Sommernachtskomödie Rosenburg: Kalender Girls

Juli 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sexy, ein bissl sarkastisch und sehr symphatisch

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erni Mangold rockt die Rosenburg. Wie sie da steht, die schlanke Silhouette und das lange blonde Haar, und erklärt, man könne dem Alter ein Schnippchen schlagen, indem man’s einfach nicht zur Kenntnis nimmt, hat sie die Herzen des Publikums auf ihrer Seite. Und mit ihrem typischen Charme und ein bissl Sarkasmus auch dessen Lacher. Für sie, die ganz Große, ist dieses Engagement fast ein Heimspiel, sie wohnt nicht weit weg im Kamptal, und mit ihr sind fünf weitere umwerfende Schauspielerinnen die „Kalender Girls“.

Marcus Ganser hat das Stück von Tom Firth, das durch die Verfilmung mit Hellen Mirren 2003 zu Weltruhm kam, für die Sommernachtskomödie Rosenburg von Intendantin Nina Blum inszeniert. Er hat mit seiner vorzüglichen Textfassung Großbritannien ins Waldviertel übersiedelt, die pensionierte Lehrerin, die ehemalige Rockröhre, die viel zu brave Hausfrau und die Golflady, nun langweilt man sich auf dem Lande beim Lions Club, hat die Hadersdorfer Konkurrenz immer hart im Blick und versucht sich, heißt: scheitert am Backen von Lebzelten mit Graumohnmasse. Die Provinz lebt und sie nimmt sich selbst aufs Korn. Dies gern in flüssiger Form, damit die Damen beim Diavortrag ihrer großen Vorsitzenden, „Eine Reise in die Welt des Broccoli“, von James Bond träumen können statt über Kreuzblütengewächse diskutieren zu müssen …

So weit die Komödie. Doch in den luftig-leichten „Kalender Girls“ steckt mehr. Und Ganser versteht es meisterhaft mit diesen leisen, nachdenklichen Tönen den Klamauk zu brechen. Was keine kleine Kunst ist. Die Geschichte ist nämlich eine wahre, der Mann einer der Protagonistinnen erkrankt an Leukämie und stirbt auch daran, und sie will ihm zu Ehren den Aufenthaltsraum für die Angehörigen im Krankenhaus etwas angenehmer gestalten. Ein neues Sofa soll gekauft werden, finanziert durch Spenden, die man durch einen selbst produzierten Kalender einnehmen will. Als Sujets sie und ihre Mitstreiterinnen – nackt. Was freilich für Konflikte sorgen muss, die eine will eigentlich gar nicht, die andere für sich zu viel. „Kalender Girls“ ist ein Plädoyer auf den Wert von Freundschaft und für den Mut, sich mehr zuzutrauen. Jede Frau ist schön, so die Botschaft, und Ganser sagt dazu, dass man sie das auch immer wieder von Neuem wissen lassen muss. Was im Publikum heftig akklamiert wurde, die Herren von so viel Frauenpower sowieso hin und weg.

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Darstellerinnen schonen sich nicht. Sie sind die subversive Sektion des Charity-Vereins. Geheimnisse werden gelüftet, Tabus fallen, kein Strickknäuel und kein Einweckglas, das nicht gezeigt wird. Nicht umsonst heißt das dazu passende Wort Mutterwitz. Mit der Mangold brillieren Hemma Clementi als tatenkräftige Chris, Konstanze Breitebner als upperclassige, dem Hochprozentigen zugetane Selina und Susanne Brandt als Mauerblümchen Ruth. Und so wie klar ist, dass die sich emanzipieren und ihren untreuen Mann in die Wüste schicken wird, versteht es sich auch, dass Elisabeth Engstler als Caro am Klavier singen und jammen wird, dass es eine Freude ist. Bettina Soriat und Marcus‘ Mama Margot Ganser-Skofic gestalten die Gegenspielerinnen, zweitere die vürnehme Vereinsvorsitzende als Kabinettstückchen und ergo, dies als Scherz gemeint, fast als Konkurrenz zu Erni Mangold.

Und während all die desperaten Hausfrauen noch nicht wissen, dass sie demnächst Pin-ups sein werden, sind da zwei als Liebespaar zu sehen, das die Grenzen von den Lachtränen zu ihren traurigen Geschwistern verschwimmen lässt: Babett Arens als Annie und Erwin Ebenbauer als ihr Jo sind in ihrem Abschied von einander so anrührend, dass es weh tut. Im allgemeinen oben ohne geht Ebenbauer sogar den gewagtesten Schritt, der ehemalige Volkstheaterstar hat seine Haarpracht für eine Krebsglatze geopfert. Zum ersten Mal in seiner langjährigen Laufbahn spielt er kahl. Martin Oberhauser als Krankenpfleger und Fotograf, der nervöser als seine Models ist, komplettiert den fabelhaften Cast.

„Kalender Girls“ entpuppt sich so als perfekte Sommerkomödie für Herz und Hirn. Marcus Ganser beweist, dass britischer Galgenhumor à la Kamptal funktioniert, und dass gelungene Unterhaltung immer auch mit Haltung zu tun hat. In diesem Sinne haben die Rosenburg-Girls einen Kalender für den guten Zweck anfertigen lassen, der in der Premierenpause schon wie frische Rosinenschnecken weg ging.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 1. 7. 2016

Sommernachtskomödie Rosenburg: „Kalender Girls“

April 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die britischen Ladys legen nun im Waldviertel ab

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Mittwochvormittag präsentierte Intendantin Nina Blum ihre Pläne für die Sommernachtskomödie Rosenburg. Auch im zweiten Jahr ihrer Leitung setzt sie auf Welttheaterkomödien: Nach Woody Allens „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ im Vorjahr stehen heuer Tim Firths „Kalender Girls“ auf dem Spielplan. Premiere ist am 30. Juni.

Bekannt ist das Stück vor allem durch die Verfilmung mit Helen Mirren und Julie Walters aus dem Jahr 2003. „Doch“, so Blum, „die Theaterfassung ist ziemlich anders“. Nicht zuletzt deshalb, weil Regisseur Marcus Ganser die Handlung ins Waldviertel verlegt hat. Blum: „Die ‚Kalender Girls‘ sind nun Damen des Horner Lions Club, denen das Mohnstrudelwettbacken für ihren Zweck nicht mehr ausreichend erscheint.“ Dieser Zweck ist ein guter und hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Ein britischer Freundinnenkreis beschloss, Geld für eine Krebsstation zu sammeln, nachdem der Ehemann einer der Protagonistinnen an Leukämie erkrankt war und sie die Krankenhaustristesse für die Patienten ein wenig angenehmer gestalten wollte. Doch Wohltätigkeitsbasare und Selbstgebasteltes bringen nicht genug Spenden ein und so beschließen die Frauen einen Benefizkalender zu gestalten. Und zwar statt der üblichen Tier- und Landschaftsfotos mit sich selber als Motiv. Nackt. Versteht sich, dass das Projekt Pin-up für jede Menge Aufsehen sorgt …

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Auf der Rosenburg tritt eine illustre Darstellerinnenriege zwischen 46 und 89 Jahren zum erotischen Fotoshooting an, allen voran die wunderbare Erni Mangold, die als Wahl-Waldviertlerin auch noch Heimvorteil genießt. Mit ihr stehen Babett Arens, Hemma Clementi, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Elisabeth Engstler auf der Bühne.

Die ORF-Moderatorin feiert in der Rolle der ehemaligen Rocksängern Caro ihr Bühnencomeback. Dafür lernt sie seit zwei Monaten sogar Klavierspielen, „bei einem jungen, feschen Klavierlehrer“, lacht Engstler, die in diesem Zusammenhang auch erzählt, wie das mit dem Ausziehen daheim ankam: „Meine Tochter hat gesagt, halt‘ dir die großen Klaviernoten vor, sonst wird’s peinlich.“

Bettina Soriat spielt eine erbitterte Gegnerin des Kalenders, Marcus Gansers Mutter, Margot Ganser-Skofic, die Vorsitzende des Lions Club. Als Quotenmänner beziehungsweise Hähne im Korb komplettieren Martin Oberhauser als Fotograf und Erwin Ebenbauer das Ensemble. Auch Ebenbauers Figur, der krebskranke Ehemann, wird im Waldviertel eingemeindet, er ist ein Forstbeamter des Nationalparks Thayatal. Den Volkstheaterstar aus der Ära Schottenberg erwartet bei der Sommernachtskomödie eine persönliche Premiere. Er wird wohl seine Haarpracht opfern. „Zum ersten Mal in 40 Bühnenjahren!“ Die Herren Martin Burböck und Oliver Podesser von der steirischen Band „Landluft“ werden für „verjazzte Volksmusik“ sorgen.

Regisseur Ganser hat die Komödie nicht nur mit Pointen aus der englischen Originalfassung aufgepeppt, er ist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Auf der von acht Zuschauertribünen umringten 360°-Bühne will er einen Zen-Garten gestalten, „als Symbol für Vergehen und Neuwachsen.“ Ansonsten zeigt er sich furchtlos angesichts der geballten Frauendynamik: „Ich habe schon öfter Inszenierungen mit vielen Kolleginnen gemacht, wenn ich da was nicht verstehe, gehe ich einfach heim – und frage meine Frau.“

Mit den „Kalender Girls“ wird natürlich ein Kalender produziert. Der Erlös geht an ein Frauenprojekt der Krebshilfe.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 13. 4. 2016

Erni Mangold: Großer Diagonale-Schauspielpreis 2016

Februar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „alte Indianerin“ nimmt den Preis in Graz entgegen

Erni Mangold Bild: mottingers-meinung.at

Erni Mangold
Bild: mottingers-meinung.at

Die Diagonale ehrt Erni Mangold mit dem Großen Schauspielpreis 2016. Die 89-jährige Ausnahmekünstlerin wird das von Anna Paul gestaltete Kunstwerk bei der Festivaleröffnung am 8. März in der Grazer Helmut-List-Halle persönlich entgegennehmen.

„Ich bin wie eine alte Indianerin oder ein Zirkuspferd: Stürz’ mich auf eine Rolle und schau, dass ich’s derpack“, erklärte Erni Mangold einmal in einem Interview. Die Wahlwaldviertlerin mit Hang zur ungeschönten Ehrlichkeit und trockenem Humor zählt zu den markantesten Charakterdarstellern unserer Zeit. Als wandlungsfähige Spezialistin für skurrile und bisweilen eigenwillige Kunstfiguren wirkte sie in bis dato mehr als 80 Fernseh- und Kinofilmen sowie unzähligen Theaterproduktionen mit.

Erste filmschauspielerische Schritte machte Mangold, hauptberuflich stets Bühnendarstellerin, 1948 an der Seite von Paula Wessely und Attila Hörbiger in „Der Engel mit der Posaune“. Mit „Der Förster vom Silberwald“ spielte sie ausnahmsweise einmal auch in einem klassischen Heimatfilm mit. „Ich fand diese 1950er-Filme ja grauenhaft. Mir standen keine Dirndln, darum hat man mich ohnehin nicht in solchen Filmen beschäftigt. Ich war sehr froh darüber“, sagt sie. Zwischen 1965 und 1972 folgten Engagements in Deutschland und der Schweiz: „In Deutschland habe ich in den Filmen immer die Frau gespielt, die der Ehefrau den Mann ausspannt“, erzählt Mangold süffisant über diese Zeit.

In Kontakt mit dem Hollywood-Kino kam Mangold schließlich mit ihrer Rolle als Handleserin in Richard Linklaters „Before Sunrise“, 1995, mit Ethan Hawke und Julie Delpy. Darauf folgte 2011 das international ausgezeichnete Drama „Anfang 80“ von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, in dem Mangold die verlassene Ehefrau einer der Hauptfiguren verkörperte. Drei Jahre später schließlich: die viel umjubelte Darbietung in „Der letzte Tanz“ von Houchang Allahyari, für die sie mit dem Diagonale-Schauspielpreis ausgezeichnet wurde. Die Jury damals: „Das ist hohe Schauspielkunst, berührende Menschlichkeit, definitiv ein starker Auftritt und eine große, vielleicht bleibende Szene der österreichischen Filmkultur.“

Zuletzt brillierte Erni Mangold auf dem niederösterreichischen Thalhof und im Wiener Metro Kinokulturhaus in der Kinobühnenschau „La Pasada“ von Anna Maria Krassnigg, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16119. In der Produktion des Salon5 ist sie in einer ihrer Paraderollen zu sehen; als ewigjunges Mädchen mit schelmischem Augenzwinkern erzählt sie von Lust und Leid eines ganzen Menschenlebens.

www.diagonale.at

Wien, 11. 2. 201

Salon5 im Metro Kinokulturhaus: La Pasada

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinobühnenschau über den Sturm, der sich Leben nennt

Erni Mangold und Flavio Schily Bild: Christoph Hochenbichler

Erni Mangold und Flavio Schily
Bild: Christoph Hochenbichler

Das Metro Kinokulturhaus atmet. Ein riesiger rotplüschiger Organismus, dessen Brustkorb sich senkt und hebt. Ausatmen – Vergangenheit, einatmen – Zukunft. Anna Polonis Text atmet mit, Stück und Aufführungsort als Zweitaktseele, Leinwand und Bühne ebenso. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat ihre Inszenierung von „La Pasada – Die Überfahrt“ vom Reichenauer Thalhof, ihrer frisch gedrechselten Wortwiege an der Rax, nach Wien gebracht. Hat es sorgsam eingehüllt, dieses Kleinod aus Spitzentuch und Seelenqual, und an der richtigen Stelle wieder enthüllt. Finster im Saal. Die Kinobühnenschau läuft. Bewegende Bilder. Auf der Leinwand eine Totenfeier, eine Banda spielt einen Trauermarsch; auf der Bühne eine Totenwache, die Verstorbene als Memento mori aufgebahrt, um sie Menschen versammelt. Ein Sturm hat sie hierher geweht. Ein Sturm, der sich Leben nennt.

Die Poetik der Bilder korrespondiert mit der Sprache des Dramas. Anna Poloni hat ein Spiel um Zeit und Raum geschrieben. Zeit vergeht, wird verspielt, will festgehalten werden und wird vergeudet. Lust- und leidvoll. Raum ist, wo das Meer die Menschen anspült, wo Berge einen festhalten. Zeit und Raum sind die Geliebten, die einen wie der Blitz spalten. Die Liebe ist lust- und leidvoll. In einer Lebensgeschichte verbirgt sich ein Familiengeheimnis, das Poloni Satz für Satz aufdeckt. Wie im Memory, das auf der Leinwand gespielt wird. „Vergangenheit – Möglichkeit, ich verwechsle das immer“, sagt eine Figur auf der Bühne. Dies gleichsam das Motto des Abends.

Erzählt wird von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar diese letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Pospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt. „Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf die, die nicht auftreten wird.

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Noch agiert dieser prägnante Schauspieler hauptberuflich als Schüler an einem Wiener Gymnasium, aber bald! Schily changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön. In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film in den Saal überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“, auf der Bühne, als auch Ari, Floras Liebhaber im Film, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, vollbärtiger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist. „Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze im Stück, sondern verweist auch auf dessen Dreisprachigkeit – Deutsch, Englisch, Spanisch. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die dem Publikum, das sie einmal in direkter Anrede anklagt, das happy end verwehrt. Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos.

Anna Maria Krassnigg hat mit diesem enigmatischen Stück, dessen Auflösung an dieser Stelle verweigert wird, die große Kunst der Kinobühnenschau auf beeindruckende Weise erneuert. Zwar ist das Metro nicht jener magische Ort zwischen mar y montana, den man in den Zuspielungen erkennt, doch bleibt er als Parfüm, unterstützt durch das Bühnenbild von Lydia Hofmann und die subtil eingesetzte Musik von Christian Mair. Im Gesamten kreiert sich hier aus der literarischen Sehnsucht des weiten Landes Floras „kaltes Land“. Auch das Metro kann Melancholie. Und wie. Das Metro atmet … dem Publikum stockt vor dem Applaus der Atem kurz. Der Kopf muss erst zurückkommen, von den vielen zur Verwirrung ausgelegten Fährten. Dann Bravo und Blumen. Als Spielfilm ist „La Pasada“ ab dem Frühjahr 2016 in den heimischen Kinos zu sehen. Der von Anna Maria Krassnigg und Christian Mair produzierte Film wird maßgeblich durch Crowd-Funding finanziert. Man darf gespannt sein.

Trailer: vimeo.com/144214612

salon5.at

Wien, 18. 11. 2015

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015