Sommernachtskomödie Rosenburg: „Kalender Girls“

April 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die britischen Ladys legen nun im Waldviertel ab

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Mittwochvormittag präsentierte Intendantin Nina Blum ihre Pläne für die Sommernachtskomödie Rosenburg. Auch im zweiten Jahr ihrer Leitung setzt sie auf Welttheaterkomödien: Nach Woody Allens „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ im Vorjahr stehen heuer Tim Firths „Kalender Girls“ auf dem Spielplan. Premiere ist am 30. Juni.

Bekannt ist das Stück vor allem durch die Verfilmung mit Helen Mirren und Julie Walters aus dem Jahr 2003. „Doch“, so Blum, „die Theaterfassung ist ziemlich anders“. Nicht zuletzt deshalb, weil Regisseur Marcus Ganser die Handlung ins Waldviertel verlegt hat. Blum: „Die ‚Kalender Girls‘ sind nun Damen des Horner Lions Club, denen das Mohnstrudelwettbacken für ihren Zweck nicht mehr ausreichend erscheint.“ Dieser Zweck ist ein guter und hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Ein britischer Freundinnenkreis beschloss, Geld für eine Krebsstation zu sammeln, nachdem der Ehemann einer der Protagonistinnen an Leukämie erkrankt war und sie die Krankenhaustristesse für die Patienten ein wenig angenehmer gestalten wollte. Doch Wohltätigkeitsbasare und Selbstgebasteltes bringen nicht genug Spenden ein und so beschließen die Frauen einen Benefizkalender zu gestalten. Und zwar statt der üblichen Tier- und Landschaftsfotos mit sich selber als Motiv. Nackt. Versteht sich, dass das Projekt Pin-up für jede Menge Aufsehen sorgt …

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Auf der Rosenburg tritt eine illustre Darstellerinnenriege zwischen 46 und 89 Jahren zum erotischen Fotoshooting an, allen voran die wunderbare Erni Mangold, die als Wahl-Waldviertlerin auch noch Heimvorteil genießt. Mit ihr stehen Babett Arens, Hemma Clementi, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Elisabeth Engstler auf der Bühne.

Die ORF-Moderatorin feiert in der Rolle der ehemaligen Rocksängern Caro ihr Bühnencomeback. Dafür lernt sie seit zwei Monaten sogar Klavierspielen, „bei einem jungen, feschen Klavierlehrer“, lacht Engstler, die in diesem Zusammenhang auch erzählt, wie das mit dem Ausziehen daheim ankam: „Meine Tochter hat gesagt, halt‘ dir die großen Klaviernoten vor, sonst wird’s peinlich.“

Bettina Soriat spielt eine erbitterte Gegnerin des Kalenders, Marcus Gansers Mutter, Margot Ganser-Skofic, die Vorsitzende des Lions Club. Als Quotenmänner beziehungsweise Hähne im Korb komplettieren Martin Oberhauser als Fotograf und Erwin Ebenbauer das Ensemble. Auch Ebenbauers Figur, der krebskranke Ehemann, wird im Waldviertel eingemeindet, er ist ein Forstbeamter des Nationalparks Thayatal. Den Volkstheaterstar aus der Ära Schottenberg erwartet bei der Sommernachtskomödie eine persönliche Premiere. Er wird wohl seine Haarpracht opfern. „Zum ersten Mal in 40 Bühnenjahren!“ Die Herren Martin Burböck und Oliver Podesser von der steirischen Band „Landluft“ werden für „verjazzte Volksmusik“ sorgen.

Regisseur Ganser hat die Komödie nicht nur mit Pointen aus der englischen Originalfassung aufgepeppt, er ist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Auf der von acht Zuschauertribünen umringten 360°-Bühne will er einen Zen-Garten gestalten, „als Symbol für Vergehen und Neuwachsen.“ Ansonsten zeigt er sich furchtlos angesichts der geballten Frauendynamik: „Ich habe schon öfter Inszenierungen mit vielen Kolleginnen gemacht, wenn ich da was nicht verstehe, gehe ich einfach heim – und frage meine Frau.“

Mit den „Kalender Girls“ wird natürlich ein Kalender produziert. Der Erlös geht an ein Frauenprojekt der Krebshilfe.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 13. 4. 2016

Erni Mangold: Großer Diagonale-Schauspielpreis 2016

Februar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „alte Indianerin“ nimmt den Preis in Graz entgegen

Erni Mangold Bild: mottingers-meinung.at

Erni Mangold
Bild: mottingers-meinung.at

Die Diagonale ehrt Erni Mangold mit dem Großen Schauspielpreis 2016. Die 89-jährige Ausnahmekünstlerin wird das von Anna Paul gestaltete Kunstwerk bei der Festivaleröffnung am 8. März in der Grazer Helmut-List-Halle persönlich entgegennehmen.

„Ich bin wie eine alte Indianerin oder ein Zirkuspferd: Stürz’ mich auf eine Rolle und schau, dass ich’s derpack“, erklärte Erni Mangold einmal in einem Interview. Die Wahlwaldviertlerin mit Hang zur ungeschönten Ehrlichkeit und trockenem Humor zählt zu den markantesten Charakterdarstellern unserer Zeit. Als wandlungsfähige Spezialistin für skurrile und bisweilen eigenwillige Kunstfiguren wirkte sie in bis dato mehr als 80 Fernseh- und Kinofilmen sowie unzähligen Theaterproduktionen mit.

Erste filmschauspielerische Schritte machte Mangold, hauptberuflich stets Bühnendarstellerin, 1948 an der Seite von Paula Wessely und Attila Hörbiger in „Der Engel mit der Posaune“. Mit „Der Förster vom Silberwald“ spielte sie ausnahmsweise einmal auch in einem klassischen Heimatfilm mit. „Ich fand diese 1950er-Filme ja grauenhaft. Mir standen keine Dirndln, darum hat man mich ohnehin nicht in solchen Filmen beschäftigt. Ich war sehr froh darüber“, sagt sie. Zwischen 1965 und 1972 folgten Engagements in Deutschland und der Schweiz: „In Deutschland habe ich in den Filmen immer die Frau gespielt, die der Ehefrau den Mann ausspannt“, erzählt Mangold süffisant über diese Zeit.

In Kontakt mit dem Hollywood-Kino kam Mangold schließlich mit ihrer Rolle als Handleserin in Richard Linklaters „Before Sunrise“, 1995, mit Ethan Hawke und Julie Delpy. Darauf folgte 2011 das international ausgezeichnete Drama „Anfang 80“ von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, in dem Mangold die verlassene Ehefrau einer der Hauptfiguren verkörperte. Drei Jahre später schließlich: die viel umjubelte Darbietung in „Der letzte Tanz“ von Houchang Allahyari, für die sie mit dem Diagonale-Schauspielpreis ausgezeichnet wurde. Die Jury damals: „Das ist hohe Schauspielkunst, berührende Menschlichkeit, definitiv ein starker Auftritt und eine große, vielleicht bleibende Szene der österreichischen Filmkultur.“

Zuletzt brillierte Erni Mangold auf dem niederösterreichischen Thalhof und im Wiener Metro Kinokulturhaus in der Kinobühnenschau „La Pasada“ von Anna Maria Krassnigg, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16119. In der Produktion des Salon5 ist sie in einer ihrer Paraderollen zu sehen; als ewigjunges Mädchen mit schelmischem Augenzwinkern erzählt sie von Lust und Leid eines ganzen Menschenlebens.

www.diagonale.at

Wien, 11. 2. 201

Salon5 im Metro Kinokulturhaus: La Pasada

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinobühnenschau über den Sturm, der sich Leben nennt

Erni Mangold und Flavio Schily Bild: Christoph Hochenbichler

Erni Mangold und Flavio Schily
Bild: Christoph Hochenbichler

Das Metro Kinokulturhaus atmet. Ein riesiger rotplüschiger Organismus, dessen Brustkorb sich senkt und hebt. Ausatmen – Vergangenheit, einatmen – Zukunft. Anna Polonis Text atmet mit, Stück und Aufführungsort als Zweitaktseele, Leinwand und Bühne ebenso. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat ihre Inszenierung von „La Pasada – Die Überfahrt“ vom Reichenauer Thalhof, ihrer frisch gedrechselten Wortwiege an der Rax, nach Wien gebracht. Hat es sorgsam eingehüllt, dieses Kleinod aus Spitzentuch und Seelenqual, und an der richtigen Stelle wieder enthüllt. Finster im Saal. Die Kinobühnenschau läuft. Bewegende Bilder. Auf der Leinwand eine Totenfeier, eine Banda spielt einen Trauermarsch; auf der Bühne eine Totenwache, die Verstorbene als Memento mori aufgebahrt, um sie Menschen versammelt. Ein Sturm hat sie hierher geweht. Ein Sturm, der sich Leben nennt.

Die Poetik der Bilder korrespondiert mit der Sprache des Dramas. Anna Poloni hat ein Spiel um Zeit und Raum geschrieben. Zeit vergeht, wird verspielt, will festgehalten werden und wird vergeudet. Lust- und leidvoll. Raum ist, wo das Meer die Menschen anspült, wo Berge einen festhalten. Zeit und Raum sind die Geliebten, die einen wie der Blitz spalten. Die Liebe ist lust- und leidvoll. In einer Lebensgeschichte verbirgt sich ein Familiengeheimnis, das Poloni Satz für Satz aufdeckt. Wie im Memory, das auf der Leinwand gespielt wird. „Vergangenheit – Möglichkeit, ich verwechsle das immer“, sagt eine Figur auf der Bühne. Dies gleichsam das Motto des Abends.

Erzählt wird von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar diese letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Pospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt. „Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf die, die nicht auftreten wird.

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Noch agiert dieser prägnante Schauspieler hauptberuflich als Schüler an einem Wiener Gymnasium, aber bald! Schily changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön. In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film in den Saal überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“, auf der Bühne, als auch Ari, Floras Liebhaber im Film, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, vollbärtiger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist. „Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze im Stück, sondern verweist auch auf dessen Dreisprachigkeit – Deutsch, Englisch, Spanisch. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die dem Publikum, das sie einmal in direkter Anrede anklagt, das happy end verwehrt. Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos.

Anna Maria Krassnigg hat mit diesem enigmatischen Stück, dessen Auflösung an dieser Stelle verweigert wird, die große Kunst der Kinobühnenschau auf beeindruckende Weise erneuert. Zwar ist das Metro nicht jener magische Ort zwischen mar y montana, den man in den Zuspielungen erkennt, doch bleibt er als Parfüm, unterstützt durch das Bühnenbild von Lydia Hofmann und die subtil eingesetzte Musik von Christian Mair. Im Gesamten kreiert sich hier aus der literarischen Sehnsucht des weiten Landes Floras „kaltes Land“. Auch das Metro kann Melancholie. Und wie. Das Metro atmet … dem Publikum stockt vor dem Applaus der Atem kurz. Der Kopf muss erst zurückkommen, von den vielen zur Verwirrung ausgelegten Fährten. Dann Bravo und Blumen. Als Spielfilm ist „La Pasada“ ab dem Frühjahr 2016 in den heimischen Kinos zu sehen. Der von Anna Maria Krassnigg und Christian Mair produzierte Film wird maßgeblich durch Crowd-Funding finanziert. Man darf gespannt sein.

Trailer: vimeo.com/144214612

salon5.at

Wien, 18. 11. 2015

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015

Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“

Dezember 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blutsauger lässt sich von Sigmund Freund psychoanalysieren

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als "Der Vampir auf der Couch" Bild: © Thimfilm

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“
Bild: © Thimfilm

Am 19. Dezember startet in den heimischen Kinos die Komödie „Der Vampir auf der Couch“. Inhalt: Wien, Anfang der 30er-Jahre: Eines Nachts findet sich ein neuer Patient auf Sigmund Freuds Couch ein – ein geheimnisvoller Graf, der die „endlos“ andauernde Beziehung mit seiner Frau nicht mehr erträgt. Sie sei eitel, sie nerve, er hasse sie einfach. Ständig wolle sie von ihm Komplimente hören, wolle ihre Schönheit bestätigt wissen – denn sie könne sich nicht im Spiegel betrachten.  Freud, der nicht ahnt, dass es sich bei Graf und Gräfin um Vampire handelt, weiß gleich eine – vermeintliche – Lösung: Was der Spiegel nicht vermag, kann vielleicht auf einem Bild festgehalten werden. Und so gibt Freud seinem Patienten die Adresse des jungen Malers Viktor. Und tatsächlich, kaum ist der Graf vor dessen Wohnung, sind seine Lebensdürste auch wiedererweckt: Denn in Viktors Freundin, der hübschen Lucy, vermeint der Graf, seine vor Hunderten von Jahren verblichene Geliebte Nadila wiederzukennen. Mit ihr – oder der, für die er sie hält – könnte der Graf nun endlich wieder ein glückliches Dasein fristen. Wäre da nicht die Gräfin. Und Viktor. Und hätte Lucy nicht ihre eigene Vorstellung davon, wie sie ihr Leben gestalten will. Schnell spitzt sich die Situation zu – und endet in einem Ehestreit, bei dem selbst Freud nicht mehr weiß, wie ihm geschieht.

Eine bissige Vampirkomödie von David Ruehm („El Chicko – Der Verdacht“) mit pechschwarzem Witz, geschliffenen Dialogen und gar nicht blutleeren Charakteren, einem unsterblich komischen Tobias Moretti, einer furiosen Jeanette Hain, den Newcomern Cornelia Ivancan („CopStories“) und Dominic Oley. Die „Nebenrollen“ gewichtig besetzt mit David Bennent, Karl Fischer, Erni Mangold, Lars Rudolph und Anatole Taubman. Als schaurig-schöne nächtliche Kulissen dienten Schauplätze in Wien, Niederösterreich und Salzburg. Hinter der Kamera Bildgenie Martin Gschlacht. Eine Produktion von Novotny & Novotny und Hugo Film.

Interview mit David Ruehm:

„Der Vampir auf der Couch“ ist eine Vampirkomödie. Das Gruseln und das Lachen sind zwei elementare Charakteristika des Unterhaltungskinos. War Ihnen von Beginn an daran gelegen, beiden Komponenten gerecht zu werden?

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David Ruehm: Der Film hat ein bisschen was von beidem. Es ist weder ein aggressiver Vampirfilm noch eine schenkelklopfende Komödie, sondern eine sehr feine, zarte Komödie. Die Grundidee reicht in die Neunzigerjahre zurück. Ich sagte mir, Vampire müssen wohl ein Identitätsproblem haben, weil sie sich nicht sehen können. Jacques Lacan hat in den Dreißigerjahren die Spiegeltheorie aufgestellt, wonach der Mensch sich erst als Persönlichkeit wahrnimmt, wenn er sich im Spiegel erkennt. Mit dieser Theorie spiele ich auf humorvolle Art. Das Grundthema darunter ist das der Projektionen. Wer projiziert was in wen hinein? Was projiziert man in den Partner? Wie wünscht man sich den Partner? Wie sieht sich jemand, der sich nicht sehen kann?

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Protagonisten, die durch die Luft flattern, Horroreffekte und ähnliches ziehen auch die Frage der Machbarkeit nach sich. Wie sehr begleitet einen diese Frage durch den Schreibprozess?

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Ruehm: Natürlich schwingt immer die finanzielle Frage mit. Wir waren mit drei Millionen Euro ganz gut ausgestattet. Ein etwas höheres Budget hätte uns klarerweise einen größeren Rahmen geboten. Die Drehzeit war für so einen aufwendigen Film relativ knapp bemessen. Das Budget ist bei Effekten immer im Hinterkopf, aber natürlich will man auf sie nicht verzichten. In meinem Film spritzt das Blut ja nicht in großen Mengen, sondern wird eher für feine Effekte eingesetzt.

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War die Produktionsfirma dadurch bereits in der Drehbuchphase involviert?

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Ruehm: Die Novotny & Novotny Filmproduktion war sehr früh im Spiel, und Alex Glehr und Johanna Scherz haben eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben mir Robert Buchschwenter als dramaturgischen Berater zur Seite gestellt, mit dem ich sehr gut zusammengearbeitet habe. Wir alle haben das Buch immer wieder besprochen, umgekehrt war auch ich in die produktionstechnischen Fragen eingebunden.

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Auch wenn es kein brutaler Vampirfilm werden sollte, so spielte das Kreieren von Effekten gewiss eine Rolle: Wie sucht man nach ihnen? Wie baut man sie ein? Welche Grenze zieht man?

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Ruehm: Ich haben einen sehr eigenen Stil, was es mir in Österreich auch immer wieder schwierig gemacht hat, Filme zu realisieren. Sie sind genremäßig nicht einzuordnen. Ich denke, da kommt meine polnische Ader durch – ich bin ja als Kind in Polen aufgewachsen. Das ist in „Der Vampir auf der Couch“  so und auch in meinen anderen Spielfilmen, wie etwa in „Die Flucht“. Meine Gags sollen nicht nur Lacher erzeugen, sondern haben immer auch inhaltlich einen Sinn. Dem Helden passiert dadurch etwas Dramatisches, und es verändert ihn. Dass der Humor sehr subtil bleibt, ist mir ein großes Anliegen, ebenso wie ein eigenes Universum zu kreieren, in das der Zuschauer schön langsam hineingezogen wird. Ich habe eine künstliche Welt geschaffen und ganz bewusst die Statisten ausgespart. Auch wenn in den Straßen Wiens der Dreißigerjahre nachts nicht sehr viel los war, habe ich an einer bewussten Reduktion gearbeitet, die eine eigene Welt entstehen lässt, in der hauptsächlich die Protagonisten agieren.

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Mit welchen Quellen galt es, sich auseinanderzusetzen, um in die Epoche der Dreißigerjahre einzutauchen?

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Ruehm: Ich mag den Look der Dreißigerjahre sehr. Wenn man das Politische ausklammert, war es eine sehr schicke und schöne Zeit. Durch die Figur des Sigmund Freud konnte man das Geschehen auch nicht später ansiedeln. Wir haben bei der Ausstattung und den Kostümen sehr realistisch gearbeitet. Nur bei den Kostümen der Vampire habe ich mit der Kostümbildnerin Monika Buttinger beschlossen, dass wir uns eher eine Interpretation der Dreißigerjahre einfallen lassen und etwas Verrückteres machen. Der Film ist im Studio gedreht, und es war mir wichtig, dass die Studioatmosphäre erkennbar ist und der künstliche Aspekt dieser Welt sichtbar bleibt. Filme aus den Dreißigerjahren haben uns dabei sehr stark beeinflusst.

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Abgesehen vom optischen Stil der Dreißigerjahre spielten aber auch Dinge, wie der Emanzipationsprozess bei den Frauen, eine Rolle.

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Ruehm: Ja, absolut. In meinen Filmen sind die Frauenfiguren immer die stärkeren Charaktere. Die Männer haben entweder Angst oder Fantasien, die nichts mit der Realität zu tun haben. Die Gräfin ist eine sehr starke Person, ihre Stärke macht sie aber auch sehr einsam. Lucy ist am Beginn des Films die Gesündeste von allen. Sie ist mit sich und ihrem Aussehen zufrieden, endet allerdings am Schluss – „dank“ der Männer – mit einer Macke. Viktor ist in Ansätzen noch ein wenig pubertär und porträtiert seine Freundin nach seinen Vorstellungen, so, wie er sie gerne hätte. Der Graf und Vampir ist ein älterer Herr, der krampfhaft versucht, seine Jugendliebe wiederzubeleben – was natürlich schiefgeht und ihm am Ende den Verlust seiner Zähne und somit seiner Potenz beschert.

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„Wenn man einer Person alles verziehen hat, dann ist man mit ihr fertig“, so lautet das Motto, das zu Beginn des Films zu lesen ist. „Der Vampir auf der Couch“  tarnt sich als Genrefilm und erzählt letztlich von der Liebe oder besser gesagt von der Schwierigkeit, zueinanderzufinden oder über die Jahre hinweg den Zauber zu erhalten.

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Ruehm: Ganz genau. Dieses Zitat, das eingangs am Grabstein steht, ist ein Originalzitat von Sigmund Freud. Es sind sehr viele Dinge im Film sehr versteckt, die bewusst im Hintergrund gehalten werden. Niemand muss Freud oder Lacan gelesen haben, um sich unterhalten zu können. Wenn jemand will, kann er jedoch viele Zitate und versteckte Hinweise entdecken. Zum Beispiel die Schlaftabletten, die Freud nimmt, heißen „Träumwohl“ und sind 1900 abgelaufen. In diesem Jahr hat Freud seine Traumdeutung geschrieben. Mir hat vor allem das Spiel mit den Projektionen Spaß gemacht. Wer sieht wen wie, und wie verändert sich jemand, wenn etwas in ihn hineinprojiziert wird? Es gefällt mir, dass die Gräfin ernsthaft glaubt, Lucys Bildnis sei eigentlich ihr Porträt.

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Ein zweites Thema ist das Sehen. Was ist sichtbar – für einen selbst, für den anderen? Wie wird das Wesen des anderen sichtbar? Die Fähigkeit der Kunst, Dinge sichtbar zu machen, die sich der normalen Wahrnehmung entziehen …

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Ruehm: Was für mich im Vordergrund stand, war die Freude, mit den Figuren zu spielen, sie durcheinander zu mischen und zu schauen, was dabei herauskommt. In all meinen Filmen ist diese Kreisbewegung festzustellen – die Geschichte endet ähnlich, wie sie angefangen hat. Die Figuren haben zum Teil etwas dazugelernt, zum Teil aber auch gar nichts. Hier  ist es so, dass am Schluss alle eine Macke haben, aber so weitertun wie bisher.

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Der Maler im Film macht Dinge sichtbar, die andere nicht sehen können, er kann Fantasien eine konkrete Gestalt verleihen.

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Ruehm: Es handelt sich aber auch immer um seine Interpretation der Dinge. Ich mag den Moment sehr gerne, wenn er trotz seiner Begabung unfähig ist, die Gräfin zu malen – und stattdessen Lucy malt. Da werden so viele Ebenen sichtbar. Es zeigt, dass er doch für sie Gefühle hat, auch wenn er erneut sein Idealbild von ihr auf die Leinwand bringt. Die Gräfin, die sich nicht erkennen kann, hat etwas Unheimliches. Der Maler lernt auch etwas dazu, in dem Moment, wo sich am Ende die anfänglichen Dialoge zwischen ihm und Lucy umkehren und er Sätze zu ihr sagt, die sie am Anfang zu ihm gesagt hat. Es ist ein Zeichen, dass er sie nun so akzeptieren kann, wie sie ist und erscheinen will. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sie ja leider schon ihre Macke, er ist also etwas spät dran.

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Sigmund Freud ist ein „Mythos“, seine Interpretation muss auch dem Blick der Fachwelt standhalten. Mit Ihrer Figur des Sigmund Freud versuchen Sie Klischeevorstellungen zu brechen und werfen einen sehr ironisierten Blick auf die Eminenz der Psychoanalyse. Wie haben Sie Ihre Sigmund-Freud-Figur geschaffen?

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Ruehm: Ich habe sehr viel zu Sigmund Freud recherchiert und gelesen und mich auch mit einem Trick gerettet. Von dem Zeitpunkt an, wo er die abgelaufenen Tabletten nimmt und selbst glaubt, nun Visionen zu haben, hatte ich die Freiheit, mit der Figur zu machen, was ich wollte. Es hat mir großen Spaß gemacht, dass er von der „nicht ganz ausgereiften Vampirin“ gebissen wird und so zum Schluss teilweise sein Spiegelbild und damit seine Identität verliert, sich als Analytiker sein Spiegelbild nun immer wieder aufs Neue holen muss.

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Fürs Casting brauchten sie zwei Paare, die zueinander passen. Wie fanden Sie ihre vier Hauptdarsteller?

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Ruehm: Wir haben sehr lange gecastet. Die Einzige, die sofort feststand, war Cornelia Ivancan für die Rolle der Lucy, auch wenn es ihre erste Hauptrolle in einem Spielfilm war. Nicht so leicht war es dagegen, die Gräfin zu besetzen. Jeanette Hain war bald meine Favoritin, und ich finde, ihr gelingt es wunderbar, die Gefährlichkeit, die Einsamkeit und die Tragik ihrer Figur zu verkörpern. Hinter ihren Blicken tut sich ein ganzes Universum auf. Wir haben vor Drehbeginn viel geprobt und auch gemeinsam Filme angeschaut. Wir hatten ein Storyboard für jede Einstellung. Unsere „millimetergenaue Arbeit“, wie es Tobias Moretti nannte, hat uns viel Vergnügen bereitet. Er ist mit einem Humor und einer Tragik in der Rolle des Grafen zu sehen, die man an ihm so noch nie auf der Leinwand gesehen hat. Es geht ja auch darum, dass er am Ende seine Würde komplett verliert. Der Graf mit seiner jahrhundertealten Geschichte ist am Ende nur noch ein armes Würstchen, das sich an diese alte Liebe klammert und schließlich zusammenbricht.

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Besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt scheinen auch den Nebenfiguren zu gelten: der Nachbarin, dem Koch, dem Diener.

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Ruehm: Eine Kette ist bekanntlich nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Mir fällt auf, dass Filme oft nur im oberen Bereich stark besetzt sind, und dann fällt die Qualität in den kleinen Rollen schnell sehr stark ab – und man wird aus der Intensität des Films geworfen. Da wir einen relativ kleinen Cast hatten, wollte ich auch die kleineren Rollen hochkarätig besetzen – mit Lars Rudolph, Erni Mangold …

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Die Dreharbeiten sind insofern historisch, als es die letzten waren, die in den Studios am Wiener Rosenhügel stattgefunden haben. Welche Filmsequenzen wurden in den Studios gedreht?

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Ruehm: Traurig, dass es in Wien nun keine Filmstudios mehr gibt. Es hat großen Spaß gemacht, dort eine Welt zu kreieren. Wir haben mit sehr viel Akribie das Atelier des Malers – sowohl von innen als auch von außen – aufgebaut. Darüber hinaus drehten wir dort noch die Szenen in den Räumen bei Freud, den Brunnen, die Innenaufnahmen im Auto, und wir machten dort alle Bluescreen-Shots für die Flugaufnahmen.

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Wo wurde das alte Haus gefunden?

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Ruehm: Im Zuge der Vorbereitungen bin ich wohl zum Schlossexperten geworden … Wir haben lange gesucht und schließlich dieses besondere Schloss in Wolfsthal bei Hainburg gefunden. Den Speisesaal haben wir in einen komplett leeren Raum im Schloss hineingebaut. Die aufwendige Vorbereitung hat sich als extrem wichtig erwiesen, weil wir es sonst nicht geschafft hätten, innerhalb von 32 Tagen den gesamten Dreh abzuwickeln. Wir haben dort nur in der Nacht gedreht. Wenn wir nach dem Dreh ins Hotel kamen und die Gäste sich dort zum Frühstück setzten, haben wir unser Drehschluss-Bier getrunken. Im Anschluss haben wir mit einem Tag Pause auf Tag-Dreh gewechselt. In den letzten Drehtagen hatten wir entsprechend so etwas wie einen Jetlag.

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Mit dem Dreh war’s noch lange nicht getan; wie hat sich die Postproduktion gestaltet? Was musste alles durch computergenerierte Bilder dargestellt werden?

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Ruehm: Das war in der Tat noch einmal eine sehr intensive Arbeitsphase, weil wir bei den Effekten genauso präzise arbeiten wollten. Da waren nicht nur die Bluescreen-Aufnahmen, wo man Hintergründe im Stil der Dreißigerjahre einfügen musste, sondern viele andere – wie die Augen der Gräfin, die schwarz werden, eine Stechmücke, die jemanden beißt, Holzpflöcke, die durch Körper getrieben werden, Vampire, die zu Staub zerfallen und so weiter. Teilweise hatten wir auch SFX-Effekte, die vor Ort am Set gedreht wurden, zum Beispiel wenn Blut aus einem herausgerissenen pumpenden Herzen spritzt oder wenn Blutspritzer auf einen pinkelnden Burschenschafter treffen. Da hatten wir drei Kostüme, also auch nur drei Gelegenheiten, es in den Kasten zu kriegen. Wenn es bis zum dritten Mal nicht geklappt hätte, wäre es vorbei gewesen. Wenn Lucy mit Viktor auf der Straße geht und plötzlich neben ihm in die Luft aufsteigt – das haben wir mit diffizilen Seilverspannungen am Originalschauplatz im ersten Bezirk gedreht. Es war für mich ein spannender Lernprozess. Mein großer Vorteil war, dass ich viel Erfahrung mit aufwendigen Einstellungen in der Werbung gesammelt habe. Die war eine gute Schule für diesen Film.

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Worin liegt für Sie als Filmemacher der Reiz beim Erschaffen dieser fantastischen Welten?

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Ruehm: Das bin ganz einfach ich. Wenn ich zu schreiben beginne, komme ich automatisch in eine ganz eigene Welt hinein, egal, mit welchem Stoff ich mich auseinandersetze. Ich bin ein großer Fan von Filmen von Buñuel oder Polanski, die auch in diese Richtung gehen. Wenn ich versuche, einen ernsten Film zu schreiben, kommt beim Schreiben unweigerlich Humor dazu. Das passiert ganz von selbst. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, weil es dann eben nicht mehr so einordenbar ist. Ein eigener Stil macht einen angreifbarer.

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http://kino.novotnyfilm.at/filme/0320-der-vampir-auf-der-couch

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=QDYXIIDbAQM

Wien, 17. 12. 2014