Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

TheaterArche: Mauer

November 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zähne zusammenbeißen bis sie zerbröseln

Ivana Veznikova, Bernhardt Jammernegg, Pegah Ghafari, Manami Okazaki, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak, Nagy Vilmos, Tom Jost und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

Wo sie gewesen seien, als …? darüber berichten die Darsteller im Programmheft: von ihrem ersten Trip in den „Westen“, der ihnen so viel farbenprächtiger vorkam, als das triste Polen, von Freuden-, heißt: Freiheitstränen, vom Überwechseln aus Ungarn nach Wien – als Kind noch, mit der Mutter, Jacek Kaczmarskis Lied „Mury“ findet sich darin, und Gedanken über Barrieren, die Sprache, Seelenregung, oder ein scheint’s banales Straßen- hindernis sein können …

Anlässlich 30 Jahre Mauerfall zeigt Jakub Kavin in der TheaterArche seine Textcollage „Mauer“. Der Regisseur und Schauspieler ist selbst hinter einer solchen, genauer: hinter dem Eisernen Vorhang, geboren. Seine Eltern Nika Brettschneider und Ludvík Kavín waren Unterzeichner der Charta 77, der Sohn erzählt im Laufe der Aufführung noch davon. Wie er als Zweijähriger, da nun Staatsfeind, von der Staatspolizei aus dem Kindergarten geholt wurde, und wie die Familie das von Bruno Kreisky angebotene politische Asyl annahm.

„Mauer“, das sind Szenen aus dem Stück von Thyl Hanscho, erweitert um persönliche Erfahrungen. Gefängniswärter, Grenzsoldaten, Geflohene sind allgegenwärtig, wenn Kavin aus dem Off Václav Havel spricht, oder Bernhardt Jammernegg auf der Spielfläche Jürgen Fuchs, den nach West-Berlin abgeschobenen Schriftsteller, der die „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi mit dem Begriff „Auschwitz in den Seelen“ benannte. Uwe Tellkamp kommt zu Wort, Katja Lange-Müller, Antje Rávik Strubel, Robert Menasse. Elf Akteure, mit Kavin und Jammernegg Pegah Ghafari, Eszter Hollosi, Tom Jost, Nagy Vilmos, Manami Okazaki, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak, Christina Schmidl und Ivana Veznikova gestalten den Abend.

„Grenzsoldat“ Tom Jost und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

Tai Chi mit Manami Okazaki und Pegah Ghafari. Bild: Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

In ihren Muttersprachen Deutsch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Farsi und Japanisch führen sie das Publikum durch die Vaterländer. Von Deutsch- und Deutschland bis nach den USA und Mexiko. Der „Arm des Gesetzes“ tritt auf und trifft, passend zur Jahreszeit, auf ein Ehepaar, die Frau hochschwanger, das erwartete Flüchtlingskind von Kavin allerdings mit dem Namen „Viktor“ versehen. „Kollektive Forschungsarbeit“ sagt das TheaterArche-Team über dies Projekt, mit dem es auf eindrucksvoll kreative Art eine Vielzahl von Lebens- und Leidensgeschichten verknüpft, ohne je in das Pathos zu entgleiten, und durchs diverse Ensemble auf die Erfahrungsverwandtschaft der Einzelschicksale verweisend.

Von Verwahrungszellen geht’s in innere Sperrgebiete, Intellektuelle werden Inhaftierte, Gewalt hinter verschlossenen Türen ist zu hören, Geräusche von Vernehmungen, und wenn Tom Jost mit dem Schlagstock im Takt klopft, dann weiß man, wo das Unheil lauert. Beobachtung, so eine Figur, als Mauerforscher und Mauertheoretiker wild diskutieren, ist immer Mitschuld. Und apropos, wild: So wird auch getanzt, Tai Chi steigert sich zum Kung Fu, zum Kampf zwischen dem Staat und denen, die in ihm untergebracht sind. Das alles unterstützt von Jost am Schlagzeug, Suwiczak mit der E-Gitarre und Jammernegg, der ein selbstverfasstes, von Wolf Biermanns „In China hinter der Mauer“ inspiriertes Lied singt.

Die Mauer und die, die  hinter ihr leben müssen: Ivana Veznikova, Eszter Hollosi, Nagy Vilmos und Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Bemerkenswert, bedrückend, beklemmend auch, ist die so entstehende Polyphonie. Die Rede kommt auf Gefahr und Gericht, den „Gegenstand“ Mensch und Massengräber in der Grenzregion. Nach dem Sterben in der Wüste wird das Licht meeresblau – man versteht, hier suchen andere in den Fängen von Schleppern Gestrandete das rettende Festland. Bis zu fünf Rollen hat jeder Spieler zu bewälti- gen, und sie tun das einpräg- sam und zu Jakub Kavins und Ausstatterin Erika Farinas effektvoll-abstrakten Bildern.

Die Absurditäten staatlicher Abschottung werden bloßgestellt, und Repressionen an den Pranger, albtraumhaft ein Moment, an dem davon gesprochen wird, wie Gefangene die Zähne zusammenbeißen. Bis zum Zerspringen. Bis sie zerbröseln. Diese „Mauer“ kann Horizonte öffnen. Die TheaterArche, dieses Jahr Nestroy-Preis-Nominee für „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) und nach wie vor ohne Subvention agierend, empfiehlt sich auch mit der aktuellen Produktion. Zu sehen noch bis 3. Dezember.

www.theaterarche.at

  1. 11. 2019

Planet Ottakring

August 11, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsatire aus dem Sechzehnten

Michael Steinocher, Lukas Resetarits Bild: © Luna Filmverleih

Michael Steinocher, Lukas Resetarits
Bild: © Luna Filmverleih

Am 14. August startet „Planet Ottakring“, das Kinodebüt von „Cop Stories“- und „Schnell ermittelt“-Regisseur Michi Riebl. Der sympathische Filmemacher, selbst ein Kind aus dem 16. Hieb – „meine Kindheit hat sich zwischen Ottakringer Friedhof und Brunnenmarkt abgespielt“ -, hat dafür eine illustre Schar von Schauspielern versammelt: Michael Steinocher, als Kiberer bereits Ottakring-erfahren und derzeit in Sachen „Cop Stories“ wieder sehr intensiv im Einsatz, spielt Sammy, einen sympathischen Slacker und Amateurganoven, der nach dem Tod von Disko, dem alten Paten von Ottakring, dessen letzten Willen erfüllen muss: Schutzgelder einheben, kriminelle Unternehmungen finanzieren, Probleme lösen, den Überblick behalten … Nur: Sammy ist kein begnadeter Mafioso. Berlinerin Valerie (Cornelia Gröschel), Wirtschaftsstudentin einer deutschen Elite-Universität, möchte eine Arbeit über „die Schattenwirtschaft im europäischen Subproletariat“ schreiben. Sie reist nach Ottakring, um vor Ort in einer Kreditvermittlung ihr theoretisches Wissen in praktisches zu transformieren. Dem ansässigen Kredithai, Frau Jahn, steht allerdings der Sinn nach Höherem und nach mehr. Viel mehr. Die großartige Susi Stach gibt die habgierige Geldverleiherin, die an Diskos kleines schwarzes Büchl kommen will, nicht ahnend, dass es bei Sammy ist. Der holt sich bei Querdenker-Opa Lukas Resetarits  – „alle Geldmittel sind illegal“ – die letzten Ezzes für eine gerechtere Welt und zieht mit Valerie in den Kampf gegen das Kapital.

„Ursprünglich war Ottakring ja ein Arbeiterbezirk, heute ist es ein hipper Bezirk und gleichzeitig, noch mehr als damals, ein Einwandererbezirk. Mein Ottakring im Film ist natürlich ein poetischer Blick darauf“, sagt Michi Riebl auf die Frage nach den eigenen Gesetzen, die offenbar rund um den Yppenplatz herrschen. Wichtig war ihm, die Gegensätze, die sich dort anziehen, darzustellen: „Dass einer Shit verkaufen kann und trotzdem ein klasser Kerl ist. Dass man ein Kaffeehaus besitzen kann und trotzdem kein Geld hat. Dass man einen Mercedes fährt und trotzdem nicht mal den Tank zahlen kann. Diese Kontraste – das ist nicht schwarz-weiß, das ist charmant“. Eine „sozialromantische Gaunerkomödie“ nennt Drehbuchautor Mike Majzen sein Script. Das Märchenhafte der Handlung gab Riebl die Gelegenheit, manche Figuren langer than life zu gestalten: „Gerade bei den bösen Figuren habe ich mich entschieden, sie saftiger zu präsentieren, auch das comichafte zuzulassen. Wir nehmen die Jahn (sehr schön Pulp Fiction: ihr Bondager im Terrarium!) genauso ernst wie Sammy oder Valerie, aber sie durfte ein bisschen mehr Farbe haben.“

Der Mix aus erdig und grell steht Ottakring gut. Mit viel Gspür für sein altes Grätzl hat Riebl eine Satire über Macht und Ohnmacht des Geldes inszeniert, die Kult-Potential hat. Dass die Komödie zur Krise funktioniert, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Michi Steinocher ist wieder ganz Harte-Schale-weicher-Kern, seinem goscherten Schmäh ist einfach nicht zu widerstehen. Die liebevoll gezeichneten Nebencharktere füllen Sebastian Wendelin, Serkan Kaya, Sandra Cervik, Maddalena Hirschal und Erika Deutinger mit Leben.

planetottakring.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KVIOMfGXwtA

Wien, 11. 8. 2015

Volkstheater: Woyzeck

Dezember 20, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas Richtung Vernichtung

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper Bild: © Lalo Jodlbauer

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Der Buttinger ist ein Viech. Geschunden, gehetzt, gedemütigt; einer, der leicht zu verletzen ist in seinem Käfig. In diesem Sinne ein Viech. Einer, der anrührt – und da, plötzlich, die Bestie in sich bloßlegt. Ein Viech eben. Haymon Maria Buttinger ist der „Woyzeck“ am Volkstheater. Ein Ausnahmeschauspieler. Keiner Regel unterworfen, außer der simpel verzwickten zu sein. Michael Schottenberg inszenierte ihn und um ihn das Fragment von Büchners Fragment, nämlich die Fassung von Robert Wilson, Wolfgang Wiens und Tom Waits. Letzterer schuf dafür Songs wie „Misery Is the River of the World“ www.youtube.com/watch?v=UDjEDmgytOA , „Everything Goes to Hell“ www.youtube.com/watch?v=1V-sKVGDEiU, „Lullaby“ www.youtube.com/watch?v=TzVN7gjXXOU oder „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=3mOS1msOfT8 (alle auf dem Blood-Money-Album, 2002). Am Volkstheater findet die wundersame Waits-Vermehrung statt. Unterstützt von Imre Lichtenberger-Bozokis Band und Beatboxerin Sara „Herzschlag“ Siedlecka rauzt, röhrt, röchelt, reibeist sich das Ensemble durch die Musik, dass es eine Freude ist. Und die Stimmung rockkonzertmäßig. Am Volkstheater sind sie immer am besten, wenn sie stromaufwärts schwimmen. Das Publikum jubelt.

Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell zu unterstützen versucht, arbeitet als Bursche für seinen Hauptmann. Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold, den er restlos an Marie abgibt, zu sichern, lässt er sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen (Buttinger ließ sich als äußeres Zeichen für die Mangelernährung büschelweise die Haare ausrasieren). Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus, sie quälen ihn in aller Öffentlichkeit. Als Marie heimlich eine Affäre mit einem Tambourmajor beginnt und Woyzecks aufkeimender Verdacht sich bestätigt, glaubt er, innere Stimmen zu hören, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer, führt Marie auf einem abendlichen Spaziergang in den nahegelegenen Wald und ersticht sie dort am Ufer eines Sees … Das Bühnenbild von Hans Kudlich, die Kostüme von Erika Navas, das Spiel unter Schottenbergs Anleitung haben weniger mit Stadt, Land, Kasernenhof zu tun. Sie erinnern an Peter Brooks 1967er-Arbeit über Peter Weiss‘ „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Ein Schlammschlachthaus ist auf die Bühne gestellt, grauslicher Gatsch, in dem sich die dreckigspitalsweiß gewandete Menschheit suhlt. Das Leben besteht aus Blut und Scheiße. Und wenn Woyzeck in den Himmel kommt, wird er dort nicht fürs Donnern, sondern für die Regentränen zuständig sein. Thauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten … Hier endet’s mit Feuer. Und beginnt mit Darstellern, die wie Marionetten vom Schnürboden herabgelassen werden. Der Bad-Hair-Day ist Programm und gäbe es Geruchstheater würde es brunzeln. Bühnen- und Unterbühnenturnen ist angesagt, Tempo alles. Stürmen, wenn’s einen drängt. Denn wenn schon, denn schon: Mit Vollgas Richtung Vernichtung.

So verkündet es auch Thomas Bauer als nosferatuhafter Ausrufer. Er spricht anfangs Passagen aus Büchners Schrift „Der Hessische Landbote“, ein Appell ans Publikum: „Die Herren sitzen in Fräcken beisammen und das Volk steht gebückt vor ihnen“ … Thomas Kamper gibt den alles Schnelle fürchtenden Hauptmann, „Doctor“ Ronald Kuste agiert wie auf Speed. Unter lauter Irren umzingelt ihn der Wahnsinn am Wahrhaftigsten. Er holt sich dafür Szenenapplaus ab. Tany Gabriel ist ein sexy Stromgitarrengott Andres, tätowiert und unfrisiert, dessen Warnungen naturgemäß in den Wind geschlagen werden. Christoph F. Krutzler verfolgt als Tambourmajor seine sinistren Pläne mit behäbiger Beharrlichkeit. Groß = mächtig = brutal. Matthias Mamedof mit seinem hinreißenden Sopran ist der Narr Karl, ein gespenstischer Alien-Albino mit weißem Schlotterhaar, farblosen Augen, Windel – und gleichzeitig auch Alter Ego von Maries und Woyzecks Sohn. Verloren, verlassen, wird er die Reise zu Sternen antreten, die ihm nicht leuchten. Next Generation No Future. Soundmachine Susa Meyer spielt eine in jeder Spielart des Wortes geile Nachbarin Margreth. Was kann diese Frau singen! Und Hanna Binder! Wie sie „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=Ntanv10we4M#t=0 interpretiert. Only strangers sleep in my bed. Marie, meist eine dralle, dummdreiste Dirne, wird bei ihr zum fragilen Vergewaltigungsopfer. Irgendwie verwirrt, irgendwie auf Droge, taumelt sie durchs Geschehen und mit offenem Herzen ins Messer. Ein Opfertier. Wie ihr Viech Woyzeck, der Buttinger, an dem sich die Zeit ihre Zähne angenagt hat. Er ist der König dieser Kummergesellschaft. Schont sich nicht,verprügelt sich, so es die anderen nicht tun, selbst. Mit einer Stuhllehne. Kaum zum Aushalten. Und deshalb brillant. Nie wurde eine Marie liebevoller zu Tode gebracht. Am Ende eine Umarmung. Aber eine mit scharfer Klinge. If there’s one thing you can say about Mankind, there’s nothing kind about man.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/volkstheater-direktor-michael-schottenberg/ im Gespräch mit Woyzeck-Darsteller Haymon Maria Buttinger

Wien, 20. 12. 2013