © Barbara Pálffy

„Boris die Bestie“-Lookalike: Ernst Kurt Weigel als verwegener Teamleiter „Kört“. Bild: © Günter Macho

Die Tiefkühltruhe des Grauens als Frischhalteplatz …: Ernst Kurt Weigel. Bild: © Günter Macho

… für ewiggestrige Untote und zeithistorische Wiedergänger: Isabellla Jeschke. Bild: © Barbara Pálffy

Zugegeben, man muss als Publikum erst durch diese Teamaufstellung turnen, andererseits ist sie zu gelungen, um nicht genannt zu werden. In einer Tiefkühltruhe werden bei minus 70 Biontech-Grad die gewonnenen Erkenntnisse im Hightech-Gerät Cocktailshaker aufbewahrt – und schon steppt der Eisbär im arktischen Außenposten. À la Carpenter und zur hypnotischen Musik von b.fleischmann stürmt ein schwerbewaffneter Norweger die Station, vor der Flinte eine wehrlose Frau, eine Flüchtende, eine Jüdin, doch wer Carpenter kennt, kennt Formwandler – und worin wird sich der Heldenplatz-Anrainer verwandeln, außer in mittlerweile beinah neun Millionen Debile und Tobsüchtige? Genau!

Desi Bonato brilliert als The Thing, sie ist die „Wölfin“ im Schafspelz, im schwarzen Lederoutfit schlängelt sie sich lasziv wie die Verführung selbst und vollführt atemberaubende Akrobatiknummern auf dem Iglu-Gerüst von Julia Trybula. The Thing ist das Virus, und zwar die urösterreichische Variante. Bald ist jedes Crewmitglied mittels Handauflegen „das erste Opfer“, erste Symptome sind stark antisemitische, rassistische Verschwörungshaltungen, denn das Virus holt aus jedem das Schlechteste hervor. Am besten beeinflussbar ist die hyperhippelige Herta der Isabella Jeschke – und schon ist der Satz gesprochen: „Wenn ich eine Nazisau bin, bist du eine Judensau.“

Infiziert ist gleich neo/nazifiziert. Das durch und durch verderbte Land, diese geist- und kulturlose Kloake, hüllt von Neuem ganz Europa mit ihrem Gestank ein. Auf skurrile folgen sinistre folgen spooky folgen Suspense-Situationen, wobei Weigel nie aus dem Blick verliert, dass Thomas Bernhard wie John Carpenter Großmeister des subversiven Augenzwinkerns sind. Philine Hofmann fängt Gesichter in Großaufnahmen und die klaustrophobische Atmosphäre ein, mit wackeliger Handkamera bebildert sie Chaos und Tumult.

Weil das.bernhard.ensemble immer auch Körpertheater ist, wird zu Stevie Wonders „Superstition“ ein Zombietanz aufgeführt. Und was die ewiggestrigen Untoten und die zeithistorischen Wiedergänger betrifft, ist es nur gut, dass es die große Tiefkühltruhe als Frischhalteplatz gibt. Es wird hinausgeströmt in die unbelebte Stadt, zur Ulrichskirche, Genussgruppenleiterin Bangert zum Sluka, und – da fröstelt’s den Kulturmenschen – in die leere Josefstadt. Alle, alle sind sie wieder auf dem Heldenplatz. Und Walsberger, aufgefunden als der letzte lebende Sozialdemokrat, sagt, die Sozialisten seien schuld, dass es wieder nationale Sozialisten gibt.

Die großartige Tamara Stern spielt sich mit komödiantischer Mimik in den Mittelpunkt der Produktion. Bild: © Günter Macho

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist eine fulminante Farce, die durch den Zeitungeist galoppiert, ohne auf ihm herumzureiten. Dass in der österreichischen Innenpolitik Waldheims Pferd nicht das einzige trojanische ist, macht Ernst Kurt Weigel im Subtext, sein Ensemble im Subspiel dieser Horrorgroteske fest.

Und wie die großartig agierenden Darstellerinnen und Darsteller um den Cocktailshaker streiten, wie der österreichische Gemütsmensch da zum Gewalttäter wird – plastischer kann man den um sich greifenden Impfdosenneid und die Geimpften-Missgunst, den aufkeimenden Impfdosennationalismus, die Mieselsucht allüberall kaum ausstellen. Man möchte nicht täglich philosophieren, wie das weitergeht.

Am Ende: Anschluss completed. Das politische Hass-Virus hat die klimatische Kälte zur gesellschaftlichen mutiert. Die Tests weisen eine hochinfektiöse minderheiten- und demokratiefeindliche Geisteshaltung nach. In Franz-Josef-Land hat’s die Forscherinnen und Forscher, die Suchenden nach dem Schönen in der österreichischen Seele dahingerafft. Einzig Frau Zittel sitzt noch da. Das Schweigen überlebt – dieses die authentische „österreichische Lösung“: Alles gesehen, alles gewusst, nichts gesagt und nichts getan.

Trailer: vimeo.com/432422601           Full Movie: www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at           www.philinehofmann.com

TIPP: Heute um 20 Uhr gibt es einen Realtime-Livestream der Produktion „This is what happened in the Telephone Booth“ von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt auf Facebook. Kamerafrau auch hier Philine Hofmann. Rezension der Live-Performance 2019: www.mottingers-meinung.at/?p=36197, Trailer: vimeo.com/434756174.

Link zur Live-Veranstaltung: www.facebook.com/das.off.theater/live

www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at

  1. 3. 2021

Theater Nestroyhof Hamakom online: Alles ist. Hin?

Dezember 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Patschenkino in die Pestgruam

Gustav Ernst, Alicia Edelweiss, Peter Ahorner und Karl Stirner, Voodoo Jürgens und Miroslava Svolikova. Film-Still „Alles ist. Hin?“, Theater Nestroyhof Hamakom, 2020 © Marianne Andrea Borowiec

„Jeder Tag war ein Fest / Und was jetzt? Pest, die Pest!“ Die Ballade vom lieben Augustin ist so stadtbekannt wie ihr Musikant. Derart reimt Voodoo Jürgens als sichtlich illuminierter Gast- geber, der das geschätzte (nun statt Theater- eben) Filmpublikum ins Hamakom geleitet. Durchs verhängte Foyer in Sam’s Bar, wo die Stimmung nicht grad auf dem Siedepunkt ist.

Punkto Schnapsleichen hat’s schon zwei auf der Bühne hingestreckt, Peter Ahorner und Karl Stirner, Alicia Edelweiss dreht sich mit ihrem Akkordeon leise im Kreise, Miroslava Svolikova sinnt vor sich hin und Gustav Ernst versucht sich Einen umzuhängen. Die Bänkelsänger-Batterien sind so leer wie die Flaschen ringsumher. Aber das ändert sich in der Minute.

Weil: Hochverehrte Anwesende!, liebe Festversammlung! das Spiel nun beginnen kann. Im Theater Nestroyhof Hamakom hat man aus der Not eine – angesichts des Protagonisten muss man wohl sagen – Untugend gemacht, und die Premiere von „Alles ist. Hin?“ im Rahmen des Dezembertraditions-

Programms „Sam’s Bar“ zum Patschenkino rund um den lieben Augustin umgestaltet. Marx Augustin, so ein sich hartnäckig haltender Wiener Mythos, schlief während der letzten großen Pestepidemie im 17. Jahrhundert in der Gosse ein, nachdem er sich in einem Lokal betrunken hatte. In der Nacht wurde Augustin von den Siech-Knechten der Stadt für tot befunden und in eine Pestgrube geworfen. Oder stolperte er selbst hinein?

Die Erzählungen variieren. In jedem Fall erwachte der Dudelsackspieler und Stegreifdichter am nächsten Tag und krakeelte so lange, bis man ihn aus seiner misslichen Lage befreite. Und verkatert, aber sonst guter Dinge schrieb er seinen Hit darüber, auch in Zeiten der allergrößten Not nicht den Humor zu verlieren. In mannigfaltigen Gestalten und in der Regie von Hannes Starz, Marianne Andrea Borowiec und Patrick Rothkegel lassen die Singer-Songwriter, Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musiker den Augustin nun hochleben.

Alicia Edelweiss. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Voodoo Jürgens. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Miroslava Svolikova. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Das heißt, es wär‘ nicht das gute alte Wiener Leid im Wienerlied, müsste man nicht auch ein bisschen „sudern und sempern beim Pudern und Pempern“. Der Tod ist zweifelsfrei ein Wiener, aber die gepflegte Tristesse allemal eine Wienerin – und so erzählt Gustav Ernst vom Todesübungstheater des Franz‘, ein „Tollhaus“ ist das übrigens, in dem der scharfzüngige Nachfahre der Wiener Volkskomödienschreiber seinen einen von „Zwei Herren“ sagen lässt: „Wissen Sie, was Kultur ist? Wenn einer allein im Keller sitzt, im Finstern, und sich trotzdem die Hand vorhält beim Gähnen.“

Noch mag zwar nicht „Midnight“ sein, doch der Franz stirbt bereits den Unterhaltungstod. Die Slimfitten und die Mentalsheriffs mit ihren #Corona-Spürhunden, kein Scherz, den ersten bildet das Bundesheer dieser Tage aus, sind an allem schuld, befindet ernst Ernsts Augustin: „Man darf den Tod nicht zur Ruhe kommen lassen, damit er nicht nachkommt und keine Kraft mehr zum Umbringen hat“, ist seine Volksweisheit, denn erst: „Wenn ollas hin ist, lauf‘ ich zu vollem Leben auf!“

Voodoo Jürgens und Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

So entpuppt sich der Abend als Perpetuum mobile des Morbiden, gottvoll möchte man ihn nennen, während die Edelweiss einen Valse macabre intoniert. Doch darf man das nicht, weil Ernst eben erläutert: Gott = Herr, gegendert: Herrin, also Domina. Da erwacht aufs Stichwort die unscheene Alk-Leich’ Peter Ahorner und Karl Stirner zum untoten Leben. Der Satiriker und der Zitherspieler bekanntlich „ein Herz und eine Kehle“, zwei ausgschamte Diener, die in den Endzeitgewölben des Hamakom Hochgeistiges servieren.

Ả la „Es geht ma guat, solang mei Fleischhauer und des Waffngschäft offen haben“ wird über die tiefe Bedeutung von Bradlfettn und Grundfettn diskutiert, werden die Cluster-Gfrasta ausstalliert, wird „Virologie im Dezember“, der große Hit der Bambis, oder war er von Vico Torriani und hieß ganz anders?, angestimmt. Dazu Voodoo Jürgens, der mit Rauschgeschwindigkeit zwischen dem Billardspiel mit Gustav Ernst und dem unwohltemperierten Klavier wechselt. Ein Glühbirnenballett – und Miroslava Svolikovas Ruf an die Freunde im Fegefeuer: „O du lieber Augustin / mir fehlt noch ein Reim da drin!“

„Mein Leben und ich“, sagt sie, „sind eine Amour fou, und die Fröhlichkeit ist unsere Impfung.“ Nach zwei, drei Gläsern im Verein mit den Künstlerinnen und Künstlern fühlt man sich vorm Bildschirm fast schon wie der/die Regierungsbeauftragte für Hygiene und Moral, zu Gustav Ernst zorniger Stimme mischen sich die Sätze der Svolikova, beschwörend wispernd, und Augustins Haberer Voodoo Jürgens lädt zum Ringelreihen. Zum Schluss der Coverboy von Ottakring: „Aufblattlt hot’s es, olle miatanaunda, von Peter Alexander bis Wanda, ans Glander hob I’s olle gspüt, I wor da Burner von Wien. Und heit nix, kane Gigs, Auftrittsverbot …“ Alles ist. Hin? – na, im Hamakom zum Glück nicht!

Zu sehen bis 18. Dezember. Das ganze Programm in Sam’s Bar: www.mottingers-meinung.at/?p=42703 www.hamakom.at

  1. 12. 2020

Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno

Oktober 14, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Off Theater: In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein

Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht. Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schleicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36197). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine Psychotherapie fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei …

Vorstellungen bis Ende November.

www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177

  1. 10. 2020

aktionstheater ensemble online: Heile mich

April 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Lösung ist’s Erlösung suchen

Schweigsame Männer als Handyfotomotiv für einsame Frauen: Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl, Kirstin Schwab und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

„Ich habe mich nicht mehr gespürt“, sagt Isabella Jeschke. Die Haare Struwwel- petra, die Strümpfe löchrig, schildert sie ihren Alk-Unfall, darauf Suppenentschlackung, darauf David. Den Heilsbringer. Von dem man später erfahren wird, dass er sich nicht als solcher epiphanierte. Essig war’s also mit dem „Heile mich“ – so der Titel der erst im Dezember uraufgeführten Produktion von Martin Gruber und dem aktionstheater ensemble, die nun als Teil des Online-Spielplans „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis

Ostermontag, 24 Uhr, auf aktionstheater.at kostenlos zu sehen ist. Einmal mehr bricht die schnelle politische Eingreiftruppe darin Gesamtgesellschaftliches aufs Private herunter, diesmal als Inventarisierung solcher, die ihre Genesung in der Ganzheit suchen, aber zu individualistisch für ein Miteinander sind. Narzisstin und Plauschmund sozusagen. Für eine Innenschau geht’s viel zu hysterisch und hektisch her. Isabella Jeschke, Susanne Brandt und Kirstin Schwab versuchen sich zwar leidenschaftlich im Zuhören, doch bleibt ihr lärmendes Aneinander-Vorbeikreischen ein Um-sich-selbst-Kreiseln – das Ernst Tiefenthaler und Emanuel Preuschl als Slow-Motion-Derwische auf Podesten fortführen, Grubers Körpertheaterkonzept hier mal als Art-Tanz dargeboten.

Zur Livemusik der Dun Field Three, die Bänkelrocker Sänger Daucocco, Gitarrist Nachtlieb und Drummer Goto, deren dunkler Vintage-Sound einen samtig umarmt, und die auch ihren jüngsten Song  „Blood River“ (www.youtube.com/watch?v=rlHPznXn23s) auf der Bühne zum Besten geben. Je schreiender die Sies, je schweigsamer die Ers, mit enervierendem Enthusiasmus arbeiten sich die drei Frauen an immer absurderen Fragestellungen ab. Die bis zur Stupidität verliebte Jeschke erfährt von den Freundinnen Zuneigung und Neid, bis Susannes verhungerter Kater Ferdi das erste Opfer der David-Obession wird.

Tiefenthaler, Preuschl, Jeschke, Brandt und Schwab. Bild: © Stefan Hauer

Susanne Brandt: In Trauer um den Kater Ferdi. Bild: © Stefan Hauer

Isabella Jeschke und Emanuel Preuschl: Fuck You! Bild: © Stefan Hauer

Die Brandt empfiehlt Radikal-Häkeln von Kaprizpolsterbezügen als Trauerbewältigung, Schwab probiert’s mit Ayurveda-Therapie, Jeschke mit einem Friedensfernkurs, der verpflichtend transzendiert. Und sobald‘s im Weiteren um Glückskekse als Lebenswegweiser, Eichhörnchen-Diskussionen, Eidechse Rudis am Elektrozaun eingebüßten Schwanz, Selbstkitzeln der Oberlippe als Einsamkeitstastsinn geht, Dun Field Three bringen dazu das Visage-Cover „Fade To Grey“, meint Susanne Brandt aufmunternd: „Wir sind auf einem guten Weg!“ Wiewohl sie angesichts der Jeschke-Schwab-Eskalation zunehmend aus der Fasson gerät. Mit Kulleraugen hinter den Brillengläsern, mit Tränen für den hingeschiedenen Ferdi.

Das alles ist typisch aktionstheater, diese Assoziationsperlenkette, nicht Alternativ-, sondern Metadenken, Nonsens im Sinne des Martin Gruber’schen Tief- und Hintersinn, die diversen Ichs, die sich im Über-Ich der Rede und ihrer Redundanzen, Interpretationen, Neuinhalte, der Verdrängung, Verwirrung, des Missverstehens fangen. „Es geht um eine Kultur des Vertrauens“; sagt Schwab, „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, sagt Brandt, „Ich hatte viel Zeit im Sommer, da ist mir das aufgefallen“, repetiert Jeschke die Problematiken.

Heilsversprechen werden nicht eingelöst, Erlösung suchen ist auch keine Lösung, immer irrwitziger entblößen sich die Frauen bei ihrem skurril-schonungslos-schwermütig-schmerzlichen Kommunikationsstrip, bis Kirstin Schwab dies tatsächlich tut. Sie will sich zeigen, wie sie ist, nackt im geschützten Raum der Bühne, will ihre Wunden offenlegen, ihre Narben, das Publikum dabei ihr Kraftquell, alle Ensemble-Blicke auf diesen Beifall spendenden Heiland gerichtet, die Intimität dieser Szene des Sich-Wiederfindens von einer Intensität, die von diesem erst ausgehalten sein will.

Dun Field Three bitten zum Tanz: Michael Lind aka Goto, Kirstin Schwab, Andreas Dauböck aka Daucocco und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

Ein Glück, nehmen‘s die anderen beiden gleich wieder mit Charme. „Was macht dich heil?“, fragt Isabella Jeschke – und die Brandt antwortet: „Gutes Essen, guter Wein, ein gutes Gespräch …“ Guten Sex hat sie vergessen. Und Dun Field Three nebst den Herren in den kleinkarierten Hosen singen ihr Gebet „Gone“.

Trailer „Heile mich“: vimeo.com/374654171

aktionstheater.at           www.dunfieldthree.com

Am 14. April startet das aktionstheater ensemble die nächste Staffel von “Streamen gegen die Einsamkeit“. Jeweils für zwei Tage sind dann unter anderem zu sehen „Pension Europa“ (Trailer: vimeo.com/97548144, Rezension als Teil des Abends „6 Frauen 6 Männer“: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), „Riot Dancer“ oder „Immersion. Wir verschwinden“. Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322.

12. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020